Was leisten Kleinkaliberpatronen?

Kleinkaliberpatronen

Die getesteten Kleinkaliberpatronen, von links nach rechts: Eley Standard, Remington Standard, RWS Match, RWS High Velocity (HP), Winchester Super (HP), CCI Stinger (HP), Remington Yellow Jacket (HP), Winchester Xpediter (HP)

Von Marcel Geering, aus Heft 10-1984 des „Schweizer Waffen-Magazins“.

Bei der Bezeichnung von 22er Randfeuerpatronen herrscht einige Verwirrung. Im schweizerischen Sprachgebrauch werden Kleinkaliberpatronen im allgemeinen als „Flobertpatronen“ bezeichnet. Das ist aber falsch. Daher zuerst ein paar kurze Anmerkungen zur Geschichte der Kleinkaliberpatronen.

Erfinder der KK-Patronen ist ein Franzose, Nicholas Flobert (1819 – 1894), der 1845 eine 6-mm-Randfeuerpatrone mit Rundkugelgeschoss patentieren ließ. Diese Patrone wurde in der Folge in kleinen Pistolen und Gewehren, hauptsächlich in Schießbuden, verwendet. Sie wird heute noch gefertigt unter der Bezeichnung Flobert-Rundkugelpatrone.

Durch Verlängerung der Hülse und Beifügung einer Treibladung wurde aus der Flobert-Patrone die Patrone .22 short, welche u. a. im S&W-Revolver Mod. I (1857) Verwendung fand.

.22 long rifle

Um 1888 kam bereits die Patrone .22 long rifle oder auf deutsch .22 lfB (lang für Büchse) auf den Markt. Als erste produzierte die Firma Remington 1930 eine Hochgeschwindigkeitspatrone .22 LR HV (Long Rifle High Velocity).

1959 kam die Winchester Rimfire Magnum dazu, die bei weitem stärkste .22er-Randfeuerpatrone. Sie wird hauptsächlich von Jägern für den Abschuss von Kleinwild verwendet und soll im Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht näher behandelt werden.

Als letzte Entwicklung auf dem Gebiet der Kleinkaliberpatronen kam 1977 die CCI-Stinger-Patrone auf den Markt. In der Gesamtlänge entspricht sie der .22 LR. Die Hülse ist rund 2 mm länger, das Geschoss dafür etwas kürzer und leichter. Gemäß Fabrikangaben soll sie eine um ca. 25 % höhere Geschoßgeschwindigkeit und ca. 20 % mehr Energie als die .22 LR-Hochgeschwindigkeitspatronen bringen. Remington und Winchester folgten mit ähnlichen Entwicklungen (Yellow Jacket und Xpediter), wobei das Winchesterprodukt bereits wieder aus dem Sortiment genommen wurde.

Die oben erwähnten Patronen sind heute im Fachhandel erhältlich. Im Verlaufe der Zeit sind aber noch weitere .22er-Randfeuerpatronen entwickelt worden. Im Buch „Cartridges of the World“ von Frank Barnes, aus welchem die aufgeführten geschichtlichen Daten stammen, sind  elf verschiedene .22er-Randfeuerpatronen aufgeführt.

Die Auswahl der für die nachfolgenden Tests verwendeten Patronen bereitete einiges Kopfzerbrechen. Alle Fabrikate in allen Ausführungen konnten beim besten Willen nicht getestet werden. Falls Sie deshalb Ihre bevorzugte Patrone nicht aufgelistet finden, heißt dies keineswegs, dass diese schlechter als andere ist. Berücksichtigt wurden bei der Auswahl hauptsächlich Patronen, die in größeren Fachgeschäften stets auf Lager sind.

Bei der Auswahl der Testwaffen wurde darauf geachtet, dass alle üblichen Lauflängen vertreten sind. Die Geschoßgeschwindigkeit wurde auf eine mittlere Distanz von 3 Metern mit 10-Schuss-Serien ermittelt. Zum Präzisionstest wurden mit allen Patronen 10-Schuss-Schussbilder auf 25 Meter mit einer Pistole Ruger Mk 1 ab Schießmaschine geschossen.

Testergebnisse

Im Verlaufe der Tests wurden einige interessante Feststellungen gemacht:

● Während der Prüfungen wurden rund 500 Schuss der von uns ausgewählten Patronen aus sieben verschiedenen Waffen verschossen. Es trat kein einziger Zündversager durch fehlerhafte Munition auf. Dies deckt sich mit der Erfahrung von Sportschützen, die –zigtausend KK-Patronen aus ihren Sportpistolen verschossen haben. Insbesondere deutsche Patronen weisen einen Qualitätsstandard auf, der nahe an den von Zentralfeuermunition herankommt.

● Die Patrone heißt nicht von ungefähr „lang für Büchse“. Volle Leistung wird nur in langen Läufen entwickelt. Unter 6“ resp. 150 mm Lauflänge nimmt die V0 massiv ab. Ebenso wird die Pulververbrennung unregelmäßig (große Geschwindigkeitsdifferenzen), und der Rückstoßimpuls ist dadurch Schwankungen unterworfen. Das kann bei kleinen Selbstladepistolen leicht zu Störungen führen.

● Die neuen Höchstgeschwindigkeitspatronen (CCI Stinger etc.) halten nicht ganz, was die Werbung des Herstellers verspricht. Bei Stinger wird z. B. mit wuchtigen 1650 fps = 495 m/s Geschossgeschwindigkeit geworben. Das ergibt mit dem gemäß Hersteller 32 Grains (2,07 g) schweren Geschoss eine E0 von 25,9 mkg /254 Joule. Bei der Bestimmung des Geschossgewichtes der Testmunition ergab sich ein Gewicht von bloßen 30,5 Grains (1,98 g). Das allein macht bereits – 5 % Energie.

Verschossen aus dem Gewehr ergab sich eine Geschossgeschwindigkeit von 480 m/s. Das ergibt schlußendlich noch 23,3 mkg / 229 J, also ca. 10 % weniger Energie als angegeben. Wie aus den Tabellen ersichtlich, leistete die stärkste normale .22er-Hochgeschwindigkeitspatrone aus dem Gewehr 20,8 mkg / 204 J. Wenn man nun noch berücksichtigt, dass die Stingergeschosse wegen der geringeren Geschossmasse schneller an Geschwindigkeit verlieren, ist bereits auf 50 Meter etwa Gleichstand erreicht, und auf 100 Meter sind die „normalen“ Patronen wieder leicht überlegen. Wenn man zudem berücksichtigt, dass die neuen Hochgeschwindigkeitspatronen aus sämtlichen Testwaffen deutlich schlechtere Präzision ergaben, ist nicht einzusehen, wo hier der Fortschritt liegen soll.

● Selbstladepistolen mit sehr kurzen Läufen sind empfindlich betreffend des verwendeten Munitionsfabrikats. Es lohnt sich, verschiedene Munition zu testen und dann das Fabrikat mit den wenigsten Störungen zu verwenden. Ob dies eine Standard- oder HV-Patrone ist, spielt keine Rolle. Die Differenz von einem bis zwei Meterkilogramm fällt nicht ins Gewicht. Wichtig ist bei kleinen Waffen auch die zuverlässige Zündung. Das Hülsenmaterial ist nicht bei allen Fabrikaten gleich stark. In den Tests zeigte sich, dass vernickelte Hülsen meistens eine höhere Schlagbolzenenergie benötigen als Messinghülsen.

● Teure Matchpatronen sind, wie der Präzisionstest gezeigt hat, deutlich präziser als alle Normalpatronen. Allerdings lohnt sich die Verwendung nur für Wettkämpfe. Alle getesteten Normalpatronen schossen mehr oder weniger in einen 5-cm-Kreis, was dem Zehnerkreis der UIT-Präzisionsscheibe auf 25 Meter entspricht. Mit 28 mm Streukreis benötigt die RWS Match lediglich die Mouche! Und das mit einer 400fränkigen Pistole (Ruger Mk I)!

Kleinkaliberstreukreise

Von der Firma RWS wird eine extraschwache .22er-Patrone angeboten, die .22 Z (Zimmerpatrone). Diese Patrone hat eine normal lange Hülse und kann deshalb ohne Weiteres aus Waffen mit .22-lfB-Patronenlager verschossen werden. Flobertrundkugel- und .22-short-Patronen sollten nicht aus .22-LR-Waffen verschossen werden. Schon nach wenigen Schüssen ist das Patronenlager so verschmutzt, dass normale Patronen nicht mehr geladen werden können. Beim Verschießen größerer Mengen kurzer Patronen wird das Patronenlager erodiert, worauf .22-LR-Hülsen nur noch mit Gewalt ausgezogen werden können.

Kleinkaliber-Leistungstabelle 1Kleinkaliber-Leistungstabelle 2

(Untere Tabelle: selbe Reihenfolge der getesteten Patronen wie in der oberen Tabelle; im Heft waren die beiden Tabellen doppelseitig nebeneinander abgebildet)

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Weiterführende Leseempfehlung: Büchsen- Licht 1: Kleinkalibergewehre von Deep Roots.

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Über Cernunnos

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