Wer beschützt uns vor der NATO?

MORGENWACHT

Der folgende Artikel wurde am 6. Juli 2010 auf Gates of Vienna veröffentlicht.

Von Fjordman (übersetzt von Kairos).  [Mit einem nachträglichen Text-Video-Anhang vonLucifex im Zusammenhang mit Ukraine-Krise und der Rolle und Strategie der NATO dabei; das oben als „Titelbild“ nachträglich eingefügte Video ist darin auch enthalten.]

Die westliche Verteidigungsallianz NATO war ein Produkt des kalten Krieges. Während sie damals ein nützliches Werkzeug war, hat sich die Organisation bisher als vollkommen unfähig erwiesen mit der Flutwelle islamischer Aggression und der Invasion der Dritten Welt durch Massenimmigration umzugehen, welche die westliche Welt verschlingt.

Es erscheint wahrscheinlich, dass es bald einen abgestimmten Druck von Marokko geben wird, die spanisch regierten Enklaven Ceuta und Melilla zurückzuerobern. Wie wird die NATO auf eine solch eklatante Attacke auf einen ihrer Mitgliedsstaaten reagieren? Wird sie überhaupt auf sinnvolle Weise antworten können?

Eine Attacke auf Ceuta wäre hochgradig symbolisch, da genau hier die globale…

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Jäger im Weltall (4) Thumbnail Gulch und Teehalts Welt

Von Jack Vance. Das Original The Star King erschien ursprünglich in Galaxy (Dez. 1963 / Feb. 1964, illustriert von Ed Emshwiller), ehe 1964 die erste Buchausgabe erschien. Die hier vorliegende Fassung, die ich (Cernunnos) als privates Buchprojekt für mich und ein paar andere erstellt habe und hier auch Interessierten zugänglich mache, beruht auf der deutschen Erstausgabe „ Jäger im Weltall“ von 1969 (Neuauflage 1978) in der Übersetzung von Walter Brumm, von mir ergänzt durch Eigenübersetzungen (nach dem englischen Original) aller von Walter Brumm weggelassenen oder unpassend/vereinfacht übersetzten Stellen. Dies hier ist also die vollständigste und werkgetreueste deutsche Fassung von „The Star King“, die ihr finden werdet. Die Titel der vier Teile, in denen ich jeweils zwei bis drei Kapitel hier zusammenfasse, sind von mir gewählt und kommen im Buch nicht vor. Die Zeichnung im Text ist von Ed Emshwiller.

Vorherige Teile: (1): Der Sternkönig, (2): Alphanor und (3): Pallis Atrode und Mr. Spock.

10

Aus dem Kapitel „Malagate der Elende“ im Buch „Die Dämonenprinzen“ von Caril Carphen, Elucidarian Press, New Wexford, Aloysius, Vega:

…In unserer kurzen Zusammenfassung haben wir gesehen, dass jeder Dämonenprinz einzigartig und sehr individuiert ist, jeder mit seinem charakteristischen Stil. Dies ist umso bemerkenswerter, als die grundlegende Vielfalt möglicher Verbrechen begrenzt ist und an den Fingern abgezählt werden kann. Es gibt Verbrechen um materiellen Gewinn: Erpressung, Raub (wozu auch Piraterie und Überfälle auf Siedlungsgemeinschaften gehören) und Schwindel in seinen unbegrenzten Verkleidungen. Es gibt die Sklaverei mit ihren verschiedenen Manifestationen: die Beschaffung, der Verkauf und der Einsatz von Sklaven. Mord, Nötigung und Folter sind bloß Begleiterscheinungen dieser Aktivitäten. Die persönlichen Schlechtigkeiten sind gleichermaßen begrenzt und können unter sexueller Verkommenheit, Sadismus und Gewalttaten aus Groll, Rachsucht oder Vandalismus einsortiert werden.

Dieser Katalog ist zweifellos unvollständig, vielleicht sogar unlogisch, aber das ist nicht relevant. Ich möchte bloß die grundlegende Variantenarmut darlegen, um diesen Punkt zu veranschaulichen: dass jeder der Dämonenprinzen bei der Begehung der einen oder anderen Greueltat diese mit seinem eigenen Stil durchführt und ein neues Verbrechen zu schaffen scheint.

In den vorherigen Kapiteln haben wir den wahnsinnigen Kokor Hekkus und seine Theorien der absoluten Schrecklichkeit untersucht und den verschlagenen Viole Falushe, ausschweifend, schlemmerhaft und Amateur der Kinästhetik.

Völlig anders ist Attel Malagate der Elende in Stil und Eigenheit. Statt sich größer zu machen und eine makroskopische Darstellung seiner Person und seiner Taten zu projizieren, bevorzugt Malagate das möglicherweise genauso abschreckende Mittel der Stille, Unsichtbarkeit und leidenschaftslosen Unpersönlichkeit. Es gibt keine zuverlässige Beschreibung von Malagate.

Sicherlich ist Malagate ein Spitzname, abgeleitet aus einem Volksepos des alten Quantique. Er handelt mit unerbittlicher Bösartigkeit, obwohl seine Grausamkeiten niemals mutwillig sind, und falls er einen Vergnügungspalast im Stil von Viole Falushe oder Howard Alan Treesong unterhält, so ist das ein gut gehütetes Geheimnis.

Malagates Aktivitäten sind vorwiegend Erpressung und Sklaverei. Im Konklave von 1500 auf Smades Planet, wo die fünf Dämonenprinzen und eine Anzahl geringerer Unternehmer sich trafen, um ihre Aktivitäten zu definieren und gegeneinander abzugrenzen, wurde Malagate der Sektor des Jenseits zugesprochen, dessen Zentrum Ferriers Sternhaufen ist. Er umfasst über hundert Siedlungen, Städte und Gegenden, von denen Malagate Steuern einhebt. Er stößt selten auf Proteste oder Beschwerden, denn er braucht nur das Beispiel von Mount Pleasant anzuführen, einer Kleinstadt von fünftausend Personen, die sich weigerte, seine Forderungen zu erfüllen. Im Jahr 1499 lud Malagate vier andere Dämonenprinzen ein, sich ihm anzuschließen. Die Junta fiel über die Stadt her, nahm die gesamte Bevölkerung gefangen und versklavte sie.

Auf dem Planeten Grabhorn unterhält er eine Plantage von ungefähr fünfzehntausend Quadratkilometern, mit einer Sklavenbevölkerung, die auf zwanzigtausend geschätzt wird. Hier gibt es sorgfältig bestellte Farmen und Fabriken, die exquisite Möbel, Musikinstrumente und elektronische Mechanismen bauen. Die Sklaven werden nicht übermäßig schlecht behandelt, aber die Arbeitszeiten sind lang, die Schlafsäle sind trostlos, und die sozialen Möglichkeiten sind eingeschränkt. Als Bestrafung werden Arbeitsperioden in den Bergwerken verhängt, die wenige überleben.

Attel Malagates Aufmerksamkeit ist normalerweise breit verteilt und leidenschaftslos, aber er fokussiert sich manchmal auf irgendein Individuum. Der Planet Caro liegt in einem Gebiet, das keiner der Dämonenprinzen für sich beansprucht. Der Bürgermeister Janous Paragiglia der Stadt Desde setzte sich für eine Miliz und eine Raumflotte ein, die ausreichen würden, Caro zu schützen und Malagate oder jeden anderen der Dämonenprinzen aufzuspüren und zu vernichten, der es wagen würde, Caro anzugreifen. Malagate entführte Janous Paragiglia und folterte ihn neununddreißig Tage lang, nicht ohne den ganzen Prozess über das Fernsehen an alle Städte von Caro, alle Planeten seines eigenen Sektors und in einer seiner seltenen Prahlereien auch an den Rigel Concourse zu übertragen.

Wie bereits erwähnt, sind seine persönlichen Gelüste unbekannt. Ein Gerücht, auf das man häufig trifft, besagt, dass Malagate gern in persönlichen Gladiatorenduellen mit Schwertern gegen wehrhafte Feinde antritt. Malagate soll übermenschliche Kraft und Geschicklichkeit besitzen, und es scheint ihm Befriedigung zu verschaffen, seine Gegner langsam in Stücke zu hauen.

Wie gewisse andere Dämonenprinzen unterhält Malagate eine diskrete und respektable Identität innerhalb der Oikumene und nimmt, wenn die Flüsterparolen stimmen, auf einer der bedeutenden Welten eine angesehene Position ein…

*     *     *

Alphanor wurde zu einer neblig blassen Scheibe, zu einem Stern unter Sternen. Die vier Männer an Bord des Schiffes überließen sich einer gespannten und nervösen Untätigkeit. Kelle und Warweave begannen eine gedämpfte Unterhaltung. Detteras starrte nach vorne in die sternenübersäte Leere. Gersen lungerte abseits herum und beobachtete die drei Männer.

Einer von ihnen – nicht völlig ein Mensch, oder noch besser, ein nachgemachter Mensch – war Malagate der Elende. Wer?

Gersen glaubte es zu wissen. Er war sich immer noch nicht sicher; seine Vermutung beruhte auf Anhaltspunkten, Wahrscheinlichkeiten und Annahmen. Malagate dagegen musste sich immer noch in seinem Inkognito sicher fühlen. Er hatte keinen Grund, Gersens Ziel zu argwöhnen; er betrachtete Gersen wohl immer noch als nicht mehr als einen habgierigen Makler, der darauf aus war, ein möglichst profitables Geschäft zu erzielen.

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Jäger im Weltall (3): Pallis Atrode und Mr. Spock

Von Jack Vance. Das Original The Star King erschien ursprünglich in Galaxy (Dez. 1963 / Feb. 1964, illustriert von Ed Emshwiller), ehe 1964 die erste Buchausgabe erschien. Die hier vorliegende Fassung, die ich (Cernunnos) als privates Buchprojekt für mich und ein paar andere erstellt habe und hier auch Interessierten zugänglich mache, beruht auf der deutschen Erstausgabe „ Jäger im Weltall“ von 1969 (Neuauflage 1978) in der Übersetzung von Walter Brumm, von mir ergänzt durch Eigenübersetzungen (nach dem englischen Original) aller von Walter Brumm weggelassenen oder unpassend/vereinfacht übersetzten Stellen. Dies hier ist also die vollständigste und werkgetreueste deutsche Fassung von „The Star King“, die ihr finden werdet.

Die erste Illustration im Text ist wieder von Nikos Chrissis, die zweite von Ed Emshwiller. Die Titel der vier Teile, in denen ich jeweils zwei bis drei Kapitel hier zusammenfasse, sind von mir gewählt und kommen im Buch nicht vor. (In diesem Abschnitt muss man über gewisse astrophysikalische Schwächen hinwegsehen, wo der Autor es damals schon hätte besser wissen müssen, aber das tut der Geschichte keinen Abbruch.)

Vorherige Teile: (1): Der Sternkönig und (2): Alphanor

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„Ja, wir sind eine reaktionäre, heimlichtuerische, pessimistische Organisation. Wir haben überall Agenten. Wir kennen tausend Tricks, um von Forschungen abzuhalten, Experimente zu sabotieren, Daten zu verzerren. Selbst in den eigenen Laboratorien des Instituts gehen wir bedacht und diskret vor.

Aber lassen Sie mich nun auf einige der Fragen und Anschuldigungen antworten, die wir oft hören. Genießen die Mitglieder des Instituts Reichtum, Privilegien, Macht, Freiheit vom Gesetz? Die Ehrlichkeit erzwingt die Antwort: Ja, in variierendem Maß, abhängig von der Phase und von den Leistungen.

Ist das Institut also eine abgeschottete, zur Mitte strebende Inzuchtgruppe? Keineswegs. Wir betrachten uns gewiss als eine intellektuelle Elite. Warum auch nicht? Die Mitgliedschaft steht jedem offen, obwohl wenige unserer Katechumenen auch nur bis zur fünften Phase kommen.

Unsere Politik? Einfach genug. Der Weltraumantrieb hat jedem Größenwahnsinnigen, der in unserer Mitte erscheint, eine schreckliche Waffe gegeben. Es gibt anderes Wissen, das ihm, wenn es gleichermaßen frei wäre, tyrannische Macht geben würde. Wir kontrollieren daher die Verbreitung von Wissen.

Wir werden als ‚selbsternannte Gottheiten‘ beschimpft, man wirft uns Pedanterie, Verschwörung, Herablassung, Selbstgefälligkeit, Arroganz und verbohrte Selbstgerechtigkeit vor; dies sind nur die mildesten der Tadel, die wir hören. Man wirft uns unerträglichen Paternalismus und im gleichen Atemzug unsere Loslösung von alltäglichen menschlichen Angelegenheiten vor. Warum nutzen wir unsere Weisheit nicht, um die Arbeit zu erleichtern, Schmerzen zu lindern, das Leben zu verlängern? Warum stehen wir abseits? Warum verwandeln wir den menschlichen Siedlungsraum nicht in ein Utopia, eine Aufgabe, die leicht in unserer Macht liegt?

Die Antwort ist einfach – vielleicht täuschend einfach. Wir haben das Gefühl, dass dies falsche Segnungen sind, dass Frieden und Sattheit mit dem Tod verwandt sind. Bei all ihrer Rohheit und ihren grausamen Exzessen beneiden wir die archaische Menschheit um ihre leidenschaftliche Erfahrung. Wir sind der Meinung, dass Gewinn nach Mühen, Triumph nach Widrigkeiten, das Erreichen eines lange angestrebten Zieles eine größere Wohltätigkeit ist als Unterhaltsleistungen aus den Zitzen einer nachsichtigen Regierung.“

– Aus der Fernsehansprache von Madian Carbuke, Centennial (Fellow der hundertsten Phase) des Instituts, 2. Dezember 1502

Konversation zwischen zwei Centennials des Instituts, bezüglich eines nicht anwesenden dritten:

„Ich würde gern zu einer Plauderei in dein Haus kommen, wenn ich nicht argwöhnen würde, dass Ramus ebenfalls eingeladen würde.“

„Aber was hast du denn gegen Ramus? Er amüsiert mich.“

„Er ist eine Plage, eine Flatulenz, eine pompöse alte Kröte, und er nervt mich sehr.“

Frage, die Fellows des Instituts gelegentlich gestellt wird: „Gibt es Sternkönige in der Fellowship?“

Übliche Antwort: „Hoffentlich nicht.“

Motto des Instituts: „Ein wenig Wissen ist eine gefährliche Sache, sehr viel Wissen ist eine Katastrophe“; Gegner des Instituts interpretieren das höhnisch als: „Jemand anderes‘ Unwissenheit ist ein Segen.“

*     *     *

Pallis Atrode wohnte zusammen mit zwei anderen Mädchen in einem meerseitig gelegenen Wohnturm südlich von Remo. Gersen wartete in der Eingangshalle, während sie nach oben lief, um sich umzuziehen und ihr Gesicht nachzufärben. Er ging auf die Terrasse hinaus, die den Ozean überschaute, und lehnte sich an das Geländer. Rigel strahlte tief über dem Horizont und legte eine Bahn wie aus geschmolzenem Metall vom Ufer bis zum Horizont. Im nahen Hafen, der von zwei Molen umschlossen wurde, waren etwa hundert Boote vertäut: Motoryachten, Segelkatamarane, U-Boote mit Glasrumpf, eine Schar Gleitbretter mit Jetpumpenantrieb, auf denen man mit wahnsinniger Geschwindigkeit durch und über die Wellen reiten konnte.

Gersens Stimmung war komplex und wunderte sogar ihn selbst. Da war die herzklopfende Erwartung eines Abends mit einem hübschen Mädchen, ein Gefühl, das er seit Jahren nicht mehr gekannt hatte. Dann war da die Melancholie, die Sonnenuntergänge in ihm auszulösen pflegten – und dieser Sonnenuntergang war wirklich schön, der Himmel glühte grünblau und hellviolett um eine pfirsichfarbene Wolkenbank, die mit magentafarbenen Streifen durchschossen war. Es war nicht die Schönheit, sann Gersen, die die Melancholie auslöste, sondern eher das stille, weiche Licht und sein Verdämmern.

Und es gab eine andere Melancholie – verschieden und doch ähnlich -, die Gersen überkam, als er die unbefangenen, fröhlichen Menschen um ihn beobachtete. Sie waren alle anmutig und unbeschwert, unberührt von der Plackerei und den Schmerzen und Schrecken, die es auf abgelegenen Welten gb. Gersen neidete ihnen ihre Sorglosigkeit, ihre sozialen Fertigkeiten. Dennoch, würde er mit irgendeinem von ihnen tauschen?

Kaum.

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Jäger im Weltall (2): Alphanor

Von Jack Vance. Das Original The Star King erschien ursprünglich in Galaxy (Dez. 1963 / Feb. 1964, illustriert von Ed Emshwiller), ehe 1964 die erste Buchausgabe erschien. Die hier vorliegende Fassung, die ich (Cernunnos) als privates Buchprojekt für mich und ein paar andere erstellt habe und hier auch Interessierten zugänglich mache, beruht auf der deutschen Erstausgabe „ Jäger im Weltall“ von 1969 (Neuauflage 1978) in der Übersetzung von Walter Brumm, von mir ergänzt durch Eigenübersetzungen (nach dem englischen Original) aller von Walter Brumm weggelassenen oder unpassend/vereinfacht übersetzten Stellen. Dies hier ist also die vollständigste und werkgetreueste deutsche Fassung von „The Star King“, die ihr finden werdet.

Die Zeichnung im Text ist wieder eine Illustration von Ed Emshwiller aus der Erstveröffentlichung in Galaxy; das Farbbild wurde von mir hinzugenommen. Die Titel der vier Teile, in denen ich jeweils zwei bis drei Kapitel hier zusammenfasse, sind von mir gewählt und kommen im Buch nicht vor.

Hier erscheint erstmals ein sehr bekannter Name in der Science Fiction; wenn ihr auf ihn stoßt, denkt daran, dass dieser Roman 1963 veröffentlicht wurde, drei Jahre vor der ersten Staffel des ursprünglichen Star Trek.

Fortsetzung von Jäger im Weltall (1): Der Sternkönig

4

Aus Neue Entdeckungen im Weltraum, von Ralph Quarry:

…Sir Julian Hove hatte seine Einstellungen anscheinend von den Entdeckern der Spätrenaissance übernommen. Bei der Rückkehr zur Erde hatten die Mitglieder seiner Besatzung sich eine strenge Regel der Diskretion und Geheimhaltung auferlegt (oder sie war ihnen auferlegt worden). Dennoch sickerten Details durch. Sir Julian Hove war, um den umfassendsten Begriff zu verwenden, ein Leuteschinder. Er war auch ein völlig humorloser Mensch. Seine Augen waren kalt, er sprach, ohne die Lippen zu bewegen; sein Haar war Tag für Tag in fotografisch identischen Furchen gekämmt. Während er nicht eigentlich verlangte, dass das Personal zu den Mahlzeiten Smokings trug, führten gewisse seiner Regeln eine fast äquivalente Etikette ein… Der Gebrauch von Vornamen war verboten; zu Beginn und Ende jeder Wache waren militärische Ehrenbezeugungen vorgeschrieben, obwohl die Besatzung größtenteils aus Zivilisten bestand. Technikern, deren Arbeit nicht mit wissenschaftlicher Arbeit zusammenhing, war verboten, die faszinierenden neuen Welten zu betreten: ein Befehl, der beinahe eine Meuterei ausgelöst hatte, bis Sir Julians Vize im Kommando, Howard Coke, sich gegenüber Sir Julian durchsetzte, dass diese Vorschrift gelockert wurde.

Der Rigel Comcourse ist Sir Julians bemerkenswerteste Entdeckung: sechsundzwanzig großartige Planeten, die meisten davon nicht nur bewohnbar, sondern auch gesund, obwohl nur zwei auch nur quasi-intelligente Eingeborene aufweisen… Sir Julian benannte die Planeten in Ausübung seiner Privilegien nach Helden seiner Knabenzeit: Lord Kitchener, William Gladstone, Erzbischof Rollo Gore, Edythe MacDevott, Rudyard Kipling, Thomas Carlyle, William Kirkcudbright, Samuel B. Gorsham, Sir Robert Peel, und dergleichen.

Aber Sir Julian sollte seines Privilegs beraubt werden. Er telegrafierte die Neuigkeiten bei seiner Rückkehr zur Maudley-Raumstation voraus, zusammen mit einer Beschreibung des Concourse und den Namen, die er den Mitgliedern dieser großartigen Gruppe gegeben hatte. Die Liste ging durch die Hände eines obskuren jungen Angestellten, der Sir Julians Namensgebungen angewidert verwarf. Jedem der sechsundzwanzig Planeten wies er einen Buchstaben des Alphabets zu und lieferte eilig neue Namen: Alphanor, Barleycorn, Chrysanthe, Diogenes, Elfland, Flame, Goshen, Hardacres, Image, Jezebel, Krokinole, Lyonnesse, Madagascar, Nowhere, Olliphane, Pilgham, Quinine, Raratonga, Somewhere, Tantamount, Unicorn, Valisande, Walpurgis, Xion, Ys und Zacaranda — abgeleitet aus Legenden, Mythen, Romanen und seiner eigenen Laune. Eine der Welten war von einem Satelliten begleitet, der in der Nachricht als „ein exzentrisches, taumelndes, unregelmäßig geformtes Bruchstück eines chondritischen Bimssteins“ beschrieben, und diesen nannte Roger Pilgham „Sir Julian“.

Die Presse erhielt und veröffentlichte die Liste, und Rigels Planeten wurden so bekannt, obwohl Sir Julians Bekannte sich über die plötzliche Extravaganz seiner Fantasie wunderten. Und wer oder was war „Pilgham“? Sir Julian würde ihnen nach seiner Rückkehr vermutlich eine Erklärung geben.

Der Angestellte Roger Pilgham kehrt sogleich wieder in die Obskurität zurück, aus der er kam, und es ist nichts über sein Verhalten oder seinen Gemütszustand zu der Zeit bekannt, als Sir Julians Rückkehr unmittelbar bevorstand. Empfand er Besorgnis? Unbehagen? Gleichgültigkeit? Ohne Zweifel hatte er sich damit abgefunden, dass er aus seiner Stelle entlassen werden würde.

Nach einiger Zeit kehrte Sir Julian im Triumph zurück und verwendete dabei die Phrase: „Am eindrucksvollsten sind vielleicht die New Grampian Mountains auf dem Nordkontinent von Lord Bulwer-Lytton.“ Jemand im Publikum fragte höflich, wo Lord Bulwer-Lytton liege, und der Namensaustausch wurde enthüllt.

Sir Julians reagierte mit außerordentlichem Zorn auf die Tat. Der Angestellte war klugerweise verschwunden; Sir Julian wurde geraten, seine eigenen Namensgebungen wieder einzuführen, aber der Schaden war schon angerichtet; Roger Pilghams freche Tat gewann den Gefallen der Öffentlichkeit, und Sir Julians Terminologie verschwand aus der Erinnerung.

Aus Allgemeines Handbuch der Planeten, 303. Auflage, veröffentlicht 1292:

Alphanor, ein Planet, der als das Verwaltungs- und Kulturzentrum des Rigel Concourse gilt. Er ist der achte in der Reihenfolge vom Zentralstern aus.

Planetarische Konstanten:

Durchmesser 14.880 Kilometer, Masse 102

Mittlere Tageslänge 29 Stunden, 16 Minuten, 29,4 Sekunden

Allgemeine Bemerkungen: Alphanor ist eine große, helle Meereswelt mit einem allgemein anregenden Klima. Der Ozean nimmt drei Viertel der Gesamtoberfläche ein, einschließlich der polaren Eiskappen. Die Landmasse teilt sich auf sieben beinahe zusammenhängende Kontinente auf: Phrygia, Umbria, Lusitania, Scythia, Etruria, Lydia und Lycia, in einer Anordnung, die an sieben Blütenblätter denken lässt. Es gibt unzählige Inseln.

Das einheimische Leben ist komplex und kraftvoll. Die Flora hat sich in keiner Weise von irdischen Importen verdrängen lassen, die sorgfältig gepflegt werden müssen. Die Fauna ist genauso komplex und kann gelegentlich wild sein; hier ist der schlaue Hyrcan major des oberen Phrygia und der unsichtbare Aal des Thaumaturgischen Ozeans zu nennen.

Die politische Struktur von Alphanor ist eine pyramidenförmige Demokratie – einfach in der Theorie, kompliziert in der Praxis. Die Kontinente sind in Provinzen unterteilt, diese in Präfekturen, Bezirke und Wahlkreise; letztere sind als Bevölkerungblöcke von fünftausend Personen definiert. Jedes Wahlkreiskomitee entsendet einen Vertreter in den Bezirksrat, der einen Delegierten für den Präfekturtag wählt, welcher ein Mitglied in den Provinzkongress entsendet, welcher dasselbe für das Kontinentalparlament tut. Jedes Parlament wählt sieben Rektoren in den Großen Rat in Avente, in der Seeprovinz von Umbria, welcher daraufhin einen Vorsitzenden wählt.

Aus Geleitwort an die Völker des Concourse, von Strick und Chernitz:

Die Bevölkerungen des Concourse sind weit davon entfernt, homogen zu sein. Während der Migrationen von der Erde neigten die rassischen Gruppen dazu, ihren eigenen Leuten zu folgen, und in den neuen Umwelten, unter dem Einfluss von Vermischungen und neuen Verhaltensmustern spezialisierten solche Gruppen sich noch weiter… Die Menschen von Alphanor sind im Allgemeinen hellhäutig, braunhaarig, von mittlerer Statur, obwohl ein einstündiger Spaziergang entlang der Großen Esplanade in Avente dem Beobachter jede vorstellbare Art von menschlichem Wesen zeigen wird.

Die alphanorische Psychologie ist schwieriger auszudrücken. Jede bewohnte Welt ist in dieser Hinsicht anders; und obwohl die Unterschiede real und deutlich genug sind, fällt es schwer, sie ohne Abschweifungen akkurat darzustellen – besonders nachdem jede planetenweite Verallgemeinerung durch regionale Unterschiede verschärft, beeinträchtig oder widersprüchlich wird.

*     *     *

Rigel, direkt voraus, war ein heller bläulichweißer Punkt, vor dem jeder andere Stern zu fliehen schien. Gersen hatte wenig mehr zu tun als sein Ziel zu betrachten, gegen Ruhelosigkeit und innere Anspannung anzukämpfen, über Attel Malagates wahrscheinliche Absichten zu spekulieren und seine eigenen Reaktionen zu formulieren. Das erste Problem: Wo landen? Hundertdreiundachtzig Raumhäfen auf zweiundzwanzig der sechsundzwanzig Welten boten sich für eine legale Landung an, sowie unbegrenzte Möglichkeiten für eine Landung in Wüsten und Wildnissen, wenn er eine Verhaftung wegen Verletzung der Quarantänebestimmungen riskieren wollte.

Wie groß war Malagates Interesse an Teehalts Monitor? Würde er jeden Raumhafen überwachen lassen? Theoretisch war das durch Bestechung von Hafenbeamten machbar. Das billigste und vielleicht effektivste System wäre, dem Mann, der Gersens Ankunft meldete, eine saftige Belohnung zu versprechen. Gersen konnte sich natürlich dafür entscheiden, in einem anderen Sternsystem zu landen. Es würde schwierig sein, jeden Raum-hafen der Oikumene zu überwachen.

Aber Gersen hatte nicht die Absicht, sich zu verstecken. In der nächsten Phase musste er sich notwendigerweise exponieren. Diese nächste Phase war die Identifizierung von Malagate. Zwei Methoden boten sich dafür an: Er konnte entweder die Registrierung des Monitors zurückverfolgen oder darauf warten, dass sich ihm irgendein Mitglied von Malagates Organisation an ihn heranmachte, die Spur der Autorität zu ihrer Quelle zu verfolgen.

Malagate würde als gegeben annehmen, dass Gersen Nachforschungen wegen des Monitors anstellen wollte, und würde seine Bewachungsmaßnahmen vermutlich auf den Raumhafen Kindune konzentrieren, der Sansontiana bediente.

Trotzdem entschied Gersen sich aus einer Reihe von unbestimmten Gründen – wenig mehr als Vermutungen – dafür, auf dem Großen Interplanetaren Raumhafen von Avente zu landen.

Er nahm Kurs auf Alphanor, flog antriebslos in den Landeorbit, schaltete seinen Autopiloten in das offizielle Landeprogramm ein und machte es sich wieder bequem. Das Boot senkte sich mit einem letzten Röhren der Düsen auf die verbrannte rote Erde. Die Düsen verstummten; es herrschte Stille. Das Druckausgleichsventil begann automatisch zu zischen.

Die Hafenbeamten kamen in einem Gleitwagen. Gersen beantwortete Fragen, unterzog sich einer kurzen ärztlichen Untersuchung und erhielt eine Aufenthaltserlaubnis. Die Beamten rauschten wieder ab; ein fahrbarer Kran rollte heran, hob das Boot und beförderte es zu einer Box in der Parkreihe auf einer Seite des Landeplatzes.

Gersen ging von Bord und fühlte sich exponiert und verwundbar. Er begann den Monitor auszubauen, behielt dabei aber die Umgebung im Auge.

Zwei Männer schlenderten die Parkreihe entlang, ohne bestimmtes Ziel, wie es schien. Gersen erkannte einen der beiden sofort: es war der Sarkoy, der hinter Hildemar Dasce in Smades Gasthaus gekommen war.

Als sie näherkamen, achtete Gersen nicht erkennbar auf sie, aber sie machten keine Bewegung, die er nicht bemerkte. Der Sarkoy trug einen schlichten dunkelgrauen Anzug mit opalverzierten Epauletten; sein Gefährte, ein dünner Mann mit sandfarbenem Haar und unruhigen weißgrauen Augen, trug den lockeren blauen Overall eines Arbeiters.

Die beiden blieben ein paar Schritte von Gersen entfernt stehen und sahen ihm wie beiläufig interessiert zu. Gersen ignorierte sie nach einem kurzen Blick, obwohl seine Haut prickelte und sein Puls pochte. Der Sarkoy murmelte etwas zu seinem Begleiter und trat einen Schritt vor.

„Kennen wir uns nicht?“ fragte er mit sanfter, sardonischer Stimme.

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Jäger im Weltall (1): Der Sternkönig

Von Jack Vance. Die Originalfassung dieses Science-Fiction-Romans, The Star King, erschien ursprünglich als Zweiteiler in den Ausgaben Dezember 1963 und Februar 1964 des Magazins Galaxy (mit Illustrationen von Ed Emshwiller), ehe 1964 die erste Buchausgabe erschien. Dies ist der erste Band einer fünfteiligen Romanreihe um die Demon Princes, fünf interstellare Top-Schurken, deren Vernichtung sich der Romanheld Kirth Gersen zum Ziel gesetzt hat.

Die hier vorliegende Fassung, die ich (Cernunnos) als privates Buchprojekt für mich und ein paar andere erstellt habe und nun auch Interessierten hier zugänglich mache (in vier Teilen), beruht auf der deutschen Erstausgabe „ Jäger im Weltall“ von 1969 (Neuauflage 1978) in der Übersetzung von Walter Brumm. (Mir persönlich gefällt dieser erste Roman am besten aus der gesamten Serie.)

Da mir jedoch die komplette Dämonenprinzen-Reihe als PDF in englischer Originalfassung vorliegt, habe ich die deutsche Buchfassung nicht einfach übernommen, sondern Zeile für Zeile mit dem Original verglichen und an den gar nicht so wenigen Stellen, wo Walter Brumm Halbsätze, ganze Sätze oder sogar Absätze und seitenlange Teile weggelassen, Passagen vereinfacht umformuliert oder wiederum Sachen hinzuerfunden hat (!), die nicht im Original stehen, meine eigenen Übersetzungen gemäß dem Original eingefügt. Dies hier ist also die vollständigste und werkgetreueste deutsche Fassung von „The Star King“, die ihr finden werdet.

Die Schwarzweißzeichnungen, die ich in den Text eingefügt habe, sind Illustrationen von Ed Emshwiller aus der Ur-Veröffentlichung in Galaxy, und die Farbbilder sind von Nikos Chrissis, der als Fan der Romanreihe mit der Erstellung von Bildern dazu als Kunstprojekt für sein Portfolio begonnen und den Segen von Jack Vances Sohn und von Spatterlight Press dazu bekommen hatte (siehe Demon Princes 1 : Drawing the Myriad Worlds of Jack Vance). Als Beispiel hier das Raumschiff vom Typ 9B (nach den nicht sehr eingehenden Beschreibungen von Jack Vance landet zumindest dieser Typ in horizontaler Lage wie hier dargestellt und nicht auf dem Heck wie die Raumschiffe in Ed Emshwillers Zeichnungen); unter dem Bug hängt der „Monitor“, der eine wichtige Rolle spielt:

Und zwei Darstellungen des Schwebetaxis, das Kirth Gersen in Brinktown benutzt, ein erster Entwurf:

…und die finale Version:

Noch ein paar Dinge zum Verständnis für Neulinge in Vances Zukunftskosmos: die Oikumene ist der zivilisiertere Teil des von Menschen besiedelten Weltalls, wo einigermaßen Gesetz und Ordnung herrschen. Später entwickelt sich daraus das „Gaeanische Territorium“ („Gaean Reach“), in dem auch Der Graue Prinz angesiedelt ist. Dagegen ist das „Jenseits“ („the Beyond“) das „Wilde Draußen“ jenseits der kosmischen Reichweite des Gesetzes. Die Jahreszahlen entsprechen nicht unserem Kalender, sondern der Zeitrechnung dieser Zivilisation, die unser Jahr 2000 als ihr Jahr 0 annimmt. Die Handlung von „Jäger im Weltall“ beginnt also im Juli 3524 unserer Zeitrechnung.

Nun aber wirklich zur Geschichte:

JÄGER IM WELTALL

1

„Was für ein Paradox, was für eine furchtbare Schande, wenn der Unterschied von ein paar hundert Meilen – nein, nur so viele Fuß oder sogar Zoll – ein abscheuliches Verbrechen in einen Sachverhalt verwandelt, für den niemand zuständig ist!“

– Hm. Balder Bashin, im Ecclesiarchic Nunciamento des Jahres 1000 in Foresse auf dem Planeten Krokinole.

„Gesetze haben nur dort Bedeutung, wo sie durchgesetzt werden können.“

– Beliebter Aphorismus –

Auszüge aus „Smade von Smades Planet“, Leitartikel im Feuilleton der Zeitschrift Cosmopolis, Oktober 1923:

F: Fühlen Sie sich jemals einsam, Mr. Smade?

S: Nicht mit drei Frauen und elf Kindern.

F: Was hat Sie bewogen, sich hier niederzulassen? Im ganzen gesehen ist es doch eine ziemlich trostlose Welt, nicht wahr?

S: Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Mir liegt nichts daran, ein Ferienzentrum zu betreiben.

F: Welcher Art sind die Leute, die das Gasthaus besuchen?

S: Leute, die Ruhe und Entspannung suchen. Gelegentlich ein Reisender von innerhalb der Grenzen oder ein Entdecker.

F: Ich habe gehört, dass einige Ihrer Gäste recht rauhe Gesellen sein sollen. Tatsächlich glaubt man sogar allgemein – um es unverblümt zu sagen -, dass Smades Gasthaus von den berüchtigtsten Piraten und Freibeutern des Jenseits frequentiert wird.

S: Ich nehme an, auch die brauchen gelegentlich Ruhe.

F: Haben Sie keine Schwierigkeiten mit diesen Leuten? Mit der Aufrechterhaltung der Ordnung, sozusagen?

S: Nein. Die kennen meine Regeln. Ich sage: Meine Herren, bitte lassen Sie das. Ihre Meinungsverschiedenheiten sind Ihre Sache; sie sind flüchtiger Natur. Die harmonische Atmosphäre des Gasthauses ist meine Sache, und ich beabsichtige, dass sie dauerhaft bleibt.“

F: Sie fügen sich also?

S: Gewöhnlich.

F: Und wenn nicht?

S: Werfe ich sie ins Meer.

Smade war ein schweigsamer Mann. Seine Herkunft und sein früheres Leben waren nur ihm selbst bekannt. Im Jahr 1479 erwarb er eine Ladung Bauholz, die er aus einer Anzahl obskurer Gründe auf eine kleine steinige Welt im mittleren Jenseits brachte. Und dort erbaute er mit Hilfe von zehn zur Indentur verpflichteten Handwerkern und ebenso vielen Sklaven Smades Gasthaus.

Der Ort, den er sich dafür ausgesucht hatte, war ein langer, schmaler Streifen Heideland zwischen dem Smade-Gebirge und dem Smade-Ozean, genau auf dem Äquator des Planeten. Er baute nach einem Plan, der so alt war wie das Bauen selbst, die Mauern aus Bruchstein, Decken und Dachstuhl aus Holz und das Dach aus Schieferplatten. Das fertige Gebäude fügte sich natürlich in die Landschaft ein: ein langes, zweigeschossiges Haus mit hohem Giebel, einer Doppelreihe von Fenstern auf beiden Längsseiten, zwei Schornsteinen, aus denen der weiße Qualm der Moosfeuer stieg, und einer gemauerten Veranda auf der Seeseite. Hinter dem Gebäude stand eine Gruppe von Zypressen, auch sie in Form und Farbe der Landschaft angemessen.

Smade hatte die örtliche Ökologie noch um andere Besonderheiten bereichert: in einem geschützten Tal hinter dem Gasthaus baute er Gemüse und Viehfutter an; in einem anderen hielt er eine kleine Herde Rinder und Geflügel. Alles gedieh zu seiner Zufriedenheit, zeigte aber keine Neigung, den Planeten zu erobern.

Smades Domäne erstreckte sich so weit, wie seine Besitzansprüche reichten – es gab kein anderes Haus auf dem Planeten -, aber er beschränkte seine Herrschaft auf ein Gebiet von vielleicht acht oder zehn Hektar, das von Steinwällen eigegrenzt war. Was jenseits dieser Grenzen vorging, kümmerte Smade nicht, es sei denn, er hatte Grund, seine eigenen Interessen bedroht zu sehen. Aber eine solche Situation war noch nie eingetreten.

Smades Planet war der einzige Begleiter von Smades Stern, einem unscheinbaren weißen Zwerg in einer relativ leeren Gegend des Weltraums. Die einheimische Flora war spärlich: Flechten, Moose, primitive Rankengewächse und Palodendron, im Meer pelagische Algen, die die See schwarz färbten. Die Fauna war noch einfacher: weiße Würmer im Ablagerungsschlamm des Meeresbodens, einige gallertartige Lebewesen, die von den schwarzen Algen lebten, und ein Sortiment einfacher Protozoen. Unter diesen Umständen konnte man Smades Veränderungen der planetarischen Ökologie kaum als verderbenbringend ansehen.

Smade selbst war groß, breit und stämmig, mit knochenweißer Haut und jettschwarzem Haar. Über seine Vorfahren war nichts bekannt, und er hatte noch nie jemanden an seinen Erinnerungen teilhaben lassen. Wie dem auch sein mochte, sein Gasthaus war ausgezeichnet geführt, die drei Frauen lebten in Harmonie miteinander, und die Kinder waren hübsch und wohlerzogen. Smade war von nie versagender Höflichkeit. Seine Preise waren hoch, aber seine Gastfreundschaft großzügig, und er machte keine Schwierigkeiten, wenn ein Gast seine Rechnung nicht zahlen konnte. Über der Theke hing ein Schild: „Essen und trinken Sie nach Herzenslust. Wer bezahlen kann, ist mein Kunde. Wer nicht bezahlen kann, ist ein Gast des Hauses.“

Smades Kundschaft war höchst unterschiedlich: Entdecker, Makler, Techniker der Firma Jarnell, Privatagenten auf der Suche nach verschollenen Menschen oder gestohlenen Schätzen, seltener ein Beamter der IPCC – oder „Wiesel“, wie sie im Argot des Jenseits genannt wurden. Es kamen auch schlimmere Leute, und diese waren so verschiedenartig wie die Verbrechen, die sie auf dem Gewissen hatten. Smade machte aus der Not eine Tugend und begegnete allen gleich.

Im Juli 1524 kam Kirth Gersen zu Smades Gasthaus und stellte sich als Makler vor. Sein Boot war das Standardmodell, das von den Immobilienhäusern innerhalb der Oikumene vermietet wurde, ein zehn Meter langer Zylinder, dessen Ausrüstung sich auf das Notwendigste beschränkte: Monitor-Autopilot, Sternsucher, Chronometer, Makroskop und manuelle Kontrollen im Bug, mittschiffs das Wohnquartier mit Luftmaschine, Aufbereitungsanlage organischer Abfallstoffe, Informationsspeicher und Lager; achtern der Energieblock, der Jarnell-Intersplitantrieb und weitere Lagerabteile. Das Boot war verschrammt und verbeult; Gersens persönliche Verkleidung bestand aus abgetragenen Kleidern und natürlicher Einsilbigkeit. Smade akzeptierte ihn, wie er jeden anderen akzeptierte.

„Wollen Sie länger bleiben, Mr. Gersen?“

„Zwei oder drei Tage, vielleicht. Ich muss mir einiges durch den Kopf gehen lassen.“

Smade nickte in tiefem Verständnis. „Im Moment ist es ziemlich still bei uns, nur Sie und der Sternkönig. Sie werden alle Ruhe finden, die Sie brauchen.“

„Das ist mir sehr angenehm“, sagte Gersen wahrheitsgemäß; nach seinen gerade beendeten Geschäften hatte er noch einige ungelöste Bedenken. Er wandte sich ab, dann hielt er inne und blickte zurück, als Smades Worte sein Bewusstsein durchdrangen. „Sie haben einen Sternkönig hier, in Ihrem Gasthaus?“

„Er hat sich so vorgestellt.“

„Ich habe noch nie einen Sternkönig gesehen. Nicht dass ich wüsste.“

Smade nickte höflich, um anzuzeigen, dass der Klatsch die erlaubten Grenzen der Ausführlichkeit erreicht hatte. Er deutete auf die Wanduhr. „Unsere lokale Zeit; stellen Sie bitte Ihre Uhr. Abendessen um sieben Uhr, also in einer halben Stunde.“

Gersen stieg eine Steintreppe zu seinem Zimmer hinauf, einer einfachen Schlafkammer mit Bett, Stuhl und Tisch. Er blickte aus dem Fenster den Streifen Heideland zwischen Berg und Meer entlang. Zwei Raumfahrzeuge waren auf dem Landeplatz: sein eigenes Boot und ein weiteres Schiff, größer und schwerer, offenbar Eigentum des Sternkönigs.

Gersen wusch sich in einem Gemeinschaftsbadezimmer, dann kehrte er in den Speisesaal zurück, wo er die Produkte von Smades eigener Landwirtschaft speiste. Zwei andere Gäste erschienen. Der erste war der Sternkönig, der mit einem Geraschel reicher Gewänder den Raum durchschritt: ein Individuum mit schwarzgefärbter Gesichtshaut und ebenholzschwarzen Augen. Er war überdurchschnittlich groß und stellte vollendete Arroganz zur Schau. Matt wie Holzkohle verwischte der schwarze Farbstoff in seinem Gesicht die Kontraste seiner Züge und machte sie zu einer proteischen Maske. Seine Kleider waren auf dramatische Weise fantastisch: Kniehosen aus orangener Seide, ein loser, scharlachroter Talar mit einer weißen Schärpe, und eine schwarz und grau gestreifte barettähnliche Mütze, die verwegen über die rechte Schläfe herabgezogen war. Gersen betrachtete ihn mit offener Neugier. Dies war der erste Sternkönig, den er als solchen ansah, obgleich die öffentliche Meinung dahin ging, dass sich hunderte von ihnen inkognito durch die Welten des Menschen bewegten: kosmische Rätsel seit dem ersten menschlichen Besuch auf Lambda Gruis.

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Der Graue Prinz (4): Uther Madducs großartiger Witz

Von Jack Vance. Die Originalfassung dieses Science-Fiction-Romans erschien ursprünglich unter dem vom Autor vorgesehenen Titel „The Domains of Koryphon“ als Zweiteiler in „Amazing Science Fiction“ (Ausgaben August + Oktober 1974); für die erste Hardcover-Veröffentlichung 1975 ersetzten die Verleger diesen Titel durch den fortan verwendeten, The Gray Prince. Die vorliegende Fassung stammt aus der inzwischen vergriffenen und nur noch in Gebrauchtexemplaren erhältlichen deutschen Ausgabe von 1979; Übersetzung von Lore Strassl. Da es hier keine Seitenunterteilungen gibt, habe ich die Fußnoten aus dem Buch immer gleich nach den Absätzen eingefügt, in denen der erklärte Begriff vorkommt.

Zuvor erschienen:

Der Graue Prinz (1): Valtrinas Party

Der Graue Prinz (2): Heimkehr nach Morgenwacht

Der Graue Prinz (3): Segeln auf dem Palga-Plateau

Kapitel 10

Der Morgen überflutete die Sarai mit einem warmen, rosigen Leuchten. Ein paar Wolken im Süden und Westen glühten in tiefen Rottönen. Methuen erklomm den Himmel.

Bei einer von fedrigen Akazien umgebenen Oase machten sie Halt, um zu frühstücken. Moffamides hatte die ganze Zeit keinen Laut von sich gegeben.

Neben einem Teich waren ein paar verwahrloste Felder, auf denen Früchte und Beeren jetzt wild wuchsen. Die Fiaps dort waren verwittert und schon lange nicht mehr wirksam. Elvo nahm sich einen Eimer und erntete, was immer reif war.

Bei seiner Rückkehr arbeitete Kurgech an einer äußerst ungewöhnlichen Konstruktion. Aus Akazienruten baute er ein würfelförmiges Gerüst mit einer Kantenlänge von etwa siebzig Zentimetern. Die Ecken band er mit Schnur zusammen. Dann zerschnitt er eine alte Decke und befestigte sie an diesem Gestell, daß eine Art Kiste daraus wurde. Über eine Seite dieser Kiste legte er ein Brett, durch das er ein Loch von ungefähr zweieinhalb Zentimeter Durchmesser bohrte.

Diese Kiste baute er außerhalb Moffamides‘ Blickwinkel. Elvo konnte seine Neugier nicht mehr länger zügeln. Er fragte Jemasze: „Was macht Kurgech denn da?“

„Die Uldras nennen es eine Seelenkiste.“

Jemaszes Antwort klang so kurzangebunden, daß Elvo, der sehr empfindlich gegenüber echter oder auch nur eingebildeter Ablehnung war, keine weiteren Fragen mehr stellte. Aber er schaute fasziniert zu, während Kurgech aus einem Pappkarton eine Scheibe von fünfzehn Zentimeter ausschnitt und darauf weiß-schwarze Spiralen malte. Elvo staunte über seine Geschicklichkeit. Plötzlich sah er Kurgech in einem anderen Licht. Er schien ihm nun nicht mehr ein Halbbarbar mit ungewöhnlichen Sitten und verrückter Kleidung, sondern ein stolzer Mann mit vielen Fähigkeiten. Mit innerer Verlegenheit erinnerte er sich seiner bisherigen, ein wenig herablassenden Haltung Kurgech gegenüber – und das trotz der Tatsache, daß er schließlich ein Redemptorist war!

Kurgechs Arbeit wurde nun komplexer. Eine ganze Stunde verging, ehe er endlich mit seinem Werk zufrieden war. Die Scheibe drehte sich jetzt im Inneren der Kiste und war durch eine Achse mit einem kleinen windgetriebenen Propeller verbunden.

Elvo war nicht ganz einverstanden mit dieser Vorrichtung und ihrem erahnten Zweck. In einer Mischung aus Abscheu und Faszination sah er zu, wie Kurgech mit angespannter Konzentration seine Seelenkiste fertigstellte. Ein wenig spöttisch fragte er: „Wie wird sie funktionieren?“

Kurgech warf ihm einen etwas kühlen Blick zu. „Möchten Sie sie ausprobieren?“

„Nein.“

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Der Graue Prinz (3): Segeln auf dem Palga-Plateau

Von Jack Vance. Die Originalfassung dieses Science-Fiction-Romans erschien ursprünglich unter dem vom Autor vorgesehenen Titel „The Domains of Koryphon“ als Zweiteiler in „Amazing Science Fiction“ (Ausgaben August + Oktober 1974); für die erste Hardcover-Veröffentlichung 1975 ersetzten die Verleger diesen Titel durch den fortan verwendeten, The Gray Prince. Die vorliegende Fassung stammt aus der inzwischen vergriffenen und nur noch in Gebrauchtexemplaren erhältlichen deutschen Ausgabe von 1979; Übersetzung von Lore Strassl. Da es hier keine Seitenunterteilungen gibt, habe ich die Fußnoten aus dem Buch immer gleich nach den Absätzen eingefügt, in denen der erklärte Begriff vorkommt. Das Titelbild unten ist von Jim Burns.

Zuvor erschienen:

Der Graue Prinz (1): Valtrinas Party

Der Graue Prinz (2): Heimkehr nach Morgenwacht

Kapitel 6

Schaine und Elvo ritten auf zwei Kriptiden aus. Kelse bestand darauf, daß sie Schußwaffen mitnähmen und sich von zwei Ranch-Uldras begleiten ließen, was Schaine gar nicht gefiel. Aber während sie südwärts zu den Skaws ritten, sah sie doch ein, daß die Vorsichtsmaßnahmen gut gemeint waren. „Wir befinden uns gar nicht so weit vom Retentum entfernt“, sagte sie zu Elvo Glissam. „Und Sie wissen, was alles passieren kann.“

„Ich beschwere mich nicht“, versicherte er ihr.

Im Schatten des großen Skaws – ein spitz zulaufender, etwa fünfundsechzig Meter hoher Sandsteinfelsen mit Schichten in Beige, Hellgelb, Rosa und Grau – machten sie Rast. Morgenwacht war unter den bleichen Grüngummibäumen und den dunkleren transstellaren Eichen kaum zu sehen. Jenseits davon schob die noch dunklere Linie des Feenwalds sich bis zum Horizont. Westlich schlang der Chip-chap sich in Mäandern durch das Tal und verschwand südlich außer Sicht, wo er in den Massakersee mündete.

„Als wir noch klein waren“, erklärte Schaine, „kamen wir oft hier heraus zu einem Picknick oder um nach Turmalinen zu suchen. Dort drüben ist ein Graben im Pegmatit… Da hat übrigens der Erjin Kelse angefallen.“

Elvo sah sich um. „Hier?“

„Auf dem Pegmatit. Kelse und Tortilla kletterten den Felsen hoch. Der Erjin kam aus der Kluft und stieg den Jungen nach. Er erwischte Kelse und zog ihn hinunter. Ich hörte den Lärm und rannte herbei, um zu helfen, aber da hatte Tortilla den Erjin bereits erschossen. Er lag da, wo Sie jetzt stehen, in seinen letzten Zuckungen. Kurgech kam sofort herbeigelaufen, als er den Schuß hörte. Er verband Kelses Arm und Bein und trug ihn nach Hause. Tortilla wurde der große Held. Für etwa eine Woche.“

„Was geschah dann?“

„Oh – es gab einen großen Streit. Ich wurde nach Tanquil verbannt. Tortilla zog sich aufs Retentum zurück, und jetzt ist er der Graue Prinz.“ Schaine blickte sich um. „Ich glaube, es gefällt mir hier doch nicht mehr… Armer Kelse.“

Elvo Glissam blickte unruhig über die Schulter. „Kommen oft Erjinen hierher?“

„Hin und wieder, wenn sie sich für unsere Rinderherden interessieren. Aber unsere Aos sind besser als Spürhunde. Sie können Fährten verfolgen, die ein anderer überhaupt nicht sieht. Das haben die Erjinen zu fühlen bekommen und daraus gelernt. Jetzt bleiben sie hauptsächlich in der Wildnis.“

Als sie nach Morgenwacht zurückkehrten, sahen sie Gerd Jemaszes alten, klapprigen Dacy-Flugwagen auf dem Landeplatz. Kelse und Gerd beschäftigten sich so intensiv in der Bibliothek, daß sie sich erst zum Dinner in der Großen Halle sehen ließen. Nach Morgenwacht-Sitte trugen alle Abendkleidung. Für zufällige Besucher wurde immer passende Kleidung bereitgehalten, wie Gerd und Elvo sie jetzt trugen. Es ist wirklich wahr, dachte Schaine, daß diese Tradition feierlich stimmt. Es war eine Sache des Geschmacks, der Ästhetik. Straßenkleidung und Ungezwungenheit hätten ganz einfach nicht zu den hochlehnigen Stühlen, dem riesigen Tisch aus Umbraholz, dem Kronleuchter von den Zitschen Glaswerken in Gilhaux auf Darybant und den alten vererbten Gedecken gepaßt. Heute hatte Schaine sich besondere Mühe mit ihrem Aussehen gegeben. Sie trug ein einfaches dunkelgrünes langes Kleid und eine Hochfrisur nach Art der Pharistaner Nymphen mit einem großen facettierten Smaragd auf der Stirn.

Reyona Werlas-Madduc hatte bereits mit Hermina Lingolet gespeist. So saßen an der großen Tafel nur die vier, die den 150-Kilometer-Marsch durch die Öde verband. Als sie ihren Wein tranken, lehnte Schaine sich zurück und betrachtete die Männer durch halbgeschlossene Lider. Um sie objektiver beurteilen zu können, stellte sie sich vor, sie wären alle Fremde. Kelse, dachte sie, sah viel älter aus, als er den Jahren nach war. Er würde nie ein so stattlicher und beeindruckender Mann werden wie ihr Vater. Sein Gesicht war schmal, die Züge scharf geschnitten, und um seinen Mund hatten sich tiefe Falten eingegraben. Im Gegensatz zu ihm sah Elvo Glissam ausgeglichen und innerlich zufrieden aus, als kenne er keine Sorgen. Gerd Jemasze wirkte, in Schaines objektiver Betrachtung, erstaunlich elegant. Er drehte den Kopf, und ihre Blicke trafen sich. Schaine empfand, wie üblich, eine Spur von Abneigung oder Herausforderung, oder einer ähnlichen, unbestimmbaren Emotion. Gerd Jemasze senkte die Augen und griff nach seinem Weinglas. Schaine war sowohl amüsiert als auch erstaunt, daß er sich ihrer Gegenwart bewußt geworden war, obgleich er sie ihr Leben lang ignoriert hatte.

„Der Satzungsentwurf geht nun von Domäne zu Domäne“, sagte Kelse. „Wenn er allgemeine Anerkennung findet, was wir annehmen, werden wir, ipso facto, eine politische Einheit.“

„Und was, wenn es nichts wird mit der allgemeinen Zustimmung?“ fragte Schaine.

„Das wäre äußerst unwahrscheinlich. Wir haben mit jedem bereits gesprochen.“

„Und wenn ihnen die Gliederung eurer Satzung nicht gefällt und sie auf Änderungen bestehen?“

„Unser Entwurf hat keine Gliederung und ist auch keine normale Satzung. Er ist lediglich eine Erklärung unseres gemeinsamen Zieles, ein Einverständnis, sich dem Willen der Mehrheit zu beugen. Das ist der erste Schritt, den wir unternehmen müssen. Danach erst können wir eine detailliertere Gliederung aufstellen.“

„Ihr müßt also jetzt warten. Wie lange?“

„Zwei Wochen, vielleicht auch drei.“

„Lange genug jedenfalls“, meinte Gerd Jemasze, „um die Tatsachen hinter Uther Madducs ‚großartigem Witz‘ herauszufinden.“

Elvo Glissam war sofort interessiert. „Und wie beabsichtigen Sie das zu tun?“

„Ich folge seiner Route. Irgendwo entlang des Weges werde ich schon entdecken, was er so erheiternd fand.“

„Und was ist diese Route?“ erkundigte sich nun Schaine.

„Von Morgenwacht aus flog er fünfhundert Kilometer nach Norden und siebenundzwanzig nach Nordosten – also genau zu Palga Depot Nr. 2. Dort landete er.“ Gerd Jemasze holte Uther Madducs Notizbuch hervor. „Hört euch das an:

Niemand wagt es, die Palga zu überfliegen. Ein erstaunliches Paradoxon! Die Windläufer, so sanftmütig, so friedfertig, werden beim Anblick eines Flugzeugs zu Besessenen. Sie eilen zu den alten Lichtkanonen und schießen den Luftwagen ab. Ich fragte Filisent: ‚Weshalb schießt ihr auf die Flugwagen?‘

‚Weil sie blaue Räuber sein können.‘

‚Oh‘, sagte ich. ‚Wann haben die Uldras euch denn zum letzten Mal überfallen?‘

‚Nicht, solange ich selbst mich zurückerinnern kann, auch nicht zu meines Vaters Zeit‘, erwiderte er. ‚Trotzdem muß es so sein. Wir dulden keine Flieger in unserer Luft.‘

Er gestattete mir, seine Kanone zu betrachten. Sie ist ein wahres Kunstwerk. Ich frage mich, wer wohl eine so wirkungsvolle Waffe hergestellt haben mochte. Filisent konnte mir wenig darüber sagen. Die Kanone mit ihren schönen und wunderlichen Ziselierungen ist ein Erbstück, das immer vom Vater auf den Sohn weitergegeben worden war, und niemand konnte sich mehr an ihren Ursprung erinnern. Sie mag sehr wohl mit der ersten, lange vergessenen Forschungsexpedition nach Koryphon gelangt sein. Wer kann das schon wissen?“

Gerd Jemasze blickte auf. „Er schrieb dies offenbar ein paar Tage nachdem er am Depot Nr. 2 gelandet war. Bedauerlicherweise kommt nicht mehr viel nach. Die Palga, steht noch hier, ist ein ungemein erstaunliches Land und Filisent ein ungemein erstaunlicher Bursche. Wie alle Windläufer ist er ein sehr geschickter und leidenschaftlicher Dieb, deshalb muß man ständig auf sein Eigentum aufpassen. Aber ansonsten ist er ein guter Kerl. Er besitzt eine Bark und siebenunddreißig Parzellen Land, die er während des Dahinsegelns bestellt. Wie eng verbunden diese Menschen doch mit Wind, Sonne, Wolken und Regen sind! Sie am Steuerruder zu sehen, mit den geblähten Segeln über ihnen und den rollenden großen Rädern, erinnert an Gläubige während eines religiösen Rituals. Fragst du sie jedoch, ob dreimal zwei sechs ist, starren sie dich verständnislos an. Fragst du sie über die Erjinen, wer sie zähmt und wie, wird ihr Blick noch verwirrter. Und fragst du sie, wie sie für ihre schönen Räder, das Segeltuch und die Metallteile für ihre Wagen bezahlen, bedenken sie dich mit einem Blick, der dir sagt, daß sie dich für nicht ganz bei Trost halten.“

Gerd Jemasze drehte die Seite um.

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Der Graue Prinz (2): Heimkehr nach Morgenwacht

Von Jack Vance. Die Originalfassung dieses Science-Fiction-Romans erschien ursprünglich unter dem vom Autor vorgesehenen Titel „The Domains of Koryphon“ als Zweiteiler in „Amazing Science Fiction“ (Ausgaben August + Oktober 1974); für die erste Hardcover-Veröffentlichung 1975 ersetzten die Verleger diesen Titel durch den fortan verwendeten, The Gray Prince. Die vorliegende Fassung stammt aus der inzwischen vergriffenen und nur noch in Gebrauchtexemplaren erhältlichen deutschen Ausgabe von 1979; Übersetzung von Lore Strassl. Da es hier keine Seitenunterteilungen gibt, habe ich die Fußnoten aus dem Buch immer gleich nach den Absätzen eingefügt, in denen der erklärte Begriff vorkommt.

Zuvor erschienen: Der Graue Prinz (1): Valtrinas Party

Kapitel 3

Der Apex A-15, der plumpe, unelegante Gebrauchsluftwagen von Suaniset, flog über das Persimmonmeer. Schaine vermutete, daß Gerd Jemasze absichtlich damit gekommen war, um den Olanjern seine Verachtung für ihren Pomp zu zeigen. „Dein Apex ist ja durchaus nicht unbequem“, wandte sie sich an Gerd, „aber wo hast du denn euren Salonhybro?“

Jemasze stellte den Autopiloten auf Galigong und drehte sich in seinem Sitz um. „Der Hybro ist in der Werkstatt. Ich muß warten, bis die Ersatzdexoden endlich kommen.“

Schaine erinnerte sich noch aus ihrer Kindheit an den suaniseter Hybro. Sie fragte Kelse: „Ich nehme an, Vater fliegt nach wie vor unseren alten Sturdevant mit dem zerbrochenen Fenster?“

„Ja. Er ist nicht kaputtzukriegen. Das Fenster habe ich allerdings voriges Jahr repariert.“

Schaine sah Elvo Glissam an. „Bei uns auf den Domänen verläuft das Leben so langsam, daß sich scheinbar überhaupt nichts verändert. Unsere Vorfahren waren tüchtig und klug. Was für sie gut genug war, ist es für uns ebenso.“

„Du darfst nicht übertreiben“, warf Kelse ein. „Ganz zum Stillstand ist es auch bei uns noch nicht gekommen. Vor zwölf Jahren haben wir beispielsweise hundert Morgen mit Weinstöcken bepflanzt, und nächstes Jahr werden wir bereits mit dem Keltern beginnen.“

„Das hört sich gut an“, freute sich Schaine. „Es sollte uns ohne weiteres gelingen, die Importeure zu unterbieten. Möglicherweise werden wir noch zu Weinmillionären.“

„Ich dachte, Sie seien alle Millionäre, mit soviel Land, Bergen, Flüssen und Bodenschätzen“, sagte Elvo Glissam.

Kelse grinste schief. „Wir sind nichts weiter als Farmer, die von den Früchten ihres Landes leben. Bargeld sehen wir so gut wie nie.“

„Vielleicht könnten Sie uns einen Tip geben, wie man in der Lotterie gewinnt?“ sagte Schaine lächelnd.

„Das dürfte schwierig sein“, erwiderte Glissam, „aber vielleicht einen anderen Rat. Wie wär’s, wenn Sie anderswo Geld investierten? Eine der kleinen, wunderschönen Inseln dort unten als Erholungsort für Jachtsportler einrichten – was halten Sie davon?“

„Auf dem Persimmonmeer zu segeln ist ziemlich gefährlich“, erklärte Kelse. „Die Morphoten machen sich nämlich ihrerseits einen Sport daraus, an Bord zu klettern, alle umzubringen und dann mit der Jacht davonzusegeln.“

„Dürfte ein komisches Bild abgeben“, brummte Gerd Jemasze.

Elvo Glissam verzog das Gesicht. „Koryphon ist eine grausame Welt.“

„Auf Suaniset ist es recht friedlich“, versicherte ihm Gerd Jemasze.

„Auf Morgenwacht nicht weniger“, warf Kelse ein. „Jorjol versuchte unseren Aos einzureden, wie schlecht sie es haben, aber sie begriffen nicht, wovon er sprach. Also gibt er sich jetzt in Olanje seiner Aufwiegelei hin.“

„Jorjol scheint mir alles andere als ein klassischer Reformator zu sein“, gab Elvo Glissam zu bedenken. „Er ist eine ganz erstaunliche Persönlichkeit. Was sind wohl seine Motive? Immerhin verdankt er Ihrem Vater doch sehr viel.“

Schaine schwieg. Gerd Jemasze starrte mit finsterem Gesicht auf die Mermioninseln hinunter. Schließlich sagte Kelse: „So überraschend ist es gar nicht. Vater hat äußerst strenge und starre Ansichten. Es mag vielleicht den Anschein gehabt haben, daß Jorjol, Schaine und ich als ebenbürtige Spielkameraden aufwuchsen. Aber es wurde nie ein Versuch gemacht, die wirkliche Situation zu beschönigen. Wir waren Ausker, Jorjol ein Blauer. Nie durfte er mit uns in der großen Halle essen. Er mußte seine Mahlzeiten mit den Dienstboten in der Küche einnehmen. Ich bin sicher, das schmerzte ihn mehr, als er je zugegeben hätte. Und im Sommer, wenn wir Tante Val in Olanje besuchen durften, wurde Jorjol vom Verwalter in eine harte Schule genommen, weil Vater wollte, daß Jorjol später Viehzüchter oder zweiter Verwalter würde.“

Elvo Glissam nickte. Er hatte verstanden und stellte keine weiteren Fragen mehr.

Die rosige Sonne wanderte den Himmel empor. Der Apex stieß durch die dichten Kumuli, und nun sahen sie die gewaltige Landmasse von Uaia am nördlichen Horizont. Allmählich zeichneten sich durch den Dunst Einzelheiten ab: Küste, Klippen, Vorgebirge. Die Farben wurden deutlicher: bleiches Gelb, Ocker, Schwarz, Schmutzigweiß und Braun. Die Küste kam näher, eine Halbinsel ragte aus der Masse des Kontinents und umschloß eine lange schmale Bucht. An ihrer Spitze drängte sich ein halbes Dutzend Lagerhäuser, ein paar Katen und Blockhäuser, ein heruntergekommenes Hotel aus weißgetünchtem Holz, das zum Teil aufs Wasser hinausragte und durch hohe, schiefe Stelzenbeine gestützt wurde. „Das ist Galigong“, erklärte Kelse. „Der Haupthafen des Retentums.“

„Und wie weit ist es noch bis Morgenwacht?“

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Der Graue Prinz (1): Valtrinas Party

Von Jack Vance. Die Originalfassung dieses Science-Fiction-Romans erschien ursprünglich unter dem vom Autor vorgesehenen Titel „The Domains of Koryphon“ als Zweiteiler in „Amazing Science Fiction“ (Ausgaben August + Oktober 1974); für die erste Hardcover-Veröffentlichung 1975 ersetzten die Verleger diesen Titel durch den fortan verwendeten, The Gray Prince. Die vorliegende Fassung stammt aus der inzwischen vergriffenen und nur noch in Gebrauchtexemplaren erhältlichen deutschen Ausgabe von 1979; Übersetzung von Lore Strassl. Da es hier keine Seitenunterteilungen gibt, habe ich die Fußnoten aus dem Buch immer gleich nach den Absätzen eingefügt, in denen der erklärte Begriff vorkommt. Das hier verwendete Titelbild ist von Patrick Woodroffe.

Einführung

Das besiedelte All ist dreißigtausend Jahre alt. Die Menschen sind von Stern zu Stern gezogen, um Reichtum und Ruhm zu finden.

Das Gaeanische Territorium umspannt einen beachtlichen Teil der Galaxis. Verkehrsrouten durchziehen es wie Kapillaren das Zellgewebe. Tausende von Welten wurden kolonisiert, von denen jede sich von den anderen unterscheidet, und jede von ihnen verändert die Menschen, die sich auf ihr niedergelassen haben, auf bestimmte, jeweils verschiedene Art. Nie zuvor ist die menschliche Rasse weniger homogen gewesen.

Die Verbreitung der Menschheit im All verlief alles andere als gleichmäßig, und die Siedler kamen in unberechenbaren Wellen und verschwanden hin und wieder auf gleiche Weise, der Grund dafür mochten Kriege sein, religiöse Entwicklungen, oder aber auch völlig mysteriöse Umstände.

Gerade durch diese Mannigfaltigkeit ihrer Bewohner ist Koryphon typisch für die von Menschen kolonisierten Welten.

Auf dem Kontinent Uaia bewohnen die Uldras einen breiten Streifen entlang der Südküste, den sie Alouanen nennen, während im Norden die Windläufer ihre zwei- und dreimastigen Wagen über das Palga-Plateau segeln. Fast das einzige, in dem diese beiden Völker sich ähneln, ist ihre Ruhelosigkeit, ihr Nomadenleben. Südlich, jenseits des Persimmonmeers, liegt der äquatoriale Kontinent Szintarre mit seiner kosmopolitischen Bevölkerung, den Auskern1, die sowohl von den Uldras als auch den Windläufern in verschiedene Kategorien von soziologischer Bedeutung eingestuft werden.

[1 Ausker: Die allgemeine Bezeichnung für Touristen, Besucher, Neueinwanderer. Im weiteren Sinn alle Personen, die rassisch weder den Uldras noch den Windläufern angehören.] 

Als höchstwahrscheinlich autochthon werden die beiden halbintelligenten Rassen der Erjinen und Morphoten angesehen. Die Windläufer zähmen und verkaufen eine besonders kräftige und gefügige Art der Erjinen, oder vielleicht züchten und bilden sie auch völlig normale Exemplare so aus, daß sie diese erwünschten Eigenschaften annehmen. Die Windläufer sind in dieser Beziehung sehr verschwiegen, da der Handel mit diesen Erjinen ihnen Räder, Lager und Takelung für ihre Segelwagen einbringt. Bestimmte Uldras der Alouanen fangen wilde Erjinen und reiten sie zu. Sie bezähmen deren Wildheit, lenken sie und machen sie sich durch elektrische Kandaren gefügig. Sowohl die domestizierten als auch die wilden Erjinen verfügen über telepathische Fähigkeiten, durch die sie sich untereinander und mit ein paar Windläufer-Adepten verständigen. Nicht verwandt mit den Erjinen sind die Morphoten, eine bösartige, perverse und unberechenbare Rasse, die nur ihrer ungewöhnlichen Schönheit wegen geschätzt wird. In Olanje auf Szintarre sind die Ausker so weit gegangen, Morphoten-Besichtigungsclubs ins Leben zu rufen. Es möge nicht verheimlicht werden, daß dieser Sport der Beobachtung aufgrund der recht makabren Gewohnheiten der Morphoten ein außerordentlicher Nervenkitzel ist.

Vor etwa zweihundert Jahren landete eine Gruppe außerplanetarischer Freibeuter auf Uaia. Sie überraschten und überwältigten alle Uldra-Häuptlinge, die zu einer streng geheimen Versammlung zusammengekommen waren, und zwangen sie zur Überschreibung bestimmter Territorien ihrer Stämme – die berüchtigten „Übergabe-Verträge“. Auf diese Weise kam jeder Angehörige der Freibeutergruppe zu einem gewaltigen Landbesitz zwischen fünfunddreißig- und hunderttausend Quadratkilometern. Mit der Zeit wurden diese riesigen Besitze zu den großen „Domänen“ der Alouanen, auf denen die „Landbarone“ und ihre Nachkommen ein fürstliches Leben in prunkvollen Villen führten, die in ihrer Größe ihrem Besitz um nichts nachstanden.

Das Leben der Stämme, die die Verträge unterzeichnet hatten, wurde durch die Überschreibung in keinem Maß beeinträchtigt, eher vielleicht sogar verbessert. Die neuen Dämme, Teiche und Kanäle waren eine zuverlässige Wasserquelle für das Land; Kriege zwischen den einzelnen Stämmen wurden verboten, und die Krankenstationen der Domänen sorgten zumindest für ein Minimum an ärztlicher Betreuung.

Einige der Uldras besuchten Domänenschulen. Sie wurden zu Büro- und Verkaufspersonal, als auch zu Hausangestellten ausgebildet. Andere kamen als Ranchgehilfen unter.

Trotz dieser beachtlichen Verbesserungen, die sich natürlich erfreulich auf ihren Lebensstandard auswirkten, mißfiel den Uldras die Tatsache ihres niedrigen Status. Die unterbewußte Ablehnung der Uldrafrauen durch die Landbarone war möglicherweise ein weiterer Grund für ihre Verbitterung. Ein gewisses Maß an Vergewaltigungen und Verführungen wäre, wenn auch mit Protest, als unvermeidliche Folge der Landübernahme akzeptiert worden. Aber die Landbarone beachteten die Uldrafrauen überhaupt nicht. Während die Uldramänner mit ihrer großen schlanken, sehr feingliedrigen Statur, der ultramaringefäbten grauen Haut und den scharfgeschnittenen Zügen im großen und ganzen recht ansehnlich waren, konnte dasselbe von den Frauen nicht behauptet werden. Die unförmigen, fetten Mädchen, die ihren Kopf wegen der Ungezieferplage kahlschoren, waren alles andere als ansprechend. Wenn sie ins heiratsfähige Alter kamen, blieben ihnen bedauerlicherweise die überbreiten Hüften und kurzen Beine, dafür streckten ihr Rumpf, die Arme und das Gesicht sich in die Länge. Die typische, nichts wengier als kurze Uldranase wurde zu etwas, das an einen traurig herabhängenden Eiszapfen erinnerte, die graue Haut verlor ihren Glanz, das Haar, ob nun mit oder ohne Ungeziefer, durfte zu einer schweren, orangefarbigen Struwwelpeterfrisur anwachsen.

Es ist demnach verständlich, daß die auskerschen Landbarone2 sich nicht für diese Uldrafrauen und –mädchen interessierten und ihnen gegenüber eine absolut gleichgültig korrekte Haltung einnahmen, was paradoxerweise wiederum von den Uldras als demütigend und beleidigend empfunden wurde.

[2 Für die eigentliche Bezeichnung eng’sharatz (wörtlich: der verehrte Herr einer großen Domäne) gibt es keine passende Übersetzung. „Baron“ oder „Lord“ deutet auf Adel hin; ein „Landherr“ ist Eigentümer eines kleinen Besitzes; „Gutsherr“ läßt auf einen bäuerlichen Betrieb schließen. „Landbaron“, obwohl ein wenig weit hergeholt, kommt dem Begriff eng’sharatz jedenfalls noch am nächsten.]

Wie schon erwähnt, im Süden, jenseits des Persimmonmeers liegt die lange schmale Insel Szintarre mit ihrer reizvollen Hauptstadt Olanje, die als modischer Kurort für Außerweltler galt. Ihre gebildeten, klugen und vornehmen Bürger hatten wenig gemein mit den Landbaronen, die sie für protzige, eingebildete Barbaren ohne Manieren, Takt und Humor hielten, und die, ihrer Meinung nach, alle anderen herumzukommandieren versuchten.

Ein etwas ausgefallenes Bauwerk in Olanje, das als Holrudehaus bekannt ist, war der Sitz der Regierung Koryphons – die Mull, der aus dreizehn Volksvertretern bestehende Rat. Nach der Verfassung hatte die Mull die Regierungsgewalt sowohl über Szintarre als auch Uaia, tatsächlich aber vermied sie es, sich in uaianische Angelegenheiten einzumischen. Die Landbarone erachteten die Mull als zu wenig anderem tauglich, als inkonsequente Spitzfindigkeiten auszubrüten; die Domänen-Uldras waren apathisch; die Retentum-Uldras lehnten allein schon den Gedanken an eine zentrale Obrigkeit ab; die Windläufer wußten überhaupt nichts von der Existenz der Mull oder ignorierten sie einfach.

Die kosmopolitische Bevölkerung von Olanje entwickelte einen geradezu hyperaktiven Intellektualismus. Es herrschte ein ständiger gesellschaftlicher Unternehmungsgeist, und es gab Vereinigungen und Klubs für alle möglichen Interessen und Zwecke; ein Jachtklub; verschiedene Künstlerverbindungen; die Morphoten-Beobachter; der Szintarrische Hussadenverband; das Gaeanische Musikarchiv; ein Komitee zur Veranstaltung der Jahresfeier, Parilia; eine Dramatikschule; Dyonys, die der Hyperasthesie geweihte Bruderschaft. Andere Organisationen waren philanthropischer oder altruistischer Natur, wie beispielsweise die Ökologische Stiftung, die die Einfuhr von fremder Flora und Fauna ablehnte, gleichgültig, wie wirtschaftlich oder ästhetisch diese sein mochte. Der Verband der Redemptoristen, der die Übergabe-Verträge anfocht und für die Auflösung der uaianischen Domänen und die Rückgabe des Landes an die vertragsgebundenen Stämme war. Die Vereinigung für die Emanzipierung der Erjinen, abgekürzt VEE, verfocht die Ansicht, daß die Erjinen vernunftbegabte Wesen seien und nicht in Sklaverei gehalten werden dürften. Die VEE war vermutlich die widersprüchlichste Organisation, da eine immer größere Zahl von Erjinen aus der Palga als Hauspersonal, Rancharbeiter, für die Müllabfuhr etc. importiert wurde. Andere Gruppen nahmen sich der Ausbildung, Arbeitsvermittlung und Unterbringung von Uldras an, die von Uaia nach Szintarre einwanderten. Diese Uldras, die zu etwa gleichen Teilen von den Retentum- und Domänen-Stämmen kamen, beklagten sich gewöhnlich bitter über die Landbarone. Oft waren ihre Beschwerden durchaus berechtigt, doch sehr häufig grundlos. Sie wollten nur von sich reden machen, weil andere es auch taten. Die Redemptoristen brachten manchmal Uldra-Immigranten vor die Mull, um diesen etwas selbstherrlichen, didaktischen und unberechenbaren Rat auf Trab zu bringen. Mit der Geschicklichkeit langjähriger Erfahrung entledigte die Mull sich dieser Anforderungen, oder ernannte ein Komitee, um die Sachlage zu überprüfen. Der Befund eines solchen Komitees besagte gewöhnlich, daß die Vertragsgebiete wahre Friedensstätten seien, verglichen mit den Landen der Retentum-Uldras, wo es immer noch Blutfehden, Überfälle, Meuchelmorde, Racheakte, Ausschreitungen, Massaker, Greueltaten und Hinterhalte gab.

Die Redemptoristen erklärten daraufhin dann natürlich solche Vergleiche als nicht zur Sache gehörend. Die vertragsgebundenen Stämme, führten sie an, seien ihres heimatlichen Landes durch Gewalt und Betrug beraubt worden. Die Fortdauer dieses Zustands sei untragbar, sagten sie, das Gewohnheitsrecht der vergangenen zweihundert Jahre dürfte eine ursprünglich ungesetzliche Situation nicht legitimieren. Der Großteil der Bevölkerung von Szintarre schloß sich dieser Meinung der Redemptoristen an.

DIE RASSEN IN UAIA AUF KORYPHON

Uldras: Bewohner der Südküste von Uaia, den Alouanan. Sie zerfallen in Domänen-Uldras, die unter der Herrschaft der Landbarone (s. dort) stehen, und freilebende Stämme der Retentum-Uldras.

Windläufer: Landsegelnde Nomaden des Palga-Plateaus im Inneren von Uaia.

Ausker: Außerweltler. Angehörige von Rassen, die weder von den Uldras noch von den Windläufern abstammen.

Landbarone (eng’sharatz): Nachkommen von Auskers, ehemaligen interstellaren Freibeutern, die den sog. Domänen-Uldras das Land weggenommen und unter sich in Domänen aufgeteilt haben. Sie sind im Gegensatz zu den liberal gesinnten Bewohnern der Insel Szintarre das konservative Element auf Koryphon.

Erjinen: halbintelligente, über telepathische Fähigkeiten verfügende Wesen, die von den Windläufern als Reittiere abgerichtet und verkauft werden.

Morphoten: eine bösartige, unberechenbare halbintelligente Rasse, deren Angehörige sich durch außergewöhnliche Schönheit auszeichnen, aber wegen ihrer außergewöhnlichen Grausamkeit und Blutgier gefürchtet sind.

Kapitel 1

In der großen Halle des Olanjer Raumhafens musterten Schaine Madduc und ihr Bruder Kelse einander mit wohlwollendem Interesse. Natürlich hatte Schaine erwartet, daß sich Kelse nach fünf Jahren, oder sogar etwas mehr, verändert haben würde. Als sie abreiste, war er ein bettlägeriger Krüppel gewesen, bleich und verzweifelt. Jetzt sah er gesund und kräftig aus, wenn auch ein wenig hager. Er hinkte kaum mit seinem künstlichen Bein, und er konnte mit seiner Armprothese fast genauso gut umgehen wie mit seiner gesunden Rechten. Es fiel eigentlich nur auf, weil er etwas gegen künstliches Fleisch hatte und sich deshalb den Ersatz aus Metall hatte machen lassen, den er allerdings mit einem schwarzen Handschuh bedeckte. Er war gewachsen. Damit hatte sie gerechnet, aber nicht mit der Veränderung seines Gesichts, das irgendwie länger und härter geworden war und streng wirkte. Seine Wangenknochen waren ungemein ausgeprägt, genau wie das feste Kinn; seine Augen waren schmal, oder vielmehr halb zusammengekniffen, und er hatte sich angewöhnt, aus den Augenwinkeln mißtrauisch, oder vielleicht auch herausfordernd, nach links und rechts zu blicken. Ein Zeichen der tiefergreifenden Veränderungen in Kelse, dachte Schaine: die Verwandlung eines vertrauensvollen gutmütigen Jungen in diesen ernsten, strengen Mann, der zehn Jahre älter zu sein schien, als er war.

Offenbar hatte Kelse sich mit ähnlichen Überlegungen befaßt. „Du hast dich verändert“, stellte er fest. „Irgendwie hatte ich die übermütige und vergnügte Schaine erwartet.“

„Wir haben uns beide verändert“, murmelte sie.

Kelse blickte abfällig auf seinen Arm und das Bein. „Ja, beachtlich. Du hast sie noch nicht gesehen.“

„Sind sie leicht zu benutzen?“

Kelse zuckte die Achseln. „Meine künstliche Linke ist stärker als die Rechte. Mit den bloßen Fingern kann ich Nüsse knacken und alle möglichen erstaunlichen Dinge tun. Ansonsten ist sie wie die Rechte.“

Schaine konnte die Frage nicht unterdrücken: „Und ich, habe ich mich wirklich so sehr verändert?

Kelse blickte sie überlegend an. „Nun, du bist fünf Jahre älter und nicht mehr ganz so mager. Deine Kleidung verrät Geschmack, du siehst gut aus. Du warst natürlich immer hübsch, selbst als Wildling mit schmutzigem Gesicht und zerkratzten Armen und Beinen.“

„Wildling! Ja, wahrhaftig.“ Schaines Stimme klang melancholisch. Während sie durch die Halle schritten, wanderten ihre Gedanken zu vergangenen Tagen zurück. Das Mädchen, von dem sie sprachen, hatte es, wie ihr schien, nicht vor fünf, sondern vor fünfhundert Jahren gegeben. Es hatte in einer anderen Welt gelebt, aus der Leid und Weh ausgeschlossen waren. Alles war klar und einfach gewesen. Morgenwacht galt für sie damals als das Zentrum des Universums. Jeder dort hatte seinen festen Platz und seine feste Bestimmung. Uther Madduc war das Oberhaupt. Seine Entscheidungen – manchmal väterlich, manchmal unverständlich, manchmal schrecklich – waren so unabänderlich wie die Sonne. Und in einer Kreisbahn um diese Sonne bewegten sich Kelse und sie, und in einem etwas weniger stabilen Orbit, manchmal näher, manchmal ferner, kreiste Tortilla, dessen Status häufig unklar war. Schaine war der Wildling gewesen – trotzdem immer hübsch und liebenswert -, genau wie Kelse immer stolz und gutaussehend gewesen war, und Tortilla immer verwegen, mutig und ausgelassen.

Solche Eigenschaften waren ganz einfach nicht in Frage gestellte Bestandteile des Lebens, genau wie das unveränderliche Rosa der Sonne Methuen, und das gleichbleibende Ultramarin des Himmels. Wenn sie so die Jahre zurückschob, sah sie sich – mit Morgenwacht im Vorder- und Hintergrund – als mittelgroßes Mädchen, weder zu kurz noch zu lang, ein wenig schlaksig, aber mit festen Muskeln, die sie sich beim Schwimmen und Laufen und Klettern erworben hatte – alles Sportarten, in denen sie immer noch gut und so ausdauernd wie damals war. Dadurch, daß sie sich mehr im Freien als im Haus aufgehalten hatte, schimmerte ihre Haut stets in einem goldenen Bronzeton, und ihr dunkles Lockenhaar hing gewöhnlich zerzaust ins Gesicht. Sie war das Mädchen mit den sanften Lippen, die fast ständig halb geöffnet waren, als fänden sie mit jedem Augenblick neue Wunder zu bestaunen. Sie war quecksilbrig gewesen, liebevoll zu den kleinen Geschöpfen, die ihr anvertraut waren, und hatte stets irgendeinen Unsinn im Kopf gehabt…  Jetzt war sie fünf Jahre älter und fünf Jahre klüger, letzteres hoffte sie zumindest.

Kelse und Schaine traten hinaus in den milden Morgen Szintarres. Die Luft duftete nach Blumen und Blättern, genau wie Schaine sie in Erinnerung hatte. Von den dunkelgrünen Jubabäumen hingen scharlachrote Blütentrauben, die Sonne filterte durch das dichte Laub und zauberte rosige und schwarze Muster auf den Asphalt der Kharanotis-Avernue.

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Wie das Internet der Dinge das Eigentum beseitigt

Von Adam Rowe; das Original How the Internet of Things erases ownership erschien am 2. Mai 2016 auf IDG CONNECT (inzwischen nicht mehr vorhanden). Übersetzt von Cernunnos.

Einer meiner liebsten Twitter-Accounts über Neuheiten heißt @internetofshit. Der schrullige, sarkastische Untergangsprophet zum Thema Internet der Dinge ist ein produktiver Tweeter und schimpft über alles, von einer Kaffeetasse, die sich mit dem Internet verbindet bis zu einem Pub mit Gesichtserkennung, der Gäste zum Abnehmen ihrer Hüte zwingt, bevor er funktioniert.

Beim IdD gibt es in der nahen Zukunft eine Menge Hürden zu beseitigen, aber die meiste davon sind kosmetischer Art. Bei genügend technischem Fortschritt wird KI zum Beispiel in der Lage sein, Gesichter mit oder ohne Hüte zu erkennen, aber ein riesiges Problem ist dem Konzept eines Internet der Dinge praktisch inhärent und nicht leicht zu überwinden. Dessen Einnahmenmodell erfordert, daß Konsumenten nie wirklich die Geräte besitzen, für die sie bezahlen.

Es begann mit DRM, das einen daran hinderte, Musik oder Bücher zu besitzen

Software ist immer unter eine lockerere Definition von „Eigentum“ gefallen als Hardware. Wenn man an einer Tabelle arbeitet, braucht man sich nicht darum zu sorgen, daß der Stuhl, auf dem man am Schreibtisch sitzt, in den Blauer-Bildschirm-Modus übergeht und unter einem verschwindet. Die Verlagerung der Eigenschaften von physisch auf virtuell ändert eine Menge: virtuelle Daten können mit einem Tastendruck gelöscht werden, aber sie können genauso leicht unbeschränkt vervielfältigt werden. Nachdem eine solche Duplizierung die Marktwerte drückt, entstand das Digital Rights Management (DRM), um autorisierte Neuschaffung durchzusetzen.

Ich lasse die Diskussionen über DRM-bezogene Ethik und Besorgnisse für einen anderen Artikel beiseite, aber das Fazit ist, daß DRM-isierte eBooks und Musikdateien ausreichend stark eingeschränkt sind, daß „besitzen“ kein so zutreffender Begriff ist wie „lizenzieren“. Niemand kauft jemals ein eBook gebraucht. Und die Firmen behalten sich das effektive Eigentum vor, sogar die Fähigkeit, die Produkte jederzeit willkürlich zu löschen.

Diese Tatsache ist nie in poetischerer Weise dargestellt worden als im Juli 2009, als Amazon entdeckte, daß eBook-Ausgaben von George Orwells Klassikern 1984 und Animal Farm ohne gesetzliche Erlaubnis des Rechteinhabers verkauft wurden; sie löschten jede Kopie von den Geräten derjenigen, die für das Buch bezahlt hatten. Angesichts von Orwells Vorliebe, die Exzesse eines totalitären Systems zu kritisieren, schrieben die launigen Einleitungsformulierungen der Reporter sich praktisch von selbst.

Obwohl es so schien, als würde man sie besitzen, waren die eBooks von Amazon geleast, eine Tatsache, die viele Konsumenten überraschte: „Es veranschaulicht, wie wenige Rechte man hat, wenn man ein eBook von Amazon kauft“, sagte Bruce Schneier, ein Experte für Computersicherheit, der von der New York Times zitiert wurde. „Als Kindle-Besitzer bin ich frustriert. Ich kann Leuten keine Bücher leihen, und ich kann keine Bücher verkaufen, die ich bereits gelesen habe, und nun stellt sich heraus, daß ich nicht einmal darauf zählen kann, meine Bücher morgen noch zu haben.“

Das wurde im März dieses Jahres in großem Maßstab klargemacht, als Barnes and Nobles‘ Unternehmen Nook den Verkauf von eBooks im Vereinigten Königreich einstellte. Aber die Nettigkeit der Erklärung von Nook konnte einen Haken beim Übergang der eBooks von Nook zu ihrem neuen Provider im Vereinigten Königreich, Sainsbury’s Entertainment on Demand, nicht verdeckten: Nook arbeitete daran, „sicherzustellen, daß Sie weiterhin Zugang zur großen Mehrheit Ihrer gekauften NOOK-Bücher ohne neue Kosten für Sie haben.“ [Hervorhebung vom Autor]

Genau dieses Phänomen ist bei elektronischen Medien nichts Neues. Amazon hat Abonnenten seit langem geraten, das Video, das sie kaufen, herunterzuladen, um fortdauernden Zugriff sicherzustellen, und jeder freischaffende Schriftsteller ohne ein paar tote Links in seinem CV hat noch nicht lang genug geschrieben. Aber jetzt springt das Phänomen auf Produkte in der realen Welt über.

Nests Geräteunbrauchbarmachungs-Apokalypse ist der Beweis, daß das Internet der Dinge das Eigentum beseitigt

Nest, das Googles Muttergesellschaft Alphabet gehört und eine der größten Firmen ist, die sich der Ausstattung IdD-fokussierter „Smart Homes“ widmen, wird im Mai 2016 eine Auswahl seiner Produkte ausmustern. Zur Klarstellung: sie stellen nicht den technischen Support ein – was es den Geräten ermöglichen würde, weiterhin zu funktionieren -, sie stellen absichtlich sicher, daß die Geräte nutzlos sein werden.

Das Smart-Home-Gerät, Revolv’s Netzknoten und damit zusammenhängende Apps, war Hunderte Dollar wert, hängt aber von seiner Natur her von einer Online-Verbindung ab. Nachdem die Firma entschieden hat, es unbrauchbar zu machen, ist es wertlos. Kunden – sogar jene mit eBooks! – sind zu Recht empört: Wie Business Insider berichtet, wurden die Netzknoten von Revolv damit beworben, daß es dazu ein „Abonnement für die gesamte Lebensdauer“ gäbe.

Sofern das nicht angefochten wird, ist dieser Fall ein Beweis für die Beseitigung des Eigentums unter dem Internet der Dinge. Fairerweise muß man sagen, daß Nests Entscheidung eindeutig ein PR-Versagen aus vielen Gründen ist (sie warnten nicht einmal die Kunden, obwohl sie deren Email-Adressen gespeichert hatten). Es erscheint unwahrscheinlich, daß wir bald in einer Welt leben werden, in der jedes Online-Gerät sich sofort nach Ablauf seiner Garantiezeit abschaltet, und sei es nur wegen der Massenempörung, die das auf sich ziehen würde. Aber die tatsächliche Eigentümerschaft erodiert schnell. Warum?

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