Bertone Ramarro: Fahrbericht und Fotogalerie

Bertone Ramarro 01

Im Jahr 1984 schuf die Carozzeria Bertone auf Basis der damals aktuellen Corvette (der C4) eine Stylingstudie unter dem Namen „Ramarro“, ein Einzelstück, das sich durch eine betonte Keilform auszeichnet und dessen auffälligste Besonderheit die breiten, nach vorn öffnenden Schiebetüren sind:

Bertone Ramarro 02

Zu dieser hellgrünen Flunder gab es in „auto, motor und sport“ Nr. 12-Juni 1984 einen Fahrbericht, den ich nachfolgend wiedergebe:

SHOW-STAR: Fahrbericht Bertone Ramarro
Eigenwillig geformter Prototyp auf Chevrolet Corvette-Basis

Bertone Ramarro 03a

Er wirkt, besonders vor der Kulisse eines italienischen Dorfes, eher wie ein unbekanntes Flugobjekt – der Bertone Ramarro, eine Styling-Studie auf Basis der Chevrolet Corvette.

Keine Regel ohne Ausnahme – auch nicht bei Nuccio Bertone, dem dienstältesten unter den namhaften Turiner Karossiers. Zählten normalerweise auf den Autosalons in Turin oder Genf seine avantgardistischen Entwürfe stets zu den Glanzpunkten, so feierte sein jüngster Show-Star auf der Auto Expo in Los Angeles Weltpremiere. Amerikanisch ist auch die Basis, die Bertone für seinen Ramarro aussuchte: Chevrolets Sportwagen Corvette.

Daß sich der nach einer Eidechsenart benannte Prototyp mit US-Technik bewegt, hat einen sehr realistischen Hintergrund: Die Carozzeria Bertone, mittlerweile vom reinen Styling-Center zum Automobil-Produzenten avanciert, will ihre Aktivitäten auf dem umsatzstarken US-Markt forcieren und sieht im Ramarro einen recht attraktiven Imagemacher, der sich naturgemäß mit Chevy-Technik sehr gut vermarkten läßt. Dies auch deshalb, weil die Chevrolet Corvette in den Augen amerikanischer Sportwagen-Freaks modernste Technik beherbergt. Überdies verfügt die Vette, was Bertones Vorhaben erleichterte, noch über einen stabilen Kastenrahmen aus Stahl und Aluminium.

In nur drei Monaten schneiderten Nuccio Bertone und seine Stylisten im eigenen Entwicklungs-Studio in Caprie vor den Toren der piemontesischen Hauptstadt eine betont keilförmige, somit Bertone-typische Karosserie. Dabei blieb der konventionell konzipierte Sportwagen (Motor vorn, Hinterradantrieb) vom allgemeinen Downsizing-Trend nicht verschont, denn die Gesamtlänge schrumpfte um 33 Zentimeter. Da sich die Bertone-Stylisten hier wieder einmal aller Zwänge entledigen konnten, entstand eine Karosserie, die in jedem Fall eigenständig und unverwechselbar ist.

Doch Bertone, zumindest in der Werbung Verfechter von Oben-ohne-Autos, widerlegt bei seinem jüngsten Produkt seine Aussage „Warum sollen wir in Käfigen fahren?“ Der Ramarro ist ein relativ enges Coupé, das aber durch sein transparentes Fiberglas-Dach zumindest die Illusion vermittelt, unter freiem Himmel zu sitzen. Die allerdings wird teuer erkauft, das merkt man spätestens nach einigen Minuten Fahrt unter Italiens Sonne. Der kleine, gerade zwei Personen Platz bietende Innenraum heizt sich binnen kurzer Zeit derart kräftig auf, daß die Chevy-Klimaanlage alle Mühe hat, die Temperatur auf normalem Niveau zu halten.

Damit die von den Bertone-Designern angestrebte Kompaktform verwirklicht werden konnte, wanderte nicht nur die Klimaanlage ins Wagenheck, sondern auch der Kühler. Als besonderen Gag ersannen die pfiffigen Bertone-Jünger noch eine thermostatisch gesteuerte Öffnung unterhalb der Heckscheibe, die für eine angepaßte Luftdurchströmung des Kühlers sorgt.

Bertone Ramarro 03b

Neuartig ist auch die Anlenkung der extrem breiten Türen. Sie öffnen und schließen in einem geteilten Bewegungsablauf: Erst schwenken sie leicht nach außen, bevor sie dann in Schienen nach vorn gleiten. Allerdings lassen sich auch von geschickten Designern die Schienen kaum kaschieren, doch bei Bertone machte man aus der Not eine Tugend: Die Schlitze finden in Längskerben eine Fortsetzung; die Karosserieflanken sind in drei dezent abgestuften Grüntönen lackiert.

Das kurze, aber wuchtige Stummelheck erinnert hingegen in vielen Designelementen an frühere Bertone-Schöpfungen; von vorn wirkt der Ramarro eher wie ein unbekanntes Flugobjekt – zumal die dunkle Fiberglas-Kuppel mit ihren Reflexionen den Fahrer geheimnisvoll verbirgt.

Bertone Ramarro 03c

Die Vorliebe fürs Futuristische setzt sich beim Ramarro im Innenraum fort, genoß doch die Anwendung unkonventioneller Ideen Priorität. So bestehen die beiden Sitzmulden aus einem durchgehenden Sitzgestell, das auf dem Mitteltunnel mitsamt Verschiebemechanismus gelagert ist. Die durchaus bequemen Sitzmulden sind mit traditionellem Material bezogen, denn „Leder“, so Bertone-Sprecher Gianbeppe Panicco, „läßt sich durch kein Kunstmaterial ersetzen“. Neu ist lediglich die Tatsache, daß in einem Automobil Eidechsenleder verarbeitet wurde, dessen Tönung sich in der Außenlackierung wiederholt.

Daß im Bertone Ramarro-Interieur die Zukunft allgegenwärtig ist, verdeutlicht ein Blick auf die unverändert von der Corvette übernommenen Armaturen. Anstelle analoger Rundinstrumente werden Geschwindigkeit und Drehzahl durch grüne und rote Flüssigkristalle signalisiert, die über seltsam gekrümmte Bahnen zucken; zusätzlich gibt es noch eine Vielzahl von digitalen Ziffern.

Völlig unkonventionell wird im Ramarro auch das Automatik-Getriebe bedient. Dafür ersann der Design-Maestro einen Drehschalter am Armaturenbrett, der sich nicht gerade durch gute Bedienbarkeit auszeichnet.

Die grüne Flunder erregt im Straßenverkehr ein derartiges Aufsehen, daß der Fahrer in erster Linie damit beschäftigt ist, das wertvolle Gefährt ohne Blessuren durch den Turiner Vorstadtverkehr zu dirigieren. So ist es letztlich völlig normal, noch dazu im autobegeisterten Italien, daß der Ramarro sofort Star der Show ist – ganz gleich, ob er auf der Autostrada rollt oder auf der Piazza rastet.

Für dem Aussehen adäquate Fahrleistungen sorgt jener 5,7 Liter große V8-Motor, dessen 205 PS (151 kW) auch in der Original-Corvette für sportliches Temperament verantwortlich sind. Ein kurzer Tritt aufs Gaspedal genügt, um in eindrucksvoller Weise dem Verkehrsgewühl entschwinden zu können. Für die in Italien besonders wichtige akustische Untermalung sorgt zudem das sympathische dumpfe Ausbrabbeln der beiden armdicken Auspuff-Rohre.

Das aufwendig konzipierte Corvette-Fahrwerk mit vier einzeln aufgehängten Rädern (hinten an fünf aus Aluminium gefertigten Lenkern) erlaubt in Verbindung mit dem extremen Reifenformat 280/45 VR 415 (Michelin TRX) sehr hohe Kurvengeschwindigkeiten und ein weitgehend neutrales Eigenlenkverhalten. Eigenschaften freilich, die von einem in erster Linie für die Show erdachten Prototypen nicht unbedingt erwartet und daher selten genutzt werden.

Auch sonst wirkt der exakt 1400 Kilogramm schwere Italo-Amerikaner für ein mühselig in Handarbeit aufgebautes Auto erstaunlich fertig und gut verarbeitet. Vor allem die des besseren Finishs wegen aus Blech und nicht aus Plastik geformte Karosserie hinterläßt einen überraschend soliden Eindruck.

Verkaufen will Bertone seinen Show-Star allerdings nicht. Er wandert nach seiner Tournee durch die Salons von Paris, Turin und Genf ins Bertone-Museum als Kunstwerk.

Paul Schinhofen

*    *    *    Ende des ams-Artikels    *    *    *

Und hier folgt nun eine Galerie weiterer Bilder dieses Unikats:

Bertone Ramarro 04a

Bertone Ramarro 04b

Hier sehen wir den Ramarro in Gesellschaft weiterer Bertone-Kreationen, des Iso Rivolta Grifo, der – ebenfalls auf Corvette-Basis – in Kleinserie gebaut wurde (Mitte) und der Konzeptversion des Lamborghini Miura (hinten):

Bertone Ramarro 05

Auf der anderen Seite des Ramarro steht ebenfalls ein Bertone-Bolide, den ich jedoch noch nicht identifizieren konnte:

Bertone Ramarro 06

Nähern wir uns nun dem grünen Keil von achtern, vorbei am breiten Heck mit der Kühlanlage, deren Lufteinlauf hinter der Heckscheibe erkennbar ist…

Bertone Ramarro 07

Bertone Ramarro 08

…und schauen durch die geöffnete Schiebetür, so fällt uns auf…

Bertone Ramarro 09

… daß sich das Unkonventionelle, „Concept Car“-mäßige auch im Innenraum fortsetzt:

Bertone Ramarro 10 Innenraum

Hier sehen wir – neben den Sitzbezügen aus Echsenleder – das Armaturenbrett mit dem von „ams“ erwähnten Drehschalter für die Automatik:

Bertone Ramarro 11 Armaturen

Von oben, mit geöffneter Motorhaube, ist die typische Corvette-Architektur mit dem weit hinten liegenden, hinter der Vorderachse abgesenkten Front-Mittelmotor gut zu erkennen:

Bertone Ramarro 12

Noch einmal das 2. Bild von oben, etwas größer, falls jemand es in der Form als Wallpaper verwenden möchte:

Bertone Ramarro 13

Und hier noch ein paar weitere Bilder:

Bertone Ramarro 14

Bertone Ramarro 15

Bertone Ramarro 16

Bertone Ramarro 17

Bertone Ramarro Coupe

Über Cernunnos

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