Über unangebrachte Ritterlichkeit und Entmannung

Frank Dicksee Chivalry large

Von Anthony M. Ludovici, übersetzt von Deep Roots.

Das Original Ludovici on Misplaced Chivalry & Emasculation erschien am 5. Juli 2010 bei Counter-Currents Publishing.

Die Verehrung des Engländers für die moderne Haltung der Ritterlichkeit, die man unter dem Etikett „sich an die Spielregeln halten” zusammenfassen kann, wird ihm in der Schule eingeimpft und macht ihn zu einem leichten Opfer für sein weibliches Umfeld.

Es gibt nichts Bewundernswerteres als eine ritterliche Geisteshaltung — jene Geisteshaltung, die in der Feudalzeit in Europa entstand und die es dem Überlegenen und Stärkeren auferlegt, die Schwächeren vor aller Belästigung und Angriffen zu schützen, und sich aller Schwierigkeiten anzunehmen, bei denen man vom Schwächeren vernünftigerweise nicht erwarten kann, damit fertig zu werden. Und es wäre exzellent, wenn Ritterlichkeit in diesem Sinne breiter praktiziert würde.

Vielleicht die besten Exponenten der Ritterlichkeit auf der ganzen Welt waren die alten Maoris von Neuseeland, die niemals einen Kampf fortsetzten, wenn ihr Gegner auch nur den geringsten Nachteil aus einem Mangel an Nahrung oder Wasser hatte, oder weil ihm die Zeit fehlte, seine Verwundeten einzusammeln und zu versorgen. Wie diese Ritterlichkeit seitens der Maoris von den englischen Siedlern ausgenützt wurde, stellt nicht eben die beste Seite in der Geschichte des Empire dar. Aber dies ist eine ganz andere Sache.

Es soll hier genügen zu sagen, daß es die Tradition der Ritterlichkeit überall dort gibt, wo der Feudalismus einst vorherrschte, und das Allerwesentlichste daran ist es, die Neigung der Mächtigen zum Drangsalieren zu vereiteln und ihr zu widerstehen, da diese dazu tendierten, Einzelne oder Gruppen zu schikanieren, die momentan keinen Schutz hatten oder in irgend einer Weise im Nachteil sind. Es war die Geisteshaltung, die Papst Innozenz II dazu veranlaßte, den Gebrauch der Armbrust als ‘barbarische Waffe, die für die Kriegführung von Christen ungeeignet ist’ zu verbieten; die dazu führte, daß Charles V im Jahr 1376 in einem feierlichen Gottesdienst das Andenken an den Schwarzen Prinzen zelebrierte, obwohl dieser sein bitterer und erfolgreicher Feind gewesen war, und aufgrund derer Robert von der Normandie sich weigerte, eine Burg zu belagern, als die Belagerten ohne Wasser waren, und eine andere, als die Königin Heinrichs I. darin im Kindbett lag — von diesem Geist kann man sagen, daß er ziemlich ausgestorben ist.

Schon seit vielen Jahren haben die europäischen Nationen sich nichts dabei gedacht, Wilde, die nur mit Speeren, Pfeil und Bogen bewaffnet waren, mit allen schrecklichen Waffen der modernen Kriegführung abzuschlachten, und keine zivilisierte Nation hat in den letzten hundert Jahren Skrupel gehabt, das momentane Pech eines Gegners auszunützen, oder Nachteile bei Munition, Wasser oder Nahrung, um ihn zu zermalmen.

Und dasselbe trifft mehr oder weniger auf das gesellschaftliche Leben innerhalb der verschiedenen Staaten zu. Wehrlos zu sein, heißt in der Regel schikaniert zu werden. Denken Sie zum Beispiel an die Behandlung von Frauen und Kindern in den frühen Tagen des neunzehnten Jahrhunderts in den Bergwerken und Fabriken im Norden Englands. Während England öffentlich für die Befreiung der Sklaven in Amerika kämpfte, arbeiteten seine eigenen Frauen und Kinder in Ketten unter Tage. Wir können daher sagen, daß der Geist der Ritterlichkeit auch im gesellschaftlichen Leben tot ist. Die Ausbeutung der Schwachen – ich meine nicht die Kranken, das ist etwas ganz anderes – geht Tag für Tag ununterbrochen weiter.

Es gibt jedoch ein seltsames Überleben der Idee der Ritterlichkeit, die auf einmal eine Verzerrung und eine Travestie ihres ursprünglichen Charakters ist, und das ist der Glaube, der in bestimmten Klassen vorherrscht, daß es nicht ‘ritterlich’ ist, wenn ein Mann seinen Willen gegenüber einer Frau durchsetzt. Um jedoch die Wahrheit zu sagen, muß ein Mann, wenn er für seine Partnerin verantwortlich ist, zeitweise ‘seinen Willen durchsetzen’, denn ein Mann kann nicht für jemanden verantwortlich gemacht werden, den er nicht führen kann; das ist etwas Grundlegendes. Der Bergführer weist einen widerspenstigen Touristen bald einmal darauf hin, daß er nur dann für ihn verantwortlich sein kann, wenn er sich in den Rest der Gruppe eingliedert und nicht herumstreunt – das heißt, nur wenn er dem Führer folgt. Und dasselbe gilt für das ganze Leben.

Nun ist es offensichtlich ritterlich für einen Mann, sich für seinen weiblichen Anhang verantwortlich zu fühlen. Diese Verantwortung abzulehnen, ist genau das, was der Ritter von einst am wenigsten wollte. Ritterlichkeit war die verantwortliche Seite des Feudalismus. Aber wie kann ein Mann die Verantwortung für etwas übernehmen, ohne gelegentlich, zumindest in Angelegenheiten, wo seine Verantwortung wahrscheinlich zum Tragen kommt, seinen Willen durchzusetzen?

Es gibt daher einen offenkundigen Widerspruch zwischen der idealen oder praktischen Ritterlichkeit — der einzigen Ritterlichkeit, die zählt, und die in der Bereitschaft besteht, die Verantwortung für jemanden zu übernehmen, der schwächer oder abhängiger ist als man selbst – und dieser anderen Idee der Ritterlichkeit, die modern, falsch und sentimental ist, und die praktisch auf einen Verzicht auf jedes Recht hinausläuft, sich gegenüber einer Frau durchzusetzen, ob sie nun die eigene Gattin ist oder nicht.

Wie zieht der Engländer sich aus diesem Dilemma? Sehr einfach. Er behält seine sentimentale Einstellung bei, daß es nicht ritterlich oder ‘den Spielregeln entsprechend’ ist, sich bei einer Frau durchzusetzen, und ist daher in logischer Konsequenz dazu gezwungen, seine Verantwortlichkeit aufzugeben. Dies wird mehr und mehr so gehalten, und sogar das Gesetz wird geändert, um den Wandel vollständiger und wirksamer zu machen.

Daher haben wir auf der einen Seite beim durchschnittlichen Paar der kultivierten Klassen eine Kreatur, die sich davor scheut, die Dinge anzupacken, jemand, der auf sein Recht verzichtet, sich durchzusetzen, weil er durch ein törichtes Mißverständnis der Ritterlichkeit das Gefühl hat, daß es nicht ‘nach den Spielregeln’ sei, sich bei einer Frau durchzusetzen; und auf der anderen Seite haben wir eine weitere Kreatur, die Frau, die – nachdem von ihr nicht erwartet wird, ‘ritterlich’ zu sein oder ‘nach den Regeln zu spielen’, wiederholt den Sieg über ihren Partner davonträgt wegen des permanenten Vorteils, daß sie die Regeln brechen kann, an die sich ihr Partner gebunden fühlt.

Sie weiß weiters, daß er, genauso wie er gern für humorvoll gehalten wird, auch als das betrachtet werden möchte, was man volkstümlich einen ‚netten Kerl’ nennt. Und wenn er es je wagt, ihr in die Quere zu kommen, wird er schnell wieder unter Kontrolle gebracht mit der Drohung des sofortigen Verlusts seines Rufs der ‘Nettigkeit’. Wenn Frauen ihren Kopf durchsetzen wollen – und das tun sie, wenn man sie läßt – kümmern sie sich wenig darum‚ ‚nach den Regeln zu spielen’. Wie gesagt, wird von ihnen nicht erwartet, daß sie das tun. Folglich ist ihr Sieg, wenn sie es mit einem Mann zu tun haben, der auf seine ‘Ritterlichkeit’ stolz ist, immer gesichert. Wenn wir uns zusätzlich daran erinnern, daß fast die gesamte populäre und gelehrte Meinung in England diese unsinnige Interpretation der ‘Ritterlichkeit’ unterstützt und die Frau diesen Hintergrund der Sympathie hinter sich fühlt, können wir nicht überrascht davon sein, daß Führung, Verantwortlichkeit und Autorität zu Hause, wenn nicht überall sonst, fast gänzlich in die Hände der Frauen übergegangen ist.

Häufig kommt es vor — Gissing erwähnt ein Beispiel, zweifellos aus dem Leben gegriffen – daß eine Frau sich danach sehnt, beherrscht zu werden, wenn sie inmitten eines Tränenausbruchs, mit zornig aufstampfenden Füßen und unter beleidigenden Bemerkungen, sich wundert warum ihr Mann ihr seinen Willen nicht endlich mit Gewalt aufzwingt, und sich halb wünscht, er möge es tun.

Wenn man jedoch eitel ist wegen seines guten Rufs der ‘Ritterlichkeit’, wird man dazu verleitet, sie selbst um den Preis der schmählichen Niederlage beizubehalten, und daher endet zu oft eine Szene, die bei energischer Handhabung die Liebe eines Paares festigen könnte, mit der Errichtung einer Barriere der Fremdheit zwischen beiden. Denn die Frau, unzufrieden mit ihrem angeblich ‘ritterlichen’ Partner und voller Verachtung für ihn, verzeiht ihm nicht seinen Mangel an gewöhnlicher menschlicher Fähigkeit, mit ihr fertig zu werden, und nachdem ihn seine ‘Ritterlichkeit’ gezähmt hat, träumt sie von dem Scheich, der immer noch ungezähmt ist. Daher die enorme Popularität jener Kategorie von Fiktion in England, die von amourösem Verkehr zwischen arabischen Scheichs und weißen Frauen handelt.

Diese sogenannte ‘Ritterlichkeit’ ist auch ein Zeichen einer mentalen Erweichung, denn ein Mann mit starkem Charakter besteht nicht nur darauf, im richtigen Sinne ritterlich zu sein – das heißt, verantwortlich für die von ihm Abhängigen –  sondern wünscht auch das, was damit zusammenhängt, nämlich das Recht zu führen und seinen Willen durchzusetzen, wo seine Verantwortung wahrscheinlich zum Tragen kommt.

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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