Maserati Boomerang

Maserati Boomerang 01 Italien

Auf Basis des Maserati Bora baute Giugiaro ein Einzelstück, den „Boomerang“, der im Frühjahr 1972 auf dem Genfer Automobilsalon vorgestellt wurde. Jürgen Lewandowski in „Maserati: Geschichte – Technik – Typen – Sport“ (Motorbuchverlag Stuttgart 1981, ISBN 3-87943-894-3):

„…ein extremes Fahrzeug, in jeder Beziehung. Das begann bei der keilförmigen Karosserie mit dem großen Glasdach und endete bei dem futuristischen Cockpit […]. Giugiaro hatte einfach die Instrumente in die Lenkradnabe hineinverlegt und somit optimal ins Gesichtsfeld des Fahrers gebracht. Das Einzelstück – das wie sämtliche anderen Exemplare voll fahrtauglich war – wurde dann später nach Spanien verkauft, von wo es nun ein deutscher Sammler „mit 100 Glühlämpchen geschmückt und völlig heruntergekommen“ mit in die Heimat brachte und derzeit restauriert.“

So sollte das Cockpit des Boomerang ursprünglich aussehen:

Maserati Boomerang 02a ursprüngliches Cockpit

Und so – mit konventionellen Rundinstrumenten – wurde es schließlich im fahrfertigen Auto eingebaut:

Maserati Boomerang 02b finales Cockpit

Maserati Boomerang 02c

Hier noch zwei Ansichten der extrem kantigen Keilformkarosserie des Maserati Boomerang…

Maserati Boomerang 03a

Maserati Boomerang 03b

…eine Draufsicht (aus dieser Perspektive gefällt mir der Boomerang am wenigsten)…

Maserati Boomerang 04 Draufsicht

…und eine Längsschnittzeichnung mit den Karosseriemaßen (die Motor- und Fahrwerkdaten sind identisch mit jenen des Maserati Bora (siehe den eingangs verlinkten Artikel)…

Maserati Boomerang 05 Schnittzeichnung

…bevor wir zur Geschichte der oben von Jürgen Lewandowski erwähnten Auferstehung dieses einmaligen Autos kommen, die in „auto motor und sport“ Heft 5 vom 6. März 1985 veröffentlicht wurde (Titelbild aus dem Artikel, weitere Bilder von mir eingefügt):

Zweiter Frühling: Die Wiederauferstehung des Maserati Boomerang

Maserati Boomerang 06 ams 1985

Erinnerungen an die Zukunft: Der 1971 von Giugiaro entworfene Boomerang wirkt auch heute noch futuristisch – als wolle er alle Kanten dieser Welt vereinigen

Es sind wenige Autos, die ihre Besitzer bereits gefährden, wenn die noch gar nicht eingestiegen sind. Der Maserati Boomerang gehört zu ihnen: Einer seiner Vorbesitzer verlor die Lust an dem teuren Einzelstück, als ihm Prügel angeboten wurden von jener Menschenmenge, die den exotischen Italiener mit Begierde und Ehrfurcht im Blick auf dem Marktplatz im spanischen Gerona umlagerte.

„Hinten anstellen“, hatten sie ihm zugerufen und sich die Nasen weiter plattgedrückt an den planen Scheiben des einzigartigen Maserati. Da zerschmolz der Stolz des Besitzers auf seinen Achtzylinder im Haute-Couture-Kleid von Giugiaro wie die Schokolade im Handschuhfach, und für den Boomerang brachen die dunkelsten Stunden seiner glamourgewöhnten Karriere an.

Kurz nachdem der frischgebackene Ital-Design-Chef Giorgio Giugiaro den Keil einst auf den ersten Platz seiner autoästhetischen Werteskala gehievt hatte – man schrieb das Jahr 1971 – erleuchtete der Boomerang mit dem überdimensionalen Maserati-Dreizack auf der Haube den Turiner Salon.

Maserati Boomerang 07a Prototype 1972

Bürgerlich wirkte, an Designer-Maßstäben gemessen allein die Basis. Ein Maserati Bora hatte mit Fahrwerk, Mittelmotor und Bodengruppe als Organspender hergehalten, und vom Bora brachte die Sportwagenmanufaktur aus Modena zwischen 1971 und 1978 immerhin 495 Exemplare unter die besser betuchten Menschen.

Maserati Boomerang 07b

Das avantgardistische Blechkleid des 310-PS-Boomerang sah indessen so aus, als sei das Kurvenlineal bei Ital-Design nicht mehr aufzufinden gewesen. Spiegelglatte Flächen und geradlinig abgekantete Konturen lassen die Rundheit der Räder fast schon als Stilbruch oder als nicht mehr zu überbietende Extravaganz erscheinen. Doch auch dem Lenkrad beließ der Designer die längst überholt wirkende Grundform Kreis. Damit sind die möglichen Analogien zu konventionellen Cockpits allerdings auch schon fast ausgereizt. Das Instrumentarium des Boomerang versammelt sich in der Lenkradnabe, die wiederum als Stirnfläche einer Steuersäule im Format eines Festungsgeschützes die beinahe arrogante Leere der armaturenarmen Tafel unterhalb der Frontscheibe durchbricht.

Das Betrachten der Skalen und Zeiger erfolgt vom Leder-Fauteuil aus, und es kommt kein Gedanke daran auf, daß die Instrumentierung eine von der Not der Stunde diktierte Lösung darstellt.

Giugiaro schwebten damals nämlich modernistische Lichtspiele des Schweizer Herstellers Jaeger vor, doch der noch nicht vorhandene technische Fortschritt verwies die geplante Dramatik der Dioden ins Reich der Illusionen. Fünf Leuchtbänder, eines für jeden Gang, hätten den Fahrer über seine Geschwindigkeit in Raum und Zeit informieren sollen. Dem Drehzahlmesser war eine Skala jener Dimensionen zugedacht, wie sie früher öffentliche Personenwaagen in Bahnhöfen zu krönen pflegte. Den fahrbereiten Boomerang überwachten im Sommer 1972 hingegen artige Rundinstrumente von Veglia, wie sie durch die Kürze der Entwicklungszeit in Kauf genommen werden mußten.

Der silberne Maserati, der auf modischen Schnickschnack wie Spoiler oder Seitenleisten von jeher auch deshalb verzichten konnte, weil er selbst wie ein Spoiler auf Rädern wirkt, war den Maserati-Managern indes eine breite Spur zu futuristisch geraten. An eine Serienproduktion, so ließ man seinem Schöpfer mitteilen, sei in Modena deshalb nicht zu denken.

Giugiaro entschloß sich daher zu einer Taktik, die schon in alten Zeiten das Schicksal aus der Art geschlagener Kinder besiegelte: Er schickte sein Einzelstück in die Fremde. Nach einer jahrelangen Reise durch die Märchenwälder der internationalen Automobil-Ausstellungen rastete der Boomerang dann plötzlich in den Schaufenstern des spanischen General-Motors-Importeurs. Das Gerücht kam auf, der Iberer hätte Giugiaro dafür umgerechnet fast eine Viertelmillion Mark überlassen müssen. In Peseten sah die Summe noch beeindruckender aus: 5.000.000 pts.

Maserati Boomerang 08

Die Ausstellungs-Gruft in Barcelona verließ der Boomerang ein Jahr später auf eigenen Rädern. Am Steuer ein neuer Besitzer – jener Spanier, dem die Freude an diesem außergewöhnlichen Automobil durch die aufdringliche Belagerung allerorten zuzüglich der angeführten zwischenmenschlichen Affekte alsbald verging. Das Auto geriet wiederum in neue Hände, die allerdings fast dafür gesorgt hätten, daß es den Weg aller spanischen Kampfstiere gegangen wäre – schön, stark und wild bis zum letzten, aber unabänderlich der Klinge geweiht. Ein Deutscher mit Diskothekenbesitz in Spanien hatte sich den Maserati auf die Speisekarte gesetzt.

Ein handwerklich begabter Mensch, dem dabei aber alle Ehrfurcht vor der geschichtlichen Größe fehlte, die der Boomerang verkörperte. Mit einer profanen Bohrmaschine hatte er das in Handarbeit von den italienischen Maßschneidern gefertigte Blechkleid perforiert und auf der Epidermis des Show-Stars elektrische Kettchen installiert, die in den spanischen Saison-Nächten vorzugsweise orange und grün blinkten.

Der Maserati-Mechanik erging es ähnlich. Die Einstellwerte der vier Weber-Doppelvergaser gerieten in Vergessenheit, und die Zylinderköpfe entwickelten zunehmend Ähnlichkeit mit einer Tafel Wellblech. Dann gaben die Dichtungen auf, und schließlich ergoß sich das Kühlwasser des V8 auf den sengend heißen Sand einer andalusischen Chaussee.

Es war die blaue Stunde zwischen Tag und Nacht, als die Laufbüchsen rissen, und es war die Stunde Berthold Ollmanns. Der Essener Industrielle befand sich auf dem Heimweg. Als der Sportwagen die Dämmerung zerkeilte, wie ein sterbender Schwan am Seitenfenster seines Fiat 127 vorüberzog und röchelnd dem Horizont zustotterte, glaubte der Maserati-Fan vom Rhein zunächst an ein Phantom.

Des eiligen Wendens und der hektischen Verfolgungsfahrt hätte es indes nicht mehr bedurft – der Boomerang war einen knappen Kilometer weiter gestrandet. „Da stand er und rauchte, wie es Maseratis mitunter zu tun pflegen“, schilderte Ollmann das unverhoffte Rendezvous im beginnenden Dunkel der Nacht.

Man wurde rasch handelseinig. Und nachdem noch der Essener Maserati-Händler Peter Bergmann mit einer ansehnlichen Ersatzteil-Kollektion im Kofferraum dem Ruf Ollmanns ins Spanische gefolgt war, gab der Boomerang nach 14tägiger Behandlungszeit spuckend und hustend wieder Zeichen des Lebens von sich. Es folgten weitere Monate der Rekonvaleszenz in Deutschland. Die Lichterketten-Löcher im Blech wollten zugelötet sein, der Motor verlangte nach einer Generalüberholung genauso wie das Interieur.

Da sich der Aufenthalt des Boomerang während der Kur in Essen nicht geheimhalten ließ, waren Offerten auch ungewöhnlicher Art unvermeidlich. Ein Spielwaren-Hersteller aus Japan zum Beispiel hausierte mit seinen Diensten – bei der Abnahme von 1000 Boomerang-Modellen käme der Bausatz pro Stück auf 36 Dollar.

Doch der Maserati-Freak aus Essen gab sich zugeknöpft. Er genießt den Boomerang in der Garage wie ein hochgradig infizierter Philatelist die blaue Mauritius im Safe. Es genügt zu wissen, daß man sie hat.

Die Ausfahrten im Flachmann unternimmt Ollmann nicht selten in Begleitung – es ist immer auch ein bißchen Angst mit von der Partie. Furcht etwa davor, daß ein ahnungsloser Sonntagsfahrer das Geschoß torpedieren und nur ein ausgeglühter Haufen Metall wie ein Maserati-Marterl am Wegesrand zurückbleiben könnte.

Der Versicherungswert des Unikats versteckt sich hinter dem großen Pfadfinder-Ehrenwort, das Ollmann sich selbst gegeben hat – nie über Geld zu sprechen. Doch es gibt Schätzungen: Die Viertelmillion, die Giugiaro einst kassierte, dürfte die Renaissance des Boomerang inzwischen noch einmal verschlungen haben.

Die Sorgen des Besitzers sind indes nicht finanzieller Natur. In seinem Herzen bewegt er die Frage, ob es denn legitim sei, die kreuzbraven Armaturen gegen zuckende Lichtbänder auszutauschen, wie sie der Boomerang-Macher Giugiaro einst projektiert hatte. Es ist das typische philosophische Problem eines zweiten Frühlings.

*   *   *   Ende des ams-Artikels   *    *   *

Und hier wieder eine Bildergalerie vom Ergebnis der Restaurierungsbemühungen:

Maserati Boomerang 09

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