Hülsenfrüchte 1: Schrotpatronen für Faustfeuerwaffen

CCI 44

CCI-Schrotpatronen im Kaliber .44 Magnum

Von Deep Roots. In Büchsen-Licht (2): Unterhebelrepetiergewehre habe ich schon einiges über die Schrotpatronen gebracht, die es von CCI für mehrere Pistolen- und Revolverkaliber gibt (bei den Pistolenpatronen ist die blaue Schrotkapsel vorne abgerundet, außer bei der .45 ACP, bei der die Hülse nach vorn gezogen ist). Angeregt von Informationen aus dem VISIER-Sonderheft „Geschosse und Ballistik“, die ich bereits in meinem Kommentar Nr. 34 zu “Teilchenbeschleuniger“ erwähnt habe und die vermuten lassen, daß diese Munitionsart bisher unterschätzt wurde, und ergänzt durch in der Zwischenzeit durchgeführte eigene Versuche, werde ich dieses Thema hier noch einmal näher behandeln. Zunächst bringe ich dazu einen bereits in „Büchsen-Licht 2“ auszugsweise zitierten Artikel von Dipl. Ing. Manfred Ertl aus dem Septemberheft 1990 des Schweizer „Internationalen Waffen-Magazins“, hier jedoch in voller Länge und mit den Bildern daraus:

SCHROTPATRONEN IN FAUSTFEUERWAFFEN

S&W Chiefs Special Trommel

Die Trommel eines „Chief’s Special“, geladen mit einer Schrotpatrone und vier Patronen mit Soft-Point-Geschossen.

Schrotpatronen für Faustfeuerwaffen sind nicht gerade eine Marktneuheit, haben aber ballistische Eigenschaften, die sie durchaus interessant machen. Ursprünglich wurden diese Patronen entwickelt, um mit Faustfeuerwaffen auf Kleintierjagd zu gehen und schwer zu treffende Giftschlangen abzuwehren. Sie sind unter Umständen aber auch in der Selbstverteidigung mit Schußwaffen geeignet, eine ballistische Lücke zu schließen.

Handelsüblich sind für Faustfeuerwaffen bestimmte Schrotpatronen in den Kalibern .22 L. R. bis .45 ACP. Da die kleineren Kaliber aber eine volumenbedingt geringe Schrotzahl haben, sind für den Selbstverteidigungsbereich in kurzläufigen Waffen nur die Kaliber .38 bis .45 interessant. Als repräsentative Waffen/Munitionskombination wurde ein 2“-Revolver Smith & Wesson Mod. 36 im Kaliber .38 Special verwendet, da diese .38er Snubnose-Revolver sich auf Grund ihrer Größe gut zum verdeckten Tragen eignen.

S&W Chiefs Special

Die Testwaffe, ein .38er S & W Mod. 36 „Chief’s Special“ mit 2“-Lauf; hier mit vier Teilmantel-Flachkopfpatronen und einer CCI-Schrotpatrone.

Vergleichende Versuche mit anderen Kalibern und Lauflängen erbrachten folgendes:

– Die Lauflänge hat nur geringen Einfluß auf die Streuung und die Durchschlagsfähigkeit der Schrote.

– Patronen im Kaliber .45 ACP entsprechen in der Durchschlagsleistung ungefähr dem Kaliber .38 Special, erzielten aber etwas engere Streukreise.

– Das Kaliber .44 Magnum bringt aufgrund der größeren Schrotzahl (ca. 170 Kügelchen) eine bessere Deckung als die .38er-Patronen, Durchschlagsleistung und  Streukreise sind ungefähr gleich.

CCI-Schrotpatronen 3 Kaliber

Zur Selbstverteidigung geeignete CCI-Schrotpatronen, v. l. n. r.: .38 Special, .44 Magnum, .45 ACP.

Da Revolver mit 6“-Läufen und schwere .44er auf Grund ihrer Dimensionen in der zivilen Selbstverteidigung kaum verbreitet sind, haben wir die weiteren Versuche mit dem kurzläufigen .38er „Chief’s Special“ durchgeführt.

Bei einer Schußentfernung von 5 m zeigten sich auf der Zehner-Ringscheibe (Durchmesser der Zehn: 100 mm) folgende Ergebnisse:

– Der Haltepunkt der Schrotmunition ist nahezu identisch mit dem der Kugelmunition.

– Durch den gezogenen Lauf und die lockere Packung der Schrote ergeben sich leichte Hohlschüsse.

– Seitliche Asymmetrien waren nicht zu beobachten.

– Rund zwei Drittel aller Treffer lagen in einem Kreis von ca. 50 cm Durchmesser.

Um sich von abstrakten Rechenwerten der Streuung zu lösen, wurden für die praktischen Versuche keine Schrotschußprüfscheiben, sondern lebensgroße Mannscheiben beschossen. Verwendet wurden Schrotpatronen des Kalibers .38 Special mit je 135 Schrotkörnern von 2 mm Durchmesser, Schrotkornquerschnitt 3,14 mm², Mündungsgeschwindigkeit der Schrotladung ca. 305 m/s, Mündungsenergie des einzelnen Schrotkorns 2,2 J [x 135 = 297 Joule].

CCI Schrot 38 Special

CCI-Schrotpatrone .38 Special: die Schrote sind in einer Plastikkapsel.

Gute Deckung auf Nahdistanzen

Bei Haltepunkt Körpermitte ergaben sich die folgenden durchschnittlichen Trefferzahlen aus je drei Schuß auf der Mannscheibe:

2 m Entfernung: 111 Treffer (teilweise Einzeltreffer nicht trennbar);  5 m: 105 Treffer;  10 m: 48 Treffer.

Schüsse aus 2 bis 3 m Entfernung auf die Beine zeigten die gute Kontrollierbarkeit der Schrotgarbe auf kurze Entfernungen. Schüsse auf kurze Entfernung auf den Kopf des Angreifers führen zu verheerenden Verletzungen.

Durch diese Versuche läßt sich die Ausbreitung der Schrotgarbe relativ gut ermitteln. Schwieriger ist es, die zielballistische Wirkung eines derartigen Schrotschusses mit einer Faustfeuerwaffe abzuschätzen. In feuchten Ton dringen die 2 mm-Schrotkörner bei einer Schußentfernung von 2 bis 10 m ungefähr 3 bis– 4 cm tief ein. [Anm. D.R.: Die Dichte von Ton beträgt ungefähr das Doppelte von Muskelgewebe.] Die Beurteilung von Schrotschußverletzungen in Bezug auf Mannstoppwirkung und eintretende Handlungsunfähigkeit ist schwierig, da solche Werte zwar für die Jagd bekannt sind, aber mangels eindeutiger Modelle und Berechnungsgrundlagen nicht auf den Menschen hochgerechnet werden können.

Schrotschuß = Schockeffekt

Kurz zur Erinnerung: Die Wirkung von jagdlichen Schrotschüssen beruht nicht auf der Zerstörung lebenswichtiger Organe, sondern auf einem Schock durch einen großflächigen Reiz auf das gesamte Nervensystem durch eine Vielzahl kleiner Verletzungen. Ein derartiger Schockeffekt tritt sicher auch beim Menschen auf, unterliegt in seiner Größenordnung aber erheblichen Schwankungen, wie die Auswertung von Jagdunfällen und Straftaten mit Schrotmunition zeigt.

Einen erheblichen Einfluß auf die Wirkung haben Trefferzahl, psychischer Zustand und Bekleidung. Dünne Sommerbekleidung wie Lederjacke mit T-Shirt verringert die Eindringtiefe um ca. 1 – 2 cm. Dickere Winterbekleidung oder Motorradkombis wurden teilweise gar nicht durchdrungen. Nicht zu unterschätzen ist aber der psychologische Schock, von einer Schußwaffe getroffen worden zu sein, der in manchen Fällen ausreichen dürfte, um einen Angriff zu beenden.

Vorteile des Schrotschusses

Wenn auch nicht davon auszugehen ist, daß die Attacke eines wild entschlossenen Angreifers durch einen derartigen Schrotschuß sofort gestoppt wird, so hat diese Munition doch einige Vorteile gegenüber normalen Einzelgeschossen:

– Treffer zumindest mit einem Teil der Schrotladung werden auf kurze Entfernungen (bis 10 m) auch für ungeübte Schützen in Streßsituationen wahrscheinlicher.

– Die Gefährdung des Hinterlandes wird aufgrund der geringen Reichweite der Schrote (unter 100 m) deutlich reduziert.

– Beschossene Angreifer werden nicht lebensgefährlich verletzt.

– Durch die Wahl des Haltepunktes läßt sich die Wirkung bei kurzen Kampfentfernungen gut variieren. Haltepunkt Kopf = schwere Verletzungen, vermutlich sofortige Kampfunfähigkeit. Haltepunkt Beine = keine irreversiblen Verletzungen, jedoch starke Einschüchterungswirkung.

Neben diesen Vorteilen hat die Schrotmunition aber auch Nachteile:

– Keine Durchschlagsleistung gegen Deckungen.

– Starke Bekleidung wie Motorradkombi oder dicker Wintermantel werden teilweise gar nicht durchschlagen.

– Bei Schußweiten über 5 m läßt sich die Schrotgarbe nicht mehr auf einen bestimmten Punkt des Ziels konzentrieren.

Da sich Notwehrsituationen meist unter 10 m, häufig sogar unter 5 m, abspielen, steht mit diesen Schrotpatronen eine Munition zur Verfügung, die eine Lücke zwischen der reinen Drohung mit der Waffe und dem Schußwaffeneinsatz schließt.

Ein Schuß mit dieser Munition auf die Beine des Angreifers verletzt diesen zwar, aber dennoch nicht so schwer, daß mit irreversiblen Schäden oder gar Tod zu rechnen ist. Das heißt, es steht ein Mittel zur Verfügung, einem gefährlichen Angreifer die Ernsthaftigkeit des Verteidigungswillens  schmerzhaft zu verdeutlichen, ohne ihn lebensgefährlich verletzen zu müssen. Ist eine derartige Schrotpatrone in der ersten Kammer des Revolvers geladen, und die folgenden mit normaler Munition, so hat der Verteidiger die Option, mit einer Art gestaffelter Eskalation seiner Verteidigungsmittel zu reagieren. Dies ist vor allem auch deshalb wichtig, da die Rechtssprechung in Notwehrlagen fordert, das schwächstmögliche wirksame Mittel der Verteidigung einzusetzen. Vor Gericht besteht immer die Gefahr, daß ein tödlicher Notwehrschuß als überzogene Notwehr ausgelegt wird. Jeder Staatsanwalt wird aber einsehen, daß ein scharfer Schuß das letzte Mittel der Verteidigung ist, wenn sich zuerst einmal ein Schrotschuß als wirkungslos erwiesen hat.

Alternative zum Kugelschuß

Somit ist es sicher eine sinnvolle Alternative, wenn die erste Patrone in der Trommel oder im Magazin eine Schrotpatrone ist, und damit der erste Schuß ein zwar gefährliches und wirkungsvolles Verteidigungsmittel ist, die Tötung des Angreifers jedoch – nach normalen Maßstäben gerechnet – noch ausschließt.

Dipl. Ing. Manfred Ertl

*  *  *  *  *  *  *

So weit Dipl. Ing. Ertl. Aus einem Unterhebelrepetiergewehr werden die ballistischen Leistungen dieser Patronen noch höher sein; weil es hier keinen Gasdruckverlust durch einen Trommelspalt gibt, dürfte auch die größere Lauflänge noch mehr bringen als bei längeren Faustfeuerwaffen. Dies wirkt sich sowohl auf die taugliche Einsatzreichweite als auch auf den maximalen Gefährdungsbereich aus. Auch dürften die Schrotgarben aus Gewehrläufen enger beisammenbleiben als aus Kurzwaffen. Ich habe vor, das bei Gelegenheit in der Praxis auszuprobieren, und werde dann im Kommentarstrang darüber berichten (oder vielleicht auch in einem kurzen Ergänzungsbeitrag). Bei der Gelegenheit wird sich auch zeigen, wie sich gezogene Gewehrläufe hinsichtlich Hohlgarben (ringförmige Zonen maximaler Trefferdichte mit schwächer abgedecktem Zentrum, bedingt durch den Drall des Laufs) auswirken. Ebenso wird anhand der Streukreise auf größere Entfernungen zu sehen sein, wie weit sich diese Munition in Notzeiten für die Kleinwildjagd eignen würde.

CCI 357-38 Schrot

Mit Faustfeuerwaffen habe ich bereits praktische Versuche durchgeführt, und zwar mit zwei Revolvern im Kaliber .357 Magnum, der eine mit 4 Zoll Lauflänge (10 cm), der andere mit 6 Zoll (15 cm). Verschossen wurden dieselben CCI-Schrotpatronen Kaliber .38 Special, wie sie auch Manfred Ertl im obigen Test verwendet hat. (Für Waffenlaien: Patronen im Kaliber .38 Special kann man auch aus .357er-Waffen verschießen; die .357 Magnum ist praktisch eine .38 Spec. mit um 3,4 mm längerer Hülse und einer deutlich stärkeren Pulverladung.) Unten ein Trefferbild mit dem Vierzöller auf 2 m Entfernung. Haltepunkt war – wie auch bei allen folgenden Scheiben – jeweils die Mitte. Die Strichmarkierungen auf dem Mittelkreuz sind Zentimeterteilungen, der innere Kreis hat einen Durchmesser von 13,5 cm (Innenrand), der äußere mißt 28 cm von Außenkante zu Außenkante. Die Treffergruppe ist ca. 15 cm breit und 17 cm hoch, und es befanden sich 86 Schroteinschläge auf der Scheibe. Man erkennt auch die Löcher, wo Teile der Schrotkapsel durchgeschlagen haben. Auf einer zweiten Scheibe mit demselben Revolver auf 2 m waren es 90 Treffer.

38er-Schrot 4 Zoll 2 m 86 Treffer

Aus dem 6-Zoll Lauf sah es dann so aus (Bild unten, 118 Treffer; ein zweiter Schuß brachte 106 Löcher):

38er-Schrot 6 Zoll 2 m 118 Treffer

Auch hier lag die Mitte der Treffergruppe wieder einige Zentimeter unter dem Haltepunkt. Seltsamerweise sieht es einerseits in beiden Fällen so aus, als hätten alle Schrote die Scheiben im Format DIN A3 getroffen, und dennoch zählte ich nur 86 bis 118 Löcher. Das nächste Bild zeigt das Resultat aus dem Vierzöller auf 3 m:

38er-Schrot 4 Zoll 3 m 115 Treffer

Trotz des merklich größeren Trefferbildes hatten diesmal 115 Schrotkörner die Scheibe getroffen, aber es sieht dennoch nicht so aus, als wären viele (oder überhaupt welche) danebengegangen. Ähnlich beim Sechszöller auf dieselbe Distanz (104 Treffer):

38er-Schrot 6 Zoll 3 m 104 Treffer

Aus dem Vierzöller auf 4 m sah es schon eher aus, als könnten ein paar Kügelchen die A3-Scheibe verfehlt haben; hier waren es 97 Treffer…

38er-Schrot 4 Zoll 4 m 97 Treffer

…und mit dem Sechszöller auf 4 m ebenfalls 97 Einschläge:

38er-Schrot 6 Zoll 4 m 97 Treffer

Und schließlich habe ich noch auf 5 Meter auf einen Scheibentyp geschossen, der hinsichtlich einer Verteidigungssituation besonders aussagekräftige Bilder liefert; zunächst mit dem Vier-Zoll-Revolver:

Combatscheibe 5 m 4 Zoll 89 Treffer

Haltepunkt war wieder der Schnittpunkt des Mittelkreuzes, der innere Kreis hat einen Außenranddurchmesser von 27 cm, der äußere einen von 54 cm, und die feinen konzentrischen Kreise haben 2 cm Abstand voneinander. 89 Schrote haben den „Gegner“ getroffen; zusammen mit den 13, die ihn verfehlt haben, sind also 102 auf der Scheibe gelandet, die 62,5 x 75 cm mißt (einschließlich der hier abgeschnittenen Randbereiche). Mit dem 6-Zoll-Revolver (nächstes Bild) waren es 96 Treffer auf der Mannsilhouette, zusammen mit 6 weiteren drum herum (einer davon hier abgeschnitten) haben wieder 102 Schrote die Scheibe getroffen. Der Boden der Schrotkapsel hat diesmal fast genau in der Mitte durchgeschlagen.

Combatscheibe 5 m 6 Zoll 96 Treffer

Im Gegensatz zu den Schüssen auf die kleineren Scheiben aus geringerem Abstand ist bei den Schußbildern auf 5 m bereits eine Tendenz zu Hohlschüssen erkennbar, das heißt, eine leichte Ausdünnung der Trefferdichte in der Mitte, was durch die Rotation der Schrotladung im gezogenen Revolverlauf bewirkt wird.

Durch das beständige Treffermanko argwöhnisch geworden, habe ich eine Patrone zerlegt (man kann die Schrotkapsel mit Daumen und Zeigefinger aus der Hülse ziehen)…

38er CCI Schrot zerlegt

…und den Bodenstöpsel der Schrotkapsel entfernt, was mit den Fingernägeln möglich ist:

38er CCI Schrot geöffnet

Die anschließende Zählung der Kügelchen hat nur 123 ergeben. Die Angabe „Approx. 135 Pellets“ auf der Packung ist also eindeutig gemogelt, und die Mündungsenergie reduziert sich somit auf Basis der von Manfred Ertl (für den 2-Zoll-Lauf) ermittelten 2,2 Joule pro Schrotkorn auf 2,2 x 123 = 270 Joule.

Zum Vergleich: die .38 Special hat laut „Infanteriewaffen gestern“ von Lidschun & Wollert eine Mindestenergie von 247 J, die 9 x 17 mm (alias 9 mm kurz oder .380 Auto) bringt 218 J, und die 7,65 Browning (das Originalkaliber der Walther PP und PPK) kommt auf 205 J. Patronen im Kaliber 9 x 19 mm (9 mm Parabellum alias 9 mm Luger) bringen aus Pistolen im normalem Dienstwaffenformat ca. 440 – 500 J, und die Spanne der .357 Magnum reicht aus vier- bis sechszölligen Läufen von ca. 600 – 840 J (die Werte für die zwei letztgenannten Kaliber beruhen auf Eigenmessungen).

PRAKTISCHE VERWENDUNG:

Da wäre zunächst die von Manfred Ertl beschriebene Alternative, für Verteidigungssituationen bei noch einigermaßen vorhandener staatlicher Justiz eine Schrotpatrone als erste Patrone einzusetzen und die restlichen Trommelkammern (oder bei Pistolen das Magazin) mit normalen Patronen zu laden. Dabei ist zu beachten, daß die Trommel eines Revolvers sich schon beim Spannen des Hahns um eine Kammer weiterdreht, weshalb die Schrotpatrone sich nicht in der unmittelbar hinter dem Lauf liegenden Kammer befinden darf, sondern eine Kammer (in Drehrichtung) vor der obersten Position. Desgleichen sollte man, wenn man sich dafür entscheidet, eine Schrotpatrone in den Lauf eines Unterhebelrepetierers zu laden und normale Patronen im Röhrenmagazin bereitzuhalten, falls die Schrotladung nicht ausreicht, unbedingt daran denken, daß die jeweils zuletzt in die Röhre geschobene Patrone als erstes in den Lauf repetiert wird! Das ist zwar naheliegend und logisch, könnte aber von wenig Geübten im Streß einer Ernstfallsituation vergessen werden.

Dipl. Ing. Ertls Anmerkungen zur Wirkung jagdlicher Schrotschüsse decken sich mit Aussagen eines anderen Artikels (in einer älteren Ausgabe des Deutschen Waffenjournals, die ich nicht mehr finde), wo es hieß, daß die Schrotkörner den Balg z. B. eines Hasen nicht sehr weit durchschlagen und vielmehr durch den Nervenschock wirken, der durch die vielen fast gleichzeitigen Einschläge ausgelöst wird. Wie wir jedoch noch sehen werden, trifft einerseits die Nervenschock-These gemäß Erfahrungen von Schweizer Jägern offenbar doch nicht zu, und andererseits ist die Eindringtiefe in lebendem Gewebe weit höher, als es Versuche mit Ton, ballistischer Seife oder Gelatine erwarten lassen. Zunächst jedoch die Aussage eines Lesers, der in VISIER 12/2011 dies über die Verwendung solcher Schrotpatronen aus Faustfeuerwaffen schreibt:

Der Schrotschuss aus dem Revolver (und der Pistole!) selbst ist ein „alter Hut“ – ich verwende selbst seit (Jagd-) Jahrzehnten in meinem Revolver S & W Mod. 13-5 Schrotpatronen von CCI im Kaliber .38/.357, in meiner 1911 A1 benutze ich ebensolche Patronen im Kaliber .45 ACP. In diesen sehr potenten Patronen stecken etwa für den Revolver 165 (.38/.357) Stahlschrote in Millimetergröße, im Kaliber .45 sind es zirka 210 Stahlschrote. Diese Ladungen reichen locker aus, um kleineres Raubwild zu bejagen, auch bei der Fallenjagd sind sie sehr bewährt. Wir haben vor vielen Jahren einmal unter Jägern die Selbstverteidigung mit dieser non-letalen Munition besprochen und interessehalber ein paar Versuche durchgeführt. Der Schuß aus dem Revolver auf eine lederne Motorradjacke zeigte, daß aus einer Distanz von zwei Metern alle Stahlschrote die Vorderseite der Jacke durchschlagen hatten, etwa 30 % schafften es noch, an den nicht verstärkten Stellen der Jacke auch die Rückseite zu durchdringen. Der Schuß aus demselben Revolver auf eine Schweineschwarte zeigte in Handtellergröße eine kraterartige Wunde, aus der auch etliche Fleischpartikel herausgerissen wurden.

*   *   *

Das mit den Stahlschroten stimmt zumindest bei den .38er-Schrotpatronen nicht, die ich besitze: ein Versuch mit einem Lautsprechermagneten zeigte kein bißchen Anziehung; das müssen also Bleischrote sein. Auch sind es, wie schon erwähnt, nominell 135 Kügelchen und tatsächlich 123 mit 2 mm Durchmesser. Vielleicht gab oder gibt es auch eine Ausführung mit solchen feinen Stahlschroten, und der Leser hat aufgrund dessen angenommen, daß in der .45er-Patrone auch welche drin sind.

Bezüglich der Durchschlagsleistung von Jagdschrot feiner als Postenschrot sowie der diesem oft zugeschriebenen Nervenschockwirkung infolge vieler gleichzeitiger Schmerzimpulse (siehe oben) gibt es im neuen VISIER-Sonderheft Nr. 66 „Geschosse und Ballistik“ einen interessanten Abschnitt, den ich nachfolgend (ab S. 66) zitiere:

Aus zielballistischer Sicht erzeugt das einzelne Schrotkorn aufgrund seiner Kugelform Schusskanäle, die ähnlich denen eines Flintenlaufgeschosses gerade verlaufen und sich nach hinten hin verjüngen. Dabei legt die Schrotkugel aber das größte Zerstörungspotential direkt nach dem Einschuss an den Tag. Die Eindringtiefe steht dabei in direktem Zusammenhang zur Auftreffgeschwindigkeit und Schrotgröße: Je grober der Schrot, desto tiefer die Eindringtiefe. Auch verursachen viele dicht zusammen liegende Einschüsse in der Regel eine größere Wirkung, als weit auseinander liegende. Dennoch kann letztlich auch ein einziges Schrotkorn (bei entsprechender Eindringtiefe) ein lebenswichtiges Organ oder Blutgefäß zerstören und den Tod herbeiführen.

Und dann ist da noch das, was man beim Ablegen des Jagdscheins lernt: Dem Schrotschuss wird auch bei kleinerem Haarwild (Säugetiere) wie etwa Hase oder Fuchs die Wirkung per Schock-Tod oder Schock attestiert: Dieser Begriff bezieht sich auf das periphere Nervensystem, das sich bei allen Säugetieren über den gesamten Körper erstreckt. Durch das gleichzeitige Erregen zahlreicher Rezeptoren (Sinneszellen) dieses Systems soll eine Art Reizüberflutung entstehen. Eine Schrotgarbe soll demnach für ein multiples Reizen zahlreicher einzelner Nervenenden – ein simultanes Erregen vieler dieser Bereiche – sorgen. All das soll das Gehirn dann nicht mehr verarbeiten können und daraufhin sofort abschalten. Stark vereinfacht gesagt, ließe sich dies mit einem die Sicherungen „heraushauenden“ Kurzschluss vergleichen.

Diese These läßt sich nach der Auffassung des Schweizer Ballistik-Autors Peter Pulver nicht mehr halten. Er stützt sich dabei auf seine Erfahrungen bei der in der Schweiz erlaubten und verbreiteten Rehjagd mit Schrot und Versuche mit Füchsen. [Anm. D.R.: die in der Schweiz vorgeschriebene Mindestschrotgröße für die Jagd auf Rehe beträgt 3,5 bis 4 mm.] Bei diesen Jagden fliehen mit Schrot beschossene Rehe oft große Strecken, während andere bei gleicher Trefferlage sofort umfallen. Pulver führt das blitzartige Zusammenbrechen daher auf Treffer im Rückenmark oder davon ausgehenden Nerven zurück. Dadurch werden die Tiere paralysiert. Sie sind aber nicht sofort tot, sondern verbluten anhand anderer Treffer innerlich. Oft atmen die Rehe noch, sind aber nicht mehr bei Bewußtsein, bis der Tod durch Blutverlust nach einigen Sekunden bis wenigen Minuten eintritt.

Ein toter Fuchs diente Peter Pulver als Testobjekt zur Bestimmung der Eindringtiefe von Schroten. Aus 40 Meter Entfernung schlugen die 3 mm großen Körner fast komplett durch den Rotrock.

Ein toter Fuchs diente Peter Pulver als Testobjekt zur Bestimmung der Eindringtiefe von Schroten. Aus 40 Meter Entfernung schlugen die 3 mm großen Körner fast komplett durch den Rotrock.

Kritiker halten dagegen, dass die Schrote dazu im Allgemeinen nicht tief genug in den Wildkörper eindrängen. Dem widersprechen Erfahrungen von Schweizer Jägern, deren vier Millimeter starke Schrote regelmäßig Rehe auf 30 Meter Distanz komplett durchschlagen. Auch Pulvers Schussversuche mit dem Fuchs widerlegen die Aussagen zur mangelnden Eindringtiefe: Ein bereits toter Reineke wurde dazu mit 3-mm-Schrot auf 40 Meter Distanz beschossen und anschließend untersucht. Dabei lagen die Schrote dann tatsächlich unmittelbar unter der Haut, aber auf der dem Einschuß gegenüberliegenden Seite. Da Füchse dicker sind als Hasen, erübrigte sich ein analoges Experiment mit dieser Wildart. Die Schrote dringen demnach in jedem Fall tief genug ein.

*   *   *   Ende des Artikelzitats   *   *   *

Daß 4-mm-Schrotladungen auf 30 Meter Entfernung ein Reh durchschlagen können, während die 6,1 mm starken Schrote von 4-Buckshot-Ladungen auf offenbar kurze Entfernung in Gelatine nicht viel mehr schaffen (siehe die Grafik des Firearms Tactical Institute weiter unten), deutet schon darauf hin, daß Gelatine den Geschossen offenbar doch einen stärkeren Widerstand entgegensetzt als Muskelgewebe, und tatsächlich steht im selben, hochinteressanten und sehr empfehlenswerten VISIER-Sonderheft „Geschosse und Ballistik“ auf Seite 85:

Eine andere Frage ist, in welchem Verhältnis die Eindringtiefe in Gelatine und in Muskelgewebe stehen. Für Rehwild und auf 4 ° C gekühlte 10-prozentige Gelatine hat der Schweizer Ballistiker Peter Pulver dieses Verhältnis empirisch untersucht – mit Beschüssen auf eine Reihe von Rehdecken, halben Lungen und ganzen Herzen. Der halben Eindringtiefe in ein Reh entspricht demnach ein gerade 4 cm langer Block.

*   *   *

Geschosse, die in ballistischer Gelatine nur 4 cm tief eindringen, schlagen also in ein Reh in Querrichtung bis zur Körpermitte ein, was ca. 10 cm in einem realen Körper entspricht, also mindestens der 2 ½-fachen Eindringtiefe in Gelatine (die Körperbreite eines Rehs beträgt ungefähr 20 cm; falls ich einmal Gelegenheit bekomme, das an einem ausgestopften Exemplar genauer nachzumessen, trage ich das hier nach). Sehen wir uns nun dieses Bild aus dem VISIER-Sonderheft Nr. 52 „Taschenpistolen, Taschenrevolver“ von einem Beschußversuch ballistischer Seife mit 2 mm starkem CCI-Schrot Kaliber .45 ACP aus einer Glock 30, also einer sehr kurzläufigen Pistole (96 mm Lauflänge), an:

CCI-Schrot 45 ACP aus Glock 30

Wenn man davon ausgeht, daß ballistische Seife einen ähnlichen Eindringwiderstand bietet wie ballistische Gelatine, dann müßten die 65 bis 95 mm Eindringtiefe aus einem Meter Abstand in einem lebenden Körper16 bis 24 cm entsprechen, das heißt, einen menschlichen Oberkörper (bei höchstens leichter Bekleidung) fast ganz durchschlagen. Die 50 bis 68 mm Eindringtiefe aus 4 m Abstand entsprächen dann in einem lebenden Körper 12,5 bis 17 cm.

Das 9,12 mm dicke Geschoß einer Patrone im Kaliber .38 Special oder .357 Magnum hat nun einen Querschnitt von 65 mm², während die 123 Schrotkörner einer CCI-Schrotpatrone in diesem Kaliber mit ihren jeweils 3,14 mm² Querschnitt zusammengenommen einen Querschnitt von 380 mm² haben. Falls also die gesamte Schrotladung trifft, so haben die vielen feinen Wundkanäle zusammengenommen den 5,8-fachen Querschnitt des Wundkanals eines .38er- oder .357er-Geschosses. Und selbst gegenüber einem Hohlspitzgeschoß, das bis zum Doppelten seines Durchmessers aufpilzen kann, wäre das immer noch das 1,5-fache. Selbst wenn man die nicht vollständige Durchdringung (etwas kürzere Wundkanäle) berücksichtigt, würde also eine deckend liegende .38er-Schrotladung ungefähr die 5-fache Gewebezerstörung und den 5-fachen Blutverlust eines kalibergleichen Soft-Point-Geschosses bewirken und hätte die ca. 5-fache Wahrscheinlichkeit, wichtige Nerven oder Blutgefäße zu durchtrennen (so viel wie eine ganze Trommelladung eines Taschenrevolvers) Gegenüber einem Hohlspitzgeschoß wäre das immer noch das knapp 1,5-fache Potential, wobei bei diesen noch das Risiko zu bedenken ist, daß die Höhlung eines Hohlspitzgeschosses durch Kleidung verstopft werden kann, worauf dieses kaum mehr aufpilzt.

Schrotpatronen für Faustfeuerwaffen sind also bisher möglicherweise stark unterschätzt worden, was wohl auch daran liegen wird, daß es kaum Erfahrungen mit realer Verwendung gegen Menschen geben dürfte und die Erkenntnisse Peter Pulvers bezüglich des Unterschiedes im Eindringwiderstand zwischen Gelatine und echtem Gewebe nicht weithin bekannt sind. Ein trotzdem nicht zu vernachlässigender Punkt ist das geringe Durchschlagsvermögen durch Kleidung; siehe dazu auch Handgun Shot Loads Work For Pests But Not Defense von R. K. Campbell auf gunweek.com, der auch die Erfahrung gemacht hat, daß Schrotpatronen für Pistolen sehr unzuverlässig funktionieren, mit Ausnahme der .45 ACP, die auch die beste ballistische Leistung brachte, weil sie für zuverlässige Repetierfunktion stark geladen sein muß. Auch lieferte die .45er gegenüber den Revolverpatronen deutlich bessere Schußbilder mit engerer Schrotgarbe, vor allem im Zentrum. Allerdings gab es bei der .45er wegen der langen Hülse manchmal Auswurfstörungen, vor allem bei Pistolen mit engerem Auswurffenster.

Am ehesten dürften solche Schrotpatronen eine Wahl für Besitzer eines Revolvers im Kaliber .38 Magnum sein, da sie im Unterschied zum .357er-Schützen keine Halbierung der Mündungsenergie in Kauf nehmen müssen, nicht mit Funktionsproblemen wie bei Pistolen behelligt werden und die .38er anders als die kleineren Kaliber, in denen es Schrotpatronen gibt, schon eine brauchbare Schrotladung und Mündungsenergie aufweist.

Hierbei dürften aber 5 Meter (d. h. etwa Zimmerdistanz) schon die äußerste Einsatzentfernung sein, auf die Schrotpatronen noch interessant sind. Wie die Schußbilder auf den Mannscheiben oben zeigen, kann man auf diese Entfernung nur mehr mit etwa 90 Treffern rechnen, was die ins Ziel gebrachte Energie schon auf knapp 200 Joule verringert, also auf das Niveau der 9 mm kurz oder der 7,65 mm Browning.

ERKENNTNISSE FÜR FLINTENSCHÜTZEN:

Wenn man Peter Pulvers Erkenntnisse bedenkt, daß die Eindringtiefe in einen realen Körper ungefähr das 2,5fache des gleichen Geschosses in Gelatine beträgt, dann ist diese Grafik des Firearms Tactical Institute gleich ganz anders zu interpretieren:

12 Gauge No 4 Buckshot

Hier wurde mit einer Flinte Kal. 12 eine Patrone der Schrotgröße 4 Buckshot (6,1 mm Kugeldurchmesser) in ein ballistisches Simulationsmedium geschossen; ob Seife oder Gelatine ist mir nicht bekannt. Die hier erzielte Eindringtiefe von max. 27 cm bedeutet also, daß diese Schrotladung in einen lebenden Körper bis zu 67 cm tief eingedrungen wäre, was deutlich mehr ist als die Schulterbreite eines kräftigen Mannes. (Im Geschoßweg befindliche Knochen sind hierbei natürlich nicht berücksichtigt.)

Man kann also davon ausgehen, daß 4 mm starkes Jagdschrot für Verteidigungszwecke auf 30 Meter Entfernung auch schon ausreicht und einen frontal beschossenen menschlichen Torso ohne allzu dicke Bekleidung großteils durchschlägt. Als Ausgleich für die gegenüber Buckshots geringere Durchschlagsleistung bringt 4-mm-Schrot eine recht hohe Trefferdichte: wie viele Schrotkörner in so einer 12/70er Jagdladung drin sind, weiß ich nicht genau, aber auf gut 60 x 70 cm großen Scheiben habe ich meist über 80 Einschläge gezählt. Ein sehr guter Kompromiß zwischen Trefferdichte und Eindringtiefe bzw. wirksamer Reichweite dürften die Buckshots der Größe 4 (6,1 mm) mit ihren 27 Kugeln sein.

Auf kurze Entfernung ist auch Vogelschrot nicht zu unterschätzen: In einer Folge der Serie MythBusters wurde ein Laptop in seiner Ledertragetasche vor einen Gelatineblock gestellt und aus gut 1 m Entfernung frontal beschossen. Die Schrotladung durchschlug Rechner und Tasche und drang tief in den Gelatineblock ein. Erst als Kari Byron auf die Stelle zielte, wo der Akku eingebaut war, gab es keinen Durchschuß, aber immerhin eine große Ausbeulung an der Rückseite der getroffenen Stelle.

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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