Ins Herz des Kometen

Komet

Von Arthur Charles Clarke, übersetzt von Deep Roots. Das Original „Into the Comet“ erschien 1960 bei Fantasy & Science Fiction.

„Ich weiß nicht, warum ich dies aufzeichne“, sagte George Takeo Pickett langsam in das schwebende Mikrofon. „Es besteht keine Chance, daß irgend jemand es jemals hören wird. Sie sagen, daß der Komet uns in etwa zwei Millionen Jahren wieder in die Nähe der Erde bringen wird, wenn er seine nächste Runde um die Sonne macht. Ich frage mich, ob die Menschheit dann noch immer existieren wird, und ob der Komet unseren Nachkommen so ein gutes Schauspiel bieten wird, wie er es für uns tat? Vielleicht werden sie eine Expedition starten, so wie wir es getan haben, um zu sehen, was es zu finden gibt. Und sie werden uns finden…

Denn das Schiff wird immer noch in perfektem Zustand sein, selbst nach all diesen Zeitaltern. Es wird Treibstoff in den Tanks sein, vielleicht sogar reichlich Luft, denn unsere Nahrung wird als erstes ausgehen, und wir werden verhungern, bevor wir ersticken. Aber ich schätze, wir werden nicht darauf warten; es wird schneller gehen, die Luftschleuse zu öffnen und es hinter uns zu bringen.

Als ich ein Junge war, las ich ein Buch über eine Polarexpedition mit dem Titel Winter Amid the Ice. Nun, das steht uns jetzt bevor. Rund um uns gibt es Eis, das in großen, porösen Eisbergen schwebt. Die Challenger befindet sich in der Mitte eines Schwarms, wo sie so langsam umeinander kreisen, daß man mehrere Minuten warten muß, bevor man sicher ist, daß sie sich bewegt haben. Aber keine Expedition zu den Polen der Erde hatte es je mit unserem Winter zu tun. Während des Großteils dieser zwei Millionen Jahre wird die Temperatur zweihundertfünfundsechzig Grad unter Null betragen. Wir werden so weit von der Sonne entfernt sein, daß sie ungefähr so viel Wärme spenden wird wie die Sterne. Und wer hat jemals versucht, sich in einer kalten Winternacht die Hände am Sirius zu wärmen?“

Dieses absurde Bild, das ihm plötzlich in den Sinn kam, führte dazu, daß er völlig am Boden war. Er konnte nicht sprechen wegen der Erinnerung an Mondlicht auf schneebedeckten Feldern, an weihnachtliches Glockengeläut, das über einem Land erklang, das bereits fünfzig Millionen Meilen entfernt lag. Plötzlich weinte er wie ein Kind, seine Selbstbeherrschung war aufgelöst von der Erinnerung an all die vertrauten, mißachteten Schönheiten der Erde, die er für immer verloren hatte.

Und alles hatte so gut begonnen, in solch glanzvoller Aufregung und Abenteuer. Er konnte sich an das allererste Mal erinnern (war es erst sechs Monate her?), als er hinausgegangen war, um Ausschau nach dem Kometen zu halten, bald nachdem der achtzehnjährige Jimmy Randall ihn mit seinem selbstgebauten Teleskop gefunden und sein berühmtes Telegramm an das Mount-Stromlo-Observatorium geschickt hatte. In jenen frühen Tagen war er nur eine lichtschwache neblige Kaulquappe gewesen, die sich langsam durch das Sternbild Eridanus bewegte, gerade südlich des Äquators. Er war immer noch weit jenseits der Umlaufbahn des Mars und sauste auf seinem immens langgezogenen Orbit sonnenwärts. Als er das letzte Mal am Himmel der Erde geleuchtet hatte, gab es keine Menschen, die ihn gesehen hätten, und es würde vielleicht keine mehr geben, wenn er wieder erschien. Die menschliche Rasse sah Randalls Kometen das erste und vielleicht einzige Mal.

Als er sich der Sonne näherte, wuchs er und stieß Gasfahnen und Strahlen aus, von denen der kleinste größer war als hundert Erden. Wie ein großer Wimpel, der in einer kosmischen Brise wehte, war der Schweif des Kometen bereits vierzig Millionen Meilen lang, als er über die Umlaufbahn des Mars raste. Zu diesem Zeitpunkt erkannten die Astronomen, daß dies der spektakulärste Anblick werden könnte, der je am Himmel zu sehen war; das Schauspiel, das der Halley’sche Komet damals 1986 geboten hatte, würde nichts sein im Vergleich dazu. Und zu diesem Zeitpunkt entschieden die Administratoren des Internationalen Astrophysikalischen Jahrzehnts, ihm das Forschungsschiff Challenger hinterherzuschicken, falls es rechtzeitig ausgerüstet werden konnte; denn hier bot sich eine Chance, die vielleicht in tausend Jahren nicht wiederkommen würde.

Eine Woche nach der anderen breitete sich der Komet in den Stunden vor der Morgendämmerung wie eine zweite, aber viel hellere Milchstraße über den Himmel aus. Als er sich der Sonne näherte und wieder das Feuer spürte, das er nicht gekannt hatte, seit die Mammuts die Erde erschütterten, wurde er stetig aktiver. Stöße leuchtenden Gases brachen aus seinem Kern hervor und bildeten große Fächer, die sich wie langsam herumschwingende Scheinwerferstrahlen vor den Sternen drehten. Der Schweif, nun hundert Millionen Meilen lang, teilte sich in komplizierte Bänder und Fahnen, die ihre Muster im Laufe einer einzigen Nacht völlig veränderten. Immer wiesen sie von der Sonne weg, als ob sie von einem großen Wind getrieben wären, der für immer aus dem Herzen des Sonnensystems wehte.

Als er der Challenger zugeteilt worden war, konnte George Pickett sein Glück kaum glauben. Nichts dergleichen war irgendeinem Reporter seit William Laurence und der Atombombe geschehen. Daß er einen wissenschaftlichen Abschluß hatte, unverheiratet und gesund war, weniger als einhundertzwanzig Pfund wog und keinen Blinddarm mehr hatte, war zweifellos hilfreich gewesen. Aber es mußte viele andere gleichermaßen Qualifizierte gegeben haben; nun, ihr Neid würde sich bald in Erleichterung verwandeln.

Weil in der knappen Nutzlastzuladung der Challenger kein bloßer Reporter untergebracht werden konnte, mußte Pickett in seiner Freizeit eine Zweitrolle als Erster Offizier übernehmen. Dies bedeutete in der Praxis, daß er das Logbuch führen, als Sekretär des Kapitäns fungieren, die Vorräte überwachen und die Bilanzen führen mußte. Es war ein ziemliches Glück, dachte er oft, daß man in der schwerelosen Welt des Raums nur drei Stunden Schlaf pro vierundzwanzig Stunden brauchte.

Seine beiden Pflichten getrennt zu halten, hatte ein großes Maß an Takt erfordert. Wenn er nicht in seinem besenkammergroßen Büro schrieb oder die Tausenden von Artikeln überprüfte, die in den Lagerräumen verstaut waren, pflegte er mit seinem Recorder auf die Pirsch zu gehen. Er hatte zeitweise sorgfältig darauf geachtet, jeden einzelnen der zwanzig Wissenschaftler und Ingenieure zu interviewen, die die Challenger bemannten. Nicht alle der Aufzeichnungen waren zurück zur Erde gefunkt worden; manche waren zu technisch gewesen, manche zu unklar ausgedrückt, und andere zu sehr das Gegenteil davon. Aber zumindest hatte er niemanden begünstigt, und soweit er wußte, war er auf keine Zehen getreten. Nicht, daß das jetzt noch zählte.

Er fragte sich, wie Dr. Martens damit fertig wurde; der Astronom war einer seiner schwierigsten Interviewpartner gewesen, und doch derjenige, der die meisten Informationen geben konnte. Auf einen plötzlichen Impuls hin suchte Pickett die früheste Aufzeichnung mit Martens heraus und führte sie in den Recorder ein. Er wußte, daß er der Gegenwart zu entkommen versuchte, indem er sich in die Vergangenheit zurückzog, aber der einzige Effekt dieser Selbsterkenntnis war, daß sie ihm Hoffnung machte, daß das Experiment gelingen würde.

Er erinnerte sich immer noch lebhaft an dieses erste Interview, denn das schwerelose Mikrofon, das nur leicht im Luftzug der Ventilatoren schwankte, hatte ihn beinahe bis zur Inkohärenz hypnotisiert. Und doch hätte es niemand vermutet: seine Stimme hatte ihre normale professionelle Ruhe.

Sie waren zwanzig Millionen Meilen hinter dem Kometen zurück gewesen, überholten ihn aber langsam, als er Martens im Observatorium abgefangen und diese Eröffnungsfrage an ihn gerichtet hatte.

„Dr. Martens“, hatte er begonnen, „woraus besteht denn Randalls Komet?“

„Aus einer ziemlichen Mischung“, hatte der Astronom geantwortet, „und die verändert sich die ganze Zeit, während wir uns von der Sonne wegbewegen. Aber der Schweif besteht großteils aus Ammoniak, Methan, Kohlendioxid, Wasserdampf, Zyan – “

„Zyan? Ist das nicht ein Giftgas? Was würde geschehen, wenn ihn die Erde durchqueren würde?“

„Gar nichts. Obwohl er so spektakulär aussieht, ist ein Kometenschweif nach unseren normalen Maßstäben ein recht gutes Vakuum. Ein Volumen von der Größe der Erde enthält ungefähr soviel Gas wie eine Streichholzschachtel voller Luft.“

„Und doch bietet dieses dünne Zeug solch ein wunderbares Schauspiel!“

„Das tut auch das genauso dünne Gas in einer elektrischen Leuchtreklame, und aus demselben Grund. Der Schweif eines Kometen glüht, weil ihn die Sonne mit elektrisch geladenen Teilchen bombardiert. Es ist ein kosmisches Himmelsleuchtschild; eines Tages, fürchte ich, werden die Werbeleute da draufkommen und einen Weg finden, Slogans quer über das Sonnensystem zu schreiben.“

„Das ist ein deprimierender Gedanke – obwohl ich vermute, daß irgend jemand behaupten wird, daß es ein Triumph der angewandten Wissenschaft sei. Aber lassen wir den Schweif beiseite; wie bald werden wir ins Herz des Kometen gelangen – den Nukleus, wie Sie ihn, glaube ich, nennen?“

„Nachdem eine Aufholjagd von hinten immer lange Zeit dauert, werden es weitere zwei Wochen sein, bevor wir in den Nukleus eindringen. Wir werden immer tiefer in den Schweif hineinpflügen und einen Querschnitt des Kometen nehmen, während wir zu ihm aufschließen. Aber obwohl der Kern immer noch zwanzig Millionen Meilen voraus ist, haben wir bereits eine Menge über ihn erfahren. Zum einen ist er extrem klein – weniger als fünfzig Meilen im Durchmesser. Und nicht einmal das ist solide, sondern besteht wahrscheinlich aus Tausenden kleinerer Körper, die alle in einer Wolke herumlaufen.“

„Werden wir in den Kern hineinkönnen?“

„Wir werden es wissen, wenn wir dort sind. Vielleicht werden wir auf Nummer Sicher gehen und ihn aus einer Entfernung von ein paar tausend Meilen durch unsere Teleskope studieren. Aber ich persönlich wäre enttäuscht, wenn wir nicht direkt hineinflögen. Sie nicht auch?“

Pickett schaltete den Recorder ab. Ja, Martens hatte recht gehabt. Er wäre enttäuscht gewesen, besonders nachdem es keine mögliche Gefahrenquelle zu geben schien. Es gab auch keine, zumindest was den Kometen betraf. Die Gefahr war von innen gekommen.

Sie waren durch einen der riesigen, aber unvorstellbar zarten Gasvorhänge nach dem anderen geflogen, die Randalls Komet immer noch ausstieß, während er von der Sonne wegraste. Aber selbst jetzt befanden sie sich, obwohl sie sich den dichtesten Bereichen des Nukleus näherten, praktisch in einem perfekten Vakuum. Der leuchtende Nebel, der sich so viele Millionen Meilen um die Challenger herum ausdehnte, trübte kaum die Sterne, aber direkt voraus, wo der Kern des Kometen lag, befand sich ein strahlender Fleck dunstigen Lichtes, der sie wie ein Irrlicht weiterlockte.

Die elektrischen Störungen, die jetzt mit ständig zunehmender Heftigkeit um sie herum stattfanden, hatten ihre Verbindung zur Erde beinahe völlig abgeschnitten. Der Hauptsender des Schiffes konnte gerade noch ein Signal durchbringen, aber seit den letzten paar Tagen waren sie darauf beschränkt gewesen, „Okay“-Botschaften in Morsezeichen zu senden. Wenn sie sich vom Kometen lösen und nach Hause streben würden, würde die normale Kommunikation wieder aufgenommen werden; aber jetzt waren sie beinahe so isoliert, wie es die Forscher in den Tagen vor der Funktechnik gewesen waren. Es war unbequem, aber das war alles. Tatsächlich begrüßte Pickett eher diesen Stand der Dinge; er verschaffte ihm mehr Zeit, um mit seinen Büropflichten voranzukommen. Obwohl die Challenger ins Herz eines Kometen flog, auf einem Kurs, von dem kein Kapitän vor dem zwanzigsten Jahrhundert hätte träumen können, mußte dennoch jemand den Proviant überprüfen und die Lagerbestände zählen.

Sehr langsam und vorsichtig kroch die Challenger in den Nukleus des Kometen, während ihr Radar die gesamte Raumsphäre um sie herum sondierte. Und dort kam sie zur Ruhe – inmitten des Eises.

Damals in den 1940ern hatte Fred Whipple von der Harvard University die Wahrheit erraten, aber sie war schwer zu glauben, selbst wenn man den Beweis vor den eigenen Augen hatte. Der relativ winzige Kern des Kometen war ein lockerer Schwarm von Eisbergen, die herumtrieben und sich umeinander drehten, während sie sich auf ihren Umlaufbahnen bewegten. Aber anders als die Eisberge, die in den polaren Meeren schwammen, waren sie nicht blendend weiß, noch bestanden sie aus Wasser. Sie waren schmutziggrau und sehr porös, wie teilweise aufgetauter Schnee. Und sie waren mit Taschen von Methan und gefrorenem Ammoniak durchsetzt, die von Zeit zu Zeit in gigantischen Gasfontänen ausbrachen, während sie die Wärme der Sonne absorbierten. Es war ein wundervolles Schauspiel, aber Pickett hatte wenig Zeit, um es zu bewundern. Nun hatte er viel zu viel davon.

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Er hatte seine routinemäßige Überprüfung der Schiffsvorräte durchgeführt, als er mit der Katastrophe konfrontiert wurde – obwohl es einige Zeit dauerte, bis er sie begriff. Denn die Versorgungssituation war völlig zufriedenstellend gewesen; sie hatten reichlich Vorräte für die Rückkehr zur Erde. Er hatte das mit seinen eigenen Augen überprüft und mußte jetzt bloß die Bilanzen bestätigen, die in der stecknadelkopfgroßen Sektion des elektronischen Gedächtnisses des Schiffes verzeichnet waren, die all die Buchhaltungsunterlagen speicherte.

Als die ersten verrückten Zahlen auf dem Bildschirm aufleuchteten, nahm Pickett an, daß er die falsche Taste gedrückt hätte. Er löschte die Summen und gab die Information noch einmal in den Computer ein.

Sechzig Dosen Preßfleisch am Anfang; siebzehn bisher verbraucht; verbleibende Menge: 99.999.943.

Er versuchte es wieder, und wieder, ohne besseres Ergebnis. Dann machte er sich verärgert, aber nicht besonders alarmiert, auf die Suche nach Dr. Martens.

Er fand den Astronomen in der Folterkammer – dem winzigen Trainingsraum, den man zwischen das technische Lager und das Schott zum Haupttreibstofftank gequetscht hatte. Jedes Mitglied der Besatzung mußte dort eine Stunde pro Tag trainieren, damit seine Muskeln in dieser schwerelosen Umgebung nicht dahinschwanden. Martens rang mit einem Satz starker Federn, einen Ausdruck grimmiger Entschlossenheit auf seinem Gesicht. Er wurde noch grimmiger, als Pickett seinen Bericht erstattete.

Ein paar Tests auf der Haupteingabekonsole teilten ihnen schnell das Schlimmste mit. „Der Computer ist verrückt“, sagte Martens. „Er kann nicht einmal addieren oder subtrahieren.“

„Aber wir können ihn sicherlich reparieren!“

Martens schüttelte den Kopf. Er hatte all seine übliche großspurige Selbstsicherheit verloren; er sah aus, sagte Pickett zu sich selber, wie eine aufgeblasene Gummipuppe, die zu lecken begonnen hatte.

„Nicht einmal seine Erbauer könnten das. Er ist eine solide Masse von Mikroschaltkreisen, so dicht gepackt wie das menschliche Gehirn. Die Speichereinheiten funktionieren immer noch, aber die Rechensektion ist völlig nutzlos. Sie wirft die Zahlen einfach durcheinander, die man ihr eingibt.“

„Und was heißt das für uns?“ fragte Pickett.

„Es bedeutet, daß wir alle tot sind“, antwortete Martens rundheraus. „Ohne den Computer sind wir erledigt. Es ist unmöglich, einen Orbit zurück zur Erde zu berechnen. Eine Armee von Mathematikern würde Wochen brauchen, um ihn auf Papier auszuarbeiten.“

„Das ist lächerlich! Das Schiff ist in perfektem Zustand, wir haben reichlich Nahrung und Treibstoff – und Sie sagen mir, daß wir alle sterben werden, weil wir ein paar Summen nicht berechnen können.“

„Ein paar Summen!“ erwiderte Martens mit einer Spur seines alten Geistes. „Eine größere navigatorische Änderung wie diejenige, die nötig ist, um uns vom Kometen zu lösen und auf eine Flugbahn zurück zur Erde zu bringen, erfordert etwa hunderttausend separate Berechnungen. Selbst der Computer benötigt dafür mehrere Minuten.“

Pickett war kein Mathematiker, aber er wußte genug über die Raumfahrt, um die Situation zu verstehen. Ein Schiff, das durch den Weltraum glitt, stand unter dem Einfluß vieler Körper. Die Hauptkraft, die es kontrollierte, war die Schwerkraft der Sonne, die all die Planeten fest auf ihren Umlaufbahnen hielt. Aber die Planeten selbst zerrten ebenfalls in diese und jene Richtung, wenn auch mit viel geringerer Stärke. All diese im Widerstreit stehenden Zugkräfte einzukalkulieren – vor allem, sie auszunützen, um ein Ziel zu erreichen, das viele Millionen Meilen entfernt war – war ein Problem von fantastischer Komplexität. Er konnte Martens Verzweiflung verstehen; niemand konnte ohne die Werkzeuge seines Berufes arbeiten, und kein Beruf erforderte ausgeklügeltere Werkzeuge als dieser.

Selbst nach der Bekanntgabe des Kapitäns und dieser ersten Notfallkonferenz, als die gesamte Besatzung sich versammelt hatte, um die Situation zu diskutieren, hatte es Stunden gedauert, bis die Tatsachen voll bewußt wurden. Das Ende war immer noch so viele Monate entfernt, daß der Verstand es nicht begreifen konnte; sie waren zum Tod verurteilt, aber mit der Hinrichtung hatte es keine Eile. Und die Aussicht war immer noch superb…

Jenseits des glühenden Nebels, der sie einhüllte – und der bis zum Ende der Zeit ihr himmlisches Monument sein würde – konnten sie das große Leuchtfeuer des Jupiter sehen, heller als alle Sterne. Manche von ihnen würden vielleicht immer noch am Leben sein, falls die anderen bereit waren, sich zu opfern, wenn das Schiff das mächtigste der Kinder der Sonne passierte. Wäre es die zusätzlichen Wochen Leben wert, fragte sich Pickett, mit eigenen Augen den Anblick zu sehen, den Galileo hatte, als er vor vier Jahrhunderten erstmals durch sein grobes Teleskop schaute – die Satelliten des Jupiter, die sich hin und her bewegten wie Perlen auf einem unsichtbaren Draht?

Perlen auf einem Draht. Bei diesem Gedanken explodierte eine beinahe vergessene Kindheitserinnerung aus seinem Unterbewußtsein. Sie mußte schon seit Tagen dort gewesen sein und sich nach oben ans Licht gekämpft haben. Nun hatte sie sich endlich seinem wartenden Geist aufgedrängt.

„Nein!“ schrie er laut. „Das ist lächerlich! Sie werden mich auslachen!“

Was soll’s? sagte die andere Hälfte seines Geistes. Du hast nichts zu verlieren; wenn es schon sonst nichts bewirkt, wird es alle beschäftigt halten, während die Nahrungsmittel und der Sauerstoff dahinschwinden. Selbst die leiseste Hoffnung ist besser als gar keine…

Er hörte auf, mit dem Recorder herumzufummeln; die Stimmung larmoyanten Selbstmitleids war vorbei. Er löste das elastische Gewebe, das ihn in seinem Sitz hielt, und machte sich zum technischen Lager auf, um die Materialien zu suchen, die er brauchte.

*  *  *

„Dies“, sagte Dr. Martens drei Tage später, „ist nicht meine Vorstellung von einem Scherz.“ Er warf einen verächtlichen Blick auf die zarte Struktur aus Draht und Holz, die Pickett in seiner Hand hielt.

„Ich habe vermutet, daß Sie das sagen würden“, antwortete Pickett und beherrschte sich. „Aber hören Sie mir bitte eine Minute zu. Meine Großmutter war Japanerin, und als ich ein Junge war, erzählte sie mir eine Geschichte, die ich bis zu dieser Woche völlig vergessen hatte. Ich denke, daß sie unser Leben retten könnte.

Irgendwann nach dem Zweiten Weltkrieg gab es einen Wettkampf zwischen einem Amerikaner mit einem elektrischen Tischrechner und einem Japaner, der einen Abakus wie diesen benutzte. Der Abakus gewann.“

„Dann muß es eine schwache Tischrechenmaschine gewesen sein, oder ein unfähiger Bediener.“

„Sie verwendeten die beste in der U.S. Army. Aber hören wir auf zu streiten. Geben Sie mir eine Testaufgabe – sagen wir ein paar dreistellige Zahlen zu multiplizieren.“

„Oh – 856 mal 437.“

Picketts Finger tanzten über die Perlen und schoben sie blitzschnell an den Drähten auf und ab. Es waren insgesamt zwölf Drähte, sodaß der Abakus Zahlen bis 999.999.999.999 bewältigen konnte – oder in separate Abschnitte unterteilt werden konnte, wo mehrere unabhängige Berechnungen gleichzeitig ausgeführt werden konnten.

„374.072“, sagte Pickett nach unglaublich kurzer Zeit. „Jetzt sehen Sie, wie lange Sie dafür mit Bleistift und Papier brauchen.“

Es gab eine viel längere Verzögerung, bevor Martens, der wie die meisten Mathematiker schwach im Rechnen war, „375.072“ rief. Eine hastige Überprüfung bestätigte bald, daß Martens mindestens dreimal so lang wie Pickett gebraucht hatte, um zur falschen Antwort zu kommen.

Das Gesicht des Astronomen war eine Studie in vermischtem Kummer, Erstaunen und Neugier.

„Wo haben Sie diesen Trick gelernt?“ fragte er. „Ich dachte, diese Dinger könnten nur addieren und subtrahieren.“

„Nun – eine Multiplikation ist nur eine wiederholte Addition, nicht wahr? Ich habe nur 856 siebenmal in der Einerlinie addiert, dreimal in der Zehnerlinie und viermal in der Hunderterlinie. Man macht dasselbe, wenn man Papier und Bleistift verwendet. Natürlich gibt es ein paar Abkürzungen, aber falls Sie denken, daß ich schnell bin, dann hätten Sie meinen Großonkel sehen sollen. Er arbeitete in einer Bank in Yokohama, und man konnte seine Finger nicht sehen, wenn er schnell arbeitete. Er brachte mir ein paar der Tricks bei, aber ich habe die meisten davon in den letzten zwanzig Jahren vergessen. Ich habe erst seit ein paar Tagen geübt, daher bin ich noch ziemlich langsam. Dennoch hoffe ich, daß ich Sie davon überzeugt habe, daß an meinem Argument etwas dran ist.“

„Das haben Sie bestimmt: Ich bin ziemlich beeindruckt. Kann man genauso schnell dividieren?“

„Ziemlich annähernd, wenn man genug Erfahrung hat.“

Martens nahm den Abakus in die Hand und begann, die Perlen hin- und herschnellen zu lassen. Dann seufzte er.

„Genial – aber es hilft uns nicht wirklich. Selbst wenn es zehnmal so schnell ist wie ein Mann mit Papier und Bleistift – was es nicht ist – der Computer war eine Million mal schneller.“

„Daran habe ich gedacht“, antwortete Pickett etwas ungeduldig. (Martens hatte keinen Schneid – er gab zu leicht auf. Was dachte er, wie die Astronomen vor hundert Jahren zurecht gekommen waren, bevor es Computer gab?)

„Ich schlage Folgendes vor – sagen Sie mir, ob Sie irgendwelche Fehler darin erkennen können…“

Sorgfältig und ernsthaft legte er seinen Plan dar. Während er dies tat, entspannte Martens sich langsam und ließ bald das erste Lachen hören, das Pickett seit Tagen an Bord der Challenger gehört hatte.

„Ich möchte das Gesicht des Skippers sehen“, sagte der Astronom, „wenn Sie ihm sagen, daß wir alle wieder in die Kinderkrippe gehen, um mit Murmeln zu spielen.“

*  *  *

Es gab zuerst Skepsis, aber die verschwand schnell, als Pickett ein paar Vorführungen machte. Für Männer, die in einer Welt der Elektronik groß geworden waren, war die Tatsache, daß eine simple Struktur aus Draht und Kügelchen solch scheinbare Wunder vollbringen konnte, eine Offenbarung. Es war auch eine Herausforderung, und weil ihr Leben davon abhing, reagierten sie voll Eifer darauf.

Sobald die Techniker genug glatt funktionierende Kopien von Picketts grobem Prototyp gebaut hatten, begann der Unterricht. Es dauerte nur ein paar Minuten, die Grundprinzipien zu erläutern; was Zeit erforderte, war die Übung – Stunden um Stunden davon, bis die Finger automatisch über die Drähte flogen und die Perlen in die richtigen Positionen schnellen ließen, ohne daß bewußtes Denken nötig war. Es gab ein paar Besatzungsmitglieder, die nie Genauigkeit und Geschwindigkeit erreichten, selbst nach einer Woche ständiger Übung, aber es gab andere, die bald Pickett selbst abhängten.

Sie träumten von Zählern und Kolonnen und ließen im Schlaf Perlen hin- und herschnellen. Sobald sie über das Grundstadium hinaus waren, wurden sie in Teams unterteilt, die dann heftig miteinander konkurrierten, bis sie noch höhere Fertigkeitsstandards erreicht hatten. Am Ende gab es Männer an Bord der Challenger, die auf dem Abakus vierstellige Zahlen in fünfzehn Sekunden multiplizieren und das Stunde um Stunde durchhalten konnten.

Solche Arbeit war rein mechanisch; sie erforderte Können, aber keine Intelligenz. Die wirklich schwierige Aufgabe war die von Martens, und es gab wenig, was irgend jemand tun konnte, um ihm zu helfen. Er mußte all die maschinenbasierten Techniken vergessen, die für ihn selbstverständlich gewesen waren, und seine Berechnungen umstellen, sodaß sie automatisch von Männern ausgeführt werden konnten, die keine Ahnung von der Bedeutung der Zahlen hatten, die sie handhabten. Er versorgte sie mit den Grunddaten, und dann folgten sie dem Programm, das er festgelegt hatte. Nach ein paar Stunden geduldiger Routinearbeit kam die Antwort am Ende der mathematischen Produktionslinie zum Vorschein – vorausgesetzt, daß keine Fehler gemacht worden waren. Und die Absicherung dagegen war, daß man zwei unabhängige Teams arbeiten ließ, in regelmäßigen Abständen eine Gegenkontrolle ihrer Resultate durchführten.

„Was wir gemacht haben“, sprach Pickett in seinen Recorder, als er endlich Zeit hatte, an das Publikum zu denken, zu dem wieder zu sprechen er nie erwartet hatte, „war, einen Computer aus menschlichen Wesen anstatt aus elektronischen Schaltkreisen zu bauen. Er ist ein paar tausendmal langsamer, kann nicht viele Stellen handhaben und ermüdet leicht – aber er erfüllt seine Aufgabe. Nicht die gesamte Aufgabe, zurück zur Erde zu navigieren – das ist viel zu kompliziert – aber die simplere, uns einen Orbit anzugeben, der uns wieder in Funkreichweite bringt. Sobald wir den elektrischen Interferenzen um uns entkommen sind, können wir unsere Position funken, und die großen Computer auf der Erde können uns sagen, was wir als nächstes tun sollen.

Wir haben uns bereits vom Kometen gelöst und bewegen uns nicht mehr aus dem Sonnensystem hinaus. Unser neuer Orbit stimmt mit den Berechnungen überein, im Rahmen der zu erwartenden Genauigkeit. Wir sind immer noch im Schweif des Kometen, aber der Nukleus ist eine Million Meilen entfernt, und wir werden jene Ammoniak-Eisberge nie wieder sehen. Sie rasen weiter auf die Sterne zu, in die frostige Nacht zwischen den Sonnen, während wir heimkommen…

Hallo, Erde… hallo, Erde! Hier Challenger, hier Challenger. Funken Sie zurück, sobald Sie uns empfangen – wir würden gern unsere Berechnungen von Ihnen überprüfen lassen – bevor wir uns die Finger bis auf die Knochen abarbeiten!“

*  *  *  *  *  *  *

Ende von Arthur Charles Clarkes „Into the Comet“. Diese Geschichte (von der es übrigens im Clarke-Sammelband Unter den Wolken der Venus eine „offizielle“ deutsche Übersetzung unter dem Titel „Die Gefangenen des Kometen“ gibt, wie ich erst kürzlich erfahren habe) fiel mir wieder ein als ich neulich den folgenden Artikel in „Spektrum der Wissenschaft epoc 1/2012 – Rom: Das Imperium der Ingenieure“ las:

 

Der Abakus – völlig unterschätzt Von Hermann Karcher und Heidrun Gansohr-Meinel

Wer heute nach einem Abakus sucht, wird meist in der Spielwarenabteilung fündig. Doch das antike Rechengerät ist längst nicht nur etwas für Kinder. Die Bedeutung des antiken Rechners läßt sich erahnen, wenn man in den Werken des römischen Architekten Vitruv blättert. Da soll zum Beispiel die Stirnseite eines dorischen Tempels mit vier Säulen in 27 Teile, die eines dorischen Tempels mit sechs Säulen in 42 Teile geteilt werden. „Der Baumeister“, sagt Vitruv, muß die Arithmetik beherrschen, um die Baukosten und die Maße zu errechnen.“

Der Ursprung der genialen Erfindung liegt im Dunkeln. Am Anfang stand wohl ein Brett, auf dem Rechnungen mit kleinen Steinchen – lateinisch „calculi“ – vollzogen wurden. Die Salaminische Tafel, die 1864 auf der Insel Salamis entdeckt wurde, gilt als das älteste erhaltene Exemplar und stammt aus der Zeit um 300 v. Chr. Später ging daraus der Abakus mit seinen beweglichen Perlen hervor.

Beiden gemeinsam ist eine geniale Idee: Auf parallelen Linien, Furchen oder Drähten werden Steinchen oder Perlen bewegt – und zwar mit der Maßgabe, daß jeder „calculus“ auf der ersten Linie die Zahl 1 darstellt, auf der zweiten die Zahl 10, auf der dritten die Zahl 100, auf der vierten die Zahl 1000 und so weiter. Die Steine für die eine Zahl werden an einem Ende der Linien hingelegt, die Steine für die andere Zahl am anderen. Zum Addieren werden sie auf jeder Linie von rechts nach links zusammengeschoben. Sobald zehn oder mehr Steine auf einer Linie liegen, werden zehn „calculi“ aus ihr genommen und durch einen Stein auf der nächsten Linie ersetzt. Die Rechung bleibt also übersichtlich, weil sich ein Stein auf der Hunderterlinie leichter zählen läßt als 100 einzelne Steinchen.

Da das Addieren lediglich durch das Zusammenschieben und Ersetzen von zehn Steinen durch einen höheren bestand, mußte man keine Zwischenergebnisse im Kopf behalten oder gar aufschreiben. Das erleichterte den Handel – und erschwerte Betrügern das Handwerk, denn auch unerfahrene Kunden konnten leicht nachvollziehen, wie ein Händler den Preis seiner Ware berechnete.

Mit dem römischen Handabakus, wie er unten abgebildet ist, ging die Rechenarbeit noch rascher. Dieser Taschenrechner der Antike besteht aus einer Reihe, in der vier Perlen (in der Grafik blau) aufgereiht sind. Darüber befindet sich die sogenannte Faust (rot), die den Wert 5 besitzt. Ihre Position entscheidet, ob die vier blauen Perlen darunter die Ziffern 0, 1, 2, 3 oder 4 darstellen – beziehungsweise die Ziffern 6, 7, 8 oder 9:

Abakus - Schema

Eine Frage stellt sich am Ende aber doch. Wie konnten die Römer mit einem Abakus rechnen – obwohl ihre Zahlen dafür eigentlich ziemlich ungeeignet waren? So stehen die römischen Buchstaben MCIII für die Zahl 1103: 1000 („mille“) plus 100 („centum“) plus 3. Nun ist jedoch nicht nur die Anzahl von Ms und Cs von Bedeutung, sondern auch deren relative Position zueinander, CMIII würde 1000 minus 100 plus 3 bedeuten, also 903.

Tatsächlich spielten die römischen Zahlen beim Rechnen kaum eine Rolle. Wer mit dem Abakus rechnete, bediente sich einer dezimalen Zahldarstellung, die viel älter ist als unser arabisches Ziffernsystem. Und noch etwas: Die Perlen eines Abakus waren für jedermann verständlich – egal, welche Sprache er sprach. Kein Wunder also, daß es die genialen Rechner bei den Griechen und Römern genauso gab wie bei den alten Chinesen und Azteken.

Abakus - römisch

In Europa blieben Abaki wie dieser aus römischer Zeit bis ins 17. Jahrhundert in Gebrauch; im islamischen Raum und in Fernost sind sie es bis heute.

*  *  *  *  *  *  *

So, und nun wird wohl ersichtlich sein, worauf ich mit diesem ganzen Beitrag hinaus wollte, oder? Falls wir mit unseren Befürchtungen recht haben, werden sehr schlechte Zeiten auf uns zukommen, und es kann durchaus sein, daß diese lang genug andauern, daß es keine Batterien mehr für Taschenrechner gibt und auch solarbetriebene Taschenrechner durch Verlust oder Beschädigung Mangelware werden. Da das organisierte Überleben sowie ein allmählicher Wiederaufbau unserer Zivilisation (beziehungsweise einer erneuerten Form derselben) auch von effizienter Rechenarbeit erleichtert wird, dürfte es ein hilfreiches Detail in der Vorbereitung auf Ragnarök sein, sich näher mit dem Abakus zu befassen.

Sicher, es werden wohl auch jetzt bestimmt nicht genügend Abaki angeschafft werden, um den Bedarf für solch eine Zukunft zu sichern, aber geschickte Handwerker können auch in schwierigen Zeiten welche anfertigen, und wenn es in einer Gemeinschaft dann Mitglieder gibt, die sich damit auskennen und anderen den Umgang damit beibringen können, kann das nur vorteilhaft sein.

Etwas abseits unseres üblichen Themenkreises, aber bestimmt eine bedenkenswerte Anregung.

Siehe auch den Wiki-Artikel Abakus.

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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