Die Männer der Station Greywater

Von George R. R. Martin. Das Original „Men of Greywater Station“ wurde 1976 veröffentlicht; deutsche Übersetzung von Tony Westermayr (1979). Diese Geschichte spielt vor demselben fiktiven Hintergrund wie George R. R. Martins SF-Roman „Die Flamme erlischt“ („Dying of the Light“) und andere seiner Kurzgeschichten, ist aber zeitlich um viele Jahrhunderte früher angesiedelt und spielt zu einer Zeit, in der das Terranische Bundesimperium noch nicht in den Doppelkrieg gegen die Fyndii und die Hranganer verstrickt ist, sondern vorerst nur gegen die Fyndii kämpft.

GWS TTS

Die Männer von Greywater Station sahen die Sternschnuppe herabfallen und erkannten sie als Omen.

Sie beobachteten sie stumm von der Laserkuppel auf dem Zentralturm aus. Der Streifen wurde im nordöstlichen Himmel leuchtend hell, zerteilte die Nacht durch den dünnen Dunst des Sporenstaubes. Er ging durch den Zenit, sank, fiel unter den westlichen Horizont.

Sheridan, der Zoologe mit dem runden Kopf, begann als erster zu sprechen.

„Das waren sie“, sagte er unnötigerweise.

Delvecchio schüttelte den Kopf. „Das sind sie“, sagte er und wandte sich den anderen zu. Es waren nur fünf von den sieben, die geblieben waren. Sanderpay und Miterz befanden sich noch draußen und nahmen Proben.

„Sie werden es schaffen“, sagte Delvecchio entschieden. „Hat zu lange gedauert, durch den Himmel zu gehen, als daß es wie ein Meteor verglüht wäre. Ich hoffe, wir können mit Radar eine Triangulation vornehmen. Sie sind langsam genug heruntergekommen, sodaß sie den Absturz vielleicht überstehen.“

Reyn, der Jüngste von Greywater, blickte von der Radarkonsole auf und nickte. „Ich habe sie schon. Ist aber ein Wunder, daß sie genug abgebremst haben, bevor sie auf die Atmosphäre geprallt sind. Von dem bißchen, was durch die Störungen dringt, läßt sich erkennen, daß sie da draußen ganz arg erwischt worden sind.“

„Wenn sie am Leben bleiben, sind wir in einer schwierigen Lage“, sagte Delvecchio. „Ich weiß nicht recht, wie es weitergeht.“

„Aber ich“, sagte Sheridan. „Wir bereiten uns auf den Kampf vor. Wenn jemand die Landung überlebt, müssen wir uns bereitmachen, es mit ihnen aufzunehmen. Sie werden von Schwämmen überwuchert sein, bis sie hier sind. Und ihr wißt, daß sie kommen. Wir werden sie töten müssen.“

Delvecchio betrachtete Sheridan mit erneuertem Widerwillen. Der Zoologe brachte seine Vorstellungen immer sehr deutlich zur Sprache. Das erleichterte Delvecchios Aufgabe nicht, der dann die Streitigkeiten schlichten mußte, zu denen Sheridans Ideen gewöhnlich führten.

„Sonst noch Vorschläge?“ fragte er und sah die anderen an.

Reyn wirkte hoffnungsvoll. „Wir könnten versuchen, sie zu retten, bevor die Schwämme sie überwältigen.“ Er wies auf das Fenster und die sumpfige, schlammverklumpte Landschaft dahinter. „Wir könnten sie vielleicht mit einem der Flugzeuge erreichen, sie der Reihe nach zur Station zurückbringen, in die Isolierstation schaffen…“ Dann verstummte er und fuhr mit der Hand nervös durch sein dichtes, schwarzes Haar. „Nein. Sie wären zu viele. Wir müßten so viele Flüge machen. Und die Sumpf-Fledermäuse… ich weiß nicht.“

„Der Impfstoff“, sagte Granowicz, der drahtige AI-Psychologe. Bringt ihnen mit einem Flugzeug den Impfstoff. Dann schaffen sie es vielleicht zu Fuß.“

„Der Impfstoff wirkt nicht richtig“, sagte Sheridan. „Die Leute entwickeln eine Immunität dagegen, die Schutzwirkung flaut ab. Außerdem – wer bringt ihn hin? Sie erinnern sich an den letzten Versuch mit einem Flugzeug? Die verdammten Sumpf-Fledermäuse haben es demoliert. Wir haben Blatt und Ryerson verloren. Die Schwämme hindern uns nun schon bald acht Monate daran, daß wir fliegen. Wie kommen Sie nur darauf, sie würden uns plötzlich freie Bahn lassen, in den Sonnenuntergang hineinzufliegen?“

„Wir müssen es versuchen“, sagte Reyn hitzig. An seinem Tonfall konnte Delvecchio erkennen, daß es einen heftigen Streit geben würde. Sheridan brauchte in einem solchen Fall nur auf der einen Seite zu stehen, und Reyn war prompt auf der anderen.

„Das sind Menschen dort draußen, wohlgemerkt“, fuhr Reyn fort. „Ich glaube, Ike hat recht – wir können ihnen Impfstoff bringen. Zumindest besteht eine Chance. Wir können mit den Sumpf-Fledermäusen den Kampf aufnehmen. Aber die armen Schweine da draußen haben gegen den Schwamm keine Chance.“

„Sie haben keine, egal was wir tun“, sagte Sheridan. „Wir sollten lieber an uns selbst denken. Sie sind erledigt. Inzwischen wissen die Schwämme, daß sie hier sind. Wahrscheinlich überfallen sie sie schon. Wenn überhaupt jemand am Leben geblieben ist.“

„Das scheint das Problem zu sein“, warf Delvecchio hastig ein, bevor Reyn etwas erwidern konnte. „Wir müssen davon ausgehen, daß der Schwamm sich keine Gelegenheit entgehen lassen wird, sie in seine Gewalt zu bringen. Und dann rücken sie gegen uns vor.“

„Richtig“, sagte Sheridan und schüttelte lebhaft den Kopf. „Und vergeßt nicht, das sind keine gewöhnlichen Leute, mit denen wir es zu tun haben. Das war ein Truppentransporter. Die Überlebenden werden bis an die Zähne bewaffnet sein. Was haben wir außer dem Kuppellaser? Jagdgewehre und Betäubungswaffen. Und Messer. Gegen Kreischer und 75er Mikemikes und weiß der Himmel was noch alles. Wir sind erledigt, wenn wir uns nicht vorbereiten. Erledigt.“

„Also, Jim?“ sagte Granowicz. „Was meinen Sie? Hat er recht? Wie schätzen Sie unsere Chancen ein?“

Delvecchio seufzte. Es war nicht immer angenehm, das Kommando zu führen.

„Ich weiß, wie Ihnen zumute ist, Bill“, sagte er und nickte Reyn zu. „Aber ich fürchte, ich muß Sheridan recht geben. Ihr Plan hat keine großen Aussichten. Und es steht mehr auf dem Spiel. Wenn die Überlebenden Kreischer und schwere Waffen haben, werden sie durch die Mauern der Station brechen können. Ihr wißt alle, was das bedeuten würde. In einem Monat ist unser Versorgungsschiff fällig. Wenn der Schwamm nach Greywater eindringt, wird die Erde sich um die Fyndii keine Gedanken mehr zu machen brauchen. Der Schwamm würde den Krieg endgültig beenden. Er mag es nicht, wenn seine Wirte miteinander kämpfen.“

Sheridan nickte. „Ja. Wir müssen die Überlebenden also vernichten. Das ist die einzige Möglichkeit.“

Andrews, der stille kleine Mykologe, meldete sich zum ersten Mal zu Wort. „Wir könnten versuchen, sie gefangenzunehmen“, schlug er vor. „Ich habe mit Methoden experimentiert, den Schwamm zu vernichten, ohne die Wirte zu schädigen. Wir könnten sie ruhigstellen, bis ich vorankomme.“

„Wie viele Jahre würde das dauern?“ fragte Sheridan.

Delvecchio griff ein. „Nein. Wir haben keinen Grund zu der Annahme, daß wir sie auch nur erfolgreich bekämpfen können. Alles spricht für sie. Eine Gefangennahme wäre offenkundig unmöglich.“

„Aber eine Rettungsaktion nicht“, erklärte Reyn störrisch. „Wir sollten es wagen. Es lohnt sich.“

„Das haben wir schon geklärt, Bill“, sagte Delvecchio. „Keine Rettungsaktion. Wir haben nur sieben Mann, um vielleicht Hunderte abzuwehren – ich kann es mir nicht leisten, einen einzigen Mann für eine theatralische Geste zu opfern.“

„Sieben Mann, die Hunderte abwehren wollen, entsprechen für mich einer theatralischen Geste“, sagte Reyn. „Umso mehr, als es vielleicht nur ein paar Überlebende gibt, die gerettet werden können.“

„Aber was ist, wenn sie alle überleben?“ sagte Sheridan. „Und wenn alle schon in der Gewalt der Schwämme sind? Bleiben wir ernst, Reyn. Der Sporenstaub ist überall. Sobald sie ungefilterte Luft atmen, nehmen sie ihn auf. Und in 72 Stunden werden sie sein wie der Rest des tierischen Lebens auf diesem Planeten. Dann wird der Schwamm sie auf uns loslassen.“

„Herrgott nochmal, Sheridan!“ brüllte Reyn. „Sie könnten noch in ihren Kapseln sein. Vielleicht wissen sie nicht einmal, was geschehen ist. Vielleicht schlafen sie noch. Woher, zum Teufel, soll ich das wissen? Wenn wir dort sind, bevor sie herauskommen, können wir sie retten. Oder irgend etwas tun. Wir müssen es versuchen.“

„Nein. Schauen Sie. Der Absturz wird das Schiff mit Sicherheit abgeschaltet haben. Sie werden wach sein. Als erstes werden sie auf ihre Listen gucken. Nur der Schwamm ist als geheim eingestuft, so daß sie nicht wissen können, in welchem Dreck sie gelandet sind. Alles, was sie wissen, ist, daß Greywater die einzige menschliche Siedlung hier ist. Sie werden sich auf den Weg zu uns machen. Und sie werden infiziert sein. Und besessen.“

„Deshalb müssen wir uns ja beeilen“, sagte Reyn. „Wir sollten drei oder vier von unseren Flugzeugen armieren und gleich losfliegen. Auf der Stelle.“

Delvecchio beschloß, dem Streit ein Ende zu machen. Der letzte von dieser Art hatte eine ganze Nacht angehalten.

„Das bringt uns nicht weiter“, sagte er scharf und funkelte Sheridan und Reyn böse an. „Es ist sinnlos, noch weiter zu diskutieren. Wir werden nur wütend aufeinander. Außerdem ist es spät geworden.“ Er schaute auf die Uhr. „Wir machen sechs Stunden Pause und fangen wieder an, wenn es hell wird. Wenn wir uns abgekühlt haben und nicht mehr so müde sind. Wir werden klarer denken können. Und bis dahin werden auch Sanderpay und Miterz zurück sein. Sie haben auch mitzureden.“ Es gab drei Brummlaute der Zustimmung. Und einen scharfen Ton des Widerspruchs.

„Nein“, sagte Reyn. Sehr laut. Er stand auf und überragte die anderen in ihren Sesseln. „Das ist zu spät. Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren.“

„Bill, Sie –“, begann Delvecchio.

„Die Männer könnten erfaßt werden, während wir schlafen“, fuhr Reyn fort, ohne auf seinen Vorgesetzten zu achten. Wir müssen doch etwas tun.“

„Nein“, sagte Delvecchio. „Und das ist ein Befehl. Wir sprechen morgen früh darüber. Versuchen Sie zu schlafen, Bill.“

Reyn sah sich nach Unterstützung um. Er fand keine. Er funkelte Delvecchio kurz an, dann drehte er sich um und verließ den Turm.

*  *  *

Delvecchio hatte Schwierigkeiten beim Einschlafen. Er wurde mindestens zweimal wach, in Bettzeug, das kalt und klebrig von Schweiß war. In seinem Alptraum war er außerhalb von Greywater, knietief im graugrünen Schlamm, und sammelte Proben für die Analyse. Während er arbeitete, beobachtete er in der Ferne einen großen, amphibischen Schlammtraktor, der auf ihn zuwalzte. Obenauf saß ein Mensch, dessen Züge hinter Filtermaske und Überhaut unsichtbar blieben. Der Traum-Delvecchio winkte dem Traktor, als er sich näherte, und der Fahrer winkte zurück. Dann hielt er nahebei an, stieg aus dem Fahrerhaus und drückte Delvecchio fest die Hand.

Nun konnte Delvecchio hinter die durchsichtige Filtermaske blicken. Es war Ryerson, der tote Geologe, sein Freund Ryerson. Aber sein Kopf war stark angeschwollen, und aus beiden Ohren hingen Schwammausläufer.

Nach dem zweiten Alptraum gab er es als sinnlos auf. Sie hatten Ryerson oder Blatt nach dem Absturz nie gefunden. Vom Aufprall wußten sie allerdings, daß es nicht viel zu finden geben würde. Aber Delvecchio träumte oft von ihnen und vermutete, daß es manche von den anderen auch taten.

Er zog sich im Dunkeln an und ging zum Zentralturm. Sanderpay, der Fernmeldemann, hatte Wachdienst. Er schlief in der kleinen Bereitschaftskoje neben der Laserkuppel, wo die Stationsmonitoren ihn schnell wecken konnten, wenn sich etwas Großes den Mauern näherte. Verstärkte Dural-Legierung war harter Stoff, aber der Schwamm vermochte sehr gefährliche Wesen einzusetzen. Und man mußte an die Luftschleusen denken.

Delvecchio beschloß, Sanderpay schlafen zu lassen, und trat ans Fenster. Die großen Suchscheinwerfer auf der Mauer überfluteten den Umkreis von Greywater mit grellen, weißen Lichtkegeln, die den Schlamm widerwärtig aufschimmern ließen. Er konnte in den Strahlen kurz dahinschwebende Sporen aufleuchten sehen. Sie erschienen ungewöhnlich dicht, vor allem gegen Westen zu, aber das bildete er sich vermutlich nur ein.

Andererseits mochte es aber auch ein Anzeichen dafür sein, daß der Schwamm unruhig war. Die Sporen waren um Greywater stets zehnmal so dicht aufgetreten wie überall sonst auf dem Planeten. Das war einer der ersten Hinweise darauf gewesen, daß der verdammte Schwamm intelligent war. Und feindselig.

Sie wußten noch immer nicht genau, wie intelligent. Aber an der Feindseligkeit gab es keinen Zweifel mehr. Der schmarotzende Schwamm befiel jedes Tier auf dem Planeten. Und er hatte die meisten von ihnen zu irgendeiner Zeit dazu benützt, die Station anzugreifen. Er hatte es auf sie abgesehen. Deshalb der Blizzard von Sporen, der nun schon seit über einem Jahr auf Greywater herabregnete. Die oberen Kraftfelder hielten sie aber fern, und die Sterilisierungskammern töteten alle ab, die an Schlammschleppern oder Überhäuten haften oder in die Luftschleusen dringen mochten. Aber der Schwamm gab nicht auf.

Sanderpay gähnte und setzte sich in seiner Koje auf. Delvecchio drehte sich nach ihm um.

„Morgen, Otis.“

Sanderpay gähnte wieder und hielt sich eine große, rote Hand vor den Mund. „Morgen“, erwiderte er und wand sich in einem Gewirr von langen Armen und Beinen aus der Koje. „Was ist los? Übernehmen Sie Bills Schicht?“

Delvecchio erstarrte. „Was? Sollte Reyn Sie ablösen?“

„M-hm“, sagte Sanderpay mit einem Blick auf die Uhr. „Vor einer Stunde. Der Mistkerl. Ich kriege Krämpfe, wenn ich in dem Ding da schlafen muß. Warum können wir das nicht ein bißchen bequemer machen, frage ich Sie?“

Delvecchio hörte kaum hin. Er beachtete Sanderpay nicht und ging sofort zur Rudanlage. Granowicz war dem Fuhrpark am nächsten. Er läutete ihn an. Eine schläfrige Stimme meldete sich.

„Ike“, sagte Delvecchio. „Hier Jim. Sehen Sie schnell im Fuhrpark nach. Zählen Sie die Flieger.“

Granowicz bestätigte den Befehl. Nach nicht einmal zwei Minuten war er zurück, aber es schien länger gedauert zu haben. „Flieger Fünf fehlt“, sagte er. Er schien plötzlich hellwach zu sein.

„Scheiße“, sagte Delvecchio. Er warf den Hörer hin und fuhr herum. „Sofort an den Funk: Ein Flieger fehlt! Anpeilen!“

Sanderpay sah ihn verblüfft an, gehorchte aber. Delvecchio stand hinter ihm und murmelte Verwünschungen, während er die atmosphärischen Störungen absuchte. Schließlich eine Antwort.

„Ich höre Sie, Otis“. Natürlich Reyns Stimme.

Delvecchio beugte sich zum Sender vor. „Ich habe gesagt, keine Rettungsaktionen!“

„Die Antwort war zu gleichen Teilen Lachen und Rauschen. „Haben Sie? Verdammt! Ich muß nicht aufgepaßt haben, Jim. Sie wissen, wie lange Besprechungen mich immer langweilen.“

„Ich will keinen toten Helden zu verantworten haben. Kehren Sie um!“

„Das habe ich vor, nachdem ich den Impfstoff abgeliefert habe. Ich bringe so viele Soldaten mit, wie ich kann. Die anderen können laufen. Die Immunität läßt nach, aber sie sollte lange genug anhalten, wenn sie dort gelandet sind, wo wir es vermuten.“

Delvecchio fluchte. „Verdammt noch mal, Bill! Kehren Sie um! Erinnern Sie sich noch an Ryerson?“

„Aber sicher. Er war Geologe. Ein kleiner Mann mit Bauch, nicht?“

„Reyn!“ Delvecchios Stimme klang schneidend.

Gelächter. „Ach, regen Sie sich ab, Jim. Ich schaffe es. Ryerson war unvorsichtig, das hat ihn getötet. Und Blatt auch. Mir passiert das nicht. Ich habe ein paar Laser montiert. Zwei große Sumpf-Fledermäuse, die mich angriffen, habe ich schon erledigt. Riesenkerle, die leicht wegzusengen waren.“

Zwei! Der Schwamm kann Hunderte schicken, wenn er unruhig wird. Hören Sie auf mich, zum Teufel! Kommen Sie zurück!“

„Abgemacht“, sagte Reyn. „Mit meinen Gästen.“ Dann meldete er sich mit einem Lachen ab.

Delvecchio richtete sich auf und zog die Brauen zusammen. Sanderpay schien das Gefühl zu haben, daß ein Kommentar angebracht war, und brachte ein schwaches: „Tja…“ zustande. Delvecchio hörte ihn gar nicht.

„Bleiben Sie auf dem Kanal, Otis“, sagte er. „Es besteht die Möglichkeit, daß der verdammte Narr es wirklich schafft. Ich will sofort Bescheid wissen, wenn er sich meldet.“ Er ging durch den Raum. „Hören Sie, versuchen Sie so alle fünf Minuten, ihn anzusprechen. Vermutlich wird er nicht antworten. Er sitzt voll in der Scheiße, wenn der Laser, den er selbst montiert hat, ausfällt.“

Delvecchio stand an der Rufanlage. Er tastete Granowicz’ Station ein.

„Wieder Jim, Ike. Was für ein Laser fehlt aus der Werkstatt? Ich bleibe dran.“

„Nicht nötig“, kam die Antwort. „Hab’ gleich nachgesehen, als ich den Flieger vermißte. Einer von den Tisch-Fräsern, glaube ich, mit geringer Leistung. Er hat mit dem Punktschweißgerät gearbeitet und den Regler auf dem Energieerzeuger gelassen. Ned hat das gefunden, und die Stellen, wo er Befestigungsschellen montiert hat. Außerdem ist einer der Vakutanks verschwunden.“

„Okay. Danke, Ike. Ich möchte, daß in zehn Minuten alle hier oben sind. Kriegsrat.“

„Oh, da wird sich Sheridan aber freuen.“

„Nein. Doch. Vielleicht.“ Er schaltete ab, tastete Andrews’ Nummer ein. Der Mykologe brauchte eine Weile, bis er sich meldete.

„Arnold?“ knurrte Delvecchio, als er endlich Antwort bekam. Können Sie mir sagen, was aus dem Lager fehlt?“ Es blieb einige Minuten still, dann kam Andrews zurück.

„Ja, Jim. Eine Menge Medizinisches. Spritzen, Verbände, Impfstoff, sogar ein paar Leichensäcke. Was ist los?“

„Reyn. Und nach allem, was Sie sagen, scheint er es auf eine große Rettungstat angelegt zu haben. Wieviel hat er mitgenommen?“

„Genug, denke ich. Aber nichts, das wir nicht ersetzen könnten.“

„Okay. Besprechung hier oben in zehn… in fünf Minuten.“

„Hm, na gut.“ Andrews legte auf.

Delvecchio drückte auf den Hauptschalter und nahm alle Lautsprecher in Betrieb. Zum erstenmal in vier Monaten, seit die Glitscher sich in der Nähe versammelt hatten. Das war ein falscher Alarm gewesen. Diesmal war es keiner, das wußte er.

„Besprechung in fünf Minuten in der Kuppel“, sagte er. Die Worte hallten durch die Station und wurden von den kühlen, summenden Wänden zurückgeworfen.

*  *  *

„…daß es viel zu spät sein wird, wenn wir nicht jetzt Pläne machen.“ Delvecchio verstummte und sah die vier Männer in den Sesseln der Reihe nach an. Sanderpay saß noch am Funkgerät, und seine langen Beine reichten bis in die Mitte des Raumes hinein. Aber die anderen vier saßen mit am Tisch und umklammerten Kaffeetassen.

Keiner schien aufmerksam zuzuhören. Granowicz starrte geistesabwesend zum Fenster hinaus, wie meistens. Augen und Vorderhirn waren mit dem Schwamm beschäftigt, der an den Bäumen rund um Greywater wuchs. Andrews kritzelte ganz langsam etwas in ein Notizbuch. Er malte. Ned Miterz, groß und blond und kräftig, war ein Bündel nervöser Anspannung; Bill Reyn war sein engster Freund. Er trommelte abwechselnd mit den Fingern auf die Tischplatte, ließ den Kaffee in der Tasse kreisen und zupfte nervös an seinem blonden Schnauzbart. Sheridans Rundkopf war gesenkt; er starrte auf den Boden.

Aber auf ihre Weise waren sie alle bei der Sache. Selbst Sanderpay am Funk. Als Delvecchio verstummte, zog er die langen Beine an und sagte: „Es tut mir leid, daß es so gekommen ist, Jim.“ Er rieb sich das Ohr, um die Zirkulation wieder anzuregen. „Schlimm genug, daß diese Soldaten draußen sind. Jetzt ist Bill auf dem Weg zu ihnen, und er ist in derselben Klemme. Ich glaube, tja, wir müssen ihn vergessen. Und uns über Angriffe den Kopf zerbrechen.“

Delvecchio seufzte.

„Es ist schwer zu verdauen, ich weiß. Wenn er es schafft, dann schafft er es. Wenn er sie findet, dann findet er sie. Wenn sie exponiert waren, gehören sie in drei Tagen zum Schwamm. Ob sie den Impfstoff nehmen oder nicht. Wenn er sie mitbringt, beobachten wir sie drei Tage, um zu sehen, ob sich Symptome entwickeln. Wenn das der Fall ist, müssen wir sie töten. Wenn nicht, dann ist keiner geschädigt. Und wenn die anderen nachkommen, achten wir bei ihnen auf Symptome. Aber das sind sehr zweifelhafte Dinge. Wenn er es nicht schafft, ist er tot. Vieles spricht dafür, daß die Soldaten tot sind. Oder exponiert. So oder so, wir bereiten uns auf das Schlimmste vor und vergessen Reyn, bis wir ihn sehen. Was ich also jetzt hören möchte, sind praktische Vorschläge darüber, wie wir uns gegen schwerbewaffnete Soldaten verteidigen, die gesteuert sind von einer Intelligenz, die wir nicht verstehen.“ Er sah die Männer wieder der Reihe nach an.

Sanderpay stieß einen Schrei aus. Er packte das Konsolenmikro, als die anderen zusammenzuckten und ihn anstarrten.

„Melden, Bill“, sagte er und drehte den Lautstärkeknopf über dem Wandlautsprecher. Die anderen schnitten Grimassen, als das brüllende Frequenzrauschen den Raum erfüllte.

„…richtig. Das verdammte Ding schickt Insekten ins Schiff. Schmie…ren… verschmieren Windschutzscheibe… Instrumente.“ Reyns Stimme. Im Hintergrund ein Geräusch wie starker Regen.

„…Sumpf-Fledermäuse, kurz bevor sie kamen… wahrscheinlich gehen sie jetzt auf mich los. Verdammter Lasersockel locker…“ Im Hintergrund ein dumpfes Krachen. „Keine Seitensteuerung… hab’ den Teufel… o mein Gott…“ Wieder zwei dumpfe Laute. Ein Geräusch, als verzehre sich Metall selbst. „…in den Bäumen. Höhe… gehe hinunter… Sumpf-Fledermäuse… gerade etwas in den Motor gesaugt… Verdammt, kein Schub… nichts… wenn…“ Danach Frequenzrauschen.

Sanderpay, dessen schmales Gesicht leer und weiß war, wartete einige Sekunden, um zu sehen, ob noch etwas durchkam, dann versuchte er Reyn auf dem Kanal zu rufen. Nach einer Zeit drehte er den Lautstärkeknopf wieder zurück.

„Ich glaube, das ist so ungefähr das, was in zwei Tagen mit uns passieren wird“, sagte Delvecchio. „Der Schwamm schreckt vor nichts zurück, um alles intelligente Leben in seine Gewalt zu bringen. Sobald er die Soldaten hat, die am Leben geblieben sind, werden sie zur Station kommen. Mit ihren Waffen.“

„Tja“, knurrte Sheridan. „Er wußte, daß er mit dem Flugzeug nicht hinausgehen sollte.“

Miterz knallte die Tasse auf den Tisch und stand auf.

„Geh’n Sie doch zum Teufel, Sheridan! Können Sie nicht mal eine Minute die Schnauze halten? Bill ist dort wahrscheinlich umgekommen, und Sie wollen nichts anderes als sich bestätigen, Sie hätten es ja gleich gesagt.“

Sheridan sprang ebenfalls auf.

„Meinen Sie, mir gefällt es, anhören zu müssen, wie jemand stirbt? Nur weil ich ihn nicht gemocht habe? Denken Sie, das macht Spaß? Wie? Denken Sie, ich möchte gegen jemand kämpfen, der das gelernt hat? Wie?“ Er sah sie an, alle, und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. „Nein, möchte ich nicht. Ich habe Angst. Ich mache ungern Pläne für einen Krieg, wenn da draußen verwundete und sterbende Männer sein könnten, ohne daß Hilfe kommt.“

Er machte eine Pause. Seine gepreßte Stimme begann zu schwanken.

„Reyn war ein Narr, da hinauszugehen. Aber vielleicht ist er der einzige gewesen, der seine Menschlichkeit an die Oberfläche kommen ließ. Ich habe mich dazu gezwungen, sie zu ignorieren. Ich habe versucht, euch alle dazu zu bringen, daß ihr euch auf den Krieg einstellt, für den Fall, daß von den Soldaten jemand am Leben bleibt. Hol euch der Teufel. Ich habe Angst davor, da hinauszugehen. Ich fürchte mich, an das Zeug hinzukommen, sogar in der Station. Ich bin Zoologe, aber ich kann nicht einmal arbeiten. Jedes Tier auf dem Planeten hat das – das Zeug am Leib. Ich kann nicht ertragen, es zu berühren. Ich will auch nicht dagegen kämpfen. Aber wir werden müssen. Früher oder später.“ Er wischte sich wieder die Stirn und sah Delvecchio an. „Ich – es tut mir leid, Jim. Und Ned. Und ihr anderen. Ich – ich habe – es gefällt mir nicht besser als euch. Aber wir müssen.“ Er setzte sich todmüde hin.

Delvecchio rieb sich die Nase und sagte sich wieder einmal, daß es mehr Mühe machte, als es sich lohnte, nominell der Chef zu sein. Sheridan war noch nie so aus sich herausgegangen. Er wußte nicht so recht, wie er darauf reagieren sollte.

„Ist okay, Eldon“, sagte er schließlich. Es war das erstemal, daß er sich erinnern konnte, Sheridans Vornamen in den Mund genommen zu haben, er wie die anderen. „Das wird für keinen von uns leicht. Sie könnten recht haben, was unsere Menschlichkeit angeht. Manchmal muß man die Menschlichkeit beiseite stellen, um sich zu befassen mit… tja, ich weiß nicht. Der Schwamm hat einen Weg gefunden, an uns heranzukommen. Er wird uns mit den Soldaten angreifen, wie er es mit den Glitschern und den Fledermäusen und allem anderen gemacht hat. So, wie er es jetzt versucht, während wir hier miteinander sprechen, mit den Grabwürmern und Insekten und Gliederfüßern. Damit werden die Abwehranlagen der Station fertig. Wir brauchen uns nur Sorgen um die Soldaten zu machen.“

„Nur?“ sagte Granowicz scharf.

„Das, und was wir tun, wenn sie die Mauer oder das Feld durchbrechen. Das Feld kann keine Kreischer oder Laser oder Sprengstoffe abhalten. Nur Insekten und Flugtiere. Ich glaube, mit zu den ersten Dingen, die wir tun müssen, gehört, das Feld zu verstärken. Etwa durch Netzanschluß der anderen Energieerzeuger. Aber dann bleibt immer noch die Mauer. Es bleiben die Zugänge. Die schwächsten Glieder in der Kette. Zehn oder zwanzig ordentliche Sprenggranaten genügen. Wie wehren wir uns?“

„Vielleicht gar nicht“, sagte Miterz. Sein Ausdruck war immer noch hart und zornig. Aber nun richtete sich seine Wut gegen den Schwamm, statt gegen Sheridan. „Vielleicht tragen wir den Kampf hinaus.“

Von da an kamen die Vorschläge zahlreich und schnell. Die Hälfte davon war unmöglich durchzuführen, ein Viertel kaum, vom Rest war das meiste verrückt. Nach einer Stunde waren sie über Verminung, Fallgruben, Tötung durch elektrischen Strom hinaus. Für Delvecchios Ohren war das die seltsamste Unterhaltung, die er je gehört hatte. Sie war voll des Irrsinns, den Menschen gegeneinander planen, sonderbarer noch durch die Art der Männer selbst. Sie waren alle Wissenschaftler und Techniker, nicht Soldaten, nicht Killer. Sie berieten sich und planten ohne Begeisterung, mit den leisen Sätzen von Männern, die sich zu besprechen hatten, bevor sie als Sargträger am Begräbnis eines Freundes teilnahmen, oder bevor sie am nächsten Morgen in ein Erschießungspeloton einzutreten hatten.

*  *  *

Eine Stunde später stand Delvecchio bis zu den Knöcheln in graugrünem Schlick, mühte sich mit einer Motorsäge ab und schwitzte heftig unter seiner Überhaut. Die Säge war an den Energieblock auf seinem Schlammschlepper angeschlossen. Und Miterz saß auf dem Traktor, mit einem Jagdlaser auf den Knien, den er von Zeit zu Zeit hob, um einen der Glitscher wegzubrennen, die durch das Dickicht krochen.

Delvecchio hatte bereits vier der dicksten, höchsten Bäume rund um Greywater ganz unten durchgeschnitten – jedenfalls drei Viertel davon. Gerade so viel, daß sie geschwächt waren und der Kuppellaser im Notfall den Rest schnell besorgen konnte. Es war eine verzweifelte Idee. Aber sie waren verzweifelte Männer.

Der fünfte Baum bereitete ihm Schwierigkeiten. Er war von einer anderen Gattung als die übrigen, knorrig, von Ranken überwuchert, und felshart. Er hatte ihn erst zur Hälfte durchgeschnitten und schon zweimal das Sägeblatt wechseln müssen. Das machte ihn nervös. Ein Abrutschen mit dem Sägeblatt, ein Aufplatzen der Überhaut, und die Sporen konnten an ihn heran.

„Verdammtes Ding“, sagte er, als zum dritten Mal die Zähne abbrachen. „Es scheint halb versteinert zu sein. Verdammt.“

„Sie müssen das Positive sehen“, meinte Miterz. „Wenn er umfällt, gibt es einen gewaltigen Aufprall. Und selbst Dural-Legierungs-Panzerung sollte ganz schön eingedrückt werden.“

Delvecchio konnte den Humor nicht würdigen. Er wechselte wortlos das Sägeblatt aus und sägte weiter. „Das sollte reichen“, sagte er nach einer Weile. „Sieht tief genug aus. Aber vielleicht sollten wir bei dieser Sorte die Laser benützen, wenn wir noch auf mehr davon stoßen.“

„Das kostet viel Energie“, sagte Miterz. „Können wir uns das leisten?“ Er hob plötzlich den Laser und feuerte auf etwas hinter Delvecchio. Der Glitscher, eine eineinviertel Meter lange Masse von Schuppen und Klauen, bäumte sich kurz auf und klatschte wieder hinunter, und Schlamm spritzte zu ihnen herüber. Sein Todesschrei war ein kurzes Ausrufungszeichen. „Von denen wimmelt es heute hier“, sagte Miterz.

Delvecchio stieg auf den Schlepper. „Das bilden Sie sich ein“, sagte er.

„Nein.“ Miterz’ Stimme klang ernst. „Ich bin der Ökologe, ja? Ich weiß, daß wir hier keine natürliche Ökologie haben. Der Schwamm schickt uns seine Scheußlichkeiten und hält die harmlosen Lebensformen fern. Aber jetzt sind es noch mehr als sonst.“

Er gestikulierte mit dem Laser. Im Unterholz konnte man zwei große Glitscher sehen, die an den Ranken um einen Baum kauten; die Schwammausläufer hingen wie ein Tuch von ihren Hinterköpfen. „Sehen Sie sich das an. Was machen die Ihrer Meinung nach?“

„Sie fressen“, sagte Delvecchio. „Das ist doch ganz normal.“ Er ließ den Traktor an und rollte ruckhaft vorwärts. Schlamm, der zu wäßrigem Schleim zerquetscht wurde, sprühte hinter dem Fahrzeug in großen Fontänen auf.

„Glitscher sind Allesfresser“, sagte Miterz. „Aber sie bevorzugen Fleisch. Fressen Ranken nur, wenn es keine Beute gibt. Aber davon fänden sie hier genug.“ Er verstummte, starrte hinaus, stieß in plötzlicher Nervenanspannung den Laserkolben auf den Boden des Fahrerhauses. Dann fuhr er fort: „Verdammt, verdammt, sie bahnen einen Weg!“ Seine Stimme schwankte. „Einen Weg, auf dem die Soldaten vorrücken können. Fangen bei uns an und arbeiten ihnen entgegen. Die werden schneller hier sein, wenn sie sich nicht durch das Dickicht hacken müssen.“

Delvecchio am Steuer schnaubte. „Werden Sie nicht absurd.“

„Wie kommen Sie darauf, daß das absurd ist? Wer weiß, was der Schwamm im Schilde führt? Eine lebende Ökologie. Er kann alles Lebende auf dem Planeten gegen uns einsetzen, wenn er will. Sich einen Weg durch den Sumpf zu fressen, ist für so etwas gar nichts.“ Miterz’ Stimme klang dumpf und brütend.

Delvecchio behagte die Richtung des Gesprächs nicht. Er blieb stumm. Sie fuhren zum nächsten Baum, dann zum übernächsten. Aber Miterz, dessen Gedanken sich überstürzten, wurde immer unruhiger. Er rutschte auf seinem Sitz hin und her, spielte mit dem Lasergewehr herum, und mehr als einmal versuchte er zerstreut an seinem Schnurrbart zu zupfen, was aber die Filtermaske verhinderte. Schließlich hielt Delvecchio es für das beste, zurückzufahren.

Die Entseuchung nahm die üblichen zwei Stunden in Anspruch. Sie warteten geduldig in der Eingangskammer und in den Sterilisierungsräumen, während die Pumpen, Sprühduschen, Wärmelampen und Ultraviolettsysteme sie und den Traktor bearbeiteten. Als sie durch die letzte Luftschleuse kamen, zogen sie ihre sterilisierten Überhäute aus.

„Verdammt nochmal“, sagte Delvecchio. „Hoffentlich müssen wir nicht noch einmal hinaus. Die Entseuchung dauert länger als die Arbeit.“

Sanderpay kam ihnen lächelnd entgegen. „Ich glaube, ich habe etwas gefunden, das wir brauchen können. Hätte sie beinahe vergessen.“

„So? Was denn?“ fragte Miterz, während er den Laser-Akku herausnahm und in das Aufladegerät steckte. Er drückte zerstreut auf ein paar Knöpfe.

„Die Raketensonden.“

Delvecchio schlug sich mit der Hand auf die Stirn. „Natürlich. Verdammt. An die hab’ ich nicht einmal gedacht.“ Er dachte nach. Blatt, der tote Meteorologe, hatte die fast zwei Meter langen Raketensonden in den ersten Wochen regelmäßig abgefeuert, um Daten über den Schwamm zu sammeln. Sie hatten entdeckt, daß Sporen häufig in einer Höhe von 15 Kilometern vorkamen und einige sogar bis in 24 Kilometer Höhe hinaufreichten. Nachdem Blatt das festgestellt hatte, schoß er trotzdem zweimal täglich die Sonden hinauf, um Informationen über die wechselnden Luftströmungen des Planeten zu erhalten. Sie hatten Wetterballons, aber die waren praktisch nutzlos; die Fledermäuse stürzten sich zumeist sofort auf sie, wenn sie hochgelassen wurden. Nach Blatts Tod hatten die Messungen jedoch nicht mehr soviel gesagt, und die Abschüsse waren eingestellt worden. Aber soviel er wußte, funktionierten die Abschußrohre noch.

„Sie glauben, Sie können sie als kleine Lenkraketen verwenden?“ fragte Delvecchio.

„Ja“, erwiderte Sanderpay grinsend. Ich habe schon damit angefangen, sie umzubauen. Aber sehr zielgenau werden sie nicht sein. Sie steigen ungefähr eine Meile hoch, bevor wir anfangen können, sie zu steuern. Dann werden wir die Flugbahn zwangsweise verändern. Sie wollen in weitem Bogen weiterfliegen. Wir wollen, daß sie fast zum Startpunkt zurückkommen. Ich überlege mir, sie zur Hälfte mit dem Sprengstoff zu füllen, den Andrews herzustellen versucht, und die andere Hälfte mit weißem Phosphor. Aber das könnte riskant sein.“

„Na, tun Sie, was Sie können, Otis“, sagte Delvecchio. „Das ist eine gute Nachricht. So etwas haben wir gebraucht. Vielleicht ist es doch nicht so aussichtslos, wie ich dachte.“

Miterz hatte aufmerksam zugehört, wirkte aber immer noch düster. „Irgend etwas von Bill gehört?“ warf er ein.

Sanderpay schüttelte den Kopf. „Das ist so, als müsse man mit einem Alligator ringen, der zwei Köpfe hat. Nur der übliche Solardreck zu hören, und eine enorme Breitbandstrahlung. Im Umkreis von tausend Meilen muß es einen irren Gewittersturm geben. Aber ich sage sofort Bescheid, falls etwas durchkommt.“

Miterz antwortete nicht. Er betrachtete die Waffenkammer und schüttelte den Kopf. Delvecchio folgte seinem Blick. In den Gestellen standen acht Laser. Acht Laser und sechzehn Akkus, die übliche Zuteilung für eine Station. Jede Ladung reichte für etwa 50 Fünfsekunden-Stöße. Fünf Betäubungsgewehre, eine Anzahl von Spritzen, Pfeilen und Projektilen. Gegen gepanzerte Infanterie war das alles nutzlos. Sie mochten einige der schwereren Projektile auf hochexplosiven Sprengstoff umstellen können… aber eine derart kleine Menge würde Dural-Legierung nicht durchdringen können. Mist.

„Ihr wißt ja“, sagte Miterz. „Wenn sie hineinkommen, können wir ruhig aufgeben.“

„Wenn“, sagte Delvecchio.

*  *  *

Nacht in der Station Greywater. Sie hatten mit Wache um Wache begonnen. Andrews war oben in der Laserkuppel und an der Sensortafel. Delvecchio, Granowicz und Sanderpay blieben in der Cafeteria nach dem Abendessen noch sitzen. Miterz und Sheridan hatten sich schon zurückgezogen.

Sanderpay sprach von den Dingen, die sie an diesem Tag bewerkstelligt hatten. Er glaubte, mit den Raketen etwas erreicht zu haben. Und Andrews war es gelungen, aus den Zutaten in Reyns Labor Sprengstoff zu mixen.

„Aber Arnold ist nicht sehr erbaut davon“, sagte Sanderpay. „Er will zurück zu seinen Schwamm-Proben. Er sagt, das sei nicht sein Fach, und er wäre nicht so sicher, daß er weiß, was er tut. Damit hat er auch recht. Bill war der Chemiker.“

„Bill ist nicht hier“, fauchte Delvecchio. Er war nicht in der Stimmung, Kritik zu ertragen. „Irgend jemand muß es tun. Arnold hat wenigstens Ahnung von organischer Chemie, auch wenn das lange zurückliegt. Das ist mehr, als wir aufweisen können.“ Er schüttelte den Kopf. „Soll ich das etwa machen? Ich bin ein Entomologe. Was bringt das? Ich komme mir nutzlos vor.“

„Ja, ich weiß“, sagte Sanderpay. „Trotzdem. Mit den Raketen ist es für mich auch nicht einfach. Ich mußte von jeder die Hälfte des Treibmittels nehmen. Hatte neun Stunden Arbeit, nur mit drei Stück fertig zu werden. Wir werden gegen alle Gesetze der Aerodynamik kämpfen, wenn wir versuchen, die Dinger in der Nähe des Startpunkts herunterzubringen. Und alle anderen haben ebenfalls Probleme. Wir basteln und fluchen, und das Ganze ist eine Sackgasse. Wenn wir das tun, müssen wir das tun. Aber wenn wir das tun, funktioniert es nicht. Das ist eine Forschungsstation. Gut, sie mag aussehen wie eine Festung, aber sie ist damit noch keine. Und wir sind Wissenschaftler, keine Sprengstoffexperten.“

Granowicz lachte dünn. „Das erinnert mich an die Zeit damals auf der Erde, im 20. Jahrhundert, als dieser deutsche Wissenschaftler… von Brau? Von… von Braun und seine Mitarbeiter davon unterrichtet wurden, daß die feindlichen Streitkräfte bald anrücken würden. Man wollte, daß sie dem Gegner am Rand ihrer Raketenanlage entgegentraten und Mann gegen Mann kämpften.“

„Was passierte?“ fragte Sanderpay.

„Ach, sie sind dreihundert Meilen geflüchtet und haben sich ergeben“, erwiderte Granowicz trocken.

Delvecchio leerte seine zweihundertste Tasse Kaffe und legte die Beine auf den Tisch. „Großartig“, sagte er. „Nur gibt es nichts, wohin wir flüchten könnten. Wir werden ihnen also am Rand unserer kleinen Raketenanlage entgegentreten müssen, oder wo auch immer. Und zwar bald.“

Granowicz nickte. „In drei Tagen, nach meiner Schätzung.“

„Wenn der Schwamm ihnen nicht hilft“, sagte Delvecchio.

Die beiden anderen sahen ihn an. „Was meinen Sie damit?“ fragte Granowicz.

„Als Ned und ich heute vormittag draußen waren, haben wir Glitscher gesehen. Massenhaft. Sie fressen die Ranken westlich der Station weg.“

In Granowicz’ Augen funkelte etwas, aber Sanderpay sagte nur verständnislos: „Und?“

„Miterz glaubt, sie bahnen einen Weg.“

„Oje“, sagte Granowicz. Er strich mit einer dünnen Hand über sein Kinn. „Das ist sehr interessant und eine ganz schlechte Nachricht. An beiden Enden roden, und überall unterwegs, wie ich mir das vorgestellt habe. Hmmmm.“

Sanderpay blickte von Delvecchio zu Granowicz und zurück, schnitt eine Grimasse, streckte die Beine aus und wand sie in anderer Anordnung wieder um seinen Stuhl. Er sagte nichts.

„Ah ja, ja“, sagte Granowicz. „Es paßt alles zusammen, fügt sich ein. Wir hätten das voraussehen sollen. Ein totaler Angriff, bei dem das Leben eines Planeten auf unsere Vernichtung hinarbeitet. Es ist der Schwamm… eine totale Ökologie, wie Ned das gerne nennt. Ein klassischer Fall des parasitären Kollektivdenkens. Aber wir können es nicht verstehen. Wir wissen nichts von seinen Grundbegriffen, seinen gestaltenden Erfahrungen. Wir wissen nichts. Über irgend etwas von der Art hat man keine Forschungen angestellt. Außer vielleicht über die Wasserquallen von Noborn. Aber das war ein kollektiver Organismus, gebildet aus getrennten Kolonien zum wechselseitigen Wohl. Eine gutartige Form, sozusagen. Soweit ich das beurteilen kann, ist Greywater, der Schwamm, eine einzige, alles umfassende Masse, die den ganzen Planeten übernommen hat, ausgehend von irgendeinem einzelnen zentralen Punkt.“ Er rieb sich die Hände und nickte. „Ja. Darauf aufbauend, können wir Mutmaßungen darüber anstellen, was sie denkt. Und wie sie handeln wird. Und das paßt, diese totale Feindseligkeit.“

„Wie denn das?“ fragte Sanderpay.

„Nun, der Schwamm hatte nie vorher mit irgendeiner anderen Intelligenz zu tun. Nur mit niedrigen Formen. Das ist wichtig. Er beurteilt uns also nach sich selbst, dem einzigen Verstand, den er kennt. Er ist dem Zwang unterworfen, zu dominieren, alles Leben sich unterzuordnen, mit dem er in Berührung kommt. Und so glaubt er, wir wären ebenso, fürchtet er, daß wir versuchen, diesen Planeten in die Gewalt zu bekommen, wie er es einmal getan hat. Nur, wie ich die ganze Zeit schon sage, er sieht uns nicht als die Intelligenz. Wir sind Tiere, klein, beweglich. Er hat Leben dieser Art schon früher gekannt, und alles von niedriger Art. Aber die Station selbst ist etwas Neues, etwas außerhalb seiner Erfahrung. Ich wette, daß er die Station als die Intelligenz betrachtet. Als eine Intelligenz wie er selbst. Die landet, sich etabliert, Fühler ausstreckt, nach ihm und seinen Wirten greift. Und uns, uns arme Tierchen, sieht der Schwamm als unwichtige Werkzeuge.“

Delvecchio seufzte. „Ja, Ike. Das haben wir alles schon gehört. Ich gebe zu, daß es eine bestechende Theorie ist. Aber wie beweisen Sie, daß sie zutrifft?“

„Der Beweis findet sich überall“, sagte Granowicz. „Die Station wird fortwährend, rund um die Uhr angegriffen. Aber wir können hinausgehen und Proben nehmen, und die Chancen stehen fünfzig zu fünfzig, ob wir angegriffen werden oder nicht. Warum? Nun, wir töten auch nicht jeden Glitscher, den wir sehen, oder? Natürlich nicht. Und der Schwamm versucht nicht, uns zu töten, es sei denn, wir reizen ihn. Denn wir sind nicht wichtig, glaubt, er. Etwas wie die Flugmaschinen – mobil, aber nicht tierisch, fremdartig – versucht er dagegen zu vernichten. Weil er sie als wichtige Ausläufer von Greywater erkennt.“

„Weshalb dann die Sporen?“ fragte Delvecchio.

Granowicz tat das mit einer lässigen Handbewegung ab. „Der Schwamm möchte uns natürlich in seine Gewalt bringen, gewiß. Um die Station der Wirte zu berauben. Aber es ist die Station, die er auslöschen will. Er kann sich nicht vorstellen, mit einer anderen Intelligenz zusammenzuarbeiten – wer weiß, vielleicht mußte er rivalisierende Schwammkolonien seiner eigenen Art vernichten, bevor er diesen Planeten beherrschen konnte. Sobald er Intelligenz wahrnimmt, ist er bedroht. Und in der Station nimmt er Intelligenz wahr.“

Er wollte weitersprechen, aber Delvecchio nahm plötzlich die Füße vom Tisch, setzte sich auf und sagte: „Oh, oh.“

Granowicz zog die Brauen zusammen. „Was?“

Delvecchio ließ den Finger vorschnellen. „Ike, denken Sie einmal über Ihre Theorie nach. Was ist, wenn Sie recht haben? Wie wird der Schwamm denn dann das Raumschiff wahrnehmen?“

Granowicz überlegte kurz, nickte vor sich hin und pfiff dann leise durch die Zähne.

„Ja, wie?“ fragte Sanderpay. „Wovon redet ihr überhaupt?“

Granowicz drehte sich zu ihm herum. „Das Raumschiff war mobil, aber nichts Tierisches. Wie die Station. Es kam aus dem Himmel, landete, zerstörte einen großen Bereich des Schwammes und der Wirtsformen. Und hat sich seitdem nicht weggerührt. Wie die Station. Der Schwamm sieht es vermutlich als eine zweite Station, eine zweite Bedrohung. Oder als eine Ergänzung unserer Station.“

„Ja“, sagte Delvecchio. „Aber es wird noch schlimmer. Wenn Sie recht haben, dann unternimmt der Schwamm vielleicht in eben diesem Augenblick einen Angriff mit allen Mitteln – gegen den Rumpf des Raumschiffes. Während er die Männer ungeschoren davonmarschieren läßt.“

Es blieb einen Augenblick totenstill. Sanderpay brach das Schweigen schließlich, sah die beiden abwechselnd an und sagte leise: „Oh. Mensch. Verstehe.“

Granowicz machte ein nachdenkliches Gesicht und rieb sich wieder das Kinn. „Nein“, sagte er schließlich. „Das würden Sie glauben, aber ich nehme nicht an, daß es zutrifft.“

„Warum nicht?“ fragte Delvecchio.

„Nun, der Schwamm mag die Soldaten nicht als die eigentliche Bedrohung betrachten, aber er würde zumindest versuchen, sie unter seine Gewalt zu bringen, wie er es bei uns tut. Und sobald er sie und ihre Waffen hat, besitzt er die Werkzeuge, die Station und das Raumschiff zu vernichten. Es wird auch fast mit Gewißheit so kommen. Die Soldaten werden eine leichte Beute für die Sporen sein. Sie werden dem Schwamm wie reife Früchte in den Schoß fallen.“

Delvecchio sah unverhohlen verstört aus. „Ja, vermutlich. Aber mich beunruhigt das. Wenn auch nur eine kleine Aussicht besteht, daß die Soldaten hier ankommen könnten, ohne überwältigt zu werden, müßten wir unsere Pläne ändern.“

„Aber das scheidet doch aus“, sagte Granowicz kopfschüttelnd. „Der Schwamm hat diese Männer doch schon. Warum würde er sonst einen Weg ebnen?“

Sanderpay nickte zustimmend, aber Delvecchio war nicht überzeugt. „Wir wissen nicht, daß er ihnen Bahn bricht“, sagte er beharrlich. „Das ist nur, was Miterz glaubt, daß es sich abspielt. Gestützt auf sehr dürftige Indizien. Wir sollten das nicht als feststehende Tatsachen betrachten.“

„Es erscheint aber logisch“, erwiderte Granowicz. „Es würde die Ankunft der Soldaten hier beschleunigen, es würde…“

Die Alarmanlage vom Turm begann zu hupen und zu schrillen.

*  *  *

„Glitscher“, sagte Andrews. „Ich glaube, da draußen bei den Bäumen, an denen Sie gearbeitet haben.“ Er setzte eine Infrarotbrille auf und drückte auf eine Taste an der Konsole. Man hörte ein Summen.

Delvecchio starrte durch das Nachtglas. „Glauben Sie, er schickt sie hin, um in Erfahrung zu bringen, was wir getrieben haben?“

„Ganz eindeutig“, sagte Granowicz, der hinter ihm stand und über seine Schulter zum Fenster hinausstarrte.

„Ich glaube nicht, daß er etwas unternehmen wird“, sagte Delvecchio hoffnungsvoll. „Minen oder irgend etwas Fremdartiges würde er zerstören, versteht sich. Das haben wir bewiesen. Aber wir haben nur ein paar Bäume angesägt. Ich bezweifle, daß er auf den Grund kommen wird.“

„Meinen Sie, ich sollte ein paarmal feuern?“ fragte Andrews an der Laserkonsole.

„Ich weiß nicht“, sagte Delvecchio. „Warten Sie noch. Sehen wir uns an, was sie machen.“

Die langen, dicken Echsen waren rund um die Baumstämme in Bewegung. Manche glitten durch den Schlamm und das Schlickwasser, andere scharrten und kratzten an den angesägten Bäumen.

„Schalten Sie ein paar von den Peilsensoren ein“, sagte Delvecchio. Sanderpay an der Sensorenbank nickte und begann die Richtmikrophone einzuschalten. Als erstes hörte man das fortwährende Ticken des unaufhörlichen Sporenbombardements auf dem Empfangskopf. Dann kamen, als das Mikro sich drehte, die fauchenden Schreie der Glitscher. Und dann das Geräusch eines umstürzenden Baumes.

Delvecchio, der durch das Fernglas hinausstarrte, wurde es plötzlich eiskalt. Der Baum stürzte mit krachendem Aufprall in den Schlamm. Überall spritzte der Schleim hoch, und mehrere Glitscher verröchelten ihr Leben unter dem Stamm.

„Scheißdreck“, sagte Delvecchio. Und dann: „Feuer, Arnold.“

Andrews drückte die Knöpfe, zielte mit dem Nachtvisier, richtete das Kimmenkreuz auf einen Glitscher in der Nähe des umgestürzten Baumes, und drückte ab. Für diejenigen, welche nicht durch Brillen oder Nachtgläser hinausschauten, erschien in der Luft zwischen dem Kuppellaser und der Gruppe von Glitschern ein winziges rotweißes Licht. Ein gurgelnder Laut mischte sich mit dem Fauchen der Glitscher. Eines der Tiere schlug plötzlich um sich und erschlaffte. Die anderen begannen ins Dickicht davonzugleiten. Eine Sekunde lang blieb es still.

Und an einer anderen Stelle im Umkreis stürzte ein zweiter Baum.

Andrews drückte auf andere Tasten, der große Laserturm drehte sich und feuerte wieder. Ein Glitscher starb. Dann begann der Laser sich, ohne auf den nächsten Sturz zu warten, hin- und herzudrehen und auf die Glitscher um die übrigen Bäume zu feuern.

Delvecchio ließ das Nachtglas ganz langsam sinken. „Ich glaube, wir haben die Arbeit da draußen umsonst gemacht“, sagte er. „Auf irgendeine Weise hat der Schwamm erraten, was wir vorhatten. Er ist schlauer, als wir ihm zugetraut haben.“

„Reyn“, sagte Granowicz.

„Reyn?“ wiederholte Delvecchio und sah ihn fragend an.

„Er wußte, daß wir versuchen würden, die Station zu verteidigen. Mit diesem Wissen ist es für den Schwamm logisch, alles zu zerstören, was wir dort draußen tun. Vielleicht hat Reyn den Absturz überlebt. Vielleicht hat der Schwamm endlich einen Menschen.“

„O Scheiße“, sagte Delvecchio mit Nachdruck. „Ja, sicher, Sie könnten recht haben. Oder vielleicht ist alles ein großer Zufall. Eine Anhäufung von Zufällen. Woher wollen wir es wissen? Woher wissen wir irgend etwas darüber, was das verdammte Ding denkt oder tut oder plant?“ Er schüttelte den Kopf. „Verdammt. Wir kämpfen blind. Jedesmal, wenn etwas geschieht, gibt es ein Dutzend Gründe, die dahinterstecken könnten. Und jeder Plan, den wir machen, muß ein Dutzend Alternativen enthalten.“

„So schlimm ist es nicht“, sagte Granowicz. „Wir tappen nicht völlig im Dunkeln. Wir haben bewiesen, daß der Schwamm irdische Formen übernehmen kann. Wir haben bewiesen, daß er zumindest ein Teilwissen aus ihnen bezieht, daß er zumindest einiges von dem aufnimmt, was sie gewußt haben. Wir wissen nicht, wieviel, gewiß, aber –“

„Aber, wenn, jedoch,vielleicht“, fauchte Delvecchio angewidert. „Verdammt nochmal, Ike, wieviel, das ist die entscheidende Frage. Wenn er Reyn hat, und wenn er alles weiß, was Reyn wußte, dann weiß er alles, was es über Greywater und seine Abwehrmöglichkeiten zu wissen gibt. Was haben wir in diesem Fall überhaupt noch für eine Chance?“

„Hm“, sagte Granowicz. Er runzelte die Stirn, rieb sich das Kinn. „Ich – hmmmm. Warten Sie, es gibt noch andere Aspekte, die erst durchdacht werden müssen. Lassen Sie mir etwas Zeit, mich damit zu befassen.“

„Gut“, sagte Delvecchio, „tun Sie das.“ Er wandte sich an Andrews: „Arnold, halten Sie sie von den Bäumen fern, so gut es geht. Ich löse Sie in vier Stunden ab.“

Andrews nickte. „Wird schon okay sein“, sagte er, die Augen am Nachtvisier. Delvecchio erteilte kurze Anweisungen an Sanderpay, dann drehte er sich um und verließ die Kuppel. Er ging sofort zu seiner Koje. Bis er einschlafen konnte, verging fast eine Stunde.

*  *  *

Delvecchios Traum:

Er war alt und kühl. Er sah die Station in einer wechselnden Montage von allen Seiten: manchmal von Bodennähe, manchmal von oben, auf lautlosen Schwingen. In einem Bild sah oder spürte er es, wie ein Wurm das Vorhandensein der schweren Last von Sonnelicht spüren mußte.

Er sah die Station verkrümmt, alt, eine Ruine. Er sah die Station in einer Reihe von Bildern innen. Er sah ein Skelett in der Ecke eines undeutlichen Labors, und blickte durch die Augen des Totenschädels in die zerstörte Station. Draußen sah er aufgehäufte Leichen in Panzern aus legiertem Dural, aus deren zersprungenen Sichtscheiben graugrüne Gewächse wucherten.

Und er blickte aus den Sichtscheiben hinaus in den Sumpf. Überall war es graugrün und feucht und alt und kalt. Überall.

Delvecchio erwachte schweißgebadet.

 

Seine Wache verlief ohne Zwischenfälle. Die Glitscher waren so plötzlich verschwunden, wie sie aufgetaucht waren, und er feuerte mit dem Laser nur einmal auf eine sorglose Sumpf-Fledermaus, die zu nahe heranflog. Miterz löste ihn ab. Delvecchio holte wieder ein paar Stunden Schlaf nach. Oder wenigstens lag er in der Koje und dachte nach.

Als er am nächsten Tag in die Cafeteria ging, war ein Streit im Gange.

Granowicz wandte sich sofort an ihn. „Hören Sie, Jim“, sagte er und gestikulierte. „Ich habe die ganze Nacht darüber nachgedacht. Wir haben etwas Naheliegendes übersehen. Wenn das Wesen Reyn oder die Soldaten oder irgendeinen Menschen hat, dann ist das die Chance, auf die wir gewartet haben. Die Chance, uns mitzuteilen, wechselseitig zu einem Verständnis zu kommen. Mit ihrem Wissen wird es eine gemeinsame Sprache mit uns haben. Wir sollten überhaupt nicht dagegen kämpfen. Wir sollten versuchen, mit ihm zu sprechen, ihm klarzumachen, wie anders wir sind.“

„Sie sind wahnsinnig, Granowicz“, sagte Sheridan laut. „Rettungslos wahnsinnig. Sprechen Sie doch mit dem Zeug. Ich nicht. Es hat es auf uns abgesehen. Es hatte es von Anfang an auf uns abgesehen, und jetzt schickt es uns die Soldaten, um uns alle umzubringen. Wir müssen sie vorher töten.“

„Aber das ist unsere Chance“, sagte Granowicz. „Anfangen, zu verstehen, zu diesem Verstand vorzudringen, zu –“

„Das war unsere Aufgabe von Anfang an“, fuhr ihn Sheridan an. „Sie sind der Fachmann. Nur weil Sie Ihre Arbeit nicht getan haben, ist das noch lange kein Grund, daß Sie verlangen, wir sollen unser Leben dafür aufs Spiel setzen.“

Granowicz starrte ihn finster an. Sanderpay, der neben ihm saß, nahm sich kein Blatt vor den Mund. „Sheridan“, sagte er, „manchmal wünsche ich mir, wir könnten Sie zu dem Schwammwesen hinauswerfen. Sie sähen gut aus, wenn Ihnen graugrüne Gewächse aus den Ohren kämen. Bestimmt.“

Delvecchio blickte sie alle erbost an.

„Haltet jetzt mal alle den Mund“, sagte er. „Ich habe genug von diesem Unsinn. Ich habe auch nachgedacht.“ Er zog einen Stuhl heran und setzte sich. Andrews saß an einem anderen Tisch und frühstückte in aller Ruhe. Delvecchio winkte ihn herüber.

„Ich habe ein paar Mitteilungen zu machen“, sagte er. „Erstens: keine Streitgespräche mehr. Wir vergeuden unglaublich viel Zeit damit, jede Einzelheit auszustreiten und einander anzubrüllen. Und wir haben keine Zeit mehr zu verlieren. Jetzt nicht mehr. Ich treffe die Entscheidungen, und ich wünsche kein Geschrei und Gestrample. Wenn es euch nicht paßt, steht es euch frei, einen anderen an die Spitze zu wählen. Verstanden?“ Er sah sie alle der Reihe nach an. Sheridan wand sich ein wenig unter dem Blick, aber keiner erhob Einwände.

„Okay“, sagte Delvecchio schließlich. „Wenn das geklärt ist, machen wir weiter.“ Er sah Granowicz an. „Das erste ist Ihre Idee, Ike. Jetzt wollen Sie, daß wir versuchen, damit zu reden. Tut mir leid, das kaufe ich Ihnen nicht ab. Erst gestern nacht haben Sie uns erklärt, daß der Schwamm seiner Kindheitserlebnisse wegen feindselig eingestellt sein muß.“

„Ja“, sagte Granowicz, „aber mit dem zusätzlichen Wissen, das er übernimmt von –“

„Keine Argumente“, sagte Delvecchio scharf. Granowicz verstummte. Delvecchio fuhr fort: „Was glauben Sie, wird er tun, während wir mit ihm reden? Mit allem zuschlagen, was er hat, wenn Ihre Theorie zutreffend war. Und für mich klang sie logisch. Wir sind tote Leute, wenn wir uns nicht vorbereiten, also werden wir bereit sein. Zum Kämpfen, nicht zum Reden.“

Sheridan grinste schief. Delvecchio nahm ihn sich als nächsten vor.

„Aber wir schlagen nicht mit allem zu was wir haben, sobald wir sie sehen, wie Sie das wollen, Sheridan“, sagte er. „Ike hat gestern nacht einen Punkt angesprochen, der mich seitdem beunruhigt. Mich nicht in Ruhe läßt. Es besteht eine geringe Chance, daß der Schwamm vielleicht gar nicht versuchen wird, die Soldaten in seine Gewalt zu bringen. Er ist vielleicht nicht schlau genug, zu erkennen, daß sie wichtig sind. Er konzentriert sich vielleicht auf das Raumschiff.“

Sheridan setzte sich kerzengerade auf. „Wir müssen zuschlagen“, sagte er. „Sie bringen uns um, Delvecchio. Sie –“

Überraschend schloß Sanderpay sich an. „Er frißt einen Weg frei“, sagte er. „Und die Bäume. Und heute morgen, Jim, sehen Sie einmal hinaus. Überall Glitscher und Fledermäuse. Er hat sie, das weiß ich. Sonst würde er sich nicht auf diese Weise anstrengen.“

Delvecchio winkte ab.

„Ich weiß, Otis, ich weiß. Sie haben recht. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß er sie hat. Aber wir müssen Gewißheit haben. Wir warten, bis wir sie sehen, bis wir es wissen. Und wenn sie unter seiner Kontrolle stehen, schlagen wir zu mit allem, was wir haben. Es muß hart sein. Wenn es zu einer längeren Auseinandersetzung kommt, haben wir verloren. Sie sind uns an Zahl und Bewaffnung überlegen, und bei einem Kampf würden sie leicht in die Station eindringen können. Nur könnte der Schwamm sie einfach anmarschieren lassen. Vielleicht können wir sie alle töten, bevor sie wissen, was mit ihnen geschieht.“

Granowicz machte ein zweifelndes Gesicht. Sheridan wirkte mehr als zweifelnd. „Delvecchio, das ist lächerlich. Mit jedem Augenblick, den wir zögern, vermehrt sich unser Risiko. Und das für eine so absurde Chance. Selbstverständlich wird er sie überwältigen.“

„Sheridan, von Ihnen habe ich langsam genug“, sagte Delvecchio ruhig. „Hören Sie zur Abwechslung einmal zu. Es gibt zwei Chancen. Eine ist, daß der Schwamm zu dumm sein könnte, sie in seine Gewalt zu bringen. Und die andere ist, daß er zu schlau sein könnte.“

Granowicz zog die Brauen hoch. Andrews räusperte sich. Sheridan wirkte nur beleidigt.

„Wenn er Reyn hat“, sagte Delvecchio, „dann weiß er vielleicht alles über uns. Vielleicht wird er die Soldaten bewußt nicht übernehmen. Er weiß von Reyn, daß wir vorhaben, sie zu töten. Vielleicht wartet er nur.“

„Aber weshalb läßt er dann von den Glitschern einen…“ begann Sanderpay und verstummte wieder. „Oh. O nein, Jim, das kann nicht sein –“

„Sie unterstellen nicht nur, daß der Schwamm hochintelligent ist, Jim“, sagte Granowicz. „Sie unterstellen, daß er auch noch sehr verschlagen ist.“

„Nein“, sagte Delvecchio. „Ich unterstelle überhaupt nichts. Ich zeige nur eine Möglichkeit auf. Eine schreckliche Möglichkeit, aber eine, auf die wir vorbereitet sein sollten. Seit über einem Jahr haben wir den Schwamm fortwährend unterschätzt. Bei jeder Probe hat er sich um ein bißchen intelligenter erwiesen, als wir dachten. Wir dürfen keinen solchen Fehler mehr machen. Diesmal bleibt uns kein Spielraum für Irrtümer.“

Granowicz nickte widerstrebend.

„Es kommt noch mehr“, sagte Delvecchio. „Ich möchte, daß die Raketen heute fertig werden, Otis. Für den Fall, daß sie früher kommen, als wir sie erwarten. Und der Sprengstoff auch, Arnold. Und ich wünsche keine Meckereien mehr. Ihr zwei seid vom Wachdienst befreit, bis ihr mit dieser Arbeit fertig seid. Die übrigen übernehmen Doppelwachen. Außerdem tragen wir von jetzt an alle Überhäute innerhalb der Station. Für den Fall, daß der Angriff schlagartig kommt und die Felder durchstoßen werden.“

Alle nickten.

„Ferner stellen wir alle Experimente ein. Ich möchte jedes Stück Schwamm, jede Greywater-Lebensform innerhalb der Station beseitigt haben.“ Delvecchio dachte wieder an seinen Traum und schauderte.

Sheridan schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und lächelte. „Das ist es, was ich hören will. Ich wollte das Zeug schon seit Wochen loswerden.“

Aber Granowicz wirkte unglücklich. Und Andrews wirkte sehr unglücklich. Delvecchio sah sie der Reihe nach an.

„Alles, was ich habe, sind ein paar kleine Tiere, Jim“, sagte Granowicz. „Wurzelschnüffler und dergleichen. Sie sind harmlos genug und sicher abgeschlossen. Ich habe versucht, den Schwamm anzusprechen, eine Verständigung herzustellen…“

„Nein“, sagte Delvecchio. „Tut mir leid, Ike, aber wir können das Risiko nicht eingehen. Wenn die Wände durchstoßen werden oder die Station beschädigt wird, fällt uns vielleicht der Strom aus. Dann hätten wir die Verseuchung innen und außen. Es ist zu riskant. Sie können sich neue Tiere besorgen.“

Andrews räusperte sich. „Aber meine Kulturen“, sagte er. „Ich bin gerade dabei, sie aufzugliedern, die Eigenschaften des Schwammes zu isolieren. Sechs Monate Arbeit Jim, und, hm, ich meine –“ Er schüttelte den Kopf.

„Sie haben Ihre Forschungsergebnisse. Sie können sie nachvollziehen, wenn wir das überstehen.“

„Ja, hm –“ Andrews zögerte. „Aber die Kulturen müssen neu angesetzt werden, Soviel Zeit. Und, Jim –“ Er zögerte wieder und sah die anderen an.

Delvecchio lächelte grimmig. „Nur zu, Arnold. Sie könnten bald sterben. Vielleicht sollten sie es erfahren.“

Andrews nickte. „Ich komme voran, Jim. Mit meiner Arbeit, der wesentlichen Arbeit, dem ganzen Grund für Greywater. Ich habe eine Mutation des Schwammes gezüchtet, eine nicht-intelligente Abart, sehr virulent, sehr schädlich für die Wirte. Ich bin im Endstadium. Es geht nur noch darum, die Mutation zu veranlassen, daß sie sich in der Fyndii-Atmosphäre vermehrt. Und ich bin so nah dran, so nah.“ Er sah sie der Reihe nach flehend an. „Wenn ihr mich weitermachen laßt, habe ich es bald. Und sie könnten sie auf die Heimatwelten der Fyndii kippen, und nun, das würde den Krieg beenden. So viele Leben gerettet. Denkt an die vielen Männer, die sterben müssen, wenn ich zurückgeworfen werde.“ Er verstummte plötzlich verlegen. Am Tisch herrschte Schweigen.

Granowicz brach es. Er strich sich das Kinn und lachte leise. „Und ich dachte, das wäre so ein kühnes, sauberes Unternehmen“, sagte er bitter. „Sich an eine neue Intelligenz heranzutasten, von einer Art, wie wir sie noch nie gekannt haben. Den Versuch zu unternehmen, einen Verstand zu finden und mit ihm zu reden, der in diesem Universum vielleicht einmalig ist. Und jetzt erzählen Sie mir, daß meine ganze Arbeit eine Tarnung für biologische Kriegsführung war. Nicht einmal hier kann ich dem verdammten Krieg entkommen.“ Er schüttelte den Kopf. „Station Greywater. Was für ein Betrug!“

„Es mußte so sein, Ike“, sagte Delvecchio. „Das Potential für militärische Anwendung war zu groß, als daß man darauf verzichten könnte, aber die Fyndii hätten schnell von einem großen, umfassenden Biokriegs-Forschungsprojekt erfahren. Gruppen wie Greywater dagegen – gewöhnliche planetarische Erkundungsteams – gibt es jede Menge. Die Fyndii können sich nicht die Mühe machen, jeder einzelnen nachzuspüren. Und sie tun es auch nicht.“

Granowicz starrte auf den Tisch. „Es spielt wohl keine Rolle“, sagte er düster. „In ein paar Tagen können wir alle tot sein. Das ändert nichts daran. Aber – aber –“ Er verstummte.

„Es tut mir leid, Ike“, sagte Delvecchio achselzuckend. Er sah Andrews an. „Und das mit den Versuchen auch, Arnold. Aber Ihre Kulturen müssen verschwinden. Sie sind eine Gefahr für uns in der Station.“

„Aber, nun, der Krieg – alle diese Menschen“, sagte Andrews gequält.

„Wenn wir das nicht durchstehen, ist ohnehin alles verloren, Arnold“, erklärte Delvecchio.

Sanderpay legte Andrews die Hand auf die Schulter. „Er hat recht. Es lohnt sich nicht.“

Andrews nickte.

Delvecchio stand auf. „Also gut“, sagte er. „Das haben wir geklärt. Und jetzt machen wir uns an die Arbeit. Arnold, der Sprengstoff. Otis, die Raketen. Ike und ich kümmern uns um die Kulturen. Aber zuerst werde ich Miterz unterrichten. Okay?“

Die Antwort war ein schwacher Chor der Zustimmung.

*  *  *

Sie brauchten nur wenige Stunden, um die Arbeit eines Jahres zu zerstören. Die Raketen, der Sprengstoff und die anderen Abwehrmaßnahmen erforderten mehr Zeit, aber auch sie waren schließlich bereit. Und dann warteten sie, schwitzend und nervös und unbehaglich in ihren Überhäuten.

Sanderpay überwachte ständig die Funkanlage. Ein Tag. Zwei. Drei – ein Tag unfaßbarer Anspannung. Vier, und die Belastung begann sich auszuwirken. Fünf, und sie atmeten ein wenig auf. Der Feind hatte Verspätung.

„Glauben Sie, daß sie zuerst versuchen werden, mit uns in Kontakt zu treten?“ fragte Andrews einmal.

„Ich weiß es nicht“, sagte Sanderpay. „Haben Sie darüber nachgedacht?“

Ich habe es getan“, meldete sich Granowicz. „Aber es spielt keine Rolle. Sie werden es so oder so versuchen. Wenn sie es sind, werden sie natürlich zu uns gelangen wollen. Wenn es der Schwamm ist, wird er uns irritieren wollen. Unterstellt, daß er von seinen Wirten genug Wissen aufgenommen hat, um einen Funkruf zu schaffen, was nicht feststeht. Aber versuchen wird er es vermutlich, so daß wir einer Funkmeldung nicht trauen können.“

„Ja“, sagte Delvecchio. „Aber das ist das Problem. Wir können auf nichts vertrauen. Wir müssen alles unterstellen, womit wir uns befassen. Wir haben überhaupt keine konkreten Informationen, die der Rede wert wären.“

„Ich weiß, Jim, ich weiß.“

*  *  *

Am sechsten Tag kreischte der Sturm über den Horizont. Sporenwolken wurden vom Wind herangetragen, peitschten in Risse und Lücken. Der Himmel verdunkelte sich. Im Westen zuckten Flächenblitze. Das Funkgerät heulte qualvoll und knisterte. Breitbandstörungen erfaßten alle Kanäle. Donner krachte. Die Männer der Station warteten im Turm die letzten Stunden ab.

Die Stimme war früh an diesem Morgen vernehmbar geworden und wieder geschwunden. Nichts Verständliches war durchgedrungen. Fast den ganzen Tag hatte man nur atmosphärische Störungen hören können. Die Soldaten marschierten nach Delvecchios Vermutung am Rand des Gewittersturmes.

Zufall? Oder Planung? Er machte sich seine Gedanken. Und teilte seine Männer ein. Andrews an den Kuppellaser. Sanderpay an der Raketenstellung. Sheridan und er selbst innerhalb der Station, mit Lasergewehren. Granowicz zur Flugzeugbucht, wo die restlichen Maschinen mit primitiven Bomben beladen worden waren. Miterz auf den Mauern.

Sie warteten in ihren Überhäuten, die Filtermasken angeschlossen, aber nicht aufgesetzt. Der Himmel, vom nahenden Sturm verdunkelt, schwärzte sich ohnehin dem Abend entgegen. Bald würden Nacht und Sturm die Station Hand in Hand erreichen.

Delvecchio lief ungeduldig durch die Gänge. Schließlich kehrte er in den Turm zurück, um zu sehen, was vorging. Andrews, der an der Laserkonsole saß, blickte zum Fenster, neben sich auf dem Nachtvisier hatte er eine Dose Bier. Delvecchio hatte den stillen kleinen Mykologen noch nie trinken sehen.

„Sie sind da draußen“, sagte Andrews. „Irgendwo.“ Er trank einen Schluck, stellte die Dose hin. „Wenn sie sich nur, na, beeilen würden.“ Er sah Delvecchio an. „Wir werden wahrscheinlich alle sterben, wissen Sie. Es spricht soviel gegen uns.“

Delvecchio hatte einfach nicht die Neigung, ihm zu erklären, daß er sich täusche. Er nickte nur und starrte auf das Fenster. Alle Lichter in der Station waren gelöscht. Alles war abgeschaltet, bis auf die Generatoren, die Kuppelsteuerung und das Kraftfeld. Das Feld, mit zusätzlicher Energie angereichert, war stärker denn je. Aber auch stark genug? Delvecchio wußte es nicht.

In der Nähe des Feldperimeters kreisten sieben oder acht geisterhafte Umrisse vor dem Hintergrund der Gewitterfront. Sie waren ganz Schwingen und Klauen, dazu ein langer Schwanz mit messerscharfen Widerhaken. Sumpf-Fledermäuse. Große, mit zwei Meter Spannweite.

Sie waren nicht allein. Das Dickicht wimmelte von Glitschern. Und im Wasser vor der Südmauer konnte man die großen Egel sehen. Die Sensoren orteten vielerlei Leben. Trieb der Sturm die Wesen vor sich her, oder sammelten sie sich zum Angriff? Auch das wußte Delvecchio nicht.

Die Tür ging auf. Sheridan kam herein. Er warf sein Lasergewehr auf den Tisch an der Tür.

„Sie sind nutzlos“, sagte er. „Wir können sie nicht einsetzen, bis sie im Inneren sind. Oder wenn wir hinausgehen, um sie zu empfangen, und das werde ich nicht tun. Was sollen sie außerdem ausrichten gegen das, was sie haben?“

Delvecchio wollte antworten, aber Andrews kam ihm zuvor. „Schaut hinaus“, sagte er leise. „Noch mehr Fledermäuse. Und das andere da. Was ist es?“

Delvecchio schaute hinaus. Noch etwas anderes flog am Himmel dahin, mit langsam schlagenden Lederflügeln. Es war schwarz und sehr groß. Doppelt so groß wie eine Sumpf-Fledermaus.

„Die erste Expedition hat sie Flugteufel genannt“, sagte Delvecchio nach einer langen Pause. „Sie leben im Gebirge, tausend Meilen von hier.“ Wieder eine Pause. „Das ist der Beweis.“

Am Boden und im Wasser westlich der Station setzte sich alles in Bewegung. Donnerschläge hallten wider. Und dann kam, den Donner übertönend, ein schrilles, heulendes Kreischen.

„Was war das?“ fragte Sheridan.

Andrews war kalkweiß.

„Das kenne ich“, sagte er. „Man nennt es Kreischer. Ein Schallgewehr, das Zellenwände mit konzentriertem Schall aufbricht. Ich habe das einmal erlebt. Ich – das Fleisch wird beinahe verflüssigt.“

„Mein Gott“, sagte Sheridan.

Delvecchio trat an die Rufanlage. Alle Nebenstellen waren zugeschaltet, auf volle Lautstärke. „Einsatzplätze, meine Herren“, sagte er und klappte seine Filtermaske zu. „Und viel Glück.“

Delvecchio trat hinaus in den Korridor und stieg die Treppe hinunter. Sheridan griff nach seinem Laser und folgte ihm. Unten hielt Delvecchio ihn auf. „Sie bleiben hier, Eldon. Ich übernehme den Haupteingang.“

Regen peitschte auf die Sümpfe um Greywater herunter, wenngleich das Feld ihn von der Station fernhielt. Von Westen raste eine mächtige Windwand heran. Und plötzlich näherte sich der Sturm nicht mehr, er war da. Vor dem wirbelnden Himmel konnte man die verschwommenen Umrisse der Kraftfeldblase sehen.

Delvecchio schritt durch die Höfe, durch die Gänge, und eilte durch die Schleusen zum Haupteingang. Eine große Sichtscheibe wirkte wie ein Fenster. Delvecchio setzte sich auf die Motorhaube eines Schlammtraktors und beobachtete sie. Die Rufanlage befand sich neben ihm an der Wand.

„Wühltiere gehen gegen das Unterfeld vor, Jim“, meldete Andrews aus dem Turm. „Wir haben in der Minute, na, fünf oder sechs Stoßanzeigen. Aber damit werden wir fertig.“

Er verstummte, und man hörte nur den Donner. Dann begann Sanderpay zu sprechen und von den Raketen zu berichten. Delvecchio hörte kaum hin. Der Umkreis jenseits der Mauern war ein Morast regengepeitschten Schlammes. Delvecchio konnte wenig erkennen. Er schaltete den Monitor auf die Kuppelkameras um. Er und Andrews sahen mit denselben Augen.

„Unterfeldkontakte verstärkt“, sagte Andrews plötzlich. „In der Minute an die zwei Dutzend.“

Die Sumpf-Fledermäuse flogen nun näher an den Perimeter heran, zuerst eine, dann eine zweite, streiften beinahe das Feld, glitten grauenerregend und lautlos in den nassen Winden. Der Kuppellaser drehte sich und folgte ihnen, aber sie waren verschwunden, bevor er feuern konnte.

Dann regte es sich am Boden. Eine Welle von Glitschern begann die Perimetergrenze zu überschreiten. Der Laser drehte sich, glitt tiefer. Ein Lichtstoß erschien und hinterließ eine schnell sich auflösende Dampfwolke. Ein Glitscher starb, dann ein zweiter.

Im Süden erhob sich ein Egel aus dem grauen Wasser in der Nähe der Sockelmauer. Die Kuppel drehte sich. Zwei schnelle rote Flammenzungen leckten hinaus. Einmal stieg Dampf auf. Beim zweiten Feuerstoß krümmte sich der Egel, starb.

Delvecchio nickte und umklammerte sein Gewehr fester. Und Andrews’ Stimme tönte aus dem Lautsprecher.

„Da ist ein Mann, Jim“, sagte er. „In Ihrer Nähe.“

Delveccchio setzte die Infrarot-Brille auf und schaltete auf die Kamera vor dem Eingang zurück. Im Unterholz war eine undeutliche Gestalt zu erkennen.

„Nur einer?“ fragte Delvecchio.

„Mehr wird nicht angezeigt“, sagte Andrews.

Delvecchio nickte und dachte nach. „Ich gehe hinaus“, sagte er schließlich.

Viele Stimmen gleichzeitig aus dem Lautsprecher.

„Das ist nicht klug, denke ich“, sagte eine. Granowicz. Eine andere sagte: „Passen Sie auf, Jim. Vorsicht.“ Vielleicht Sanderpay. Und Sheridan, unverwechselbar: „Nicht! Sie lassen sie herein.“

Delvecchio beachtete sie alle nicht. Er drückte auf den Schalter für die Außentüren und ließ sich auf dem Fahrersitz des Schlammschleppers nieder. Die Türen glitten auseinander. Regen rauschte in die Kammer. Der Traktor setzte sich in Bewegung, ratterte über die Einfahrtsrampe und glitt in den Schlick. Nun war er draußen im Sturm, und der Regen prickelte durch seine Überhaut. Er fuhr mit einer Hand und hielt mit der anderen den Laser fest. Er hielt vor dem Eingang und stand auf.

„Komm heraus!“ brüllte er, so laut er konnte, den Donner überschreiend. „Zeig dich! Wenn du mich verstehen kannst – wenn der Schwamm dich nicht erwischt hat – dann komm jetzt raus!“ Er legte eine Pause ein und hoffte und wartete eine lange Minute. Er wollte wieder schreien, als ein Mann aus dem Dickicht stürzte. Delvecchio sah flüchtig zerfetzte, zerlumpte Kleidung, bloße Füße, die durch den Schlamm stoplerten, tropfnasses, schwarzes Haar. Aber darauf achtete er nicht. Er starrte auf die Schwammwucherungen, die das Gesicht des Mannes fast bedeckten und sich über Brust und Rücken ausbreiteten.

Der Mann – das Wesen – hob eine Faust und schleuderte einen Stein. Er verfehlte. Er rannte kreischend weiter. Delvecchio hob betäubt das Gewehr und drückte ab. Das Schwamm-Wesen stürzte einen Meter vor den Bäumen.

Delvecchio ließ den Traktor stehen und ging zu Fuß zum Eingang zurück. Die Türen standen noch offen. Er ging zur Rufanlage. „Er hat sie“, sagte er. Und noch einmal: „Er hat sie. Und er ist feindselig. Jetzt töten wir sie.“

Er bekam keine Antwort. Es blieb lange still, dann kam ein unterdrücktes Schluchzen, und Andrews sagte langsam und sachlich: „Eine neue Messung. Eine Gruppe von Männern – dreißig oder vierzig vielleicht – von Westen her im Anmarsch. In Formation. Viel Metall – legiertes Dural, glaube ich.“

„Die Haupttruppe“, sagte Delvecchio. „Sie wird nicht so leicht zu vernichten sein. Vergeßt nicht, alles auf einmal.“ Er trat wieder in den Regen hinaus, mit dem Gewehr im Arm, ging zur Rampe. Durch die Brille sah er die Umrisse von Männern. Zuerst nur einige. Ausgeschwärmt.

Er ging hinaus zum Traktor, kniete dahinter nieder. Die Kuppel drehte sich. Eine rote Linie zuckte hinaus, berührte die erste undeutliche Gestalt. Sie taumelte. Neue Regenwände rauschten heran und verhüllten die Landschaft. Der Laser zuckte wieder hinaus. Delvecchio hob ganz langsam das Gewehr an die Schulter und feuerte ebenfalls auf die verschwommenen Umrisse, die mit der Brille erkennbar waren.

Hinter sich spürte er, wie die erste Raketensonde das Abschußrohr verließ, und er sah das Treibmittel flammen, als sie aus der Kuppel fegte. Sie verschwand im Regen. Eine zweite folgte, eine dritte, dann ging es in regelmäßigen Abständen weiter.

Die undeutlichen Gestalten liefen alle aufeinander zu; nur wenige Meter im Dickicht befand sich eine große Masse von Männern. Delvecchio feuerte in die Masse hinein, prägte sich ein, wo sie war, und hoffte, daß Arnold es ihm nachtat, nichts vergessen hatte.

So war es. Das Lasergeschütz senkte den Lauf, der Stamm eines nahen Baumes wurde gestreift, Holz knirschte. Dann begann sich der Baum zu neigen. Und er stürzte.

Soviel Delvecchio sehen konnte, verfehlte er. Wieder ein Einfall, der nicht viel genützt hat, dachte er bitter. Aber er feuerte weiter in den Wald hinein.

Plötzlich schoß in der Nähe der Perimetergrenze Wasser in einer gigantischen Explosion aus dem Sumpf empor, ließ alles andere zwergenhaft erscheinen. Ein Glitscher flog durch die Luft, verwundert über sich selbst. Es regnete Egelfetzen.

Die erste Rakete.

Eine Sekunde danach eine zweite Explosion, diesmal unter den Bäumen. Dann immer mehr, eine nach der anderen. Mehrere ganz nah am Feind. Zwei unter ihnen. Bäume stürzten um. Und Delvecchio glaubte Schreie zu hören.

Er begann zu hoffen. Und feuerte weiter.

Am Himmel näherte sich ein Heulen. Granowicz und das Flugzeug. Delvecchio nahm sich die Zeit, kurz hinaufzublicken, und sah es auf die Bäume zuhuschen. Aber dort oben waren auch andere Formen in Bewegung, die sich auf die Maschine stürzten. Doch sie waren langsamer. Granowicz flog an, ließ Bomben fallen. Der Sumpf bebte, und Schlamm und Wasser von den Explosionen vermischte sich mit dem Regen.

Nun konnte er deutlich Schreie hören.

Und dann kam die Antwort.

Rote Zungen und Lichtstifte schnellten aus dem Dunkel, tanzten über die Wände, riefen Dampfwirbel hervor, die vom Regen weggewaschen wurden. Dann Projektile. Explosionen. Ein dumpfer Schlag erschütterte die Station. Ein zweiter. Und irgendwo im Sturm feuerte jemand einen Kreischer ab.

Die Wand hinter ihm hallte von einem surrenden Schlag. Und an der Kraftfeld-Kuppel gab es eine zweite Explosion, viel gewaltiger. Der Regen verschwand für einen Augenblick in einem Strudel explodierender Gase. Wind fetzte den Rauch weg, und die Station wankte. Dann rauschte der Regen wieder auf die Kuppel herab.

Immer neue Explosionen. Laserwaffen zischten und fauchten im Regen hin und her, eine grauenvolle Lichtschau. Miterz feuerte von den Mauern, Granowicz flog wieder einen Angriff. Die Raketen stürzten nicht länger herab. Schon alle verschossen?

Die Kuppel drehte sich, feuerte, drehte sich, feuerte. Mehrere Explosionen erschütterten den Turm. Die Welt war ein Irrsinnsgetümmel von Regen, Lärm, Blitzen und Nacht. Dann kamen die Raketen wieder. Der Sumpf und die nähere Waldgegend erzitterten unter den Einschlägen. Die östliche Ecke der Station bewegte sich, als eine Raketensonde unbehaglich nah niederging.

Die Kuppel begann wieder zu feuern. Kurze Stöße, die sich im Regen verloren. Massives Feuer antwortete. Mindestens ein Kreischer gellte regelmäßig.

Delvecchio sah die Fledermäuse plötzlich um das Flugzeug auftauchen. Sie stürzten von allen Seiten heran, heulend, todbringend. Eine von ihnen faltete die Schwingen säuberlich zusammen und glitt in den Motor hinein. Es gab eine ungeheure Explosion, die Nacht zu geisterhaft strömendem Regen erhellend.

Mehr Explosionen um die Energiekuppel. Laser kreischten um Kuppel und Turm. Die Kuppel glühte rot, begann zu dampfen. Im Süden verschwand ein Teil der Mauer in einer gewaltigen Explosion.

Delvecchio feuerte immer noch regelmäßig, automatisch. Aber plötzlich versagte der Laser. Ladung verbraucht. Delvecchio zögerte, richtete sich auf. Er drehte sich gerade rechtzeitig um und sah den Flugteufel auf die Kuppel herabstürzen. Nichts hielt ihn auf. Delvecchio begriff, daß das Kraftfeld nicht mehr bestand.

Lasergewehre schickten Strahlen hinaus und berührten den Flugteufel. Aber nicht das Geschütz. Die Kuppel war stumm und ohne Bewegung. Der Flugteufel raste gegen die Fenster, barst krachend hindurch, zerfetzte Glas und Kunststoff und Duralstützen.

Delvecchio begann sich zu Rampe und Eingang zurückzuziehen. Ein Glitscher fuhr hoch, als er vorbeihetzte, schnappte nach seinem Bein. Es kam ein rot aufzuckender Schmerz, der rasch verging. Er stolperte, rappelte sich auf, lief weiter. Das Bein war gefühllos und blutete. Er gebrauchte das nutzlose Gewehr als Krücke.

Im Inneren drückte er auf die Taste, um die Außentüren zu schließen. Nichts rührte sich. Er lachte plötzlich. Es spielte keine Rolle. Nichts spielte eine Rolle. Die Station war aufgebrochen, die Felder gab es nicht mehr.

Die Innentüren funktionierten noch. Er trat hindurch, hinkte durch die Korridore in den Hof. Rings um sich konnte er hören, wie die Generatoren der Reihe nach ausfielen.

Die Kuppel wurde getroffen und wieder getroffen. Sie explodierte und stieg stöhnend hoch. Drei verschiedene Einschläge trafen den Turm gleichzeitig. Von der oberen Hälfte regnete Metall herab. Delvecchio blieb im Hof stehen, starrte auf den Turm, war plötzlich nicht sicher, wohin er wollte. Seine Lippen formten den Namen „Arnold“, aber er sprach ihn nicht aus.

Die Generatoren fielen ganz aus. Laser und Geschosse und Fledermäuse dampften über ihm. Alles war Nacht. Erhellt von Blitzen, von Explosionen, von Laserstrahlen.

Delvecchio wich an eine Wand zurück und lehnte sich daran. Die Beschießung ging weiter. Der Boden im Inneren der Station war zerfetzt, aufgewühlt, er bebte. Einmal gellte irgendwo ein Schrei, als rufe jemand im Augenblick des Todes nach ihm. Er sank auf den Boden und blieb liegen, umklammerte das Gewehr, während die Granaten in der Station einschlugen. Dann wurde alles still.

Er lag an einem Schutthaufen und sah hilflos zu, als ein großer Glitscher durch den Hof auf ihn zuglitt. Im Regen richtete sich der Glitscher auf, aber bevor dieser ihn erreichte, sank er kreischend zusammen.

Hinter ihm bewegte sich etwas. Er drehte den Kopf. Eine Gestalt in einer Überhaut winkte, bezog Posten an einem der zerstörten Labors. Delvecchio sah an den Überresten der Mauern Umrisse, die herüberkletterten. Er wünschte sich, daß sein Gewehr noch geladen sein möge.

Ein roter Lichtstift schnellte im Regen an ihm vorbei. Eine der Gestalten brach zusammen. Der Mann hinter ihm hatte aber zu früh und zu auffällig gefeuert. Die anderen Gestalten zielten auf ihn. Laserspeere zuckten über Delvecchios Kopf hinweg. Das Feuer wurde kurz erwidert, dann herrschte Ruhe.

Langsam, ganz langsam, kroch Delvecchio durch den Regen zu den Labors. Die schienen ihn nicht zu sehen. Mit gewaltiger Anstrengung erreichte er die am Boden liegende Gestalt in ihrer Überhaut. Sanderpay, tot.

Delvecchio griff nach dem Laser. Vor ihm waren fünf Männer, noch mehr in der Dunkelheit dahinter. Delvecchio lag auf dem Bauch und feuerte auf einen Mann, dann auf einen zweiten und dritten. Rings um ihn schossen Dampffontänen hoch, als die Gestalten in Dural zurückschossen. Er feuerte und feuerte und feuerte, bis alle um ihn herum am Boden lagen. Dann raffte er sich auf, versuchte zu laufen.

Von seinem Stiefel wurde der Absatz weggeschossen, und Wärme flutete über seinen Fuß. Er drehte sich um und feuerte, lief weiter, vorbei an dem zerstörten Turm und den Labors. Lasernadeln stachen oben vorbei. Vier, fünf, vielleicht sechs. Delvecchio warf sich hinter die Überreste einer Laborwand. Er feuerte um die Mauer herum, sah eine Gestalt hinstürzen. Er feuerte wieder. Dann versagte das Gewehr.

Laserstrahlen fetzten in die Mauern, sengten sich hinein, beinahe hindurch. Die Männer schwärmten aus. Es gab keine Hoffnung.

Dann explodierte die Nacht in Feuer und Lärm. Ein flachgequetschter Körper flog vorbei. Hinter Delvecchio folgte der Explosion ein Laserspeer.

Sheridan stand über ihm und feuerte in die Männer, die im Freien standen, sengte sie der Reihe nach nieder. Er stellte das Feuer kurz ein, warf ein Glas Sprengstoff, bediente wieder das Lasergewehr. Er wurde von einem fliegenden Mauerbrocken getroffen und brach zusammen.

Delvecchio stand mit ihm zusammen auf. Sie standen schwankend nebeneinander, Sheridan drehte sich hin und her und suchte nach Zielen. Aber es gab keine Ziele mehr. Sheridan hustete vor Erschöpfung in seiner Überhaut.

Der Regen ließ nach. Die Schmerzen nahmen zu.

Sie stiegen über den Schutt. Sie kamen an vielen verkrümmten Körpern in Dural-Legierung vorbei, an einigen in Überhäuten. Sheridan blieb vor einer der gepanzerten Leichen stehen und drehte sie herum. Die Gesichtsscheibe war weggebrannt, mit einem Teil des Gesichts. Ein Fußtritt, und der Tote fiel wieder auf den Bauch.

Delvecchio versuchte es bei einem anderen. Er hob den Helm herunter, untersuchte Nasenlöcher, Stirn, Augen, Ohren. Nichts. Sheridan hatte sich ein Stück entfernt und stand vor einer Leiche in einer Überhaut, die halb von Schutt bedeckt war. Er stand lange Zeit dort.

„Delvecchio!“ rief er schließlich. „Delvecchio!

Delvecchio ging zu ihm, bückte sich, zog die Filtermaske weg. Der Mann lebte noch. Er öffnete die Augen. „Oh Gott, Jim“, sagte er. „Warum? Warum nur?“

Delvecchio sagte nichts. Er stand wie erstarrt und blickte hinunter.

Bill Reyn starrte hinauf.

„Ich bin durchgekommen, Jim“, sagte Reyn und hustete Blut. „Als die Maschine Bruchlandung gemacht hatte… kein Problem… ganz nah, bin zu Fuß gegangen. Sie… sie waren noch im Inneren, die meisten, bei der Wärme. Nur ein paar waren… hinausgegangen.“

Delvecchio hustete einmal. Leise.

„Kam durch… der Impfstoff… bei den meisten, jedenfalls. Ein paar waren draußen, infiziert… hoffnungslos. Aber… aber wir nahmen ihnen Panzerung und Waffen weg. Kein Schaden so… wir mußten uns durchkämpfen. Mich hat er in Ruhe gelassen, aber, mein Gott, die Männer in Dural… haben ein paar verloren… Egel, Glitscher…“

Sheridan drehte sich um und ließ sein Gewehr fallen. Er lief auf die Labors zu.

„Wir haben es mit den Funkgeräten in den Anzügen versucht, Jim… aber das Gewitter… hätten warten sollen, aber der Impfstoff… kurzwirkend, ließ nach… Wir versuchten, euch… nichts zu tun… bis ihr angefangen habt… uns zu töten…“ Er begann an seinem eigenen Blut zu ersticken. Delvecchio blickte hilflos hinunter.

„Wieder“, sagte er mit toter, brüchiger Stimme. „Wir haben ihn wieder unterschätzt. Wir – nein, ich – ich –“

Reyn lebte noch drei oder vier Stunden. Delvecchio fand Sheridan nicht wieder. Er versuchte, allein die Generatoren wieder in Gang zu bringen, aber ohne Erfolg.

Kurz vor Tagesanbruch hellte sich der Himmel auf. Die Sterne kamen heraus, hell und weiß am Nachthimmel. Der Schwamm hatte noch keine neuen Sporen freigesetzt. Es war fast wie eine mondlose Nacht auf der Erde.

Delvecchio saß auf einem Schutthaufen, hatte das Lasergewehr eines toten Soldaten in den Händen, zehn oder zwölf Akkus am Gürtel. Er schaute nicht oft hinüber zu der Stelle, wo Reyn lag. Er versuchte sich zu überlegen, wie er das Radio in Betrieb nehmen konnte. Ein Versorgungsschiff würde kommen.

Der Himmel im Osten wurde hell. Eine Sumpf-Fledermaus begann die Ruinen der Station Greywater zu umkreisen, dann eine zweite.

Und die Sporen fielen herab.

*  *  *  *  *  *  *

Als Hintergrundinformation zum Kosmos von George R. R. Martin folgen hier noch einige Auszüge aus dem Glossar zu seinem 1977 veröffentlichten Roman „Dying of the Light“, der, wie erwähnt, viele Jahrhunderte später spielt und dessen deutsche Ausgabe „Die Flamme erlischt“ 1978 erschienen ist:

Alt-Erde: Heimatwelt der menschlichen Rasse, früher Hauptplanet des Bundesreiches. Während des Interregnums, als zahlenmäßig starke Teile der bewaffneten Truppen revoltierten, rief Alt-Erde ihr verbliebenes Militär zurück und schloß sich hermetisch vom Rest der Menschheit ab. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, blieb dieses Embargo bis heute in Kraft. Das heutige Leben auf Alt-Erde ist Anlaß für vielerlei Spekulationen und Ausgangspunkt zahlloser Legenden; auf Fakten stößt man jedoch selten. Auch bekannt unter den Namen Erde, Alte Erde, Terra, Heimat.

Alt-Hranga: Heimatwelt der hranganischen Rasse und einer der wenigen Orte, wo hranganische Intelligenzen in größerer Zahl überlebt haben.

Bundesimperium: Politisches Gefüge, das während der ersten Jahrhunderte des Sternenfluges den von Menschen erforschten Raum beherrschte. Unter dem Bundesimperium wurden die meisten Kolonien der ersten und zweiten Generation und sogar einige der dritten besiedelt. Führte den Doppelkrieg, der schließlich seinen Zusammenbruch herbeiführte. Der Begriff selbst war eine auf Bequemlichkeit zurückführbare Fehlbezeichnung. Das sogenannte Imperium war, um genau zu sein, eine demokratisch-sozialistisch-kybernetische Bürokratie. Die Entscheidungen traf letztendlich ein Chefadministrator, der von einer in Genf. Alt-Erde, zusammenkommenden gesetzgebenden Dreierkammer gewählt wurde und ihr verantwortlich war. Der Großteil der auf der Erde anfallenden Verwaltungstätigkeit wurde jedoch von den Künstlichen Intelligenzen, ausgedehnten Computeranlagen, übernommen. In den letzten Jahren des Doppelkrieges wurde das Bundesimperium zunehmend repressiver und verlor die Berührung mit seinen Kolonien und die Herrschaft über das eigene Militär.

Doppelkrieg: Jahrhundertelanger Konflikt zwischen dem Bundesimperium und zwei Fremdrassen, den Fyndii und den Hranganern. Auch bekannt als Der Große Krieg, Der Fyndiische Krieg, Der Hranganische Konflikt, Der Tausendjährige Krieg oder einfach als Der Krieg. In Wirklichkeit bestand der Doppelkrieg gewissermaßen aus zwei Auseinandersetzungen; die Feinde hatten niemals Kontakt untereinander, und man kann sie in keinem Fall als Verbündete bezeichnen, obwohl sie beide gegen die Menschheit Krieg führten. Das Bundesimperium kontrollierte den Raum zwischen den Feinden und kämpfte dergestalt an zwei Fronten; nach innen gerichtet, auf den galaktischen Kern zu, gegen die Fyndiihorden, und nach außen, auf den Rand der Galaxis zu, gegen das sogenannte Hranganische Reich. Der Krieg gegen die Fyndii begann eher und war im allgemeinen ein kürzerer, sauberer Konflikt, der schließlich durch Vermittlung und Intervention einer dritten Rasse, den Damoosh, beigelegt wurde. Die Hranganer waren der Menschheit gegenüber viel feindlicher eingestellt und weit weniger verhandlungsbereit. Offiziell wurden die Feindseligkeiten zwischen Hranga und der Erde niemals eingestellt; beide Zivilisationen brachen zusammen. Die Menschheit fiel in das Interregnum zurück und erholte sich dann wieder, wenn auch nicht als politische Einheit. An den Hranganern wurde im Grunde genommen Völkermord verübt, der ihren eigenen Sklavenrassen sowie menschlichen Kolonisten zuzuschreiben ist.

Fyndii: Fremde Rasse und erste sternenfahrende Intelligenzen, mit denen die Menschheit Kontakt hatte. Die Fyndii waren einer der Gegner des Bundesimperiums im Doppelkrieg. Fyndii scheinen keine Rassenloyalität zu besitzen; ihre Gesellschaften bestehen aus empathisch verbundenen „Horden“, und jede Horde ist der nächsten ein bitterer Rivale. Geistesstumme, die nicht in der Lage sind, sich einem Kollektiv anzuschließen, sind Ausgestoßene ohne Freunde. Die Fyndii beherrschen ungefähr neunzig Welten, die sich fast alle innerhalb des menschlichen Siedlungsbereichs befinden.

Hranganer: Der große Feind während des Doppelkrieges. Die Hranganer waren wahrscheinlich die fremdartigste intelligente Lebensform, auf welche die Menschheit jemals traf. Ihr Sozialsystem beruhte auf der Basis einer Reihe von biologischen Kasten, die so verschieden waren, daß sie unterschiedliche Spezies zusammenzufassen schienen. Von den Millionen Hranganern waren nur die sogenannten Köpfe wirklich intelligent, und selbst mit ihnen gelang der Menschheit keine Kommunikation. Die Hranganer waren erbitterte Fremdenhasser und hatten vor dem Doppelkrieg ein Dutzend weniger fortgeschrittene Rassen versklavt; es gibt Anhaltspunkte, wonach sie andere ganz auslöschten. Der Krieg vernichtete die Hranganer nahezu vollständig, sieht man einmal von Alt-Hranga und einer Handvoll ihrer ältesten Kolonien ab.

Interregnum: Historische Zeitspanne zwischen dem Zusammenbruch und der Wiederaufnahme des Sternenfluges. Durch seine Eigentümlichkeit ist das Interregnum zeitlich nur schwer festzulegen. Einige Welten erlebten den Zusammenbruch schon früh, andere spät; manche verloren den Sternenflug für fünf Jahre, andere für fünfzig, und wieder andere mußten fünfhundert Jahre ohne ihn auskommen. Etliche – wie Avalon, Baldur, Newholme und Alt-Erde – waren überhaupt nie vom Rest der Menschheit isoliert, während man andere vielleicht noch gar nicht wiederentdeckt hat. Gemeinhin wird gesagt, das Interregnum habe eine „Generation“ gedauert. Zieht man nur die menschlichen Hauptwelten in Betracht, so ist diese grobe Schätzung durchaus zutreffend.

Stahlengel: Weit verbreiteter Spitzname für die Mitglieder einer mächtigen und einflußreichen militärisch-religiösen Bewegung, die während des Doppelkrieges unter Soldaten des Bundesimperiums entstand und seither ständig im Anwachsen begriffen ist. Die Stahlengel glauben, daß nur die Menschen (die Saat der Erde) eine Seele besitzen und sehen das Überleben der Rasse als höchstes Ziel an. Stärke gilt ihnen als die einzig wahre Tugend. Heute regieren die Engel von ihrer Hauptwelt Bastion aus rund ein Dutzend Planeten und haben Kolonien, Missionsstationen und Brückenköpfe auf Hunderten von anderen Welten. Die Mitglieder des Kultes nennen sich selbst die Kinder von Bakkalon. Über die genauen Ursprünge der Bewegung gibt es widersprüchliche Ansichten. In der Geschichte der Engel ereigneten sich zwei große Schismen, das hielt sie aber nicht davon ab, zahlreiche Kriege zu führen, und zwar hauptsächlich gegen nichtmenschliche Intelligenzen.

Wirrwarr: Rückübersetzung eines Begriffs aus dem Slang der Wolfmenschen; heute allgemein im Sprachgebrauch der Außenwelten enthalten. Bezeichnet den Raum zwischen dem Rand und den hochzivilisierten Planeten um Alt-Erde. Das Hranganische Imperium nahm große Teile dieses Raumes ein. In diesem Sektor wurden die schrecklichsten Schlachten des Doppelkrieges ausgetragen, die viele Planeten zerstört und viele Zivilisationen „verwirrt“ zurückließen, wovon sich der Begriff vermutlich ableitet. Erwähnenswerte Menschenwelten im Wirrwarr sind: Avalon, Bastion, Prometheus und Jamisons Welt.

Wolfheim: Menschenwelt am Rand, die während des Zusammenbruchs durch Flüchtlinge von Fenris besiedelt wurde. Wolfheims Kultur wird als dynamisch und lebhaft angesehen. Der Planet ist auf ökonomischem Sektor als scharfer Konkurrenz von Kimdiss zu betrachten und steht als Militärmacht unter den Außenwelten nur Tober nach.

Wolfmensch: Bewohner von Wolfheim.

Zusammenbruch: Der Zeitraum, in welchem sich das altirdische Bundesimperium auflöste und zerfiel. Die genauen Daten des Zusammenbruchs sind nur unzureichend anzugeben; der Krieg hatte die Kommunikation zwischen den einzelnen Welten noch chaotischer werden lassen, als sie ohnehin schon war, und jeder Planet erfuhr den Zusammenbruch auf seine Art und zu einer anderen Zeit als andere. Die meisten Historiker führen die Revolte auf Thor und die Vernichtung Wellingtons als Schlüsselereignisse im Niedergang des Bundesimperiums an, legen aber gleichzeitig auf die Feststellung Wert, daß das Imperium schon Jahrhunderte vorher nur noch auf dem Papier Bestand gehabt habe, zumindest was die weiter entfernten Kolonien betraf.

Über Cernunnos

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Eine Antwort zu Die Männer der Station Greywater

  1. Deep Roots schreibt:

    Nachfolgend gebe ich den Kommentaraustausch wieder, den wir damals im ursprünglichen Strang auf „As der Schwerter“ zu dieser Geschichte hatten:

    Deep Roots:

    Im Kontext unseres Blogs kann man diese Geschichte als textliches Äquivalent zu einem Suchbildrätsel betrachten: Wieviele für uns interessante Analogien sind darin enthalten, deretwegen ich sie hier veröffentlicht habe?

    Dafür, daß „Men of Greywater Station” vor dreieinhalb Jahrzehnten und ohne jegliche Hintergedanken in dieser Richtung geschrieben wurde, findet man darin nämlich erstaunlich viele davon.

    Sternbald:

    Danke für dieses Schmankerl! Der Schwamm ist natürlich der Stamm, und hier erklärt sich auch die ansonsten völlig unbrauchbare Theorie des „Rhizoms” (ein quasi hierarchieloses Geflecht von Verknüpfungen) welche von Kairos in seinem Artikel über die „Postmodernisten” erwähnt wurde: Das ist eine Selbstbeschreibung der Vorgehensweise der auserwählten Gruppe, zu der auch die beiden Urheber dieses Modells, Deleuze und Guattari, gehören.

    Deep Roots:

    Zur Veröffentlichung dieser Geschichte auf AdS kam es wie folgt:

    In einem internen Austausch unter uns AdS-Admins hatten wir uns über die Behauptung unterhalten, es gäbe weltweit etwa 500 Millionen Juden. Mit dem Einverständnis von Osimandia möchte ich das hier zusammengefaßt schildern:

    Ich hatte gemeint, daß mir die 500 Millionen sehr übertrieben vorkommen, wenn man bedenkt, daß die weißen Länder der Welt meiner Ermittlung nach insgesamt etwa 1 Milliarde weiße oder scheinbar weiße Einwohner haben (d. h. ohne merklich nichtweiße Bevölkerungsanteile). Da müßte dann ja jeder zweite davon in Wirklichkeit ein Jude sein. Aber es könnte schon sein, daß sie in den einflußreicheren Kreisen mit einem deutlich höheren Prozentsatz vertreten sind, als man glaubt. Dies könnte sie aber zur irrigen Annahme verleiten, sie wären insgesamt so zahlreich.

    Osimandia glaubt das mit den 500 Millionen ebenfalls nicht, wies aber darauf hin, daß die Zahl sehr nebulös ist und daß sie aus allen Ecken auftauchen können – und es derzeit auch tun!

    Viele seien jedoch auch nicht weiß bzw. sähen noch nichtmal weiß aus.
    Weiters nannte Osimandia das Beispiel des 30 Millionen zählenden Volkes der Igbo in Nigeria, die behaupten, jüdischer Abstammung zu sein. Die sind übrigens identisch mit den „christlichen“ Ibo, die in den 1960ern eine gescheiterte Sezession von Nigeria versucht haben, woraus der Biafra-Krieg wurde. Angeblich hausen sie schon seit 2800 Jahren dort, während der Kolonialzeit haben sich ihnen portugiesische Juden angeschlossen. Israel nimmt das ernst und überprüft es (aus Äthiopien haben sie schon schwarze Juden geholt). Eine Wikiseite dazu gibt es nur auf englisch, französisch, russisch, hebräisch und…. Türkisch! Wieso interessiert ausgerechnet die Türken das? Womit wir wohl wieder bei den Dönmeh wären.

    Andere Weiber aus dem Afrika-Forum berichten, ihre westafrikanischen Bekanntschaften würden übereinstimmend sagen, Nigerianer seien der letzte Dreck und würden mit ihrer organisierten Kriminaliät („Nigeria-Connection”) den Ruf Afrikas versauen (naja, ob’s da allzu viel zu versauen gibt, ist fraglich, aber Westafrikaner denken offenbar über Nigerianer so wie Europäer früher über Juden dachten). Und dann noch das: Nigeria (Nollywood) ist nach Indien (Bollywood) und VOR den USA (Hollywood) die zweitgrößte Filmnation der Welt!

    Wer Hollywood kontrolliert, wissen wir, und Osimandia hat eine jüdische Website gefunden, wo sie damit prahlen, Bollywood aufgebaut zu haben. Und jetzt das mit Nigeria und Nollywood!

    In Nordafrika gab es vor den islamischen Eroberungen ein jüdisches Berberkönigreich, es gibt Gerüchte, die Ibn Sauds wären Juden (was das gute Verhältnis zu den USA erklären würde und sie sehen auch so aus), dann gibt es die recht glaubhaften Berichte von Palästinensern, die Juden sind und auch heimlich die Traditionen praktizieren.

    Osimandia im Wortlaut:

    Da wird man doch verrückt!

    Es scheint nichts zu stimmen, was wir von diesem „Volk” dachten. Gar nichts!
    Von wegen nicht missionierend. Von wegen nicht vermischend. Eines von beiden müssen sie aber getan haben. Oder beides. Von wegen wenige. Die haben ein Reservoir im Wartestand.
    Das ist doch kein Volk. Was ist das? Was in aller Welt sind die?

    Worauf ich meinte:

    Ich würde sagen: Das Judentum ist ein parasitärer Organismus, der aus einem ethnischen Kern besteht, um den sich ein Vorfeld von vermischten, als Voll- oder auch Vaterjuden geltenden Pufferzonenbewohnern und Kampfhunden gruppiert (wie jemand im CC-Strang zu „Juden und Weißentum“ das formulierte). Dabei werden sich von den jeweiligen Wirtsvölkern an ehesten diejenigen Individuen mit den Juden vermischt und verschwägert haben, die von ihrer Wesensart am meisten dazupaßten.

    Man kann sie auch mit einer aus verschiedenen biologischen Kasten bestehenden Spezies analog den staatenbildenden Insekten vergleichen, wie es auch die Bugs in Heinleins „Starship Troopers“ sind; ein Kollektiv, das auch eine gewisse „Schwarmintelligenz“ besitzt. Eine weitere Analogie sind die Hranganer in George R. R. Martins SF-Roman „Die Flamme erlischt“ („Dying of the Light“).

    Mir ist in dem Zusammenhang dann eingefallen, daß George R. R. Martins Kurzgeschichte „Men of Greywater Station“, die vor dem selben Hintergrund spielt wie „Die Flamme erlischt“, nur viele Jahrhunderte früher, weitere faszinierende Parallelen zu diesem Thema und zur heutigen Situation unserer Welt enthält. Wie viele das wirklich sind, ist mir erst beim Abtippen klar geworden:

    Da haben wir diese Gruppe offensichtlich ausschließlich weißer Männer verschiedener europäischer Abstammung (den Namen und den vorkommenden Personenbeschreibungen nach), die sich in einer festungsartigen Forschungsstation (einem Hort weißer Zivilisation und Technologie) gegen eine feindliche Welt behaupten müssen.
    Sie sind umgeben von einem Dschungel voller Schlamm („muds“!), dessen Kreaturen von einer fremden, parasitären, feindlichen Kollektivintelligenz kontrolliert werden und ständig versuchen, die Station anzugreifen und in sie einzudringen. Dieser „Schwamm“ ist eine lebende Ökologie, die in einem totalen Angriff mit dem gesamten Leben einer Welt auf die Vernichtung der Menschen hinarbeitet und dabei alles auf dem Planeten gegen diese einsetzen kann, während sie sich selber davor hüten müssen, von dem allgegenwärtigen, die Luft erfüllenden Sporenstaub des „Stammes“, äh, „Schwammes“ infiziert zu werden und zu dessen geistlosen Zombies zu werden.
    Sie haben es mit einem klassischen Fall parasitären Kollektivdenkens zu tun, mit einer einzigen, alles umfassenden Masse, die den ganzen Planeten übernommen hat, ausgehend von einem einzelnen zentralen Punkt.

    Und immer wieder stellt sich heraus, daß die Menschen die Raffinesse des Schwamms unterschätzt haben, die nie wissen können, wieviel von dem, was sie erleben, eine große Anhäufung von Zufällen ist: „Wir kämpfen blind. Jedesmal, wenn etwas geschieht, gibt es ein Dutzend Gründe, die dahinterstecken könnten.“ Dazu kommt noch, daß sie anderen Menschen, die wahrscheinlich auf ihrer Seite stehen, mißtrauen müssen, weil sie nie sicher sein können, ob diese nicht schon vom Schwamm kontrolliert werden, und der Schwamm trägt selber aktiv dazu bei, das Mißtrauen zu fördern.
    Und dann noch die Kamikazeflüge der Sumpf-Fledermäuse und Flugteufel!

    In gewisser Weise kann man in dieser Geschichte auch eine Allegorie auf den Zweiten Weltkrieg sehen, wobei die Station dem Deutschen Reich entspricht und die Briten und Amerikaner durch die Soldaten aus dem Raumschiff verkörpert werden, denen es zwar gelingt, die Station mithilfe ihrer überlegenen Ausrüstung, Zahl und Feuerkraft zu knacken, die damit aber die Voraussetzung für ihren eigenen Untergang schaffen.

    Und die Sporen fallen herab…

    Osimandia:

    Die Behauptung mit den 500 Millionen hatte ich bei polskaweb gelesen, es wurde dort aber nicht weiters ausgeführt, wie sie drauf kommen.

    Aber es entsteht schon der Eindruck, dass die Zahl sehr schwankt. In antisemitischen Zeiten und Gegenden (wie zum Beispiel derzeit in Muselmanien) schrumpft sie auf den harten Kern runter, in philosemitischen Zeiten wie derzeit in der westlichen Welt hat man irgendwie den Eindruck – um es mit Goethe zu formulieren –

    Es ist ein jeglicher in deinem Land
    auf eine oder andere Art mit Israel verwandt.

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