SWM-Serie „Sturmgewehre“ (2): Tokarev Modell 1940

Tokarev AVT 40 1 MMK

Der Autor beim Testschießen mit dem AVT 40.

Von Max Meinrad Krieg, aus der  des „Schweizer Waffen-Magazins“, Heft 5-1984.

Ein Sturmgewehr ist die persönliche Waffe des Soldaten, verschießt halb- und vollautomatisch Gewehrpatronen und bleibt auch im Seriefeuer kontrollierbar. Es soll im Sturmangriff kurzzeitig eine große Feuerkraft entwickeln können. – Während heutige Sturmgewehre diesen Vorgaben meist voll entsprechen, finden sich in der Entwicklung dieser Waffe Zwischentypen; und ein solcher ist das Tokarev-Gewehr.

Die zaristisch-russische Armee hatte mit dem Federov-Automaten 1916 bereits ein eigentliches Sturmgewehr eingeführt, welches aber nur in Kleinstmengen produziert wurde und in den Revolutionswirren unterging. In den 30er-Jahren gab die sowjetrussische Armee die Entwicklung eines automatischen Gewehres in Auftrag, an welchem sich verschiedene Konstruktionsbüros beteiligten. Vorerst wurde 1936 das Gewehr von Simonov (AVS 1936) eingeführt. Als sich dieses überhaupt nicht bewährte, wurde seine Produktion nach kurzem wieder eingestellt.

Fedor Wasiljewitsch Tokarev war einer der ganz großen Waffeningenieure, so ist auch die Pistole TT 1933 sein Werk (SWM Nr. 11). Mit seinen Entwicklungen eines automatischen Gewehrs war er sowohl 1914/16 als auch 1936 den jeweiligen Konkurrenten unterlegen. Aber seine Beharrlichkeit machte sich bezahlt; 1938 wurde sein halbautomatisches Gewehr als russische Ordonnanz angenommen.

1940 wurde die Waffe etwas vereinfacht und dann in ansehnlichen Mengen hergestellt; 1942 wurde es mit der Möglichkeit, Seriefeuer abzugeben, ausgerüstet. Somit gibt es drei Typen von Tokarev-Gewehren:

SVT 39 halbautomatisch, zweigeteilter Schaft

SVT 40 halbautomatisch, einteiliger Schaft

AVT 40 halb- + vollautomatisch, einteiliger Schaft

Während die beiden Halbautomaten keine Sturmgewehre sind, kann bei der vollautomatischen Version von einem solchen gesprochen werden; mit Einschränkungen allerdings, wie wir später sehen werden.

Tokarev AVT 40 2 links + rechts

Das Tokarev 1940 ist ein Gasdrucklader, d. h. die Funktion der Waffe wird durch Abzapfen des Gasdruckdruckes aus dem Lauf herbeigeführt und kontrolliert. Bei geschlossenem Verschluss wird dieser durch den Verschlussträger nach unten in eine Aussparung des Verschlussgehäuses gedrückt und ist so verriegelt.

Nach der Schussauslösung trifft ein Teil der Pulvergase durch das Loch im vorderen Teil des Laufes auf das Gasventil, welches den Bewegungsimpuls via ein gefedertes Gestänge dem Verschlussträger weitergibt. Nachdem dieser um knapp 1 cm zurückgeglitten ist – zwischenzeitlich hat das Geschoß den Lauf verlassen und der Gasdruck ist zusammengebrochen – hebt er den Verschluss an dessen zwei Nocken aus der Verriegelung und schiebt ihn nach hinten. Dabei spannt dieser den Schlaghammer, zieht die leere Hülse aus dem Patronenlager und wirft sie aus. Nachdem Träger und Verschluss in der hintersten Stellung angelangt sind, kehrt sich die Bewegung unter dem Druck der Schließfeder um. Eine neue Patrone wird zugeführt, und der Verschluss verriegelt wieder.

Das Tokarev hat einen sehr schmächtigen Holzschaft, der im vorderen Teil durch einen Blechmantel ersetzt wird; das Holz wäre dort allzu dünn geworden! Hinter dem Abzug liegt der Sicherungshebel, der in der Vollautomatversion zudem als Feuerwahlhebel dient:

● Links (rechts ist 0 sichtbar) = Einzelfeuer

● Mitte = gesichert

● Rechts (links ist A sichtbar) = Seriefeuer

Tokarev AVT 40 3 Detailansichten

Oben: Hinter dem Abzug der Sicherungshebel, der gleichzeitig als Feuerwahlhebel dient. Unten: Verschluss und Visierung von oben.

Bei der Mehrzahl der Waffen sind im Verschlussgehäuse beidseitig Nuten zur allfälligen Montage eines Zielfernrohres eingefräst. Der Verschluss(träger) gleitet unter einem Deckel aus Blech zurück, an dessen Vorderteil eine Führung zur Verwendung von Ladestreifen angebracht ist. Im Patronenlager sind meistens Entlastungsrillen eingefräst, die das sichere Ausziehen der Hülsen unterstützen.

Das Gasventil hat fünf Stellungen (leider nur mit Werkzeug verstellbar!), um die Funktion der Waffe auch schwierigen Bedingungen anzupassen. Das Laufende wird durch eine Mündungsbremse gebildet, wobei sich zwei verschiedene Varianten finden. Alle Waffen tragen eine Bajonetthaft und einen Putzstock.

Die Zerlegung des Tokarevs ist, bedingt durch dessen komplizierten Aufbau, keine einfache Sache. Nach Entfernen des Magazins und einer Verschlussbewegung muß zuerst die Abzugsgruppe demontiert werden. Dazu wird der Hebel hinten am Verschlussgehäuse nach links geschwenkt, bis darunter ein Loch sichtbar wird. Mit einer Geschoßspitze o. ä. kann durch dieses die Verriegelung der Abzuggruppe gelöst und diese nach unten weggezogen werden.

Tokarev AVT 40 4 zerlegt

Als nächstes muß der Verschlussdeckel weggenommen werden. Dazu wird dieser nach vorne gezogen – dabei wird die Schließfeder gespannt (!) – und dann sorgfältig nach oben weggehoben. Dabei muß die gespannte Schließfeder festgehalten und anschließend entspannt und entnommen werden. Hierauf kann der Verschlussträger mit Verschluss nach hinten und dann nach oben aus der Waffe gezogen werden, um sich dann voneinander trennen zu lassen. In einer weiteren Zerlegung sollte dann auch das ganze Gasgestänge mit Ventil demontiert werden.

Das Tokarev ist im Vergleich zu seiner Größe eine leichte Waffe: bei der Herstellung wurde offensichtlich auf ein geringes Gewicht geachtet. Dank der Mündungsbremse läßt sich im Einzelfeuer recht angenehm und präzise schießen, wenn auch der Rückstoß kräftig ausfällt. Auf 300 m waren alle Treffer im Schwarzen, und auch 10er waren keine Seltenheit!

Die Mündungsbremse ist andererseits für ein recht starkes Mündungsfeuer verantwortlich, welches in der Dämmerung störend wirkt. Im Seriefeuer allerdings ist die Waffe praktisch nicht mehr kontrollierbar, sie läßt sich nicht führen und ist für die starke Patrone zu leicht. Interessant ist zu wissen, daß die Möglichkeit, Seriefeuer zu schießen, ursprünglich zur Bekämpfung von Tieffliegern gedacht war; es bestanden zudem strenge Anweisungen, die Waffe nur in Ausnahmefällen und auf Kommando im Seriefeuer zu brauchen.

Das Tokarev war ein gutes und präzises, aber zu kompliziertes und dadurch störungsanfälliges Gewehr. Seine Zuverlässigkeit hielt sich denn auch in Grenzen, vor allem bei Kälte war ihm das einfachere Repetiergewehr überlegen. Die Munition, eine Patrone mit Rand, war für einen Automaten nicht die Geeignetste, und deren in Kriegszeiten sehr schwankende Qualität tat ein übriges. Deshalb löste das Tokarev den Mosin-Nagant als Hauptwaffe des Soldaten in der russischen Armee nicht ab, sondern wurde nur beschränkt ausgegeben. Als automatische Waffen hatten die Maschinenpistolen damals erheblich größere Bedeutung.

Das Tokarev wurde in verschiedenen Waffenfabriken, vor allem jedoch im Arsenal Tula, gefertigt; bereits 1944 – also noch vor Kriegsende – wurde die Produktion eingestellt. Später erhielten verschiedene Satelliten und befreundete Staaten das Tokarev-Gewehr. Heute wird es in keiner Armee mehr als offizielle Waffe geführt. Abgelöst wurde es vorerst und vorübergehend durch den SKS von Simonov und dann vor allem durch die Sturmgewehre des Typs Kalaschnikov.

Daten AVT 40:

Kaliber: 7,62 x 54 R (die Mosin-Nagant-Patrone)
System: Gasdrucklader, Kippverschluss
V0: 840 m/s
E0: 349 mkg / 3424 Joule
Kadenz: über 700 Schuß / min.
Lauflänge: 620 mm
Länge: 1220 mm
Gewicht: 3,9 kg
Magazinkapazität: 10 und 15 Schuss

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