Die Spectre-Maschinenpistole

Spectre 01 Titelbild

Von Peter Ernst Grimm, aus Heft 6-1984 des „Schweizer Waffen-Magazins“.

Die Spectre-Maschinenpistole im klassischen MP-Kaliber 9 mm Para ist nicht nur ein brandneues – italienisch-schweizerisches – Produkt, sie enthält auch so viele konstruktive Neuerungen, dass man sie – ohne zu übertreiben – an die Spitze des gegenwärtigen Entwicklungsstandes der modernen Maschinenpistolen stellen darf.

Spectre 02 zerlegt

Maschinenpistole Spectre zerlegt.

Die Spectre-Maschinenpistole – 350 mm lang (mit ausgezogener Falt-Schulterstütze 580 mm) und ungeladen 2,8 kg schwer – weist folgende technische Besonderheiten auf:

● Einen aufschießenden Drei-Phasen-Verschluss, der nach dem Rückstoßlader-System funktioniert und so konstruiert ist, dass die Waffe auch im Seriefeuer nicht im geringsten steigt (was in diesem Fall wörtlich zu nehmen ist). Das Schießen aus geschlossener Verschlußstellung garantiert zusammen mit dem stabilen Drei-Phasen-Verschluss, dem vorne und hinten festgelagerten Lauf und dem vernünftigen Waffengewicht eine besonders hohe Präzision der Waffe.

● Die Spectre ist mit einem Spannabzug ausgestattet. Sie benötigt keine Sicherung. Nach dem Durchladen wird sie ähnlich wie eine moderne Double-Action-Pistole mit Hilfe eines Entspannhebels entspannt und bleibt sofort schussbereit. Je nach Stellung des Feuerwahlhebels (beide Bedienungselemente sind übrigens beidseitig) schießt sie nach dem Durchziehen des Spannabzugs Einzel- oder Seriefeuer. Den ersten Schuss oder Feuerstoß mit Double Action, die weiteren mit Single Action mit verringertem Abzugsgewicht. Das Fummeln an einer Sicherung in einer Streßsituation entfällt ebenso wie die Gefahr einer vorzeitigen Schussabgabe, wie sie bei einer eventuellen Schreckreaktion mit einer vorsorglich entsicherten konventionellen MP eher möglich ist. Der Spannabzug der Spectre hat einen Abzugswiderstand von ca. 4 bis 5 kg.

Spectre 03 Magazin

Das vierreihige 50-Schuss-Magazin.

● Die Spectre verwendet ein (einwandfrei funktionierendes) „flaschenförmiges“ Vierreihenmagazin. Sie verfügt so bei Einhaltung geringer Maße über eine beträchtliche Feuerkapazität. Das 50-Schuss-Magazin ist 210 mm lang, ein 30-Schuss-Magazin 160 mm.

Spectre 04 Magazinfüllen

Abfüllen des Magazins mit Hilfe des Ladegeräts.

● Der 130-mm-Lauf dieser Maschinenpistole ist mit einem sinusoidalen Laufprofil versehen, d. h. mit einem Züge/Felder-Profil, das scharfe Kanten vermeidet. Das Geschoß durchläuft den Lauf mit einer minimalen Reibung, was sich – besonders da auch noch aus geschlossener Verschlußstellung geschossen wird – in einer höheren Mündungsgeschwindigkeit (und damit auch Energie) äußert. Das gewählte Laufprofil gestattet die Verwendung von selbstschmierendem Bleistahl, was das reibungsarme Gleiten des Geschosses mit den bereits erwähnten Konsequenzen noch weiter begünstigt. Die erwähnte Kombination von Profil und Material verringert die Abnutzung (Ausschießen) des Laufes beträchtlich.

● Die Spectre ist mit einem ausgeklügelten Kühlungssystem ausgestattet, das ein Heißschießen der Waffe und die daraus erfolgenden Selbstzündungen verunmöglicht. Es handelt sich dabei um eine Art Zwangsventilation: Der mit vier Ventilationskammern versehene Laufblock pumpt beim Vorlaufen Luft zwischen den Lauf und den mit Ventilationsschlitzen ausgestatteten Laufmantel. (Ich habe mich überreden lassen, sofort nach dem Verschießen eines Fünfziger-Magazins im Dauerfeuer den Kleinfinger von der Verschlußseite her in den Lauf zu stecken – das Patronenlager war lau).

Spectre 05 ausgeklappt

Spectre-MP mit ausgeklapptem Faltschaft. Spannknopf an der Waffenoberseite.

Spectre 06 Schnittmodell

Schnittmodell der Spectre-MP.

Neben diesen wesentlichen technischen Merkmalen, welche die Spectre zum Repräsentanten einer neuen Maschinenpistolengeneration machen, ist noch zu erwähnen, dass diese MP einen hinteren und einen vorderen Pistolengriff aus robustem Kunststoff hat, der Faltschaft im zusammengelegten Zustand auf der Oberseite der Waffe fixiert ist (und dort das Zielen über die Visierung behindert, was jedoch nicht tragisch ist, da eine MP in Kurzform ohnehin meist instinktiv aus der Hüfte geschossen wird), dass das höhen- und seitenverstellbare Korn und die Klappkimme mit den zwei Stellungen – 50 m und 100 m – durch Backen geschützt ist und dass die Waffe mit ihrem obenliegenden Spannknopf (der bei gefalteter Schulterstütze mittels eines gleitenden Mitnehmers betätigt wird), der Magazinhalterbedienung im Vorderteil des Abzugsbügels sowie den beidseitig symmetrisch angeordneten Entspann- und Feuerwahlhebeln eine echte Waffe für Rechts- und Linkshänder ist.

Spectre 07 Mündungsbereich

Blick auf die Mündung der Waffe. Oben das verstellbare Korn.

Spectre 08 Rückansicht

Blick auf die Waffe von hinten. Oben das Klappvisier.

Die Spectre ist eine Konstruktion des italienischen Waffenmechanikers Roberto Teppa (44), der als ehemaliger Angehöriger der französischen Fremdenlegion die Probleme mit Maschinenpistolen aus persönlicher Erfahrung kennt. Dennoch hört sich die Entstehungsgeschichte der Spectre wie ein Roman an. Roberto Teppa hatte sich nach Ablauf seiner Dienstzeit bei der Fremdenlegion und der damit verbundenen Rückkehr nach Italien entschlossen, eine Maschinenpistole zu basteln, die besser sein sollte als die ihm bekannten MPs. Er baute sie nach Feierabend bei sich zu Hause. Als er glaubte, dass das Ding reif für Schießversuche im Freien wäre, nahm er die Waffe eines Abends auf eine kleine Insel inmitten des Po, veranstaltete ein Probeschießen und wurde prompt von den Carabinieri verhaftet.

Während des darauffolgenden Gefängnisaufenthalts (die unautorisierte Herstellung von Seriefeuerwaffen und der Besitz von Munition im militärischen Kaliber 9 mm Para sind in Italien ein schwerwiegendes Delikt) machte er die Bekanntschaft von Dottore Franco Manassero, der sich im Rahmen der Gefangenenbetreuungsorganisation „Misericordia“ auch um den Häftling Teppa kümmern sollte. Dr. Manassero erkannte schnell, dass es sich bei Teppa nicht um einen Kriminellen, sondern um einen etwas leichtsinnigen, aber talentierten Waffenkonstrukteur handelte, holte ihn aus dem Untersuchungsgefängnis – und half ihm, die Firma Sites S. A. in Turin zu gründen, die sich nun mit der Entwicklung und Herstellung der „Spectre“ (Gespenst, Geist, Schreckbild) genannten Maschinenpistole befaßt, während die Schweizer Firma Intora S. A. in Zug das Verkaufsmanagement übernahm. Deren Berater Willi Vonbank trug zum technischen Niveau der Waffe mit einigen Verbesserungsvorschlägen (z. B. Spannabzug) bei und unterzog sie laufend anspruchsvollen Tests.

Spectre 09 Teppa + Vonbank

Spectre-Konstrukteur Roberto Teppa (links), technischer Berater Willi Vonbank (rechts, mit MP).

Aus der Tatsache, dass Willi Vonbank, vormals Schießinstruktor der Zürcher Kantonspolizei und heute Leiter einer eigenen Schießschule, Mitarbeiter unseres Magazins ist, resultierte für mich die Möglichkeit, die Spectre im privaten Schießkeller ausgiebig auszuprobieren und sie unseren Lesern sozusagen in Weltpremiere vorzustellen.

Spectre 11 Peter Ernst Grimm

Anwendungsbeispiel: Die Spectre, die erste MP mit Spannabzug, wird geladen, entspannt und entsichert schussbereit gehalten. Im Abwehrfall können, wie hier, mit der stabilen Waffe instinktive Einzelschüsse abgegeben werden (erster Schuss DA, weitere SA), während sie in den Schulteranschlag gebracht wird. Dann kann auf Seriefeuer umgeschaltet und das Ziel mit gezielten Feuerstößen bekämpft werden. (Bild: Autor Peter Ernst Grimm mit der „Spectre“.)

Von den konstruktiven Neuerungen, die sich dem Schützen nur mittelbar mitteilen, abgesehen, beeindruckte mich die Spectre erstens durch die außerordentlich gute Handlage, für die das vernünftige Gewicht (nicht zu schwer, aber auch nicht federleicht) sowie dessen ausgezeichnete Verteilung mit dem gewichtigen Magazin im Schwerpunkt verantwortlich sind. Das nächste war die bereits am Anfang erwähnte augenblickliche Schussbereitschaft der in sicherem (aber nicht gesichertem) Zustand geführten Waffe. Da braucht man im Ernstfall wirklich nur den Spannabzug durchziehen, eine Bewegung, die natürlich und instinktiv ist. Das absolut neutrale Schießverhalten bei Seriefeuer mit der Kadenz von 900 Schuss pro Minute grenzt in meinen Augen fast an ein Wunder;: ich habe schon hie und da Maschinenpistolen geschossen. Im Schulteranschlag konnte ich gezielt ganze Magazine im Dauerfeuer verschießen, ohne dass die Waffe aus der Visierlinie gewichen wäre. Die leeren Hülsen werden in einem weiten Bogen nach vorn rechts ausgeworfen.

Spectre 12 Draufsicht + seitlich

Oben: Blick auf die Oberseite der Waffe mit angeklapptem Faltschaft. Unten: Spectre-MP mit Schalldämpfer für schnelle Einzelschüsse (kein Seriefeuer).

Entspann- und Feuerwahlhebel sind gut zu erreichen. Letzterer wird mit dem Zeigefinger der Schusshand bedient, man kann ohne den Anschlag zu ändern problemlos von Einzelfeuer auf Seriefeuer und umgekehrt schalten. Einen Feuerstoßbegrenzer (z. B. Dreischuss-Automatik) hat die Spectre nicht. Der Magazinwechsel geht einfach, zum Spannen der Waffe muß man schon etwas Kraft aufwenden.

Spectre 13 Abzuggruppe

Bedienungselemente: links oben Entspannhebel, über dem Abzug Feuerwahlhebel (oben Einzelfeuer, unten Seriefeuer), im vorderen Teil des Abzugsbügels der Magazinhalter.

Wegen der hohe Feuergeschwindigkeit ist auch das 50-Schuss-Magazin in ca. 3 Sekunden Dauerfeuer  leergeschossen. Die kürzesten Feuerstöße kosten 4 bis 5 Patronen. Die systemimmanente Präzision im Einzelschuss konnte nicht aufschlussgebend getestet werden, da nur eine Schussdistanz von 25 Metern zur Verfügung stand. Auf diese Entfernung war es jedoch kein Problem, dem Bösewicht auf der FBI-Scheibe lauter Kopftreffer zu verpassen.

Über die Störungsfreiheit oder –anfälligkeit dieses MP-Modells kann ich mich nicht auslassen – die Waffe, mit der ich schießen durfte, war ein Prototyp, an dem viel herumgebastelt (lies verbessert) worden war, der jedoch nicht der Herstellungstechnologie der Serienwaffen entsprach (manches an ihm war z. B. gelötet statt geschweißt, genietet statt gelötet usw.). Über die Qualitäten des Systems, der Konstruktion, gestattete das getestete Exemplar jedoch klare Aussagen.

Die Spectre kann vom Design her ihre italienische Herkunft nicht verleugnen. Trotz Stanz- und Prägeverfahren, Blech und Kunststoff legt sie eine gewisse Eleganz an den Tag. Sie ist, wenn auch keine ausdrücklich schöne, so doch eine ansehnliche Waffe.

Die Spectre, die außer ihrem Namen nichts mit der aus Ian Flemings James-Bond-Romanen bekannten weltweiten Verbrecherorganisation SPECTRE gemeinsam hat, ist als Polizei- und Militärwaffe für Bewachungsaufgaben, Begleitschutz, Sondereinsätze, persönliche Waffe von Fahrzeug- oder Flugzeugbesatzungen gedacht. Von Demonstrationen mit Vorserie-Waffen beeindruckt, haben Polizei- und Militärbehörden (darunter z. B. die italienischen Carabinieri) bereits so viele Spectre-Maschinenpistolen bestellt, dass die Serieproduktion in Angriff genommen werden konnte.

Spectre 14 Explosionszeichnung

Explosionszeichnung der Spectre-Maschinenpistole.

Siehe auch:

Die Maschinenpistole MP 40/I im scharfen Schuß von Robert Bruce

Suomi KP/-31: Die Mähmaschine von Tikkakoski von P. T. Kekkonen

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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