Der Schuss durch die Tasche

H-J Signer Manteltaschenschuss

Hans-Jörg Signer bei unseren Versuchen mit Schüssen durch die Manteltasche.

Von Peter Ernst Grimm und Hans-Jörg Signer, aus Heft 7-1984 des „Schweizer Waffen-Magazins“.

In Filmen und Kriminalromanen gehört der Schuss durch die Mantel- oder Jackentasche zum Stamminventar. Doch wie funktioniert das in Wirklichkeit? Wir haben es ausprobiert.

Eine Erkenntnis: Die Szene, in welcher der Bösewicht sein Opfer mit ein paar Schüssen durch die Mantel- oder Veston- (zu deutsch: Jackett-, österreichisch: Sakko-)tasche abknallt und dann unauffällig weggeht, ist absoluter Blödsinn. Der Mantel oder Veston, durch dessen Tasche geschossen wurde, sieht nach dem Schuss aus, als ob der Besitzer sein Kleidungsstück aus einem Bärengraben zurückerobert hätte. Anstelle des erwarteten kalibergroßen Löchleins klafft nach einem einzigen Schuss ein handflächengroßes, mit heraushängenden Futter- und Einlagefetzen garniertes Loch im Gewand, das den Eindruck erweckt, dem Schützen wäre der Tascheninhalt explodiert.

Jackentaschenschuss

Ein Schuss durch die Tasche eines Manchester-Vestons.

Um mit einem Schuss durch die Tasche zu treffen, muss man den Lauf zumindest in die Horizontale bringen und aus der Hüfte schießen. Das geht höchstens bei einem Schuss durch eine Vestontasche unauffällig. Probiert man es aus einer Manteltasche, sieht man aus wie ein Batman-Verschnitt, der zum Start die Flügel lüftet.

Die Möglichkeit, überhaupt durch die Tasche zu schießen, ist zum ersten durch das Verhältnis zwischen Taschen- und Waffengröße gegeben. Wir brachten es mit Revolvern bis zu 3“ Lauflänge und Pistolen bis zu Beretta-84-Größe (165 mm) fertig.

Vier Taschenrevolver

Revolver mit verdecktem oder innenliegendem Hahn funktionieren beim Schuss durch die Tasche am besten: S&W Bodyguard (6), S&W Chief’s Special mit Bianchi-Lightning-Griff (7), Colt Cobra mit Hammerhaube (8) und S&W Centennial (9).

Dass kurzläufige Revolver mit verdecktem oder innenliegendem Hahn (S&W Bodyguard, S&W Centennial, Colt Cobra mit Hammerhaube, S&W Chief’s Special mit hochgezogenem Bianchi-Griff) funktionieren würden, hatten wir erwartet. Irrig war dagegen die Annahme, dass Revolver mit freiliegendem Hahn besser abschneiden würden als Pistolen. Während sich beim getesteten Chief’s Special mit Normalgriff (Hahn freiliegend) der Hammer immer wieder im Taschenfutter verfing, so dass es reiner Zufall war, ob sich ein Schuss lösen würde oder nicht, ging bei den verwendeten DA-Pistolen (Walther PPK, Beretta 84) der erste Schuss mit Double-Action-Abzug jedesmal los, und manchmal konnte man sogar (hauptsächlich mit der PPK) das ganze Magazin aus der Tasche verschießen. Die kleineren, abgerundeten Hammer dieser Pistolen neigten – obwohl außenliegend – nicht dazu, sich zu verfangen. Vielleicht war es Zufall, doch sofern die Schußserie unterbrochen wurde, war es immer wegen verklemmter Hülsen im Auswurffenster, und einmal, weil sich das Futter der bereits recht zerschossenen Tasche im Auswurffenster geklemmt hatte und den Schlitten an der vollständigen Rückkehr in die Ausgangsstellung hinderte.

Hahnklemmer

Typische Panne: Der Hahn eines Revolvers (nicht verdeckt) verfängt sich im Futter der Manteltasche.

Wir versuchten auch mit einer Single-Action-Pistole mit innenliegendem Hammer (AMT Back Up .380) aus der Tasche zu schießen. Das bedeutete natürlich, daß die Waffe durchgeladen, gespannt und gesichert im Sack getragen werden musste, was uns nicht gerade ungefährlich vorkam. Nach dem Entsichern löste sich immer nur der erste Schuss, dessen Hülse nie vollkommen ausgeworfen wurde. Das mag damit zusammenhängen, dass bei dieser Waffe der Hülsenauswurf nach oben erfolgt.

Auswurfstörung

Typische Panne: In der Vestontasche wird die Hülse der Pistolenpatrone nicht ausgeworfen.

Weitergehende Experimente waren nicht zu machen, die Taschen des geopferten Mantels und Vestons waren inzwischen so zerlöchert, dass man daraus auch mit einer MP hätte schießen können. Und weitere Alt-Kleidungsstücke bewilligten die angetrauten Damen nicht.

Moral der Geschicht: Mit einem kurzläufigen Revolver mit verdecktem Hahn kann man allemal, mit einer DA-Taschenpistole mit etwas Glück mehrere Schüsse durch eine Mantel- oder Jackentasche abgeben. Unauffällig kann man es aber nicht tun: Eine Waffe mit Schalldämpfer passt in keine Tasche, und nach dem ersten Schuss sieht man aus wie ein Clochard, zumindest nach unseren Versuchen mit Kalibern zwischen 7,65 mm Browning und .38 Special (mit Kleinkaliber-Waffen haben wir es nicht probiert). Überraschend: Der erste Schuss aus dickerem Kleidungsstoff tönt leicht gedämpft (es kommt aber auch auf das Kaliber an). Und: Die Hände verbrennt man sich beim Schießen aus der Tasche nicht, nicht einmal mit Waffen/Munition-Kombinationen, die sich sonst durch ein währschaftes Mündungsfeuer auszeichnen.

 

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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