Test: American Derringer

American Derringer 01

Ein moderner Derringer aus rostträgem Stahl, gefertigt von der American Derringer Corp. in Waco, Texas.

Von Max Meinrad Krieg, aus Heft 12-1984 der „Schweizer Waffen-Magazins“. (Diese Jahreszahl ist bei den Preisangaben zu bedenken, die hier höchstens zeitgeschichtlich interessant sind!)

Mit den einläufigen Perkussions-Taschenpistölchen des Henry Deringer haben die Produkte der texanischen American Derringer Corporation wenig gemeinsam. Schon eher etwas mit dem berühmten doppelläufigen Remington-Derringer Modell 1863. Doch auch der war im Vergleich mit den Derringern der American Derringer Corp. nur ein unterernährter Schwächling.

Die American Derringer Corporation in Waco, Texas, stellt zwar Derringer in allen möglichen Kalibern her, der Clou ihres Produktionsprogrammes sind jedoch die kleinen zweiläufigen Taschenpistolen in den „unmöglichen“ Kalibern. Letztere beginnen etwa bei den Faustfeuerwaffenkalibern .41 Magnum, .44 Magnum, .45 Winchester Magnum und ziehen sich bis zu Gewehrkalibern wie .223 Remington oder .30-30 Winchester. (Ein einläufiger American Derringer im Kaliber .45-70 Govt. ist in Vorbereitung…) Keine Patrone scheint für eine Taschenpistole zu stark zu sein.

Seit kurzem sind die Derringer der American Derringer Corp. auch in der Schweiz und in der Bundesrepublik erhältlich. Wir sahen uns fünf davon – in den Kalibern 7,65 mm Para, 9 mm Para, .45 ACP, .45 Winchester Magnum und .44 Magnum – näher an.

American Derringer 03 Patronen

Die Patronen der von uns für diesen Beitrag getesteten AD-Derringer, von links nach rechts: 7,65 mm Para, 9 mm Para, .44 Magnum, .45 ACP und .45 Winchester Magnum.

Vom Äußerlichen her lehnen sich die Neulinge in etlichem an das Remington-Vorbild von 1863 an. Zwei übereinanderliegende Läufe von 3“ (76,2 mm) Länge sind oben am Griffstück durch eine Querschraube angelenkt. Im Stoßboden sind zwei Schlagbolzen eingelassen, die durch eine im Hammer eingebaute Klinke abwechselnd angeschlagen werden. Als Schlagfeder dient eine moderne Schraubenfeder.

Für Patronen mit Rand ist ein Ausstoßer vorgesehen. Patronen ohne Rand sollen mit den Fingernägeln ausgezogen werden.

Angeboten werden diese Derringer – wie bereits erwähnt – in praktisch allen gängigen Faustfeuerwaffenkalibern sowie einigen Gewehrkalibern, und dies in vier verschiedenen Ausführungen, zweien aus rostfreiem Stahl (poliert oder matt), einer aus brüniertem Normalstahl und einer aus Leichtmetall (nur in .38 S&W und .38 Special). Einige Derringer werden einläufig gebaut, andere mit längeren Doppelläufen (z. B. im Kaliber .410 und .45 Colt). Da es auch noch eine Auswahl an verschiedenen Griffschalen gibt – Plastik, Rosenholz, Horn, Perlmutt oder gar Elfenbein, steigt die Zahl der Varianten ins Unzählbare.

In den PR-Texten, in denen die Derringer der American Derringer Corp. angekündigt wurden, ist von Superqualität und Superverarbeitung die Rede. Da sind dem Werbetexter ein wenig die Pferde durchgegangen. Die Waffen bestehen aus leicht bearbeitetem Stahlguss. Die Spuren der Einpassungsarbeiten, etwa am Verriegelungsnocken oder an der Laufmündung, bleiben weitgehend unverputzt. Außerdem sind die Einpass-Arbeiten nicht immer ganz sauber ausgeführt: An drei von unseren fünf Derringern war deutliches Spiel zwischen Laufbündel und Griffstück festzustellen, bei einem vierten ließ sich die Verriegelung nur mit Mühe und großem Kraftaufwand schließen.

Die Läufe sind im Innern nicht gerade hervrorragend verarbeitet, selten zentrisch und oft nicht genau parallel (bei einer Waffe, die nur für absolute Nahdistanzen gedacht ist, spielt das aber keine große Rolle). Die Qualität der Derringer ist jedoch nicht durchwegs schlecht – sie ist nur nicht konstant; es gibt besser verarbeitete und schlechter verarbeitete Exemplare.

American Derringer 09 zehn Mündungen

Blick in die Mündungen der fünf von uns getesteten AD-Derringer.

Da nicht nur die Außendurchmesser der Läufe (ca. 17 mm), sondern auch die Griffstücke aller Modelle identisch sind, sind die Derringer umso leichter, je größer das Kaliber ist. Bei größeren Kalibern bleibt weniger Metall stehen.

American Derringer 02 Kaliber und Gewichte

Bevor wir uns dem Schießen zuwandten, studierten wir die recht ausführliche Gebrauchsanweisung. Da steht unter anderem, dass man sich beim Verschießen der Magnumkaliber auf sechs Schuss pro Tag beschränken sollte; bei mehr als 20 Schuss sei eine Schädigung des Handgelenks zu erwarten!

Außerdem liegt den Magnumwaffen noch ein Zettel bei, dessen Text hier auszugsweise wiedergegeben sei:

„Lieber Händler: Sie sollten Ihre Kunden warnen, dass diese Pistole einen sehr starken Rückstoß hat und nur erfahrenen .44-Magnum-Schützen auf spezielle Bestellung hin angeboten wird. Die Waffe ist nicht für Frauen oder unerfahrene Schützen geeignet… Wegen des massiven Rückstoßes ersuchen wir Sie, Ihren Kunden diese Verzichtserklärung unterschreiben zu lassen und uns diese dann zurückzuschicken.

Lieber Kunde: Die Magnum-Derringer sind die stärksten je hergestellten Taschenverteidigungswaffen. Dadurch verursachen sie auch den schlimmsten Rückstoß. Sofern Sie nicht eine sehr kräftige Person sind, die geübt ist, mit Waffen des Kalibers .44 Magnum umzugehen, kaufen Sie diese Pistole nicht. Falls Sie die Waffe trotz dieser Warnung kaufen wollen, müssen Sie sich verpflichten, weder den Waffenhändler noch den Hersteller für irgendwelche Verletzungen haftbar zu machen, die durch den extremen Rückstoß entstehen können.“

Vorsichtig geworden, übten wir zuerst trocken: Der Hammer läßt sich nur schwer spannen; dies offensichtlich als zusätzliche Sicherung. Bei gespanntem Hammer kann man den Derringer aber nur schlecht halten, man bekommt den Griff der Waffe nicht mehr voll in die Hand. Der Abzug geht mit durchschnittlich 4,5 kg eher hart, zudem hat er eine Richtung, die vom Üblichen abweicht und einer sauberen Schussauslösung ebenfalls nicht förderlich ist. Denn während normale Abzüge entweder geradlinig nach hinten oder in einer leichten Kurve nach oben auslösen, bewegt sich der Derringer-Abzug nach hinten unten!

Dann ging es ans Laden. Dazu sollte der Derringer unbedingt gesichert werden. Das macht man so: Der Hammer wird etwas zurückgezogen, und eine gefederte Stange wird von der linken Seite hineingedrückt. Sie verhindert das Aufliegen des Hammers auf den Zündstiften.

American Derringer 04 Laden

Zum Laden wird der Derringer aufgeklappt.

Dann wird der Verriegelungshebel gelöst (eindrücken, nach vorn schwenken) und das Laufpaar aufgekippt. Nach dem Einführen der Patronen und dem Schließen der Waffe sollte man sich überzeugen, dass die Verriegelung wirklich eingerastet ist.

Die Waffe darf nur in gesichertem Zustand geladen und nie mit Schwung zugeschlagen werden. Bei unsanftem Schließen knallen die Zündhütchen der Patronen gegen die ein wenig aus dem Stoßboden ragenden gefederten Zündstifte; ist die Waffe dann auch noch nicht gesichert, d. h. der Hammer liegt auf dem einen Zündstift auf, kann es zu einem unbeabsichtigten Schuss bei unverriegelter Waffe kommen.

Zu unserem Schießtest: Die Waffen in den Kalibern 7,65 mm Para und 9 mm Para waren problemlos zu schießen. Nur differierten in 7,65 mm die Mündungsgeschwindigkeiten stark, je nachdem, aus welchem Lauf geschossen wurde. Die Geschosse aus dem oberen Lauf waren regelmäßig ca. 20 m/s schneller als die aus dem unteren Lauf.

Beim Derringer im Kaliber .45 ACP spürte man bereits einen kräftigen Rückstoß, doch er war noch erträglich. Das Schießen mit den beiden Magnum-Derringern zeitigte folgende Ergebnisse:

.44 Mag.-Derringer mit .44 Special-Patronen – keine Probleme, gut zu beherrschen.

.44 Mag.-Derringer mit .44 Magnum Medium-Load-Patronen – sehr starker Rückstoß, gerade noch zu beherrschen, kein Vergnügen.

.44 Mag.- und .45 Win. Mag.-Derringer mit vollen Ladungen – schlichtweg verrückt, nicht zu halten.

Doch lassen wir die Messdaten sprechen:

American Derringer 08 Meßdaten

Wir haben die beiden Magnum-Derringer – .44 Mag. und .45 Win. Mag. – auch mit vollen Fabrikladungen geschossen (obwohl der Hersteller im Kaliber .44 nur Remingtons Medium Loads empfiehlt). Die Waffen wurden beim Schuss regelmäßig aus der Hand gerissen, sie sind nicht zu halten. Darum rät der Hersteller auch, sie nur mit einer Patrone zu laden: beim Aufschlag auf dem Boden könnte die zweite Patrone zünden.

American Derringer 05 Probeschuß MMK min 45 Win Mag

Probeschuss von Max Meinrad Krieg mit einem 412 g leichten Derringer im Kaliber .45 Winchester Magnum.

(Bem. D. Red.: Unserem Tester Max Meinrad Krieg schlug der .45 Win. Mag.-Derringer erst einmal an die Stirn, bevor er ins Gras fiel. Es resultierte eine Risswunde, die vom Notfallarzt mit fünf Stichen genäht werden musste.)

Die Bewegungsenergie des Magnum-Derringers beim Schuss (lies: Rückstoß) übersteigt im Kaliber .44 Mag. die eines .454-Casull-Revolvers, der als die stärkste Faustfeuerwaffe der Welt betrachtet wird (Casull: 44,9 J; Derringer: 48,3 J). Wobei zu beachten ist, dass es sich bei diesem Derringer um eine Taschenwaffe handelt, deren Handlage einfach miserabel ist.

Um auch etwas über die Präzision dieser Derringer zu erfahren, schossen wir aus einer Distanz von 2,5 Metern (der Hersteller empfiehlt eine Einsatzdistanz von 1,5 bis 3 Metern) auf FBI-Scheiben. Die beiden Schüsse lagen dann ca. 15 cm voneinander entfernt. Auf 10 Meter Entfernung war die Scheibe nur noch zufällig zu treffen. Übrigens kamen bereits auf der Kurzdistanz die Geschosse oft quer an – offenbar genügt die Führung durch den kurzen Lauf nicht.

American Derringer 06 44 Mag + 9 Para von rechts

Oben und unten: AD-Derringer im Kaliber .44 Magnum – mit Hülsenauszieher auf der linken Seite -, Ausführung stainless matt (jeweils obere Waffe) und AD-Derringer im Kaliber 9 mm Para, Ausführung stainless poliert (darunter).

American Derringer 07 44 Mag + 9 Para von links

Wie steht es mit dem praktischen Nutzen dieser Derringer? Von den Ausmaßen her – Gesamtlänge 122 mm, Höhe 83 mm, maximale Breite 32 mm – sind sie echte Taschenwaffen, wenn auch antiquiert und kompliziert zu handhaben (Spannen vor jedem Schuss). Bei der Kaliberwahl sollte nicht nur der Rückstoß, sondern auch der Preis in Betracht gezogen werden. Dieser reicht von Fr. 525,- für die 9 mm Para-Waffe über Fr. 610,- für das Kaliber 7,65 mm Para und Fr. 750,- für .45 ACP bis zu Fr. 1080,- für die .44 Mag.- oder .45 Win. Mag.-Derringer.

Wenn sich jemand einen solchen Derringer wirklich als Verteidigungswaffe, eventuell als versteckte Zweitwaffe, anschaffen möchte, wären die Kaliber 9 mm Para oder .45 ACP wohl die vernünftigste Wahl. Sie sind wirkungsvoll, noch kontrollierbar und im Preis moderat.

Die Magnumkaliber sollten auf Sammler beschränkt bleiben, die einfach das „Ultimo an Taschenwaffe“ in ihre Vitrine legen möchten. Der vernünftigste Einsatz dieser Magnum-Derringer im Verteidigungsfall wäre, sie dem Angreifer in die Hand zu drücken. Zieht er ab, setzt er sich augenblicklich selbst außer Gefecht. Und die Chance, dass er den trifft, auf den er zielt, ist ohnehin nicht groß…

American Derringer 10 Daten

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