Spacewreck: Das Wrack der Jancis Jo

Original: „The Wreck of the Jancis Jo; Übersetzung: Cernunnos. Dies ist Teil 3 meiner Übersetzungsreihe Spacewreck aus dem Buch SPACEWRECK: Ghostships and Derelicts of Space (1979, ISBN 0600 329909) von Stewart Cowley, eine Sammlung kürzerer illustrierter, nicht zusammenhängender Geschichten vor dem Hintergrund einer fiktiven Geschichte der Expansion des Menschen in die Galaxis. Zuvor hier veröffentlicht: Spacewreck: Einführung und Spacewreck: Todesschiff von Alkahera.

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Anfang des 22. Jahrhunderts war die Idee gigantischer Siedlerschiffe, die tapfer zu ihren langen Reisen in die wenig bekannten Bereiche des Weltraums aufbrechen, um Aussaat unter den Sternen zu betreiben, neu genug, um beträchtliches Interesse zu erregen. Riesige Menschenmassen strömten zu den Raumhäfen, um zuzusehen, wie die unerschrockenen Abenteurer die massiven Fahrzeuge besteigen, die für den Rest ihres Lebens ihr Zuhause sein sollten, und möglicherweise auch für ihre Kinder. Der Hyperraumflug steckte noch in den Kinderschuhen, und wenige Schiffe waren zur Überschreitung der Lichtgeschwindigkeit fähig, was bedeutete, daß viele Reisen ganze Generationen dauern sollten, bevor die Bestätigung eines erfolgreichen Fluges auf der Erde empfangen wurde.

Ein solches Schiff war die Jancis Jo, die im Weltraum über dem Marskomplex hing, während sie darauf wartete, sich auf den langen Weg zum G2-Stern Alwaid zu machen, einer Sonne ähnlich unserer eigenen, 365 Lichtjahre entfernt im Sternbild Draco. Von Alwaid war bekannt, daß er eine Anzahl planetarer Begleiter besaß, und eine Vermessungssonde hatte mit nun als primitiv betrachteten Methoden bestätigt, daß einer davon bewohnbar war. Die Jancis Jo war das neueste und ausgereifteste der in den Orbitalwerften des Mars gebauten Schiffe und war in der Lage, die Lichtgeschwindigkeit um eine beträchtliche Marge zu überschreiten, was bedeutete, daß ihre Besatzung den Landeanflug zur Oberfläche in wenig mehr als 270 Jahren beginnen würde.

Sobald der scheinbar endlose Prozeß der Verladung all der für völlige Autarkie nötigen Vorräte und Ausrüstungsgegenstände abgeschlossen war, sagten die 430 Siedler und Besatzungsmitglieder Lebewohl und bestiegen die Raumfähren für den Flug zu ihrem neuen Zuhause. Während der Countdown voranschritt und das große Schiff davonzog, um Abstand von dem Planeten zu gewinnen, bevor es seinen Sprung in den Hyperraum unternahm, tanzten und drängelten sich Hunderte kleinerer Fahrzeuge um den riesigen Zylinder, um einen letzten Blick darauf zu werfen, bevor er aus dem Normalraum verschwand. Innerhalb von Minuten schrumpfte sie zu einem fernen Lichtfleck, als ihre starken Antriebssysteme sie auf Warpgeschwindigkeit beschleunigten, dann war sie verschwunden. Die Schaulustigen und die Verwandten trieben davon, und das Leben kam zur Ruhe, um die Jahre bis zu ihrer Ankunft im Alwaid-System verstreichen zu lassen.

Die nächsten paar Generationen erlebten die Glanzzeit der Kolonieschiffe, und der Abflug dieser enormen Fahrzeuge wurde bald beinahe alltäglich. Die geschätzte Ankunftszeit der Jancis Jo kam und verstrich beinahe unbeachtet, und das Fehlen jeglichen Signals verursachte wenig mehr als ein Geplätscher akademischer Spekulationen. Die Jahre der Zwischenzeit hatten zahlreiche bedeutsame Ereignisse gesehen, und das Verschwinden eines uralten Schiffes schien vor dem komplexen Hintergrund aktueller Angelegenheiten von wenig Interesse zu sein.

Als jedoch die Föderation ihre Grenzen erweiterte, war es nur eine Frage der Zeit, bevor andere Fahrzeuge in das Alwaid-System reisten, und eines Tages im Jahr 2447 setzte ein großes Vermessungsschiff, das nach mineralreichen Welten suchte, auf der sandigen Oberfläche der einzigen bewohnbaren Welt auf. Eine Basis wurde eingerichtet, und mehrere Wochen lang bewegten sich Gleiter und Raupenfahrzeuge bei ihren Untersuchungen kreuz und quer über die Oberfläche. Während einer dieser Expeditionen sah die Dreimannbesatzung eines Gleiters die riesige, gespenstische Form eines Schiffsrumpfes am hitzeflimmernden Horizont auftauchen, als sie darauf zuraste.

Angus McKie Jancis Jo

Das gigantische Siedlerschiff Jancis Jo brach unter enormer, enthusiastischer Publizität zu einer neuen Welt auf. Dreihundert Jahre später wurden seine vergessenen Gebeine im Sand einer fernen Welt gefunden. (Illustration von Angus McKie.)

Der hoch aufragende Schiffsrumpf war schlimm verfallen, und die Anzeichen deuteten darauf hin, daß er einer Reaktorüberlastung zum Opfer gefallen war. Der Großteil des Heckabschnitts war verschwunden, und große Bereiche des Rests und der umgebenden Oberfläche gaben immer noch eine ziemlich intensive Strahlung ab. Die drei Männer wanderten um die desolate Ruine herum und stießen schließlich auf grimmige Erinnerungen daran, daß das stille und verfallende Schiff, das über ihnen aufragte, einst Leben enthalten hatte. Hier und da lagen unter den Sandverwehungen die seltsam lebendig aussehenden Formen von Druckanzügen, die nur die vergilbenden Knochen der Besitzer enthielten.

Das Wrack der Jancis Jo wurde ordnungsgemäß in einer Routineprozedur kartographisch erfaßt und registriert. Sobald das Vermessungsschiff seine Aufgabe auf Alwaid vollendet hatte, machte es sich auf den Heimweg und reichte seinen Bericht ein. Die Verständigung über das Wrack fand schließlich seinen Weg in die zentralen Informationsdateien der Erde, wo sie sich den Myriaden von Datensätzen anschloß, die wahrscheinlich niemanden interessierten außer den Wissenschaftler oder Historiker, der einen Tag zu rekonstruieren versucht, der drei Jahrhunderte in der Vergangenheit lag.

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Nächster Teil: Spacewreck: Die Kriegswelt Alshain

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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