Ersatzpatronen für 9 mm Para-Pistolen: Welche verdauen sie?

Ersatzpatronen 9 Para 1 - Testpatronenbild

Die fünf von uns untersuchten 9-mm-Patronen; von links nach rechts: 9 mm Parabellum, 9 mm Glisenti, 9 mm Makarov, 9 mm Police und 9 mm kurz.

Von Thomas Hartl, aus Heft 3-1985 des „Schweizer Waffen-Magazins“.

Kann man aus einer 9 mm Para-Pistole andere als 9 mm Para-Patronen verschießen? Und wenn ja: Welche Leistungseinbußen sind dabei zu erwarten, welche Funktionsstörungen in Kauf zu nehmen? Wir probierten es aus.

Auch wer kein Munitionskenner ist, weiß, dass es im Nominalkaliber 9 Millimeter eine ganze Reihe verschiedener Pistolenpatronen gibt. Ausgesprochene Experimentalpatronen ausgenommen, reicht diese Reihe von der 9 mm kurz (maximale Hülsenlänge 17,35 mm) über die 9 mm Makarov (18,05 mm), 9 mm Police (18,55), 9 mm Glisenti (19,00 mm), 9 mm Parabellum (19,20 mm), 9 mm Browning long (20,30 mm), .38 Super Auto (22,90 mm), .38 Auto (23,00 mm), 9 mm Bayard (23,00 mm), 9 mm Steyr (23,20 mm) und 9 mm Mauser (25,10 mm) bis zur 9 mm Winchester Magnum (29,50 mm).

Aus ersichtlichen Gründen kamen für unsere Versuche nur 9-mm-Patronen in Frage, deren Hülsen kürzer als die der 9 mm Para-Patronen sind. So beschränkte sich die Auswahl auf die Patronen 9 mm kurz, 9 mm Makarov, 9 mm Police und 9 mm Glisenti.

Als Testwaffen dienten eine Walther P 38 (Lauflänge 125 mm), eine FN High Power (122 mm), eine SIG-Sauer P 220 (112 mm), eine Colt Combat Commander (108 mm) und eine Smith & Wesson Modell 59 (105 mm).

Die Makarov-Patronen konnten in diese Waffen gar nicht geladen werden. Waffen im Kaliber 9 mm Para sind für Geschosse von maximal 9,02 mm Durchmesser eingerichtet. Die Makarov-Patronen verwenden Geschosse von 9,25 mm Durchmesser. Noch mehr fällt aber ins Gewicht, dass der Hülsenmund der sowjetischen Makarov-Patronen, die uns zur Verfügung standen, beinahe 0,25 mm breiter als der der 9 mm Para-Patronen war: Die 9 mm Makarov-Patronen konnten nur bis etwa zur Hälfte ihrer Länge in die Patronenlager der 9 mm Para-Pistolen geladen werden. Für unseren Test war das kein allzu großer Rückschlag: 9 mm Makarov-Patronen sind im Westen ohnehin nur als (recht teure) Sammlerpatronen erhältlich.

Für unsere Versuche blieben also die Patronen 9 mm kurz (.380 ACP), 9 mm Police und 9 mm Glisenti übrig. Letztere Patrone, im Grunde eine schwächer geladene 9 mm Para-Patrone mit Kegelstumpfgeschoss, die zwischen 1910 und 1938 italienische Ordonnanzpatrone war, ist heute nur noch sporadisch erhältlich. Die beiden übrigen Patronen sind handelsüblich, wenn auch die 9 mm Police weniger populär als die 9 mm kurz ist.

Ersatzpatronen 9 Para 2 - Testpatronentabelle

Unsere Versuche wurden mit den bereits genannten Waffen und Geco- und Hirtenberger-Munition in den Kalibern 9 mm Para (um Basisdaten zu erhalten), 9 mm Police und 9 mm kurz, sowie Fiocchi-Patronen 9 mm Glisenti geschossen. Sämtliche Schießversuche wurden zuerst mit vollgeladenem Magazin und nachher mit einem mit jeweils 6 Patronen geladenen Magazin durchgeführt. Beim zweiten Durchgang wurde die Geschossgeschwindigkeit V2,5 gemessen.

Da bei Selbstladepistolen mit randlosen Patronen der Verschlussabstand entgegen der landläufigen Meinung meist nicht durch die Auflage des Hülsenmundes auf der Schulter des Patronenlagers erstellt wird, sondern von der Auszieherkralle, welche die Patrone mehr oder minder stark an den Stoßboden heranzieht, bewerkstelligt wird, war anzunehmen, dass die kürzeren Patronen nicht so weit ins Patronenlager rutschen würden, dass sie nicht mehr gezündet werden könnten. Es bestand jedoch die Gefahr, dass sich diese Patronen bei der Zuführung aus dem Magazin ins Patronenlager aufstellen und zwischen Lauf und Schlitten verklemmen könnten. Da der Gasdruck und die Leistung aller geprüften Patronen geringer waren als die der 9 mm Para-Patronen, stellte sich die Frage, ob ein genügender Schlittenrücklauf und das damit verbundene Ausziehen und Auswerfen der Hülsen gewährleistet sei.

Wertung der Versuche

Bei den Versuchen zeigte sich, dass die 9 mm Glisenti-Patronen in den geprüften 9 mm Para-Pistolen genauso störungsfrei funktionierten wie die Originalmunition. Bei den praktisch identischen Hülsenabmessungen der beiden Patronen eigentlich kein Wunder.

In den geprüften 9 mm Para-Pistolen konnten – mit einer Ausnahme – kürzere 9-mm-Patronen (9 mm Police und 9 mm kurz) nicht ohne Einbußen bei der Funktionssicherheit verschossen werden. Die FN High Power verdaute die 9 mm Police-Patrone von Geco ohne Störungen. Die SIG-Sauer P 220 und die Colt Combat Commander hatten mit der gleichen Patrone je eine Zuführungsstörung. In allen anderen Fällen ergaben sich Störungen entweder beim Zuführen der Munition aus dem Magazin oder beim Auswerfen.

Die häufigste Störung bei unseren Versuchen war das nicht vollständige Ausziehen der verschossenen Hülsen wegen zu geringem Schlittenrücklauf. Die Hülsen wurden vom Schlitten wieder nach vorn ins Patronenlager befördert und mußten manuell, mittels einer Ladebewegung, ausgeworfen werden. Immerhin kam es dabei nur ein einziges Mal zu einer Störung, die nicht sofort, durch eine Ladebewegung zu beheben war – als nämlich in der S&W-Pistole Modell 59 eine 9 mm kurz-Patrone beim Zünden so tief ins Patronenlager gedrückt wurde, dass sie sich der Auszieherkralle entzog.

Bei den kürzesten Patronen, 9 mm kurz, traten die größten Streuwerte bei der Geschossgeschwindigkeit auf – bis zu 75 m/s bei sechs gemessenen Patronen. Diese großen Unterschiede sind durch das ungleichmäßige Zünden der Patronen erklärbar. Die Auszieherkralle hindert die Patronen zwar in der Regel am zu tiefen Hineingleiten in das Patronenlager, sie gestattet jedoch ein gewisses Längsspiel. Darum können die Patronen beim Aufschlagen des Zündstiftes nachgeben, wodurch die Stärke des Aufschlags und damit auch die Zündung ungleichmäßig wird.

Ersatzpatronen 9 Para 3 - Testergebnisse

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Siehe auch: Test: Walther P 38 von Max Meinrad Krieg sowie Hülsenfrüchte 1: Schrotpatronen für Faustfeuerwaffen von Deep Roots

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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Eine Antwort zu Ersatzpatronen für 9 mm Para-Pistolen: Welche verdauen sie?

  1. Cernunnos schreibt:

    Gestern hatte ich Gelegenheit, das Verschießen von Patronen im Kaliber 9 mm kurz aus einer 9-Para-Pistole auszuprobieren, und zwar aus einer alten Glock 17 (Generation 2).
    Dabei habe ich fünf Magtech mit 6,15 g schweren Teilmantel-Hohlspitzgeschossen (380B) und drei Geco mit 6,15 g Vollmantelgeschoß verfeuert.

    Bei allen Schüssen zuckte der Schlitten nur ein Stück zurück, gerade so viel, daß der Schlagbolzen wieder gespannt wurde, aber die Hülsen wurden nicht ausgeworfen, sondern wieder in den Lauf geschoben, worauf es beim erneuten Abdrücken bloß „klick“ machte.
    Verklemmungen der abgefeuerten Hülsen mit der obersten vollen Patrone im Magazin kamen nicht vor.

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