Officer’s Automatic Colt Pistol

Schweizer Waffen-Magazin 3-85 Titelseite

Von Peter Ernst Grimm, aus Heft 3-1985 des „Schweizer Waffen-Magazins“. (Als Titelbild habe ich hier die Titelseite dieser Ausgabe verwendet – zum einen, weil da die Officer’s ACP so appetitlich aussieht, daß man sie sofort in die Hand nehmen möchte, und zum anderen, um zu zeigen, wie diese Hefte damals ausgesehen haben.)

1 Officer's Automatic Colt Pistol

Die neueste Variante der Colt Government-Pistole Mk IV Series 80 – die kleine Officer’s Automatic Colt Pistol im Kaliber .45 ACP.

Um die Jahreswende tauchten in Schweizer Waffenhandlungen die ersten Exemplare des neuesten Colt-Pistolenmodells „Officer’s ACP“ im Kaliber .45 auf. Die kompakteste der firmeneigenen Government-Versionen enthält technische Neuerungen, die man sonst nur in kostspieligen Umbauten erwartet.

Mit einer Gesamtlänge von 184 mm und einer Höhe von 130 mm ist die Officer’s ACP die kompakteste Modifikation der Government-Pistole im Großkaliber .45 ACP, die von Colt selbst gefertigt wird. Sie ist mit diesen Abmessungen sogar ein bißchen kürzer als die spanische Colt-Imitation Star PD und nur unwesentlich größer als die geschrumpfte Government von Detonics.

Die Bestrebungen, die große und schwere Colt-Armeepistole (Gesamtlänge 213 mm, Höhe 140 mm, maximale Breite 32 mm, Leergewicht 1,075 kg) handlicher zu machen, sind nicht neuesten Datums. 1949/50 brachte Colt das Commander-Modell heraus, eine um 13 mm kürzere Version der Government mit einem Leichtmetall-Griffstück (Leergewicht 0,765 kg), das es seit 1971 unter der Bezeichnung Combat Commander auch in einer Ganzstahl-Ausführung (Leergewicht 1,020 kg) gibt. Private Konversionsspezialisten bauten die Government laufend zu Kompaktausführungen um, und die Armee selbst fertigte ab 1973 im Rock Island Arsenal unter der militärischen Bezeichnung M 15 ein gekürztes Offiziersmodell mit geänderter Schließfederführung und verbessertem Visier. Weder Colt noch die Armee änderten jedoch etwas an der Höhe des Griffstücks; das war bis anhin eine Domäne der Umbauspezialisten.

2 Officer's ACP im Vergleich

Größenvergleich: Colt Government (oben), Colt Commander (Mitte), Colt Officer’s ACP (unten).

Die Officer’s ACP ist die erste Government-Variante mit fabrikmäßig gekürztem Griff, kürzerem Magazin und dementsprechend um eine Patrone auf sechs verringerter Magazinkapazität. (Das normale, sieben Patronen fassende Colt-Magazin lässt sich jedoch auch verwenden und steht nur minim aus dem Magazinschacht hervor. Das gleiche gilt auch für das achtschüssige Spezialmagazin von Devel. Und wer will, kann die Officer’s ACP schließlich auch mit dem 30schüssigen Taylor-Trommelmagazin verwenden…)

Die Officer’s ACP ist ein Abkömmling der Colt-Pistolen Mk IV Series 80, das heißt, sie ist bereits mit der neuen Zündstiftsicherung und der geänderten Sicherheitsrast des Hammers ausgestattet. Diese 1983 eingeführten Verbesserungen verhindern im ersten Fall, dass der gefedert gelagerte Zündstift beim Aufprall der Pistolenmündung auf eine harte Fläche, etwa bei einem Fall, die Patrone im Lauf zünden kann; im zweiten Fall wird gewährleistet, dass der Hammer beim Abschlagen aus der Sicherheitsrast keinen ungewollten Schuss lösen kann.

3 Officer's ACP Zündstiftsicherung der Mk IV Series 80

Die Officer’s ACP ist mit der neuen Zündstiftsicherung der Mk IV Series 80-Waffen ausgestattet.

Die Unterschiede

Außer in den Abmessungen (und den daraus erfolgenden Konsequenzen) unterscheidet sich die Officer’s ACP von den Government- und Commander-Pistolen Mk IV Series 80 noch in einigen anderen wesentlichen Zügen.

Der auf 89 mm (3 ½“) gekürzte Lauf (Government 127 mm, Commander 108 mm) ist am Mündungsende konisch, was der Selbstzentrierung zugute kommt und die Waffe wegen des zusätzlichen Materials mündungslastiger macht. Im Unterschied zu den meisten laufhalterlosen Umbau-Varianten, bei denen der Kegellauf selbstzentrierend direkt in einer entsprechenden Schlittenaussparung gelagert ist, hat man bei der Officer’s ACP diese präzisionsfördernde Maßnahme mit Hilfe einer gesonderten Laufführungshülse verwirklicht. Eventueller Vorteil: Bei Abnutzung durch vieles Schießen kann das Laufspiel durch eine neue Hülse einfach und kostensparend wieder verringert werden.

4 Officer's ACP Mündungsbereich

Ein charakteristisches Merkmal der Officer’s ACP ist der zur Mündung hin kegelförmig verlaufende Lauf.

Anders als bei den übrigen Colt-Pistolenmodellen ist auch die Schließfeder und ihre Führung. Die Schließfeder besteht eigentlich aus zwei ineinandergesteckten gegenläufig gewickelten Federn. Beide Führungshülsen der Schließfeder(n) sind kürzer als bei Colt üblich, die vordere Schließfederführungshülse ist mit einem Schraubenschlitz versehen, sie wird nicht wie bei den größeren Modellen frei eingeschoben und von der Laufführungshülse gehalten, sondern ist federnd arretiert. Konsequenz: Die Officer’s ACP lässt sich nicht ohne Schraubenzieher oder zumindest ein schraubenzieherähnliches Werkzeug zerlegen.

5 Officer's ACP zerlegt

Die Officer’s ACP, zerlegt. Die seriegefertigte Waffe enthält Merkmale, die man bis dahin nur bei teuren Government-Konversionen sah.

Die Officer’s ACP hat den runden, gelochten Hammer der Commander-Modelle, die Bedienungselemente – Schlittenfanghebel, Magazinhalterknopf, Daumensicherung, Abzug – sind in ihrer Form üblicher Colt-Standard für Rechtshänder. Die Handballensicherung (Griffstücksicherung) ist jedoch anders geformt als bei den Governments und Commanders: Sie läuft in einem längeren geschwungenen Sporn aus und hat somit eine unverkennbare Ähnlichkeit mit den Biberschwanz-Sicherungen, die diverse Hersteller als Government-Zubehör fertigen.

6 Officer's ACP Hinterende im Vergleich

Unterschiedliche Hammer- und Griffsicherungsformen, von links nach rechts: Colt Government, Colt Commander und Officer’s Automatic Colt Pistol.

Unterschiedlich ist auch die Visierung der neuen Colt-Pistole. Es ist eine starre Visierung, bei der die Kimme etwas höher als bei Colt-Modellen üblich steht und mit einem Kimmenausschnitt von 3,4 mm gut mit dem niedrigen, 3,2 mm breiten Balkenkorn harmoniert. Die Visierlinie beträgt 133 mm, die Kimme ist zwecks besserer Zielerfassung bei schlechten Lichtverhältnissen mit zwei weißen Punkten auf dem Kimmenblatt und einem weißen Punkt auf dem Korn markiert.

7 Officer's ACP + Government Läufe und Magazine

Vergleich der Laufführungshülsen, Läufe, Schließfedern und Schließfederführungen sowie Magazine: Government-Teile oben, Teile der Officer’s ACP unten.

Das Magazin ist dem gekürzten Griff entsprechend kürzer als übliche Colt-Magazine, faßt – wie bereits erwähnt – sechs Patronen und hat an der Vorderseite seiner Bodenplatte statt des üblichen satten Absatzes nur einen leicht angedeuteten Vorsprung. Konsequenz: Wenn das Magazin – etwa bei einer Zuführungsstörung – nach dem Drücken des Magazinhalterknopfes nicht von selbst herausfällt, bekommt man es nur schwer aus dem Magazinschacht, es ist kaum zu packen. Die Waffe kommt entweder in matt brünierter Ausführung (mit ebenfalls brünierter Abzugszunge) und den normalen Holzgriffschalen mit Colt-Medaillon oder satiniert vernickelt. Sie kostet in der Schweiz Fr. 1430,-

Die Officer’s ACP im Schuss

8 Peter Ernst Grimm schießt Officer's ACP

Der Autor bei Schießversuchen mit der Officer’s ACP.

Natürlich waren wir neugierig, wie die Officer’s ACP schießt. Da sie von der Konzeption her eine ausgesprochene Verteidigungswaffe ist, schossen wir sie hauptsächlich auf Nahdistanzen zwischen 6 und 10 Metern. Verwendet wurden Geco- und Remington-Patronen mit 230-grs-Vollmantelgeschossen sowie Remington- und Winchester- (Silvertip)-Patronen mit 185-grs-Hohlspitzgeschossen. Die beigefügte Tabelle zeigt die V2-, E2– und PIR-Werte dieser Patronen, wenn sie aus der Officer’s ACP verschossen werden.

9 Patronenleistungen in Officer's ACPDie erste erfreuliche Feststellung bei unserem Testschießen war, dass die großkalibrige Waffe trotz ihrer kleinen Abmessungen einen problemlos zu beherrschenden Rückstoß hatte. Mit 0,965 kg (ca. 1,115 kg mit 6 + 1 Patronen geladen) ist sie schließlich ein Leichtgewicht. Das ermöglichte auch rasche Schussfolgen, wie sie beim Verteidigungsschießen erforderlich sind. Die Officer’s ACP, mit einem flachen Schlagfedergehäuse ausgestattet, lag trotz des gekürzten Griffes angenehm in der Hand, die guten Deuteigenschaften entsprechen denen der Government, der Griffwinkel ist ja der gleiche. Der kurze Abzug (ziemlich weit hinten stehende Abzugszunge) mag Leute mit langen Fingern etwas stören, ich fand ihn sehr vorteilhaft. Der Abzug selbst kam etwas schleifend bei ca. 2,7 kg Abzugswiderstand.

Die Waffe zeigte während der ersten 100 Schuss drei Zuführungsstörungen beim Einführen der ersten Patrone aus dem Magazin, wenn mit Hilfe des Schlittenfanghebels durchgeladen oder der Schlitten nicht energisch genug zurückgezogen wurde. Eigentliche Zuführungsstörungen während des Schießens gab es nicht. Beim Auswerfen der leeren Hülsen machte sich die Tatsache positiv bemerkbar, dass die Officer’s ACP mit dem vergrößerten Auswurffenster der Combat-Government ausgestattet ist. Nach den erwähnten ersten 100 Schuss – die Waffe hat heute 600 Schuss hinter sich – gab es keine Störungen mehr, egal, ob fabrikgeladene oder selbstgemachte Patronen (mit HP-Geschossen) verwendet wurden.

Beim Verteidigungsschießen auf Nahdistanzen ist eher das Können des Schützen als die Eigenpräzision der Waffe von Bedeutung. So groß, daß man auf Notwehrdistanz die Figur auf der Scheibe nicht treffen könnte, ist im Normalfall auch die größte Streuung nicht. Dennoch interessierte uns die Präzision der Waffe über längere Distanzen. So schoß ich sie denn, im Ransom Rest eingespannt, auf 25 Meter. Da im Schießstand eine Temperatur von -19° Celsius herrschte, wurden die in der Hosentasche angewärmten Patronen einzeln geladen. Mit den Remington-HP-Patronen wurden dabei Streukreise von 65 bis 110 mm erreicht, mit Geco-Vollmantel-Patronen Streukreise zwischen 72 und 120 mm. Dies jeweils pro 10 Schuss.

Es gibt Leute, die Dämmerungsmarken auf der Visierung mögen. Ich gehöre nicht dazu. Gott sei Dank ließen sich die weißen Punkte schwärzen.

Selbstverteidigungswaffen müssen in einem Zustand rascher Schussbereitschaft getragen werden können und dabei sicher sein. In Europa schwört man auf Pistolen mit Spannabzug, die Amerikaner geben traditionsgemäß durchgeladen, gespannt und gesichert getragenen Single-Action-Pistolen den Vorzug. Es ist eine bekannte Tatsache, dass man Colt-Pistolen jahrelang mit gespanntem Hammer aufbewahren kann (aber nicht soll), ohne dass die Schlagkraft der Feder erlahmt. Und die gute Plazierung und Form der serienmäßigen Daumensicherung der Colt-Pistolen lässt ein Entsichern und Sichern zu, ohne dass die Handlage geändert werden muss. Wer sich daran gewöhnen kann, die Sicherung erst im letzten Augenblick vor dem Schuss niederzudrücken, wird die Officer’s ACP ebenso sicher handhaben können wie eine DA-Pistole. Der Trainingsaufwand, das unbeirrbare Einüben dieses Ablaufs, stellt jedoch bedeutend höhere Anforderungen an den Waffenträger als der Umgang mit dem Spannabzug, dem – und das ist auch meine feste Überzeugung – die Zukunft gehört.

Dieser Tatsache zum Trotz finde ich, dass die Officer’s ACP ihres Kalibers, ihrer Kompaktheit, ihrer guten Beherrschbarkeit und Schießeigenschaften wegen die beste Government-Variante seit der Gold Cup ist – obwohl die Verwendungszwecke beider Waffen natürlich nicht zu vergleichen sind.

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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Eine Antwort zu Officer’s Automatic Colt Pistol

  1. Cernunnos schreibt:

    Bei der Nachveröffentlichung von älteren Waffenartikeln wie diesem geht es mir neben der Vermittlung allgemeinerer Informationen über Verteidigungswaffen und deren Gebrauch auch darum, Testberichte über Waffenmodelle zu liefern, die dem einen oder anderen Leser vielleicht als Gebrauchtexemplare unterkommen mögen, sodaß sie trotz ihres Alters auch für den heutigen Leser noch einen praktischen Wert haben können. Aus diesem Grund wähle ich hierfür auch lieber gängigere Waffentypen aus anstatt Exoten. Bei Artikeln über Maschinenpistolen und Sturmgewehre setzt ein „praktischer“ Nutzen für Leser voraus, daß diese auf „inoffiziellen“ Wegen zu solch einem Gebrauchtwaffenangebot kommen…

    Nachfolgend bringe ich das Editorial des leider schon verstorbenen Chefredakteurs Peter Ernst Grimm aus derselben SWM-Ausgabe 3/1985, aus der auch der obige Testbericht stammt:

    Herr J. A. aus Stuttgart fragt, ob er annehmen müsse, dass es sich um den „Pluralis majestatis“ handelt, wenn in etlichen im SWM erschienenen, von Einzelpersonen unterzeichneten Beiträgen steht, dass „wir“ etwas getestet, ausprobiert und so oder so beurteilt hätten.

    Nun, ich kann Herrn J. A. versichern, dass keiner von unseren Autoren für sich die einst von Fürsten gebrauchten „Mehrzahl der Erhabenheit“ in Anspruch nimmt.
    Wenn in einem unserer Artikel (wer immer ihn auch unterzeichnet hat) „wir“ steht, dann sind wirklich „wir, die Mitarbeiter und Autoren des SWM“ gemeint: Die meisten Beiträge, die sich etwa mit Neuheiten befassen, die uns bereits in die Finger geraten sind, sind mehr oder minder kollektive Arbeiten. Schließlich gebietet schon die Neugier, dass man Interessantes gemeinschaftlich unter die Lupe nimmt. Und natürlich behält man seine Eindrücke nicht für sich. Mehr Augen sehen mehr, das hilft allfällige Einseitigkeiten zu vermeiden. Wer den Bericht schließlich unterzeichnet, ist meist der, welcher die gesammelten Erfahrungen zu Papier gebracht hat.

    Es wird bei kaum einer anderen Fachzeitschrift so viel konsultiert wie bei uns. Das hilft uns auch zu verhindern, dass das SWM zu einem Spiegel der persönlichen Ansichten eines oder zweier Zeitungsmacher absinkt, die sich in verbissener Selbstüberschätzung für das Maß aller Dinge halten.

    Herzlichst Ihr
    Peter Ernst Grimm

    Peter Ernst Grimms Editorials wären es ja alleine schon wert, in einer Auswahl in einem eigenen Artikel gesammelt und präsentiert zu werden.

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