Überlegenheit

Chris Moore - The Buchanan Campaign

Von Arthur Charles Clarke (Original: „Superiority“, 1951 in The Magazine of Fantasy and Science Fiction erschienen). Originalübersetzung und Bildauswahl: Lichtschwert (vom Blog NORD-LICHT)

*   *   *

Im Zuge dieser Stellungnahme – die ich aus eigenem freiem Willen abgebe – möchte ich in aller Deutlichkeit klarstellen, dass ich in keiner Weise versuche, Sympathien zu gewinnen, noch irgendeine Milderung jeglichen Urteils erwarte, welches das Gericht verkünden mag. Ich schreibe dies im Versuch, manche der verlogenen Berichte zu widerlegen, die in den Zeitungen veröffentlicht wurden, die ich sehen durfte, und die im Gefängnisradio gesendet wurden. Sie haben ein völlig falsches Bild von der wahren Ursache unserer Niederlage vermittelt, und als Führer der Streitkräfte meiner Rasse bei Einstellung der Feindseligkeiten halte ich es für meine Pflicht, gegen solche Verleumdungen jener zu protestieren, die unter mir dienten.

Ich hoffe auch, dass diese Stellungnahme die Gründe für die Beschwerde erläutern kann, die ich zweimal bei dem Gericht eingebracht habe, und dieses jetzt zur Gewährung eines Gefallens bewegen wird, für dessen Verweigerung ich keinen möglichen Grund erkennen kann.

Die letztendliche Ursache unserer Niederlage war eine einfache: Trotz aller gegenteiligen Aussagen lag sie nicht an mangelnder Tapferkeit unserer Männer oder an irgendeinem Verschulden der Flotte. Wir wurden von nur einer Sache besiegt – durch die unterlegene Wissenschaft unserer Feinde. Ich wiederhole – durch die unterlegene Wissenschaft unserer Feinde.

Als der Krieg begann, hegten wir keine Zweifel an unserem letztendlichen Sieg. Die kombinierten Flotten unserer Verbündeten übertrafen an Zahl und Bewaffnung bei weitem jene, die der Feind gegen uns aufbieten konnte, und in fast allen Sparten der militärischen Wissenschaft waren wir ihm überlegen. Wir waren sicher, dass wir diese Überlegenheit behalten konnten. Unser Glaube stellte sich leider als nur zu begründet heraus.

Am Beginn des Krieges waren unsere Hauptwaffen der Langstrecken-Zielsuchtorpedo, lenkbare Kugelblitze und die verschiedenen Abwandlungen des Klydonstrahls. Jede Einheit der Flotte war damit ausgerüstet, und obwohl der Feind ähnliche Waffen besaß, waren seine Installationen im allgemeinen von geringerer Stärke. Außerdem stand hinter uns eine weit größere militärische Forschungsorganisation, und mit diesem Anfangsvorteil konnten wir auf keinen Fall verlieren.

Die Kampfeinsätze verliefen bis zur Schlacht der Fünf Sonnen plangemäß. Wir gewannen diese natürlich, aber der Widerstand erwies sich als stärker, als wir erwartet hatten. Man erkannte, dass der Sieg schwieriger sein und länger dauern könnte, als man es sich zuerst vorgestellt hatte. Eine Konferenz der obersten Befehlshaber wurde daher einberufen, um unsere zukünftige Strategie zu diskutieren.

Zum ersten Mal bei einer unserer Kriegskonferenzen anwesend war Professor-General Norden, der neue Chef des Forschungsstabes, der gerade ernannt worden war, um die Lücke zu füllen, die der Tod von Malvar, unserem größten Wissenschaftler, hinterlassen hatte. Malvars Führung war mehr als jeder andere einzelne Faktor für die Effizienz und Stärke unserer Waffen verantwortlich gewesen. Sein Verlust war ein sehr schwerer Schlag, aber niemand zweifelte an der Brillanz seines Nachfolgers – obwohl viele von uns bestritten, dass es klug war, einen theoretischen Wissenschaftler zu ernennen, um einen Posten von solch entscheidender Wichtigkeit zu besetzen. Aber wir waren überstimmt worden.

Ich kann mich gut an den Eindruck erinnern, den Professor Norden bei der Konferenz machte. Die militärischen Berater waren besorgt und wandten sich wie üblich an die Wissenschaftler um Hilfe. Wäre es möglich, fragten sie, unsere existierenden Waffen zu verbessern, so dass unser gegenwärtiger Vorteil noch weiter gesteigert werden könnte?

Nordens Antwort war ziemlich unerwartet. Malvar war oft eine solche Frage gestellt worden – und er hatte immer getan, was wir verlangt hatten.

„Offen gesagt, Gentlemen,“ sagte Norden, „zweifle ich daran. Unsere existierenden Waffen sind praktisch ausgereizt. Ich möchte meinen Vorgänger nicht kritisieren, oder die exzellente Arbeit, die der Forschungsstab in den letzten paar Generationen geleistet hat, aber begreifen Sie, dass es über ein Jahrhundert lang keine grundlegende Änderung der Bewaffnung gegeben hat? Das ist, wie ich fürchte, das Ergebnis einer Tradition, die konservativ geworden ist. Der Forschungsstab hat sich zu lange der Perfektionierung alter Waffen gewidmet, anstatt neue zu entwickeln. Es ist ein Glück für uns, dass unsere Gegner um nichts klüger gewesen sind: wir können nicht annehmen, dass dies immer so sein wird.“

Nordens Worte hinterließen einen unbehaglichen Eindruck, wie er zweifellos beabsichtigt hatte. Er setzte schnell zum Angriff an.

„Was wir jetzt wollen, sind neue Waffen – Waffen, die völlig verschieden von allen sind, die zuvor eingesetzt worden sind. Solche Waffen können gebaut werden: es wird natürlich Zeit erfordern, aber seit ich die Leitung übernommen habe, habe ich einige der älteren Wissenschaftler durch junge Männer ersetzt und Forschungsarbeiten in mehrere unerforschte Bereiche umgeleitet, die vielversprechend sind. Ich glaube tatsächlich, dass uns bald eine Revolution in der Kriegführung bevorstehen könnte.“

Wir waren skeptisch. Es lag ein bombastischer Ton in Nordens Stimme, der uns argwöhnisch gegenüber seinen Behauptungen machte. Wir wussten damals nicht, dass er niemals etwas versprach, das er nicht bereits im Labor perfektioniert hatte. Im Labor – das war die entscheidende Phrase.

Norden bewies seine Sache weniger als einen Monat später, als er die Annihilationssphäre vorführte, die eine völlige Auflösung der Materie in einem Radius von mehreren hundert Metern bewirkte. Wir waren trunken von der Macht der neuen Waffe und bereit, einen fundamentalen Mangel zu übersehen – dass es eine Sphäre war und folglich ihre recht komplizierte Erzeugungsanlage im Moment ihrer Entstehung vernichtete. Dies bedeutete natürlich, dass sie nicht auf Kriegsschiffen verwendet werden konnte, sondern nur auf Lenkwaffen, und ein großes Programm wurde gestartet, um alle konventionellen Zielsuchtorpedos zur Beförderung der neuen Waffe umzubauen. Vorerst wurden alle weiteren Offensiven aufgeschoben.

Wir erkennen nun, dass dies unser erster Fehler war. Ich denke immer noch, dass es ein natürlicher Fehler war, denn es schien uns damals, dass all unsere existierenden Waffen über Nacht obsolet geworden waren, und wir betrachteten sie beinahe als primitive Überbleibsel. Was wir nicht richtig einschätzten, war die Größenordnung der Aufgabe, an der wir uns versuchten, und die Zeitspanne, die nötig sein würde, um die revolutionäre Superwaffe ins Gefecht zu bringen. Nichts dergleichen war seit hundert Jahren geschehen, und wir hatten keine früheren Erfahrungen, die uns hätten leiten können.

Das Umbauproblem stellte sich als weit schwieriger heraus als erwartet. Eine neue Torpedoklasse musste konstruiert werden, da das Standardmodell zu klein war. Dies bedeutete wiederum, dass nur die größeren Schiffe die Waffe abfeuern konnten, aber wir waren bereit, diesen Nachteil zu akzeptieren. Nach sechs Monaten waren die schweren Einheiten der Flotte mit der Sphäre ausgerüstet worden. Trainingsmanöver und Tests hatten gezeigt, dass sie zufriedenstellend funktionierte, und wir waren bereit, sie zum Einsatz zu bringen. Norden wurde bereits als Architekt des Sieges gefeiert und hatte ein halbes Versprechen auf noch spektakulärere Waffen abgegeben.

Dann geschahen zwei Dinge. Eines unserer Schlachtschiffe verschwand auf einem Ausbildungsflug völlig, und eine Untersuchung zeigte, dass das Langstreckenradar des Schiffes unter bestimmten Bedingungen die Sphäre sofort nach ihrem Start auslösen konnte. Die nötige Modifikation, um diesen Mangel zu beseitigen, war trivial, aber sie verursachte eine Verzögerung von einem weiteren Monat und war die Quelle von viel bösem Blut zwischen dem Flottenpersonal und den Wissenschaftlern. Wir waren wieder zum Einsatz bereit – als Norden verkündete, dass der Wirkungsradius der Sphäre nun verzehnfacht worden war und somit die Chance der Vernichtung eines feindlichen Schiffes vertausendfachte.

Daher begannen die Modifikationen von vorn, aber jeder stimmte zu, dass es die Verzögerung wert sein würde. Inzwischen war der Feind jedoch durch das Ausbleiben weiterer Angriffe ermutigt worden und hatte einen unerwarteten Angriff durchgeführt. Unsere Schiffe waren knapp an Torpedos, nachdem keine mehr aus den Fabriken gekommen waren, und wurden zum Rückzug gezwungen. Daher verloren wir die Systeme Kyrane und Floranus und die Planetenfestung Rhamsandron.

Es war ärgerlich, aber kein ernsthafter Schlag, denn die zurückeroberten Systeme waren unfreundlich und schwierig zu verwalten gewesen. Wir hegten keinen Zweifel, daß wir die Position in der nahen Zukunft wiedergewinnen konnten, sobald die neue Waffe einsatzfähig wurde.

Diese Hoffnungen wurden nur teilweise erfüllt. Als wir unsere Offensive wieder aufnahmen, mussten wir das mit weniger der Annihilationssphären tun als geplant, und dies war ein Grund für unseren begrenzten Erfolg. Der andere Grund war schwerwiegender.

Während wir so viele unserer Schiffe wie wir konnten mit der unwiderstehlichen Waffe ausrüsteten, hatte der Feind fieberhaft gebaut. Seine Schiffe waren vom alten Muster, mit den alten Waffen – aber sie waren den unseren zahlenmäßig überlegen. Als wir in den Einsatz gingen, fanden wir heraus, dass die gegen uns aufgestellten Zahlen oft 100 Prozent größer waren als erwartet, was Verwirrung bei der Zielerfassung der automatischen Waffen verursachte und höhere Verluste als erwartet zur Folge hatte. Die feindlichen Verluste waren noch höher, denn sobald eine Sphäre einmal ihr Ziel erreicht hatte, war die Vernichtung sicher, aber die Waage hatte sich nicht so weit zu unseren Gunsten geneigt, wie wir gehofft hatten.

Außerdem hatte der Feind, während die Hauptflotten im Einsatz waren, einen gewagten Angriff gegen die leicht verteidigten Systeme Eriston, Duranus, Carmanidor und Pharanidon gestartet – und sie alle zurückerobert. Wir waren dadurch mit einer Bedrohung nur fünfzig Lichtjahre von unseren Heimatplaneten entfernt konfrontiert.

Bei der nächsten Sitzung der obersten Befehlshaber gab es viele gegenseitige Schuldzuweisungen. Die meisten Beschwerden waren an Norden adressiert – insbesondere Großadmiral Taxaris behauptete, dass wir dank unserer zugegebenermaßen unwiderstehlichen Waffe jetzt beträchtlich schlechter dran seien als zuvor. Wir hätten, behauptete er, weiter konventionelle Schiffe bauen und somit den Verlust unserer zahlenmäßigen Überlegenheit verhindern sollen.

Norden war gleichermaßen zornig und bezeichnete den Flottenstab als undankbare Stümper. Aber ich konnte erkennen, dass er – wie in der Tat wir alle – über die unerwartete Wendung der Ereignisse besorgt war. Er deutete an, dass es einen raschen Weg geben könnte, um die Lage zu retten. Wir wissen jetzt, dass die Forschung seit vielen Jahren am Gefechtsanalysator gearbeitet hatte, aber zu der Zeit kam es für uns als eine Offenbarung und hat uns vielleicht zu leicht von den Socken gehauen. Nordens Argument war auch verführerisch überzeugend. Was zählte es, sagte er, wenn der Feind zweimal so viele Schiffe hatte wie wir – wenn die Effizienz der unsrigen verdoppelt oder sogar verdreifacht werden konnte? Jahrzehntelang war der begrenzende Faktor nicht mechanischer, sondern biologischer Natur gewesen – es war für jeden einzelnen Geist oder Gruppe von Gehirnen immer schwieriger geworden, mit den schnell veränderlichen Komplexitäten des Kampfes im dreidimensionalen Raum zurechtzukommen. Nordens Mathematiker hatten einige der klassischen Gefechte der Vergangenheit analysiert und gezeigt, dass wir selbst dann, wenn wir siegreich waren, unsere Einheiten oft mit viel weniger als der Hälfte ihrer theoretischen Effizienz eingesetzt hatten.

Der Gefechtsanalysator würde all dies durch den Ersatz von Einsatzstäben durch Elektronenrechner ändern. Die Idee war in der Theorie nicht neu, aber bis jetzt war sie nicht mehr als ein utopischer Traum gewesen. Vielen von uns fiel es immer noch schwer zu glauben, dass sie etwas anderes als ein Traum war: nachdem wir mehrere sehr komplexe Schlachtsimulationen hatten durchlaufen lassen, waren wir jedoch überzeugt.

Es wurde beschlossen, den Analysator in vier unserer schwersten Schiffe zu installieren, so dass jede der Hauptflotten mit einem ausgestattet werden konnten. In diesem Stadium begann der Ärger – auch wenn wir das erst später wussten.

Der Analysator enthielt gerade etwas weniger als eine Million Vakuumröhren und benötigte ein Team von fünfhundert Technikern, um ihn zu warten und zu betreiben. Es war völlig unmöglich, das zusätzliche Personal an Bord eines Schlachtschiffes unterzubringen, so dass jede der vier Einheiten von einem umgebauten Passagierschiff begleitet werden musste, um die Techniker zu befördern, die nicht im Dienst waren. Die Installation war auch eine sehr langsame und mühsame Sache, aber mit gigantischen Anstrengungen wurde sie in sechs Monaten vollendet.

Dann waren wir zu unserer Bestürzung mit einer weiteren Krise konfrontiert. Nahezu fünfzigtausend hochqualifizierte Männer waren ausgewählt worden, um die Analysatoren zu bedienen, und hatten einen Intensivkurs an den Technischen Trainingsschulen erhalten. Am Ende von sieben Monaten hatten 10 Prozent von ihnen Nervenzusammenbrüche erlitten, und nur 40 Prozent hatten sich qualifiziert.

Wiederum fing jeder an, allen anderen die Schuld zu geben. Norden sagte natürlich, dass man den Forschungsstab nicht verantwortlich machen könne, und zog sich dadurch die Feindschaft des Personal- und Ausbildungskommandos zu. Schließlich wurde entschieden, dass das einzige, was man tun konnte, darin bestand, zwei statt vier Analysatoren zu verwenden und die anderen beiden zum Einsatz zu bringen, sobald Männer ausgebildet werden konnten. Es war wenig Zeit zu verlieren, denn der Feind war immer noch in der Offensive, und seine Moral stieg.

Der ersten Analysatorflotte wurde befohlen, das Eriston-System zurückzuerobern. Unterwegs wurde das Passagierschiff, das die Techniker beförderte, durch einen der Wechselfälle des Krieges von einer herumtreibenden Mine getroffen. Ein Kriegsschiff hätte überlebt, aber das Passagierschiff mit seiner unersetzlichen Fracht wurde völlig zerstört. Daher musste der Einsatz abgebrochen werden.

Die andere Expedition war zu Anfang erfolgreicher. Es gab keinen Zweifel, dass der Analysator die Behauptungen seiner Konstrukteure erfüllte, und der Feind wurde in den ersten Gefechten schwer geschlagen. Er zog sich zurück und überließ uns Saphran, Leucon und Hexanerax. Aber sein Geheimdienststab muss die Veränderung unserer Taktik und die unerklärliche Anwesenheit eines Passagierschiffes im Herzen unserer Schlachtflotte bemerkt haben. Er muss auch bemerkt haben, dass unsere erste Flotte von einem ähnlichen Schiff begleitet worden war – und sich zurückgezogen hatte, als es zerstört worden war.

Im nächsten Gefecht nutzte der Feind seine überlegene Zahl, um einen überwältigenden Angriff gegen das Analysatorschiff und sein unbewaffnetes Geleitschiff zu starten. Der Angriff wurde ohne Rücksicht auf Verluste durchgeführt – beide Schiffe wurden natürlich sehr stark geschützt – und hatte Erfolg. Die Folge war die buchstäbliche Enthauptung der Flotte, nachdem sich ein wirksamer Übergang zu den alten Einsatzmethoden als unmöglich erwies. Wir lösten uns unter schwerem Beschuss vom Feind und verloren so alle unsere Gewinne und auch die Systeme Lorymia, Ismarmus, Beronis, Alphanidon und Sideneus.

In diesem Stadium drückte Großadmiral Taxaris seine Missbilligung von Norden aus, indem er Selbstmord beging, und ich übernahm das Oberkommando.

Die Lage war jetzt sowohl ernst als auch ärgerlich. Mit sturem Konservatismus und völligem Mangel an Fantasie drang der Feind weiter mit seinen altmodischen und ineffizienten, nun aber sehr viel zahlreicheren Schiffen vor. Es war ärgerlich zu erkennen, dass wir, wenn wir nur weitergebaut hätten, ohne nach neuen Waffen zu suchen, in einer weit vorteilhafteren Position hätten sein können. Es gab viele erbitterte Konferenzen, in denen Norden die Wissenschaftler verteidigte, während alle anderen ihnen die Schuld an allem gaben, was passiert war. Die Schwierigkeit war, dass Norden jede einzelne seiner Behauptungen bewiesen hatte; er hatte eine perfekte Ausrede für all die Katastrophen, die geschehen waren. Und wir konnten jetzt nicht zurück – die Suche nach einer unwiderstehlichen Waffe musste weitergehen. Zuerst war sie ein Luxus gewesen, der den Krieg verkürzen würde. Nun war sie eine Notwendigkeit, wenn wir ihn siegreich beenden sollten.

Wir waren in der Defensive, und Norden ebenfalls. Er war entschlossener als je zuvor, sein Prestige und das des Forschungsstabes wiederherzustellen. Aber wir waren zweimal enttäuscht worden und würden denselben Fehler nicht wieder machen. Kein Zweifel, dass Nordens zwanzigtausend Wissenschaftler viele weitere Waffen produzieren würden: wir würden unbeeindruckt bleiben.

Wir irrten uns. Die finale Waffe war etwas so Fantastisches, dass es selbst jetzt schwer zu glauben scheint, dass es sie jemals gab. Ihr unschuldiger, unverbindlicher Name  – das Exponentialfeld – lieferte keinen Hinweis auf ihr wahres Potential. Einige von Nordens Mathematikern hatten es im Zuge einer gänzlich theoretischen Forschungsarbeit über die Eigenschaften des Raumes entdeckt, und zur großen Überraschung aller stellte sich heraus, dass es physikalisch machbar war.

Es erscheint sehr schwer, dem Laien die Wirkungsweise des Feldes zu erläutern. Laut der technischen Beschreibung produziert es „einen exponentiellen Zustand des Raumes, so dass eine endliche Distanz im normalen linearen Raum im Pseudoraum unendlich werden kann“. Norden lieferte eine Analogie, die manche von uns brauchbar fanden. Es war, als ob man eine flache Gummischeibe nehmen – die einen Bereich des normalen Raumes repräsentierte – und dann ihre Mitte ins Unendliche ausziehen würde. Der Umfang der Scheibe würde unverändert bleiben – aber ihr „Durchmesser“ wäre unendlich. Das war es, was der Generator des Feldes mit dem ihn umgebenden Raum machte.

Als Beispiel nehme man an, dass ein Schiff, das den Generator trägt, von einem Ring feindlicher Maschinen umgeben ist. Wenn es das Feld einschaltete, würde jedes der feindlichen Schiffe denken, dass es – und die Schiffe auf der anderen Seite des Kreises – plötzlich ins Nichts zurückgewichen sei. Und doch wäre der Umfang des Kreises derselbe wie zuvor: nur die Reise ins Zentrum wäre von unendlicher Dauer, denn in dem Maße, wie man vorrückte, würden die Entfernungen immer größer zu werden scheinen, während sich der „Maßstab“ des Raumes veränderte.

Es war ein alptraumhafter Zustand, aber ein sehr nützlicher. Nichts konnte ein Schiff erreichen, das das Feld trug: es konnte kugelförmig von einer feindlichen Flotte umzingelt sein und wäre doch so unerreichbar, als wäre es am anderen Ende des Universums. Dagegen konnte es natürlich nicht zurückschießen, ohne das Feld abzuschalten, aber das ließ ihm dennoch einen sehr großen Vorteil, nicht nur in der Verteidigung, sondern auch beim Angriff. Denn ein mit dem Feld ausgerüstetes Schiff konnte sich unentdeckt einer feindlichen Flotte nähern und plötzlich in ihrer Mitte erscheinen.

Diesmal schien es keine Mängel an der neuen Waffe zu geben. Unnötig zu sagen, dass wir nach allen möglichen Einwänden gesucht hatte, bevor wir uns erneut festlegten. Zum Glück war die Anlage ziemlich simpel und benötigte keine große Bedienungsmannschaft. Nach viel Diskussion beschlossen wir, sie rasch in Produktion zu geben, denn wir erkannten, dass die Zeit knapp wurde und der Krieg zu unseren Ungunsten lief. Wir hatten nun fast unsere gesamten anfänglichen Gewinne verloren, und die feindlichen Streitkräfte hatten mehrere Einfälle in unser eigenens Sonnensystem unternommen.

Es gelang uns, den Feind abzuhalten, während die Flotte umgerüstet und die neuen Kampftechniken ausgearbeitet wurden. Um das Feld im Einsatz zu verwenden, war es notwendig, eine feindliche Formation zu orten, einen Abfangkurs zu setzen und dann den Generator für die berechnete Zeitspanne einzuschalten. Bei der Abschaltung des Feldes würde man sich – wenn die Berechnungen genau waren – inmitten des Feindes befinden und konnte während der daraus entstehenden Verwirrung großen Schaden anrichten und sich wenn nötig auf demselben Weg wieder zurückziehen.

Die ersten Versuchsmanöver erwiesen sich als zufriedenstellend, und die Ausrüstung schien recht zuverlässig zu sein. Zahlreiche Scheinangriffe wurden durchgeführt, und die Besatzungen gewöhnten sich an die neue Technik. Ich war auf einem der Testflüge und erinnere mich lebhaft an meine Eindrücke, als das Feld eingeschaltet wurde. Die Schiffe um uns schienen zu schrumpfen wie auf der Oberfläche einer sich ausdehnenden Blase: in einem Augenblick waren sie völlig verschwunden. Genauso die Sterne – aber gegenwärtig konnten wir sehen, dass die Galaxis immer noch als blasses Lichtband um das Schiff sichtbar war. Der virtuelle Radius unseres Pseudoraumes war nicht wirklich unendlich, betrug aber einige hunderttausend Lichtjahre, und so hatte die Entfernung zu den fernsten Sternen unseres Systems nicht sehr zugenommen – obwohl die nächsten natürlich total verschwunden waren.

Diese Trainingsmanöver mußten jedoch wegen einer ganzen Anzahl kleinerer technischer Probleme in verschiedenen Ausrüstungsteilen, insbesondere den Kommunikationsschaltkreisen, abgebrochen werden, bevor sie vollendet waren. Diese Probleme waren ärgerlich, aber nicht bedeutsam, obwohl man es für das Beste hielt, zur Basis zurückzukehren, um sie auszuräumen.

In diesem Moment führte der Feind einen offenkundig als entscheidend beabsichtigten Angriff gegen den Festungsplaneten Iton an den Grenzen unseres Sonnensystems. Die Flotte musste in die Schlacht, bevor die Reparaturen erledigt werden konnten.

Der Feind muss geglaubt haben, dass wir das Geheimnis der Unsichtbarkeit gemeistert hatten – was in einem gewissen Sinn auch so war. Unsere Schiffe erschienen plötzlich aus dem Nirgendwo und fügten schweren Schaden zu – eine Zeitlang. Und dann geschah etwas sehr Verblüffendes und Unerklärliches.

Ich befehligte das Flaggschiff Hircania, als die Schwierigkeiten anfingen. Wir hatten als unabhängige Einheiten operiert, jede gegen zugewiesene Ziele. Unsere Detektoren beobachteten eine feindliche Formation auf mittlere Entfernung, und die Navigationsoffiziere maßen ihre Distanz mit großer Genauigkeit. Wir setzten Kurs und schalteten den Generator ein.

Das Exponentialfeld wurde in dem Moment abgeschaltet, in dem wir das Zentrum der feindlichen Gruppe hätten passieren sollen. Zu unserer Bestürzung tauchten wir viele hundert Meilen entfernt im Normalraum auf – und als wir den Feind fanden, hatte er bereits uns gefunden. Wir zogen uns zurück und versuchten es erneut. Diesmal waren wir so weit vom Feind entfernt, dass er uns zuerst ortete.

Offenkundig lief etwas ernsthaft schief. Wir brachen die Kommunikationsstille und versuchten die anderen Schiffe der Flotte zu kontaktieren, um zu sehen, ob sie dieselben Schwierigkeiten erlebt hatten. Wiederum versagten wir – und diesmal geschah das Versagen wider alle Vernunft, denn die Kommunikationsanlage schien perfekt zu funktionieren. Wir konnten nur annehmen, so fantastisch es auch schien, dass der Rest der Flotte vernichtet worden war.

Ich möchte die Szenen nicht beschreiben, als die versprengten Einheiten der Flotte sich zur Basis zurückkämpften. Unsere Verluste waren in Wirklichkeit vernachlässigbar gewesen, aber die Schiffe waren völlig demoralisiert. Fast alle hatten den Kontakt zueinander verloren und herausgefunden, dass ihre Entfernungsmesseinrichtung unerklärliche Fehler aufwies. Es war offenkundig, dass das Exponentialfeld die Ursache der Probleme war, trotz der Tatsache, dass sie nur in Erscheinung traten, wenn es abgeschaltet war.

Die Erklärung kam zu spät, um uns noch zu nützen, und Nordens letztendliche Niederlage war ein schwacher Trost für den buchstäblichen Verlust des Krieges. Wie ich erklärt habe, produzierten die Feldgeneratoren eine radiale Verzerrung des Raums, wobei die Entfernungen immer größer erschienen, je mehr man sich dem Zentrum des künstlichen Pseudoraums näherte. Wenn das Feld abgeschaltet wurde, kehrte der Normalzustand wieder ein.

Aber nicht ganz. Es war nie möglich, den Anfangszustand genau wiederherzustellen. Das Feld ein- und auszuschalten war äquivalent einer Streckung und Zusammenziehung des Schiffes, das den Generator trug, aber es gab gewissermaßen einen Hystereseeffekt, und der Ausgangszustand war nie ganz reproduzierbar, was an all den Tausenden elektrischer Ladungen und Massebewegungen an Bord des Schiffes lag, während des Feld eingeschaltet war. Diese Asymmetrien und Verzerrungen summierten sich, und obwohl sie selten mehr als einen Bruchteil eines Prozents ausmachten, war das genug. Es bedeutete, dass die präzise Entfernungsmesseinrichtung und die abgestimmten Stromkreise im Kommunikationsapparat völlig verstellt wurden. Jedes einzelne Schiff konnte die Veränderung niemals aufspüren – nur wenn es seine Ausrüstung mit der eines anderen Schiffes verglich oder mit ihm zu kommunizieren versuchte, konnte es erkennen, was geschehen  war.

Es ist unmöglich, das resultierende Chaos zu beschreiben. Von keinem einzigen Bestandteil eines Schiffes konnte mit Sicherheit erwartet werden, dass er an Bord eines anderen funktionieren würde. Nicht einmal die Schrauben und Muttern waren noch austauschbar, und die Versorgungslage wurde unmöglich. Mit der Zeit hätten wir selbst diese Schwierigkeiten überwinden können, aber die feindlichen Schiffe griffen bereits zu Tausenden mit Waffen an, die nun Jahrhunderte hinter denen zu liegen schienen, die wir erfunden hatten. Unsere großartige Flotte, verkrüppelt durch unsere eigene Wissenschaft, kämpfte weiter, so gut sie konnte, bis sie überwältigt wurde und zur Kapitulation gezwungen war. Die mit dem Feld ausgestatteten Schiffe waren immer noch unverwundbar, aber als Kampfeinheiten waren sie beinahe hilflos. Jedesmal, wenn sie ihre Generatoren einschalteten, um feindlichen Angriffen zu entkommen, nahm die dauerhafte Verzerrung ihrer Ausrüstung zu. In einem Monat war alles vorbei.

Dies ist die wahre Geschichte unserer Niederlage, die ich ohne ein  Urteil vorwegzunehmen, zu meiner Verteidigung vor diesem Gericht vorbringe. Ich erzähle sie, wie ich gesagt habe, um den Verleumdungen entgegenzuwirken, die gegen die Männer im Umlauf waren, die unter mir kämpften, und um zu zeigen, wo die wahre Schuld an unseren Missgeschicken lag.

Schlussendlich mein Ersuchen, das ich, wie das Gericht nun erkennen wird, nicht leichtfertig stelle und von dem ich hoffe, dass ihm daher stattgegeben wird.

Dem Gericht wird klar sein, dass die Bedingungen, unter denen wir untergebracht sind, und die ständige Überwachung, unter der wir Tag und Nacht stehen, einigermaßen belastend sind. Aber nicht darüber beschwere ich mich, auch nicht darüber, dass die Knappheit an Unterkünften es notwendig machte, uns paarweise unterzubringen.

Aber ich kann für meine zukünftigen Handlungen nicht verantwortlich gemacht werden, wenn ich noch länger dazu gezwungen werde, meine Zelle mit Professor Norden zu teilen, dem ehemaligen Chef des Forschungsstabes meiner Streitkräfte.

*     *     *

Siehe auch Die Verteidigungsindustrie von innen gesehen von Fred Reed.

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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3 Antworten zu Überlegenheit

  1. Richard schreibt:

    Sehr unterhaltsam und lehrreich, danke!
    Wie heißt es doch so schön: Never chance a running system!

    „Es war ärgerlich zu erkennen, dass wir, wenn wir nur weitergebaut hätten, ohne nach neuen Waffen zu suchen, in einer weit vorteilhafteren Position hätten sein können. […] Und wir konnten jetzt nicht zurück – die Suche nach einer unwiderstehlichen Waffe musste weitergehen.“

    Erinnert mich ein wenig an unsere eigenen Vorfahren vor 70 Jahren, auch wenn die Geschichte natürlich alle weiteren Faktoren ausblendet.

  2. Cernunnos schreibt:

    Vor 70 Jahren… siehe dazu auch:

    Focke-Wulfs Triebflügeljägerprojekt: Früher Senkrechtstarter und
    Lippisch P 13: Fliegendes Dreieck

    Technischer Fortschritt ist natürlich schon wichtig, aber vor allem bei Waffen bzw. Waffensystemen ist Zuverlässigkeit noch wichtiger als bombastische Wirkung.
    Funktionierende, zuverlässige Waffen sollte man (auch in der Produktion) erst dann durch neue Waffen ablösen, wenn diese ausgereift sind und ihren besseren Einsatzwert zuverlässig bewiesen haben.

    Und damit man diese neuen, hoffentlich besseren Waffen trotzdem rechtzeitig einführen kann, sollte man deren Entwicklung vorausschauend angehen und dabei Kontinuität walten lassen.

  3. Richard schreibt:

    Ich stimme Dir zu, vor allem Deine grundsätzlichen Bemerkungen sind perfekt getroffen!

    Deep Roots schreibt hier auch etwas sehr Schönes über das gefährliche Prinzip (ausschließlicher) Klasse statt Masse:
    http://schwertasblog.wordpress.com/2011/07/12/die-entnationalisierung-des-europaischen-kampfflugzeugbaus/

    Aber ich bin der letzte, der die herausragenden und wegweisenden Leistungen deutscher Ingenieure während des Zweiten Weltkriegs schmälern würde, kann ich mich doch schließlich selbst dafür begeistern. 🙂

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