SWM-Serie „Sturmgewehre“ (10): US M 16 (AR 15)

M 16 1 MMK schießt M16

Der Autor beim Probeschießen mit dem amerikanischen Sturmgewehr M 16 (AR 15) im Kaliber .223 Remington.

Von  Max Meinrad Krieg, aus der Serie „Sturmgewehre“ des „Schweizer Waffen-Magazins“, Heft 3-1985.

Mit dem amerikanischen M 16 (AR 15) trat eine neue Generation von Sturmgewehren mit kleinkalibriger Hochgeschwindigkeitsmunition in Erscheinung, die sich in der Folge weltweit durchsetzte.

Im Oktober 1954 gliederte sich die bekannte Flugzeugfirma Fairchild Corporation die Armalite Division an, die Schußwaffen unter Verwendung neuer Materialien und Techniken entwickeln sollte. Als Erfinder wurde Eugene Stoner, ein ehemaliger Marinesoldat, eingestellt. Als erster Erfolg konnte die Einführung des AR 5 als Überlebensgewehr M1A für amerikanische Piloten verbucht werden.

Hierauf wandte man sich der Entwicklung eines Sturmgewehrs zu, der damaligen Zeit entsprechend im Kaliber 7,62 NATO. Von Anfang an wurde durch die extensive Verwendung von Leichtmetall und Kunststoff auf ein geringes Gewicht und rationelle Fertigung geachtet. Die Herstellungsrechte für diese neue Waffe AR 10 wurden vorerst an die holländische Firma Artillerie-Inrichtingen übertragen. Da sich die Fabrikation aber stark verzögerte, konnten nur relativ wenige dieser innovativen Sturmgewehre verkauft werden.

M 16 2 Armalite AR 10

AR 10, das Sturmgewehr der Firma Armalite im Kaliber 7,62 NATO, aus dem das M 16 (AR 15) in .223 Remington entwickelt wurde.

In der US Army war im Mai 1957 das Sturmgewehr M 14 im Kaliber 7,62 NATO als Ordonnanz eingeführt worden (siehe SWM-Serie „Sturmgewehre“ (4): US M14). Doch schon im gleichen Jahr schrieb eine Dienststelle der amerikanischen Armee vertraulich (!) die Entwicklung eines neuen Infanteriegewehres aus, welches maximal 3 kg schwer, seriefeuertauglich und auf mittlere Distanzen so präzise und wirksam wie die bisherigen Waffen zu sein hatte. Eine Munition war nicht vorgeschrieben, denn offensichtlich konnte keine existierende Militärpatrone diesen Bedingungen entsprechen.

Aufbauend auf der Patrone .222 Remington wurde die .222 Special entwickelt, die später in .223 Remington (5,56 x 45 mm) umbenannt wurde. Die Wirksamkeit dieser doch eigentlich erheblich schwächeren Patrone (7,62 NATO: E0 = 3540 Joule; .223 Remington: E0 = 1800 Joule) liegt einerseits in ihrer hohen Geschwindigkeit, wodurch auf Kampfdistanzen auch eine sehr gestreckte Flugbahn resultiert, und andererseits in ihrer recht geringen Stabilität. Das leichte Hochgeschwindigkeitsgeschoß erzeugt beim Eindringen in einen Körper eine massive Schockwelle und zerlegt sich zudem meistens.

Die Firma Armalite beteiligte sich ebenfalls an der Ausschreibung und konstruierte dazu das AR 10 für die neue, schnelle Patrone um. Und nach vielen Erprobungen ging das nun AR 15 genannte umgebaute AR 10 aus der Ausschreibung als Sieger hervor und wurde 1963 als M 16 für die US Air Force und 1967 als M 16 A1 für die übrigen Truppengattungen eingeführt. Doch schon vor der offiziellen Klassifizierung waren große Stückzahlen beschafft worden, und da Armalite Inc., inzwischen selbständig geworden, nicht über die erforderlichen Kapazitäten verfügte, wurden die Fabrikationsrechte an Colt vergeben.

M 16 3 Colt M 16  von links

Colt M 16 A1 von links, hier mit aufgesetztem Zielfernrohr.

Dass dieses neue Sturmgewehr (und die neue Munition) so kurzfristig in großen Mengen bezogen wurde, hing mit dem Vietnamkrieg  zusammen. Vor allem die südvietnamesischen Truppen, aber auch die amerikanischen Soldaten, bekundeten mit dem starken Rückstoß des M 14 große Mühe – und das AR 15 mit seiner Kleinkalibermunition entsprach genau ihren Forderungen!

Das AR 15 ist ein Gasdrucklader mit Drehwarzenverschluss und bietet somit auf den ersten Blick nichts Neues. Aber es wurden bekannte Konstruktionsmerkmale modifiziert und mit modernen Materialien und Fertigungstechniken verwirklicht.

M 16 4 Colt M 16 von rechts

Colt M 16 A1 von rechts.

So findet beim Gasdrucksystem nicht wie üblich ein Gestänge Verwendung, sondern der Gasdruck wird durch ein Röhrchen direkt auf den Verschlussträger geblasen. Der Verschlusskopf verriegelt nicht in das Gehäuse, sondern direkt in den Lauf, respektive die Laufverlängerung. Dadurch hat das Verschlussgehäuse keine schießstatischen Belastungen auszuhalten und kann entsprechend leicht gebaut werden. Sowohl das Gehäuse mit Traggriff, das Griffstück, das Magazin wie auch weitere Teile bestehen aus Aluminium; Schaft, Pistolengriff und Vorderschaft sind aus Kunststoff. Einzig Verschluss, Lauf und Kleinteile sind aus Stahl gefertigt.

Zur Zerlegung wird der Querbolzen im hinteren Teil des Griffstückes herausgedrückt, worauf sich der Oberteil aus Gehäuse und Lauf nach vorne klappen lässt. Durch Zurückziehen des Spannhebels hinter dem Traggriff kann dann der komplette Verschluss der Waffe entnommen werden (die Schließfeder ist im Schaft untergebracht).

M 16 5 Colt M 16 zerlegt

Die einfache Zerlegung des M 16 A1 (AR 15). Die Schließfeder ist im Kolben untergebracht.

Die Bedienung des AR 15 bietet keine Probleme. Nach Einschieben des gefüllten Magazines wird mit dem Spannhebel durchgeladen. Der Sicherungs- und Feuerwahlhebel oberhalb des Pistolengriffes lässt sich mit dem Daumen der Schießhand gut bedienen. Nach dem letzten Schuss bleibt der Verschluss jeweils offen und kann mit einem Schlag auf den Schlittenfanghebel oberhalb des Magazinschachtes geschlossen werden. Um Verschmutzungen vorzubeugen, lässt sich die Auswurföffnung durch eine Klappe verschließen, die sich jedoch bei einer Verschlussbewegung automatisch öffnet. Sollte der Verschluss trotzdem einmal nicht voll verriegeln, so kann er mit einer auf der rechten Seite liegenden Schließhilfe nach vorn gestoßen werden.

Lauf, Verschluss und Anschlagschaft bilden eine Gerade. Diese direkte Weiterleitung des Rückstoßes vermindert ein Auswandern der Waffe beim Schießen. Wegen dieser Anordnung muß jedoch die Visierlinie erhöht angebracht werden. Das Klappvisier (2 Stellungen: nah und fern) ist im Traggriff integriert, welcher auch zur Aufnahme von Zielgeräten vorbereitet ist; das Korn liegt auf einem Träger aus Aluminium.

Im Schuss liegt das AR 15 erstaunlich ruhig; der Rückstoß bleibt angenehm. Der Schussknall hingegen ist giftig. Im Einzelfeuer lassen sich auf 100 m jederzeit Schussbilder um 10 cm erzielen. Kurze Feuerstöße sind gut kontrollierbar. Reines Dauerfeuer hingegen erfordert einige Übung, ist aber im Gegensatz zu Waffen im Kaliber 7,62 NATO noch führbar.

Auch beim AR 15 finden sich Nachteile, die ihm gerade zu Beginn seiner Einführung zu einer eher negativen Berühmtheit verhalfen. Als erstes ist seine große Empfindlichkeit auf Verschmutzung und Wasser zu nennen. Es ist diesbezüglich anfälliger als normalkalibrige Gewehre und bedarf einer regelmäßigen Pflege. Des weiteren ist seine Munition, die ihrer Dum-Dum-ähnlichen Wirkung wegen immer noch umstritten ist, auch im Fluge unstabil. Das kleinste Hindernis, beispielsweise ein Grashalm, wirft sie aus der vorbestimmten Flugbahn. Das Schießen aus oder in Deckungen wird dadurch recht schwierig. Zudem nimmt die Leistung nach rund 300 m rapide ab.

In neuester Zeit versucht man deshalb diesen Problemen mit der Einführung eines neuen, schwereren Geschosses zu begegnen, welches aber eine andere Drallänge erfordert (alte Patrone M 193: Geschoßgewicht 3,6 g Drallänge 305 mm; neue Patrone SS 109: Geschoßgewicht 4,0 g, Drallänge 178 mm).

Das AR 15 wurde und wird in einer Vielzahl von Varianten hergestellt, wobei nur wenige Typen in Großserie gingen. Alle Waffen tragen dabei die Grundbezeichnung AR 15 (AR = Armalite), Militärbezeichnung M 16.

M 16:        Militärausführung, ohne Schließhilfe.

M 16 A1:     Militärausführung, mit Schließhilfe.

XM 177 E2:  Militärausführung, Kurzvariante mit zusammenschiebbarem Schaft.

M 16 A2:     Militärausführung für neue Patrone.

SP 1:      Zivilausführung (Sporter), ohne Schließhilfe, nur Einzelfeuer verschießend. Seit neuestem auch als Kurzvariante und für neue Patrone erhältlich.

M 16 (AR 15):

Kaliber:   .223 Remington (5,56 x 45 mm)
System:   Gasdrucklader mit Drehwarzenverschluss
V0:     990 m/s
E0:     184 mkg / 1800 Joule
Kadenz:   800 Schuß /min.
Lauflänge:  508 mm
Züge:     4 Züge, Rechtsdrall
Länge:   990 mm
Gewicht:  2.900 g (ungeladen)
Magazin:  20 und 30 Schuss

Für das AR 15 wird eine Unmenge an Zubehör angeboten. Als wichtigste seien hier das Zweibein, das Bajonett, das Zielfernrohr und das Kleinkalibersystem zum Verschießen von Patronen .22 lr angeführt.

Wurde ursprünglich das AR 15 nur bei Colt gefertigt, so erwarb die US-Regierung die Rechte, die auch bei anderen Herstellern (Harrington & Richardson, Hydra = General Motors) fabrizieren zu lassen. Des weiteren wurden Lizenzen nach Südkorea, den Philippinen, Singapur und neuestens nach Kanada vergeben.

Das M 16 ist nicht nur Standardwaffe der USA und einiger Staaten im Fernen Osten, sondern wurde auch von Israel und Großbritannien als Übergangsbewaffnung gekauft. Total wurden bis heute 5 Millionen AR 15 hergestellt.

*     *     *

Anhang von Cernunnos:

Hier füge ich zur Ergänzung noch einen Ausschnitt über das M 16 aus dem Buch „Enzyklopädie der Handfeuerwaffen“ von Craig Philip an (Karl Müller Verlag 1995, ISBN 3-86070-499-0). Das Bild stammt ebenfalls von dort:

 M 16 6 Colt M 16 in Vietnam

Ab 1957 stellte Colt das AR 15 in Lizenz in großer Stückzahl her. Anfang der 60er Jahre wurde das AR 15 in Südostasien verkauft. Da die Soldaten dort im allgemeinen kleiner sind, erwies sich das leichte AR 15 als ideal.

Die US-Soldaten waren anfangs mißtrauisch. Die kleine Waffe mit den schwarzen Kunststoffteilen und den kleinen Kugeln war für sie ei Spielzeug. Wer mit dem M 14 groß geworden war, wollte ein schweres Gewehr mit einem Rückschlag wie ein Pferd. Es mußte aus massivem Metall sein und hölzerne Beschläge haben. Das AR 15 klang nicht einmal wie ein richtiges Gewehr. Man hörte nur ein leichtes Ploppen und nicht das gewohnte Krachen der 7,62-mm-Patrone.

Als die Vereinigten Staaten in den Vietnamkrieg gerieten, stattete die Air Force zunächst ihre vietnamesischen Wachen mit dem AR 15 aus. So gelangte das Armalite unter der Bezeichnung M 16 in den Kriegsdienst, und die Soldaten konnten sich von der Qualität der neuen Konstruktion überzeugen. Allmählich gelangte sie auch zur Army, wo sie ihre Vorteile im Dschungelkampf auf kurze und mittlere Entfernungen voll ausspielen konnte. In der feuchten Hölle von Südostasien machte sich jedes Pfund weniger bemerkbar. Das M 16 ließ sich auch schneller anlegen als das M 14. Ein Infanterietrupp konnte mit Dauerfeuer beträchtliche Wirkung erzielen. Nebenbei zeigte sich, daß unerfahrene Rekruten viel schneller mit dem Gewehr zurechtkamen, da sie nicht von Rückstoß und Lärm abgeschreckt wurden.

Mitte der 60er Jahre war das US-Militär nicht sicher, ob das neue Kaliber in großem Stil eingeführt werden sollte. Viele Soldaten glaubten immer noch an das Kaliber 7,62 mm, das mit seiner Durchschlagskraft mehr Wirkung erzielen konnte.

Die Entscheidung fiel schließlich 1966, als General Westmoreland, Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte in Vietnam, offiziell 100.000 Stück der neuen Waffe anforderte. Sie lief dann bei der Army unter der Bezeichnung M 16 A1.

Zu den leichten Änderungen zählte eine Vorrichtung zum manuellen Schließen des Verschlusses bei Verdreckung und Rohrverschleimung. Bis 1967 hatten schon Tausende Soldaten das „Plastikgewehr“, das schnell zur Standardwaffe in Vietnam wurde. Mit der Massenfertigung kamen neue Probleme auf: Hemmungen und Unzuverlässigkeit, außerdem wurden große Mengen Munition ohne Ergebnis verschossen. Es zeigte sich, daß die Soldaten aufgrund schlechter Ausbildung und mangelnder Disziplin Dauerfeuer schossen, ohne richtig zu zielen, und so die Munition massenweise verschwendeten. Für einen getroffenen Gegner wurden 50.000 bis 200.000 Schuß benötigt!

Schwerer wogen die Probleme mit der mechanischen Unzuverlässigkeit. Das M 16 stand im Ruf ständiger Klemmer und Hemmungen.

Das heiße Gas wird direkt auf den Verschlußträger geleitet. Das funktionierte seinerzeit mit der 5,56-mm-Patrone ausgezeichnet, aber die Army hatte inzwischen die Treibladung geändert, so daß sich nun Dreck und Fett im Verschlußträger sammelten und zu Verschleimung führten. Dazu kam die irrige Annahme, das M 16 komme mit einem Minimum an Wartung aus. Es war sogar als selbstreinigende Waffe angepriesen worden! Viele Soldaten hatten nicht einmal Reinigungszeug. Allmählich reifte die Einsicht, daß das neue Gewehr Pflege brauchte, und die Soldaten wurden entsprechend ausgebildet. Zerbrechliche Magazinkanten führten zu Klemmern bei der Zuführung, ein Problem, das durch konstruktive Änderungen gelöst wurde. Nachdem die US Army sich an die Eigenarten des M 16 gewöhnt hatte, erwies es sich als wirksam und beliebt.

Innerhalb weniger Jahre wurde das M 16 A1 zur Verblüffung der anderen NATO-Staaten das Standardgewehr der US-Infanterie. Die NATO hatte sich von den Amerikanern die 7,62 mm-Patrone aufzwingen lassen, viel in Produktion und Waffen investiert und mußte nun feststellen, daß die Standardisierung, was die Amerikaner betraf, nur noch Makulatur war. Für die nächsten 15 bis 20 Jahre stand die NATO vor der Tatsache, daß das größte Heer in der Allianz andere Munition benutzte als alle anderen.

*     *     *

Wie die Erfahrungen im Irak und in Afghanistan gezeigt haben, sind die Schwächen des M 16 auch im 21. Jahrhundert noch nicht überwunden, und auch die dafür entwickelte Munition wird von den Einsatztruppen bemängelt. Aus diesem Grund gibt es auch immer wieder Bestrebungen, sie durch ein etwas stärkeres Kaliber zu ersetzen, zum Beispiel die 6.8 SPC (6,8 x 43 Remington), die um 2005 herum vorgestellt wurde. Bisher ist – wohl hauptsächlich aus logistischen Gründen – noch nichts daraus geworden, aber es ist ein Zeichen dafür, daß die Briten mit ihrem nach dem Zweiten Weltkrieg angestrebten 7mm-Kaliber doch richtig gelegen sind.

Für Sportschützen ist im Laufe der Jahrzehnte ein beinahe unübersichtliches Angebot an Zivilversionen des AR 15 entwickelt worden (darunter auch eine im Kalaschnikow-Kaliber 7,62 x 39 für die Jagd auf Weißwedelhirsche), und es ist eine ganze Industrie entstanden, die Zubehör und Nachrüstteile für diese Waffenfamilie anbietet.

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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