Bewährt an allen Fronten: Der VW Typ 82 „Kübelwagen“

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Die faszinierende militärisch-schnörkellose Formgebung ermöglichte ein geringes Gewicht und die wirtschaftliche Serienproduktion.

Aus „Deutsche Militärzeitschrift“ Nr. 66 November – Dezember 2008 (das von mir hier verwendete Titelbild stammt nicht aus diesem Artikel, da dieses im Heft über zwei Seiten ging; ich habe statt dessen ein ähnliches genommen).

Da die Sowjetunion innerhalb von fast 25 Jahren „friedlichen Aufbaus“ zwar die größte Armee der Welt mit ihren unvorstellbaren Panzermassen erschaffen, jedoch nahezu keinerlei befestigte Wege oder Straßen gebaut hatte, verwandelte strömender Regen im Herbst 1941 sämtliche Verkehrswege der Sowjetunion und damit auch die Rollbahnen der Wehrmacht in riesige Schlammwüsten, so daß der deutsche Vormarsch kontinuierlich erlahmte. In metertiefen Furchen aus Wasser, Erde und Matsch versanken unzählige Kraftwagen, und fortbewegen konnte sich mit Ausnahme weniger allrad- und kettengetriebener Fahrzeuge nur noch ein kleiner, leichter und robuster Geländewagen, der sich auch durch tiefste Schlammassen wühlte: der VW Typ 82 „Kübelwagen“.

Der KdF-Wagen

Im Frühjahr 1934 war Adolf Hitler, der sich schon immer für Automobile begeistert zeigte, mit dem genialen Konstrukteur Prof. Ferdinand Porsche in einem Berliner Hotel zusammengetroffen. Bei dieser Gelegenheit offenbarte der Reichskanzler seine Vorstellungen von einem deutschen Volkswagen, der für jeden Bürger erschwinglich sein sollte. Da die Finanzierung des Projektes über die „Deutsche Arbeitsfront“ (DAF) erfolgte, wurde der Wagen nach deren Freizeitorganisation „Kraft durch Freude“ als „KdF-Wagen“ bezeichnet – und nach diesem wiederum wurde der eigens für diesen Wagen erschaffene Produktionsort, das heutige Wolfsburg, zur „Stadt des KdF-Wagens“ ernannt. Doch die geplante Großserienproduktion des modernen Kraftwagens, von dem bis 1939 nur wenige Vorserienexemplare produziert werden konnten, wurde durch den Kriegsausbruch vereitelt.

Truppen- statt Volksmotorisierung

Da die politische Entwicklung schon vor dem 1. September 1939 einen nahenden Krieg erahnen ließ, wurde Ferdinand Porsche gebeten, einen leichten Geländewagen zu entwickeln. Statt einen weiteren komplizierten und massiven Wagen wie die sogenannten „Einheits-PKW“ der Wehrmacht zu konstruieren, griff Porsche auf den KdF-Wagen zurück. Der für Friedenszeiten konstruierte Wolkswagen mutierte durch nur geringfügige Veränderungen an Fahrwerk und Motor und durch eine neue Karosserie zu einem absolut überzeugenden Militärfahrzeug, welches sich den bisher gängigen, weitaus schwereren und komplizierteren Konstruktionen als durchweg überlegen erwies.

Auf der Wiener Messe 1939 wurde der VW in Wehrmachtsausführung erstmals dem Publikum präsentiert. Dieser Typ 62 wußte jedoch das Oberkommando der Wehrmacht hinsichtlich der Geländegängigkeit nur bedingt zu befriedigen, weshalb er durch Porsche zum Typ 82 weiterentwickelt wurde.

Luftgekühlter Boxermotor

Der Typ 82 übernahm weitgehend die Konstruktion des KdF-Wagens: Als Antrieb diente ein Viertakt-Verbrennungsmotor mit vier Zylindern in Boxeranordnung mit nur 985 ccm Hubraum, welcher 1943 auf 1131 Kubikzentimeter vergrößert wurde. Das ursprünglich 23,5 PS und ab 1943 25 PS starke Aggregat war im Heck des Wagens angeordnet und verwendete eine Luftkühlung. Diese hatte gegenüber der Wasserkühlung mehrere Vorteile: Die im Fronteinsatz gegen Beschuß sehr empfindlichen Lamellenkühler entfielen, bei tiefen Temperaturen war kein Einfrieren des Kühlmittels möglich, und bei hohen Einsatztemperaturen konnte das Kühlwasser nicht zu sieden beginnen. Schaltgetriebe, Hinterachsantrieb und das Differential waren in einem gemeinsamen Gehäuse vereint und direkt an den Motor angeflanscht. Das Schaltgetriebe hatte vier Vorwärts- und einen Rückwärtsgang, und das Ausgleichsgetriebe war selbsthemmend, wodurch das Durchdrehen eines Rades auf rutschigem Untergrund minimiert wurde. Um die Bodenfreiheit von 22 Zentimetern des herkömmlichen KdF-Wagens zu vergrößern, waren an den Achswellen der Hinterräder zusätzliche Vorgelege angebracht, wodurch die Bodenfreiheit auf 29 Zentimeter anwuchs.

Porsches Torsionsstabfederung

Die Vorderräder hatten eine Einzelradaufhängung, und die Hinterachse war als Pendelachse ausgeführt. Sowohl vorn als auch hinten dienten Drehstäbe zur Federung – eine Erfindung von Porsche, welche man auch bei seinen weiteren Konstruktionen entdecken kann. Bei diesem Prinzip wurden die konventionellen Blattfederpakete oder Schraubenfedern durch einen einfachen Federstahlstab, welcher beim Einfedern radial in sich verdreht wird – man spricht von einer Torsionsstabfederung -, abgelöst. Als Fahrgestell diente ein aus Stahlblech geprägter Mittelträger, der im Front- als auch im Heckbereich zu einer Gabelform auslief, um Vorderachse und Motor aufzunehmen. Die charakteristisch kantige Außenhülle des VW Kübelwagens war gut durchdacht konstruiert. Die insgesamt sehr leichte Karosserie bestand aus einfachen, mit Verstärkungsrillen versehenen Stahlblechpreßteilen, welche überwiegend im Karosseriewerk Ambi-Budd in Berlin gefertigt worden waren.

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Das Armaturenbrett des „Kübelwagens“ in der späten Kriegsausführung.

Außergewöhnliche Geländegängigkeit

Der nur 3,74 Meter lange und 1,6 Meter breite Wagen wog lediglich 725 Kilogramm und hatte eine Nutzlast von 450 Kilogramm. Der kleinvolumige Motor ermöglichte eine Höchstgeschwindigkeit von 80 Stundenkilometern, ein Steigvermögen von 45 Prozent und benötigte nur acht Liter Benzin auf 100 Kilometern. Dank der Leichtbauweise und eines weitgehend glatten Unterbodens erwies sich der VW Typ 82 mit seinem Hinterachsantrieb gegenüber zahlreichen allradgetriebenen Militärfahrzeugen der Wehrmacht oder auch der Alliierten als wesentlich geländegängiger. Aufgrund der militärisch-einfach gehaltenen Sitze wurde der Typ 82 als „Kübelsitzwagen“ oder mit der Kurzform „Kübelwagen“ benannt. Diese Bezeichnung wurde jedoch nicht nur für den Typ 82, sondern auch für weitere Militärkraftfahrzeuge gebraucht.

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Der ursprüngliche KdF-Wagen im militärischen Gewand als VW Typ 82 E.

Vielseitiges Fahrzeug

Die ersten Exemplare des Typ 82 wurden 1940 ausgeliefert, und bis 1945 konnten etwa 55.000 Exemplare die Fließbänder verlassen. Da sich der Wagen hervorragend bewährte, entstanden zahlreiche Zusatzausrüstungen, wie beispielsweise ein spezielles Anlaßgerät, mit dem sich der Motor des Kübelwagens mit dem Maybach HL 230 der schweren deutschen Panzer koppeln ließ, um diese anzulassen. Spezielle Sonderbauarten – meist nur zu Versuchszwecken geschaffen – zeigten den Kübelwagen mit Holzvergaseranlage, Allradantrieb, Kettenlaufwerk, Pritsche oder als Panzerimitat. Parallel dazu wurde noch der Typ 82 E und Typ 87, mit der typischen Karosserie des KdF-Wagens, und der Typ 166, ein allradgetriebener und schwimmfähiger Amphibienwagen, produziert.

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Dank Allradantrieb und Schwimmfähigkeit vielseitig einsetzbar: der Typ 166.

Mit Ende des Krieges kam die Produktion im vielfach vom alliierten Bombenterror heimgesuchten Werk nur vorübergehend zum Erliegen, da die britischen Besatzer – neben Zivilerzeugnissen wie Autoanhänger für die Reichspost – auch noch eine Zeitlang die bewährten Geländefahrzeuge weiterproduzieren ließen. Viele Jahre lang trat der KdF-Wagen danach als „VW-Käfer“ zu seinem endgültigen Siegeszug an – und ging mit über 21 Millionen gefertigten Exemplaren als meistproduziertes Automobil der Welt für immer in die Geschichte ein.

Bewährung in schwersten Schicksalsstunden

Doch vor dem Siegeszug dieses „Wirtschaftswunderautos“ hatte sich die hervorragende Konstruktion erst bei den härtesten Bewährungsproben des Krieges zu beweisen: Ob in der glühenden Sonne afrikanischer Wüstenmeere oder in russischen Schlammfeldern und Eisstürmen, der Kübelwagen wühlte sich ebenso flink wie zäh durch härtestes Gelände.

FALK SPRINGER

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Weitere interessante Artikel aus der „Deutschen Militärzeitschrift“ sind hier zu finden. Im Anhang bringe ich noch eine kleine Bildergalerie des Kübelwagens:

Nordfrankreich, Soldaten mit VW-Kübelwagen

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08 VW Kübelwagen i229648

09 VW Kübelwagen vor der Engelsburg i555632

10 VW Kübelwagen pff-porsche-10531-8f92ccf3

11 VW Kübelwagen HD Sooß 005_1332_big

12 VW Kübelwagen 5411902116_fcfd6e90e2

13 VW Kübelwagen Picture 042

… und des aus ihm entwickelten Schwimmwagens:

 14 Schwimmwagen mit Standarte

15 schwim2

16 Schwimmwagen 04

17 schwimmer2

18 Schwimmwagen sand

19 VW-Schwimmwagen in Afrika 3790698

Über Cernunnos

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