Die Gedanken-Falle

Arachnidia-Ausschnitt Tony Roberts

Von Clifford D. Simak. Das Original „Junkyard“ erschien im Mai 1953 in GALAXY SCIENCE FICTION; deutsche Übersetzung von Lothar Heinecke aus Ullstein Science-Fiction-Stories 66, 1977 (ISBN 3-548-03323-7).

1

Sie glaubten, das Geheimnis enträtselt zu haben. Sie hatten ein paar scharfsinnige Überlegungen angestellt, die entsprechenden Schlüsse gezogen – aber sicher waren sie sich ihrer Sache nicht. Es war dies zwar nicht die Art, in der üblicherweise eine Abteilung des Vermessungsdienstes ihre Arbeit tat. Für gewöhnlich griffen sie ein Problem auf, schüttelten es kräftig durch und ließen nicht locker, bis sie herausgeholt hatten, was herauszuholen war, und konnten abschließend immer mit einer eindrucksvollen Liste von Tatsachen aufwarten. Hier jedoch gab es keine einzige greifbare Tatsache außer der einen, die selbst einem zwölfjährigen Kind als solche erschienen wäre.

Commander Ira Warren machte sich deshalb Sorgen, und er äußerte sich auch in diesem Sinne, als er sich mit Schlappohr Brady, dem Schiffskoch und etwas anrüchigen Kumpan seiner Jugendzeit unterhielt. Die beiden fuhren jetzt schon seit mehr als dreißig Jahren zusammen und konnten, obwohl oder weil sie an entgegengesetzten Enden der Rangliste standen, sich gegenseitig doch Dinge sagen, die sie keinem anderen an Bord sagen konnten oder einem anderen Mann hätten erlauben können zu sagen.

„Schlappohr“, sagte Warren, „ich mach mir Sorgen.“

„Du machst dir immer Sorgen“, gab Schlappohr zurück. „Das gehört nun mal zu deinem Job.“

„Die Sache mit dem Schrottplatz…“

„Du wolltest schließlich was werden“, sagte Schlappohr, „und ich hab dir gesagt, was dann passieren würde. Ich hab dich gewarnt. Autorität – das heißt Verantwortung, und das heißt Sorgen. Damit mußt du dich abfinden. Hm, also es geht um diese Schrottplatz-Geschichte? Ich hab da noch irgendwo eine Flasche stehen. Wie wär’s denn mit einem kleinen Schluck?“

Warren wies den Gedanken weit von sich. „Eines Tages werde ich es dir schon mal besorgen. Ich kann mir nicht denken, wo du das Zeug immer versteckt hältst, aber auf jeder Fahrt…“

„Aber Ira! Nun reg dich bloß nicht unnütz auf.“

„Aber auf jeder Fahrt schleppst du genug totes Gewicht an Alkohol mit, um immer halb beduselt herumlaufen zu können.“

„Es ist Gepäck“, meinte Schlappohr störrisch. „Schließlich darf man doch wohl sein Reisegepäck mitnehmen. Ich hab sonst nicht viel anderes. Ich bringe eben meine Getränke mit.“

„Eines Tages“, sagte Warren heftig, „wirst du erleben, daß man dich deshalb fünf Lichtjahre von Nirgendwo aus dem Schiff hinauswirft.“

Die Drohung war nicht neu und konnte deshalb Schlappohr auch nicht weiter aufregen.

„Diese Sorgen machen dich noch ganz krank“, sagte Schlappohr, „und sie bringen dich auch nicht weiter.“

„Aber unser wissenschaftliches Team hat versagt“, widersprach Warren. „Begreifst du denn nicht, was das heißt? Zum ersten Mal in mehr als hundert Jahren Vermessungsarbeit haben wir Anzeichen gefunden, die darauf hindeuten, daß noch eine andere Rasse außer der menschlichen die Raumfahrt kennt. Und wir wissen nichts darüber. Aber wir sollten es. Bei der Menge des Plunders, der da draußen herumliegt, sollten wir inzwischen ein dickes Buch darüber schreiben können.“

Schlappohr spuckte verächtlich aus. „Du meinst, diese Wissenschaftler sollten es.“

Auf die Art und Weise, wie er „Wissenschaftler“ aussprach, klang es wie ein unanständiges Wort.

„Die sind schon in Ordnung“, sagte Warren. „Die besten, die es gibt.“

„Erinnerst du dich noch an die alten Tage, Ira?“ fragte Schlappohr. „Damals, als du noch ein kleiner Leutnant warst und wir uns ab und zu einen hinter die Binde gossen und…“

„Was hat das mit dieser Sache zu tun?“

„Damals hatten wir noch richtige Männer an Bord. Wir haben uns einen Knüppel gegriffen, uns ein paar Eingeborene geschnappt und ihnen mit dem Knüppel ein bißchen nachgeholfen. Und auf diese Weise haben wir in ein paar Stunden mehr in Erfahrung gebracht als diese Wissenschaftler mit ihren Methoden in einem Monat.“

„Du übersiehst eine Kleinigkeit“, sagte Warren. „Hier gibt es keine Eingeborenen.“

Tatsache war, daß es auf diesem Planeten weder Eingeborene gab noch sonst was zu holen war. Es war ein ausgesprochen armseliger Planet, und er würde auch die nächste Milliarde Jahre nicht viel ansehnlicher werden. Verständlicherweise war der Vermessungsdienst nicht allzu sehr an Planeten interessiert, die erst in einer Milliarde Jahren etwas darstellen würden.

Seine Oberfläche bestand zum größten Teil aus gewachsenem Fels und herumliegenden Gesteinstrümmern. Während der letzten halben Million Jahre waren die ersten primitiven Pflanzen aufgetaucht. Moose und Flechten füllten die Felsspalten und krochen über das Gestein, aber davon abgesehen schien kein anderes Leben vorhanden zu sein. Obwohl, um genau zu sein, man dessen nicht sicher sein konnte, denn keiner hatte sich eingehender für den Planeten interessiert. Sie hatten ihn weder genauer untersucht noch nach Leben geforscht. Dafür war jedermann viel zu sehr an dem Schrottplatz interessiert gewesen.

Ursprünglich hatten sie nicht einmal die Absicht gehabt, hier zu landen. Sie hatten den Planeten umkreist, die üblichen Messungen vorgenommen und die üblichen Angaben in das Logbuch eingetragen.

Dann hatte jemand, der hinter einem Teleskop saß, den Schrottplatz entdeckt, und sie waren gelandet, um ihn sich näher anzusehen, und hatten ein Vexierspiel vorgefunden, das sie fast an den Rand des Wahnsinns trieb.

Sie hatten die Stelle Schrottplatz getauft, und etwas anderes war sie auch nicht. Ringsherum verstreut lag ein Haufen Zeug, das allem Anschein nach Maschinenteile waren, obwohl niemand etwas Bestimmtes sagen konnte. Pollard, der Ingenieur, war über der Aufgabe, einige von ihnen zusammenzubauen, bald verrückt geworden. Schließlich hatte er drei Stücke irgendwie zusammenbekommen, aber klüger war er dadurch auch nicht geworden. Deshalb wollte er sie wieder auseinandernehmen, schon um zu sehen, wie er sie zusammenbekommen hatte. Er bekam sie nicht wieder auseinander. Das war der Moment, wo Pollards Nerven mit ihm durchgingen.

Die Maschinenteile, falls es wirklich Maschinenteile waren, lagen in der ganzen Gegend umher, so als hätte sie etwas oder jemand einfach weggeworfen, ohne sich darum zu kümmern, wohin sie fielen. An einer Stelle des Platzes jedoch lag ein Haufen anderer Sachen, alle fein säuberlich aufgestapelt, und schon dem flüchtigen Betrachter mußte offenbar sein, daß er es hier mit einem Vorratslager zu tun hatte.

Darunter befand sich etwas, was aller Wahrscheinlichkeit nach Lebensmittel waren, obgleich es seltsame Lebensmittel waren (falls das wirklich zutraf), und merkwürdig geformte Kunststofflaschen, die eine giftige Flüssigkeit enthielten, und andere Sachen aus einer Art Material, die vielleicht Kleider darstellten, obwohl es einen kalt überrieselte, wenn man sich vorzustellen versuchte, welche Art Wesen wohl solche Kleidung tragen würde, und Bündel von Metallstangen, die von einer Magnetkraft zusammengehalten wurden statt von Drähten, die ein Mensch benutzt hätte, um sie zu Bündeln zu schnüren. Und dann gab es noch eine Anzahl Gegenstände, für die es überhaupt keinen Namen gab.

„Sie hätten die Lösung finden sollen“, sagte Warren. „Sie haben noch viel härtere Nüsse geknackt als diese da. In diesem Monat, den wir jetzt schon hier sind, hätten sie den Motor in Gang setzen müssen.“

„Falls es ein Motor ist“, machte ihn Schlappohr aufmerksam.

„Was soll es denn sonst sein?“

„Du redest schon genauso wie die daher. Such dir was, was du nicht erklären kannst, denk dir aber nichtsdestoweniger eine schöne Erklärung aus, und wenn dir jemand mit Zweifeln kommt, dann frag, was soll es denn sonst sein. Aber das ist kein Beweis, Ira.“

„Da hast du recht, Schlappohr“, gab Warren zu. „Es ist tatsächlich kein Beweis, und gerade das macht mir Sorgen. Wir bezweifeln in keiner Weise, daß der Trödelkram da draußen ein Raumschiffmotor ist, aber wir haben keinen Beweis.“

„Kein Mensch wird wohl sein Schiff landen“, sagte Schlappohr verdrießlich, „um den Schiffsmotor herauszureißen und wegzuschmeißen. Wenn sie das getan hätten, dann müßte auch das Schiff noch da sein.“

„Aber wenn es das nicht ist“, sagte Warren gequält, „was soll es denn dann sein?“

„Woher soll ich das wissen? Ich bin nicht mal neugierig, ich wird mich hüten, mir unnötig Kopfschmerzen zu machen.“ Er stand auf und machte einen Schritt auf die Tür zu.

„Na, was wär’s mit der Flasche, Ira?“

„Nein danke“, sagte Warren. Er blieb sitzen und lauschte Schlappohrs Schritten, die die Treppe hinunterklapperten.

2

Kenneth Spencer, der Fremdpsychologe, kam in die Kabine und ließ sich auf den Stuhl sinken, in dem vorher Schlappohr gesessen hatte.

„Wir sind endlich fertig“, sagte er.

„Sie sind nicht fertig“, sagte Warren. „Sie haben noch nicht einmal angefangen.“

„Wir haben getan, was wir konnten.“

Warren knurrte nur.

„Wir haben alle möglichen Versuche angestellt“, sagte Spencer. „Wir haben ein ganzes Buch voller Analysen. Wir haben jeden Teil in allen Einzelheiten fotografiert. Wir haben alles schwarz auf weiß – in Diagrammen, Notizen…“

„Dann sagen Sie mir eines. Was ist das Zeug da draußen?“

„Es ist ein Raumschiffmotor.“

„Wenn es ein Motor ist“, sagte Warren, „warum bauen wir ihn dann nicht zusammen? Lassen Sie uns herausfinden, wie er arbeitet und was für eine Art Intelligenz ihn mit größter Wahrscheinlichkeit konstruiert haben kann.“

„Wir haben es ja schon versucht“, antwortet Spencer. „Wir alle haben es versucht. Einige von uns besaßen nicht das dazu nötige Spezialwissen, aber sie taten trotzdem ihr Bestes. Sie halfen denen, die es hatten.“

„Ich weiß, wie hart Sie gearbeitet haben.“

Und sie hatten wirklich hart gearbeitet, hatten sich nur ab und zu ein paar Stunden Schlaf gegönnt, und gegessen hatte jeder nur so nebenbei, wenn er gerade Zeit fand.

„Wir haben es eben mit fremden Intelligenzen und ihrer Auffassung von Mechanik zu tun“, sagte Spencer.

„Wir befassen uns schließlich nicht zum erstenmal mit fremden Begriffsvorstellungen“, erinnerte ihn Warren. „Fremdökonomie und Fremdreligionen und Fremdpsychologie…“

„Dieser Fall liegt anders.“

„Nicht so sehr anders. Nehmen Sie Pollard, zum Beispiel. Er ist der Mann, auf den es in diesem Fall hauptsächlich ankommt. Würden Sie nicht auch sagen, daß Pollard die Lösung hätte finden müssen?“

„Wenn es überhaupt eine Lösung gibt, dann ist Pollard Ihr Mann. Er hat alles – die theoretischen Kenntnisse, die Erfahrung und Phantasie.“

„Sie glauben also, wir sollten aufgeben?“ fragte Warren. Um mir das zu sagen, sind Sie doch gekommen, nicht wahr? Sie sind der Meinung, daß wir hier nur noch unsere Zeit verschwenden, wie?“

„Ja, das ist allerdings meine Meinung“, kam die Bestätigung.

„Also schön“, sagte Warren. „Wenn Sie es sagen, dann bleibt mir nichts übrig, als es zu akzeptieren. Wir starten nach dem Abendessen. Ich werde Schlappohr sagen, daß er einen Festschmaus herrichtet. Damit wir unseren Erfolg feiern können.“

„Das brauchen Sie uns nicht ausdrücklich unter die Nase zu reiben“, beschwerte sich Spencer. „Wir sind gewiß nicht stolz auf unseren Erfolg.“

Warren stemmte sich aus seinem Sessel hoch. „Ich gehe jetzt runter und sage Mac, daß er seine Motoren anheizen soll. Auf dem Wege werde ich gleich Schlappohr Bescheid geben.“

Spencer sagte: „Ich mach mir Sorgen, Warren.“

„Die mach ich mir auch. Und worüber machen Sie sich welche?“

„Wer sind diese Wesen, diese Leute mit diesem anderen Raumschiff? Das ist der erste Hinweis auf eine andere raumfahrende Rasse, den wir hier bekommen haben. Und was ist ihnen hier zugestoßen?“

„Bange?“

„Ja. Sie nicht?“

„Noch nicht“, sagte Warren. „Ich werde es vermutlich sein, wenn ich erst einmal Zeit finde, alles richtig zu überdenken.“

3

Er fand Mac in seiner Koje. Mac schmauchte seine schwarze Pfeife und blätterte in seiner mit Eselsohren verzierten Bibel herum.

„Gute Nachrichten“, sagte Warren zu ihm.

Mac legte das Buch hin und nahm seine Brille ab. „Es gibt nur eine einzige gute Nachricht, die Sie mir bringen können“, sagte er.

„Das ist sie. Machen Sie alles startklar. Wir fliegen ab.“

„Wann, Sir? Was nicht heißt, daß es mir nicht schnell genug gehen kann.“

„In ein paar Stunden oder so“, sagte Warren. „Wir essen noch zu Abend und verladen. Ich gebe Ihnen endgültig Bescheid.“

Der Schiffsingenieur klappte seine Brille zusammen und verstaute sie in seiner Tasche. Dann klopfte er die Pfeife aus und klemmte sie sich wieder zwischen die Zähne.

„Mir hat dieser Ort nie ganz behagt“, sagte er.

„Das geht Ihnen überall so.“

„Die Türme sind irgendwie unheimlich.“

„Sie sind verrückt, Mac. Hier gibt es keine Türme.“

„Ich bin mit den Jungs mal ein bißchen spazierengegangen“, sagte der Ingenieur. „Dabei fanden wir ein paar Türme.“

„Felsformationen, vermutlich.“

„Türme“, beharrte der Ingenieur eigensinnig.“

„Wenn ihr ein paar Türme gefunden habt“, sagte Warren inquisitorisch, „warum habt ihr das nicht gemeldet?“

„Damit diese Wissenschaftler sich auch noch darauf stürzen und wir noch einen weiteren Monat hier festsitzen?“

„Na ja, ist auch egal“, lenkte Warren ein. „Es sind wahrscheinlich gar keine Türme. Wer sollte denn auf diesem gottverlassenen Planeten auch schon Türme bauen?“

„Sie waren direkt unheimlich“, sagte Mac. „Sie sahen so düster aus. Und der Hauch von Tod und Verwesung lag über ihnen.“

„Da spricht der Kelte aus Ihnen. Der alte, abergläubische Kelte, der im Weltraum herumkutschiert und trotzdem noch immer an Feen und böse Geister glaubt. Der Geist des Mittelalters im Zeitalter der Wissenschaft.“

Mac sagte: „Gehen Sie nur hin. Es wird Ihnen genauso gehen wie mir.“

Sie schauten sich einen langen Augenblick wortlos an. Dann streckte Warren eine Hand aus und klopfte dem anderen sanft auf die Schulter. „Ich werde kein Wort über diese Türme verlieren“, sagte er. „Und jetzt kümmern Sie sich um ihre Maschinen.“

4

Warren saß schweigend am Kopf der Tafel und hörte den Gesprächen der anderen zu.

„Es war eine provisorische Arbeit“, sagte Clyne, der Physiker. „Sie haben eine Menge Zeug herausgerissen und dann ihr Triebwerk aus dem einen oder anderen Grund überholt und umgebaut. Eine Menge von dem Zeug, das sie herausgerissen haben, haben sie dann nicht mehr gebraucht. Aus irgendeinem Grunde mußten sie ihre Motoren umbauen, und sie bauten sie einfacher, als sie vorher waren. Griffen auf die Grundgedanken zurück und verzichteten auf das Drumherum – Automatik und ähnliche Geräte. Aber das neue Triebwerk muß größer und unhandlicher gewesen sein als das alte. Das würde jedenfalls erklären, warum sie einen Teil ihrer Vorräte zurückgelassen haben.“

„Aber“, fragte Dyer, der Chemiker, „was haben sie zu dem provisorischen Umbau hergenommen? Wo haben sie die Materialien herbekommen?“

Briggs, der Metallurge, sagte: „Diese Gegend steckt voller Erz. Wenn der Planet nicht so abgelegen wäre, dann wäre es eine Goldgrube.“

„Wir haben nichts entdeckt, was auf einen Erzabbau hingedeutet hätte“, gab Dyer zu bedenken. „Weder das, noch Anzeichen einer Verarbeitung.“

„Wir haben uns hier nicht allzu gründlich umgesehen“, sagte Clyne. „Nicht ausgeschlossen, daß sie ein paar Kilometer von hier gebuddelt haben, ohne daß wir je was davon zu sehen bekamen.“

Spencer sagte: „Das ist der Fehler bei diesem ganzen Unternehmen. Wir arbeiten mit Annahmen, als wären es Tatsachen. Wenn sie wirklich ein paar neue Teile gießen mußten, dann könnte es vielleicht ganz nützlich sein, wenn wir ein bißchen mehr darüber in Erfahrung bringen würden.“

„Das ändert auch nichts an der Sache“, sagte Clyne. „Die Grundtatsachen sind uns jedenfalls bekannt – ein Raumschiff machte eine Notlandung, die Maschinen wurden repariert, und dann flog es wieder ab.“

Doc Spears am unteren Ende des Tisches schlug mit der Gabel auf seinen Teller. „Ihr wißt nicht einmal sicher“, sagte er, „daß es ein Raumschiff war. Immer dieselbe alte Leier. Ich höre sie mir jetzt schon seit Wochen an. Noch nie in meinem ganzen Leben habe ich so viel Geschäftigkeit und so wenig Resultate gesehen.“

Jeder starrte ein wenig erstaunt zu dem Arzt hinunter. Doc war normalerweise von sanfter Natur, kümmerte sich gewöhnlich nur wenig um das, was um ihn vorging, und begnügte sich mit seiner täglichen Runde durch das Schiff, auf der er hin und wieder einen gequetschten Daumen oder Halsschmerzen oder sonst ein kleines Wehwehchen zu kurieren hatte. Alle an Bord hatten sich schon manchmal mit leichtem Unbehagen gefragt, was wohl passieren würde, wenn Doc mal mit einer schwierigen Sache, beispielsweise einer Operation, konfrontiert werden würde. Aber obwohl sie nicht viel Zutrauen in seine medizinischen Kenntnisse hatten, mochten sie ihn doch alle gut leiden, hauptsächlich wohl deshalb, weil er sich eben nicht in ihre Angelegenheiten einmischte.

Und hier saß er nun und tat gerade das.

Lang, der Nachrichtenoffizier, sagte: „Wir haben Spuren gefunden, Doc. Vergessen Sie das nicht. Spuren auf dem Felsboden. Die Art von Spuren, die nur ein landendes Raumschiff hinterlassen haben kann.“

„Haben kann“, sagte Doc höhnisch.

„Haben muß!“

Doc schnaufte nur verächtlich durch die Nase und wandte sich wieder seinem Teller zu, wobei er den Kopf tief gesenkt hielt und völlig unparteiisch einmal die Gabel und einmal das Messer benutzte, um sich die Speisen in den Mund zu schaufeln. Doc war berüchtigt wegen seiner Tischmanieren.

„Ich hab so ein Gefühl“, sagte Spencer, „als wären wir auf dem Holzweg, wenn wir uns die Sache nur als einfache Reparatur vorstellen. Nach der Anzahl der Teile zu schließen, die auf dem Schrottplatz herumliegen, möchte ich sagen, daß sie es notwendig fanden, eine völlige Neukonstruktion in Angriff zu nehmen, also einen ganz neuen Motor zu entwerfen, um hier wieder wegzukommen. Ich habe so das Gefühl, als ob die Teile da draußen das ganze Triebwerk und nicht nur einen Teil davon darstellen, und daß – wenn wir nur wüßten wie – wir sie zusammenbauen und einen kompletten Motor vor uns haben würden.“

„Hab ich ja versucht“, sagte Pollard.

„So ganz leuchtet mir der Gedanke von einer völligen Neukonstruktion nicht ein“, meinte Clyne. „Das würde bedeuten, daß sie das Problem von einer ganz neuen Seite hätten angehen müssen, also neue Ideen, für deren Verwirklichung kein einziges Teilstück der ursprünglichen Maschine verwendet werden konnte. Eine solche Annahme würde zwar erklären, warum so viele Teile herumliegen, aber so etwas ist einfach nicht möglich. Wer auf einem so öden Planeten wie diesem notgelandet ist, macht sich nicht die Mühe, ein völlig neues Triebwerk zu erfinden und zu bauen. Da hält man sich an das, was man weiß.“

Dyer sagte: „Und außerdem erhebt sich hier wieder die Frage, wo haben sie das nötige Material hergenommen?“

„Und die Werkzeuge“, fügte Lang hinzu. „Woher sollten sie die Werkzeuge nehmen?“

„Vermutlich haben sie eine Reparaturwerkstatt an Bord ihres Schiffes gehabt“, sagte Spencer.

„Für kleinere Reparaturen“, korrigierte ihn Lang. „Aber nicht die Art von Einrichtung, die man braucht, um einen völlig neuen Motor zu bauen.“

„Was mir am meisten Kopfzerbrechen bereitet“, sagte Pollard, „das ist unsere absolute Unfähigkeit, auch nur einen einzigen Aspekt dieser Angelegenheit zu verstehen. Ich habe versucht, diese Teile zusammenzupassen, ich habe versucht, das Verhältnis der einzelnen Teile untereinander herauszubekommen – und es muß zwischen ihnen irgendein Verhältnis existieren, denn Teile, die nicht zusammengehören, würden überhaupt keinen Sinn ergeben. Endlich bekam ich auch drei von ihnen zusammen, aber damit war ich auch schon am Ende meiner Weisheit angelangt. Als ich sie zusammen hatte, war ich nicht klüger als zuvor. Sie sagten mir einfach nichts. Und als ich versuchte, sie wieder auseinanderzunehmen, gelang mir nicht einmal das mehr. Man sollte doch denken, daß, wenn man schon einmal etwas zusammenbekommen hat, man es auch wieder auseinandernehmen könnte, oder?“

„Es war eben ein fremdes Schiff“, sagte Spencer, „von Fremden gebaut und von fremden Motoren angetrieben.“

„Trotzdem“, sagte Pollard, „irgend etwas Gemeinsames sollte doch vorhanden sein, das wir auch als solches erkennen können. Auf die eine oder andere Art und Weise sollte ihr Triebwerk wenigstens nach einem der Prinzipen gearbeitet haben, die für unsere Vorstellungen von Mechanik gelten. Ein Motor ist im Grunde nichts anderes als ein Mechanismus, der Energie im Rohzustand aufnimmt, sie verwandelt und als gelenkte Energie wieder von sich gibt. Das ist der Zweck eines jeden Motors, gleichgültig, von welcher Rasse er konstruiert wird.“

„Das Metall“, sagte Briggs, „ist eine uns völlig unbekannte Legierung, die aber auch in keiner Weise irgendwie einer uns bekannten ähnelt. Es ist uns zwar gelungen, ihre Bestandteile zu bestimmen, aber die Formel – einmal aufs Papier gebracht – liest sich wie ein surrealistisches Dada-Gedicht. Eine solche Verbindung ist eine Unmöglichkeit, würde es jedenfalls auf der Erde sein. Sie enthält irgendein Geheimnis, das so verborgen ist, daß ich nicht einmal eine Vermutung äußern möchte.“

Doc sagte vom Ende des Tisches: „Ich muß Ihnen zu Ihrer Bescheidenheit gratulieren, Mr. Briggs.“

„Lassen Sie das, Doc“, befahl Warren in scharfem Ton und mischte sich zum erstenmal in das Gespräch ein.

„Na schön“, sagte Doc, „wenn Sie es wollen, Ira, dann lasse ich das.“

5

Warren stand vor dem Schiff und schaute über das Land. Der Abend verblaßte zur Nacht, und der Schrottplatz war jetzt nur noch ein grotesk geformter dunkler Schattenfleck auf dem Hügel.

Einmal – und das war gar nicht so lange her – hatte hier ein anderes Schiff gestanden, nur wenige Meter von der Stelle entfernt, wo sein Schiff jetzt ruhte. Ein anderes Schiff – eine andere Rasse. Und irgend etwas war mit diesem Schiff geschehen, etwas, das die Wissenschaftler seines Schiffes ausfindig zu machen versucht hatten. Es war nicht nur eine Reparatur gewesen, dessen war er sich sicher. Gleichgültig, wie auch die Meinung der anderen war, es war beträchtlich mehr gewesen.

Sie hatten sich in irgendeiner Art von Notlage befunden, in einer Situation seltsamer Dringlichkeit. Sie hatten den Planeten in solcher Hast verlassen, daß sie dabei sogar auf die Mitnahme ihrer Vorräte verzichtet hatten. Kein Kommandant eines Raumschiffs – sei er ein Mensch oder ein Fremder – würde freiwillig einen Teil seiner Vorräte preisgeben, außer in einer Notlage, in der es um Tod oder Leben ging.

Auch Nahrungsmittel befanden sich in dem Vorratsstapel – wenigstens hatte Dyer behauptet, daß es Nahrungsmittel waren, obwohl sie nicht so aussahen. Und dann die Kunststoffflaschen mit der giftigen Flüssigkeit, die – was sich nicht von der Hand weisen ließ – vielleicht das Äquivalent eines irdischen Whiskys war. Und niemand – Mensch oder Fremder -, so sagte sich Warren, läßt Lebensmittel und Whisky zurück, außer im äußersten Notfall.

Er schritt langsam den Pfad entlang, den viele Füße zwischen dem Schiff und dem Schrottplatz ausgetreten hatten, und es wurde ihm bewußt, daß er in einer Stille ging, die genauso tief war wie die erhabene und schreckliche Stille des Weltraums. Hier gab es nichts, das den geringsten Laut verursachte. Hier gab es kein Leben, außer den Moosen und Flechten und den anderen primitiven Pflanzen, die zwischen dem Felsgestein ihr Dasein fristeten. Später würde es sicher auch anderes Leben geben, denn der Planet besaß Luft und Wasser und Mineralien und die anderen Voraussetzungen für einen fruchtbaren Boden, und in einer weiteren Milliarde von Jahren vielleicht würde es hier von Leben wimmeln, das genauso komplex war wie das auf der Erde.

Aber eine Milliarde Jahre, dachte er, ist eine lange, lange Zeit. Er erreichte den Schrottplatz und schritt über den vertrauten Boden, wich hier und da den größeren Stücken aus, die als dunkle Schatten emporragten, stolperte ab und zu über die kleineren Teile, die die Dunkelheit unsicher machten.

Als er das zweite Mal stolperte, bückte er sich und hob den Gegenstand auf, über den er gestolpert war, und es war, das wußte er plötzlich, eines der Werkzeuge, die die fremde Rasse bei ihrer Flucht zurückgelassen hatte. Er konnte sie sich bildhaft vorstellen, wie sie ihre Werkzeuge fallen ließen und flohen, aber das Bild war etwas verschwommen. Er konnte sich nicht klarwerden, was für ein Aussehen er diesen Fremden verleihen sollte, und er konnte nicht erkennen, wovor sie geflohen waren.

Er warf das Werkzeug in die Luft und fing es wieder auf. Es war leicht und handlich, und zweifellos besaß es irgendeinen Verwendungszweck, aber er wußte nicht welchen, konnte es nicht einmal ahnen. Und niemand konnte es ihm verraten. Hand oder Saugarm, Klaue oder Pfote – wie hatte das Glied wohl ausgesehen, das dieses Werkzeug umklammert hielt? Wie war der Geist wohl beschaffen, der es oder sie oder ihn lenkte?

Er blieb stehen und beugte sich zurück und blickte empor zu den Sternen, die diesen Planeten beschienen und nicht die vertrauten Sterne seiner Kindheit waren.

Weit draußen, dachte er, weit draußen. So weit draußen wie noch kein Mensch vor ihm.

Ein Geräusch ließ ihn zusammenfahren, und er wandte sich um. Es war das Geräusch eiliger Füße, die den Pfad entlanggerannt kamen.

„Warren!“ schrie eine Stimme. „Warren! Wo sind Sie?“

Furcht klang aus dieser Stimme, der verzweifelte Klang des Entsetzens, das man auch in den Schreien eines verängstigten Kindes hört.

„Warren!“

„Hier!“ rief Warren. „Hier bin ich. Ich komme.“

Er setzte sich in Bewegung und hastete in großen Sätzen dem Mann entgegen, der in der Dunkelheit auf ihn zugelaufen kam. Der Mann wäre fast an ihm vorbeigerannt, hätte er nicht eine Hand ausgestreckt und ihn bei der Schulter zu fassen bekommen.

„Warren! Sind Sie das?“

„Was ist los, Mac?“ fragte Warren.

„Ich kann… ich kann nicht… ich…“

„Was ist passiert? Los, erzählen Sie schon! Was können Sie nicht, Mac?“

Er spürte die zitternden Hände des Ingenieurs auf seinem Körper, die nach ihm tasteten, seine Jacke zu fassen bekamen und sich daran klammerten, als hätte er Angst, zu ertrinken.

„Also los, also los“, drängte ihn Warren mit der Ungeduld der Beunruhigung.

„Ich bekomme die Motoren nicht an, Sir“, sagte Mac.

„Sie – was?“

„Ich bekomme sie nicht an, Sir. Und auch keiner der anderen. Keiner von uns bekommt sie an, Sir.“

„Die Motoren!“ sagte Warren. Seine Unruhe wurde größer, wurde zur Angst. „Was ist mit den Motoren?“

„Mit den Motoren ist nichts. Wir sind es, Sir. Wir können sie nicht anbekommen.“

„Sprechen Sie endlich vernünftig, Mann. Warum können Sie es nicht?“

„Wir wissen nicht mehr, wie. Wir haben vergessen, wie man die Motoren startet!“

6

Warren knipste die Schreibtischlampe an und suchte unter den Büchern auf dem Regal.

„Hier ist es ja, Mac“, sagte er. „Ich wußte, hier mußte es sein.“

Er nahm das Buch herunter und schlug es auf. Hastig durchblätterte er die Seiten. Hinter ihm konnte er das angespannte, verängstigte Atmen des Ingenieurs hören.

„Es ist schon in Ordnung, Mac. Es steht alles hier in dem Buch.“ Er blätterte zu weit, mußte ein paar Seiten zurückschlagen, fand die Stelle und breitete dann das Buch unter der Lampe aus.

„Jetzt also“, sagte er, „werden wir diese Motoren anbekommen. Hier steht es ja…“

Er versuchte zu lesen und konnte es nicht.

Er konnte die Wörter verstehen und die Symbole, aber die Summe der Wörter ergab wenig Sinn, und die Symbole überhaupt keinen. Er spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach, seine Stirn herunterrann und sich in seinen Augenbrauen sammelte. Wie er seine Achselhöhlen benetzte und entlang seinen Rippen lief.

„Was ist denn nun wieder los, Skipper?“ fragte Mac. „Was haben Sie?“

Warren merkte, wie sein Körper sein Äußerstes tat, um zittern zu können, und sich trotzdem nicht zu bewegen vermochte. Er war wie versteinert.

„Das ist das Maschinen-Handbuch“, sagte er. Seine Stimme war völlig tonlos. „Hier steht alles drin, was man über sie wissen muß – wie sie arbeiten, wie man Schäden feststellt und repariert.“

„Dann ist ja alles in Ordnung“, atmete Mac erleichtert auf.

„Nein, das ist es nicht, Mac. Ich habe die ganzen mathematischen Symbole vergessen und den größten Teil der Terminologie.“

„Sie haben was?“

„Ich kann das Buch nicht mehr lesen“, sagte Warren.

„Das gibt es doch einfach nicht“, widersprach Spencer.

„Das kann es nicht nur geben“, sagte Warren, „das hat es sogar schon gegeben. Ist etwa einer unter Ihnen, der das Buch lesen kann?“

Er erhielt keine Antwort.

„Wenn es einen gibt, der es kann“, forderte Warren sie auf, „dann soll er herkommen und es uns zeigen.“

Clyne sagte leise: „Keiner von uns kann es lesen.“

„Und doch“, verkündete Warren, „würde noch vor einer Stunde ein jeder von Ihnen – jeder einzelne von Ihnen – höchstwahrscheinlich um seinen Kopf gewettet haben, daß er – wenn nötig – die Maschinen anlassen könnte, und wenn er nicht gewußt hätte, wie, dann hätte er zumindest das Handbuch zu Rate ziehen können.“

„Das stimmt“, sagte Clyne. „Wir hätten um unseren Kopf gewettet. Noch vor einer Stunde. Es wäre eine Wette ohne jedes Risiko gewesen.“

„Das glauben Sie“, sagte Warren. „Aber woher wissen Sie, wieviel Zeit schon vergangen ist, seit Sie das Handbuch nicht mehr lesen konnten?“

„Natürlich kann man das nicht sagen“, war Clyne gezwungen zuzugeben.

„Da ist noch etwas. Sie haben die Lösung des Schrottplatzproblems nicht gefunden. Sie glaubten, sie gefunden zu haben, aber in Wirklichkeit haben Sie es nicht. Und doch hätten Sie sie finden sollen. Sie wissen verteufelt gut, daß Sie sie hätten finden sollen.“

Clyne erhob sich von seinem Stuhl. „Also jetzt hören Sie mal, Warren…“

„Setzen Sie sich“, sagte Spencer. „Warren hat vollkommen recht. Wir haben sie nicht gefunden, und das wissen wir. Wir haben einfach geraten und das als Tatsache hingestellt. Und auch da hat Warren recht – wir hätten sie finden sollen.“

Unter anderen Umständen, so dachte Warren, würden sie ihn wegen seiner Offenheit gehaßt haben, aber das war jetzt nicht möglich. Sie saßen einfach da, und er konnte ihnen ansehen, wie ihnen allmählich die Wahrheit dämmerte.

Dyer sagte schließlich: „Sie meinen, wir haben versagt, weil wir vergaßen – so wie Mac alles vergessen hat?“

„Sie haben einige Ihrer Fertigkeiten verloren“, antwortete Warren, „einige Ihrer Fertigkeiten und Kenntnisse. Sie haben genauso angestrengt gearbeitet wie sonst auch. Aber es kam nichts dabei raus. Ohne es zu wissen, taten Sie nur so als ob. Sie besaßen einfach nicht mehr Ihre alten Kenntnisse und Fertigkeiten, das ist alles.“

„Und jetzt?“ fragte Lang.

„Ich habe keine Ahnung.“

„Das war es, was mit dem anderen Schiff passiert ist“, sagte Briggs mit Betonung.

„Möglich“, gab ihm Warren mit weniger Überzeugung zurück.

„Aber es gelang ihnen zu entkommen“, sagte Clayne.

„Das wird uns auch gelingen“, versprach Warren. „Irgendwie.“

8

Die Mannschaft des anderen, des fremden Schiffes hatte offenbar auch alles vergessen. Aber irgendwie war es ihnen gelungen zu entkommen – irgendwie hatten sie ihre Erinnerung wiedergewonnen oder sich einfach gezwungen, sich zu erinnern. Aber wenn es nur darum ging, sich an Vergessenes wieder zu erinnern, warum hatten sie dann ihr Triebwerk umgebaut? Sie hätten genauso gut ihr eigenes altes benutzen können.

Warren lag in seiner Koje und starrte in das Dunkel des Raums. Er wußte, daß kaum einen halben Meter über ihm sich eine Stahlplatte befand, aber er konnte sie nicht sehen. Und er wußte, daß es einen Weg gab, die Motoren in Gang zu bringen – einen einfachen Weg, sobald man ihn kannte oder sich an ihn erinnerte – aber auch diesen konnte er nicht sehen.

Der Mensch sammelte Erfahrungen, bereicherte sein Wissen, erlebte Gefühlsregungen – und dann, im Laufe der Zeit, vergaß er die Erfahrungen, das Wissen, die Gefühle. Das Leben war ein einziges Vergessen. Erinnerungen gingen verloren, Wissen verblaßte und Kenntnisse wurden vergessen, aber es nahm Zeit in Anspruch. Das gab es nicht, an einem Tag etwas zu wissen und es schon am nächsten Tag wieder vergessen zu haben.

Aber hier auf dieser öden Welt war dieser Prozeß des Vergessens auf irgendeine unglaubliche Art und Weise beschleunigt worden. Auf der Erde dauerte es Jahre, bis man ein Erlebnis oder eine einmal erworbene Fertigkeit vergaß. Hier geschah das über Nacht.

Er versuchte zu schlafen und konnte nicht. Dann gab er es auf, stand auf, zog sich an und stieg die Treppe hinunter zur Schleuse und trat hinaus in die Nacht.

Eine leise Stimme sagte: „Bist du das, Ira?“

„Ja, Schlappohr. Ich konnte nicht einschlafen. Ich mache mir Sorgen.“

„Du machst dir immer Sorgen“, sagte Schlappohr und rülpste. „Das ist bei dir schon zur Berufskrankheit geworden.“

„Wir sitzen in der Klemme, Schlappohr.“

„Ich hab Planeten gekannt“, sagte Schlappohr, „da wär’s mir egal gewesen, wenn man mich dort ausgesetzt hätte, aber der hier gehört nicht dazu. Der hier, der ist wirklich und wahrhaftig das Hinterteil des Universums.“

Sie standen nebeneinander in der Dunkelheit. Die fremden Sterne kreisten über ihnen, und der schweigende Planet verdämmerte hinter einem nebelhaften Horizont.

„Irgend etwas stimmt hier nicht“, fuhr Schlappohr fort. „Ich kann’s direkt riechen. Die Neunmalgescheiten drinnen im Schiff haben gesagt, es gäbe hier nichts, weil sie nichts finden konnten. Und in den Büchern, die sie lesen, steht, daß es auf einem Planeten aus Fels und Moos auch nicht viel geben kann. Aber ich, ich habe schon eine Menge Planeten gesehen. Ich hab mich schon im Weltraum herumgetrieben, als die meisten von denen noch in den Windeln lagen, und meine Nase sagt mir mehr über einen Planeten als ihre ganze Gescheitheit auf einen Haufen.“

„Ich glaube, du hast recht“, bekannte Warren. „Ich habe das gleiche Gefühl. Seit kurzem wenigstens. Vielleicht ist es auch nur deswegen, weil wir uns jetzt zu fürchten beginnen, daß wir es fühlen können.“

„Ich hab’s schon gespürt, bevor ich mich zu fürchten begann.“

„Wir hätten uns eingehender umsehen sollen. Das war unser Fehler. Aber wir hatten soviel mit dem Schrottplatz zu tun, daß uns das einfach nicht eingefallen ist.“

„Mac hat mal einen kleinen Spaziergang gemacht“, sagte Schlappohr. „Sagt, er hätte ein paar Türme gefunden.“

„Das hat er mir auch erzählt.“

„Mac war direkt ein bißchen weiß um die Nase, als er mir davon erzählte.“

„Er erwähnte, daß ihm bei ihrem Anblick nicht ganz wohl zumute war.“

„Wenn es irgendeine Stelle geben würde, wohin er sich verkriechen könnte. Dann hätte er sich schon dorthin verkrochen.“

„Morgen früh“, sagte Warren, „gehen wir los und schauen uns diese Türme an.“

9

Es waren tatsächlich richtige Türme, acht Stück in einer Reihe nebeneinander, als wären sie Teil einer langen Kette von Wachttürmen, die sich früher einmal über den ganzen Planeten gezogen hatte. Aber etwas war ihnen widerfahren, und sie waren zusammengestürzt und vergangen, und nur diese acht waren übriggeblieben.

Sie waren aus unbehauenen, roh übereinander geschichteten Felsplatten ohne jeden Mörtel gebaut. Kleinere Platten und Keile waren in die Zwischenräume gezwängt und verliehen der ganzen Konstruktion eine größere Standfestigkeit. Es waren Türme, wie eine primitive Rasse sie gebaut haben konnte, und sie sahen sehr alt aus. Am Fuß besaßen sie vielleicht einen Durchmesser von zwei Metern. Nach oben verjüngten sie sich leicht, und jeder von ihnen war gekrönt mit einem riesigen flachen Stein, auf dem, um ihn zu beschweren, noch ein Felsblock ruhte.

Warren sagte zu Ellis: „Das ist Ihre Branche. Schauen Sie sich mal um.“

Der kleine Archäologe gab keine Antwort. Er umschritt den am nächsten stehenden Turm, trat dann nahe heran und untersuchte ihn. Er stemmte seine Hände dagegen und tat so, als ob er die Absicht hätte, den Turm zu schütteln, aber der Turm rührte sich nicht.

„Solide“, sagte er. „Solide gebaut und alt.“

„Typ F-Kultur, würde ich sagen“, meinte Spencer.

„Vielleicht noch niedriger. Kein Versuch einer ästhetischen Wirkung – nackte Zweckmäßigkeit. Aber gute Arbeit.“

Clyne sagte: „Wichtiger ist, was für einen Zweck er erfüllen sollte. Wozu hat man sie wohl gebaut?“

„Silos“, sagte Spencer.

„Eine Markierung“, widersprach Lang. „Eine Grenzmarkierung, oder für ein geheimes Versteck…“

„Wir können es herausfinden“, sagte Warren. Wir brauchen deswegen weder zu streiten noch herumzuraten. Wir brauchen nur den Felsblock da oben herunterzuwerfen, die Platte zu heben und hineinzuschauen.“

Er trat auf den Turm zu und begann hinaufzuklettern. Es war nicht schwierig, denn es gab genügend Vertiefungen, um Händen und Füßen Halt zu geben. Dann war er oben.

„Aufpassen da unten!“ schrie er und stemmte sich gegen den Felsblock. Der Block wackelte ein wenig und fiel dann wieder zurück. Er nahm seine ganzen Kräfte zusammen und drückte noch einmal, und dieses Mal hatte er Erfolg. Der Stein stürzte hinunter, prallte auf den harten Boden auf und rollte immer schneller den Abhang hinab, wobei er gegen andere Gesteinsbrocken auf seinem Weg prallte und tolle Luftsprünge vollführte.

Warren sagte: „Schmeißt mir ein Seil herauf. Ich schlinge es um die Platte, und dann können wir sie herunterziehen.“

„Wir haben kein Seil“, sagte Clyne.

„Dann soll einer zurück zum Schiff laufen und eins holen. Ich warte hier oben, bis er wiederkommt.“

Briggs machte sich auf den Weg.

Warren richtete sich auf. Von der Spitze des Turmes hatte er einen weiten Blick über das Land. Langsam drehte er sich im Kreise, während er die Gegend mit den Blicken absuchte.

Irgendwo in der Nähe, dachte er, mußten die Männer – nein, nicht die Männer, sondern die Wesen, die diese Türme gebaut hatten – ihre Wohnstätten gehabt haben. Im Umkreis von ein oder zwei Kilometern mußte vor Zeiten einmal eine Siedlung bestanden haben. Denn der Bau der Türme hatte Zeit gekostet, und das bedeutete, daß ihre Erbauer sich zumindest vorübergehend hier niedergelassen haben mußten.

Aber es war nichts zu sehen – nichts außer sich endlos dehnenden Geröllfeldern und hochaufragenden gezackten Felsformationen und dem primitiven Pflanzenwuchs, der alles überzog.

Wovon hatten sie gelebt? Warum waren sie hier gewesen? Was hatten sie hier zu schaffen gehabt? Was hatte sie hierher gelockt? Was würde sie hier gehalten haben?

Er hielt abrupt inne. Kaum glaubte er seinen Augen trauen zu können, Sorgfältig fuhr er mit seinen Blicken den Umrissen nach und vergewisserte sich, daß es nicht das von einem fernen Geröllfeld reflektierte Licht war, das ihn narrte.

Es konnte nicht sein, sagte er zu sich selbst. Es kann einfach nicht dreimal passieren. Er mußte sich täuschen. Er zog den Atem scharf durch die Zähne, hielt ihn an und wartete darauf, daß die Illusion sich in Nichts auflösen würde.

Sie tat es nicht. Das Ding war dort und blieb dort.

„Spencer!“ rief er. „Spencer, bitte kommen Sie doch mal herauf!“

Er fuhr fort, zu seiner Entdeckung hinüberzustarren. Er hörte, wie Spencer auf den Turm heraufgekraxelt kam. Er streckte ihm eine Hand entgegen und half ihm auf die Platte.

„Schauen Sie dorthin“, sagte Warren und deutete mit einem Finger. „Was sehen Sie dort?“

„Ein Schiff!“ rief Spencer. „Dort drüben steht ein Raumschiff!“

10

Das Raumschiff war alt, unvorstellbar alt. Es war ganz rot vor Rost; man konnte mit der Hand über seine Metallhaut streifen, und der Rost rieselte in dichten Flocken hernieder, und die Hand war ganz rot.

Die Luftschleuse war früher einmal geschlossen gewesen, aber jemand hatte ein Loch hindurchgebrochen, ohne sie vorher zu öffnen, denn der Rahmen befand sich immer noch an Ort und Stelle, und nur durch die gezackte Öffnung konnte man in das Innere des Schiffes gelangen. Viele Meter weit um die Schleuse war der Boden mit dem Rot des Rostes gefärbt.

Sie kletterten hinein. Drinnen war keine Spur von Rost zu sehen. Alles war noch heil und unversehrt, nur eine dünne Staubschicht bedeckte jede Oberfläche. Durch den Staub auf dem Fußboden lief eine Spur, die viele Füße hinterlassen haben mußten, und einzelne Fußspuren, wo deren Urheber beiseite getreten waren. Es waren fremde Fußspuren mit einer breiten Ferse und drei großen Zehen, ähnlich denen, die ein großer Laufvogel oder einer jener schon lange ausgestorbenen Dinosaurier der Erde hinterlassen würde.

Die Spur führte durch das Schiff hinunter in den Maschinenraum, und dort stand der leere Sockel. Die Motoren waren verschwunden.

„Auf diese Weise sind sie also weggekommen“, sagte Warren. „Die, die ihre Motoren herausgerissen haben. Sie holten sich die Motoren dieses Schiffes, bauten sie in ihr Schiff ein und flogen ab.“

„Aber woher konnten sie wissen…“ wendete Clyne ein.

„Offensichtlich wußten sie es“, unterbrach ihn Warren unhöflich. Spencer sagte: „Sie müssen es gewesen sein. Dieses Schiff steht hier schon eine sehr lange Zeit – das sieht man an dem Rost. Und es war hermetisch verschlossen, weil im Inneren kein Rost zu sehen ist. Das Loch wurde erst kürzlich durch die Schleuse gebrochen, und dann wurden die Motoren herausgeholt.“

„Das bedeutet also“, sagte Lang, „daß sie tatsächlich ihre eigenen Motoren auf den Abfallhaufen warfen. Sie rissen sie heraus und bauten an ihre Stelle das Triebwerk dieses Schiffes ein.“

„Aber warum?“ fragte Clyne. „Warum mußten sie das tun?“

„Weil“, sagte Spencer, „sie vergessen hatten, auf welche Weise sie ihre eigenen Motoren in Gang bringen konnten.“

„Aber wenn sie das vergessen hatten, woher wußten sie dann wie sie diese hier in Betrieb setzen konnten?“

„Jetzt hat er Sie“, sagte Dyer. „Diese Frage können Sie wohl nicht beantworten.“

„Nein, das stimmt“, sagte Warren achselzuckend. „Ich wünschte allerdings, ich könnte es, dann hätten wir auch die Lösung unseres Problems.“

„Vor wie langer Zeit“, fragte Spencer, „schätzen Sie, ist dieses Schiff wohl hier gelandet? Wie lange würde der Rumpf eines Raumschiffes wohl brauchen, um so zu verrosten?“

„Das läßt sich schwer sagen“, beantwortete Clyne seine Frage. „Das hängt von der verwendeten Metallart ab. Aber darauf können Sie sich verlassen – der Rumpf eines Raumschiffes, egal welche Rasse es gebaut hat, wird aus dem widerstandsfähigsten Metall bestehen, das diese Rasse überhaupt herzustellen in der Lage ist.“

„Tausend Jahre?“ meinte Warren.

„Ich weiß es nicht“, sagte Clyne. „Vielleicht tausend Jahre, vielleicht auch mehr. Schauen Sie sich diesen Staub hier an. Das ist alles, was von der organischen Substanz übriggeblieben ist, die sich einmal hier im Schiff befunden hat. Wenn die Wesen, die mit diesem Schiff ankamen, hier drin geblieben sind, dann befinden sie sich immer noch hier in Form von Staub.“

Warren versuchte nachzudenken, versuchte sich die chronologische Folge der Ereignisse klarzumachen.

Vor tausend Jahren, oder vor Tausenden von Jahren, war hier ein Raumschiff gelandet und nicht wieder weggekommen.

Dann war ein zweites Raumschiff gelandet, tausend oder Tausende von Jahren später, und auch das war nicht mehr fähig, den Planeten zu verlassen. Doch endlich war es entkommen, nachdem seine Mannschaft dieses Schiff hier seiner Motoren beraubt und sie an Stelle derjenigen installiert hatte, die das Schiff hergebracht hatten.

Dann war Jahre oder Monate oder Tage später ein irdisches Vermessungsschiff gelandet und saß nun in der gleichen Falle. Es war zum Dableiben verdammt, weil die Männer, die es bemannten, vergessen hatten, wie seine Motoren in Gang gebracht wurden.

Er drehte sich um und verließ den Maschinenraum, ohne sich weiter um die anderen zu kümmern, die ihm verblüfft nachsahen. Er folgte der Wegspur in dem Staub bis zu der aufgebrochenen Schleuse…

Und dort, wenige Schritte von ihr entfernt, fand er Briggs, der auf dem Fußboden hockte und mit ausgestrecktem Zeigefinger Kringel in den Staub malte – Briggs, der zum Schiff zurückgegangen war, um ein Seil zu holen.

„Briggs!“ sagte Warren scharf. „Briggs, was tun Sie hier?“

Briggs schaute auf mit ausdruckslosen, lachenden Augen.

„Geh weg“, sagte er. Dann fuhr er fort, seine Kringel zu malen.

11

Doc Spears sagte: „Briggs ist wieder zum Kind geworden. Sein Verstand ist momentan nicht größer als der eines einjährigen Kindes. Er kann sprechen, was wohl der einzige Unterschied zwischen ihm und einem wirklichen Kind ist. Aber sein Wortschatz ist beschränkt, und was er sagt, ist nicht sehr sinnvoll.“

„Und wird sich dieser Zustand wieder bessern?“ fragte Warren.

Das kann ich nicht sagen.“

„Spencer hat sich ihn ja auch angeschaut. Was meint er?“

„Spencer meint so Verschiedenes“, erklärte ihm Doc. „Im wesentlichen läuft es praktisch auf einen Totalverlust des Gedächtnisses hinaus.“

„Und was können wir unternehmen?“

„Ihn im Auge behalten. Aufpassen, daß er sich nicht weh tut. Nach einer Weile können wir es vielleicht mit Unterricht versuchen. Möglich, daß er sogar einige Dinge von selber wieder lernt. Irgend etwas ist ihm widerfahren. Ob das, was immer ihm sein Gedächtnis stahl, auch sein Hirn beschädigt hat, kann ich nicht sagen. Es scheint nicht der Fall zu sein, aber ohne eine Menge diagnostischer Hilfsmittel, die wir nicht zur Verfügung haben, ist es unmöglich, sich ein endgültiges Urteil zu bilden.“

„Anzeichen einer Verletzung sind nicht zu finden?“

„Aber auch nicht die kleinste Wunde“, sagte Doc. „Er ist nicht verletzt. Des heißt, nicht körperlich. Es ist nur sein Verstand, der Schaden gelitten hat. Vielleicht nicht mal sein Verstand – er hat eben nur sein Gedächtnis verloren.“

„Gedächtnisschwund?“

„Nein, nicht das. Wenn man darunter leidet, ist man ganz konfus. Man bekommt den Gedanken nicht los, daß man etwas vergessen hat. Man ist ganz wirr im Kopf, ganz durcheinander. Briggs ist weder das eine noch das andere. Er scheint völlig glücklich und zufrieden zu sein.“

„Sie werden sich um ihn kümmern, Doc? Ihn im Auge behalten?“

Doc schnaufte, stand auf und ging.

Warren rief ihm nach: „Wenn Sie Schlappohr sehen, sagen Sie ihm, er soll mal raufkommen.“

Doc tapste die Treppe hinunter.

Warren saß da und starrte auf die leere Wand.

Zuerst hatten Mac und seine Leute vergessen, wie sie ihre Motoren starten mußten. Das war der erste Hinweis auf das, was vor sich ging – der erste erkennbare Hinweis -, denn es ging schon eine lange Zeit so, lange bevor Mac entdeckte, daß er seine Motorenkunde vergessen hatte.

Die Wissenschaftler hatten einige ihrer Fertigkeiten und einen Teil ihres Wissens gleich am Anfang eingebüßt. Wie sonst konnte man sich die vielen fürchterlichen Schnitzer erklären, die sie sich bei der Schrottplatzgeschichte geleistet hatten? Unter normalen Umständen hätten sie bestimmt die dort herumliegenden Maschinenteile und die sauber aufgestapelten Vorräte zum Reden gebracht. Sie hatten zwar ein paar Dinge herausbekommen, aber die besagten gar nichts. Unter normalen Umständen hätten sie aber außerordentlich viel besagen sollen.

Er hörte Schritte die Treppe heraufkommen, aber sie waren zu präzis, um von Schlappohr stammen zu können.

Es war Spencer.

Spencer ließ sich auf einen der Stühle fallen. Er saß da und öffnete und schloß seine Hände und starrte sie in hilflosem Zorn an.

„Nun?“ fragte Warren. „Etwas Neues?“

„Briggs war in diesem ersten Turm“, sagte Spencer. „Allem Anschein nach kletterte er allein auf den Turm, knüpfte das Seil um die Deckplatte und zog sie herunter. Die Platte liegt unten am Fuß des Turms. Das Seil ist noch dran.“

Warren nickte. „Das hätte er schaffen können. Die Deckplatte ist nicht zu schwer. Ein Mann hätte genügt.“

„In dem Turm ist etwas.“

„Haben Sie nachgesehen?“

„Nach dem, was Briggs passiert ist? Natürlich nicht. Ich habe eine Wache aufgestellt, um jedermann von dem Turm fernzuhalten. Wir können es uns nicht leisten, an dem Turm herumzuspielen, bevor wir nicht alles erst gründlich überlegt haben.“

„Was, glauben Sie, ist drin?“

„Wie kann ich das sagen?“ antwortete Spencer. „Wir haben nur einen einzigen Anhaltspunkt. Wir wissen, was es zu tun vermag. Es kann Ihnen Ihr Gedächtnis nehmen.“

„Vielleicht war panische Furcht der Grund dafür“, sagte Warren. „Irgend etwas in dem Turm, das so schrecklich…“

Spencer schüttelte den Kopf. „Briggs zeigte keine Anzeichen von Angst. Er ist völlig ruhig. Er sitzt da, glücklich wie ein kleines Kind, spielt mit seinen Fingern und babbelt dummes Zeug – wie ein richtiges Baby.“

„Vielleicht kann das, was er sagt, uns einen Fingerzeig geben. Jemand soll ihm die ganze Zeit zuhören. Selbst wenn die Worte nicht viel Sinn ergeben…“

„Das wird keinen Zweck haben. Er hat nicht nur sein Gedächtnis verloren, sondern auch die Erinnerung an das, was dafür verantwortlich ist.“

„Und was haben Sie jetzt vor?“

„Versuchen, in den Turm hineinzukommen“, sagte Spencer. „Herauszufinden, was drin ist. Es muß eine Möglichkeit geben, hineinzukommen und auch heil wieder heraus.“

„Hören Sie“, sagte Warren, „wir haben ohnehin schon genug Scherereien.“

„Ich habe so eine Vorahnung.“

„Das ist das erste Mal, daß ich dieses Wort aus Ihrem Munde höre. Ihr Wissenschaftler arbeitet nicht mit Vorahnungen, sondern mit Tatsachen.“

Spencer fuhr sich mit der flachen Hand über das Gesicht. „Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist, Warren. Ich weiß, ich habe sonst nie etwas von Ahnungen gehalten. Vielleicht ist es so, daß ich mir jetzt einfach nicht anders zu helfen weiß. Die Vorahnung kommt und tritt an die Stelle des konkreten Wissens, das ich vergessen habe.“

„Sie geben also zu, daß Sie einen Teil Ihres Wissens verloren haben?“

„Natürlich tue ich das“, sagte Spencer. „Sie hatten völlig recht mit dieser Schrottplatzgeschichte. Wir hätten bessere Resultate bringen sollen.“

„Und jetzt haben Sie so eine Vorahnung.“

„Es ist verrückt“, sagte Spencer. „Zumindest klingt es verrückt. Die Erinnerungen, dieses verlorene Wissen und diese verlorenen Fertigkeiten können nicht so einfach spurlos verschwunden sein. Vielleicht befindet sich etwas in dem Turm, das sie sich einverleibt hat. Ich habe das alberne Gefühl, daß wir sie zurückbekommen, sie uns von dem Ding zurückholen könnten, das sie genommen hat.“

Er schaute Warren herausfordernd an. „Sie glauben natürlich, bei mir ist eine Schraube locker?“

Warren schüttelte den Kopf. „Nein, das nicht. Ich klammere mich an jeden Strohhalm.“

Spencer stand schwerfällig auf. „Ich werde tun, was mir möglich ist. Ich werde mit den anderen sprechen, und wir werden alles genau überlegen, bevor wir einen neuen Versuch unternehmen.“

Als er gegangen war, rief Warren zum Maschinenraum hinunter. Macs piepsende Stimme kam aus dem Lautsprecher.

„Wie steht’s Mac. Irgendwelche Ergebnisse?“

„Aber auch kein einziges“, antwortete Mac. „Wir sitzen da und starren die Motoren an. Uns brummt der Schädel, so intensiv versuchen wir, uns zu erinnern.

„Na ja, mehr werdet ihr wohl auch nicht tun können.“

„Wir könnten natürlich herumprobieren, aber ich fürchte, daß wir damit nur Schaden anrichten.“

„Nein, faßt ja nichts an“, befahl Warren voll plötzlicher Unruhe. „Nicht das kleinste Ding anrühren. Wer weiß, was ihr alles anrichten könntet.“

„Wir sitzen einfach nur“, sagte Mac, „und starren die Motoren an und versuchen, uns zu erinnern.“

Wahnsinn, dachte Warren. Natürlich war es Wahnsinn. Dort unten saßen Männer, die dafür ausgebildet worden waren, mit Raumschiffmotoren umzugehen, die Jahre um Jahre zwischen ihnen gelebt und zwischen ihnen geschlafen hatten. Und jetzt saßen sie da und starrten sie an und wußten nicht, wie sie zu bedienen waren.

Warren stand vom Schreibtisch auf und ging langsam die Treppe hinunter. In der Kombüse fand er Schlappohr.

Schlappohr war von dem Stuhl gefallen, auf dem er gesessen hatte, lag auf dem Fußboden und schnarchte. Der ganze Raum stank nach Alkohol. Eine fast leere Flasche stand auf dem Tisch.

Warren streckte einen Fuß aus und stieß Schlappohr sanft an. Schlappohr stöhnte ein wenig in seinem Schlaf. Warren hob die Flasche auf und hielt sie gegen das Licht. Es war gerade noch genug darin für einen anständigen Schluck.

Er setzte die Flasche an und trank sie leer. Dann warf er die Flasche gegen die Wand. Die Plastikglasscherben regneten auf Schlappohrs Gesicht.

Schlappohr hob eine Hand und wischte sie weg, als verscheuche er eine Fliege. Dann schlief er weiter. Ein leichtes Lächeln spielte um seinen Mund, und sein Verstand war im Moment gegen alle Erinnerungen, die ihm kommen konnten – gute oder schlechte – gefeit.

12

Sie verschlossen den Turm wieder mit einer Deckplatte und errichteten dann darüber ein Dreigestell mit einem Flaschenzug. Dann nahmen sie die Deckplatte noch einmal ab und ließen an dem Flaschenzug eine automatische Kamera in das Turminnere hinab.

Es war tatsächlich etwas in dem Turm.

Sie breiteten die Bilder auf dem Messetisch aus und versuchten herauszufinden, was sie sich da geangelt hatten.

Das Ding sah aus wie eine Wassermelone oder wie ein riesiges Ei, das man an dem einen Ende leicht aufgeschlagen hatte, damit es aufrecht stehen kann. Winzige Haare sprossen überall aus seinem Körper, und einige der Härchen waren unscharf, als hätten sie sich während der Aufnahme schnell hin und her bewegt. Unten führten Zuleitungen und verschiedene Drähte in das Ei – jedenfalls schienen sie das zu sein, auch wenn sie nicht ganz so aussahen, wie man sich Zuleitungen und Drähte vorstellte.

Sie machten weitere Tests, wobei sie die Instrumente wieder mit Hilfe des Flaschenzugs hinunterließen, und stellten fest, daß das Ei lebte und das Äquivalent eines warmblütigen Tieres zu sein schien, obwohl sie sich ziemlich sicher waren, daß die Flüssigkeit in seinen Adern wohl kaum richtiges Blut war.

Es war weich und durch keinerlei feste Umhüllungen geschützt, und es pulsierte und sandte Vibrationen aus. Die kleinen Härchen, mit denen es bedeckt war, bewegten sich unaufhörlich.

Endlich legten sie die Deckplatte wieder auf. Ließen jedoch Dreibein und Flaschenzug noch stehen.

Howard, der Biologe, sagte: „Es lebt, und es ist ein Organismus irgendeiner Art, aber ich bin nicht ganz davon überzeugt, daß es ausschließlich Tier ist. Diese Drähte und Röhren führen direkt in es hinein, und man ist fast versucht, zu schwören, daß sie ein Teil von ihm sind. Und schauen Sie sich diese – wie soll ich sie nennen? – diese Erhebungen an. Sie sehen genauso aus, als wären es Anschlüsse für weitere Drähte.“

„Es ist nicht ganz ausgeschlossen“, sagte Spencer, „daß ein Tier und eine Maschine miteinander verbunden werden können. Nehmen wir zum Beispiel den Menschen und seine Maschinen. Mensch und Maschine arbeiten zusammen, aber der Mensch behält seine unabhängige Identität, und die Maschinen genauso. In vielen Fällen wäre es jedoch viel sinnvoller und wirtschaftlicher, wenn Mensch und Maschine eins wären, daß die zwei miteinander verbunden werden und ein einziger Organismus würden.“

Dyer sagte: „Ich glaube, genau das haben wir hier.“

„Und die anderen Türme?“ fragte Ellis.

„Sie könnten mit dem einen hier verbunden sein“, meinte Spencer. „Alle acht könnten vielleicht einen einzigen, wenn auch komplexen Organismus bilden.“

„Wir wissen aber nicht, was sich in den anderen Türmen befindet“, sagte Ellis.

„Wir könnten nachsehen“, antwortete Howard.

„Nein, das können wir nicht“, widersprach Spencer. „Es ist zu gefährlich. Wir haben uns schon eingehender mit den Türmen befaßt, als uns guttut. Mac und seine Leute gingen spazieren und fanden die Türme und untersuchten sie. Nur ganz flüchtig, wohlverstanden, und sie kamen zurück und wußten nicht mehr, wie sie ihre Motoren starten konnten. Wir können es einfach nicht riskieren, uns länger als unbedingt nötig in ihrer Nähe aufzuhalten. Wir haben bestimmt schon mehr vergessen, als wir im Augenblick denken.“

„Sie meinen“, sagte Clyne, „daß das, was wir vergessen haben, sich erst später zeigen wird? Daß wir jetzt noch gar nicht wissen, was wir alles vergessen haben, und es erst später herausfinden werden?“

Spencer nickte. „Auf dieselbe Art und Weise ist es ja mit Mac passiert. Er und alle seine Leute hätten bis zu der Minute, in der sie versuchten, ihre Maschinen zu starten, ihren Kopf gewettet, daß sie sie starten könnten. Sie nahmen es als selbstverständlich an, genauso, wie wir unser Wissen und unsere Kenntnisse als selbstverständlich hinnehmen. Bis zu dem Zeitpunkt, wo wir bestimmte Kenntnisse anwenden müssen, werden wir nicht merken, daß wir sie verloren haben.“

„Der bloße Gedanke schon macht mich schaudern“, sagte Howard.

„Es ist eine Art System zum Austausch von Informationen“, sagte Lang.

„Verständlich, daß Sie das annehmen. Sie sind Nachrichtenmann.“

„Diese Drähte.“

„Und was ist mit den Zuleitungen?“ fragte Howard.

„Ich habe da eine Theorie“, meinte Spencer. „Durch Rohrzuleitungen wird die Nahrung zugeführt.“

„Von einem Vorratstank aus“, ergänzte Clyne. „Ein Tank würde bedeuten, daß jemand das Ding hierher verpflanzt hat. Es könnte aber auch genauso gut hier heimisch sein.“

„Das Ding hat unmöglich so einen Turm bauen können. Wenn es hier heimisch wäre, dann hätte es den Turm selber bauen müssen. Jemand anders hat den Turm errichtet, so wie ein Bauer einen Stall baut, um sein Vieh darin unterzubringen. Ich bin für die Nahrungstanks“, sagte Ellis.

Warren mischte sich jetzt ein. „Weshalb glauben Sie, daß wir es hier mit einem Nachrichtensystem zu tun haben?“

Lang zuckte die Achseln. „Nichts Bestimmtes. Diese Drähte vielleicht, und diese Anschlüsse. Es sieht jedenfalls so aus, als könnte es eine Art Nachrichtengerät sein.“

„Nachrichtengerät könnte zutreffen“, sagte Spencer. „Aber ein Gerät, das mehr Empfänger als Sender ist.“

„Worauf wollen Sie hinaus?“ fragte Lang. „Das wäre doch eine sehr einseitige Sache.“

„Ich meine“, sagte Spencer, „daß etwas unsere Erinnerungen gestohlen hat. Er stahl uns das Wissen, wie wir unsere Motoren anzulassen haben, und darüber hinaus noch genug, um die Schrottplatz-Angelegenheit zu einem Fehlschlag werden zu lassen.“

„Das glaube ich nicht“, sagte Dyer.

„Und warum nicht?“ fragte Clyne.

„Es ist einfach zu phantastisch.“

„Nicht phantastischer“, sagte Spencer, „als eine Menge anderer Sachen, die uns begegnet sind. Sagen wir also, das Ei ist eine Vorrichtung, um Wissen zu sammeln…“

„Aber es gibt hier kein Wissen zu sammeln“, protestierte Dyer. „Vor ein paar tausend Jahren konnte es Wissen sammeln von jenem verrosteten Schiff da draußen. Und dann vor einer Weile von dem Schrottplatz-Schiff. Und jetzt wir. Aber die nächste Schiffsladung voll Wissen wird vielleicht weitere tausend Jahre auf sich warten lassen. Das ist viel zu lange, ein viel zu großes Risiko. Wir wissen von drei Schiffen, die hier gelandet sind. Man könnte mit genausoviel Recht annehmen, daß niemals ein Schiff hier landet. Das Ganze klingt so völlig sinnlos.“

„Wer sagt, daß das Wissen nur hier gesammelt werden muß? Selbst auf der Erde vergessen wir, oder nicht?“

„Mein Gott!“ keuchte Clyne, doch Spencer fuhr schon fort. „Wenn Sie zu einer Rasse gehören würden, die überall Gedankenfallen errichtet und sich Zeit lassen kann, wo würden Sie die Fallen aufstellen? Auf einem Planeten, der von intelligenten Bewohnern nur so wimmelt, wo also die Fallen entdeckt und zerstört oder ihres Geheimnisses beraubt werden könnten? Oder würden Sie sie auf einem unbewohnten, abgelegenen und zweitklassigen Planeten installieren, der für die nächste Milliarde Jahre noch nichts wert ist?“

Warren sagte: „Ich würde sie auf genau so einem Planeten aufstellen.“

„Lassen Sie mich Ihnen die Situation skizzieren“, fuhr Spencer fort. „Eine bestimmte Rasse geht darauf aus, mit Hilfe von Fallen jener Art in der ganzen Galaxis Wissen zu sammeln. Sie suchen sich also die kleinen, unbedeutenden Planeten, die sonst für nichts nütze sind, und stellen dort ihre Fallen auf. Auf diese Weise – mit Fallen an allen strategischen Punkten – sind sie in der Lage, den ganzen Weltraum zu bestreichen, ohne daß die Gefahr besteht, daß ihre Fallen entdeckt werden.“

„Und Sie meinen, eine solche Falle haben wir hier gefunden?“ fragte Clyne.

„Das soll nur eine Anregung sein, um zu sehen, was Sie davon halten. Was also meinen Sie dazu?“ sagte Spencer.

„Nun, die Entfernung, zum Beispiel…“

„Womit wir es hier zu tun haben“, sagte Spencer, „ist Telepathie, gekoppelt mit einem Aufnahmegerät. Wir wissen, daß Entfernung auf die Geschwindigkeit von Gedankenwellen nur sehr wenig Einfluß hat.“

„Ist Ihre Annahme mehr als nur eine bloße Vermutung?“ fragte Warren.

„Natürlich nicht. Wie könnte sie auch. Beweise können Sie ja wohl nicht gut erwarten. Wir können es nicht riskieren, nahe genug an das Ei heranzugehen, um herauszufinden, was es nun wirklich ist. Und selbst wenn wir das könnten, wüßten wir vielleicht nicht mehr genug, um korrekte Schlußfolgerungen zu ziehen.“

„Also bleibt uns nichts anderes übrig, als erneut herumzuraten“, sagte Warren.

„Wissen Sie eine bessere Methode?“

Warren schüttelte den Kopf. „Nein, ich glaube nicht.“

Dyer zog sich den Raumanzug über. Ein Seil verband ihn mit dem Flaschenzug an dem Dreibein. Er zog eine Anzahl Drähte hinter sich her, die er mit den Anschlüssen an dem Ei verbinden sollte. Ihre anderen Enden waren an rund ein Dutzend verschiedener Instrumente angeschlossen.

Dyer stieg auf den Turm und wurde dann in das Innere hinuntergelassen. Fast im gleichen Augenblick hörte er zu sprechen auf. Deshalb zogen sie ihn wieder herauf.

Als sie den Raumhelm aufgeschraubt und zurückgeschlagen hatten, gluckste er sie an, und kleine Bläschen formten sich auf seinem Mund. Doc Spears führte ihn behutsam zurück ins Lazarett.

Clyne und Pollard arbeiteten ein paar Stunden lang an einem mit Blei gefütterten Helm, der außerdem statt der Sichtscheiben für Fernsehen eingerichtet war. Howard, der Biologe, war jetzt an der Reihe und wurde in den Turm hinuntergelassen.

Als sie ihn eine Minute später wieder herauszogen, weinte er wie ein Kind. Ellis eilte mit ihm hinter Doc und Dyer her.

Nachdem Pollard die Fernsehkamera wieder aus dem Helm herausgenommen hatte und Anstalten machte, sich selbst den Bleihelm aufzusetzen, gebot Warren ihm Einhalt.

„Nur immer so weiter“, sagte er, „und wir werden am Ende keinen mehr übrig behalten.“

„Damit haben wir eine Chance“, erklärte Clyne. „Vielleicht waren die Fernsehanschlüsse dran schuld, daß es an Howard herankam.“

„Aber es ist nur eine Chance.“

„Wir müssen es trotzdem versuchen.“

„Nicht, bis ich es nicht sage.“

Pollard wollte sich den Helm über den Kopf stülpen.

„Machen Sie sich nicht die Mühe“, sagte Warren. „Sie gehen nirgends hin, wo Sie ihn brauchen können.“

„Ich gehe in den Turm“, sagte Pollard störrisch.

Warren machte einen Schritt auf ihn zu und schlug ihm ohne Warnung die Faust ins Gesicht. Er erwischte Pollard am Kinn, und Pollard stürzte zu Boden.

Warren wandte sich um und starrte die anderen an. „Ist hier vielleicht noch jemand, der Lust verspürt, mit mir herumzustreiten? Ich bin bereit, mit der Diskussion zu beginnen auf die gleiche Art und Weise.“

Keiner von ihnen verspürte Lust.

Spencer sagte: „Sie sind etwas außer Fassung, Warren. Sie wissen nicht mehr ganz genau, was Sie tun.“

„Ich weiß verdammt genau, was ich tue“, entgegnete Warren. „Ich weiß, daß es eine Möglichkeit geben muß, in den Turm und wieder herauszukommen und trotzdem das Gedächtnis nicht zu verlieren. Aber so, wie Sie es anfangen, kommen wir nicht zum Ziel.“

„Wissen Sie eine andere Methode?“ fragte Ellis bitter.

„Nein, die weiß ich nicht“, sagte Warren. „Noch nicht.“

„Was verlangen Sie dann von uns?“ sagte Ellis. „Herumsitzen und Daumen drehen?“

„Ich verlange, daß Sie sich wie erwachsene Männer benehmen“, sagte Warren, „und nicht wie dumme Lausejungen, die Äpfel stehlen wollen.“

Er stand hoch aufgerichtet vor ihnen und schaute sie herausfordernd an. Keiner sagte ein Wort der Entgegnung.

„Um drei quäkende Babies habe ich mich jetzt schon zu kümmern“, fügte er hinzu. „Ich bin nicht scharf auf noch weitere.“

13

Ihr Gedächtnis, ihre Erinnerungen waren gestohlen worden, vermutlich von dem Ei, das im Inneren des Turmes hockte. Und obgleich keiner gewagt hatte, den Gedanken laut Ausdruck zu geben, dachte doch jeder daran, daß es vielleicht eine Möglichkeit gab, dieses Wissen wieder zurückzuholen und dazu noch das übrige, das in dem Ei gespeichert war.

Warren saß an seinem Tisch, hatte den Kopf in die Hände gestützt und versuchte, seine Gedanken zu ordnen.

Vielleicht hätte er sie weitermachen lassen sollen. Aber wenn er das hätte, dann hätten sie in der gleichen Richtung weitergearbeitet – und wenn sie schon dabei zweimal einen Fehlschlag erlitten hatten, dann sollten sie sich doch denken können, daß sie es falsch anpackten und es ratsamer wäre, das Problem von einer anderen Seite aus anzugehen.

Spencer hatte gesagt, daß sie Wissen verloren hätten, ohne den Verlust zu bemerken, und das war das Heimtückische an der ganzen Angelegenheit. Sie betrachteten sich immer noch als Wissenschaftler, und das waren sie natürlich auch noch. Aber nicht mehr mit den gleichen Fertigkeiten und Kenntnissen wie früher.

Aber das war das Schlimme – sie dachten immer noch, sie wären es.

Sie verachteten und haßten ihn jetzt, aber das ging in Ordnung. Alles würde in Ordnung gehen, wenn es ihm nur dazu verhalf, einen Fluchtweg zu entdecken.

Vergessen, dachte er. Überall in der Galaxis kannte man Vergeßlichkeit. Es gab Erklärungen für diese Vergeßlichkeit – sehr gelehrte und tiefsinnige Theorien, warum jemand das, was er einmal gelernt hatte, allmählich wieder vergaß. Aber konnten nicht alle diese Erklärungen falsch sein? Konnte es nicht sein, daß die Ursache der Vergeßlichkeit nicht in einer Gehirnwindung oder einer Falte der Seele zu suchen war, sondern bei Tausenden und Tausenden von Gedankenfallen, die das Gedächtnis aller denkenden Wesen zwischen den Sternen anzapften, es langsam leerten und in sich aufsaugten?

Auf der Erde vergaß man nur langsam – über eine Spanne von Jahren hin, und das geschah vielleicht aus dem Grund, daß die Fallen, die die Erde bestrichen, sehr weit entfernt waren. Aber hier vergaß man sehr schnell und vollkommen. Konnte der Grund nicht darin liegen, daß man sich hier in nächster Nähe der Fallen befand?

Er versuchte sich das Unternehmen Gedankenfalle vorzustellen. Es war ein erschreckender Gedanke – zu groß, um ihn wirklich in allen seinen Konsequenzen erfassen zu können. Jemand kam zu den abgelegenen Planeten, den gottverlassenen Planeten, die für nichts nütze waren und um die sich keiner kümmerte, und stellte dort seine Gedächtnisfallen auf.

Sie schlossen mehrere untereinander zusammen und bauten Türme, um sie vor den Unbilden des Wetters und anderen Beschädigungen zu schützen, und schalteten sie ein und verbanden sie mit Tanks voller Nährflüssigkeit, die tief im Boden vergraben lagen. Und dann gingen sie wieder.

Und Jahre später – wie viele Jahre später, eintausend, zehntausend? – kamen sie zurück und leerten die Fallen und ernteten das Wissen, das sich in der Zwischenzeit darin angesammelt hatte. Ein Fallensteller stellte Fallen auf, um Pelze zu bekommen, ein Fischer wirft seine Netze aus, um Fische zu fangen.

Eine Ernte, dachte Warren – eine ununterbrochene, niemals endende Ernte des Wissens der ganzen Galaxis. Falls das zutraf – was für eine Rasse war das, die diese Fallen aufstellte? Wie sah der Fallensteller aus, der die Sternenwelt durchzog auf der Suche nach Beute?

Warren schüttelte sich in Gedanken, als er sich das auszumalen versuchte.

Doch unzweifelhaft kamen die Wesen einmal zurück, um die Fallen zu leeren. Sie würden das tun, denn warum sonst würden sie die Fallen aufstellen? Und wenn sie die Fallen von dem aufgespeicherten Wissen zu leeren vermochten, dann bedeutete das, daß es eine Möglichkeit geben mußte, sie zu leeren. Und wenn die Fallensteller selbst das tun konnten, dann konnte das auch jemand anders.

Wenn man nur ein einziges Mal in das Innere des Turms gelangen und sich umsehen könnte, dann würde man es vielleicht schaffen können, denn aller Wahrscheinlichkeit nach war es nicht allzu schwer, wenn man wußte, wie. Aber man konnte nicht hinein. Wenn man es doch tat, wurde man seines Gedächtnisses beraubt und kam als plärrendes Baby zurück. Im selben Augenblick, in dem man in den Turm eindrang, griff das Ei nach dem Hirn des Eindringlings und saugte es leer, und man wußte nicht einmal mehr, warum man dort war, oder wie man hineingelangt oder wer man war.

Es kam darauf an, hineinzukommen und sein Gedächtnis zu behalten, hineinzukommen und trotzdem noch zu wissen, was man zu tun hatte.

Spencer und die anderen hatten versucht, das Gehirn abzuschirmen, aber das hatte nichts genützt. Vielleicht gab es eine Möglichkeit, aber um die zu finden, mußte man lange herumprobieren, und das bedeutete, daß zu viele Männer den Turm mit einem verlorenen Gedächtnis verlassen würden. Es bedeutete, daß am Ende möglicherweise überhaupt keiner mehr übrig blieb.

Es mußte noch eine andere Möglichkeit geben. Wenn man etwas nicht abschirmen konnte, was tat man dann?

Ein Nachrichtensystem, hatte Lang gesagt. Vielleicht hatte Lang recht, und das Ei war eine Art Nachrichtengerät. Und was tat man, um Nachrichtensendungen zu schützen? Wenn man eine Sendung nicht abschirmen konnte, was tat man dann?

Die Antwort zu finden, war nicht schwer – man verzerrte sie. Aber das brachte ihn der Lösung nicht näher, keinen einzigen Schritt. Er saß da und lauschte. Er hörte nicht den geringsten Laut. Keiner hatte mal kurz vorbeigeschaut wie früher, keiner war gekommen, um sich mit ihm zu unterhalten.

Sie sind böse, dachte er. Sie stehen schmollend in der Ecke und strafen mich mit Nichtachtung.

Zur Hölle mit ihnen, sagte er.

Er saß allein und versuchte nachzudenken, aber es kamen keine Gedanken, nur eine Menge nicht zu beantwortender Fragen, die wie auf einem Karussell durch seinen Schädel wirbelten.

Endlich hörte er Schritte auf der Treppe, und an ihrer Unsicherheit erkannte er, wem sie gehörten. Es war Schlappohr, der heraufgekommen war, um ihm Mut zuzusprechen, aber Schlappohr war wie üblich betrunken.

Er wartete, horchte auf die stolpernden Füße, die die Treppe heraufgestapft kamen, und endlich tauchte Schlappohr auf. Er stand in der Türöffnung, hatte beide Hände nach den Pfosten ausgestreckt und hielt sie fest, um das Zimmer am Schwanken zu hindern. Schlappohr faßte Mut und stürzte sich in den leeren Raum zwischen Tür und Stuhl, packte den Stuhl, hielt sich daran fest, kam irgendwie hinein und blinzelte Warren triumphierend zu.

„Geschafft“, sagte er.

„Du bist besoffen“, sagte Warren voller Verachtung.

„Sicher, ich bin besoffen. Und es macht keinen Spaß, allein besoffen zu sein. Hier…“

Er fand seine Tasche, zog eine Flasche hervor und stellte sie behutsam auf den Tisch.

„Hier, mein Lieber“, sagte er. „Na, wie wär’s mit einem Schlückchen?“

Warren starrte die Flasche an und hörte gespannt dem kleinen Gedankenteufelchen zu, das in seinem Gehirn saß und ihm etwas zuflüsterte.

„Nein, das würde nicht gehen.“

„Höre auf mit dem Schwatzen und nimm eine Flasche. Wenn du damit fertig bist, hab ich noch andere in Reserve.“

„Schlappohr“, sagte Warren.

„Was ist denn?“ fragte Schlappohr. „Ich hab noch nie einen Mann gesehen, der wie du…“

„Wieviel hast du noch?“

„Wieviel von was, Ira?“

„Schnaps. Wieviel hast du noch auf Lager?“

„Noch eine ganze Menge. Ich bringe mir immer genügend mit. Ich rechne mir aus, was ich brauche, und nehme dann noch eine Reserve mit für den Fall, daß wir mal bruchlanden oder so was.“

Warren streckte die Hand aus und griff nach der Flasche. Er zog den Korken heraus und warf ihn weg. Schlappohr blinzelte ihn erstaunt an. „Jetzt gleich, Ira? Du meinst, jetzt gleich?“

„Jetzt gleich“, sagte Warren. „Und wenn du schon dabei bist, könntest du bei Spencer vorbeischauen und ihm sagen, daß ich ihn so schnell wie möglich sprechen möchte?“

Schlappohr stellte sich auf schwankende Füße. Er betrachtete Warren mit ausgesprochener Bewunderung. „Was hast du vor, Ira?“ wollte er wissen.

„Ich werd mich besaufen“, sagte Warren. „Ich werde mir einen Rausch holen, der in der ganzen Flotte Geschichte machen wird.“

14

„Das können Sie nicht machen, Mann“, sagte Spencer. „Sie haben keine Chance.“

Warren streckte eine Hand nach dem Turm aus, um sich etwas Halt zu geben, denn der ganze Planet drehte sich um ihn mit furchterregender Geschwindigkeit.

„Schlappohr!“ rief Warren.

„Ja, Ira.“

„Wer mich aufhalten will – hick! – den schieß über’n Haufen!“

„Mach ich, Ira“, beruhigte ihn Schlappohr.

„Aber Sie wollen da ohne jeden Schutz hinein“, sagte Spencer ängstlich. „Nicht einmal in einem Raumanzug.“

Lang sagte: „Er hat eine Chance. Wir haben versucht, uns abzuschirmen. Ohne Erfolg. Er versucht es auf eine andere Weise. Er hat seine Gedanken mit Hilfe von Schnaps betäubt. Ich glaube, er hat eine Chance.“

„In seiner jetzigen Verfassung“, sagte Spencer, „wird er niemals die Drähte anschließen können.“

Warren wankte ein bißchen. „Was Sie nicht sagen.“

Er stand und starrte sie mit schwimmenden Augen an. Wo vorher drei Leute gestanden hatten, standen jetzt ab und zu nur noch zwei.

„Schlappohr.“

Ja, Ira.“

„Ich brauch noch ’nen Schluck. Werd wieder nüch’ern.“

Schlappohr holte die Flasche aus der Tasche und gab sie ihm. Sie war nicht mehr ganz halbvoll. Warren setzte sie an und trank. Sein Adamsapfel bewegte sich auf und ab. Er setzte sie erst wieder ab, als auch der letzte Tropfen in seiner Kehle verschwunden war. Dann ließ er sie fallen und betrachtete sich die vor ihm stehenden Männer. Dieses Mal waren es wieder drei von jedem. Das war gut. Er drehte sich nach dem Turm um.

„Jetsch“, sagte er. „Wenn Sie mich jetsch…“

Ellis und Clyne zogen an dem Seil, und Warren schwebte in die Höhe. „He, ihr da!“ schrie er. „Was macht’en ihr da?“ Er hatte den Flaschenzug ganz vergessen.

Er baumelte in der Luft, zappelte mit den Beinen und kämpfte um sein Gleichgewicht. Unter ihm lauerte die Schwärze der Turmöffnung, und mittendrin ein seltsamer glühender Schein. Über ihm knarrte der Flaschenzug, und dann schwebte er nach unten und war im Turm.

Er konnte das Ding am Boden jetzt deutlich sehen. Er rülpste höflich und bat es, beiseite zu rücken, denn er käme jetzt herunter. Es rührte sich nicht. Irgend etwas versuchte, ihm den Kopf von den Schultern zu reißen, aber der Kopf hielt.

Die Kopfhörer sagten: „Warren, alles in Ordnung? Sagen Sie etwas.“

„Sicher“, sagte er, „sicher, alles in Ordnung. Was issen mit euch los?“

Sie ließen ihn ganz herunter, und jetzt stand er neben dem komischen Ding, das da in dem Loch pulsierte. Er spürte, wie etwas in seinem Hirn zerrte, und er lachte laut auf, ein gurgelndes trunkenes Lachen.

„Nimm deine Hänne aus meinem Haar“, sagte er. „Das kitzelt.“

„Warren“, sagten die Kopfhörer. „Die Drähte. Die Drähte. Erinnern Sie sich, wir sprachen über die Drähte.“

„Klar“, sagte er, „die Drähte.“

Er sah kleine Erhebungen auf dem pulsierenden Ding, und die würden prima Anschlüsse für die Drähte abgeben.

Drähte? Was zum Teufel waren Drähte?

„An Ihrem Gürtel“, sagten die Kopfhörer. „Die Drähte hängen an Ihrem Gürtel.“

Seine Hand faßte nach dem Gürtel, und er fand die Drähte. Er zog sie täppisch heraus, sie schlüpften aus seinen Fingern, und er ließ sich auf Hände und Knie nieder und rutschte herum und bekam sie wieder zu fassen. Sie waren ganz durcheinander geraten, und er konnte daraus nicht klug werden. Was sollte er überhaupt mit diesen Drähten?

Wonach ihm verlangte, das war ein Schluck aus der Flasche – nur ein ganz kleiner Schluck. Er probierte die erste Strophe eines alten Liedes, dann sagte er zu dem Ei: „Freund, ich würd mich sehr freu’n, wenn ich Ihnen auch einen kleinen Drink anbiet’n dürfte.“

Die Kopfhörer sagten: „Ihr Freund kann nicht trinken, bevor Sie nicht die Leitungsdrähte angeschlossen haben. Er kann Sie nicht hören, bevor die Drähte nicht angeschlossen sind. Er versteht nichts, bevor die Drähte nicht angeschlossen sind. Verstehen Sie, Warren? Schließen Sie die Drähte an. Vorher kann er nichts hören.“

„Na, das is’ aber dumm“, sagte Warren. „Das is’ aber wirklich dumm.“

Er tat sein Bestes, um die Drähte anzuschließen, und er tröstete seinen neuen Freund, er solle nur stillhalten, und er würde sein Bestes tun. Er rief Schlappohr zu, er solle sich mit der Flasche beeilen, und er sang ein Lied, das sich hören lassen konnte. Und endlich hatte er die Drähte angeschlossen, aber die Stimme in den Kopfhörern sagte, es wäre nicht richtig, und er solle es noch mal versuchen. Er probierte herum, und es klappte immer noch nicht, und dann probierte er wieder und dann wieder, bis die Stimme sagte: „Sehr gut! Wir empfangen jetzt etwas!“

Und dann zog ihn jemand in die Höhe, bevor er noch mit seinem Freund anstoßen konnte.

15

Er torkelte die Treppe hinauf und bahnte sich irgendwie seinen Weg um den Schreibtisch und plumpste in den Sessel. Jemand hatte ihm eine eiserne Schüssel über den Kopf gestülpt, und zwei oder möglicherweise drei Männer schlugen mit Hämmern darauf ein, und in seinem Mund befand sich ein wollener Lappen, und er hätte schwören können, daß er jeden Augenblick verdurstet zu Boden sinken würde.

Er hörte Schritte draußen auf der Treppe, und er hoffte, daß es Schlappohr war, denn Schlappohr würde wissen, was er zu tun hatte.

„Wie fühlen Sie sich?“ fragte er.

Aber es war Spencer.

„Entsetzlich“, stöhnte Warren.

„Sie haben es geschafft.“

„Mit dem Turm?“

„Sie haben die Drähte angeschlossen“, sagte Spencer, „und das Zeug quillt nur so heraus. Lang hat ein Aufnahmegerät angeschlossen, und wir wechseln einander beim Zuhören ab, und das, was wir hören, reicht völlig, um einen das Gruseln zu lehren.“

„Zeug?“

„Na ja, sicher. Das Wissen, das die Gedankenfalle angesammelt hat. Wir werden Jahre brauchen, um all die Angaben auszusortieren und zu koordinieren. Einiges davon ist unverständlich und kommt in Fragmenten, aber eine Menge davon erhalten wir in zusammenhängenden Stücken.“

„Darunter auch unser eigenes Wissen?“

„Ein bißchen. Aber das meiste ist fremd.“

„Und über die Motoren?“

Spencer zögerte. „Nein, nichts über unsere Motoren. Das heißt…“

„Nun?“

„Wir haben die komplette Gebrauchsanweisung für die Schrottplatzmotoren. Pollard ist schon an der Arbeit. Mac und seine Leute helfen ihm, sie zusammenzubauen.“

„Und werden sie funktionieren?“

„Besser als unsere eigenen. Wir werden unsere Düsen ein bißchen abändern und noch ein paar andere Umbauten machen müssen.“

„Und dann werden Sie…?“

Spencer nickte. „Wir bauen unsere eigenen Motoren aus.“

Warren konnte sich nicht helfen. Nicht für eine Million Dollar. Er legte seine Arme auf den Tisch, bettete seinen Kopf darauf und schüttelte sich vor brüllendem Lachen.

Nach einer Weile hob er den Kopf und wischte sich seine tränenden Augen.

„Ich verstehe nicht…“ begann Spencer steif.

„Ein neuer Schrottplatz“, sagte Warren. „O Gott, ein neuer Schrottplatz.“

„Es ist gar nicht so komisch, Warren. Uns schwirrt der Kopf – eine Unmenge von Wissen, das wir uns nicht einmal in unseren wildesten Träumen haben vorstellen können. Wissen, das sich seit Jahrhunderten angesammelt hat, vielleicht seit Jahrtausenden. Seit dem Augenblick, wo diese andere Rasse kam, die Falle leerte und den Planeten wieder verließ.“

„Hören Sie“, sagte Warren. „Könnten wir nicht warten, bis wir auf das Wissen über unsere eigenen Maschinen stoßen? Einmal muß es ja herauskommen. Schließlich wurde es später aufgenommen als der Rest des Zeugs, das Sie jetzt empfangen. Darum dauert es sicher noch etwas. Aber wir brauchen bloß zu warten und bekommen das wieder, was wir verloren haben. Dann brauchten wir uns nicht all die Mühe zu machen, unsere Motoren herauszureißen und die anderen einzubauen.“

Spencer schüttelte den Kopf. „Lang hat sich die Sache durch den Kopf gehen lassen. Es scheint keine bestimmte Reihenfolge vorzuherrschen in der Art, wie wir die Informationen bekommen. Es ist mit großer Wahrscheinlichkeit möglich, daß wir eine lange, lange Zeit darauf warten müßten. Und wir haben keine Möglichkeit, zu wissen, wie lange es noch dauern wird, bis das Ei leer ist. Lang meint, vielleicht Jahre. Aber da ist etwas anderes. Wir müssen so schnell wie möglich von hier fort.“

„Wie meinen Sie das, Spencer? Sie sagen das so komisch. Was ist mit Ihnen los?“

„Ich weiß es nicht.“

„Sie fürchten sich vor etwas. Irgend etwas hat Ihnen einen Schrecken eingejagt.“

Spencer beugte sich vor und klammerte sich an die Schreibtischkante. „Warren, es ist nicht nur Wissen, das in diesem Ding ist. Wir überwachen es, und wir wissen Bescheid. Es enthält auch…“

„Lassen Sie mich raten“, sagte Warren. „Es enthält auch Persönlichkeit.“

Er sah den betroffenen Ausdruck auf Spencers Gesicht.

„Hören Sie auf damit“, sagte Warren scharf. „Lassen Sie das Ding in Ruhe, und wir werden machen, daß wir fortkommen.“

„Das geht auch wieder nicht. Verstehen Sie nicht. Es geht einfach nicht. Es sind da gewisse Punkte… Wir sind…“

„Ja, ich weiß“, unterbrach Warren Spencers Stammeln. „Sie sind Wissenschaftler. Außerdem ausgesprochene Narren.“

„Aber wir erhalten Informationen aus diesem Turm, die…“

„Schalten Sie das Ding ab!“

„Nein“, sagte Spencer widerspenstig. „Ich kann nicht, und ich werde nicht.“

„Ich warne Sie“, sagte Warren voller Ingrimm. „Wenn einer von Ihnen Anzeichen von Fremdheit zeigt, werde ich ihn erbarmungslos niederschießen.“

„Jetzt sind Sie der Narr.“ Spencer wandte sich abrupt um und verließ die Kabine.

Warren saß da. Er war jetzt auf einmal wieder völlig nüchtern. Jetzt wußte er, warum das andere Schiff so eilig aufgebrochen war, warum sie einen Teil der Vorräte zurückgelassen hatten und die Werkzeuge noch an der gleichen Stelle lagen, wo ihre Besitzer sie hatten fallen lassen.

Nach einer Weile kam Schlappohr die Treppe herauf. Er schleppte eine riesige Kanne mit Kaffee und zwei Tassen. Er stellte die Tassen ab, goß ein und setzte dann die Kaffeekanne mit einem harten Knall nieder.

„Ira“, sagte er, „es war ein schwarzer Tag, als du das Trinken aufgabst.“

„Wie meinst du das?“ fragte Warren.

„Weil es keinen anderen Menschen gibt, der so zu trinken versteht wie du.“

Sie saßen schweigend da und nippten ihren heißen schwarzen Kaffee. Dann sagte Schlappohr: „Ich hab immer noch so ein dummes Gefühl.“

„Genau wie ich“, gestand Warren.

„Und die Reise ist nur halb vorbei“, sagte Schlappohr.

„Die Reise ist ganz vorbei“, sagte Warren. „Wenn wir diesen Planeten verlassen, nehmen wir direkten Kurs auf die Erde.“

Sie tranken noch eine Tasse.

Warren fragte: „Wieviel sind auf unserer Seite, Schlappohr?“

„Du und ich“, sagte Schlappohr, „und Mac und die vier Maschinisten. Das sind sieben.“

„Acht“, verbesserte Warren. „Du hast Doc vergessen. Er hat sich nicht mit dem Ei abgegeben.“

„Doc zählt nicht, weder so noch so.“

„Wenn es darauf ankommt, kann er immer noch mit einer Pistole umgehen.“

Nachdem Schlappohr gegangen war, saß Warren noch eine Weile still hinter seinem Schreibtisch, lauschte den Geräuschen aus dem Maschinenraum und dachte an die lange Reise nach Hause. Dann stand er auf, schnallte sich eine Pistole um und ging los, um nachzusehen, wie die Dinge standen.

*   *   *   *   *   *   *

Siehe auch:

Wer da? („Das Ding aus einer anderen Welt“) von John W. Campbell, Jr.

Die Männer der Station Greywater von George R. R. Martin

(Quelle hier: Die Gedanken-Falle)

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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