Die Revolverhelden des Wilden Westens

Billy the Kid und Pat Garrett

In einem dunklen Zimmer wird Billy the Kid von Pat Garrett überrascht und von einer Kugel getroffen.

Von C. F. Eckhardt, aus Heft 5-1985 der „Schweizer Waffenmagazins“.

Über den Wilden Westen werden die unwahrscheinlichsten Geschichten verbreitet. Das traurige Verdienst daran haben einerseits die Autoren, die dauernd voneinander Legenden und Mythen abschreiben, anstatt wirklich zu recherchieren, andererseits die Westernproduzenten aus Hollywood, die sich in ihren Filmen nur ausnahmsweise an die historische Wahrheit halten. C. F. Eckhardt, trotz des deutsch klingenden Namens ein waschechter Texaner, als Journalist und Schriftsteller auf den Wilden Westen spezialisiert, wird sich im SWM in einigen Folgen bemühen, ein paar der meistverbreiteten „Räuberpistolen“ richtigzustellen.

Ich muss meine Bemerkungen über den Wilden Westen, wie er wirklich war, mit einem philologischen Exkurs beginnen, noch dazu mit einem, der sich mit englischsprachigen Begriffen befasst. Die subtilen Unterschiede, die bei der Bezeichnung verschiedener Arten von Revolverhelden im Amerikanischen gemacht werden, sind aus verständlichen Gründen im Deutschen nicht nachvollziehbar. Im 19. Jahrhundert wurde nämlich im Wilden Westen ein deutlicher Unterschied zwischen zwei Kategorien von Männern gemacht, die aus beruflichen Gründen eine Schusswaffe trugen – den „Gunfighters“ und den „Gunmen“. (Ausdrücke wie „Gunslinger“, „Gunhawk“ usw. sind Neuprägungen der Schundromanschreiber aus den 20er und 30er Jahren.)

Ein „Gunman“ war einer, der sich entweder außerhalb oder am Rande des Gesetzes bewegte. Wes Hardin, Bill Longley, Tom Horn und viele andere (Sie wären überrascht, wer da alles dazuzählte!) waren Gunmen. Das war die Bezeichnung für jene, die wahllos töteten oder sich als Mörder verdingten.

Ein „Gunfighter“ dagegen war ein Hüter des Gesetzes; einer, der vielleicht nicht als erster schoss, aber ganz bestimmt zurückschießen würde, und dies meist mit tödlicher Treffsicherheit. Wer die Geschichte des Wilden Westens nur oberflächlich kennt, dem sind diese Männer im allgemeinen kein Begriff. Namen wie Lee McNelly, John Armstrong, Bill McDonald, Dallas Stoudenmire, John Slaughter oder John Hughes sagen Uneingeweihten meist gar nichts.

Ein „Gunman“ war mehr oder weniger so, wie der Historiker Eugene Cunningham Billy the Kid beschrieben hat: „Ein todsicherer Killer, ein Heckenschütze, ein Wegelagerer, einer, der seine Feinde von hinten erschoss“ oder, wie es der langjährige Western-Sheriff George Durham ausdrückte, „seinen Ruhm der Erschießung von Barmixern und Stockbetrunkenen verdankte“. Ein Gunfighter erschoss oder verhaftete Gunmen und kam dabei manchmal selbst ums Leben. Ein Gunman hatte selten etwas dagegen, wenn man ihn als Gunfighter bezeichnete, während sich ein Gunfighter ganz entschieden und energisch dagegen verwahrte, „Gunman“ genannt zu werden.

Es gab noch eine dritte Kategorie von Männern, die sich zwar mit dem Schießeisen ihren Lebensunterhalt verdienten, jedoch weder Gunfighters noch Gunmen waren, und die manchmal voreilig, manchmal auch kaltblütig töteten. Das waren die Banditen, Verbrecher oder Räuber oder wie immer man sie nennen will. Jesse James war einer von ihnen, und ebenso Sam Baß; die Daltons, Bill Doolin; man könnte seitenlang mit der Aufzählung weiterfahren. Sie machten ausgiebigen Gebrauch von der Schusswaffe, und meist zu kriminellen Zwecken, wurden aber kaum je als Gunmen oder Gunfighter betrachtet. Bill Doolin schmiss einen solchen angehenden Gunman aus seiner Gang hinaus, weil er nach seiner Meinung „nicht gut genug war, um mit hochqualifizierten Eisenbahnräubern zusammenzuarbeiten.“

Eine vierte Gruppe von Leuten, die zwar bewaffnet, aber auch weder Gunfighters noch Gunmen waren, waren die Cowboys. Cowboys galten als miserable Schützen. Sie trugen zwar Schusswaffen bei sich, weil „man nie wusste, wann man eine brauchen konnte“. Doch wie Billy Perlstrom, ein altgedienter bewaffneter Postkutschenreiter, erklärte, waren die Cowboys viel bessere Billardspieler als Revolverschützen. „Sie verreißen immer den Schuss“, meinte er, „obwohl ich ihnen immer wieder sage, sie sollen das Ding ruhig halten und beim Abziehen nie furzen.“

Die von Hollywood beharrlich verbreitete Legende, im Wilden Westen sei jeder Mann mit dem Sechsschüsser „schnell wie ein geölter Blitz“ gewesen, hat die Tatsachen, wie weiß Gott spannend genug waren, verschleiert. In Wirklichkeit ist die ganze „Schnellzieh“-Angelegenheit, so, wie sie heute bekannt ist, reine Hollywood-Erfindung, und größtenteils stammt sie aus den 50er und frühen 60er Jahren (unseres Jahrhunderts). Da ich an ihrer Entstehung und Verbreitung nicht ganz unbeteiligt war, kann ich wohl mit einiger Kompetenz darüber schreiben.

In den nachfolgenden Beiträgen werde ich mich mit den Schusswaffen, dem Lederzeug, den Männern und einigen wahren Vorkommnissen befassen, um die teilweise eigenartigen Vorstellungen, die sich bezüglich des Wilden Westens und seiner Helden eingebürgert haben, zu berichtigen.

* * *

Eine kurze Biographie von Charles Frederick Eckhardt ist hier auf Frontier Tales zu finden.

Nächster Teil: Die Waffen der Revolverhelden des Wilden Westens

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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