Das geborstene Schwert (2): Valgard

Hallgerd - Njals Saga

Dies ist Poul Andersons allererster Roman, der 1954 erstmals veröffentlicht wurde und hier in der von ihm 1971 überarbeiteten Fassung, in der 1987 erschienenen deutschen Übersetzung von Rosemarie Hundertmarck vorliegt. Siehe dazu „Der Zauber des Nordens“: Einleitungen zu „Das geborstene Schwert“! Zuvor erschienen: Das geborstene Schwert (1): Skaflocs Geburt und Jugend. (Das von mir eingefügte Titelbild ist eine Illustration von Kat Menschik zur isländischen „Njáls Saga“ und stellt Njáls Frau Hallgerð dar.)

VI

Die Hexe lebte allein im Wald. Nur ihre Erinnerungen leisteten ihr Gesellschaft, und im Lauf der Jahre fraßen sie ihre Seele auf und ließen nur Haß und Rachedurst zurück. In vielen magischen Experimenten lernte sie, wie sie ihre Macht ein wenig vergrößern konnte. Schließlich gelang es ihr, Geister aus der Erde zu rufen und mit den Dämonen der Luft zu sprechen, und diese lehrten sie mehr. Sie ritt auf einem Besenstiel zum Schwarzen Sabbath auf dem Brocken. Ein grauenhaftes Fest war das, bei dem abstoßende Gestalten aus alter Zeit um den dunklen Altar sangen und Blut aus Kesseln tranken, aber vielleicht am schlimmsten waren die jungen Frauen, die sich bei den Riten mit scheußlichen Wesen paarten.

Die Hexe kehrte klüger zurück und brachte sich einen Rattenmann als Vertrauten mit, der mit seinen scharfen kleinen Zähnen in ihre verwelkten Brüste biß und Blut daraus sog und des Nachts auf ihrem Kissen hockte und ihr im Schlaf ins Ohr flüsterte. Und so glaubte die Hexe, sie habe jetzt genug Kraft, um den zu rufen, nach dem sie schon lange verlangte.

Donner und Blitz rollten um ihre Hütte, blaues Licht und der Gestank des Höllenpfuhls. Aber das dunkle Wesen, vor dem sie sich zu Boden warf, war auf seine Art schön, wie jede Sünde dem bereitwilligen Sünder schön erscheint.

„O du mit den vielen Namen, Fürst der Dunkelheit, Böser Gefährte“, rief die Hexe, „ich möchte, daß du mir meinen Wunsch erfüllst, und dafür will ich dich in hergebrachter Weise bezahlen.“

Der, den sie gerufen hatte, sprach, und seine Stimme klang sanft und geduldig: „Du bist schon ein gutes Stück auf meinem Weg gewandert, aber du bist noch nicht ganz und gar mein. Die Gnade von oben ist unendlich, und wenn du sie nicht zurückweist, bist du auch noch nicht verloren.“

„Was frage ich nach Gnade?“ meinte die Hexe. „Durch Gnade werden meine Söhne nicht gerächt. Ich bin bereit, dir meine Seele zu geben, wenn du mir meine Feinde in die Hände lieferst.“

„Das kann ich nicht tun“, erwiderte ihr Gast, „aber ich kann dir die Mittel zur Hand geben, wie du ihnen eine Falle stellen kannst, wenn du schlauer bist als sie.“

„Das genügt mir.“

„Aber bedenke, hast du nicht bereits Rache an Orm genommen? Dein Werk ist es, daß er einen Wechselbalg als ältesten Sohn hat, und dieses Geschöpf kann großes Übel über ihn bringen.“

„Orms echter Sohn blüht und gedeiht jedoch in Alfheim, und seine jüngeren Kinder wachsen heran. Ich will diese faule Saat bis zum letzten Blutstropfen auslöschen, ebenso wie er meine ausgelöscht hat. Die heidnischen Götter werden mir nicht helfen, und sicher wird Er es nicht tun, dessen Namen ich besser nicht ausspreche. Deshalb mußt du, Schwarze Majestät, mein Freund sein.“

Flämmchen, die kälter waren als der Winter, flackerten in seinem Blick, und lange sah er sie an. „Die Götter sind bei dieser Sache nicht aus dem Spiel, wie du vielleicht gehört hast. Odin, der die Geschichte der Menschen voraussieht, schmiedet Pläne, die weit in die Zukunft reichen…. Aber du sollst meine Hilfe haben. Stärke und Wissen werde ich dir geben, auf daß du eine mächtige Hexe wirst. Und ich werde dir sagen, wie du deine Feinde treffen kannst, falls sie nicht klüger sind, als du glaubst.

Es gibt drei Kräfte in der Welt, gegen die Götter und Dämonen und Menschen machtlos sind, gegen die es keinen Zauber gibt. Das sind der Weiße Christus, die Zeit und die Liebe.

Von dem ersten hast du nichts anderes zu erwarten, als daß er deine Pläne durchkreuzen wird, und du mußt Obacht geben, daß er und die Seinen auf keine Weise in den Kampf hineingezogen werden. Du kannst es verhindern, indem du dir vor Augen hältst, daß der Himmel geringeren Wesen ihren freien Willen läßt und sie nicht auf seine Wege zwingt; selbst die Wunder haben den Menschen nur eine Möglichkeit eröffnet, mehr nicht.

Das zweite, das mehr Namen hat als ich selbst – Schicksal, Bestimmung, Gesetz, Wyrd, die Nornen, Notwendigkeit, Brahma und zahllose andere – kannst du nicht anrufen, weil es nicht hört. Auch wirst du nicht begreifen, wie es gleichzeitig mit dem freien Willen, von dem ich gesprochen habe, bestehen kann, ebenso wenig wie daß es sowohl alte Götter als auch den neuen gibt. Aber damit der größere Zauber wirkt, mußt du darüber nachdenken, bis du ganz von dem Wissen durchdrungen bist, daß die Wahrheit so viele Gesichter hat, wie es Seelen gibt, die danach streben, sie zu erkennen.

Und die dritte Kraft ist etwas Sterbliches, und daher kann sie ebenso schaden wie nützen, und dies ist die Kraft, die du benutzen mußt.“

Nun schwor die Hexe einen bestimmten Eid und wurde unterrichtet, wo und wie sie das Wissen zu trinken habe, das sie benötigte, und damit endete die Besprechung.

Doch da war noch etwas: Als ihr Besucher die Hütte verließ und sie ihm nachsah, entdeckte sie, daß der, der ging, nicht der gleiche war wie vorher. Es war die Gestalt eines sehr großen Mannes, der mit jugendlicher Schnelligkeit ausschritt, obwohl sein Bart lang und wolfsgrau war. Er war ganz in einen Mantel eingehüllt und trug einen Speer, und es schien, daß unter seinem breitrandigen Hut nur ein Auge leuchtete. Sie dachte daran, wem ebenfalls nachgesagt wurde, daß er sehr schlau sei und oft hinterlistig und sich bei seinen Wanderungen auf der Erde gern verkleidet, und ein Schauder überlief sie.

Aber es konnte ja auch eine durch das Sternenlicht hervorgerufene Täuschung gewesen sein. Sie grübelte über diese Frage nicht länger nach, sondern richtete ihre Gedanken allein auf ihren Verlust und ihre zukünftige Rache.

*    *    *

Abgesehen davon, daß der Wechselbalg heftig und geräuschvoll war, konnte er von einem echten Kind nicht unterschieden werden, und wenn das Benehmen ihres kleinen Sohnes Älfrida auch oft Kopfschmerzen machte, kam sie doch nie auf den Gedanken, er sei etwa gar nicht von ihrem Blut. Sie ließ das Kind, wie Orm es gewünscht hatte, Valgard taufen, sang ihm vor und spielte mit ihm und war glücklich. Aber er biß so kräftig, daß es ihr Schmerz bereitete, ihn zu nähren.

Orm war entzückt, als er nach Hause kam und einen so schönen starken Jungen sah. „Ein großer Krieger wird er werden!“ rief der Häuptling, „ein Waffenschwinger und Seefahrer.“ Er sah sich im Hof um. „Aber wo sind die Hunde? Wo ist mein treuer alter Gram?“

„Gram ist tot“, antwortete Älfrida mit tonloser Stimme. „Er hat Valgard angesprungen und versucht, ihn zu zerreißen, deshalb mußte ich das arme wahnsinnige Tier töten lassen. Aber er muß die anderen Hunde beeinflußt haben, denn sie knurren und schleichen weg, wenn ich das Kind nach draußen trage.“

„Das ist seltsam“, murmelte Orm, „denn mein Volk hat mit Hunden und Pferden immer gut umgehen können.“

Doch als Valgard größer wurde, konnte jeder sehen, daß kein Tier ihn gern in seiner Nähe hatte. Kühe rannten davon, Pferde schnaubten und scheuten, Katzen spuckten und kletterten auf einen Baum, und der Junge mußte früh lernen, einen Speer zu tragen, um die Hunde abzuwehren. Doch auch er konnte die Tiere nicht leiden. Er bedachte sie mit Fußtritten und Flüchen und wurde ein gnadenloser Jäger.

Er war mürrisch und verschlossen, sehr wild und ungehorsam. Die Knechte haßten ihn wegen seiner Bosheit und wegen der grausamen Streiche, die er ihnen spielte. Und so sehr Älfrida auch dagegen ankämpfte, es kam allmählich dahin, daß sie ihn nicht mehr liebte.

Aber Orm war stolz auf Valgard, auch wenn sie nicht immer einer Meinung waren. Wenn er den Jungen schlagen mußte, konnte er ihm keinen Schmerzenslaut entlocken, so hart seine Hand auch niederfiel. Und wenn er mit ihm den Schwertkampf übte und seine Klinge niederzischte, als wolle er Valgard den Schädel spalten, zuckte dieser nicht mit der Wimper. Er wurde stark und schnell, trug die Waffen, als sei er mit ihnen geboren, und zeigte nie Furcht oder Schwäche, ganz gleich, was geschah. Er hatte keine wirklichen Freunde, aber es waren nicht wenige, die ihm folgten.

Älfrida gebar Orm noch mehr Kinder – zwei Söhne, den rothaarigen Ketil und den dunklen Asmund, beides vielversprechende Jungen, und die Töchter Asgerd und Frida, von denen die letztere beinahe ein Spiegelbild ihrer Mutter war. Diese Kinder waren wie alle anderen, abwechselnd froh und traurig, sie spielten mit ihrer Mutter und später überall auf der Gemarkung, und Älfrida liebte sie mit tiefer, schmerzlicher Liebe. Orm mochte sie auch gern, aber Valgard war sein Liebling.

Fremdartig, hochmütig, verschlossen wuchs Valgard zum Mann heran. Äußerlich war er von Skafloc nicht zu unterscheiden, außer vielleicht daß sein Haar um einen Ton dunkler und seine Haut weißer war und daß in seinen Augen eine seichte, kalte Härte lag. Aber sein Mund war verdrossen, er lächelte selten, außer wenn er Blut fließen ließ oder sonstwie Schmerz verursachte, und dann war es mehr ein Zähnefletschen. Da er größer und stärker als die meisten Jungen seines Alters war, wurde er ihr Anführer bei allerhand Missetaten. Bei der Arbeit auf dem Hof half er so gut wie nie außer in der Schlachtzeit. Statt dessen machte er lange, einsame Wanderungen.

Orm hatte die einstmals geplante Kirche nie bauen lassen, aber die Freisassen in der Umgebung hatten sich zu diesem Werk zusammengeschlossen, und er verbot es seinen Leuten nicht, zur Messe zu gehen. Älfrida bat den Priester, zu kommen und mit Valgard zu sprechen. Der Junge lachte ihm ins Gesicht: „Ich werde mich vor eurem weinerlichen Gott nicht verbeugen – und übrigens auch vor keinen anderen Göttern. Mein Vater opfert den Asen, und davon hat er mehr Nutzen, als wenn er zu Christus betete. Wenn ich ein Gott wäre, könnte ich mich durch Blutopfer durchaus bewegen lassen, Hilfe zu gewähren, aber wäre ein Mann gegen mich so knauserig, daß er mir nichts als heuchlerische Gebete darbrächte, dann würde ich ihn zerstampfen – so!“ Und damit trat er mit seinem schweren Stiefel dem Priester auf den Fuß.

Orm lachte, als er davon hörte, und da Älfridas Tränen nichts nützten, wurde dem Priester keine Genugtuung.

Valgard mochte die Nacht am liebsten. Dann stahl er sich oft nach draußen. Mit seinem wolfsartigen Trab konnte er bis zur Morgendämmerung laufen, angetrieben von einem in seinem Kopf spukenden Mondzauber. Er wußte nicht, was er sich wünschte, nur daß er ein Verlangen in sich fühlte, für das er keinen Namen hatte und das ihn nur dann weniger quälte, wenn er tötete oder verstümmelte oder zerstörte. Dann konnte er lachen, und das Trollblut klopfte ihm in den Schläfen.

Aber eines Tages fielen ihm die Mädchen auf, die auf den Feldern arbeiteten, und danach hatte er einen anderen Sport. Er war stark und sah gut aus und hatte, wenn er es darauf anlegte, eine geläufige Elfenzunge. Bald mußte Orm bezahlen, weil Valgard sich an Mägden oder Töchtern vergriffen hatte.

Diesen Dingen legte Orm nicht viel Gewicht bei, aber etwas ganz anderes war es, als Valgard beim Trinken mit Olaf Sigmundssohn in  Streit geriet und ihn erschlug. Orm zahlte das Wergeld, mußte jedoch einsehen, daß sein Sohn in der Heimat nicht mehr sicher war. In den letzten Jahren war Orm meistens zu Hause gewesen, und wenn er eine Fahrt unternahm, dann zum Zwecke eines friedlichen Handels. Doch in jenem Sommer nahm er Valgard auf eine Beutefahrt mit.

Der Junge war begeistert. Bald genoß er die Achtung seiner Schiffskameraden durch seine Geschicklichkeit und seinen Mut in der Schlacht, obwohl es ihnen nicht gefiel, daß er Hilflose ohne Not erschlug. Aber Valgard wurde im Kampf zum Berserker, er bebte und schäumte und biß in den Rand seines Schildes, er stürmte heulend und todbringend vorwärts. Sein Schwert war ein rotes Schwirren, er fühlte die Waffen nicht, die ihn trafen, und der Anblick seines Gesichts entsetzte viele Männer so, daß sie nicht mehr an Gegenwehr dachten. Nach beendigtem Kampf war er eine Zeit lang schwach, aber die Leichen der von ihm Erschlagenen türmten sich zu Haufen.

Nur rohe und gesetzlose Männer wollten mit einem Berserker viel zu tun haben, und das waren wiederum die einzigen, die Valgard anführen wollte. Er plünderte jeden Sommer, ob Orm ging oder nicht, und Orm hörte bald wieder damit auf. Als Valgard seine volle Stärke erreicht hatte, wurde sein Name überall gefürchtet. Mit dem erbeuteten Geld kaufte er Schiffe. Die bemannte er mit den schlimmsten der Übeltäter, und das ging so weit, daß Orm ihm verbot, mit seinen Männern auf den Hof zu kommen.

Die anderen Kinder des Hauses wurden von fast jedem geliebt. Ketil ähnelte seinem Vater, war groß und fröhlich, immer bereit zu einem Kampf oder einem Spaß, und als er alt genug war, fuhr er oft zur See. Aber nur einmal ging er auf Beutefahrt, geriet in bitteren Streit mit Valgard und unternahm danach allein Handelsfahrten. Asmund war schlank und ruhig, ein guter Bogenschütze, aber kein Liebhaber des Kampfes, und er nahm sich immer mehr der Bewirtschaftung des Hofes an. Asgerd war eine große, helle Maid mit blauen Augen, goldenem Haar und kühlen, starken Händen, aber Frida wurde zu einer Schönheit wie ihre Mutter.

So stand es, als die Hexe den Entschluß faßte, es sei an der Zeit, die Fäden ihres Gewebes zusammenzuziehen.

VII

An einem stürmischen Herbsttag, als der Geruch von Regen in der Luft hing und die Blätter sich zu Gold und Kupfer und Bronze färbten, ritt Ketil mit ein paar Gefährten auf die Jagd. Sie waren noch nicht weit in den Wald eingedrungen, da sahen sie einen weißen Hirsch, so groß und edel, daß sie es kaum glauben konnten.

„Ho, das ist ein Wild für einen König!“ rief Ketil, gab seinem Pferd die Sporen, und fort ging es durch Busch und Strauch, und der Wind sang in ihren Ohren. Seltsam war nur, daß die Hunde gar nicht eifrig bei der Jagd waren, und obwohl Ketil nicht das beste Pferd ritt, war er bald den Hunden und den anderen Jungen weit voraus.

Vor ihm schimmerte im Abendlicht der weiße Hirsch, lief und sprang, und sein Geweih hob sich wie zwei Bäume gegen den Himmel ab. Eisiger Regen fiel, doch Ketil in seinem Jagdeifer merkte es kaum. Auch wurde ihm nicht bewußt, welche Strecke er zurücklegte und wieviel Zeit verging.

Auf einer kleinen Lichtung holte er den Hirsch ein. Das Licht war trübe, aber er warf seinen Speer. Noch während der Speer in der Luft war, schien der Hirsch zusammenzuschrumpfen, wie ein Nebelfetzen vom Wind verweht zu werden, und dann war er verschwunden, und nur eine Ratte raschelte durch die toten Blätter.

Ketil wurde klar, daß er seine Gefährten verloren hatte. Ein kalter Wind wimmerte durch die Dämmerung. Sein Pferd zitterte vor Müdigkeit. Sie waren in einen Teil des Waldes geraten, der so weit westlich von Orms Hof lag, daß Ketil ihn nicht kannte. Er verstand nicht, was vorgegangen war, und ihm schauderte.

Aber am Rande der Lichtung stand ein sauberes kleines Holzhaus mit einem Strohdach unter einer großen Eiche. Ketil fragte sich, wer dort so einsam leben mochte und wovon er sich ernährte, denn er sah keine Spur von bebautem Land. Doch war hier wenigstens eine Unterkunft für ihn und sein Pferd. Er stieg ab, hob seinen Speer auf und klopfte an die Tür.

Sie öffnete sich und zeigte einen gut eingerichteten Raum mit einem leeren Stall dahinter. Aber Ketils Augen sahen nur die Frau, und sein Herz hämmerte ihm gegen die Rippen.

Sie war hochgewachsen, und das tief ausgeschnittene Kleid zeigte jede Rundung ihres wundervollen Körpers. Dunkles, loses Haar fiel ihr bis zu den Knien und umrahmte ein vollkommenes Gesicht, weiß wie Meeresschaum. Ihr voller Mund war blutrot, ihre Nase zart gebogen, die Augen unter den feinen Brauen waren von einem unergründlichen Grün mit goldenen Flecken, und sie schienen Ketil bis ins innerste Herz zu blicken. Niemals, so sagte er sich benommen, niemals hätte er sich träumen lassen, daß eine Frau so aussehen könne.

„Wer bist du?“ fragte sie mit weicher, klingender Stimme. „Was suchst du hier?“

Ketils Mund war trocken, und seine Pulse dröhnten so, daß er ihre Worte kaum vernehmen konnte, aber er antwortete: „Ich bin Ketil Ormssohn… ich habe meine Jagdgefährten verloren, und ich möchte dich um ein Unterkommen für mein Pferd und… für mich bitten…“

„Sei willkommen, Ketil Ormssohn“, sagte sie und schenkte ihm ein Lächeln, bei dem ihm das Herz beinahe aus der Brust sprang. „Wenige Menschen kommen hierher, und ich freue mich, dich zu sehen.“

„Lebst du… allein?“ fragte er.

„Aye. Doch heute nacht nicht!“ lachte sie, und da umschlang Ketil sie mit seinen Armen.

Orm schickte Männer aus, alle seine Nachbarn zu fragen, aber keiner konnte ihm über seinen Sohn Auskunft geben. So kam er nach drei Tagen zu der Überzeugung, Ketil müsse etwas zugestoßen sein. „Er kann sich ein Bein gebrochen haben oder auf Räuber gestoßen oder sonst zu Schaden gekommen sein“, sagte er. „Asmund, morgen wollen wir auf die Suche nach ihm gehen.“

Valgard lümmelte sich mit einem Horn voll Met in der Hand auf der Bank. Er war vor zwei Tagen von der sommerlichen Beutefahrt zurückgekehrt, hatte seine Männer auf einem von ihm gekauften Hof gelassen und war für eine Weile nach Hause gekommen, mehr wegen des guten Essens und Trinkens bei seinem Vater als aus Sehnsucht nach seiner Verwandtschaft. Der Feuerschein lag rot wie Blut auf seinem mürrischen Gesicht. „Warum sagst du das nur zu Asmund?“ fragte er. „Ich bin auch hier.“

„Ich wußte nicht, daß zwischen dir und Ketil besondere Liebe ist“, sagte Orm.

Valgard grinste und leerte das Horn. „Da hast du recht. Trotzdem werde ich mit nach ihm suchen, und ich hoffe, ich werde es sein, der ihn findet und nach Hause bringt. Nichts wird ihn mehr ärgern, als wenn er mir Dank schuldig ist.“

Orm zuckte mit den Schultern, und in Älfridas Augen schimmerten Tränen. Früh am nächsten Morgen ritten sie mit vielen Männern und Hunden hinaus, und entsprechend ihrem Plan verteilten sie sich im Wald. Valgard ging allein und zu Fuß, wie es seine Gewohnheit war. Als Waffe trug er eine große Axt, und auf seiner lohfarbenen Mähne saß ein Helm, aber ansonsten hätte er in seinen abgetragenen Kleidern ein Tier des Waldes sein können. Er schnüffelte in der kalten Luft und suchte nach einer Spur. Im Spurensuchen hatte er eine übermenschliche Geschicklichkeit. Bald fand er auch schwache Anzeichen. Er grinste, aber er stieß nicht ins Horn, sondern setzte sich in Trab.

Als der Tag zu Ende ging, kam er auf seinem Lauf nach Westen in einen dichteren und älteren Wald. Hier war er auf all seinen Streifzügen noch nie gewesen. Der Himmel war grau, und Wolken segelten niedrig über den kahlen Bäumen dahin. Der Wind wirbelte tote Blätter durch die Luft wie Geister, die zur Hölle fahren, und sein Pfeifen zerrte an Valgards Nerven. Er konnte riechen, daß hier etwas nicht stimmte, aber da er in der Zauberei nicht ausgebildet war, wußte er nicht, was ihm die Haare zu Berge stehen ließ.

Die Dämmerung brach herein. Er war müde und hungrig und zornig auf Ketil, daß er ihm soviel Mühe machte. Er würde im Freien schlafen müssen, und das jetzt, wo der Winter vor der Tür stand. Dafür wollte er sich rächen.

Halt – durch die Dämmerung sah er einen Lichtschein. Das war kein Irrlicht; es war ein Feuer – ein Obdach, falls es sich nicht um ein Lager von Gesetzlosen handelte. Und dann, dachte Valgard, würde es ihm ein Vergnügen sein, sie zu töten.

Es war Nacht, bis er die Hütte erreichte. Der Wind trieb ihm Hagelkörner ins Gesicht. Vorsichtig schlich Valgard sich an ein Fenster und sah durch eine Ritze in den Läden hinein. Ketil saß gemütlich auf einer Bank vor einem prasselnden Feuer. Er hielt ein Horn mit Bier in der einen Hand, und mit der anderen streichelte er die Frau, die auf seinem Schoß saß.

Allmächtige Götter, und was für eine Frau! Valgard sog zwischen zusammengebissenen Zähnen scharf die Luft ein.

Dann trat er an die Tür und klopfte mit der flachen Axt dagegen. Es dauerte einige Zeit, bis Ketil öffnete und mit dem Speer in der Hand nachsehen kam, wer das sein mochte. Der Hagel fiel jetzt dicht.

Valgard, groß und zornig, füllte den Eingang mit seinen Schultern. Ketil fluchte, trat aber zur Seite und ließ ihn ein. Langsam schritt Valgard über den Fußboden. Wasser von den schmelzenden Hagelkörnern tropfte von ihm ab. Seine Augen ruhten auf der Frau.

„Du bist nicht sehr gastfreundlich, Bruder“, sagte er und brach in bellendes Lachen aus. „Du hast mich, der ich viele Meilen gelaufen bin, um dich zu finden, draußen im Sturm stehengelassen, während du mit deinem Schatz gespielt hast.“

„Ich habe dich nicht eingeladen“, erklärte Ketil mürrisch.

„Nicht?“ Valgards Augen wichen nicht von der Frau. Sie aber begegnete seinem Blick, und ihr roter Mund verzog sich zum Lächeln.

„Du bist ein willkommener Gast“, grüßte sie ihn. „Noch nie in meinem Leben habe ich einen Mann beherbergt, der so groß war wie du.“

Wieder lachte Valgard und drehte sich zu Ketil um. „Ob du mich eingeladen hast oder nicht, lieber Bruder, ich werde die Nacht hier verbringen. Und da, wie ich sehe, nur für zwei Platz im Bett ist und ich einen so weiten, mühseligen Weg hinter mir habe, fürchte ich, daß du im Stall wirst schlafen müssen.“

„Nicht für dich!“ brüllte Ketil. Seine Knöchel standen weiß hervor, als er nach seinem Speer faßte. „Wäre es Vater oder Asmund oder sonstwer vom Hof gewesen, hätte ich ihn willkommen geheißen. Aber du, Übeltäter und Berserker, der du bist, wirst derjenige sein, der im Stroh schlafen muß.“

Valgards Gesicht verzog sich höhnisch. Er holte mit seiner Axt aus. Sie traf den Speer am Schaft und splitterte die Spitze ab. „Geh hinaus, kleiner Bruder!“ befahl er. „Oder muß ich dich hinauswerfen?“

Blind vor Wut schlug Ketil nach ihm mit dem abgebrochenen Schaft. In Valgard flammte der Jähzorn auf. Seine Axt zischte durch die Luft und fuhr tief in Ketils Schädel. Immer noch außer sich, drehte er sich zu der Frau um. Sie breitete ihre Arme aus. Valgard riß sie an sich und küßte sie, bis ihre Lippen bluteten. Sie lachte laut.

Aber am nächsten Morgen sah Valgard beim Erwachen Ketil in einer Lache aus geronnenem Blut und Gehirn liegen, die toten Augen starrten ihn an, und ihn überkam plötzliche Reue.

„Was habe ich getan?“ flüsterte er. „Ich habe meinen eigenen Bruder erschlagen.“

„Du hast den schwächeren Mann erschlagen“, bemerkte die Frau ungerührt.

Doch Valgard stand neben der Leiche seines Bruders und grübelte. „Trotz unserer Streitigkeiten hatten wir gute Zeiten miteinander, Ketil“, murmelte er. „Ich erinnere mich, wie lustig wir beide ein neugeborenes Kalb fanden, das sich auf seine wackeligen Beine zu stellen versuchte, und wie der Wind uns ins Gesicht blies und die Sonne auf die Wellen funkelte, wenn wir zusammen segelten, und wie wir am Julfest getrunken haben, wenn der Sturmwind um unseres Vaters Halle heulte, und wie ich mit dir geschwommen und gelaufen bin, Bruder. Nun ist es vorbei, du liegst da steif und tot, und ich habe einen dunklen Weg beschritten – aber schlaf wohl. Gute Nacht, Ketil, gute Nacht.“

„Wenn du jemandem davon erzählst, wirst du getötet werden“, sagte die Frau. „Das wird ihn nicht zurückbringen. Und im Grab gibt es kein Küssen und Kosen.“

Valgard nickte. Er nahm den Körper auf und trug ihn in den Wald. Er wollte die Axt nicht noch einmal berühren, deshalb ließ er sie im Schädel stecken und baute ein Steingrab über dem Toten. Aber als er zu der Hütte zurückkehrte, wartete die Frau auf ihn, und bald vergaß er alles andere. Sie war schöner als die Sonne, und es gab nichts, was sie über die Liebeskunst nicht wußte.

Es wurde ungewöhnlich kalt, bevor der erste Schnee fiel. Dieser Winter würde lang werden.

Nach einer Woche dachte Valgard, das beste sei, wenn er jetzt nach Hause ginge. Sonst würden andere auf der Suche nach ihm herkommen, und unter seinen Männern konnten Kämpfe ausbrechen. Aber die Frau wollte nicht mit ihm kommen. „Dies ist mein Platz, und ich kann ihn nicht verlassen“, sagte sie. „Doch du kannst zu mir kommen, wann immer du willst, Valgard, mein Liebster. Ich werde dich immer freudig willkommen heißen.“

„Ich komme bald wieder“, schwor er. Er dachte nicht daran, sie gewaltsam zu entführen, obwohl er das zuvor schon oft getan hatte. Es war ein zu kostbares Geschenk, daß sie sich ihm freiwillig hingab.

In Orms Halle wurde er von dem Häuptling, der befürchtet hatte, auch ihn verloren zu haben, freudig begrüßt. Sonst war niemand besonders glücklich, ihn wiederzusehen.

„Ich bin weit im Westen und Norden gewesen“, sagte Valgard, „und ich habe Ketil nicht gefunden.

„Er muß tot sein.“ Orms Stimme klang wieder kummervoll. „Wir haben tagelang gesucht, und schließlich fanden wir sein Pferd, das reiterlos umherirrte. Ich werde den Totenschmaus vorbereiten.“

Nur wenige Tage hielt sich Valgard unter Menschen auf. Dann verschwand er wieder in den Wäldern, versprach aber, zu Ketils Totenbier zurück zu sein. Asmund sah ihm nach und machte sich seine eigenen Gedanken.

Dem jüngsten Bruder kam es merkwürdig vor, wie Valgard einem Gespräch über Ketils Schicksal auswich, und noch merkwürdiger, daß er – wie er behauptet hatte – jetzt, wo der Winter gekommen war, auf die Jagd gehen wollte. Warum war Valgard so lange weg gewesen, und warum verließ er sie so bald wieder?

So grübelte Asmund, und schließlich, zwei Tage nach Valgards Weggang, folgte er ihm. Es hatte in der Zwischenzeit weder Schnee noch Wind gegeben, und in dem glatten Weiß waren die Spuren noch deutlich zu sehen. Asmund lief auf seinen Schneeschuhen allein durch schweigende Wälder, wo sich außer ihm nichts rührte, und die Kälte biß ihm ins Fleisch.

Drei Tage später kehrte Valgard zurück. Von nah und fern waren Leute zum Totenschmaus gekommen. Der Berserker schritt mit fest geschlossenen Lippen und grimmigem Gesicht durch den überfüllten Hof.

Älfrida faßte ihn am Ärmel. „Hast du Asmund gesehen?“ fragte sie ängstlich. „Er ist in den Wald gegangen und noch nicht wieder nach Hause gekommen.“

„Nein“, antwortete Valgard kurz.

„Schlimm wäre es, zwei gute Söhne im gleichen Monat zu verlieren und nur den schlechtesten zu behalten“, sagte Älfrida und wandte sich von ihm ab.

Am Abend versammelten sich die Gäste in der großen Halle zum Trinken. Orm saß auf seinem Hochsitz mit Valgard zu seiner Rechten. Auf den Bänken zu beiden Längsseiten drängten sich die Männer und hoben sich über den Flammen und dem Rauch des Feuers, das in einem Graben zwischen ihnen brannte, die Trinkhörner entgegen. Frauen kamen und gingen und füllten die Hörner auf. Die Männer, ausgenommen die Gastgeber, waren von dem Bier lustig geworden, und manch ein Auge folgte Orms beiden Töchtern.

Orm trug eine gelassene Miene zur Schau, wie es einem Krieger ansteht, der den Tod verachtet. Niemand vermochte zu sagen, was in seinem Inneren vorging. Älfrida konnte sich nicht enthalten, dann und wann leise und hoffnungslos zu weinen. Valgard saß wortlos da und leerte sein Horn, bis ihm der Kopf brummte. Seine Stimmung wurde immer düsterer. Ohne die Frau und die Aufregungen des Krieges hatte er nichts anderes zu tun, als über seine Tat zu brüten, und Ketils Gesicht schwamm in dem dämmrigen Licht vor ihm.

Das Bier floß, bis alle betrunken waren und die Halle von ihrem Lärm erbebte. Und dann drang ein lautes Klopfen an der Haupttür durch den Tumult. Der Riegel war zurückgezogen, aber das Geräusch zog die Aufmerksamkeit der Männer auf sich. Durch den Vorraum, in die große Halle schritt Asmund.

Der Feuerschein hob seine Gestalt von dem schwarzen Hintergrund ab. Er stand weiß und schwankend. In seinen Armen trug er eine lange, in einen Mantel gewickelte Last. Sein hohler Blick wanderte durch die Halle und suchte einen Mann, und einer nach dem anderen verstummte, bis lähmendes Schweigen herrschte.

„Willkommen, Asmund!“ rief Orm in diese Stille. „Wir hatten schon angefangen, uns Sorgen um dich zu machen…“

Immer noch starrte Asmund geradeaus, und die, die seinem Blick folgten, bemerkten, daß er auf Valgard gerichtet war. Endlich sprach Asmund tonlos: „Ich habe einen Gast zum Totenbier mitgebracht.“

Orm saß bewegungslos, obwohl er unter seinem Bart blaß wurde. Asmund setzte seine Bürde ab. Sie war so steif gefroren, daß sie, gegen seinen Arm gelehnt, stehen konnte.

„Grausam kalt war das Steingrab, wo ich ihn fand“, sagte Asmund. Tränen rannen ihm aus den Augen. „Es war kein guter Ort für ihn, und ich hielt es für eine Schande, daß wir zu seinen Ehren ein Fest feiern und er draußen bleiben sollte mit niemandem als dem Wind und den Sternen zur Gesellschaft. Deshalb habe ich Ketil nach Hause gebracht – Ketil, der Valgards Axt in seinem Schädel trägt.“

Er zog den Mantel weg, und der Feuerschein fiel wie frisch vergossenes Blut auf das alte, das um die Axt klebte. Reif lag auf Ketils Haar. Sein totes Gesicht grinste Valgard an. Seine starrenden Augen spiegelten die Flammen wider.

Orm wandte sich langsam dem Berserker zu, dessen Kiefer wie bei einem Leichnam nach unten gefallen war. Doch einen Augenblick später sprang Valgard auf und brüllte Asmund zu: „Du lügst!“

„Alle Männer kennen deine Axt“, sprach Asmund schwer. „Ergreift den Brudermörder, gute Leute, und bindet ihn, daß wir ihn hängen können.“

„Ich verlange Gerechtigkeit!“ schrie Valgard. „Laß mich die Waffe ansehen.“

Niemand bewegte sich, sie alle waren zu entsetzt. Ungehindert ging Valgard durch die Halle bis zum Eingang in den Vorraum.

Die Waffen waren nicht weit entfernt abgelegt worden. Im Vorbeigehen griff sich Valgard einen Speer und begann zu laufen. „Du entfliehst uns nicht!“ rief Asmund. Er wollte sein Schwert ziehen und ihm den Weg verstellen. Valgard schleuderte den Speer. Er fuhr durch Asmunds ungeschützte Brust und nagelte ihn an die Wand. Ketils Leiche hielt er immer noch umfaßt, und so standen die beiden toten Brüder Seite an Seite und starrten auf ihren Mörder.

Valgard wurde zum Berserker und heulte. Seine Augen sprühten grünes Feuer, Schaum trat ihm auf die Lippen. Orm, der ihm gefolgt war, riß ein Schwert an sich und griff ihn an. Valgard zog sein Eßmesser, schlug Orms Klinge mit dem linken Arm beiseite und stach sein Messer dem Häuptling in die Kehle.

Blut spritzte über ihn. Orm fiel. Valgard nahm das Schwert. Andere kamen. Sie schnitten ihm den Weg ab. Valgard schlug den nächsten nieder. Sein Heulen stieg zu den Dachbalken auf.

In der Halle entstand ein großes Durcheinander. Einige Gäste versuchten, sich in eine sichere Ecke zurückzuziehen, andere wollten den Wahnsinnigen ergreifen. Valgards Klinge sang. Drei weitere Männer fielen. Dann hoben mehrere eine Planke vom Tisch. Damit drängten sie Valgard von den abgelegten Waffen weg. Die Männer bewaffneten sich.

Aber in dem überfüllten Raum ging das nicht so schnell. Valgard schlug auf die ein, die zwischen ihm und der Tür standen und noch keine Waffen hatten. Er verwundete mehrere und gewann die Tür. Ein Krieger, der an einen Schild und ein Schwert gekommen war, stand im Vorraum. Valgard schlug mit dem Schwert auf den eisernen Schildrand. Es zerbrach.

„Zu schwach ist deine Klinge, Orm!“ rief Valgard da. Als der Mann ihn angriff, faßte er nach hinten und riß die Axt aus Ketils Kopf. Sein Gegner war in seiner Hast unvorsichtig. Valgards erster Hieb schlug den Schild beiseite, der zweite trennte dem Mann den rechten Arm von der Schulter. Valgard war entkommen.

Speere zischten ihm nach. Er floh in die Wälder. Das Blut seines Vaters tropfte von ihm, bis es gefror und den Hunden, die auf seine Spur gesetzt wurden, keine Hilfe mehr war. Auch als er seinen Verfolgern schon entkommen war, rannte er immer weiter, damit er selbst nicht erfror. Schaudernd und schluchzend lief er westwärts.

VIII

Die Hexe wartete in der Dunkelheit. Da schlüpfte etwas durch ein Rattenloch. Sie sah nach unten und entdeckte ihren Vertrauten.

Er war erschöpft und abgemagert und sprach nicht eher, bis er an ihre Brust gekrochen war und sich sattgetrunken hatte. Dann lag er auf ihrem Schoß und betrachtete sie mit kleinen, harten glitzernden Augen.

„Nun“, fragte sie, „wie war deine Reise?“

„Lang und kalt“, antwortete er. „In Fledermausgestalt ließ ich mich vom Wind nach Elfenhöhe tragen. Oft bin ich, als ich um Imrics Hallen schlich, dem Tod nahegekommen. Sie sind verteufelt schnell, diese Elfen, und sie wußten, daß ich keine gewöhnliche Ratte war. Aber trotzdem ist es mir gelungen, ihre Beratungen zu belauschen.“

„Und lauten ihre Pläne so, wie ich es mir gedacht habe?“

„Aye. Skafloc wird nach Trollheim fahren und einen Überfall auf Illredes Hof machen. Sie hoffen, er wird den König erschlagen oder zumindest seine Kriegsvorbereitungen stören – nun, da er den Waffenstillstand gekündigt hat. Imric wird auf Elfenhöhe bleiben und die Verteidigungsmaßnahmen leiten.“

„Gut. Der alte Elfengraf ist zu gewitzt, aber Skafloc allein wird die Falle kaum vermeiden können. Wann bricht er auf?“

„In neun Tagen. Er reist mit fünfzig Schiffen.“

„Elfen segeln schnell. Er wird wohl noch in der gleichen Nacht in Trollheim landen. Valgard kann Trollheim mit dem Wind, den ich ihn zu rufen lehren werde, in drei Tagen erreichen, und ich muß ihm wohl eine Frist von drei weiteren Tagen geben, sich vorzubereiten. Wenn er also Illrede vor Skaflocs Ankunft begrüßen soll, muß ich ihn hier behalten – hm, er braucht ja auch Zeit, um zu seinen eigenen Männern zu kommen – nun, ihn zu kontrollieren ist nicht schwer, weil er jetzt ein Gesetzloser ist, der in Verzweiflung zu mir flieht.“

„Du behandelst Valgard schlecht.“

„Ich habe nichts gegen ihn, denn er ist ja nicht von Orms Blut, aber er ist mein Werkzeug in einem gefährlichen Spiel. Es wird bei weitem nicht so einfach sein, Skafloc zu verderben, wie Orm und die beiden Brüder zu töten oder an die Schwestern heranzukommen. Über meine Zauberkünste und meine Macht würde er nur lachen.“ Die Hexe grinste. „Aye, aber Valgard ist ein Werkzeug, aus dem ich eine Waffe schmiede, die Skaflocs Herz durchbohren wird. Was Valgard selbst betrifft, hat er die Möglichkeit, bei den Trollen zu einer hohen Stellung aufzusteigen, falls sie die Elfen schlagen, und das hoffe ich. Skaflocs Fall soll doppelt bitter sein, indem ich durch ihn die Zerstörung Alfheims bewirke.“

Die Hexe setzte sich zurück und wartete, eine Kunst, die sie in vielen Jahren gelernt hatte.

Kurz vor der Morgendämmerung, als ein graues, hoffnungsloses Licht über den Schnee und die eisbedeckten Bäume kroch, klopfte Valgard an die Tür der Frau. Sie öffnete sie sofort, und er fiel ihr in die Arme. Er war halbtot vor Erschöpfung und Kälte, seine Kleider waren blutbefleckt, sein Gesicht war verzerrt, und aus seinen Augen blickte der Wahnsinn.

Sie gab ihm Fleisch und Bier und seltsame Kräuter. Es dauerte nicht lange, und er konnte sie an sich drücken. „Jetzt bist du alles, was mir geblieben ist“, murmelte er. „Frau, deine Schönheit und meine Leichtfertigkeit haben dieses Übel heraufbeschworen. Ich sollte dich töten und mich dann in meine eigenen Waffen stürzen.“

„Warum sagst du das?“ lächelte sie. „Was ist denn geschehen?“

Er vergrub sein Gesicht in ihrem duftenden Haar. „Ich habe meinen Vater und meine Brüder erschlagen, und ich bin jetzt für immer ein Gesetzloser.“

„Daß du sie erschlagen hast“, antwortete sie, „beweist nur, daß du stärker bist als jene, die dich bedrohten. Was macht es aus, wer sie waren?“ Ihre grünen Augen brannten in seine. „Aber wenn der Gedanke, du habest dein eigenes Blut getötet, dir Kummer macht, dann kann ich dir sagen, daß du schuldlos bist.“

„Wie?“ Er sah sie verwirrt an.

„Du bist nicht Orms Sohn, Berserker Valgard. Ich habe das zweite Gesicht, und daher weiß ich, daß deine Herkunft nicht einmal menschlich ist, sondern so edel, daß du dein wahres Erbteil bestimmt nicht erraten kannst.“

Sein mächtiger Körper wurde hart wie eine Eisenstange. Er packte mit scherzhaftem Griff ihre Handgelenke, und sein Schrei hallte in der Hütte wider: „Was sagst du da?“

„Imric, der Elfengraf, hat dich zurückgelassen, als er Orms erstgeborenen Sohn stahl“, erklärte die Frau. „Du bist Imrics eigener Sohn von einer Sklavin, die die Tochter Illredes, des Trollkönigs ist.“

Valgard schleuderte sie von sich. Schweiß glänzte auf seiner Stirn. „Lüge!“ keuchte er. „Lüge!“

„Die Wahrheit!“ antwortete die Frau ruhig. Sie schritt auf ihn zu. Er wich vor ihr zurück. Unbeirrt sprach sie weiter. „Warum bist du den Kindern Orms oder irgendeines anderen Mannes so unähnlich? Warum erzürnst du die Götter und die Menschen und lebst in einer Einsamkeit, die du nur im Tumult der Schlacht vergißt? Warum hat keine der Frauen, bei denen du gelegen hast, jemals ein Kind bekommen? Warum fürchten sich Tiere und kleine Kinder vor dir?“ Sie hatte ihn jetzt in die Enge getrieben, und ihre Augen wichen nicht von seinem Gesicht. „Welchen Grund könnte es dafür geben außer dem, daß du nicht menschlich bist?“

„Aber ich bin aufgewachsen wie andere Menschen, ich kann Eisen und heilige Dinge berühren, ich bin kein Zauberer…“

„Das ist das böse Werk Imrics, der dich deines Erbteils beraubt und dich zugunsten von Orms Sohn verstoßen hat. Er gab dir ein Aussehen wie das des gestohlenen Kindes. Du wurdest von unwissenden Menschen erzogen, und die magischen Kräfte, die in dir schlummern, sind niemals erweckt worden. Imric hat dein Geburtsrecht auf ein Jahrhunderte währendes Leben dagegen eingetauscht, daß du in der kurzen Spanne, die den Menschen zugemessen ist, heranwachsen, altern und sterben wirst und daß du Dinge, die die Elfen fürchten, ungescheut berühren kannst. Aber eine menschliche Seele konnte er dir nicht geben, Valgard. Und gleich ihm wirst du, wenn du stirbst, wie eine Kerze ausgeblasen werden, ohne Hoffnung auf den Himmel oder die Hölle oder die Walhalla der alten Götter – und doch wirst du nicht länger leben als ein Mensch!“

Valgard stieß einen ächzenden Laut aus, schleuderte sie zur Seite und stürzte aus der Tür. Die Frau lächelte.

Der Sturm heulte, und es war sehr kalt, und doch war es längst dunkel geworden, als Valgard zu der Hütte zurückgekrochen kam. Er war geschlagen und gebrochen, aber seine Augen glühten, als er seine Buhle ansah.

„Jetzt glaube ich dir“, murmelte er, „denn etwas anderes zu glauben ist nicht möglich. Ich habe Geister und Dämonen mit dem Sturm reiten sehen, und sie verspotteten mich, als sie über mich hinwegflogen.“ Er starrte in eine dunkle Ecke. „Die Nacht schließt sich um mich, das traurige Spiel meines Lebens ist ausgespielt – Heim und Familie und sogar meine Seele habe ich verloren – ich habe nie eine gehabt – und ich sehe, daß ich nichts als ein Schatten war, den die großen Mächte, die jetzt die Kerze ausblasen, geworfen haben. Gute Nacht, Valgard, gute Nacht…“ Und er sank schluchzend auf das Bett.

Die Frau lächelte ihr verstohlenes Lächeln und legte sich neben ihn und küßte ihn mit ihrem Mund, der wie Wein und Feuer war. Und als seine glasigen Augen sich auf sie richteten, hauchte sie: „So darf Valgard nicht sprechen, der Berserker, der mächtigste Krieger, dessen Name von Irland bis Gardariki Schrecken bedeutet. Ich dachte, du würdest meine Worte frohgemut aufnehmen und mit deiner großen Axt dein Schicksal zu einer besseren Form zurechthauen. Du hast schon grausame Rache für geringere Beleidigungen genommen, als es der Raub deines Erbteils und das Anketten in dem Kerker des sterblichen Lebens ist.“

Valgard fühlte etwas von seiner Stärke zurückkehren, und sie wuchs, während er die Frau liebkoste, und zugleich wuchs sein Haß auf alles außer ihr. Schließlich fragte er: „Was kann ich tun? Wo kann ich meine Rache finden? Ich kann Elfen und Trolle nicht einmal sehen, falls sie es nicht selbst wünschen.“

„Das kann ich dich lehren“, erwiderte sie. „Es ist nicht schwer, die Hexensicht zu erlangen, mit der die Bewohner des Feenreichs geboren sind. Danach kannst du die vernichten, die dir Unrecht angetan haben, und darüber, daß du ein Gesetzloser sein sollst, wirst du lachen, denn du wirst mächtiger werden als jeder König der Menschen.“

Valgard sah sie mit verengten Augen an. „Wie das?“ fragte er langsam.

„Die Trolle bereiten einen Krieg mit ihren alten Feinden, den Elfen, vor“, berichtete sie. „In Kürze wird Illrede, der Trollkönig, ein Heer gegen Alfheim führen, und wahrscheinlich wird er zuerst gegen Imric hier in England losschlagen, damit er Flanke und Rücken frei hat, wenn er später nach Süden zieht. Unter Imrics besten Kriegern wird sein Pflegesohn Skafloc sein, Orms Kind, der deinen rechtmäßigen Platz einnimmt. Wenn du jetzt schnell zu Illrede segelst, ihm Geschenke und den Dienst deiner menschenähnlichen Kräfte anbietest und ihm von deiner Abstammung berichtest, wirst du eine hohe Stellung in seiner Armee bekommen. Beim Überfall auf Burg Elfenhöhe könntest du Imric und Skafloc erschlagen, und sicher wird Illrede dich dann zum Grafen des britischen Elfenlandes machen. Danach, wenn du die Zauberkunst gelernt hast, kannst du noch höher steigen – ja, du könntest vielleicht sogar lernen, Imrics Werk umzukehren und dich selbst zu einem echten Elf oder Troll zu machen, der bis ans Ende der Welt alterslos ist.“

Valgard lachte, und es klang wie das Bellen eines jagenden Wolfes. „Wirklich, das ist gut!“ schrie er. „Ich bin ein Mörder, ein Gesetzloser und ein Nichtmensch, und da habe ich nichts zu verlieren und viel zu gewinnen. Soll ich also dem Heer aus der Kälte und der Dunkelheit beitreten, so will ich es mit ganzem Herzen tun und mein Elend in Schlachten, von denen die Menschen nicht einmal träumen, ertränken. Oh Frau, Frau, du hast mir Böses angetan, aber ich danke dir dafür!“

Er liebte sie mit Heftigkeit, aber später sprach er mit ihr ruhig und kühl.

„Wie komme ich nach Trollheim?“

Die Frau öffnete eine Truhe und nahm einen zugebundenen Ledersack heraus. „Du mußt an einem bestimmten Tag, den ich dir noch nennen werde, in See stechen. Unterwegs öffne diesen Sack. Er enthält einen Wind, der dich nach Trollheim bläst, und du wirst Hexensicht haben, um die Wohnungen der Trolle zu erkennen.“

„Aber was ist mit meinen Männern?“

„Sie werden ein Teil deines Geschenks an Illrede sein. Die Trolle machen sich gern das Vergnügen, Menschen über die Berge zu jagen, und sie werden merken, daß deine Männer Übeltäter sind, denen kein Gott helfen mag.“

Valgard zuckte die Schultern. „Wenn ich ein Troll sein soll, kann ich mich auch als Troll erweisen und Verrat begehen. Aber was könnte Illrede sonst noch erfreuen? Er muß doch Gold und Juwelen und Kostbarkeiten in Mengen besitzen.“

„Gib ihm etwas, das mehr wert ist“, sagte die Frau. „Orm hat zwei schöne Töchter, und die Trolle sind lüstern. Wenn du sie bindest und knebelst, so daß sie das Kreuz nicht schlagen und den Namen Jesu nicht aussprechen können…“

„Nicht diese beiden!“ Valgard graute es. „Ich bin mit ihnen aufgewachsen. Und ich habe ihnen bereits genug Leid zugefügt.“

„Doch, diese beiden. Denn wenn Illrede dich in seinen Dienst nehmen soll, muß er sicher sein, daß du alle menschlichen Bindungen zerrissen hast.“

Von neuem weigerte Valgard sich. Aber sie schmiegte sich an ihn und küßte ihn und erzählte ihm so lange von den dunklen Herrlichkeiten, die er zu erwarten habe, bis er einwilligte. „Ich möchte nur wissen, wer du bist, du schlechteste und schönste Frau in der ganzen Welt“, sagte er.

Sie lachte leise an seiner Brust. „Du wirst mich vergessen, wenn du erst einmal ein paar Elfenfrauen gehabt hast.“

„Nein – nie werde ich dich vergessen, Geliebte, die du aus mir gemacht hast, was du wolltest.“

Nun behielt die Frau Valgard für einige Zeit in ihrem Haus. Sie sagte, sie müsse Zaubertränke brauen, die seine Hexensicht wiederherstellen würden, und versuchte, ihn mit Erzählungen über das Feenreich zu fesseln. Das wäre jedoch gar nicht nötig gewesen, denn schon ihre Schönheit und ihr Geschick in der Liebeskunst banden ihn sicherer als Ketten.

Schnee erfüllte die Dämmerung, als sie schließlich riet: „Jetzt solltest du am besten aufbrechen.“

„Wir sollten aufbrechen“, antwortete er. „Du mußt mitkommen, denn ich kann nicht leben ohne dich.“ Seine großen Hände streichelten sie. „Tust du es nicht freiwillig, trage ich dich weg, aber mitkommen mußt du.“

„Gut denn“, seufzte sie, „obwohl du vielleicht anders empfindest, wenn ich dir die Hexensicht gegeben habe.“

Sie stand auf, sah auf ihn, der saß, herab, und zog die Linien seines Gesichts mit dem Finger nach. Ihr Mund verzog sich zu einem beinahe sehnsüchtigen Lächeln.

„Der Haß ist ein strenger Herr“, flüsterte sie. „Ich hätte nicht gedacht, daß ich noch einmal Freude empfinden würde, Valgard, aber jetzt tut es mir weh, dir Lebewohl sagen zu müssen. Ich wünsche dir alles Glück, Liebster. Und jetzt…“ ihre Fingerspitzen berührten seine Augen „…sieh!“

Und Valgard sah.

Das saubere kleine Haus und die hohe weiße Frau schwankten vor seinen Augen wie Rauch im Wind. Trotz seines Entsetzens wollte er nun alles sehen, wie es wirklich war, nicht, wie er es mit vom Zauber geblendeten sterblichen Augen gesehen hatte…

Er saß in einer Hütte aus Flechtwerk und Lehm. Ein winziges Dungfeuer warf einen schwachen Schein auf Haufen von Knochen und Lumpen, verrosteten Werkzeugen und merkwürdigen Hexengeräten. Er sah hoch in die trüben Augen eines alten Weibes, dessen verrunzelte Haut sich über einen wackelnden, zahnlosen Schädel spannte und an dessen verschrumpfter Brust eine Ratte hing.

Halb wahnsinnig vor Schrecken richtete er sich auf. Die Hexe betrachtete ihn lauernd. „Mein Geliebter“, gackerte sie, „sollen wir uns nicht auf den Weg zu deinem Schiff machen? Du hast geschworen, du wolltest dich nie von mir trennen.“

„Und deinetwegen bin ich ein Gesetzloser!“ heulte Valgard. Er packte seine Axt und schlug nach ihr. Aber ihr Körper schrumpfte zusammen. Zwei Ratten sprangen davon. Die Axt fuhr in den Fußboden.

Valgard schäumte. Er nahm ein Stück Holz und hielt es ins Feuer. Als es hell brannte, stieß er es in die Lumpen und das Stroh. Er stand draußen, während die Hütte abbrannte, bereit, alles zu erschlagen, was sich außerhalb zeigen würde. Doch da waren nur die lodernden Flammen und der heulende Wind und der Schnee, der zischend in das Feuer fiel.

Als nur noch Asche übrig war, brüllte Valgard: „Deinetwegen habe ich Heimat und Sippe und Hoffnung verloren, deinetwegen habe ich mich entschlossen, ins Reich der Dunkelheit zu ziehen, deinetwegen bin ich ein Troll geworden! Höre mich, Hexe, wenn du noch lebst. Ich werde deinem Rat folgen. Ich werde Graf der Trolle in England werden – vielleicht eines Nachts König von ganz Trollheim – und ich werde dich jagen mit aller Macht, die mir dann zur Verfügung steht. Auch du sollst meine Rache fühlen wie die Menschen und die Elfen und jeder, der sich mir in den Weg stellt, und ich werde keine Ruhe finden, bis ich dich, die du mein Herz mit einem Schatten gebrochen hast, lebendig geschunden habe!“

Er drehte sich um und rannte ostwärts, und bald war er im fallenden Schnee verschwunden. Unter der Erde in ihrem Versteck grinsten die Hexe und der Rattenmann sich an. Es war genauso verlaufen, wie sie es geplant hatten.

Die Männer von Valgards Schiffen waren die schlimmsten der Wikinger, die meisten als Gesetzlose aus ihrer Heimat entflohen und alle in jedem Ort unwillkommen. Daher hatte Valgard einen eigenen Hof gekauft, wo sie überwintern konnten. Sie lebten dort gut und hatten Knechte zu ihrer Bedienung, aber sie waren so streitsüchtig und ungebärdig, daß nur ihr Häuptling sie zusammenhalten konnte.

Als sie von den Morden erfuhren, wußten sie, in Kürze würden Männer aus dem Danelaw erscheinen und ihnen ein Ende bereiten. Deshalb bereiteten sie die Schiffe zum Auslaufen vor. Aber sie konnten sich nicht einigen, wohin es jetzt im Winter gehen sollte, und es gab viel Streit und einige Kämpfe. So wären sie wohl dageblieben, bis ihre Feinde über ihnen waren, wenn Valgard nicht zurückgekehrt wäre.

Er trat nach Sonnenuntergang in die Halle. Die starken, haarigen Männer saßen auf den Bänken und leerten Horn um Horn, bis ihr Gebrüll ohrenbetäubend wurde. Viele stritten miteinander, und die Zuschauer feuerten sie eher an, als daß sie sie trennten. In dem flackernden Feuerlicht schlichen geängstigte Knechte umher und Frauen, die das Weinen längst verlernt hatten. Valgard stieg zu dem leeren Hochsitz empor – ein großer, furchteinflößender Mann, den Mund noch grimmiger zusammengepreßt denn je. Die Axt, die man anfing, Bruderschlächter zu nennen, hing ihm über die Schulter. Als die Männer ihn sahen, legte sich das Getümmel, bis in der Halle keine andere Stimme mehr zu hören war als die des Langfeuers.

Valgard sprach: „Wir können hier nicht bleiben. Obwohl ihr nie auf Orms Hof gewesen seid, werden die Leute das, was geschehen ist, zum Vorwand nehmen, euch loszuwerden. Nun, umso besser. Ich weiß einen Ort, wo wir Reichtum und Ruhm gewinnen können, und dorthin wollen wir übermorgen in aller Frühe segeln.“

„Wo ist das? Und warum brechen wir nicht morgen schon auf?“ fragte einer seiner Kapitäne, ein narbiger alter Bursche namens Steingrimm.

„Ich habe hier in England noch etwas zu erledigen, und das wird morgen geschehen“, antwortete Valgard. „Und was deine erste Frage betrifft: Unser Ziel ist Finnmark.“

Ein Aufruhr brach los. Lauter als alle anderen brüllte Steingrimm: „Das ist das Unsinnigste, was ich je gehört habe. Finnmark ist arm und einsam und liegt an einer See, die sogar im Sommer gefährlich sein kann. Was werden wir dort finden, außer unserem Tod, entweder durch Ertrinken oder durch die Zauberer, die in diesem Land hausen? Doch bestenfalls ein paar Lehmhütten! Ganz in der Nähe haben wir England, Schottland, Irland, Orkney oder südlich des Kanals Valland, wo wir gute Beute machen können.“

„Ich habe meine Befehle gegeben. Ihr werdet ihnen gehorchen“, sagte Valgard.

„Ich nicht!“ schrie Steingrimm. „Ich glaube, du bist in den Wäldern wahnsinnig geworden.“

Wie eine Wildkatze sprang Valgard den Kapitän an. Seine Axt krachte in Steingrimms Schädel.

Ein Mann stieß einen Ruf aus, griff nach einem Speer und schleuderte ihn auf Valgard. Der Berserker sprang zur Seite, riß ihm den Schaft aus den Händen und schlug ihn zu Boden. Dann zog Valgard seine Axt aus Steingrimms Schädel und stand hochaufragend in dem rauchigen Licht. Seine Augen waren wie Eisschollen. Er fragte ruhig: „Hat noch jemand den Wunsch, mir zu widersprechen?“

Niemand sprach, niemand bewegte sich. Valgard ging zurück zu seinem Hochsitz und erklärte: „Ich habe so hart gehandelt, weil wir auf unsere alte, zuchtlose Art nicht weitermachen können. Wir werden alle sterben, wenn wir nicht wie ein einziger Mann werden, dessen Kopf ich allein sein kann. Ich weiß, daß meine Pläne auf den ersten Blick unklug scheinen, aber Steingrimm hätte mich zu Ende anhören sollen. Tatsache ist, daß ich die Nachricht erhalten habe, ein reicher Mann habe in diesem Sommer in Finnmark einen Hof gebaut, und dort ist alles angehäuft, was wir uns nur wünschen können. Sie werden im Winter keine Wikinger erwarten, und so können wir es uns ohne Mühe nehmen. Ich fürchte auch das Wetter nicht. Ihr wißt ja, daß ich einiges Geschick darin habe, es vorherzusagen, und ich rieche, daß ein guter Wind kommt.“

Die Bande erinnerte sich daran, daß es ihnen unter Valgards Führung immer gut ergangen war. Steingrimm hatte hier weder einen Verwandten noch einen Eidbruder. Deshalb riefen sie, ja, sie wollten Valgard folgen, wohin er sie führe. Als die Leiche hinausgeschleppt war und das Zechgelage von neuem begonnen hatte, rief Valgard seine Kapitäne zusammen.

„Hier ganz in der Nähe ist ein Ort, den wir plündern werden, ehe wir England verlassen“, teilte er ihnen mit. „Es wird keine schwere Arbeit sein, und wir haben gute Beute zu erwarten.“

„Und wo ist das?“ fragte ein Mann.

„Es ist der Hof Orms des Starken, der nun tot ist und ihn nicht mehr verteidigen kann.“

Selbst diese Räuber hielten das für eine böse Tat, aber sie trauten sich nicht, es ihrem Häuptling ins Gesicht zu sagen.

IX

Ketils Totenbier war nun auch zur Feier für Asmund und Orm geworden. Die Männer tranken schweigend und kummervoll, denn mit Orm verloren sie einen weisen Anführer, und wenn er auch mit der Kirche nicht viel im Sinn gehabt hatte, waren er und seine Söhne in der Gegend doch wohlgelitten gewesen. Der Boden war noch nicht sehr hart gefroren, und so wurde am Tag nach den Mordtaten mit der Arbeit an dem Totenhügel begonnen.

Orms bestes Schiff wurde in das Grab gezogen. Man legte Wertsachen, Fleisch und Getränke für eine lange Reise hinein. Pferde und Hunde wurden getötet und ins Schiff gebracht, und die, die Valgard erschlagen hatte, wurden mit ihren besten Kleidern, Waffen und Ausrüstungen und mit Höllenschuhen an den Füßen mit ihm bestattet. So hatte Orm es sich gewünscht, und so hatte seine Frau es ihm versprochen.

Als dies einige Tage später vollbracht war, trat Älfrida an das Grab. Sie stand im trüben grauen Winterlicht und sah auf Orm und Ketil und Asmund hinab. Das offene Haar fiel ihr auf die Brüste und verbarg ihr Gesicht vor den Zuschauern.

„Der Priester sagt, es sei eine Sünde, sonst würde ich mich jetzt selbst töten und neben euch zur Ruhe legen“, flüsterte sie. „Mein Leben wird eine Last sein. Ihr wart gute Söhne, Ketil und Asmund, und eure Mutter sehnt sich nach eurem Lachen. Es scheint erst gestern gewesen zu sein, daß ich euch an meiner Brust in den Schlaf sang. Ihr wart damals so klein, und plötzlich wart ihr zu langbeinigen Jünglingen geworden, schön anzusehen und ein Stolz für Orm und mich – und nun liegt ihr so still, und die Schneeflocken fallen auf eure leeren Gesichter. Seltsam…“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht begreifen, daß ihr tot seid. Es ist nicht wirklich für mich.“

Sie lächelte Orm zu. „Wir haben oft gestritten“, murmelte sie, „aber das hatte nichts zu bedeuten, denn du liebtest mich – und ich dich. Du warst gut zu mir, Orm, und die Welt ist kalt, kalt, jetzt, da ihr alle tot seid. Ich werde den barmherzigen Gott bitten, daß Er dir vergebe, was du gegen Sein Gesetz gesündigt hast. Denn du wußtest vieles nicht, wie klug du auch ein Schiff steuern konntest und wie geschickt du mit deinen Händen warst, wenn es darum ging, mir Borde und Truhen zu machen oder den Kindern Spielzeug zu schnitzen… Und wenn Gott dich nicht im Himmel aufnehmen kann, dann bete ich darum, Er möge mich mit dir zur Hölle hinabsteigen lassen – aye, selbst wenn du zu deinen heidnischen Göttern gehen wirst, werde ich dir folgen. Lebewohl, Orm. Ich habe dich geliebt, und ich liebe dich. Lebewohl.“

Sie beugte sich über ihn und küßte ihn. „Kalt sind deine Lippen.“ Auf ihrem Gesicht zeigte sich Bestürzung. „So hast du mich sonst nie geküßt. Der da tot in dem Schiff liegt, das bist nicht du – aber wo bist du, Orm?“

Sie führten sie weg, und die Männer arbeiteten lange Zeit, schütteten Erde auf und bauten die Grabkammer. Als sie fertig waren, erhob sich der Hügel hoch am Ufer des Meeres, und die Wellen spülten über den Strand und sangen an seinem Fuß ein Klagelied.

Der Priester, der mit dieser heidnischen Bestattung nicht einverstanden war, wollte den Grund nicht weihen, aber er tat, was er konnte, und Asgerd bezahlte ihn für viele Seelenmessen.

Da war ein junger Mann, Erlend Thorkelssohn mit Namen, der war mit Asgerd verlobt.

„Leer ist dieser Hof nun, da die Männer nicht mehr sind“, sagte er.

„So ist es“, antwortete die Jungfrau. Ein kalter Seewind, der feine, trockene Schneeflocken vor sich hertrieb, zerzauste ihr die schweren Locken.

„Es wäre wohl am besten, ich und ein paar Freunde blieben eine Weile hier und brächten alles in Ordnung“, schlug er vor. „Dann möchte ich, daß wir heiraten, Asgerd, und danach können deine Mutter und deine Schwester bei uns leben.“

„Ich will dich nicht heiraten, bis Valgard gehängt und seine Männer in ihrem Haus verbrannt worden sind“, gab sie zornig zurück.

Erlend lächelte grimmig. „Das wird nicht mehr lange dauern. Der Kriegspfeil geht bereits von Hand zu Hand. Wenn sie nicht schleunigst fliehen – und das glaube ich nicht, denn sie müssen sich ja erst wieder versammeln – wird das Land in Kürze von dieser Pest befreit sein.“

„Das ist gut“, nickte Asgerd.

Jetzt gingen die meisten, die zum Totenfest gekommen waren, nach Hause, aber die Bewohner des Hofes blieben da, und Erlend und ein halbes Dutzend anderer Männer auch. Als es Nacht wurde, heulte der Wind um das Haus, und Hagel prasselte auf das Dach. Die Halle lag lang und dunkel und freudlos da; die Menschen hatten sich an ihrem einen Ende zusammengeschart. Sie sprachen wenig, und die Hörner wurden oft weitergereicht.

Einmal brach Älfrida ihr Schweigen. „Ich höre draußen etwas.“

„Ich nicht“, entgegnete Asgerd, „und heute nacht ist auch niemand zu erwarten.“

Frida, der das geistesabwesende Starren ihrer Mutter Sorgen machte, berührte sie und sagte schüchtern: „Du bist nicht ganz allein. Deine Töchter werden dich nie vergessen.“

„Aye – aye.“ Die Spur eines Lächelns erschien auf Älfridas Gesicht. „Orms Samen lebt in euch weiter, und die kostbaren Nächte, die wir miteinander verbrachten, waren nicht umsonst…“ Sie richtete den Blick auf Erlend. „Sei gut zu deiner Frau. Sie ist aus dem Blut von Häuptlingen.“

„Wie könnte ich zu ihr anders als gut sein?“ meinte er.

Plötzlich klopfte es an der Tür. Durch das Heulen des Windes drang ein Ruf: „Aufmachen! Aufmachen, oder wir brechen die Tür ein!“

Ein Knecht löste den Riegel und wurde sofort von einer Axt niedergehauen. Die Männer griffen nach ihren Waffen. Groß und grimmig, geschützt von zwei Männern, die ihre Schilde vor ihn hielten, einen Mantel aus Schnee um die Schultern, trat Valgard aus dem Vorraum ein.

Er sprach: „Schickt die Frauen und die Kinder hinaus, und sie sollen leben. Aber das Haus ist von meinen Männern umstellt, und ich werde es verbrennen.“

Ein Speer wurde geschleudert und sprang von einem der eisenbeschlagenen Schilde ab. Der Geruch nach Rauch wurde stärker, als er hätte sein dürfen.

„Hast du noch nicht genug getan?“ rief Frida. „Verbrenne dies Haus, wenn du willst, aber ich will lieber darinbleiben, als von dir das Leben geschenkt bekommen.“

„Vorwärts!“ brüllte Valgard, und ehe jemand sie aufhalten konnte, waren er und ein Dutzend seiner Wikinger innerhalb der Halle.

„Nicht, solange ich am Leben bin!“ rief Erlend. Er zog sein Schwert und griff Valgard an. Die Axt Bruderschlächter blitzte auf, schlug seine Klinge klirrend beiseite und grub sich mit der Schneide in seine Rippen. Er fiel zu Boden. Valgard sprang über ihn hinweg und packte Fridas Handgelenk. Andere von seinen Männern nahmen Asgerd. Der Rest formte eine Schildburg um diese beiden. Da sie alle Helme und Harnische trugen, gelang es ihnen ohne Mühe, wieder zur Tür zu gelangen. Drei, die sich ihnen entgegenstellten, töteten sie.

Als die Männer aus dem Haus waren, sammelten sich die Männer im Inneren, vervollständigten ihre Bewaffnung und versuchten, einen Ausfall zu machen. Aber sie wurden von den Kriegern, die jeden Ausgang besetzt hielten, niedergehauen oder zurückgetrieben. Älfrida lief schreiend zur Tür, und sie ließen die Wikinger durch.

Valgard hatte Asgerd und Frida die Hände gebunden und legte ihnen Führungsstricke an, damit man sie mitzerren könne, wenn sie sich weigerten zu gehen. Das Dach der Halle stand bereits in hellen Flammen. Älfrida klammerte sich an Valgards Arm und rief ihm durch das Prasseln der Flammen zu:

„Du Wolf, welches neue Übel bringst du über die letzten deiner Sippe? Warum vergreifst du dich an deinen eigenen Schwestern, die dir nichts als Gutes getan haben? Wie kannst du das Herz deiner Mutter mit Füßen treten? Laß sie los, laß sie los!“

Valgard betrachtete sie mit blassen kalten Augen in einem unbewegten Gesicht. „Du bist nicht meine Mutter“, sprach er und schlug nach ihr. Sie fiel bewußtlos in den Schnee, und er wandte sich ab und winkte seinen Männern, die beiden gefangenen Mädchen zur Bucht zu schleppen, wo seine Schiffe auf den Strand gezogen waren.

„Wohin willst du uns bringen?“ schluchzte Frida, aber Asgerd spuckte ihn an.

Er verzog seine Lippen. „Ich will euch kein Leid antun. Ja, ich erweise euch sogar einen Dienst, denn ich werde euch einem König geben.“ Er seufzte. „Ich beneide ihn. Da ich aber meine Männer kenne, sollte ich lieber auf euch achtgeben.“

Diejenigen unter den Frauen, die nicht bei lebendigem Leibe verbrannt werden wollten, führten die Kinder ins Freie. Die Räuber mißbrauchten die Mädchen, doch danach ließen sie sie frei. Andere Frauen blieben drinnen bei ihren Männern. Es dauerte nicht lange, und auch die anderen Gebäude fingen Feuer, aber erst, nachdem sie geplündert worden waren. Weit übers Land war der brennende Hof zu sehen.

Valgard brach auf, sobald er sich überzeugt hatte, daß drinnen alles tot war, denn er wußte, die Nachbarn würden bald in großer Zahl angerückt kommen. Die Wikinger brachten ihre Schiffe zu Wasser und ruderten gegen einen Wind, der eisige Wellen über Bord blies.

„So werden wir Finnmark nie erreichen“, brummte Valgards Steuermann.

„Da denke ich anders“, antwortete der Berserker. Wie die Hexe es ihm gesagt hatte, löste er in der Morgendämmerung die Knoten an dem Ledersack. Sofort drehte sich der Wind, bis er von achtern kam, und er blies beständig nach Nordosten. Die Segel wurden gesetzt, und die Schiffe sprangen förmlich voran.

Als die Menschen auf Orms Hof ankamen, fanden sie nur verkohltes Holz und glühende Aschenhaufen. Ein paar Frauen und Kinder waren da und schluchzten in dem grauen Morgenlicht. Älfrida allein weinte nicht und sprach nicht. Sie saß auf dem Grabhügel, ihr Haar und ihre Kleider flatterten wild im Wind. Mit leeren Augen starrte sie unbeweglich hinaus auf die See.

Drei Tage und drei Nächte lang liefen Valgards Schiffe vor einem unveränderlichen Wind. Eins sank in dem schweren Seegang, aber die meisten von seiner Besatzung wurden gerettet. Auf den übrigen Schiffen wurde ständig gemurrt, doch Valgard hatte die Männer so eingeschüchtert, daß sie sich nur in den Bart brummten und nicht an Meuterei dachten.

Fast die ganze Zeit stand er im Bug seines Schiffs, eingehüllt in einen langen Ledermantel. Salz und Rauhreif setzten sich auf ihm fest. Düster blickte er über das Wasser. Einmal wagte ein Mann, ihm  zu widersprechen. Er erschlug ihn auf der Stelle und warf die Leiche über Bord. Er selbst sprach wenig, und das war den Männern nur angenehm, denn sein starrender Blick war ihnen nicht geheuer.

Auf Fridas und Asgerds Bitten, ihnen zu sagen, wohin sie unterwegs waren, antwortete er nicht, aber er hatte sie gut unter dem Vordeck untergebracht, gab ihnen zu essen und zu trinken und erlaubte es nicht, daß die Männer sie belästigten.

Frida wollte zuerst nicht essen. „Ich nehme nichts von diesem Mörder“, sagte sie. Das Salz auf ihren Wangen stammte nicht allein von den Meereswogen.

„Iß, damit du bei Kräften bleibst“, riet Asgerd. „Du nimmst es nicht von ihm, denn er hat es von anderen geraubt, und vielleicht finden wir eine Gelegenheit zur Flucht. Wenn wir Gott um Hilfe bitten…“

„Das verbiete ich euch“, unterbrach Valgard, der ihnen zugehört hatte, „und wenn ich ein derartiges Wort höre, werde ich euch knebeln.“

„Wie du willst“, erwiderte Frida, „aber ein Gebet wird mehr mit dem Herzen als mit dem Mund gesprochen.“

„Und beides ist nicht sehr nützlich“, grinste Valgard. „Schon manche Frau, die ich in den Händen gehabt habe, hat zu ihrem Gott gewimmert, und es hat ihr nichts geholfen. Trotzdem will ich auf meinem Schiff kein Wort mehr von Göttern hören.“ Er erwartete nicht, daß den Mädchen vom Himmel Hilfe geschickt werden würde. Aber die seelenlosen Bewohner des Feenreichs, die von der Magie so viel verstanden, wußten, es gab jetzt eine Macht, die sie nie begreifen würden und die größer war als alles, was sie kannten, und sie versetzte sie in blinden Schrecken durch bloße Namen und Zeichen. So wollte Valgard kein unnötiges Risiko eingehen, und noch weniger wollte er an den erinnert werden, dem er für immer abgeschworen hatte.

Er versank in seine eigenen Gedanken. Seine Schwestern schwiegen. Auch die Männer sprachen nicht viel, so daß die einzigen Geräusche das Pfeifen des Windes im Tauwerk, das Rauschen der Wellen vor dem Bug und das Ächzen des Holzes waren. Über ihnen flogen graue Wolken, von denen oft Schnee und Hagel herabstürzte, und die Schiffe rollten und stampften auf den Wellen.

Am dritten Tag, kurz vor Abend, unter einem so niedrigen Himmel, daß es beinahe schon den ganzen Tag dunkel gewesen war, erreichten sie Finnmark. Steile Klippen erhoben sich aus der tosenden Brandung. Es gab nichts auf ihnen zu sehen als Schnee und Eis und ein paar windzerzauste Bäume.

„Das ist ein häßliches Land.“ Valgards Steuermann schüttelte sich. „Und ich sehe nichts von dem Hof, den du uns versprochen hast.“

„Halte auf den Fjord voraus zu“, befahl der Häuptling.

Der Wind blies sie bis an den Eingang. Dann schnitten schroffe Klippen ihn ab. Die Masten wurden gesenkt, die Ruder kamen heraus, und die Schiffe fuhren im Zwielicht auf einen steinbesäten Strand zu. Valgard hielt Ausschau und erblickte die Trolle.

Sie waren nicht ganz so groß wie er, aber nahezu zweimal so breit mit baumstarken Armen, die ihnen bis an die Knie herabhingen, kurzen, krummen Beinen und mit Klauen versehenen Spreizfüßen. Ihre Haut war grün und kalt und schlüpfrig und bewegte sich auf steinhartem Fleisch.

Nur wenige hatten Haare, und ihre großen runden Köpfe mit den flachen Nasen, den aus breiten Mäulern hervorsehenden Fangzähnen, den gespitzten Ohren und den tiefliegenden, von Knochenwülsten umgebenen Augen sahen wie Totenschädel aus. Die Augen zeigten kein Weiß; sie waren Tümpel der Schwärze.

Die Trolle waren trotz der Kälte bis auf ein paar Felle unbekleidet. Als Waffen trugen sie hauptsächlich Keulen, Äxte, Speere, Pfeile und Steinschleudern, die für einen Menschen zu schwer gewesen wären. Aber einige hatten Helme und Harnische und Waffen aus Bronze oder aus Elfen-Legierungen.

Bei diesem Anblick konnte Valgard sich eines Schauders nicht erwehren. „Hat die Kälte dich überkommen?“ fragte einer seiner Männer.

„Nein – nein, es ist nichts“, murmelte er. Und zu sich selbst sagte er: „Hoffentlich hat die Hexe recht, und die Elfenfrauen sind schöner als diese Wesen hier. Aber sie müssen großartige Krieger sein.“

Die Wikinger zogen ihre Schiffe ans Land. Danach standen sie voller Ungewißheit im Dunkeln herum. Und Valgard sah die Trolle herunter an den Strand springen.

Der Kampf war kurz und schrecklich, denn die Männer konnten ihre Feinde nicht sehen. Dann und wann berührte ein Troll zufällig Eisen und wurde davon verbrannt, aber meistens wußten sie genau, wie sie dem Metall aus dem Wege gehen konnten. Ihr hustendes Lachen hallte von den Klippen wider, während sie Gehirne aus menschlichen Schädeln schlugen oder die Männer Glied für Glied auseinanderrissen oder sie über die Berge jagten.

Valgards Steuermann sah seine Gefährten sterben, während sein Häuptling ungerührt auf seiner Axt lehnte. „Das ist dein Werk!“ brüllte der Wikinger.

„Das ist es“, erwiderte Valgard und stürzte ihm entgegen. Kurz darauf hatte er den Steuermann erschlagen, und die Schlacht war vorbei.

Der Anführer der Trolle näherte sich Valgard. Seine Schritte zermalmten Steine. „Wir wurden von einer Fledermaus, die auch eine Ratte war, von deiner Ankunft benachrichtigt“, knurrte er in dänischer Sprache, „und wir danken dir für den Spaß. Jetzt erwartet der König dich.“

Er hatte die Schwestern bereits geknebelt und ihnen die Arme auf den Rücken gebunden. Betäubt von dem, was sich eben vor ihren Augen abgespielt hatte, taumelten sie blindlings eine tiefe Schlucht entlang und über einen kahlen Berg, an unsichtbaren Wachtposten vorbei in eine Höhle und von da in die Halle Illredes.

Der riesige Raum war aus den Felsen gehauen und mit prachtvollen Dingen ausgestattet, die von Raubzügen bei den Elfen, Zwergen, Kobolden und anderem Volk, auch den Menschen, stammten. Große Edelsteine glänzten an den Wänden zwischen prachtvollen Wandteppichen, kostbare Kelche und Gewebe bedeckten Tische von Ebenholz und Elfenbein, und die Feuer, die in der ganzen Länge der Halle brannten, erhellten die reichen Kleider der Trollherren und ihrer Damen.

Knechte aus der Elfen-, Zwergen- und Koboldrasse gingen mit fleischbeladenen Brettern und Bechern mit Getränken umher. Dies war ein hohes Fest, zu dem menschliche und Elfenkinder ebenso gestohlen worden waren wie Kühe, Pferde, Schweine und Weine aus dem Süden. Durch die rauchige Luft rasselte mißtönende Musik, wie die Trolle sie liebten.

An den Wänden standen reglos wie Götzenbilder Wachen, und das rötliche Licht spiegelte sich auf ihren Speerspitzen. Die Trolle am Tisch fraßen und soffen und stritten lärmend miteinander. Aber die Herren von Trollheim saßen ruhig auf ihren geschnitzten Sitzen.

Valgards Blick wanderte zu Illrede. Der König war von gewaltigem Umfang, hatte ein massiges, verrunzeltes Gesicht und einen langen grünen Bart. Als seine tintenschwarzen Augen auf die Neuankömmlinge fielen, lief dem Wechselbalg eiskalte Furcht den Rücken hinunter. Er bemühte sich, sie zu verbergen.

„Sei gegrüßt, großer König“, sprach er. „Ich bin Valgard der Berserker, und ich komme von England, um einen Platz an deinem Hof zu erbitten. Wie mir gesagt wurde, bist du der Vater meiner Mutter, und ich möchte Anspruch auf mein Erbteil erheben.“

Illrede nickte mit dem Kopf, auf dem eine goldene Krone saß. „Das weiß ich. Willkommen in Trollheim, Valgard, in deiner Heimat.“ Er sah zu den Jungfrauen hin, die verloren nebeneinander hockten. „Aber wer sind die da?“

„Ein kleines Geschenk“, erklärte Valgard mit fester Stimme, „Töchter meines Pflegevaters. Ich hoffe, sie werden dich erfreuen.“

„Ho-ho, ho-ho, ho-ho!“ Illredes hustendes Gelächter erfüllte die Halle. „Ein kostbares Geschenk! Es ist lange her, daß ich eine Menschenfrau in meinen Armen gehalten habe! Aye, willkommen, willkommen, Valgard!“

Er sprang auf den Boden, der unter seinem Gewicht erbebte, und ging zu den beiden Mädchen hinüber. Frida und Asgerd blickten wild um sich. Man konnte ihre Gedanken lesen: „Wo sind wir? Eine lichtlose Höhle, und Valgard spricht ins Leere, aber die Echos sind nicht seine Worte…“

„Ihr sollt eure neue Heimat sehen“, grinste Illrede und berührte ihre Augen. Und sofort hatten sie Hexensicht und sahen ihn über sie gebeugt stehen, und der Mut verließ sie, und trotz der Knebel konnte man hören, wie sie schrien und schrien.

Illrede lachte von neuem.

(Online-Quelle:  Das geborstene Schwert (2): Valgard)

Fortsetzung:  Das geborstene Schwert (3): Nach Trollheim

Über Cernunnos

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