Das geborstene Schwert (6): Jötunheim

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Dies ist Poul Andersons allererster Roman, der 1954 erstmals veröffentlicht wurde und hier in der von ihm 1971 überarbeiteten Fassung, in der 1987 erschienenen deutschen Übersetzung von Rosemarie Hundertmarck vorliegt. Siehe dazu „Der Zauber des Nordens“: Einleitungen zu „Das geborstene Schwert“!

Zuvor erschienen:

Das geborstene Schwert (1): Skaflocs Geburt und Jugend

Das geborstene Schwert (2): Valgard

Das geborstene Schwert (3): Nach Trollheim

Das geborstene Schwert (4): Schwerttanz

Das geborstene Schwert (5): Tyrfing

XXI

Der lange, grausame Winter begann in den nächsten Tagen zu sterben. Und eines Abends bei Sonnenuntergang stand Gulban Glas Mac Grici oben auf einem Hügel, und der Südwind brachte den ersten, noch kaum wahrnehmbaren Duft nach Frühling mit sich. Er stützte sich auf seinen Speer und sah über die Schneemassen hinweg, die sich zur See hin senkten. Das letzte Glühen des Abendrots verblaßte im Westen. Vom Osten her stiegen Dunkelheit und Sterne auf, und von dort sah er auch ein Fischerboot näherkommen. Es war ein einfaches, von Sterblichen erbautes Fahrzeug, von irgendeinem Engländer gekauft oder gestohlen, und der am Steuerruder saß, war ein Mensch aus Fleisch und Blut. Und doch hatte er etwas Eigentümliches an sich, und seine von Meerwasser befleckten Kleider waren Elfenkleider.

Als er den Kiel auf den Strand setzte und heraussprang, erkannte Gulban ihn. Die irischen Sidhe hielten sich meistens abseits von den übrigen Bewohnern des Feenreichs, aber es hatte in den letzten Jahren Handelsgeschäfte mit Alfheim gegeben, und Gulban erinnerte sich an den fröhlichen jungen Skafloc, der bei Imric gewesen war. Aber er war mager und grimmig geworden, und so schrecklich das Geschick seines Volkes war, es schien noch mehr auf ihm zu lasten.

Skafloc stieg den Hügel hinauf bis dahin, wo der große Kriegshäuptling schwarz vor einem Himmel aus Rot und grünlichem Blau stand. Im Näherkommen sah er, daß es Gulban Glas war, einer der fünf Wächter von Ulster, und er rief ihm einen Gruß zu.

Der Häuptling neigte ernst den von einem goldenen Helm bedeckten Kopf, so daß seine langen schwarzen Locken seine Wangenknochen bedeckten. Es gelang ihm nicht ganz, ein Zusammenzucken zu unterdrücken, als er das Böse spürte, das in dem Wolfsfellbündel auf Skaflocs Rücken schlief.

„Mir wurde gesagt, ich solle dich erwarten“, erklärte er.

Skafloc sah ihn mit müder Überraschung an. „Haben die Sidhe so viele Ohren?“

„Nein“, antwortete Gulban, „aber sie verstehen es, Vorzeichen zu deuten – und auf was sollte sich heutzutage ein Vorzeichen beziehen, wenn nicht auf den Krieg zwischen einem Elf mit seltsamen Nachrichten, und ich nehme an, du bist es.“

„Ja, ich bin der – Elf“, stieß Skafloc hervor. Sein Gesicht war von tiefen Furchen durchzogen, seine Augen waren blutunterlaufen. Auch war es in Alfheim nicht üblich, nachlässig in der Kleidung zu sein, ganz gleich, wie verzweifelt die Lage war.

„Komm“, sagte Gulban. „Lugh von der Langen Hand muß dies für eine wichtige Angelegenheit halten, denn er hat alle Tuatha De Danaan zum Rat in die Höhle von Cruachan einberufen, und auch die Herren von anderen Völkern der Sidhe. Aber du bist müde und hungrig. Zuerst mußt du mit in mein Haus kommen.“

„Nein“, lehnte der Man ab, und diese Schroffheit war den Elfen ebenfalls fremd. „Was ich zu sagen habe, kann nicht warten. Auch will ich nicht mehr Ruhe und Essen, als ich brauche, um auf den Füßen zu bleiben. Bring mich zum Rat.“

Der Häuptling zuckte die Schultern und drehte sich um. Sein nachtblauer Mantel umflatterte ihn. Er pfiff, und zwei der schönen, leichtfüßigen Pferde der Sidhe kamen angaloppiert. Sie schnaubten und scheuten vor Skafloc.

„Sie mögen nicht, was du trägst“, bemerkte Gulban.

„Ich auch nicht“, erwiderte Skafloc kurz. Er faßte eine seidige Mähne und schwang sich in den Sattel. „Beeilen wir uns!“

Fast ebenso schnell wie auf Elfenpferden ging es davon, über Berg und Tal, durch Feld und Wald, über Lochs und gefrorene Flüsse. Im Vorbeirasen erhaschte Skafloc ab und zu einen Blick auf andere Sidhe: einen Reiter in blitzender Rüstung mit einem furchterregenden Speer, einen knorrigen Leprechaun am Eingang seiner Höhle, ein seltsames Schnabelgesicht auf den Schultern eines hageren, in einen Mantel gewickelten Mannes, der anstelle des Haares Federn hatte, einen gleitenden Schatten und leise Dudelsackmusik aus verborgenen Klüften. Ein leichter Nebel lag in der winterlichen Luft, der verkrustete Schnee leuchtete. Bald war es Nacht geworden. Die Sterne blinkten herab, hell wie Fridas Augen – Nein! Skafloc vertrieb diesen Gedanken.

Nicht lange, und die Reiter hatten die Höhle von Cruachan erreicht. Vier davorstehende Wachtposten berührten grüßend die Stirnen mit den Schwertern. Sie nahmen die Zügel der tänzelnden Pferde, und Gulban führte Skafloc ins Innere.

Seegrünes Licht füllte die hohe, zerklüftete Kuppeldecke der Höhle. Blitzende Stalaktiten hingen herab, und die Schilde an den Wänden warfen das reine Licht von Wachskerzen zurück. Obwohl kein Feuer brannte, war es warm hier. Es roch ganz leicht nach irischem Torfrauch. Der Fußboden war mit Binsen bestreut. Ihr leises Rascheln unter seinen Füßen war der einzige Laut, den Skafloc hörte, als er auf den Ratstisch zuging.

An seinem unteren Ende saßen die Anführer des Volkes von Lupra, klein und stark und in grobes Zeug gekleidet: Udan Mac Audain, König der Leprechaune, und Beg Mac Beg, sein Ratgeber, Clomhar O’Glomrach mit seinem gewaltigen Umfang und seinen starken Armen, die Häuptlinge Conan Mac Rihid, Gaerku Mac Gaird, Mether Mac Mintan und Esirt Mac Beg, in Häute und unbearbeitetes Gold gekleidet. Bei diesen Leuten konnte ein Sterblicher sich zu Hause fühlen.

Aber am oberen Ende des Tisches saßen die Tuatha De Danaan, die Kinder der Erdmutter Dana, die von Tir-nan-Og der Goldenen zum Rat in die Höhle von Cruachan gekommen waren. Schweigend und hochmütig saßen sie da, schön und prächtig anzusehen, und die Luft um sie schien erfüllt zu sein von der Macht, die sie in sich trugen. Denn sie waren Götter in Irland gewesen, bevor Patrick den Weißen Christus ins Land brachte, und wenn sie auch dem Kreuz hatten weichen müssen, waren doch noch gewaltige Kräfte die ihren, und sie lebten in einer Pracht wie ehedem.

Lugh von der Langen Hand saß auf dem Thron am Kopfende, und er hatte den Krieger Angus Og an seine Rechte und den Seekönig Mananaan Mac Lir an seine Linke gerufen. Andere von den Tuatha De Danaan waren da, Eochy Mac Elathan der Dagda-Mor, Dove Berg der Feurige, Cas Corrach, Coll die Sonne, Cecht der Pflug, Mac Greina der Haselstrauch und viele andere Hochberühmte, und mit den Herren waren ihre Frauen und Kinder und die Harfenspieler und Krieger aus ihrem Gefolge gekommen. Glorreich und furchteinflößend war diese Versammlung.

Nur auf Skafloc machten Majestät oder Wunder oder Gefahren keinen Eindruck mehr. Ohne den Kopf zu beugen, schritt er auf sie zu und sah furchtlos in Lughs dunkelglühende Augen.

Die tiefe Stimme dessen von der Langen Hand rollte über die strengen Lippen: „Sei gegrüßt, Skafloc von Alfheim. Trink mit den Führern der Sidhe.“

Er winkte Skafloc zu einem leeren Sitz auf der linken Seite ganz in seiner Nähe. Nur Mananaan und seine Frau Fand saßen zwischen ihnen. Die Mundschenke brachten goldene Becher mit Wein aus Tir-nan-Og, und die Barden zupften lockende Melodien aus ihren Harfen.

Stark und süß war dieser Wein, und er brannte wie eine Flamme Skaflocs Müdigkeit weg. Doch dadurch kam ihm die Öde in seinem Herzen umso schärfer zu Bewußtsein.

Angus Og, der blondlockige Krieger, fragte: „Wie steht es in Alfheim?“

„Du weißt, wie schlecht es steht“, gab Skafloc schroff zur Antwort. „Die Elfen kämpfen allein und fallen – und ebenso werden alle getrennten Völker des Feenreichs fallen und von Trollheim verschluckt werden.“

Unbeeindruckt entgegnete Lugh: „Die Kinder Danas haben keine Furcht vor den Trollen. Wir, die wir die Fomorianer besiegt haben und bei den Miletianern, selbst nachdem sie uns geschlagen hatten, zu Göttern wurden, was haben wir zu fürchten? Gern hätten wir Alfheim Hilfe gebracht…“

„Ja, mit Freuden!“ Dove Berg schmetterte die Faust auf den Tisch. Sein Haar leuchtete fackelrot im grünen Zwielicht der Höhle, und seine Stimme rief Echos an ihren Wänden hervor. „Seit hundert Jahren hat es keinen so großartigen Kampf, keine so gute Gelegenheit, Ruhm zu gewinnen, mehr gegeben! Warum sind wir nicht gegangen?“

„Du kennst die Antwort“, bemerkte Eochy Mac Elathan, der Vater der Sterne. Er war in einen Mantel von der Farbe der blauen Dämmerung gehüllt, und darin wie auch in seinem Haar und tief in seinen Augen glitzerten helle Lichtpunkte. Wenn er die Hände ausbreitete, tanzten Schauer dieser Lichter in der Luft. „Das ist kein gewöhnlicher Krieg im Feenreich. Das ist ein Schachzug in dem langen Spiel zwischen den Göttern des Nordens und ihren Gegnern aus dem ewigen Eis, und es ist schwer abzuschätzen, vor welcher Seite man sich mehr in acht zu nehmen hat. Wir wollen die Gefahr nicht eingehen, unsere Freiheit zu verlieren und bloße Figuren auf dem Schachbrett der Welt zu werden…“

Skafloc umklammerte die Armlehnen seines Sessels, bis die Knöchel weiß hervortraten. Seine Stimme schwankte ein wenig. „Ich bitte nicht um Hilfe in diesem Krieg, so bitter nötig sie auch gebraucht würde. Ich möchte ein Schiff geliehen haben.“

„Und dürfen wir fragen, warum?“ Das war Coll. Glänzend war sein Gesicht, und Flammen waberten über seine schimmernde Halsberge und die sonnenstrahlige goldene Agraffe.

Skafloc berichtete kurz über das Geschenk, das er von den Asen erhalten hatte, und endete: „Ich habe das Schwert aus Elfenhöhe geholt, und durch einen Zauber habe ich erfahren, ich könne von den Sidhe ein Schiff bekommen, das mich nach Jötunheim bringt. Deshalb bin ich hergekommen, um euch darum zu bitten.“ Er beugte den Kopf. „Aye, als Bettler komme ich. Aber wenn wir siegen, werdet ihr die Elfen nicht kleinlich finden.“

„Dieses Schwert möchte ich schon einmal sehen“, sagte Mananaan Mac Lir. Groß und stark und geschmeidig war er, mit weißer Haut und silbergoldenem Haar, und beides hatte einen ganz schwachen Grünton. Seine schläfrig blickenden Augen wechselten zwischen Grün und Grau und Blau. Seine Stimme klang weich, aber sie konnte sich zu donnerndem Gebrüll erheben. Er war reich gekleidet, und sein Messer war auf Heft und Scheide mit Gold, Silber und eingelegten Juwelen verziert. Aber um die Schultern trug er einen weiten Ledermantel, der schon viele Wetter überstanden hatte.

Skafloc wickelte das geborstene Schwert aus, und die Sidhe, die ebenso Eisen anfassen wie Tageslicht ertragen konnten, drängten sich darum. Sofort wichen sie wieder zurück. Sie spürten, daß in dieser Klinge Böses verborgen war. Gemurmel erhob sich unter ihnen.

Lugh hob sein gekröntes Haupt und sah Skafloc scharf an. „Du gehst mit schlimmen Dingen um. In diesem Schwert schläft ein Dämon.“

„Und wenn schon!“ Skafloc zuckte die Schultern. „Das Schwert bringt den Sieg.“

„Aye, aber auch den Tod. Es wird dein Verderben sein, wenn du es schwingst.“

„Davor fürchte ich mich nicht.“ Skafloc packte das Schwert wieder ein. In der eingetretenen Stille klang der Stahl laut auf, als die beiden Stücke aneinanderstießen, und alle, die es hörten, schauderten.

„Ich bitte um ein Schiff“, wiederholte Skafloc. „Ich bitte euch im Namen der Freundschaft zwischen Sidhe und Elfen, im Namen eurer Ehre als Krieger und im Namen eures Erbarmens als Kinder der Erdmutter Dana. Wollt ihr es mir leihen?“

Das Schweigen dauerte an. Schließlich sagte Lugh: „Schwer fiele es uns, dir nicht zu helfen…“

„Und warum sollen wir ihm nicht helfen?“ rief Dove Berg. Sein Messer blitzte, er warf es hoch und fing die lichtsprühende Waffe wieder auf. „Warum sollen wir die Krieger der Sidhe nicht zusammenrufen und gegen das barbarische Trollheim fahren? Wie arm, wie öde wird das Feenreich sein, wenn die Elfen vernichtet sind?“

„Und werden die Trolle nicht bald auch über uns herfallen?“ ergänzte Conan.

„Still, meine Herren!“ befahl Lugh. „Was wir als Gemeinschaft tun, bedarf der Überlegung.“ Er richtete sich zu seiner ganzen überragenden Höhe auf. „Aber du, Skafloc, Pflegesohn der Elfen, bist unser Gast. Du hast an unserem Tisch gesessen und unsern Wein getrunken, und wir erinnern uns, wie wir damals in Alfheim bewirtet wurden. Eine so kleine Bitte wie die, dir ein Schiff zu leihen, können wir unmöglich verweigern. Ich bin Lugh von der Langen Hand, und die Tuatha De Danaan tun, was sie wollen, ohne Asen oder Jötunen zu fragen.“

Ausrufe ertönten, Waffen wurden geschwenkt, Schwerter auf die Schilde geschlagen, und die Barden spielten wilde Kriegsweisen. Mananaan Mac Lir blieb in dem Aufruhr kühl und ruhig. Er sagte zu Skafloc:

„Ich biete dir ein Schiff an. Der Größe nach ist es mehr ein Boot, aber trotzdem ist es das beste meiner Flotte. Und da es einiger Kunst bedarf, es zu behandeln, und die Reise interessant sein wird, werde ich selbst mit dir kommen.“

Darüber war Skafloc froh. Eine große Mannschaft wäre nicht besser gewesen als eine kleine – vielleicht sogar schlechter, weil sie die Aufmerksamkeit eher auf sich ziehen konnte -, und der Seekönig war der beste aller Schiffskameraden. „Ich könnte dir in Worten danken“, antwortete er, „doch lieber tue ich es mit dem Eid meiner Bruderschaft. Morgen…“

„Nicht so schnell, Heißsporn“, lächelte Mananaan. Seinen schläfrig wirkenden Augen war nicht anzusehen, wie genau er Skafloc betrachtete. „Wir wollen für eine Weile ruhen und schmausen. Ich sehe, daß du etwas Aufmunterung brauchst, und außerdem kann man eine Reise in das Land der Riesen nicht ohne gehörige Vorbereitungen unternehmen.“

Dagegen konnte Skafloc nichts einwenden. Innerlich verging er vor Ungeduld. Diese Tage würden ihm kein Vergnügen machen. Der Wein verstärkte nur seine Gedanken an…

Er fühlte eine leichte Berührung auf seinem Arm, und als er den Kopf wandte, erblickte er Fand, Mananaans Frau.

Stattlich und schön waren die Frauen der Tuatha De Danaan, denn sie waren geborene Göttinnen. Worte, ihr Aussehen zu beschreiben, gab es nicht. Und Fand überstrahlte sie alle.

Ihr seidiges Haar, golden wie Sonnenlicht an einem Sommerabend, fiel in Wellen von ihrer Krone bis zu ihren Füßen. Ihr Gewand schimmerte in allen Regenbogenfarben, ihre runden weißen Arme blitzten vor juwelenbesetzten Ringen, aber sie selbst war schöner als jeder Schmuck.

Ihre klugen, veilchenfarbenen Augen sahen Skafloc bis ins Herz. Ihre leise Stimme war Musik. „Wärst du auch allein nach Jötunheim gefahren?“

„Natürlich, meine Dame“, entgegnete Skafloc.

„Noch kein lebender Mensch ist von dort zurückgekehrt, ausgenommen Thjalfi und Roskva, und diese waren in der Gesellschaft von Thor. Du bist entweder sehr tapfer oder tollkühn.“

„Was macht das für einen Unterschied? Es ist gleich, ob ich in Jötunheim oder anderswo sterbe.“

„Und wenn du am Leben bleibst…“ In ihren Worten klang mehr Schmerz als Furcht mit. „Wenn du am Leben bleibst, wirst du dann wirklich das Schwert zurückbringen und es ziehen… obwohl du weißt, daß es sich am Ende gegen dich kehren wird?“

Er nickte gleichgültig.

„Ich glaube, du betrachtest den Tod als deinen Freund“, murmelte sie. „Das ist sehr merkwürdig für einen so jungen Mann.“

„Er ist der einzige treue Freund auf dieser Welt“, erklärte er. „Man kann sich darauf verlassen, daß einem der Tod immer zur Seite ist.“

„Ich glaube, du hast dein Glück verloren, Skafloc, und das macht mich traurig. Seit Cu Chulain“ – ganz kurz trübten sich ihre Augen – „hat es unter den Sterblichen keinen solchen Mann gegeben wie dich. Auch bekümmert es mich, daß der lustige, verrückte Junge, an den ich mich erinnere, so finster und verschlossen geworden ist. Ein Wurm nagt an deinem Herzen, und der Schmerz treibt dich dazu, den Tod zu suchen.“

Er antwortete nicht, verschränkte nur die Arme und sah an ihr vorbei.

„Aber auch der Kummer stirbt“, fuhr sie fort. „Du kannst ihn überleben. Und ich werde versuchen, dich durch meine Künste zu schützen, Skafloc.“

„Großartig!“ Er konnte es nicht mehr aushalten. „Du schützt mit Zauberkünsten meinen Körper, und sie betet für meine Seele!“

Er drehte sich um und ergriff einen Weinbecher. Fand seufzte. „Du segelst mit Sorgen, Mananaan“, sagte sie zu ihrem Mann.

Der Seekönig zuckte die Schultern. „Soll er doch Trübsal blasen, soviel er will. Mir wird die Fahrt jedenfalls Vergnügen machen.“

XXII

Drei Tage später stand Skafloc am Ufer und sah zu, wie Mananaans Boot von einem Leprechaun aus der Grotte, wo es gelegen hatte, hinausgerudert wurde. Es war ein kleines, schlankes Fahrzeug, und der silbrige Rumpf schien zu schwach für die hohe See zu sein. Der Mast war mit Elfenbein eingelegt, Segel und Tauwerk mit farbiger Seide durchwebt. Den Bug zierte ein goldenes Abbild von Fand als Tänzerin.

Die Dame selbst verabschiedete sie. Die anderen Tuatha hatten ihnen schon Lebewohl gesagt, und keiner von ihnen war in dem kalten grauen Morgennebel anwesend. Wie Tautropfen glitzerte er auf Fands Zöpfen, und als sie Mananaan Glück wünschte, leuchteten ihre veilchenfarbenen Augen noch stärker als sonst.

„Das Glück begleite dich auf deiner Reise“, sagte sie. „Mögest du bald zu den grünen Hügeln von Erin und den goldenen Straßen des Landes der Jugend zurückkehren. Ich werde am Tag auf die See hinausblicken und bei Nacht auf die Wellen hören, ob ich nicht Nachricht von Mananaans Heimkehr bekomme.“

Skafloc stand zur Seite. Er dachte daran, wie es wäre, wenn Frida jetzt von ihm Abschied nehmen würde. Zu sich selbst sprach er:

Ohne Glück ist einer,
der Abschied nehmen muß vom Land,
wenn seine Liebste ihm nicht lächelnd
leise Worte zuraunt.
Kälter als ihre Küsse
kommt die Gischt geflogen.
Vergeblich suche ich voll Gram,
sie zu vergessen.

„Laß uns an Bord gehen“, rief Mananaan. Er und Skafloc stiegen von der kleinen Anlegestelle ins Boot und zogen das schimmernde Segel auf. Der Mensch nahm das Steuerruder, während der Gott einen Akkord auf seiner Harfe griff und sang:

Wind, dies Lied weiß dich zu finden
in dem Himmel, in dem Meer,
wird dich Ruhelosen binden,
darum folge dem Begehr.
Laß die grünen Heimathügel,
unser Ziel liegt fern von hier.
Blase, gib dem Schifflein Flügel,
Südwind, Seewind, komm zu mir.
Auf, nach Norden fahren wir.

Kaum war die Musik verklungen, als ein starker Wind aufkam und das Boot vorwärtssprang in den kalten, grünen Wellen, die Gott und Mensch salzigen Schaum auf die Lippen warfen. Schnell wie die Elfenschiffe waren die Mananaans, und schon bald war das graue Land von den grauen Wolken am Rande der Welt nicht mehr zu unterscheiden.

„Ich vermute, es wird mehr dazugehören, Jötunheim zu finden, als einfach immer nach Norden zu segeln“, meinte Skafloc.

„Das ist wahr“, antwortete Mananaan. „Es bedarf dazu gewisser Zauber, aber noch mehr starker Herzen und Arme.“

Er spähte voraus. Der Wind zauste das Haar um sein Gesicht, das gleichzeitig majestätisch und lustig, draufgängerisch und kühl war. „Der erste Atem des Frühlings weht über das Land der Menschen“, bemerkte er. „Das war der schlimmste Winter in Jahrhunderten, und ich glaube, der Grund dafür war, daß die Jötunen ihre Macht zeigen wollten. Wir segeln in das ewige Eis, das ihre Heimat ist.“

Er wandte sich Skafloc zu. „Es ist Zeit, daß ich einmal an den Rand der Schöpfung reise. Bin ich nicht ein König der Meere? Aber ich hätte nicht solange warten, sondern fahren sollen, als die Tuatha De Danaan noch Götter und im vollen Besitz ihrer Macht waren.“ Er schüttelte den Kopf. „Sogar die Asen, die immer noch Götter sind, kamen nicht unversehrt von ihren wenigen Vorstößen nach Jötunheim zurück. Was uns beide betrifft – ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht.“

Dann fuhr er kühn fort: „Aber ich segele, wohin ich will! Es soll kein Wasser in den Neun Welten geben, das Mananaan Mac Lirs Kiel nicht durchpflügt hat.“

Skafloc, in seine eigenen Gedanken versunken, antwortete nicht. Das Boot verhielt sich wie ein lebendes Wesen. Der Wind harfte in dem Tauwerk, Schaum zog einen Regenbogenschleier um das schöne Bild Fands. Die Luft war kühl, aber die Sonne versandte blendende Strahlen, trank den Nebel weg und verstreute Diamantenstaub auf dem Wasser. Die Wellen sprangen und lärmten unter einem von schnellen weißen Wolken überzogenen blauen Himmel. Allmählich wurde sich auch Skafloc der Frische dieses Morgens bewußt. Leise sang er:

Blau ist der Himmel, blank das Meer,
das Boot macht gute Fahrt.
In immerwährendem Wechsel!
spielen die Wellen.
Süßes Herz, wärst du an meiner Seite
unter diesem Segel,
das Leben wäre voll Lachen.
(Liebst du mich noch, Frida?)

Mananaan betrachtete ihn forschend. „Diese Fahrt wird uns alles abverlangen, was ein Mann zu geben hat. Laß nichts am Ufer zurück.“

Skafloc schoß das Blut ins Gesicht vor Zorn. „Ich habe niemanden gebeten mitzukommen, der den Tod fürchtet!“

„Der Mann, der nichts hat, wofür es sich zu leben lohnt, ist seinen Feinden nicht der gefährlichste“, gab Mananaan zurück. Und dann ergriff er schnell seine Harfe und sang eines der alten Kriegslieder der Sidhe. Seltsam klang es in der Weite von Wellen, Himmel und Wind. Für einen Augenblick glaubte Skafloc, er sehe wolkige Heere in die Schlacht ziehen. Die Sonne schien auf die Federn an den Helmen und auf Wälder von Speeren, Banner flogen, Hörner riefen, und Streitwagen mit Klingen an den Radnaben rasselten über den Himmel.

Drei Tage und drei Nächte lang segelten sie. Der Wind blies beständig von achtern, und das Boot flog über die Wellen wie eine Schwalbe in der Luft. Sie wachten abwechselnd, schliefen in ihren Schlafsäcken unter dem kleinen Vordeck und lebten von Stockfisch, Käse, Zwieback und was sie sonst an Bord hatten, und durch Zaubersprüche gewannen sie Frischwasser aus dem Meer. Wenige Worte wurden zwischen ihnen gewechselt, denn Skafloc war nicht in der Stimmung für eine Unterhaltung, und Mananaan genügten nach Art der Unsterblichen seine eigenen Gedanken. Aber Achtung und Freundschaft füreinander wuchsen mit der harten Arbeit, und sie sangen gemeinsam die zauberkräftigen Lieder, die sie nach Jötunheim führten.

Schnell fuhr das Boot. Kälte und Finsternis verstärkten sich beinahe von Stunde zu Stunde auf dieser Fahrt in das Herz des Winters.

Die Sonne sank immer niedriger, bis sie nur noch eine weit entfernte blasse Scheibe an einem trüben Horizont war, die für kurze Augenblicke aus Sturmwolken auftauchte. Gnadenlos biß die Kälte durch Kleider und Fleisch und Knochen bis in die Seele. Die Gischt blieb in Eiszapfen am Tauwerk hängen, und die goldene Fand am Bug war in Rauhreif gekleidet. Die Berührung von Metall schälte die Haut von den Fingern, und der Atem gefror im Schnurrbart.

Immer mehr wurde es eine nächtliche Welt, in der sie über eine schwarze, silberbestreute See zwischen geisterhaften Eisbergen dahinsegelten. An dem tiefdunklen Himmel glänzten zahllose kalte Sterne, unter denen Nordlichter sprangen. Bei ihrem Anblick mußte Skafloc wieder an das Grabhügelfeuer denken. Eine leblose Stille herrschte, in der nur das Dröhnen des Windes und das Rauschen der Wellen zu hören waren.

Nach Jötunheim fuhr man nicht wie in irgendein Königreich auf Midgard. Sie segelten weiter nach Norden als je ein sterbliches Schiff gekommen war, in Gewässern, die kalt und tot und schwarz waren. Zuletzt sahen sie kein anderes Licht mehr als Sterne und Mond und tanzende Nordlichter. Skafloc hatte den Eindruck, dies Reich liege nicht mehr auf der Erde, sondern am Rande des großen Abgrunds, aus dem die Schöpfung aufgestiegen ist und in den sie wieder zurückfallen wird. Dies war die See des Todes, und sie wogte außerhalb der Welt der Lebenden.

Danach verloren sie das Gefühl für die Zeit. Mond und Sterne bewegten sich in seltsamer Regellosigkeit, und aus dem Wind, den Wellen und der stärker werdenden Kälte ließ sich der Ablauf der Tage nicht ablesen. Mananaans Zauberkünste begannen zu versagen. Er befand sich jetzt jenseits der Grenzen seiner Macht. Böse Winde kamen auf, gegen die sich kaum ein Boot außer dem ihren hätte behaupten können. Schnee und Hagel machten sie blind. Das Boot rollte und stampfte im Sturm, nahm Wasser von betäubender Kälte auf, ließ das Segel flappen und lief aus dem Ruder. Eisberge erhoben sich in ungeheuerlicher Höhe aus der Schwärze, und die Reisenden entkamen nur knapp einem Schiffbruch.

Der Nebel war vielleicht am schrecklichsten. Ein windloser, schweigender grauer Dampf tropfte herab und gefror, beschränkte die Sicht auf die Hälfte einer Armeslänge, durchweichte die Kleider bis auf die Haut und rann hinunter in die Stiefel, bis die Zähne klapperten. Das Boot lag bewegungslos, schaukelte nur ein wenig auf unsichtbaren kleinen Wellen. Zu hören war nichts als ihr gedämpftes Klatschen und das Tropfen des Nebels von dem eisbedeckten Segel. Umhertastend, fluchend, zitternd versuchten Skafloc und Mananaan das Wetter mit Zaubermitteln zu ändern, aber sie hatten so gut wie keinen Erfolg. Es war ihnen, als kröchen unsichtbare Wesenheiten durch die Nebelmassen und starrten hungrig in ihr Boot.

Dann kam ein Sturm auf. Sie wußten nicht, ob er sie in die richtige oder die falsche Richtung blies. Der Kampf ums Überleben vertrieb ihr Unbehagen. Der Mast ächzte, Segeltuch zerriß Hände, sich überschlagende Schaumwellen tosten unter der Reling. Das Boot stieg auf einer Welle bis in den rasenden Himmel hinauf, bloß um auf der anderen Seite wie bei einer Höllenfahrt wieder abwärts zu gleiten. Skafloc sang:

Brüllende Brecher
schlagen über Bord.
Das Ruder reißt sich los,
der röhrende Wind wirft Hagel.
Seeleute fallen und verfluchen
die Fahrt zum Eismeer.
Bitter ist das Gebräu hier,
das Bier der See ist salzig.

Aber er hielt deswegen in der Arbeit nicht inne. Mananaan, der Schimpfen für ein besseres Zeichen hielt als Jammern, lächelte in den wahnsinnig gewordenen Himmel hinauf.

Und endlich kam der Augenblick, wo sie Land sahen. Unter dem Licht der Sterne und der Nordlichter lagen hohe Berge und grün blitzende Gletscher. Die Brandung schlug an Klippen, hinter denen das Land steil anstieg. Es war eine tote, weite Welt aus Felsen und Eis und altem Schnee, über die der Wind kreischte.

Mananaan nickte. „Das ist Jötunheim.“ Der Sturm riß ihm die Worte von den Lippen. „Ich vermute, Utgard, in dessen Nähe der Riese, wie du sagst, wohnen soll, liegt östlich von hier.“

„Schon möglich“, brummte Skafloc. Er hatte längst die Orientierung verloren, und bei den Elfen gab es über diese Küsten auch nicht viel mehr Wissen als ängstliche Gerüchte.

Er fühlte die Müdigkeit nicht mehr, darüber war er hinaus. Ihm war, als treibe er immer weiter wie ein Schiff mit festgebundenem Ruder, das keine andere Möglichkeit hatte und um dessen Untergang sich niemand kümmerte.

Aber als er da stand und das schreckliche Riesenland betrachtete, kam ihm der Gedanke, daß Frida wohl nicht weniger unglücklich war als er. Vielleicht war sie sogar schlimmer dran, denn er wurde abgelenkt durch die Suche nach dem Riesen und wußte sie in Sicherheit, aber sie bangte um sein Leben und hatte wahrscheinlich nicht viel anderes zu tun, als darüber nachzudenken.

„Das ist mir bisher gar nicht eingefallen“, sprach er erstaunt vor sich hin, und ganz plötzlich fühlte er, wie ihm die Tränen auf den Wangen gefroren. Da sang er:

Lange wird es dauern, bis ich die Liebste,
die mir verlorene, vergesse.
Die Wege, die ich wandern muß,
werden kalt sein und einsam.
Leer ist mein Herz durch die Lücke,
die sie hinterließ.
Doch das Ärgste in meinem eigenen Leid
ist der Gedanke an ihr Unglück.

Von neuem verfiel er ins Grübeln. Mananaan ließ ihn in Ruhe, denn er hatte die Erfahrung gemacht, daß es sinnlos war, sein Erwachen aus derartigen Anfällen beschleunigen zu wollen. Währenddessen lief das Boot vor dem stürmischen Wind nach Osten.

Nichts schien sich in dieser Ödnis von Felsen und Eis zu rühren außer den Brechern und den wirbelnden Schneeteufeln in den Bergen und den tanzenden Nordlichtern. Aber Mananaan spürte, daß Wesenheiten in der Nähe waren. Hier war das Herkunftsland jener, die eine ständige Bedrohung für die Asen waren – Asa-Loki, Utgard-Loki, Hel, Fenris, Jörmungandr und Garm, der am Ende der Welt den Mond verschlingen wird.

Bis Skafloc seinen Trübsinn abschüttelte, hatte das Boot eine weite Strecke zurückgelegt, und Mananaan steuerte auf der Suche nach ihrem Ziel dicht an jedem Fjord vorbei. Der Seekönig war unruhig geworden, denn er konnte den dunklen Utgard beinahe riechen, und er für seine Person hatte keine Lust, dieser Stadt nahezukommen.

„Bolverk wohnt in einem Berg, wurde mir gesagt“, erklärte Skafloc. „Wir müssen also nach einer Höhle Ausschau halten.“

„Aye, aber dieses verfluchte Land ist durchsetzt von Höhlen.“

„Es wird eine große sein, denke ich, und in ihrer Nachbarschaft müssen Anzeichen einer Schmiedewerkstatt zu entdecken sein.“

Mananaan nickte und hielt auf die nächste Einbuchtung zu. Als er sich den Klippen näherte, merkte Skafloc erst, wie hoch sie waren. Ihm wurde schwindelig, als er ihre Spitzen zu erkennen versuchte. Ein paar von Nordlichtern beleuchtete Wolken segelten über sie hin, und er hatte das Gefühl, diese Felswände stürzten über ihm zusammen – die Mauern der Welt, die in der See versank, stürzten nach innen!

Ameisengleich kroch das Boot unter den Klippen her und lugte in den Fjord. Er zog vorbei, ein Gewirr von Eis- und Felsinseln und Klippen, die hoch, so hoch aufragten, daß sie die Sterne auslöschten. Aber Skaflocs Nasenflügel begannen zu beben, als der Wind einen ganz schwachen Geruch nach Rauch und heißem Eisen herantrug – und er hörte weit entfernt das Klingen eines Hammers.

Sie brauchten keine Worte. Mananaan fuhr in den Fjord ein. Innerhalb der Klippen war es windstill, und die Seefahrer mußten rudern. Sie beeilten sich, aber der Fjord war so lang, daß sie kaum voranzukommen schienen.

Immer tiefer wurde die Stille, als sei jedes Geräusch erfroren. Aus dem sternenbesäten Himmel sanken ein paar trockene Schneeflocken herab. Die Kälte war verzehrend. Skafloc kam die Stille vor wie ein Raubtier, das sich mit gierigen Augen und peitschendem Schwanz zum Sprung bereitmacht. Irgendwie wußte er, daß er beobachtet wurde.

Langsam umrundete das Boot die vielen Biegungen und Landzungen und kam dem Hauptland näher. Einmal hörte Skafloc ein schnelles, schleifendes Geräusch. Das Johlen des Windes über den Felsspitzen klang von so hoch oben, daß es beinahe von den Sternen zu kommen schien.

Ein merkwürdiger Anblick war es, wie das goldene Bild Fands immer weiter hinein nach Jötunheim tanzte.

Endlich kam das Boot an eine Stelle, wo ein breiter, zerklüfteter Abhang von einem Berg abfiel, dessen Spitze mit dem Polarstern gekrönt war. Ein Gletscher rann diesen Abhang hinab, schimmernd in dem unsicheren Halblicht, und endete im Wasser. „Das sieht wie unsere Landestelle aus“, meinte Mananaan.

Etwas zischte zwischen den Eisblöcken hervor, die neben dem Gletscher aufgetürmt waren.

„Ich glaube, zuerst müssen wir die Wache bezwingen“, sagte Skafloc. Er und sein Gefährte rüsteten sich, legten Helm und Harnisch an und zogen gegen die grimmige Kälte Pelze darüber. Jeder nahm einen Schild auf den linken Arm und hängte ein Schwert an den Gürtel. Skafloc hielt ein zweites Schwert in der fellbedeckten Hand, während Mananaan seinen großen Speer mitnahm, dessen Spitze das wenige Licht zurückwarf.

Das Boot wurde auf den aus Eis und Schiefer bestehenden Strand gesetzt. Skafloc konnte ans Ufer springen, ohne erst in das schmutzige Wasser gehen zu müssen. Er zog das Boot höher hinauf und machte es fest, während Mananaan Wache hielt und seine Augen anstrengte, die Düsternis zu durchdringen. Dann hörten sie ein Schleifen, als werde ein schweres Gewicht über Steine gezogen.

„Unser Weg ist dunkel und hat einen üblen Geruch“, bemerkte der Seekönig, „aber die Sicherheit wird nicht größer, wenn wir lange zaudern.“

Über und durch die hausgroßen Eis- und Felsbrocken ging es. Die Schwärze wurde immer dichter, bis sie sich im Licht weniger Sterne, die in die Klüfte leuchteten, mühsam vorantasten mußten. Der Gestank wurde stärker und das Zischen und Schleifen lauter.

Als sie durch eine Schlucht gingen, die auf den Gletscher zuführte, erblickte Skafloc ein langes, weißes Ungeheuer. Er faßte den Schwertgriff fester.

Das Ding glitt auf sie zu. Mananaans Schlachtruf gellte auf. Er warf seinen Speer auf die undeutliche bleiche Form. „Aus dem Weg, weißer Wurm!“ rief er.

Das Ding zischte und schlug nach ihm. Seine Schlingen kratzten über die Steine und ließen sie rasseln. Mananaan sprang zur Seite, und als der flache Kopf auf ihn zuschoß, griff Skafloc an. Bis in seine Schultern spürte er den Aufprall des Schwertes, und der Wurm drehte sich mit aufgerissenem Maul zu ihm um. In dieser Finsternis konnte er das Geschöpf kaum sehen, aber er erkannte, daß dieses Maul ihn mit einem Schluck verschlingen konnte.

Mananaan warf seinen Speer in den bleichen Nacken. Skafloc schlug von neuem auf den Kopf los. Der Verwesungsgestank, der von dem Wurm ausging, schnürte ihm die Kehle zu. Er rang nach Atem und ließ dabei Schwerthiebe niederregnen. Ein Tropfen Blut oder Gift spritzte auf ihn, fraß sich durch seinen Mantel und verbrannte seinen Arm.

Er fluchte und schlug noch heftiger auf den sich wiegenden Kopf ein. Dann zerbrach sein Schwert, verätzt durch dieses Blut. Skafloc hörte, wie gleichzeitig Mananaans Speerschaft brach.

Sie rissen die Ersatzwaffen aus den Scheiden und setzten den Kampf fort. Der Wurm zog sich zurück, und sie folgten ihm auf den Gletscher.

Gräßlich anzusehen war das Ungeheuer. Ding. Seine Schlingen wogten bis zur halben Höhe des Berges hinauf; sie waren von einem aussätzigen Weiß und dicker als ein Pferd. Der Schlangenkopf schwebte noch über ihnen und spie Blut und Gift. Mananaans abgebrochener Speer steckte in dem einen Auge, das andere glitzerte tückisch herab. Die Zunge zuckte vor und zurück, und der Wurm zischte wie ein Schneesturm.

Skafloc rutschte auf dem Eis aus. Der Wurm hackte nach ihm. Aber Mananaan war schneller, hielt seinen Schild über den Mann und schlug mit seinem Schwert zu. Die Klinge riß den geschwollenen Hals auf. Skafloc kam wieder auf die Füße und schwang gleicherweise sein Schwert.

Der Wurm schlug mit einer Schlinge nach ihnen. Skafloc rollte in eine Schneewehe. Mananaan wurde gefangen, aber ehe der Wurm ihn erdrücken konnte, fuhr seine Klinge zischen zwei Rippen.

Daraufhin floh der Wurm und warf sich ins Meer. Keuchend und zitternd saßen der Seekönig und Skafloc lange Zeit unter den Nordlichtern. Dann setzten sie ihren Marsch fort.

„Wir sollten umkehren und Ersatz für die zerbrochenen Waffen holen“, meinte Skafloc.

„Nein, vielleicht lauert uns der Wurm am Ufer auf, und wenn nicht, könnte unser Anblick seinen Zorn von neuem wecken“, gab Mananaan zu bedenken. „Diese Klingen werden genügen, bis wir das Runenschwert haben.“

Langsam stiegen sie den glatten, geheimnisvoll schimmernden Gletscher hinauf. Vor ihnen verdeckte der schwarze Berg den halben Himmel. Der Wind trug schwaches Pochen bis zu ihnen.

Aufwärts ging es, bis ihre Herzen hämmerten und sie nach Atem rangen. Das Eis war scharfkantig und trügerisch. Oft mußten sie sich ausruhen, ja sogar mitten auf dem Gletscher schlafen, und es war gut, daß sie sich zu essen mitgenommen hatten.

Nichts rührte sich, nichts schien in dieser Kälte zu leben, aber immer lauter wurde das Hämmern.

Endlich standen Skafloc und Mananaan am Kopf des Gletschers, auf halber Höhe des Berges, der mit dem Polarstern gekrönt war. Ein schmaler Pfad, uneben und von Felsbrocken übersät, in der Finsternis kaum zu sehen, bog nach links ein. Von ihm fielen nackte Klippen zu gähnenden Tiefen ab. Die Reisenden seilten sich an und folgten ihm.

Wenn einer von ihnen fiel, rettete ihn der andere, und so erreichten sie schließlich die Öffnung einer Höhle. Aus ihren Tiefen rollte das Klirren von Eisen.

Ein großer roter Hund war in der Öffnung angekettet. Er heulte und warf sich auf sie. Skafloc hob sein Schwert.

„Nein“, warnte Mananaan. „Ich habe das Gefühl, es würde uns das größte Unglück bringen, wenn wir das Tier töteten. Versuchen wir lieber, an ihm vorbeizukommen.“

Sie hielten die Schilde so, daß sie sich überlappten, und krochen seitlich, mit dem rechten Arm auf dem Stein, in die Höhle. Der Hund warf sich mit seinem ganzen Gewicht auf die Schilde und schlug seine Zähne in die Ränder. Sein Heulen ließ ihre Schädel erdröhnen. Kaum schafften sie es über die Reichweite der Kette hinaus.

Jetzt kamen sie in völlige Schwärze. Sie hielten sich an den Händen und tasteten sich einen nach unten führenden Gang entlang, fühlten vor sich nach Abgründen und stießen oft mit zackigen Stalagmiten zusammen. Die Luft war weniger kalt als draußen, aber die Dunkelheit machte die Kälte doppelt spürbar. Sie hörten das Rauschen eines Flusses und dachten, dies müsse einer der Ströme sein, die das Totenreich durchfließen. Lauter und näher klang der Hammerschlag.

Zweimal gellte ein Kläffen auf, das die Echos in die Flucht jagte, und sie hielten inne und machten sich auf einen Kampf gefaßt. Einmal stürzte sich etwas Großes, Schweres auf sie und biß Stücke aus ihren Schilden. Obwohl sie nichts sehen konnten, gelang es ihnen, das Ding zu erschlagen, aber sie erfuhren nie, welche Gestalt es gehabt hatte.

Bald danach sahen sie ein rotes Glühen wie das des Sterns im Zeichen des Schützen. Sie eilten vorwärts und kamen an eine weite, frostige Kammer. Hier traten sie ein.

Der Raum wurde von einem großen, aber niedrigen Feuer trüb erhellt. In diesem blutfarbenen Licht erkannten sie riesige Werkzeuge, wie sie in einer Schmiede zu finden sind. Und am Amboß stand ein Jötune.

Groß war er, so groß, daß sie seinen Kopf in dem rauchigen Dämmer kaum sehen konnten, und sehr breit. Er trug nur eine Schürze aus Drachenhaut über seinem haarigen Körper, der knorrig war wie ein alter Baum und voller Muskeln wie ein Schlangenpfuhl. Haar und Bart, schwarz und struppig, hingen ihm bis zur Mitte. Seine Beine waren kurz und krumm, das rechte war lahm, und er hatte einen Buckel, so daß seine Hände den Boden berührten.

Als die Sucher eintraten, wandte er ihnen sein schreckliches Gesicht zu. Es hatte eine breite Nase, einen großen Mund und war voller Narben. Unter schweren Brauen lagen zwei leere Löcher; die Augen waren aus den Höhlen gerissen worden.

Seine Stimme klang wie das Rauschen des Flusses im Totenreich. „Oho, oho! Dreihundert Jahre lang hat Bolverk in Einsamkeit gearbeitet. Jetzt muß die Klinge ausgehämmert werden.“ Er nahm das Metallstück, an dem er soeben geschmiedet hatte, und warf es durch die Höhle. Das Klirren wurde noch lange zwischen den Wänden hin- und hergeworfen.

Skafloc trat kühn vor, sah ihm in die leeren Augenhöhlen und sprach: „Ich bringe dir eine neue Arbeit, die für dich, Bolverk, auch eine alte ist.“

„Wer bist du?“ schrie der Jötune. „Ich rieche, daß du ein Sterblicher bist, aber es hängt auch mehr als ein bißchen vom Feenreich an dir. Einen zweiten rieche ich, der zur Hälfte ein Gott ist, aber weder ein Ase noch ein Wane.“ Er fuhr mit den Händen suchend umher. „Ihr seid mir beide nicht ganz unverdächtig. Kommt näher, damit ich euch in Stücke reißen kann.“

„Wir haben einen Auftrag zu erfüllen, an dem du uns nicht hindern wirst“, sagte Mananaan.

„Was ist das für ein Auftrag?“ Bolverks Frage rollte durch die Höhle, bis sie sich im Inneren der Erde verlor.

Skafloc sang:

Asa-Loki,
ob seines Kerkers
schnaubend vor Zorn,
ersehnt Schwertspiel.
Diese Waffe
erfüllt seine Wünsche.
Bolverk, nimm
das geborstene Schwert.

Und er öffnete das Wolfsfellbündel und warf dem Riesen die beiden Teile des Schwerts vor die Füße, daß es klirrte.

Bolverks Hände glitten über die Stücke. „Aye“, keuchte er. „Gut erinnere ich mich an diese Klinge. Dyrin und Dvalin waren von Svafrlami gefangen und sollten ihm als Lösegeld ein Schwert anfertigen. Sie baten mich flehentlich um Hilfe, denn diese Waffe sollte gleichzeitig ihre Rache an ihrem Peiniger ausüben. Wir schmiedeten Eis und Tod und Sturm hinein, mächtige Runen und Zauber, einen lebenden Willen, Böses zu tun.“ Er grinste. „Viele Krieger haben das Schwert besessen, weil es den Sieg bringt. Es gibt nichts, was es nicht durchschneidet, und niemals wird seine Klinge stumpf. Gift ist in dem Stahl, und Wunden, die er schlägt, können weder durch Arzneien noch durch Zauber noch durch Gebete geheilt werden. Doch dieser Fluch liegt auf dem Schwert: Jedesmal, wenn es gezogen wird, muß es Blut trinken, und am Ende wird es auf die eine oder andere Art dem zum Verderben, der es schwingt.“

Er beugte sich vor. „Daher“, erklärte er langsam, „hat Thor es vor langer Zeit zerbrochen. In den Neun Welten hatte er allein dazu die Kraft. Seitdem hat es vergessen in der Erde gelegen. Aber nun – nun, wenn Loki uns, wie du sagst, zu den Waffen ruft, wird es gebraucht werden.“

„Das habe ich nicht gesagt“, murmelte Skafloc, „obwohl ich zugebe, daß ich bei dir genau diesen Eindruck hervorrufen wollte.“

Bolverk hörte ihn nicht. Der Jötune starrte blind ins Leere, und seine Finger strichen über das Schwert. „Dann ist also das Ende da“, flüsterte er. „Jetzt kommt der letzte Abend der Welt, wenn Götter und Riesen sich gegenseitig erschlagen und dabei die Schöpfung vernichten. Surt legt Feuer, das bis zum zerberstenden Himmelsgewölbe springt. Die Sonne wird schwarz, die Erde versinkt im Meer, die Sterne fallen herab. Es endet – mein Sklaventum, blind unter dem Berg, endet in lodernden Flammen? Aye, gern will ich dein Schwert schmieden, Sterblicher!“

Er machte sich an die Arbeit. Das Getöse erfüllte die Höhle, Funken flogen, Blasebälge fauchten, und während er werkte, rief er Zaubersprüche, die die Wände erbeben ließen. Skafloc und Mananaan zogen sich in den Gang zurück.

„Es gefällt mir nicht, und ich wünschte, ich wäre nicht hergekommen“, sagte der Seekönig. „Etwas Böses wird zu neuem Leben erweckt. Noch keiner hat mich einen Feigling genannt, aber ich werde dieses Schwert nicht berühren. Und wenn du klug bist, tust du es auch nicht. Es wird dich verderben.“

„Und wenn schon“, entgegnete Skafloc düster.

Sie hörten das Zischen, als die Klinge in Gift gelöscht wurde. Wo der Qualm nackte Haut berührte, brannte er. Bolverks Lied vom Weltuntergang dröhnte durch die Höhle.

„Wirf dein Leben nicht einer verlorenen Liebe wegen weg“, bat Mananaan. „Du bist noch jung.“

„Der Mensch wird geboren, um zu sterben“, erklärte Skafloc, und damit endete das Gespräch.

Die Zeit wurde ihnen lang. Andererseits war es ein Wunder, wie schnell der Riese – blind und ohne jede Hilfe – fertig wurde. „Tretet ein, Krieger!“ rief er.

Sie gingen in die Höhle, die in blutrotem Schein dalag. Bolverk streckte ihnen das Schwert entgegen. Hell glänzte die Klinge, eine blaue Zunge, um deren Kanten Flämmchen zu spielen schienen. Die Augen des Drachen auf dem Heft glitzerten, das Gold glühte wie von innen heraus.

„Nimm es!“ rief der Riese.

Skafloc ergriff die Waffe. Schwer war sie, aber Kraft floß von ihr in seinen Körper. Das Gewicht war so gut verteilt, daß sie sofort wie ein Teil von ihm selbst wurde.

In einem gellenden Bogen schlug er das Schwert hinunter auf einen Felsen. Der Stein zersplitterte. Er schwang sich die Klinge jubelnd um den Kopf. In dem Halbdunkel leuchtete sie wie ein Blitz.

„Ha, halloo!“ rief Skafloc. Und er sang:

Schnell geht das Schwertspiel!
Es schaudert der Feind,
zeigt ihm die zischende
Zauberklinge.
Heulend vor Hunger
haut sie durch Eisen,
badet in Blut,
schlägt Schädel zu Brei.

Bolverk stimmte in sein Gelächter ein. „Aye, schwinge das Schwert mit Lust“, brüllte der Jötune. „Zerschmettere deine Feinde – Götter, Riesen, Sterbliche, ganz gleich, wen. Das Schwert ist losgelassen, und das Ende der Welt ist nahe!“

Er gab dem Mann eine mit Gold beschlagene Scheide. „Stecke die Waffe jetzt lieber ein“, riet er, „und ziehe sie danach nicht wieder, es sei denn, daß du töten willst.“ Er grinste. „Aber das Schwert bringt es fertig, sich zur falschen Zeit ziehen zu lassen – und am Ende, darauf kannst du vertrauen, wird es sich gegen dich wenden.“

„Wenn es nur zuerst meine Feinde tötet“, antwortete Skafloc, „kümmert es mich nicht sonderlich, was es danach tun wird.“

„Es mag dich… dann kümmern“, sagte Mananaan vor sich hin. Laut setzte er hinzu: „Gehen wir. Hier ist nicht gut sein.“

Sie gingen. Bolverks augenloses Gesicht starrte ihnen nach.

Sie erreichten den Ausgang. Der Hund an der Kette drückte sich winselnd zur Seite. Schnell stiegen sie den Gletscher hinab. Sie waren schon beinahe unten, als sie ein lautes Rumpeln hörten und zurückblickten.

Höher als die Berge ragten drei Gestalten vor den Sternen auf, die sich an den Abstieg machten. Mananaan eilte zum Boot. „Utgard-Loki muß irgendwie von deinem Trick erfahren haben und will nicht, daß du den Asen mit ihren Plänen weiterhilfst. Wir werden noch Mühe haben, aus diesem Land wegzukommen.“

XXIII

Der Krieg, den Mananaan Mac Lir und Skafloc in Jötunheim führten, wäre es wohl wert, erzählt zu werden. Man müßte den Kampf mit wahnsinnigen Stürmen und unbewegten Nebelmassen, mit Brandung und Klippen und Eisschollen schildern. Dazu kam eine ständig wachsende Müdigkeit, in der die einzige Ermunterung in der ewigen Nacht das hell leuchtende Bild Fands darstellte. Das kleine Schiff, das beste aller Boote, müßte mit goldenem Zierat und einem Lied geehrt werden.

Die Jötunen brachten manchen Zauber ins Spiel, um ihren Besuchern den Garaus zu machen, und infolgedessen waren die beiden vom Unglück verfolgt. Aber ihr Gegenzauber brach nicht nur die Macht der Eisriesen, sondern schickte auch Stürme landeinwärts und verwüstete das Land und die Wohnungen der Eisriesen.

Den offenen Kampf mit den Jötunen suchten sie nicht. Doch zweimal, als ein einzelner sie überfiel, töteten sie ihn. Daneben mußte sie sich gegen die Ungeheuer des Landes und der See behaupten. Oft entgingen sie einer Verfolgung nur mit knapper Not, besonders wenn sie während der langen Zeitspannen, in denen der Wind ungünstig war, im Landesinneren Nahrungsmittel beschafften. Und jedes Abenteuer für sich würde eine Geschichte abgeben.

Auch müßte man von ihrem Überfall auf ein großes Gehöft berichten, wo sie Pferde stahlen. Zum Schluß zündeten sie es an und machten sich mit einer Beute auf den Weg, die nicht allein aus den Reittieren bestand. Sie hatten sich die kleinsten Ponys ausgesucht, die es hierzulande gab, aber in der Außenwelt würden sie als die größten und schwersten Streitrösser gelten. Sie hatten ein zottiges schwarzes Fell, feurige Augen und die Herzen von Teufeln. Aber sie gehorchten ihren neuen Herren und standen ruhig in dem Boot, das für sie kaum Platz hatte. Und sie fürchteten weder Tageslicht noch Eisen, nicht einmal Skaflocs Schwert, und müde wurden sie nie.

Nicht jeder Bewohner Jötunheims war ein Riese, ein Ungeheuer oder ein Feind. Schließlich waren einige von diesem Blut in Asgard Götter geworden. Ein einsam lebender Bauer mochte Gäste gern willkommen heißen und nicht zu genau nachforschen, was sie vorhatten. Nicht wenige Frauen waren von menschlicher Größe, hübsch anzusehen und den Fremden gern gefällig. Mananaan mit der Schmeichelzunge fand das Flüchtlingsleben gar nicht so schlecht. Skafloc gönnte keiner Frau auch nur einen Blick.

Noch viel mehr gäbe es zu erzählen, von dem Drachen und seinem goldenen Hort, von dem brennenden Berg und dem bodenlosen Abgrund und der Mühle der Riesinnen. Man könnte dabei verweilen, wie die Reisenden in einem Fluß fischten, der aus dem Totenreich kam, und was sie dort fingen. Die Geschichten von der immerwährenden Schlacht und von der Hexe im Eisernen Wald und von dem Lied, das sie die Nordlichter in einer Heiligen Nacht singen hörten – all das wäre es wert, überliefert zu werden. Aber da keine dieser Sagas mit den Hauptfäden der Handlung zu tun hat, müssen wir sie in den Annalen des Feenreiches schlummern lassen.

Genug, Skafloc und Mananaan gelang es, Jötunheim zu verlassen. Auf den Gewässern Midgards segelten sie südwärts.

„Wie lange mögen wir unterwegs gewesen sein?“ fragte der Mann.

„Ich weiß es nicht. Wir waren länger dort als hier.“ Der Seekönig roch die frische Brise und sah zu dem klaren blauen Himmel hoch. „Es ist Frühling geworden.“

Nach einer Weile fuhr er fort: „Jetzt hast du das Schwert, und Blut hast du ihm schon reichlich zu trinken gegeben. Was wirst du tun?“

„Ich werde mich dem Erlkönig anschließen, falls er noch lebt.“ Skafloc sah mit grimmigem Gesicht zum Horizont hin. „Setz mich südlich des Kanals an Land, und ich werde ihn finden. Die Trolle sollen es nur wagen, sich mir in den Weg zu stellen! Haben wir das Hauptland Alfheims von ihnen gesäubert, werden wir England zurückerobern. Dann fallen wir in ihr Heimatland ein und rotten das verfluchte Volk aus.“

Wenn es dir gelingt. Nun, natürlich, versuchen mußt du es.“

„Werden die Sidhe mir nicht helfen?“

„Das ist eine Sache für den Hohen Rat. Aber wir werden auf keinen Fall eingreifen, bevor die Elfen in England sind. Sonst könnte ja unser Land in Abwesenheit der Krieger überfallen werden. Mag sein, daß wir dann mitkämpfen. Es gäbe Ruhm zu gewinnen, und wir könnten eine Bedrohung unserer Flanke aus dem Weg räumen.“ Der Seekönig hob seinen stolzen Kopf. „Wie es auch kommen mag – Mananaan Mac Lir und seine Krieger werden zu dir eilen, sobald du englischen Boden betrittst. Denn wir haben zusammen Gefahren bestanden und Blut vergossen und uns gegenseitig das Leben gerettet.“

Wortlos drückten sie sich die Hände. Und bald darauf setzte Mananaan Skafloc und sein Jötunenpferd an Land und segelte weiter nach Irland und zu Fand.

Auf seinem schwarzen Roß ritt Skafloc zu dem fernen Erlkönig. Das Pferd lief immer noch schnell, aber es war abgemagert vor Hunger. Skafloc selbst sah auch nicht gut aus. Seine Kleider waren zerfetzt und verblichen, seine Rüstung verbeult und rostig, der Mantel um seine Schultern dünn geworden. Er hatte auf seinen Reisen an Gewicht verloren. Die starken Muskeln lagen dicht unter der Haut, und die Haut spannte sich fest über den Knochen. Tiefe Linien waren in sein Gesicht gegraben, das alle Jugendlichkeit verloren hatte. Es war das Gesicht eines verstoßenen Gottes geworden – der weichste Ausdruck war der müden Hohns, und meistens war es hart und verschlossen. Nur noch das helle, windzerzauste Haar war jung. So mag Loki aussehen, wenn er am letzten Abend der Welt auf die Vigrid-Ebene reitet.

Er ritt über Hügel, und ringsum zeigte sich das wiedergeborene Jahr. Am Morgen hatte es geregnet. Der Boden war schlammig, Tümpel und Pfützen glitzerten unter den Sonnenstrahlen. Das Gras schoß in die Höhe und erfreute das Auge mit seinem frischen Grün. Die Bäume trieben Knospen, an denen schon ein Schimmer von Farbe den Sommer ankündigte.

Es blieb kühl. Ein scharfer Wind ließ Skaflocs Mantel flattern. Und doch war es ein Frühlingswind, der sprang und lärmte und die Trägheit aus dem Winterblut peitschte. Der Himmel war hoch und ganz blau, die Sonne stach wie mit Lanzen in das nasse Gras. Im Südosten hingen dunkle Wolken, und Donner rollte. Aber davor leuchtete ein Regenbogen.

Der Schrei von Wildgänsen ertönte in den Lüften. Die Zugvögel waren auf dem Weg nach Hause. Eine Drossel übte ihr Lied, und zwei Eichhörnchen spielten in einem Baum wie kleine rote Feuer.

Bald gab es warme Tage und helle Nächte, grüne Wälder und blühende Blumen. Ein tief in seinem Inneren begrabenes, beinahe vergessenes Gefühl erwachte in Skafloc.

Oh, Frida, wenn du bei mir wärest…

Der Tag neigte sich dem Abend zu. Skafloc ritt immer weiter auf seinem unermüdlichen Pferd. Er gab sich keine Mühe, ungesehen zu bleiben. Für den Jötunenhengst war es keine besondere Schnelligkeit, so daß er sich unterwegs Futter abreißen konnte. Aber die Erde bebte unter seinen Hufen. Sie hatten das mittlere Reich Alfheims erreicht und hielten weiter auf die Bergfestungen zu wo der Erlkönig sein mußte, falls er bis jetzt ausgehalten hatte. Verbrannte Höfe, zerbrochene Waffen, saubergepickte Knochen zeigten, daß hier ein Krieg gewühlt hatte. Alles löste sich schnell auf, wie es die Dinge des Feenreichs zu tun pflegten. Hin und wieder zeigte sich eine frische Trollspur, und Skafloc leckte sich die Lippen.

Die Nacht brach an. Nach dem Land, aus dem er kam, war sie seltsam warm und hell. Er ritt weiter. Manchmal schlief er ein wenig im Sattel, aber er hielt nie an, um zu lauschen. Die feindlichen Reiter hörte er auch so schon geraume Zeit, bevor sie seinen Pfad kreuzten. Skafloc setzte seinen Helm auf.

Es waren sechs – dunkle, mächtige Gestalten im Sternenlicht. Sie wußten nicht recht, was sie von ihm halten sollten. Da war ein Sterblicher, dessen Kleider teils von den Elfen, teils von den Sidhe stammten, auf einem schwarzen Streitroß, das noch größer und zottiger war als ihre eigenen. Sie verstellten ihm den Weg, und einer rief: „Im Namen Illredes, des Trollkönigs, halt!“

Skafloc gab seinem Pferd die Sporen und sprengte auf sie zu. Die Klinge blitzte in blauem Höllenfeuer. Ein Helm mitsamt dem Schädel war gespalten und ein weiterer Kopf abgeschlagen, ehe die Trolle noch wußten, was geschah.

Dann schlug einer von links mit einer Keule nach Skafloc, ein anderer von rechts mit einer Axt. Skafloc lenkte das Pferd mit den Knien und hielt den Schild zwischen sich und den ersten. Sein Schwert sprang auf den zweiten zu und durchschnitt den Stiel der Axt und die Brust dahinter. Skafloc ließ das Schwert herumwirbeln und spaltete den Troll, der von links kam, von der Schulter bis zum Gürtel. Er zog mit einem Finger an den Zügeln. Sein riesiges Pferd stieg und zerschmetterte mit den Vorderhufen den Schädel des fünften Trolls.

Der letzte rannte schreiend davon. Skafloc warf ihm das Schwert nach. Es fuhr dem Troll in den Rücken und trat an der Brust wieder aus.

Danach ritt er weiter auf der Suche nach dem belagerten Erlkönig. Kurz vor Sonnenaufgang machte er an einem Fluß Halt zu einem kurzen Schlaf.

Er erwachte von dem Rascheln der Blätter und einem leichten Erzittern des Bodens. Zwei Trolle schlichen sich näher. Er sprang auf die Füße und zog das Schwert, hatte aber keine Zeit mehr, die Rüstung anzulegen. Die Trolle stürzten auf ihn los. Dem einen hieb er durch Schild und Schulter und Herz. Sofort hob er die bluttriefende Klinge wieder, und der zweite Troll, der seinen Schwung nicht mehr abbremsen konnte, rannte hinein. Skafloc blieb bei dem heftigen Ruck ganz ruhig stehen. Unirdische Stärke floß aus dieser Waffe in seinen Körper.

„Das war beinahe zu einfach“, sagte er zu sich selbst, „aber sicher wird mir unterwegs noch besseres Vergnügen werden.“

Den ganzen Tag ritt er. Um die Mittagszeit fand er eine Höhle, in der mehrere Trolle schliefen. Er tötete sie und aß ihre Nahrungsmittel. Es kümmerte ihn wenig, daß er eine Spur von Leichen zurückließ, der jedermann leicht folgen konnte. Sollten sie nur!

In der Abenddämmerung erreichte er die Berge. Hoch und schön erhoben sie sich, und auf ihren schneebedeckten Gipfeln leuchtete das Abendrot. Er hörte das Rauschen von Wasserfällen und das Säuseln des Windes in den Kiefern. Seltsam, dachte er, daß soviel Frieden und Schönheit ein Ort zum Töten ist. Hier hätte er mit Frida und ihrer Liebe sein sollen, nicht mit einem furchterregenden schwarzen Streitroß und einem Schwert, das Vernichtung bedeutet.

Aber so war es nun einmal. Wie mochte es ihr ergehen?

Er ritt die Steilhänge hinauf und über einen Gletscher, auf dem die Hufe seines Pferdes klangen. Die Nacht zog über den Himmel, klar und kalt in dieser Höhe. Ein fast voller Mond verwandelte die Gipfel in Geister. Wenig später hörte Skafloc von ganz weit weg eine Lure. Sein Herz begann zu hämmern, er spornte sein Pferd zum Galopp an. Luft sang in seinen Ohren, und die Berge warfen das Echo der Hufschläge hin und her.

Dort wurde gekämpft!

Das harte Brüllen eines Trollhorns drang zu ihm, und bald hörte er auch, gedämpft durch die Entfernung, die Schreie von Kriegern und das Klirren von Waffen. Ein Pfeil zischte vorbei. Skafloc duckte sich im Sattel. Keine Zeit, sich mit dem Bogenschützen zu befassen; er war auf größeres Wild aus.

Von einem Felsengrat sah er den vom Mond erhellten Kampfplatz vor sich liegen. Menschen hätten wohl nur einen Berg erblickt, auf dem Schneeteufel wirbelten, und nichts als einen merkwürdigen Ton im Heulen des Windes vernommen. Skaflocs Hexensicht entdeckte mehr. Für ihn war der Gipfel eine schneebedeckte Burg mit hohen Mauern und Türmen, die bis zu den Sternen reichten. Ringsherum zogen sich die schwarzen Zelte des Trollheeres. Eines davon war größer als die anderen und trug eine dunkle Fahne, und vom höchsten Turm der Burg flatterte das Banner des Erlkönigs. Jetzt standen sich Erlkönig und Trollkönig gegenüber.

Die Trolle stürmten die Festung. Wie Hunde bellten sie unter den Mauern. Sie legten Leitern an und versuchten, sie zu ersteigen, und ihre Anzahl war so groß, daß sie die Fundamente verbargen. Viele Kriegsmaschinen hatten sie, Schleudern, die Feuerkugeln über die Brustwehren schossen, fahrbare Türme, die voll von bewaffneten Männern waren, Rammböcke, die gegen die Tore donnerten, Katapulte, die Felsbrocken gegen Mauerwerk krachen ließen. Das Schreien, das Trampeln von Füßen und Hufen, das Klirren von Metall, das Getöse der Trommeln und Hörner füllten die Nacht mit einem Lärm, der Lawinen ins Tal stürzen ließ und an den eisbedeckten Hängen Echos hervorrief.

Die Elfen standen hinter ihre Brustwehren und wehrten die Trolle ab. Schwerter glänzten auf, Speere und Pfeile verdunkelten den Mond, kochendes Öl stürzte aus Kesseln, Leitern wurden umgestoßen – aber die Trolle machten Fortschritte, und der Elfen waren nur wenige. Bald würde die Belagerung zu Ende sein.

Skafloc zog sein Schwert. Zischend fuhr die Klinge aus der Scheide. In kalten Wellen lief das Mondlicht darüber hin. „Haiah!“ schrie er, gab seinem Pferd die Sporen und stob in einer Wolke aufwirbelnden Schnees den Hang hinunter.

Eine Schlucht versperrte ihm den Weg. Seine Schenkel spannten sich um die Flanken seines Pferdes. Es sprang hoch hinauf in den Himmel, vorbei an den Sternen. Auf der gegenüberliegenden Seite setzten die Hufe mit einer Wucht auf, die Skafloc die Zähne zusammenschlug, aber sofort sprengte er weiter.

Das Lager der Trolle war beinahe leer. Skafloc zog die Zügel an, beugte sich herab und riß einen Brand aus einem Feuer. Die Geschwindigkeit seines Galopps ließ das Holz hell aufflammen. Er steckte alle Zelte an, die auf seinem Weg lagen. Bald brannten sie lichterloh und entzündeten mit Funkenschauern die übrigen. Skafloc eilte weiter auf die Tore der Burg zu, und im Reiten vervollständigte er seine Rüstung.

Wie es seine Gewohnheit war, trug er den Schild auf dem linken Arm, hielt das Schwert in der rechten Hand und lenkte das Pferd mit Knien und Worten. Ehe die Trolle am Haupttor noch erkannten, was geschah, hatte er drei niedergeschlagen, und sein Tier hatte ebensoviele zerstampft.

Dann griffen ihn die Trolle in Massen an. Sein Schwert sprang und wirbelte und sang, fuhr durch Helm und Halsberge, durch Fleisch und Knochen und hob sich bluttriefend daraus hervor. Keinen Augenblick hielt es in seinem Todestanz inne. Skafloc mähte die Trolle dahin wie reifen Weizen.

Sie umdrängten ihn, aber keiner konnte seine eiserne Rüstung berühren. Nur wenige ihrer Schläge trafen, und sie fühlte er nicht, solange er dieses Schwert in der Hand hielt.

Er schlug zur Seite, und ein Kopf rollte von den Schultern. Noch ein Hieb, und er hatte einem Reiter den Bauch aufgeschlitzt. Ein dritter Streich fuhr durch Helm und Schädel und Gehirn. Ein Krieger zu Fuß stach nach ihm mit einem Speer und kratzte seinen Arm. Er beugte sich herab und schlug den Troll zu Boden. Aber die meisten der Fußkämpfer starben unter den Tritten und Bissen des Jötunenpferdes.

Das Klirren und Kreischen von Metall stieg zum Mond auf. Blut dampfte auf dem zertrampelten Schnee, Leichen türmten sich in den Lachen. Das schwarze Streitroß und sein Reiter und die Klinge des Schreckens ragten über allen hoch empor und bahnten sich einen Pfad zu den Toren.

Schlag zu, Schwert, schlag zu!

Die Trolle wichen entsetzt zurück. Skafloc rief: „Hai, Alfheim! Heute nacht reitet Siegvater mit uns! Macht einen Ausfall, Elfen, kommt heraus und tötet!“

Vom Schlachtfeld aus war ein kreisförmiges Feuer zu erblicken. Die Trolle erkannten, daß ihr Lager brannte. Sie sahen ein Jötunenpferd und ein Zauberschwert gegen sich. Viele verloren den Mut.

Skafloc ritt mit seinem sich aufbäumenden Pferd vor dem Tor hin und her. Im Licht des Mondes und des Feuers glänzte seine Rüstung naß von dem vergossenen Blut. Seine Augen blitzten ebenso blau wie der Stahl seiner Klinge. Und er verhöhnte seine Feinde und forderte die Elfen zum Ausfall auf.

Ängstlich flüsterten die Trolle: „…das ist Odin, der den Elfen helfen will – nein, er hat zwei Augen, es muß Thor sein – Loki ist es, der sich von den Ketten losgerissen hat, weil das Ende der Welt nahe ist – es ist ein von einem Dämon besessener Sterblicher – es ist der Tod…“

Luren bliesen, die Tore schwangen weit auf, und die Elfen stürmten heraus. Ihre Zahl war bei weitem geringer als die der Trolle, aber neue Hoffnung erhellte ihre abgehärmten Gesichter und glänzte aus ihren Augen. An ihrer Spitze ritt auf einem milchweißen Streitroß der Erlkönig. Seine Krone glitzerte im Mondlicht, Haar und Bart flatterten über den Harnisch und den dämmerungsblauen Mantel.

„Wir hatten nicht geglaubt, dich noch einmal lebend wiederzusehen, Skafloc“, rief er.

„Das war ein Irrtum“, erwiderte der Mann ohne eine Spur seiner früheren Ehrfurcht – denn nichts konnte ihn mehr ängstigen, der mit den Toten gesprochen und den Rand der Welt gesehen und nichts mehr zu verlieren hatte.

Die Augen des Erlkönigs blieben auf dem Runenschwert haften. „Ich kenne diese Waffe“, murmelte er, „und ich weiß nicht, ob ihre Hilfe für Alfheim gut sein wird. Doch…“ Er erhob die Stimme: „Vorwärts, Elfen!“

Seine Männer stürzten sich auf die Trolle, und blutig war diese Schlacht. Schwerter und Äxte erhoben sich und fielen nieder und erhoben sich von neuem, tropfend von Blut. Metall klirrte, Speere und Pfeile bewölkten den Himmel, Pferde zerstampften die Toten mit ihren Hufen oder stießen Todesschreie aus, Krieger kämpften und keuchten und sanken zu Boden.

„Holla, Trollheim! Her zu mir!“ Illrede sammelte seine Leute und bildete einen Keil, der gegen die Elfen vorrückte. Das Schnauben seines ebenholzfarbenen Hengstes klang wie Donnergrollen. Seine Axt ruhte nie und traf immer ihr Ziel, und die Elfen begannen einen Bogen um ihn zu machen. Über seinem Mantel aus Drachenhaut leuchtete sein Gesicht eisgrün im Mondlicht und war erfüllt von Wut. Die Strähnen seines Bartes ringelten sich, die Augen brannten schwarzes Feuer.

Skafloc erblickte ihn und stieß ein Wolfsgeheul aus. Er riß sein Jötunenpferd herum und hielt auf den Trollkönig zu. Sein Schwert fällte die Feinde rechts und links wie Halme.

„Ha!“ brüllte Illrede. „Macht Platz! Er gehört mir!“

Über einem plötzlich freigewordenen Platz ritten sie aufeinander zu. Aber als der Trollkönig das Runenschwert sah, schluckte er und zog die Zügel an.

Skaflocs Gelächter gellte ihm in die Ohren. „Jetzt werden dir deine Übeltaten heimgezahlt! Dunkelheit kommt über dich und deine ganze böse Rasse!“

„Nicht allein die Trolle haben alles Böse verursacht, das in der Welt geschehen ist“, antwortete Illrede ruhig. „Mich dünkt, schlimmer als alles, was ich je getan habe, ist, daß du diese Waffe wieder zur Erde gebracht hast. Kein Troll kann etwas für seine Art, denn die Nornen, nicht er selbst, haben sie ihm gegeben. Doch nie würde ein Troll etwas so Entsetzliches tun.“

„Nie würde ein Troll es wagen!“ höhnte Skafloc und ritt auf ihn ein.

Illrede vollführte einen gewaltigen Hieb mit seiner Axt und traf das Jötunenpferd an der Schulter. Es war keine tiefe Wunde, aber der Hengst schrie und bäumte sich auf. Skafloc hatte Mühe, im Sattel zu bleiben, und nun schlug Illredes Axt nach ihm.

Der Mann konnte seinen Schild dazwischenbringen, aber er zersplitterte, und der Hieb warf Skafloc beinahe vom Pferd. Illrede drängte sich näher, um ihm den Kopf zu zerschmettern. Der Helm wurde eingeschlagen, und daß Skafloc nicht die Besinnung verlor, lag nur an der unheimlichen Stärke, die ihm das Schwert verlieh.

Von neuem hob Illrede seine Axt. Skafloc führte einen schwachen Streich. Aber Schwert und Axt trafen sich, Funken sprühten, und mit lautem Klirren barst die Axt. Skafloc vertrieb die Benommenheit mit einem Kopfschütteln. Lachend schlug er Illrede den linken Arm ab.

Der Trollkönig sank zusammen. Skaflocs Klinge fuhr herab und trennte seinen rechten Arm ab. „Es steht einem Krieger nicht an, mit einem hilflosen Gegner zu spielen“, keuchte Illrede. „Das tut das Schwert, nicht du.“

Skafloc tötete ihn.

Jetzt wurde jeder Troll von Furcht übermannt, und sie wichen in Unordnung zurück. Die Elfen setzten ihnen wütend nach. Der Schlachtlärm erschallte zwischen den Bergen. In der Vorhut der Elfen focht der Erlkönig und feuerte seine Männer an. Aber das meiste Entsetzen rief Skafloc hervor. Er war überall, und er mähte die Feinde mit seiner Klinge nieder, von der blaues Feuer und rotes Blut sprangen.

Die Trolle dachten an nichts mehr als an Flucht. Die Elfen verfolgten sie, schlugen sie nieder, trieben sie in das brennende Lager. Nicht viele entkamen.

Im ersten Morgengrauen hielt der Erlkönig sein Pferd an und blickte über die Toten, die zu Haufen um die Burgmauern lagen. Ein kalter Wind fuhr durch sein helmloses Haar und die Mähne seines Pferdes. Müde und hohlwangig, mit Blut und Gehirn bespritzt, näherte sich Skafloc ihm. Doch die Rachsucht in seinen Zügen war nicht gemildert worden.

„Das war ein großer Sieg“, sprach der Erlkönig. „Wir waren beinahe die letzte Elfenfestung, die noch aushielt. Die Trolle haben ganz Alfheim besetzt.“

„Nicht mehr lange“, antwortete Skafloc. „Wir werden sie angreifen. Sie sind dünn verteilt, und jeder freie Elf, der sich als Flüchtling versteckt, wird jetzt zu uns stoßen. Waffen und Rüstungen können wir von den getöteten Trollen nehmen, wenn es nicht anders geht. Hart wird der Krieg sein, aber mein Schwert bringt den Sieg.“

Langsam setzte er hinzu: „Auch habe ich eine neue Standarte, die unseren Reihen vorangetragen werden soll. Sie wird den Feind erschüttern.“ Er hob einen Speerschaft, auf dem Illredes Kopf stak. Die toten Augen und der grinsende Mund schienen immer noch eine Drohung auszusprechen.

Der Erlkönig zuckte zusammen. „Grimmig ist dein Herz, Skafloc. Du hast dich sehr geändert, seit ich dich zuletzt sah. Doch es sei, wie du es wünschst.“

Fortsetzung:  Das geborstene Schwert (7): Finale

Ein Anhang von mir (Lichtschwert) darüber, was es mit Fand und Cú Chulainn auf sich hat:

Fand („Perle der Schönheit“, auch als „Träne“ übersetzt), die Tochter Aed Abraths von den Túatha Dé Danann, war die altirische Meeresgöttin wie auch die Feenkönigin, galt als die schönste der Göttinnen und wurde auch mit der keltischen Anderswelt in Verbindung gebracht.

Als Fand einmal gemeinsam mit ihrer Schwester Lí Ban in Gestalt von Seevögeln über das Meer fliegt, wird sie vom sterblichen irischen Helden Cú Chulainn mit Steinen beworfen, von denen einer durch Fands Schwungfedern schlägt, worauf sie und ihre Schwester in Gestalt von „Andersweltfrauen“ zurückkehren und ihn mit Reitgerten verprügeln, bis er schwerkrank darniederliegt und ein Jahr lang nicht vom Krankenlager aufstehen kann. Durch die Gunst Fands gewinnt er schließlich seine Gesundheit zurück, als er aufgrund Lí Bans Vermittlung widerstrebend einwilligt, zu Fands Insel in der Anderswelt zu reisen und ihr in einer Schlacht gegen ihre Feinde zu helfen. Daraufhin wird Fand für einige Zeit die Geliebte Cú Chulainns, der mit ihr in der Anderswelt lebt, bis dessen eifersüchtige Gattin Emer mit einer Gruppe von mit Messern bewaffneten Frauen kommt, um Fand mit Drohungen und Spottversen zu zwingen, ihn zu ihr zurückkehren zu lassen:

„[…] alles, was glitzert, ist hübsch;
alles, was neu ist, glänzt,
alles, was fehlt, ist verehrenswert,[…]“

Emer holt Cú Chulainn von Fand zurück

Emer holt Cú Chulainn von Fand zurück.

Fand sieht, daß Emer Cú Chulainns würdig ist, und trennt sich von ihm, worauf er den Verstand verliert. Fands Ehemann, der Meeresgott Manannán mac Lir, von dem sie zwischendurch verlassen worden war, löscht die Erinnerung der beiden aneinander durch seinen Zaubermantel aus und holt Fand in sein Reich zurück, worauf Cú Chulainn, der auch zusammen mit Emer einen von den Druiden bereiteten Trank des Vergessens trinkt, wieder gesund wird.

Manannán Mac Lir mit Fand und Cuchulainn

Manannán Mac Lir breitet seinen Zaubermantel zwischen Cú Chulainn und Fand.

(Quelle:  Das geborstene Schwert (6): Jötunheim)

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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