Das geborstene Schwert (7): Finale

After the Battle

Dies ist Poul Andersons allererster Roman, der 1954 erstmals veröffentlicht wurde und hier in der von ihm 1971 überarbeiteten Fassung, in der 1987 erschienenen deutschen Übersetzung von Rosemarie Hundertmarck vorliegt. Siehe dazu „Der Zauber des Nordens“: Einleitungen zu „Das geborstene Schwert“!

Zuvor erschienen:

Das geborstene Schwert (1): Skaflocs Geburt und Jugend
Das geborstene Schwert (2): Valgard
Das geborstene Schwert (3): Nach Trollheim
Das geborstene Schwert (4): Schwerttanz
Das geborstene Schwert (5): Tyrfing
Das geborstene Schwert (6): Jötunheim

XXIV

An einem Wintermorgen taumelte Frida in Thorkel Erlendssohns Hof.

Der Besitzer war gerade aufgestanden und herausgekommen, um nach dem Wetter zu sehen. Einen Augenblick lang konnte er nicht glauben, was er da erblickte – eine Schildjungfrau in einer Rüstung aus einem unbekannten kupferigen Metall, ganz fremdländisch gekleidet, die wie blind umhertastete. Das konnte nicht sein.

Er faßte nach dem Speer, den er hinter der Tür stehen hatte. Doch er ließ die Hand sinken, als er sich das Mädchen genauer ansah und es erkannte. Sie war völlig erschöpft, ihre Augen starrten ins Leere, aber es war Frida Ormstochter, die zurückgekehrt war.

Thorkel führte sie ins Haus. Asa, seine Frau, eilte ihnen entgegen.

„Du bist lange weggewesen, Frida“, sagte sie. „Willkommen zu Hause!“

Das Mädchen versuchte zu antworten, brachte aber kein Wort hervor. „Armes Kind“, murmelte Asa. „Armes verlorenes Kind. Komm, ich bringe dich zu Bett.“

Audun, Thorkels zweiter Sohn nach dem von Valgard erschlagenen Erlend, trat ins Haus. „Draußen ist es kälter als im Herzen einer ehrbaren Jungfrau“, bemerkte er, und dann: „Wer ist denn das?“

„Frida Ormstochter“, antwortete Thorkel, „von irgendwoher zurückgekehrt.“

Audun kam einen Schritt näher. „Das ist wundervoll!“ strahlte er. Er umfaßte sie und wollte sie küssen, doch da kam ihm ihre stumme Verzweiflung zu Bewußtsein. Er ließ sie los. „Was ist geschehen?“

„Was geschehen ist?“ schalt Asa. „Frag lieber, was diesem armen Mädchen nicht geschehen ist! Geht jetzt, ihr ungeschickten Männer, geht hinaus, damit ich sie zu Bett bringen kann!“

Frida lag lange Zeit wach und starrte auf die Wand. Als Asa Essen brachte und es ihr aufnötigte, leise, tröstende Worte sprach und ihr wie eine Mutter das Haar streichelte, begann sie zu schluchzen. Unaufhaltsam strömten die Tränen. Asa hielt sie und ließ sie sich ausweinen. Danach schlief Frida ein.

Thorkel bat sie später, sein Heim vorläufig als das ihre zu betrachten, und sie stimmte zu. Bald ging es ihr besser, aber sie wurde nicht wieder zu dem fröhlichen Mädchen, an das die Nachbarn sich erinnerten.

Thorkel fragte sie nach ihren Erlebnissen. Sie erbleichte und senkte die Augen. Schnell setzte er hinzu: „Nein, nein, du brauchst nicht davon zu sprechen, wenn du es nicht möchtest.“

„Ich habe keinen Grund, die Wahrheit zu verbergen“, antwortete sie so leise, daß er sie kaum verstehen konnte. „Valgard brachte Asgerd und mich nach Osten über das Meer. Er hatte die Absicht, uns einem heidnischen König, mit dem er sich gut stellen wollte, zum Geschenk zu machen. Kaum war er gelandet, als… ein anderer Wikinger ihn überfiel und seine Männer in die Flucht schlug. Valgard entkam, und Asgerd wurde bei dem Kampf getötet. Dieser zweite Häuptling nahm mich mit sich. Aber dann… mußte er an einen Ort reisen… wohin ich ihm nicht folgen konnte… und da ließ er mich auf dem Hof meines Vaters zurück.“

„Du hast eine sehr seltsame Ausrüstung mitgebracht.“

„Die hat mir der Wikinger gegeben. Er hatte sie aus irgendeinem anderen Land. Ich habe oft an seiner Seite gefochten. Er war ein guter Mann – für einen Heiden.“

Frida blickte ins Herdfeuer. „Aye, er war der beste und tapferste und freundlichste Mann.“ Ihre Lippen zuckten. „Warum auch nicht? Er stammte von guten Leuten ab.“

Sie stand auf und ging schnell nach draußen. Thorkel sah ihr nach und zupfte an seinem Bart. „Was sie da erzählt hat, ist nicht die ganze Wahrheit“, brummte er vor sich hin, „aber ich glaube, das ist alles, was wir jemals zu hören bekommen werden.“

Nicht einmal dem Priester, bei dem sie beichtete, sagte Frida mehr als das. Danach ging sie allein weg, stand auf einem Hügel und blickte zum Himmel auf.

Der Winter neigte sich seinem Ende zu. Es war ein heller, nicht besonders kalter Tag. Schnee glitzerte weiß auf der stummen Erde, und der Himmel war von einem wolkenlosen Blau.

Frida sprach leise: „Jetzt habe ich eine Todsünde begangen, weil ich verschwieg, bei wem ich unverheiratet gelegen habe. Ich habe die Last auf meine eigene Seele genommen und werde sie bis ins Grab tragen. Vater im Himmel, du weißt, ich kann das, was war, nicht mit den häßlichsten Namen beschmutzen lassen. Bestrafe mich, wie du willst, aber verschone ihn, denn er wußte es nicht besser.“ Sie errötete. „Auch glaube ich, unter meinem Herzen trage ich etwas, an das du, Maria, dich erinnern mußt – und er soll nicht der Taten seiner Eltern wegen einen schlechten Namen tragen. Vater und Mutter und Sohn, tut mit mir, was ihr wollt. Aber verschont das unschuldige Kind.“

Als sie wieder hinabstieg, fühlte sie sich etwas erleichtert. Die kühle Luft trieb ihr das Blut in die Wangen, das Sonnenlicht spielte auf ihrem bronzefarbenen Haar, und ihre grauen Augen waren hell. Da kam Audun Thorkelssohn ihr entgegen. Sie lächelte.

Obwohl er kaum älter war als sie, war er groß und stark, ein guter Landwirt und vielversprechend im Waffenspiel. Helle Locken umgaben ein Gesicht, das scheu lächelte und wie das eines Mädchens leicht errötete. Er lief auf sie zu.

„Ich habe… nach dir Ausschau gehalten, Frida.“

„Hat man mich gesucht?“ fragte sie.

„Nein, nur – ja, weißt du, ich – ich wollte mit dir sprechen“, stotterte er. An ihrer Seite kehrte er zurück, und ab und zu streifte er sie mit einem Blick.

„Was wirst du tun?“ platzte er auf einmal heraus.

Ihre Fröhlichkeit erlosch. Sie sah zum Himmel auf und dann über die Felder. Das Meer war von hier aus nicht sichtbar, aber der Wind brachte heute seine Grüße.

„Ich weiß nicht“, sagte sie. „Ich habe niemanden mehr…“

„Doch, das hast du!“ rief er. Die Zunge versagte ihm, er konnte nicht weitersprechen. In seinen Gedanken verfluchte er sich dafür.

Die Waffen des Frühlings besiegten den Winter. Immer noch war Frida in Thorkels Haus. Niemand hielt es ihr vor, daß sie einen Bastard trug. Ganz im Gegenteil, es hätte ja etwas mit ihr nicht gestimmt, wenn es nach diesen Erlebnissen anders gewesen wäre! Unter Morgenübelkeit hatte sie nur wenig zu leiden. Das mochte an ihrer Gesundheit und Kraft liegen, aber vielleicht hing auch noch ein wenig Elfenzauber an ihr. Daher konnte sie schwer arbeiten, und wenn es nichts mehr zu tun gab, machte sie lange Spaziergänge. Am liebsten ging sie allein, doch Audun schloß sich ihr oft an. Asa war froh über die Hilfe und über die Anwesenheit einer Frau, mit der sie plaudern konnte. Sie hatte keine Töchter und nur wenige Mägde; dieser Haushalt war nicht so groß, wie der Orms gewesen war. Aber das Sprechen besorgte Asa fast ganz allein. Frida antwortete nur in wohlerzogener Weise, wenn das Wort an sie gerichtet wurde.

Anfangs war ihr jeder Tag eine Qual. Die Last ihrer Sünde und den Verlust ihrer Angehörigen konnte sie ertragen, und das neue Leben, das in ihr wuchs, gab ihr sogar Trost. Aber sie kam nicht darüber hinweg, daß sie Skafloc verloren hatte.

Das Letzte, was sie von ihm gesehen hatte, war sein entsetztes Gesicht, als sie sich an jenem Wintermorgen an Orms Grabhügel von ihm trennte. Er war gegangen. Mitten durch seine Feinde war er unterwegs in ein schreckliches Land und zu einem Ziel, das seinen Untergang bedeutete. Wo mochte er heute sein? fragte sie sich ständig. Lebte er noch, oder lag er schon lange still und steif auf der Erde? Pickten die Raben nach den Augen, die für sie geleuchtet hatten? Verlangte er nach dem Tod, wie er einstmals nach Frida verlangt hatte? Oder hatte er die Erinnerung an sie verbrannt und seine Menschlichkeit für das kühle Vergessen hingegeben, das ihm Lias Küsse brachten? Nein, das war unmöglich. Solange er lebte, würde er seine Liebe nicht verraten.

Ab und zu träumte sie von ihm. Dann war ihr, als stehe er leibhaftig vor ihr, ihr Herz schlug an seinem Herzen, und seine Arme umfaßten sie hart und zärtlich zugleich. Er flüsterte ihr ins Ohr, lachte, sprach ein Liebesgedicht, und das Spiel ging in Leidenschaft über… Sie erwachte in der Dunkelheit und der verbrauchten Luft des Alkovenbettes.

Frida hatte sich verändert. Das Leben der Menschen kam ihr langweilig und kleinlich vor nach dem Glanz des Elfenhofes und den harten, aber so glücklichen Zeiten der winterlichen Trolljagd. Thorkel hatte sich nur taufen lassen, damit er mit den Engländern Handel treiben konnte. Deshalb sah Frida selten einen Priester. Und da sie wußte, daß ihr Herz sündigte, war sie froh darüber. Trübselig war eine Kirche nach den Wäldern und Hügeln und dem brausenden Meer. Immer noch liebte sie Gott. War nicht die Erde Sein Werk, und die Kirche nichts als Menschenwerk? Aber sie konnte sich nicht dazu bringen, Ihn häufig anzurufen.

Manchmal schlüpfte sie mitten in der Nacht hinaus, nahm sich ein Pferd und ritt ein Stück nordwärts. Mit ihrer Hexensicht erhaschte sie ab und zu einen Blick auf das Feenreich – einen vorbeieilenden Gnom, eine Eule, die nicht aus einem Ei ausgebrütet war, ein schwarzes Schiff vor der Küste. Aber die, die sie zu grüßen wagte, flohen sie, und sie konnte keine Nachricht darüber erhalten, wie der Krieg stand.

Trotzdem – diese für kurze Augenblicke auftauchende Zauberwelt war Skaflocs Welt. Und dann war es für die Dauer eines Herzschlags auch die ihre gewesen.

Sie arbeitete jedoch so schwer, daß sie nicht übermäßig zum Grübeln kam, und ihr junger, gesunder Körper blühte auf. Als aus den Wochen Monate wurden, erwachte in ihr das gleiche Gefühl, das die Vögel zurückbrachte und die Knospen sich öffnen ließ. Sie sah ihr Spiegelbild in einem Teich und erkannte, daß aus dem Mädchen eine Frau geworden war. Ihre schlanke Gestalt hatte sich gerundet, ihr Busen hob sich, das Blut rann ruhiger durch die Adern. Sie wurde Mutter.

Könnte er sie jetzt sehen – Nein, nein, das darf nicht geschehen. Aber ich liebe ihn, ich liebe ihn so sehr.

Unter Blitz und Donner und Regen zog der Winter davon. Über Bäume und Wiesen breitete sich das erste zarte Grün aus. Die Vögel kehrten nach Hause zurück. Frida sah ein Storchenpaar, das sie kannte. Verwirrt kreisten die Vögel über Orms Land. Sie hatten immer auf seinem Dach genistet. Frida weinte. In ihrer Brust fühlte sie eine große Leere.

Nein, diese Leere füllte sich wieder, nicht mit der alten, grenzenlosen Freude, sondern mit einer stillen Zufriedenheit. Ihr Kind wuchs in ihr. In ihm – oder ihr, es war ihr gleich – erwachten alle ausgebrannten Hoffnungen zu neuem Leben.

Sie stand im Zwielicht unter einem Apfelbaum, dessen Blütenblätter bei jedem Windstoß auf sie niederrieselten. Der Winter war vorbei. Skafloc lebte in dem Frühling, in Wolken und Schatten, in Sonnenaufgang und Sonnenuntergang und im silbernen Mondlicht. Er sprach zu ihr durch den Wind und lachte mit dem Meer. Ein neuer Winter würde kommen, und wieder ein Winter im großen, nie endenden Kreistanz der Jahre. Aber sie trug den Sommer unter ihrem Herzen.

Thorkel wollte nun auf eine Handelsfahrt in den Osten segeln (vielleicht auch ein bißchen Beute machen, sollte er Gelegenheit dazu finden). Er und seine Söhne hatten die Reise lange geplant. Doch Audun freute sich nicht mehr darauf, und schließlich erklärte er seinem Vater: „Ich kann nicht mit.“

„Was soll das heißen?“ rief Thorkel. „Du, der du mehr als jeder andere Tag und Nacht davon geträumt hast, du willst zu Hause bleiben?“

„Nun ja – irgendwer wird doch hier gebraucht.“

„Wir haben gute Hausknechte“.

Audun wandte verlegen den Blick ab. „Die hatte Orm auch.“

„Unser Besitz ist kleiner als der Orms, und so haben wir die Nachbarn in unserer Nähe. Und hast du vergessen, daß wir nach dem damaligen Überfall alle beschlossen haben, dieses Jahr Wachtposten aufzustellen?“ Thorkels kluge Augen betrachteten seinen Sohn durchdringend. „Was ist los mit dir, Junge? Sag mir die Wahrheit. Fürchtest du dich vor dem Kampf?“

„Du weißt, daß ich mich nicht fürchte!“ flammte Audun auf. „Und wenn ich auch noch kein Blut vergossen habe, werde ich jeden töten, der das zu behaupten wagt. Ich will einfach diesmal nicht mit, und mehr ist dazu nicht zu sagen.“

Thorkel nickte nachdenklich. „Dann ist es also Frida. Das habe ich mir schon gedacht. Aber sie hat keine Sippe mehr.“

„Aber das Land ihres Vaters gehört jetzt ihr. Und ich werde eigenes Geld erwerben, wenn ich im nächsten Sommer auf Fahrt gehe.“

„Und das Kind, das sie trägt? Und sein Vater, von dem sie niemals spricht, an den sie aber ständig zu denken scheint?“

Audun blickte zornig auf seine Füße. „Das war schließlich nicht ihre Schuld“, murmelte er. „Auch nicht die des Kindes, und ich werde es gerne auf meine Knie setzen. Sie braucht jemanden, der ihr hilft – ihr auch dabei hilft, den Mann zu vergessen, der sie im Stich gelassen hat. Könnte ich ihn finden, dann würde ich dir beweisen, daß ich den Kampf nicht fürchte.“

Thorkel zuckte die Schultern. „Ich kann dir befehlen, aber nicht deinem Willen. Bleib zu Hause, wenn du es für richtig hältst.“ Nach einer Weile setzte er hinzu: „Du hast recht, das gute Ackerland sollte nicht brachliegen. Und sie wird eine gute Ehefrau werden und viele starke Söhne gebären.“ Er lächelte, wenn auch in seinen Augen die Sorge stand. „Also werbe um sie und gewinne sie, wenn du kannst. Ich hoffe, dein Schicksal ist glücklicher als das Erlends.“

Nachdem das Korn gesät war, segelte Thorkel mit seinen übrigen Söhnen und anderen jungen Männern davon. Da sie an den östlichen Küsten der Nordsee mehr als ein Land aufsuchen wollten, konnten sie nicht vor dem späten Herbst oder frühen Winter zurückerwartet werden. Audun sah ihrem Schiff sehnsüchtig nach. Aber als er sich umdrehte und Frida erblickte, fühlte er sich für seinen Entschluß reich belohnt.

„Bist du wirklich nur der Ernte wegen hiergeblieben?“ fragte sie.

Seine Ohren wurden heiß. Kurz gab er zurück: „Ich glaube, du kennst die Wahrheit.“

Sie wandte den Blick ab und sagte nichts.

Die Tage wurden länger, und die Erde grünte und blühte. Warme Winde, sanfter Regen, Vogelgesang und Rotwild, silbrige Fische in den Flüssen, Blumen und helle Nächte – immer öfter fühlte Frida ihr Kind sich regen.

Und immer häufiger war Audun an ihrer Seite. Manchmal bat sie ihn zu gehen. Doch dann sah sein Gesicht so traurig aus, daß sie es jedesmal bereute.

Er warb um sie mit ungeschickten Worten, denen sie kaum zuhörte. Sie begrub ihr Gesicht im Duft der Blumensträuße, die er ihr brachte. Sie sah ihn lächeln, scheu wie einen jungen Hund – seltsam, daß ein so starker Mann schwächer war als sie.

Wenn sie heirateten, würde er ihr, nicht sie ihm angetraut werden. Er war nicht Skafloc, er war nur Audun. Oh, mein Liebster, den ich nie vergessen kann!

Aber die Erinnerung an Skafloc wurde zu einem Sommer, der vergangen war. Audun wärmte ihr Herz, ohne es zu versengen, und sie dachte an ihn wie an einen stillen Bergsee, auf dem Sonnenstrahlen zu tanzen begonnen hatten. Trauer ohne Ende bedeutete Schwäche; sie war unwürdig dessen, was sie und Skafloc geteilt hatten.

Sie mochte Audun gern. Er würde ein starker Schild für Skaflocs Kind sein.

Es kam ein Abend, an dem sie beide am Meeresufer standen. Das Wasser murmelte zu ihren Füßen. Hinter ihnen ging rot und golden die Sonne unter. Audun nahm ihre Hände und erklärte mit überraschender Festigkeit: „Frida, du weißt, ich habe dich schon geliebt, bevor du von hier entführt wurdest. In den letzten Wochen habe ich ehrlich um dich geworben. Zuerst wolltest du mir nicht zuhören, und dann wolltest du mir nicht antworten. Jetzt bitte ich dich um eine Antwort, und wenn du es wünschst, werde ich dich nicht mehr belästigen. Willst du mich heiraten, Frida?“

Sie sah ihm in die Augen und antwortete mit leiser, klarer Stimme: „Ja“.

XXV

Im Spätsommer wurde das Wetter im Nordland regnerisch. Tage- und nächtelang toste der Wind um die Elfenhügel und hüllte sie in blitzdurchzuckte graue Schleier ein. Die Trolle wagten es selten, Elfenhöhe zu verlassen. Ihre heimatlosen Feinde bildeten allmählich zu große Banden. Sie waren gut ausgerüstet und wußten geschickte Hinterhalte zu legen. Die Trolle frönten dem Müßiggang, tranken, spielten, stritten und tranken von neuem. Bei der verdrießlichen, ängstlichen Stimmung konnte jedes Wort zu einem tödlichen Kampf führen. Ihre Elfenbuhlen schürten die Zwistigkeiten, und es verging kaum ein Tag, an dem nicht einer Frau wegen Freundschaften zerbrachen. Oft ging ein Leben darüber verloren.

In den trübe beleuchteten Gängen schwirrte es von Gerüchten. Illrede – ja, er war gefallen, und sein grinsender Kopf lag bis zur Schlacht, wo er zur Standarte des Feindes werden sollte, in einem Faß mit Salzlake. Dem neuen König Guro gelang es nicht, wie sein Vorgänger die Truppen zusammenzuhalten. Jedesmal, wenn er sich dem Feind entgegenstellte, wurde er geschlagen. Ein Dämon auf einem Riesenpferd, mit einem Höllenschwert und einem ebensolchen Herzen, kämpfte an der Spitze der Elfen und ließ sie über die doppelte Anzahl von Feinden siegen.

Wendland sei gefallen, flüsterte einer. Der fürchterliche Elfenhäuptling habe die Trolle dort eingeschlossen und nicht einen einzigen am Leben gelassen. Es hieß, man könne auf diesem großen Schlachtfeld von einem Ende bis zum anderen über Troll-Leichen gehen.

Festungen in Norwegen, Schweden, Gotland, Dänemark würden gestürmt, sagte ein anderer. Und irgendwie, obwohl es doch unbezwingliche, von Elfen erbaute Burgen waren, fielen sie ebenso schnell, wie sie sich früher den Trollen ergeben hatten. Ihre Besatzungen ließ man über die Klinge springen. In einer jütländischen Bucht wurde eine Flotte gekapert und für Überfälle auf Trollheim selbst eingesetzt.

Was an Verbündeten und Söldnern noch lebte, fiel ab. Es hieß, eine Shen-Kompanie habe sich in Gardariki gegen ihre Trollgefährten gewendet und sie alle abgeschlachtet. Ein Koboldaufstand vernichtete drei Städte – oder fünf, oder zwölf – in Trollheim. Die Elfen trieben die Trolle vor sich her und drangen in Valland ein… Der Rückzug wurde zur Flucht, und schließlich wurden die Trolle unter den Kromlechen und Menhiren des Alten Volkes nahe der See zusammengedrängt und erschlagen… In der Burg liefen Berichte um über das entsetzliche Pferd, das Krieger zerstampfte, über das Zauberschwert, das durch Metall schnitt wie durch Tuch und dabei niemals schartig wurde.

Valgard, hohlwangiger, grimmiger und schweigsamer denn je, versuchte, den sinkenden Mut wieder aufzurichten. „Die Elfen haben sich wieder gesammelt“, sagte er. „Nun, habt ihr noch nie gesehen, wie ein Mann kurz vor seinem Tod um sich schlägt? Sie verbrauchen ihre letzten Kräfte, und die werden nicht reichen.“

Aber seine Trolle wußten, daß immer weniger Schiffe über den Kanal und die östlichen Meere kamen. Die Nachrichten, die zu ihnen durchdrangen, wurden immer schlechter. Schließlich verbot Valgard seinen Kriegern, mit ihren Männern darüber zu sprechen. Die flüchtigen Elfen unter Flam und Feuerspeer wurden von Nacht zu Nacht kühner, bis nicht einmal mehr eine ganze Armee vor ihren aus dem Hinterhalt zischenden Pfeilen, ihren schnellen Überfällen zu Pferd oder auf dem Wasserweg sicher war. Die irischen Sidhe rüsteten sich, als wollten sie in einen Krieg ziehen. Müdigkeit, Verzweiflung und Haß gegen die eigenen Kameraden wuchsen und wurden von den Elfenfrauen schlau gefördert.

Valgard streifte in der Burg von den höchsten Türmen, wo Dohlen und Falken nisteten, bis hinunter in die tiefsten Verliese, wo Kröten und Spinnen lauerten. Er beschimpfte seine Männer, zog manchmal das Messer, und gelegentlich tötete er einen in einem blinden Wutanfall. Er fühlte sich gefangen von diesen neblig-blauen Wänden, von den umherstreifenden Elfenbanden, von den wachsenden Truppen des Erlkönigs, von seinem ganzen Leben. Und es gab nichts, was er dagegen tun konnte.

Es hatte keinen Sinn, seine Männer zum Angriff zu führen. Sie hätten gegen Schatten kämpfen müssen. Kein Elf würde sich blicken lassen, aber aus dem Nichts konnte sich ein Speer in den Rücken eines Trolls bohren, eine Wurfschlinge sich um einen Hals zusammenziehen, eine mit zugespitzten Pfählen ausgestattete Fallgrube sich vor den Hufen eines Trollpferdes öffnen. Nicht einmal bei Tisch war man mehr sicher. Ab und zu starb einer, offenbar an Gift. Aus den Sklaven aber war kein Hinweis herauszubekommen, und es konnte ja durchaus ein Troll gewesen sein, der gegen den Toten einen Groll gehegt hatte.

Schlau und geduldig waren die Elfen. Sie verwandelten ihre Schwächen in Stärken, sie warteten ihre Zeit ab. Die Trolle konnten sie nicht verstehen. Allmählich begannen sie sich vor dieser Rasse, die sie für geschlagen gehalten hatten, zu fürchten.

In düsterem Grübeln fragte Valgard sich, wer der neue Elfenhäuptling sein mochte. Er behielt diese Gedanken für sich, aber gegen das Geflüster und die Streitigkeiten war er machtlos.

Er konnte nichts anderes tun, als auf Imrics Hochsitz feurigen Wein zu trinken. Lia bediente ihn und trug Sorge, daß sein Becher nie leer war. Er verfiel in Schweigen, seine Augen blickten glasig ins Weite, und schließlich sank er zu Boden.

Aber oft, wenn er noch nicht zu betrunken zum Gehen war, wuchtete er seinen großen Körper langsam hoch. Ein wenig taumelnd schritt er durch die Halle, wo die Trollhäuptlinge in Schmutz und Erbrochenem lagen. Er nahm sich eine Fackel, stolperte eine rauh ausgehauene Treppe hinunter, stützte sich dabei an der kalten, schlüpfrigen Wand. In den Verliesen angekommen, öffnete er eine Tür.

Imrics weißer Körper, über den schwarze Streifen geronnenen Blutes liefen, schimmerte im Glosen des Kohlefeuers unter seinen Füßen. Ein Dschinn war damit beauftragt, das Feuer immer in Gang zu halten. Der Graf war an seinen Daumen aufgehängt. Er bekam weder Speise noch Trank. Sein Bauch war eingesunken, seine Haut spannte sich über hervortretenden Rippen, seine Zunge war schwarz. Aber er war ein Elf, und all das war nicht genug, ihn sterben zu lassen. Seine schrägen, wolkigblauen Augen richteten sich mit dem undeutbaren Starren auf Valgard, das ihm immer kalt ums Herz werden ließ. Der Berserker versteckte seine Furcht hinter einem Grinsen.

„Errätst du, warum ich gekommen bin?“ Seine Zunge war schwer, und er schwankte auf den Füßen.

Imric sprach kein Wort. Valgard schlug ihm über den Mund. Der Schlag klang in der Stille hier unten sehr laut und brachte Imrics Körper zum Pendeln. Der Dschinn drückte sich auf die Seite. Seine Augen und Fangzähne glänzten in der Dunkelheit.

„Wenn das Gehirn in deinem Schädel noch nicht eingeschrumpft ist“, sagte Valgard, „wirst du wissen, daß ich schon öfters hier gewesen bin. Und ich werde immer wiederkommen.“

Er nahm eine Peitsche von einem Sims in der Wand und ließ die Schnüre durch die Finger gleiten. Seine Augen glitzerten; er leckte sich die Lippen.

„Ich hasse dich“, sprach er. Er brachte sein Gesicht nahe an das Imrics. „Ich hasse dich, weil du mich in die Welt gesetzt hast. Ich hasse dich, weil du mein Erbteil gestohlen hast. Ich hasse dich, weil du bist, was ich nie sein kann – und auch nicht sein will, verdammter Elf! Ich hasse dich wegen deiner bösen Taten. Ich hasse dich, weil ich deinen verfluchten Pflegesohn nicht zur Hand habe und du an seiner Stelle herhalten mußt – jetzt!“

Er hob die Peitsche. Der Dschinn verkroch sich, so weit es ging, in eine Ecke. Imric gab keinen Laut von sich und bewegte sich nicht. Als Valgards einer Arm müde war, benutzte er den anderen. Als er auch mit diesem nicht mehr zuschlagen konnte, warf er die Peitsche zu Boden und ging.

Sein Rausch war verschwunden. Nur ein Kältegefühl und ein Kopfschmerz waren zurückgeblieben. Als er an einem Fenster vorbeikam, hörte er draußen den Regen rauschen.

Die Trolle haßten den Sommer, aber er hatte sich danach gesehnt. Er hatte sich vorgestellt, dann könne er im grünen Gras neben glucksenden Bächen liegen. Statt dessen hatte er nutzlose Ausfälle gegen die Elfen geführt oder war zwischen diesen Mauern gefangen gewesen. Und jetzt ging es mit dem Sommer zu Ende – und mit Trollheim auch. Aus Valland kamen keine Nachrichten mehr. Zuletzt war von einer blutigen Schlacht die Rede gewesen.

Wollte der Regen denn nie aufhören? Er erschauerte in dem feuchten Kältestrom, der durch das Fenster drang. Blauweiße Blitze flammten auf, und das Rütteln des Donners spürte er bis in die Knochen. Er stolperte nach oben in seine Gemächer. Die Trollwachen lagen in viehischem Schlaf da. Waren sie alle Trunkenbolde, waren sie alle Vater- und Brudermörder? Wo gab es in dieser stinkenden, lärmenden Horde einen, dem er sein Herz öffnen konnte? Er machte die Schlafzimmertür auf und blieb mit hängenden Schultern auf der Schwelle stehen. Lia saß aufrecht im Bett. Sie wenigstens, zog es ihm durch den trüben Sinn, hatte sich im Gegensatz zu den anderen Elfenfrauen nicht als Hure erwiesen. Und wenn er aus Abscheu vor sich selbst zitterte, gab sie ihm Trost.

Von neuem zuckte ein Blitz auf. Der Donner ließ den Fußboden erbeben. Der Wind kreischte und warf Regen gegen das Glas. Die Wandbehänge blähten sich, die Kerzen flackerten in dem kalten Luftzug.

Schwer ließ sich Valgard auf die Bettkante fallen. Lia schlang die Arme um seinen Hals. Ihr Blick ruhte mondkühl auf ihm. Ihr Lächeln, ihre seidige Haut und ihr Duft waren verlockend, auch wenn es ihnen irgendwie an Wärme mangelte. Durch das Brausen des Sturms klang ihre süße Stimme: „Was hast du unternommen, mein Herr?“

„Du weißt es“, brummte er, „und ich wundere mich, warum du nie versucht hast, mich davon abzuhalten.“

„Die Starken tun mit den Schwachen, was ihnen gefällt.“ Sie ließ eine Hand unter seine Kleider gleiten und machte auf diese Weise klar, was er mit ihr tun könne. Er achtete nicht darauf.

„Aye, das ist ein gutes Gesetz, wenn man stark ist.“ Er biß die Zähne zusammen. „Aber jetzt bricht die Macht der Trolle zusammen, denn Skafloc – nach allem, was ich höre, muß es Skafloc sein – ist mit einer Waffe zurückgekommen, die seine Feinde hinwegfegt. Was ist nun Recht und Gesetz?“

Er wandte den Kopf und sah sie düster an. „Am wenigsten verstehe ich, wie diese festen Burgen fallen konnten. Auch eine im freien Feld siegreiche Elfenarmee hätte sich an solchen Mauern totlaufen müssen. Es sind ja einige trotz aller unserer Angriffe nie aus dem Besitz der Elfen gekommen. Ein paar andere haben wir ausgehungert; die meisten haben sich, so wie diese hier, ohne Kampf ergeben. Die von Trollen besetzten Festungen waren voll bemannt, gut ausgerüstet – und sie fielen, sobald eine Schar Krieger des Erlkönigs auftauchte.“ Er schüttelte seinen zerzausten Kopf. „Warum?“

Mit rauhen Händen packte er ihre schmalen Schultern. „Elfenhöhe wird nicht fallen! Die Burg kann nicht fallen! Ich werde Skaflocs Kopf auf diesen Mauern aufspießen.“

„Aye, mein Herr“, gurrte sie, und immer noch lächelte sie.

„Ich bin stark“, kam es tief grollend aus seiner Kehle. „Als ich noch ein Wikinger war, habe ich Männer mit bloßen Händen getötet. Und ich habe niemals Furcht, und ich bin schlau. Viele Siege habe ich gewonnen, und ich werde noch viele weitere gewinnen.“

Die Hände fielen ihm schlaff in den Schoß. Seine Augen verdunkelten sich. „Und warum bin ich so?“ flüsterte er. „Weil Imric mich so gemacht hat. Er hat mir das Aussehen von Orms Sohn gegeben. Aus keinem anderen Grund lebe ich, und meine Stärke und mein Gesicht und mein Gehirn sind Skaflocs Stärke, Gesicht und Gehirn.“

Er stand auf, streckte die Hände vor wie ein Blinder und schrie: „Was bin ich anderes als Skaflocs Schatten?

Der Sturm wütete, als sei die Hölle los. Blitze zuckten, Donner krachte. Der Regen strömte über die Fensterscheiben. Ein Luftzug blies die Kerze aus.

Valgard tastete sich schwankend durch den nur von den Blitzen erhellten Raum. „Ich werde ihn töten“, murmelte er. „Ich werde ihn unter dem Meer begraben. Ich werde Imric töten und Frida und dich auch, Lia – jeden, der weiß, daß ich nicht lebendig bin. Ich bin ja nur ein Geist, beschworen, in einem Fleisch zu leben, das nach dem Bild eines lebenden Menschen geformt wurde – kalt ist das Fleisch, meine Hände sind kalt…“

Die Räder von Thors Wagen rumpelten über den Himmel. Valgard heulte: „Aye, wirf deinen Hammer herab! Lärme, solange du es noch kannst! Ich werde meine kalten Hände um die Säulen in den Hallen der Götter legen und sie einreißen. Ich werde die Welt unter meinen Füßen zerstampfen. Ich werde vom Norden her Sturm und Dunkelheit und Eis rufen, und in meinen Fußspuren soll Asche wirbeln. Ich bin der Tod!“

Jemand klopfte heftig an die Tür, doch bei dem Unwetter war das kaum zu hören. Valgard schnaubte wie ein Tier und öffnete. Seine Hände legten sich dem Troll um den Hals, der naß und erschöpft vor ihm stand.

„Mit dir will ich beginnen“, sagte er. Schaum stand auf seinen Lippen. Der Bote wehrte sich, aber Trollstärke war zu wenig, um diesen Griff zu brechen.

Als der Troll tot auf dem Fußboden lag, verließ der Berserkerwahnsinn Valgard. Schwach und zitternd lehnte er sich gegen den Türrahmen. „Das war unklug“, keuchte er.

„Vielleicht waren andere bei ihm“, meinte Lia. Sie trat auf den Gang hinaus und rief: „He, ihr da unten! Der Graf möchte mit einem von denen reden, die soeben eingetroffen sind.“

Ein zweiter Troll, genauso mitgenommen wie der erste, stolperte in den Sichtbereich. Er machte jedoch keinen Versuch, die Stufen weiter heraufzusteigen. „Fünfzehn von uns sind ausgezogen“, ächzte er. „Hru und ich sind allein übriggeblieben. Die Elfenbanden haben uns auf dem ganzen Weg verfolgt.“

„Welche Botschaft habt ihr?“ fragte Valgard.

„Die Elfen sind in England gelandet, Herr. Und wir hörten außerdem, daß die irischen Sidhe, angeführt von Lugh von der Langen Hand selbst, in Schottland sind.“

Valgard nickte mit leerem Blick.

XXVI

Unter dem Schutz eines Herbststurms führte Skafloc die besten der Elfenkrieger über den Kanal. Er war der Befehlshaber dieser Truppe, denn der Erlkönig blieb auf dem Festland, um daraus die letzten Trolle zu vertreiben. England zurückzuerobern, sei keine leichte Aufgabe, hatte der König gewarnt. Und sollte es den Trollen gelingen, die Angreifer zurückzuschlagen, würden sie in Britannien einen festen Stützpunkt haben, von dem aus sie später Gegenangriffe durchführen könnten.

Skafloc schüttelte den Kopf. „Der Sieg heftet sich an mein Schwert.“

Lange betrachtete ihn der Erlkönig, bevor er antwortete: „Nimm dich in acht mit deiner Waffe. Bis jetzt hat sie uns gute Dienste geleistet, aber trotzdem ist sie tückisch. Ihr ist es vorbestimmt, sich früher oder später gegen den zu wenden, der sie schwingt, und vielleicht gerade dann, wenn er sie am nötigsten braucht.“

Skafloc achtete kaum auf diese Worte. Er hatte nicht gerade den Wunsch zu sterben – schließlich gab es noch eine Menge zu tun in der Welt -, aber wer konnte wissen, ob er nicht noch viele Jahre verschont bliebe? Wie dem auch sein mochte, er dachte nicht daran, sich des Schwertes irgendwie zu entledigen. Nichts anderes konnte ihm das geben, was diese Waffe ihm gab. Wenn er sie im Kampf führte, wurde er nicht zum Berserker. Im Gegenteil, niemals sonst war sein Bewußtsein so klar, seine Gedanken so schnell und sicher. Doch er wuchs über sich hinaus, er war nicht länger allein, er wurde eins mit seinen Taten und mit der Waffe, die sie vollbrachte. So mußte man sich fühlen, wenn man ein Gott war. So hatte er sich – auf andere Weise – gefühlt, wenn er mit Frida zusammen war.

In versteckten bretonischen Buchten sammelte er Schiffe, Männer und Pferde. Er ließ den Elfenhäuptlingen in England die Botschaft zukommen, sie sollten beginnen, ihre verstreuten Krieger zu vereinigen. Und in einer Nacht, als Stürme die nördliche Welt einhüllten, brachte er seine Flotte über den Kanal.

Hagelregen rauschte aus einem schwarzen Himmel, der von Blitzen zerrissen wurde. Dann leuchtete jeder Tropfen in der Luft und im Gras weiß auf. Der Donner rollte durch das Getöse in den Lüften. Die Wellen rasten schäumend von Westen heran und überfluteten jede Küste. Nicht einmal die Elfen wagten es, Segel zu setzen; sie ruderten. Regen- und Salzwasser schlug ihnen ins Gesicht und durchtränkte ihre Kleider. Blaues Feuer kroch über die Ruderblätter und die Drachenköpfe am Bug.

England erhob sich aus dem Dunkel. Die Elfen setzten ihre ganze Kraft ein. Die Brandung umbrauste Strand und Riff. Der Wind packte die Schiffe und versuchte, sie an die Felsen oder gegeneinander zu werfen. Skafloc grinste und sang laut:

Kalt und lustvoll
sind die Küsse
von Rans Töchtern,
den trügerischen.
Sie lächeln, rufen,
schütteln die Locken,
und ihre weißen
Brüste wogen.

Vom Bug seines rollenden Langschiffs aus erblickte er sein Ziel. Die Sehnsucht überkam ihn, und er sang weiter:

Nach Hause trug mich der heulende,
mit Hagel werfende Wind.
Jetzt stehe ich hier und schaue
auf das schöne England.
An diesem Ufer lebt die eine,
die immer in meinen Gedanken ist.
Werde ich das goldhaarige Weib
jemals wiedersehen?

Dann mußte er seine ganze Aufmerksamkeit der Aufgabe widmen, das Kap zu umrunden.

Als die Flotte dies geschafft hatte, fand sie geschütztes Wasser für eine Landung. Eine kleine Schar von Elfen wartete schon auf sie. Die Schiffe wurden an Land gezogen und festgemacht. Schnell rüsteten sich die Mannschaften für den Kampf. Ein Kapitän wandte sich an Skafloc: „Du hast uns noch nicht gesagt, wer hierbleiben und bei den Schiffen Wache halten soll.“

„Keiner“, antwortete Skafloc. „Wir brauchen alle unsere Männer an Land.“

„Was? Die Trolle könnten hierherkommen und die Flotte verbrennen! Dann hätten wir keine Rückzugsmöglichkeit mehr.“

Skafloc blickte über den von Blitzen erhellten Strand hin. „Für mich gibt es keinen Rückzug. Lebend oder tot werde ich England nicht mehr verlassen, bis alle Trolle daraus vertrieben sind.“

Die Elfen betrachteten ihn nahezu mit Grausen. Wie er da stand, groß und in Eisen gekleidet, das Dämonenschwert an seinem Gürtel, konnte man ihn kaum für einen Sterblichen halten. Aus den Tiefen seiner eisblauen Augen flackerten wolfsgrüne Lichter. Die Elfen hielten ihn für besessen.

Er schwang sich in den Sattel seines Jötunenpferdes. Sein Ruf übertönte den Wind: „Blast die Luren! Heute nacht greifen wir an!“

Das Heer setzte sich in Marsch. Etwa ein Drittel der Krieger war beritten, der Rest hoffte, bald zu Reittieren zu kommen. Im Gegensatz zu den Engländern und Dänen kämpften die Elfen an Land wie die Franken und die Normannen am liebsten zu Pferde. Regen peitschte auf sie herab, ihre Füße versanken in durchtränkten welken Blättern, Blitze zuckten, und der Wind trug die Kälte des neuen Winters heran. Nach einer Weile hörten sie in der Ferne das metallene Dröhnen von Trollhörnern. Die Elfen griffen nach ihren Waffen und lächelten in dem flackernden Licht. Von Regen überströmte Schilde wurden auf den Arm geschoben. Von neuem ertönten die Luren.

Skafloc ritt an der Spitze. In diesem Augenblick war ihm nicht freudig zumute. Der Gedanke an weiteres Blutvergießen machte ihn krank. Aber er wußte, seine Stimmung würde umschlagen, sobald er das Schwert aus der Scheide zog. Deshalb konnte er die Schlacht kaum erwarten.

Als dunkle Masse in der Ebene tauchten die Trolle auf. Sie mußten die Annäherung ihrer Feinde bemerkt haben und aus einer in der Nähe gelegenen Burg, vielleicht Alfarhöi, herbeigeeilt sein. Ihre Anzahl war nicht unbeträchtlich, wenn auch geringer als die der Elfen. Gut die Hälfte der Trolle war beritten, und Skafloc hörte hinter sich einen Mann vergnügt ausrufen: „Jetzt werde ich endlich vier Beine unter mich bekommen.“

Der Anführer zu seiner Rechten war weniger hochgemut. „Wir sind mehr als sie“, meinte er, „aber bei weitem nicht genug, um sie einfach zu überrollen. Und es ist schon vorgekommen, daß tapfere Krieger einen stärkeren Feind geschlagen haben.“

„Ich habe keine Angst, daß sie uns schlagen werden“, erwiderte Skafloc, „aber es wäre schlecht, wenn sie viele von uns töteten, denn der nächste Kampf könnte unser letzter sein.“ Sein Gesicht verfinsterte sich. „Wo ist die Hauptstreitmacht von Englands Elfen? Sie hätten längst zu uns stoßen müssen. Wenn die Boten unterwegs abgefangen worden sind…“

Die Trollhörner riefen zum Kampf. Skafloc zog sein Schwert und schwang es sich um den Kopf. Die Blitze ließen es in blendendem Licht aufzucken und entlockten ihm blaues Feuer.

„Vorwärts!“ Er gab seinem Streitroß die Sporen. Und das Glücksgefühl der Macht wallte in ihm auf.

Speere und Pfeile flogen durch die Luft, im Sturm weder zu sehen noch zu hören. Der böige Wind machte es schwer, zu zielen, und so begannen bald darauf die Einzelkämpfe.

Skafloc hob sich in seinen Steigbügeln und hob das Schwert. Ein Troll griff ihn an. Das Runenschwert schnitt ihm beide Arme ab. Ein anderer näherte sich mit erhobener Axt. Ihm fuhr die Klinge in den Hals. Ein Pikenträger stach zu; die Spitze prallte von Skaflocs Schild ab, er durchtrennte den Schaft, und sein Pferd stampfte den Troll in den Schlamm. Axt und Schwert! Klirren und Funkenstieben! Gespaltenes Metall, zerrissenes Fleisch, zu Boden sinkende Krieger, Teufelstanz der Blitze!

Unaufhörlich zuschlagend, ritt Skafloc durch das Getöse. Seine Streiche gingen durch Rüstung und Knochen. Auf ihn gerichtete Waffen wurden durch den Schild aufgehalten oder mit dem Schwert in Stücke gehauen. Der Habichtschrei seiner Klinge übertönte Wind und Donner. Niemand konnte ihm standhalten. Er führte seine Männer durch die Linien der Trolle und griff den Feind im Rücken an.

Nichtsdestotrotz fochten die Trolle verbissen. Sie bildeten Ringe, die fest zusammenhielten. Aus diesen zischten Pfeile. Vorangetriebene Pferde rannten in erhobene Speere. Elfen fielen unter Äxten und Keulen. Wo blieb die Hilfe?

Wie als Antwort ertönte eine Lure – und noch eine, und noch eine! Ein Kriegsruf, ein Hagel von Geschossen, und ein paar Hundert Männer stürmten aus der Dunkelheit!

„Ha, Alfheim!“ Feuerspeer ritt in der vordersten Linie. Blut tropfte von seiner Lanze wie der Regen von seinem Helm. Kampflust strahlte aus seinem Gesicht. An seiner Seite ritt mit seiner erprobten Axt Flam von Orkney. Viele andere Elfenführer waren dabei. Es war, als hätten sie sich aus der Erde erhoben, um sie von ihren Schändern zu reinigen. Jetzt war es nicht mehr schwer, unter den Feinden aufzuräumen, und bald behaupteten nur noch die Toten die Walstatt. Skafloc beriet sich im Sattel mit Feuerspeer, Flam und den anderen Herren.

„Wir sind so schnell gekommen, wie wir konnten“, erklärte Feuerspeer. „Bei Burg Runenhügel mußten wir anhalten und sie sichern, weil die Tore für uns offenstanden und nur wenige Trolle übrig waren. Die Frauen hatten gute Arbeit geleistet! Auch in Alfarhöi, dessen Besatzung tot hier liegt, werden sie alles für uns vorbereiten.“

„Gut“, nickte Skafloc. Die Schlacht war vorbei und das Schwert in der Scheide, und da kehrte seine Müdigkeit zurück. In den Lüften erstarb der Sturm, der Regen rauschte in dichten Strömen auf die Erde herab.

„Auch die Sidhe von Erin ziehen in den Krieg“, berichtete Flam. „Lugh ist in Schottland gelandet, und Mananaan vertreibt die Trolle von den nördlichen Gewässern und Inseln.“

„Ah – er hat sein Wort gehalten.“ Die Nachricht munterte Skafloc ein wenig auf. „Ein treuer Freund ist Mananaan. Keinem anderen Gott als ihm würde ich trauen.“

„Das liegt allein daran, daß er nur ein Halbgott ist, des größten Teils seiner Macht beraubt und hinabgestiegen ins Feenreich“, murmelte Feuerspeer. „Nicht weise ist es, sich mit den Göttern einzulassen… mit den Riesen.“

„Wir sollten uns auf den Weg machen, damit wir vor Sonnenaufgang unter Dach und Fach sind“, bemerkte Flam. „Heute schlafen wir in Alfarhöi. Oh, wie lange ist es her, daß ich in einer Elfenburg neben einer Elfenfrau geschlafen habe!“

Skafloc verzog den Mund, sagte aber nichts.

*    *    *

Der Herbst war in diesem Jahr mit Heftigkeit eingefallen, aber bald darauf wurde das Wetter mild und blieb so für ungewöhnlich lange Zeit. Es war, als hieße die Erde dieses Landes ihre alten Liebhaber willkommen. Manch einer ruhte für immer in ihrem Schoß, und die Ahornbäume färbten zu seiner Erinnerung ihre Blätter. Andere Bäume raschelten mit tausend Gold- und Bronzetönen unter einem träumenden Himmel. Eichhörnchen sprangen umher und brachten ihre kleine Ernte ein. Die Hirsche schüttelten ihre Geweihe und röhrten voller Stolz. Der Schrei der nach Süden ziehenden Wildgänse tönte aus den Lüften. Nachts leuchteten unzählige Sterne so hell, daß man glauben konnte, man brauche nur hinaufzulangen und sie vom samtenen Nachthimmel zu pflücken. Das Glück war mit den Elfen. Im Norden und Süden, im Osten und Westen schlugen sie ihre Feinde und hatten selbst nur geringe Verluste. Nicht nur hatten sie wackere Verbündete, sie bekamen auch von Woche zu Woche mehr Nachschub an Männern und Ausrüstungen. Denn der Erlkönig säuberte unterdessen das Festland. Mit Leichtigkeit gewannen sie ihre Burgen zurück. Andererseits waren die Trolle völlig abgeschnitten, nachdem Mananaan den Seeweg blockiert hatte. Gegen Ende der Jahreszeit war von den Elfen manche Klage zu hören, daß sie lange nach jemandem suchen mußten, der noch zum Kampf bereit war.

Skafloc empfand darüber keine Freude. Erstens einmal wußte er, warum die Trolle sich nicht mehr blicken ließen. Valgard hatte erkannt, daß seine Truppen auf freiem Feld aufgerieben werden würden, und deshalb zog er sie so schnell wie möglich auf Elfenhöhe zurück. Kleine Nachhuten hielten die Elfen gerade soweit auf, daß sie an die Hauptstreitmacht nicht herankamen. Skafloc zweifelte zwar nicht daran, daß se die letzte Trollfestung erobern würden, aber der Preis mochte hoch sein.

Immerzu entwarf er Pläne für eine bessere Endlösung, aber sein Gehirn arbeitete langsamer als ehedem. Schuld daran war die zweite Sache, die an ihm nagte.

Schlachten wurden zu Gefechten, zu Scharmützeln, zu nichts. Tagelang und schließlich wochenlang schlief sein Schwert. Und dann erwachten in ihm die Erinnerungen. Er hatte gehofft, die Wunde sei inzwischen einigermaßen verheilt. Doch das war sie nicht. Er konnte nicht sagen, was schrecklicher für ihn war, die Schlaflosigkeit oder die Träume.

So stand es um ihn, als der Herbst in den Winter überging. Das Ende kam eines Nachts im Danelaw. Skafloc hatte Feuerspeer auch nicht mehr erzählt als jedem anderen. Sollten sie doch denken, er sei seines Mädchens müde geworden oder habe sie der Sicherheit wegen im Land der Menschen versteckt! Aber an diesem Abend suchte Feuerspeer ihn auf und berichtete: „Vielleicht möchtest du gern hören, daß ich in der Dämmerung an einem nahegelegenen Hof vorbeigeritten bin und eine junge Frau gesehen habe, die Frida Ormstochter sein könnte. Sie trägt ein Kind, und ich hatte den Eindruck, als trage sie auch Kummer.“

Skafloc ritt allein durch die Dämmerung. Der schwarze Hengst lief nicht schneller als ein sterbliches Pferd. Herbstblätter raschelten unter seinen Hufen und tanzten vor ihm im kühlen Wind. Aber die Blätter, die noch an den Bäumen saßen, zeigten leuchtende Farben, als sollten sie eine Krone für den Reiter sein. Es ging durch Wälder, an die der Mann sich erinnerte.

Skafloc ritt unbeschwert von Helm und Harnisch. Sein langes, helles Haar flatterte unter einer Kappe hervor. Sein Gesicht, wettergegerbt und gefurcht, war unbewegt. Aber sein Herz klopfte und klopfte, das Blut rauschte ihm in den Ohren, seine Hände waren feucht und seine Lippen trocken.

Der Abend ging in eine Nacht über, die von vielfältigen Geräuschen erfüllt war. Skafloc durchquerte einen eisigen Bach. Mit seiner Hexensicht erkannte er tote Blätter, die wie kleine braune Boote meerwärts trieben. Er hörte eine Eule schreien und die Bäume ächzen – aber hinter dem allen lag ein singendes Schweigen, in dem nur sein Herz lebte.

Oh, Frida, Frida, bist du mir wirklich so nahe?

Viele Sterne glitzerten am Himmel, als Skafloc in Thorkel Erlendssohns Hof einritt. Er zischte ein Wort, und die Hunde verkrochen sich, ohne zu bellen. Die Hufschläge waren leise. Auf dem Gehöft war es dunkel bis auf einen schwachen Feuerschein, der unter der Vordertür des Hauses hervordrang.

Er stieg ab. Seine Knie bebten. Große Willenskraft kostete es ihn, an jene Tür zu treten. Der Riegel war vorgeschoben. Skafloc brauchte einen Augenblick für den Zauber, der ihn zurückgleiten ließ.

Thorkel war ein angesehener Freisasse, aber kein Häuptling. Daher war sein Hauptraum nicht groß, und es schlief niemand darin, außer wenn er Gäste hatte. Frida saß, wie es ihre Gewohnheit war, noch spät vor dem niedrigen Herdfeuer. Audun trat aus den hinteren Räumen ein. Seine Augen glänzten heller als die Flammen. „Ich konnte nicht schlafen“, sagte er. „Die anderen können es – wie, das verstehe ich nicht. Da habe ich mich wieder angezogen, weil ich hoffe, wir können miteinander sprechen, ohne dabei angestarrt zu werden.“

Er setzte sich zu ihr auf die Bank. Ihr Haar schimmerte rötlich im Feuerschein. Sie trug es nicht wie eine verheiratete Frau, aber sie hatte es eingeflochten. „Ich kann noch kaum an mein Glück glauben“, fuhr er fort. „Jetzt kann mein Vater jeden Tag nach Hause zurückkehren, und dann werden wir heiraten.“

Frida lächelte. „Zuerst muß ich mein Kind bekommen. Doch auch das kann jeden Tag geschehen.“ Sie wurde ernst. „Und du hast wirklich nichts gegen mich – oder das Kind?“ fragte sie leise.

„Wie könnte ich?“ erwiderte Audun. „Wie oft muß ich dir das noch versichern? Es ist dein Kind. Das ist genug für mich. Es wird wie mein eigenes sein.“

Er umfaßte sie mit seinen Armen.

Der Riegel öffnete sich. Die Tür schlug zurück. Der Nachtwind blies herein. Frida sah eine hohe Gestalt sich von der Dunkelheit draußen abheben. Sie konnte nicht sprechen. Sie stand von der Bank auf und wich zurück, bis die Wand sie aufhielt.

„Frida“, stieß Skafloc hervor.

Ihr war, als schnüre ihr ein Eisenband die Brust zusammen. Abwehrend hob sie die Hände.

Wie ein Schlafwandler schritt Skafloc auf sie zu. Und sie tat ihm einen Schritt entgegen, und noch einen.

„Halt!“ Auduns Stimme zerriß das Schweigen. Sein langer Schatten schwankte vor ihm her. Er griff nach einem Speer, der in einer Ecke lehnte, und stellte sich zwischen die beiden.

„Halt! Ich… ich… be-befehle es dir“, stotterte er. „Wer bist du? Was willst du?“

Skafloc machte ein Zeichen und sprach einen Stabreim. Solange er sich im Haus aufhielt, würde keiner seiner Bewohner erwachen. Er tat es, ohne nachzudenken, so wie ein Mann eine Fliege abstreift. „Frida“, sagte er noch einmal.

„Wer bist du?“ rief Audun. Mitten im Satz schnappte seine Stimme über. „Was willst du?“ Er sah ihre Blicke und stöhnte auf vor Schmerz.

Skafloc sah über die Schulter des Jungen hinweg. Er nahm ihn kaum wahr. „Frida, mein Herz, mein Leben. Komm mit mir.“

Sie schüttelte heftig den Kopf, und doch hielt sie immer noch die Hände nach ihm ausgestreckt.

„Ich bin nach Jötunheim gesegelt, ich bin zurückgekommen, ich habe einen Krieg geführt. Und ich dachte, die Zeit und die Schwerter könnten mich von dir losschneiden. Sie konnten es nicht. Auch dieser Todesbringer an meiner Seite kann es nicht. Nichts in den Neun Welten, nicht die Gesetze und nicht die Götter, vermag es. Denn was bedeutet das alles schon für uns? Komm mit mir Frida.“

Sie senkte den Kopf. Der innere Kampf verzerrte ihr Gesicht. Sie schluchzte lautlos. Ihr Herz schlug, als wolle es ihr die Brust zersprengen. Dann begannen die Tränen zu strömen.

„Du tust ihr weh!“ schrie Audun.

Ungeschickt stach er mit seinem Speer zu. Er ritzte Skaflocs Wange. Der Elfenherr fauchte wie ein Luchs und griff nach seinem Schwert.

Audun griff von neuem an. Skafloc sprang zur Seite, unmenschlich schnell. Zischend fuhr das Schwert aus der Scheide. Es durchschnitt den Schaft der Axt. „Geh mir aus dem Weg!“ befahl Skafloc.

„Nicht, solange meine Braut lebt!“ Audun, außer sich vor Zorn und Entsetzen – und das Entsetzen rührte nicht von Todesfurcht her, sondern von dem, was er in Fridas Augen gelesen hatte – fühlte, daß ihm selbst die Tränen über das Gesicht liefen. Er riß seinen Dolch aus dem Gürtel und fuhr nach Skaflocs Kehle.

Das Schwert flammte auf, sauste herab und durchschnitt Knochen und Gehirn. Audun rutschte über den Fußboden und schlug gegen eine Wand. Dort fiel er nieder und blieb als blutiges Bündel liegen.

Skafloc starrte auf die gerötete Klinge in seiner Hand. „Das war nicht meine Absicht“, flüsterte er. „Ich wollte ihn nur zur Seite drängen. Ich hatte vergessen, daß diese Waffe jedesmal Blut trinken muß, wenn sie gezogen worden ist…“

Er richtete seine Augen auf Frida. Sie betrachtete ihn schaudernd. Ihr Mund stand offen, als wolle sie schreien.

„Es war nicht meine Absicht!“ brüllte er. „Und was macht es schon aus? Komm mit mir!“

Nur mit großer Mühe fand sie ihre Stimme wieder. Halb erstickt klang sie. „Geh. Sofort. Komm niemals wieder.“

„Aber…“ Er tat einen steifen Schritt rückwärts.

Sie bückte sich und nahm Auduns Dolch auf. Er glänzte in ihrer Hand. „Geh! Wenn du noch einen Schritt näherkommst, durchbohre ich dich hiermit.“

„Ich wünschte, du würdest es tun“, antwortete er. Er schwankte ein wenig auf seinen Füßen. Aus der Wunde in seiner Wange tropfte das Blut auf den Fußboden.

„Wenn es sein muß, werde ich mich selbst töten“, sagte Frida. „Versuche, mich zu berühren, du Mörder, du Heide, der du wie ein Tier oder ein Elf bei deiner eigenen Schwester liegen willst! Versuche, mich zu berühren, und ich stoße mir das Messer ins Herz. Gott wird mir die geringere Sünde vergeben, wenn ich dadurch die größere abwende.“

Skafloc geriet in Wut. „Aye, rufe deinen Gott an, winsele deine Gebete! Ist das alles, wozu du taugst? Du hast dich für ein Dach über dem Kopf verkauft. Das ist Hurerei, ganz gleich, wie viele Priester ihren Segen darüber sprechen… denn du hast mir Treue geschworen.“ Er hob das Schwert. „Lieber soll mein Sohn ungeboren sterben, als deinem Gott gegeben zu werden.“

Frida stand wie erstarrt vor ihm. „Schlag zu, wenn du willst. Knaben und Frauen und Kinder im Mutterleib – sind das deine Gegner?“

Er senkte die breite Klinge, und plötzlich stieß er sie, ohne sie gereinigt zu haben, in die Scheide zurück. Da wich die Wut von ihm. Müdigkeit und Kummer überwältigten ihn.

Seine Schultern sanken herab. Er neigte den Kopf. „Also willst du mich wirklich verstoßen?“ fragte er leise. „Das Schwert ist verflucht. Nicht ich war es, der diese bösen Dinge gesprochen oder den armen Jungen erschlagen hat. Ich liebe dich, Frida. Ich liebe dich so sehr, daß die ganze Welt hell ist, wenn du bei mir bist, und schwarz, wenn du fern von mir weilst. Wie ein Bettler flehe ich dich an, zu mir zurückzukommen.“

„Nein“, keuchte sie. „Geh weg.“ Sie schrie auf: „Ich will dich niemals wiedersehen! Geh!“

Er wandte sich zur Tür. Sein Mund zitterte. „Einmal habe ich dich um einen Abschiedskuß gebeten“, sagte er beinahe ruhig. „Du wolltest ihn mir nicht geben. Willst du es jetzt tun?“

Sie ging zu Auduns zusammengesunkenem Körper, kniete nieder und berührte mit ihren Lippen die seinen. „Mein Lieber, mein Lieber“, flüsterte sie, strich über das blutige Haar und schloß die erloschenen Augen. „Gott nehme dich zu sich, mein Audun“.

„Dann Lebewohl“, sprach Skafloc. „Es mag geschehen, daß ich dich zum drittenmal um einen Kuß bitte, und das wird dann das letztemal sein. Ich glaube nicht, daß ich noch lange zu leben habe, und es kümmert mich auch nicht. Aber ich liebe dich.“

Er ging hinaus und schloß die Tür hinter sich. Sein Zauber erlosch. Die Bewohner des Hauses wurden von bellenden Hunden und Hufschlägen geweckt. Als sie in den vorderen Raum eilten und entdeckten, was dort geschehen war, erzählte Frida, ein Gesetzloser habe versucht, sie zu entführen.

In der Dunkelheit vor dem Morgengrauen kam ihre Stunde. Das Kind war groß, und ihre Hüften waren schmal. Lange Zeit mußte sie große Schmerzen erdulden, aber sie gab kaum einen Laut von sich.

Da ein Mörder sich in der Gegend aufhielt, war keine Rede davon, sofort nach einem Priester zu schicken. Die Frauen halfen Frida, so gut sie konnten. Asas Gesicht war finster.

„Erst Erlend, jetzt Audun“, sprach sie vor sich hin. „Orms Töchter bringen kein Glück.“

Bei Tagesanbruch suchten die Männer nach der Spur des Mörders. Sie fanden nichts, und bei Sonnenuntergang kehrten sie zurück und meinten, morgen müsse es für einen oder zwei wohl sicher genug sein, zur Kirche zu reiten. Inzwischen war das Kind geboren worden. Es war ein großer, wohlgestalteter, kräftig schreiender Junge, der bald hungrig an Fridas Brust trank. Am frühen Abend lag sie erschöpft und zitternd, ihren Sohn in den Armen, in dem abgelegenen Zimmer, das man ihr zur Verfügung gestellt hatte.

Sie lächelte auf das kleine Geschöpf herab. „Du bist ein schönes Kind“, summte sie. Immer noch war sie nicht ganz aus dem Schattenland zurückgekehrt, und nichts schien ihr wirklich zu sein bis auf den Sohn an ihrer Brust. „Du bist rot und verrunzelt und schön. Und auch in den Augen deines Vaters würdest du schön sein.“

Wie ein Waldquell flossen ihre Tränen. Sie schmeckte das Salz auf ihren Lippen. „Ich liebe ihn“, wisperte sie. „Gott verzeihe mir, ich werde ihn immer lieben. Und du bist das letzte, was von unserer Liebe übriggeblieben ist.“

Blutigrot ging die Sonne unter. Die Mondsichel schwamm durch Wolken, die von einem scharfen Wind vorwärtsgetrieben wurden. Heute nacht würde es ein Unwetter geben. Der lange Herbst, mit dem das Land die Elfen willkommen geheißen hatte, war vorüber. Nun kam der Winter geschritten.

Der Hof duckte sich unter dem Himmel. Die Bäume ächzten. Das Tosen des Meeres drang laut herüber. Es wurde dunkel. Der Wind verstärkte sich und wirbelte Haufen von toten Blättern auf. Dann und wann prasselten Hagelkörner auf das Dach. Frida lag wach.

Gegen Mitternacht hörte sie von weit weg ein Horn. Irgend etwas an diesem Klang ließ sie erschauern. Das Kind begann zu schreien, und sie drückte es an sich.

Wieder gellte das Horn, lauter, näher, übertönte den heulenden Wind und die rauschende Brandung. Ein solches Hundegebell hatte sie noch nie in ihrem Leben gehört. Hufe donnerten durch die Nacht, erfüllten den Himmel mit ihrer Eile. Die Erde warf das Echo zurück.

Das war die Wilde Jagd – Frida fürchtete sich sehr. Wie war es möglich, daß niemand im Haus sich rührte? Das Kind wimmerte an ihrer Brust. Der Wind klapperte mit den Fensterläden.

Jetzt stampften die Hufe über den Hof. Das Horn erklang so laut, daß das Haus erbebte. Um seine Mauern tosten Hundegebell und das Klirren von Bronze und Eisen.

Von Fridas Zimmer führte eine Tür nach draußen. Der Riegel flog zurück, und die Tür schwang weit auf. Der Wind heulte ins Zimmer und blähte den Mantel dessen, der eintrat.

Obwohl kein Licht brannte, konnte sie ihn sehen. Er mußte sich unter den Dachbalken bücken. Die Spitze seines Speers blitzte wie sein eines Auge. Haar und Bart flossen wolfsgrau unter dem Hut hervor, der sein Gesicht beschattete.

Seine Stimme klang wie Wind und Meer: „Frida Ormstochter, ich bin gekommen, das zu holen, was du mir zugeschworen hast.“

„Herr…“ Sie verbarg sich unter der Decke, die ihr einziger Schild war. Wenn Skafloc hier wäre… „Herr, mein Gürtel liegt dort in der Truhe.“

Odin lachte. „Glaubst du, ich wollte einen Schlaftrunk haben? Nein, du hast mir das versprochen, was hinter deinem Gürtel lag, und nun hast du das Kind geboren.“

Nein!“ Sie warf das schreiende Kind hinter sich. „Nein, nein, nein!“ Sie fuhr im Bett hoch und riß das Kruzifix an sich, das man über ihrem Kopf aufgehängt hatte. „Im Namen Gottes, im Namen Christi! Weiche!“

„Vor denen brauche ich nicht davonzulaufen“, sagte Odin. „Denn in dieser Sache hast du selbst ihre Hilfe abgeschworen. Jetzt gib mir das Kind!“

Er stieß sie beiseite und nahm das Kleine in seinen freien Arm. Frida kroch aus dem Bett und sank zu seinen Füßen nieder. „Was hast du mit ihm vor?“ schluchzte sie. „Was wirst du mit ihm tun?“

Wie aus unendlicher Höhe antwortete der Wanderer: „Auf ihn wartet eine große Bestimmung. Das Spiel zwischen Asen und Jötunen und den neuen Göttern ist noch nicht zu Ende gespielt. Tyrfing glänzt immer noch auf dem Schachbrett der Welt. Thor hatte das Schwert zerbrochen, auf daß es nicht die Wurzeln Yggdrasils durchtrenne. Ich brachte es zurück und schenkte es Skafloc. Denn Bolverk, der allein es wieder heilen konnte, hätte das weder für einen Asen noch einen Elf je getan. Das Schwert wurde gebraucht, um die Trolle zurückzutreiben. Utgard-Loki hatte ihnen insgeheim geholfen. Deshalb war Alfheim in Gefahr, von einem Volk überrannt zu werden, das mit den Feinden der Götter befreundet ist. Aber es darf nicht sein, daß Skafloc das Schwert behält. Der Zauber, der in der Waffe steckt, würde ihn dazu bringen, die Trolle ganz und gar auszulöschen, und das würden die Jötunen nicht zulassen. Ziehen sie aber zu Feld, müssen die Götter gegen sie einschreiten, und die Folge wäre der Weltuntergang. Skafloc muß fallen. Dieses Kind nun, das zu erlangen ich ein Netz gesponnen habe, muß eines Tages das Schwert ergreifen und seiner letzten Bestimmung zuführen.“

„Skafloc muß sterben?“ Sie umklammerte seine Füße. „Er auch? O nein, o nein!“

„Für was kann er noch leben?“ fragte Odin kalt. „Wenn du zu ihm nach Elfenhöhe gehst und das Band neu knüpfst, das an Orms Grabhügel zerrissen wurde, wird er seine Waffen gern niederlegen. In diesem Fall ist sein Tod nicht notwendig. Andernfalls ist er bereits verurteilt. Das Schwert wird ihn töten.“

Der Mantel flatterte, und der Wilde Jäger war verschwunden. Sein Horn ertönte, die Hunde kläfften und heulten, Hufschläge verklangen in der Nacht. Dann war nichts mehr zu hören als der Wind, das Meer und Fridas Weinen.

XXVII

Valgard stand im obersten Raum des höchsten Turmes von Elfenhöhe und beobachtete, wie seine Feinde sich sammelten. Er hatte die Arme verschränkt, sein Körper war unbeweglich wie ein Felsen, sein Gesicht wie aus Stein gehauen. Nichts schien an ihm zu leben außer seinen Augen. Neben ihm waren die anderen Anführer aus der Burg und von den geflüchteten Heeren, die diese letzte und stärkste Festung erreicht hatten. Müde und niedergeschlagen waren sie, viele verwundet. Angstvoll starrten sie auf die Krieger Alfheims.

Zu Valgards Rechter schimmerte Lia in den Strahlen des sinkenden Mondes, die durch das unverglaste Fenster fielen. Von draußen drang auch eine Brise herein, die ihr Gewand aus Spinnenseide und ihr helles Haar flattern ließ. Ein halbes Lächeln lag auf ihren Lippen, und aus ihren Augen schien blaues Zwielicht.

Unterhalb der Mauern Elfenhöhes leuchteten die bereiften Hänge weiß im Mondlicht. Über sie zog das Elfenheer heran. Waffen klirrten, Kettenpanzer klingelten, Luren bliesen, Pferde stampften die frostige Erde. Schilde warfen die Mondstrahlen zurück, und die Speerspitzen und Äxte glänzten kalt unter den Sternen. Die Elfen schlugen Lager auf. Zelte kreisten die Burg ein, roter Feuerschein erblühte. Die schattenhaften Gestalten der Krieger glitten hin und her.

Ein Rumpeln klang durch die Hügel. In Sicht kam ein Streitwagen, beinahe so strahlend wie die Sonne. Flammen lohten um die Schwertklingen an seinen Radnaben. Vier große weiße Pferde zogen ihn. Sie schüttelten die seidigen Mähnen und schnaubten wie ein Wintersturm. Hinter dem Fahrer stand einer, bewaffnet mit einem Speer, der alle anderen überragte. Dunkle Locken flatterten um ein majestätisches Antlitz. Die Augen brannten in ihrem eigenen Licht.

Voller Unruhe bemerkte ein Troll: „Das ist Lugh von der Langen Hand. Er führte die Tuatha De Danaan gegen uns. Er hat uns wie Weizen niedergemäht. Die schottischen Raben verdunkelten die Erde, zu vollgefressen, um aufzufliegen. Kaum hundert Trolle konnten entkommen.“

Immer noch sprach Valgard kein Wort.

Feuerspeer in rotem Mantel und silberner Rüstung sprengte auf seinem Pferd um die Burgmauern. Hell und schön war sein Gesicht, wenn auch grausam in seinem Hohn. Seine Lanze schien nach den Sternen stechen zu wollen. „Er hat die Flüchtlinge angeführt“, murmelte ein anderer. „Ihre Pfeile kamen von überall. Sie warfen sich aus der Nacht auf uns und ließen Feuer und Tod hinter sich zurück.“ – Valgard rührte sich nicht.

In der vom Mond erhellten Bucht brannten die Trollschiffe oder lagen zerschellt auf dem Strand. Elfenlangschiffe lagen vor Anker. Ihre Schilde und Waffen glänzten. „Flam von Orkney befehligt die Schiffe, die Mananaan Mac Lir uns wieder abgenommen hat“, bemerkte ein Trollhäuptling grimmig. „Die Meere sind leer von unseren Fahrzeugen. Nur eins kam durch und brachte die Nachricht, daß die Küsten Trollheims gebrandschatzt werden.“

Valgard hätte ebenso gut ein dunkles Steinbild sein können.

Die an Land befindlichen Elfen begannen ein Zelt aufzurichten, das größer war als die anderen. Dorthin ritt ein Mann auf einem ungeheuerlichen großen, schwarzen Pferd und pflanzte seine Standarte auf – einen Speerschaft, auf dem der zusammenschrumpfende Kopf Illredes grinste. Die toten Augen starrten geradewegs auf die Männer im Turm.

Einem Troll brach die Stimme, als er erklärte: „Das ist ihr Anführer, Skafloc der Sterbliche. Nichts kann ihm standhalten. Er hat uns wie eine Schafherde nach Norden getrieben, immerzu tötend, tötend. Sein Schwert geht durch Stein und Metall wie durch Tuch. Ich frage mich, ob er ein Mensch ist oder ein böser Geist aus der Hölle.“

Valgard erwachte zum Leben. „Ich kenne ihn. Und ich werde ihn erschlagen.“

„Herr, das kannst du nicht. Die Waffe, die er schwingt…“

„Sei still!“ Valgards Augen und Stimme sprühten vor Zorn. „Narren, Feiglinge, Knaben! Wer sich zu kämpfen fürchtet, soll zu diesem Schlächter hinausgehen. Sein Leben kann er dadurch nicht retten, aber er wird dann schnell sterben. Doch ich, ich werde Skafloc hier auf Elfenhöhe vernichten!“

Seine Stimme wurde tief und rollte wie die Räder des Streitwagens da unten: „Dies ist die letzte Festung der Trolle in Britannien. Wie die anderen verlorengingen, wissen wir nicht. Unsere Krieger haben auf ihrem Rückzug hierher nur die Elfenbanner darüber fliegen gesehen. Aber wir wissen, daß diese Burg, die noch nie durch einen Sturmangriff erobert wurde, jetzt eine größere Anzahl von Kriegern beherbergt, als der Feind draußen versammelt hat. Sie ist gegen Zauber ebenso wie gegen offene Gewalt geschützt. Nichts kann sie uns nehmen als unsere eigene Feigheit.“

Er faßte die große Axt, die ihn niemals verließ. „Heute nacht werden sie ihr Lager aufschlagen und weiter nichts unternehmen. Die Morgendämmerung ist nahe. Morgen abend werden sie mit der Belagerung, wahrscheinlicher mit dem Sturm beginnen. Greifen sie an, werden wir sie zurückschlagen, einen Ausfall machen und sie dann verfolgen. Halten sie sich ruhig, fallen wir selbst über sie her. Wir haben die Festung hinter uns als Rückzugsmöglichkeit, sollte die Sache sich schlecht entwickeln.“

Die Zähne schimmerten in seinem Bart. „Aber ich glaube, wir werden sie vor uns hertreiben. Wir sind mehr als sie und Mann für Mann stärker. Skafloc und ich werden uns zu finden wissen; es herrscht keine Liebe zwischen uns Brüdern. Und ich werde ihn töten und sein Siegesschwert erbeuten.“

Er hielt inne. Der Häuptling aus Schottland fragte: „Und was ist mit den Sidhe?“

„Sie sind nicht allmächtig“, fauchte Valgard. „Sobald wir so viele Elfen niedergemäht haben, daß es ganz klar ist, wer den Sieg gewinnt, werden die Sidhe um Frieden verhandeln. Dann wird England ein Reich der Trolle sein und das Heimatland vor Angriffen schützen, bis wir von neuem erstarkt sind und gegen den Erlkönig ziehen können.“

Sein finsterer Blick kreuzte sich mit dem des toten Illrede. „Und ich“, murmelte er, „werde auf deinem Thron sitzen. Aber was habe ich davon?“

*    *    *

Einige Zeit, nachdem der nächtliche Lärm verstummt war, faßte ein Hausknecht sich ein Herz. Er verließ sein Bett, zündete mit einer Herdkohle eine Lampe an und ging nachsehen, wie es in Thorkel Erlendssohns Haus stand. Die Außentür zu Frida Ormstochters Zimmer stand offen. Ihr Kind war verschwunden, und sie lag ohnmächtig und blutend auf der Schwelle. Er trug sie ins Bett zurück. Danach verfiel sie in Fieber, und sie rief Dinge, die den inzwischen eingetroffenen Priester veranlaßten, den Kopf zu schütteln und sich zu bekreuzigen.

Es war nichts Vernünftiges aus ihr herauszubekommen. Zweimal in den nächsten Tagen versuchte sie fortzulaufen, und jedesmal sah irgendwer sie und führte sie zurück. Sie hatte keine Kraft, sich dagegen zu wehren.

Aber es kam eine Nacht, als sie erwachte und allein war. Ihr Geist war klar – jedenfalls glaubte sie das -, und ein bißchen Stärke war ihr zurückgekehrt. Eine Weile lag sie still da und machte Pläne. Dann kroch sie aus dem Bett. Ihre Zähne klapperten vor Kälte. Sie ballte die Fäuste. Im Dunkeln umhertastend fand sie ein wollenes Gewand und einen langen Kapuzenmantel. Sie nahm die Schuhe in die Hand und ging auf Strümpfen in die Küche, wo sie Brot und Käse einsteckte.

Zurück in ihrem Zimmer, küßte sie das Kruzifix über dem Bett. „Vergib mir, wenn du kannst“, flüsterte sie, „daß ich ihn mehr liebe als dich. Ich bin schlecht, aber die Sünde ist meine, nicht seine.“

Sie trat hinaus. Der Himmel war voller Sterne. Sie waren ganz scharf und glitzerten nicht. Kein Laut war zu hören bis auf das Knistern des Reifs unter ihren Füßen. Die Kälte biß nach ihr. Sie ging auf den Stall zu.

*    *    *

In der Burg war es dunkel und ruhig, während draußen die Sonne aufging. Valgards Arm lag über Lias Brust. Sie faßte ihn mit beiden Händen, hob ihn langsam und vorsichtig hoch und legte ihn auf die Matratze. Dann glitt sie aus dem Bett.

Er wälzte sich und murmelte im Schlaf. Die Entschlossenheit, die er in wachem Zustand gezeigt hatte, war verschwunden. Zurück blieb ein Schädel, über den die narbige Haut sich fest spannte. Nur unter den Augen und am Kinn hing sie lose. Lia blickte auf ihn herab. Von einem Tisch nahm sie einen Dolch. Es wäre leicht, ihm die Kehle durchzuschneiden. Aber nein, von ihr hing zuviel ab. Wenn es ihr nicht mit einem Streich gelang – und er hatte die Wachsamkeit eines Werwolfs -, dann konnte alles verloren sein. Lautlos wie ein Schatten wandte sie sich ab, zog Kleid und Gürtel über ihre Nacktheit und verließ die Gemächer des Grafen. In der rechten Hand hielt sie das Messer, in der linken die Burgschlüssel. Sie hatte sie dem Versteck entnommen, das sie selbst Valgard vorgeschlagen hatte.

Auf der Treppe traf sie mit einer anderen Elfenfrau zusammen. Diese holte Schwerter aus der Waffenkammer. Keine von beiden sprach ein Wort.

Die schlafenden Trolle warfen sich unruhig hin und her. Dann und wann glitt Lia an einem Wachtposten vorüber, der ihr außer einem lüsternen Blick keine Beachtung zollte. Die Elfenfrauen wurden von ihren Herren oft auf Botengänge geschickt.

Hinunter in die Verliese schritt sie. Sie kam an die Tür, hinter der Imric gefangengehalten wurde, und öffnete die drei Schlösser.

Durch das rötlich erhellte Dunkel starrte der Dschinn sie an. Mit einem einzigen Sprung war Lia über ihm. Seine Schwingen rasselten, aber ehe er einen Schrei ausstoßen konnte, klaffte ein großer Schnitt in seiner Kehle.

Lia warf die glühenden Kohlen auseinander. Sie zerschnitt die Stricke, die Imric banden. Er fiel ihr schwer in die Arme, und als sie ihn auf den Fußboden gebettet hatte, lag er da wie ein Toter.

Auf verkohlte Holzstücke ritzte sie heilende Runen und legte sie unter seine Zunge, auf seine Augen, seine verbrannten Füße und gelähmten Hände. Sie flüsterte Zaubersprüche. Neues Fleisch wuchs auf seinem abgemagerten Körper. Imric stöhnte vor Schmerz, gab aber sonst keinen Laut von sich.

Lia nahm verschiedene Schlüssel vom Ring. „Wenn du dich erholt hast“, sprach sie leise, „befreie die gefangenen Elfen. Sie sind der Sicherheit wegen in die Verliese gesperrt worden. Waffen sind in dem alten Brunnenhaus hinter dem Turm versteckt. Hole sie erst dann, wenn der Kampf auf dem Höhepunkt ist.“

„Gut“, drang es aus seiner ausgedörrten Kehle. „Ich werde auch Wasser und Wein und Fleisch besorgen… und alles andere, das die Trolle mir schuldig sind.“ In seine Augen trat ein Glanz, vor dem sich sogar Lia beinahe gefürchtet hätte.

Auf lautlosen nackten Füßen schlich sie einen unterirdischen Gang entlang, der zu einem jetzt unbenutzten Turm für die Astrologen führte. Er überragte die Außenmauern auf der Ostseite. Sie stieg die Wendeltreppe hinauf, bis sie den Raum mit den großen Metall- und Glasinstrumenten erreicht hatte. Von da aus trat sie auf den umlaufenden Balkon. Obwohl sie sich im Schatten befand, blendete die sinkende Sonne sie beinahe mit ihrem Glanz und stach sie mit den Strahlen eines gefährlichen, unsichtbaren Lichts. Eine Fledermaus hatte für sie durch die letzte Dämmerung eine Botschaft getragen, und wie es darin verlangt worden war, stand ein Gewappneter hoch und schimmernd vor der Mauer. Aber sie erkannte ihn nicht.

Wer mochte es sein? Vielleicht ein Krieger der Sidhe, aber vielleicht auch – ihr Herz setzte aus – vielleicht Skafloc selbst. Sie beugte sich über das Geländer und warf den Schlüsselring in einem weiten, glitzernden Bogen hinaus. Er fing ihn mit seinem Speer auf. Das waren die Schlüssel, die die Burgtore aufschlossen und entriegelten.

Lia hastete zurück in die angenehme Dämmerung. Wie ein flüchtiger Vogel eilte sie in die Gemächer des Grafen zurück. Kaum hatte sie ihre Kleider abgeworfen und sich wieder ins Bett gelegt, als Valgard die Augen aufschlug. Er stand auf und spähte durch das sich verdunkelnde Fenster. „Die Sonne ist fast untergegangen. Zeit, sich für die Schlacht zu rüsten.“

Er nahm ein Horn von der Wand, öffnete die Tür zur Treppe und blies einen langen Ton. Wachtposten, die ihn hörten, gaben das Signal weiter, und tiefer und tiefer stieg es durch die Bereiche der Burg… Keiner der Bläser wußte, daß er damit jede Elfenfrau aufforderte, dem Troll, bei dem sie lag, ein Messer in die Brust zu stoßen.

*    *    *

Frida verlor immer wieder das Bewußtsein und erwachte in wirbelnder, rotgefleckter Dunkelheit. Ständig war sie in Gefahr, vom Pferd zu fallen. Wie ein Schwert durchfuhr der Schmerz ihren noch nicht verheilten Körper. Doch dadurch hielt sie sich wach, und sie dankte ihrem Peiniger mit trockenen Lippen.

Sie hatte sich zwei Pferde zum Wechseln mitgenommen und trieb sie unbarmherzig an. Hügel und Bäume rasten an ihr vorbei wie Steine, die man am Grunde eines schnell laufenden Flusses erblickt. Oft kam ihr die Welt unwirklich, traumhaft vor. Nichts war ganz faßbar außer dem Aufruhr in ihrem Kopf.

Sie erinnerte sich daran, daß ihr Pferd einmal gestolpert war und sie in einen Bach geworfen hatte. Als sie weiterritt, gefror das Wasser in ihrem Kleid und ihrem Haar.

Viele Ewigkeiten später, als hinter ihrem Rücken die Sonne blutrot unterging, fiel das zweite Pferd. Das erste war bereits tot, und dies hier stand nicht wieder auf. Zu Fuß lief sie weiter. Sie rannte gegen Bäume, weil ihre Augen sie nicht richtig erkannten. Sie drängte sich durch Büsche, die mit ihren Zweigen nach ihr faßten.

Immer lauter wurde der Aufruhr in ihrem Inneren. Sie wußte nicht mehr, wer sie war, und es kümmerte sie auch nicht. Es war nichts anderes mehr wichtig, als daß sie auf dem Weg nordwärts nach Elfenhöhe blieb.

XXVIII

Bei Sonnenuntergang ließ Skafloc die Luren ertönen. Seine Elfen traten aus den Zelten hervor in die Dämmerung. Metall klirrte, rachedurstige Kriegsrufe klangen auf. Pferde stampften und wieherten, Streitwagen rasselten über den gefrorenen Boden. Ein Wald von Speeren erhob sich hinter den fliegenden Bannern und dem Kopf Illredes.

Skafloc bestieg sein Jötunenpferd. Das Schwert mit Namen Tyrfing schien sich aus eigener Kraft an seiner Hüfte zu rühren. Sein Gesicht unter dem Helm hätte die Maske eines vergessenen Kriegsgottes sein können. Nichts war darin mehr zu lesen als Unbarmherzigkeit. Er wandte sich an Feuerspeer. „Hörst du den Lärm hinter den Mauern?“

„Aye“, grinste der Elf. „Die Trolle haben soeben festgestellt, wie es möglich war, daß die anderen Burgen so schnell gefallen sind. Aber es wird ihnen nicht gelingen, die Frauen zu ergreifen, ehe wir über ihnen sind. Dazu gibt es drinnen zuviele Verstecke.“

Skafloc löste einen Schlüssel von dem Ring an seinem Gürtel. „Also, du leitest den Angriff mit dem Rammbock an der Rückseite“, wiederholte er unnötigerweise. „Wenn wir das vordere Tor öffnen, werden sich die Verteidiger dort zusammenscharen. Flam und Rucca werden sie von rechts und links ablenken. Sobald der Weg ins Innere frei ist, schließen sie sich uns an. Ich werde mit den Sidhe und den Kriegern, die uns der Erlkönig geschickt hat, gegen das vordere Portal ziehen.“

Im Osten hob sich ein riesiger Vollmond aus dem Meer. Sein Licht glitzerte auf Metall und Augen, fiel geisterhaft auf Banner und weiße Pferde. Die Luren erklangen, und die Krieger erhoben von neuem ein Gebrüll, das von Klippe zu Klippe geworfen wurde und bis zu den Sternen aufstieg. Dann zogen die Elfen und ihre Verbündeten in den Kampf.

Ein Zischen war zu hören. Kurze Zeit hatte bei den Trollen Verwirrung geherrscht, denn ein Drittel ihrer Krieger war im Schlaf getötet worden, und die Mörderinnen waren in diesem Irrgarten von Burg verschwunden. Aber sie waren tüchtige Krieger, und Valgard trieb sie an die Arbeit. Von den Mauern schickten ihre Bogenschützen einen unaufhörlichen Pfeilregen auf die Elfen herab.

Schäfte sprangen von Schilden und Rüstungen ab, aber manche Spitze traf ins Fleisch. Ein Mann nach dem anderen fiel. Pferde schrien und bäumten sich. Tote und Verwundete bedeckten den nach oben führenden Weg.

Es war ein zerklüfteter Felsen, und nur ein schmaler Pfad führte zum Haupteingang. Die Elfen brauchten keine Wege. Sie sprangen über eisglatte Felsen und raschelnde Abhänge, von einer Klippe zur nächsthöheren, und aus ihren Kehlen gellten die Kriegsrufe. Sie warfen Haken über Felsspitzen und kletterten an Seilen hinauf, sie ritten über Stellen, die nicht einmal eine Ziege betreten hätte. Sie stürmten auf den Plan unterhalb der Mauern und sandten ihre eigenen Pfeile in die Lüfte.

Skafloc nahm den Weg, weil er die Streitwagen der Tuatha De Danaan führte. Schrecklich rasselnd kamen sie hinter ihm her. Die Räder sprühten Funken und zermalmten Steine, die Bronze schimmerte, als sei sie noch in geschmolzenem Zustand. Pfeile sprangen von Helmen, Halsbergen und Schilden ab, aber kein Krieger oder Fahrer wurde verletzt. Auch ihm, der auf seinem schwarzen Pferd durch Schatten und trügerische Mondlicht donnerte, konnte kein Geschoß etwas anhaben.

Die Elfen hatten die Mauern erreicht. Kochendes Wasser und rauchendes Öl und giftiges Vitriol, Speere und Steine und Griechisches Feuer stürzten auf sie herab. Elfen schrien auf, als sich ihnen das Fleisch von den Knochen löste, und ihre Kameraden zogen sich widerwillig zurück.

Skafloc, wild vor Verlangen, sein Schwert zu ziehen, schrie einen Befehl. Die Elfen zogen eine Schildkröte zu ihm hin, ein Dach auf Rädern, und unter diesem Schutz näherten sie sich dem Tor.

Oben auf den Brustwehren gab Valgard seinen Männern, die die Kriegsmaschinen bedienten, ein Zeichen. Lange bevor diese Bronzetüren einem Rammbock nachgaben, würde die Schildkröte unter großen Steinen zerdrückt werden.

Skafloc steckte den ersten Schlüssel in das Schloß und drehte ihn, wobei er die Zauberworte aussprach. Ein zweiter Schlüssel, ein dritter – Valgard half mit, einen Felsbrocken auf eine Wurfmaschine zu laden, die unter dem Gewicht ächzte. Die Trolle zogen sie auf.

Sieben Schlüssel, acht – Valgard faßte nach dem Hebel. Neun Schlüssel, und das Tor war geöffnet!

Skafloc nahm sein Pferd zurück. Es schlug mit den Vorderfüßen gegen die Türen. Sie schwangen auf. Skafloc galoppierte durch den Tunnel, den die dicken Wände bildeten, und hinein in den mondsilbernen Hof. Hinter ihm hallte der Durchgang von den Rädern der Streitwagen wider. Lugh, Dove Berg, Angus Og, Eochy, Coll, Cecht, Mac Greina, Mananaan – die ganze Schar der Sidhe folgte ihm zu Wagen, zu Pferd und zu Fuß. Der Eingang war gewonnen!

Die Wachtposten stellten sich den Angreifern entgegen. Eine Axt verletzte ein Bein des Jötunenpferdes. Der Hengst wieherte und schlug aus, zerstampfte Krieger zu blutigem Brei.

Skaflocs Schwert schwirrte. Eisblau flammte die Klinge in dem dämmrigen Licht, sang ihr Todeslied, stieg und fiel, schlug zu wie eine Schlange. Waffengetöse stieg zu den Sternen auf, Rufe, Zischen von Klingen, erdbebenhaftes Räderrasseln.

Immer weiter zurück wurden die Trolle gedrängt. Valgard heulte. Seine Augen glommen wolfsgrün. Er raste hinunter in den Hof. Mit aller Kraft warf er sich in die Flanke der Eindringlinge. Ein Elf fiel unter seiner Axt. Er riß die Schneide aus der Wunde und hieb nach einem zweiten, zerschmetterte das Gesicht eines dritten mit der Spitze – um sich schlagend, tötend, watete er durch Blutströme.

Das hintere Tor erdröhnte unter den Stößen von Feuerspeers Rammbock. Die Trolle warfen Steine darauf, Töpfe mit brennendem Öl. Speere und Pfeile und Lanzen – bis der Feind in ihrem Rücken auftauchte. Die Elfen sahen hohlwangig und blutig und zerlumpt aus, aber die Waffen in ihren Händen waren hungrig. Das war Imrics Schar von befreiten Gefangenen. Die Trolle drehten sich zu ihnen um, und während sie kämpften, öffnete Feuerspeer das Tor.

„Zur Burg!“ brüllte Valgard. „Hinein! Verteidigt die Burg!“

Trolle schlugen sich zu ihm durch. Sie bildeten einen Schildwall gegen die Elfenschwerter und schafften es bis zur Vordertür der Burg. Sie war verschlossen.

Valgard warf sich dagegen. Die Tür schleuderte ihn zurück. Er hackte das Schloß heraus und stieß sie auf.

Bogensehnen schwirrten in der dahinterliegenden Dunkelheit. Trolle fielen. Valgard bekam einen Pfeil durch die linke Hand und taumelte zurück. Lias Stimme verhöhnte ihn: „Die Elfenfrauen halten dieses Haus für ihre Liebhaber – bessere Liebhaber, als sie in letzter Zeit gehabt haben, o du Affe Skaflocs!“

Valgard wandte sich ab und riß den Pfeil aus seiner Hand. Er heulte und schäumte. Zurück in den Hof lief er. Seine Axt schlug alles nieder, was sich ihm in den Weg stellte. Der Berserkerwahnsinn hatte ihn erfaßt.

Skafloc kämpfte mit der kalten Überlegenheit, die das Schwert ihm verlieh. Es war Feuer in seiner Hand. Blut und Gehirn spritzten, Köpfe rollten über Pflastersteine, Gedärme machten den Boden unter den Hufen seines Pferdes schlüpfrig. Er schlug und schlug in eiskalter Gedankenklarheit. Und doch wurde er hoch über sich selbst hinausgetragen, und er und sein Töten wurden eins. Er teilte Tod aus wie ein Sämann das Korn, und wohin er sich wendete, brachen die Linien der Trolle entzwei.

Der Mond stieg aus dem Wasser auf, über das er eine Brücke gebaut hatte. In merkwürdig anmutender Stille erhob er sich über die Burgmauern. Sein Licht fiel auf ein grausiges Bild. Schwerter flammten, Speere blitzten, Äxte und Keulen donnerten nieder, Metall und Männer schrien ihren Schmerz hinaus. Pferde bäumten sich, stampften, wieherten. Ihre Mähnen waren verklebt vor Blut. Der Kampf wogte hin und zurück über die Leichen beider Seiten und trampelte viele zu nicht mehr kenntlichen Fleischfetzen.

Höher stieg der Mond, bis es vom Hof her so aussah, als durchbohre ein östlicher Wachtturm sein Herz. Da brach der Kampfesmut der Trolle zusammen.

Es waren nur noch wenige übrig. Die Elfen trieben sie durch das Burggelände und hinaus auf die weißen Hügel und jagten sie wie Tiere.

„Zu mir, zu mir!“ Valgards Stimme erhob sich über den Schlachtenlärm. „Hierher, Trolle, und kämpft!“

Skafloc hörte ihn und riß sein Pferd herum. Er sah den Berserker groß im Eingang stehen, vom Helm bis zu den Schuhen mit Blut beschmiert, ein Ring toter Elfen vor ihm. Etwa ein Dutzend Trolle versuchte, sich zu ihm durchzuschlagen und einen letzten, verzweifelten Widerstand zu leisten.

Und er war der Urheber allen Unheils! Es hätte das Schwert Tyrfing sein können, das mit Skaflocs Lippen lachte. Valgard, Valgard, jetzt ist deine Stunde gekommen! Und Skafloc gab seinem Pferd die Sporen.

Für einen Augenblick glaubte er einen Habicht zu sehen, der sich aus der Richtung der See emporschwang und zum Mond hinaufflog. Ein Kälteschauer lief durch seine Knochen, und ein Teil von ihm wußte, daß sich nun auch sein Geschick erfüllte.

Valgard sah ihn kommen und grinste. Mit der Mauer als Rückendeckung erhob er die Axt. Der schwarze Hengst war über ihm. Der Berserker holte zu dem gewaltigsten Streich seines Lebens aus. Die Axt fuhr in den Schädel des Pferdes.

Nichts konnte die Wucht aufhalten als die Mauer selbst. Als der Hengst zusammenbrach, bebte der Stein. Skafloc flog aus dem Sattel. Elfengleich drehte er sich mitten in der Luft und landete auf den Füßen. Aber er konnte nichts dagegen tun, daß er die Mauer streifte und zurück in den Durchgang geschleudert wurde. Valgard riß seine Axt los und rannte hinterher, um seinem Feind den Rest zu geben. Skafloc war aus dem Tunnel ins mondhelle Freie gekrochen. Sein rechter Arm hing gebrochen herab. Er hatte den Schild weggeworfen und das Schwert in die Linke genommen. Blut tropfte von seinem zerrissenen Gesicht, Blut floß die Klinge entlang.

Valgard schritt auf ihn zu.

„Viele Dinge enden heute nacht, und dein Leben ist eins von ihnen.“

„Wir wurden beinahe in der gleichen Nacht geboren“, antwortete Skafloc. Mit seinen Worten rann ihm Blut aus dem Mund. „Es wird auch keine lange Zeit zwischen deinem und meinem Tod liegen.“ Höhnisch setzte er hinzu: „Wenn ich gehe, wie kannst dann du, mein Schatten, bleiben?“

Valgard schrie auf und schlug nach ihm. Skafloc hob das Schwert. Die Axt Bruderschlächter traf die Klinge und zerbrach mit Klirren und Funkenschauern.

Skafloc taumelte zurück, fand das Gleichgewicht wieder und hob das Schwert von neuem. Valgard trat ihm mit leeren Händen entgegen. Ein Grollen stieg aus seiner Kehle auf.

„Skafloc! Skafloc!“

Auf diesen Ruf hin drehte Imrics Pflegesohn sich um. Den Pfad hinauf eilte Frida, stolpernd, erschöpft, blutend, in Lumpen. Aber es war seine Frida, die zu ihm zurückkam. „Skafloc“, rief sie. „Mein Liebster…“

Valgard stürzte herzu und entwand der Hand seines abgelenkten Feindes das Schwert. Er riß es hoch und ließ es niedersausen. Heulend hob er das Schwert von neuem. Unter dem Blut zeigte es ein unirdisches blaues Feuer. „Ich habe gewonnen!“ schrie er. „Ich bin Herr der Welt, und ich trete sie unter meine Füße! Komm, Dunkelheit!“

Er schlug in die Luft. Seiner Hand, schlüpfrig vom Blut, entglitt das Heft. Das Schwert drehte sich um und fiel mit der Spitze voraus auf ihn. Das große Gewicht warf ihn von den Füßen. Die Klinge durchstieß seinen Hals und bohrte sich in die Erde. Dort lag er wie festgenagelt. Das Blatt schimmerte vor seinen Augen, und sein Leben strömte mit seinem Blut aus seiner Kehle. Er versuchte, das Schwert herauszuziehen, und die Kanten öffneten die Schlagadern an seinen Handgelenken. Und das war das Ende von Valgard dem Berserker. Skafloc lag mit gespaltener Schulter und Brust. Sein Gesicht war bleich im Mondlicht. Aber als Frida sich über ihn beugte, konnte er lächeln.

„Mit mir ist es aus, mein Herz“, hauchte er. „Du bist zu gut für einen toten Mann. Du bist zu schön zum Weinen. Vergiß mich…“

„Niemals, niemals.“ Ihre Tränen fielen auf ihn wie der Regen an einem Frühlingsmorgen.

„Willst du mich zum Abschied küssen?“ fragte er.

Seine Lippen waren bereits kalt, aber sie suchte sie hungrig. Und als sie die Augen wieder öffnete, lag Skafloc tot in ihren Armen.

Die ersten kalten Lichtstreifen zeigten sich am östlichen Himmel, als Imric und Lia herauskamen. „Warum willst du das Mädchen heilen und nach Hause bringen lassen?“ Keine Siegesfreude klang in der Stimme der Elfenfrau mit. „Besser wäre es, du würdest sie totfoltern lassen. Sie war es, die Skafloc erschlagen hat.“

„Es war sein Schicksal“, antwortete Imric. „Und das letzte, was wir für ihn tun können, ist, ihr zu helfen. Auch wenn wir Elfen das, was man Liebe nennt, nicht kennen, wissen wir doch Freundschaft zu halten.“

„Wir kennen die Liebe nicht?“ murmelte Lia leise. „Du bist weise, Imric, aber deine Weisheit hat ihre Grenzen.“

Ihr Blick wanderte zu Frida, die auf der weißbereiften Erde saß und Skafloc in den Armen hielt. Sie sang ihn mit einem Lied in den Schlaf, das sie ihrem Kind hatte vorsingen wollen.

„Glücklicher war ihr Schicksal als meins“, sagte Lia.

Imric mißverstand sie – absichtlich oder unabsichtlich. Er nickte. „Alle Menschen sind glücklicher als die Bewohner des Feenreichs – und auch als die Götter. Lieber ein Leben wie ein fallender Stern, der eine helle Spur durch die Dunkelheit zieht, als eine Unsterblichkeit, die nicht über sich hinaussehen kann.“ Er blickte auf das Schwert, das noch im Hals seines Opfers steckte. „Und ich habe das Gefühl, unser Ende naht. Bald wird das Feenreich dahinschwinden. Der Erlkönig wird zu einem Waldgeist und dann zu nichts zusammenschrumpfen, und die Götter werden untergehen. Und das Schlimmste daran ist, ich halte es nicht für falsch, daß auch die Unsterblichen nicht ewig leben.“ Er ging zu dem Schwert. Zu den Zwergenknechten, die ihm folgten, sagte er: „Das hier werden wir nehmen und damit weit hinaus aufs Meer fahren. Nur glaube ich nicht, daß es viel nützen wird. Der Wille der Nornen kann nicht geändert werden, und dieses Schwert hat seinen letzten Streich noch nicht vollführt.“

Er stieg mit den Zwergen in ein Boot, weil er sicher sein wollte, daß sie ihre Aufgabe auch richtig erfüllten. Währenddessen brachte Mananaan Mac Lir Frida und die Leiche Skaflocs weg. Er wollte selbst für das Wohlergehen der Frau und die Ehrung seines Freundes sorgen. Imric kam zurück, und er und Lia schritten langsam in die Burg. Bald würde der Wintermorgen anbrechen.

HIER ENDET DIE SAGA VON SKAFLOC, DEM PFLEGESOHN DER ELFEN

*    *    *

Hier noch ein paar Leseempfehlungen zumThemenkreis „Wikinger“:

Das Wikingererbe am Beispiel Island (1) und Teil 2 von Jeffrey L. Forgeng und William R. Short

Die Mythologie und Religion der Wikingerzeit von Rudolf Simek

Und hier noch eine Science-Fiction-Geschichte von Poul Anderson:  Die helfende Hand

(Online-Quelle:  Das geborstene Schwert (7): Finale)

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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