„Der Zauber des Nordens“: Einleitungen zu „Das geborstene Schwert“

cover broken sword anderson poul

Dies sind die Einleitungen und Vorwörter des amerikanischen Herausgebers Lin Carter, des deutschen Lektors Helmut Pesch und des Autors selbst zu Poul Andersons erstmals 1954 veröffentlichten Roman „Das geborstene Schwert“ („The Broken Sword“) in der 1971 vom Autor überarbeiteten Fassung, die erstmals 1987 in dieser deutschen Übersetzung von Rosemarie Hundertmarck veröffentlicht wurde.

Einleitung von Lin Carter: „Der Zauber des Nordens“

Der englische Dichter W. H. Auden nannte es „the Northern thing“, jene seltsame Faszination, die von den Überlieferungen des altnordischen Kulturkreises und der Geschichte der skandinavischen Länder ausgeht. Dieser Zauber des Nordens hat auch die Phantasie vieler Autoren jener Art von Literatur beflügelt, die man heute „Fantasy“ nennt. Die Liste der Namen ist eindrucksvoll; sie reicht von William Morris, dem Begründer des Genres, über H. Rider Haggard und E. R. Eddison bis hin zu C. S. Lewis, Poul Anderson und natürlich J. R. R. Tolkien, dem Autor des „Herrn der Ringe“.

Der Zauber des Nordens ist nicht schwer zu erklären. Die skandinavischen Nationen – Island, Norwegen, Schweden, Dänemark, vielleicht noch Finnland – sind die Geburtsstätte einer der großartigsten Mythologien der Welt. Und Mythen haben nun einmal einen besonderen Reiz für Fantasy-Liebhaber. Darüber hinaus hat der Norden eine ganz eigene Literaturform hervorgebracht – die Saga.

Die besten und bedeutendsten Sagas wurden im 13. Jahrhundert in Island geschrieben, beziehen sich aber auf Ereignisse, die weit in die Vergangenheit zurückreichen. Sie lassen sich in drei größere Gruppen unterteilen; erstens die historischen Chroniken; zweitens die heroischen Sagas, große Abenteuererzählungen, die keine historische Genauigkeit beanspruchen; und drittens die Familienchroniken. Ein Beispiel der ersten Gruppe wäre die Heimskringla des Snorri Surluson; der zweiten die Saga von Grettir dem Starken; und der dritten die Laxdæla Saga, die dem heutigen Leser trotz ihres Alters fast wie ein moderner realistischer Roman erscheint.

Einige dieser Werke haben die Jahrhunderte seit ihrer Entstehung fast unbeschadet überstanden und sind im Deutschen wie im Englischen den Lesern in neuerer Zeit durch bedeutende Übersetzungen erneut nahegebracht worden.

William Morris selbst hat eine Reihe von skandinavischen Stoffen ins Englische übertragen. Dazu zählen allein zwei der fünf großen Íslendinga Sögur (wie sie genannt werden), die Eyrbryggja und die unsterbliche Grettla, die er in Zusammenarbeit mit dem Isländer Eiríkr Magnússon übersetzte. Für diese Aufgabe entwickelte Morris einen ganz eigenen, bewußt einfachen Sprachstil, der nicht nur Vorbild für spätere Saga-Übersetzungen, sondern auch für seine eigenen Fantasy-Werke wurde.

E. R. Eddison, der Autor jenes gewaltigen Buches „Der Wurm Ourobouros“, wagte sich an ein weiteres der fünf großen Meisterwerke, die Egla oder Egil’s Saga, und schuf damit eine der perfektesten und beeindruckendsten Übersetzungen aus dem Isländischen.

Im deutschen Sprachraum sei nur auf die Saga-Übersetzungen der „Sammlung Thule“ im Diederichs-Verlag verwiesen, die immer noch ungemein lesbar sind.

Professor Tolkien hat zwar keine der Sagas übersetzt, wenn er sich auch in seiner Arbeit an dem angelsächsischen Epos Beowulf eingehend mit den nordischen Quellen der altenglischen Überlieferung beschäftigte. Seine Kenntnisse der altnordischen Sprache wurden selbst von Fachkollegen bewundert. Seine Studie über das „Finnesburg“-Fragment, die 1983 posthum veröffentlicht wurde, beschäftigt sich eingehend mit den skandinavischen und germanischen Vorfahren der Angelsachsen und ihrem legendären Anführer Hengest, einem Vorfahren der Wikinger, der sein Volk im 5. Jahrhundert nach England brachte.

Tolkiens Sohn Christopher, der selbst Dozent in Oxford war, bevor er sich ganz dem Nachlaß seines Vaters widmete und als Herausgeber des „Silmarillion“ bekannt wurde, hat die Heidreks oder Hervarar Saga aus dem Isländischen übersetzt.

Auch das, was Poul Anderson in diesem Band geschaffen hat, steht unmittelbar in der großen Tradition jener Fantasy-Autoren, die dem Zauber des Nordens verfallen sind.

Poul Andersons Familie ist dänischer Herkunft. Er selbst wurde 1926 in Bristol, Pennsylvania geboren; sein Vorname spricht sich wie ein Mittelding zwischen „Paul“ und „Poul“ aus. Sein Vater, der noch in Dänemark aufgewachsen war, war Ingenieur, und so führte der junge Poul zunächst ein Wanderleben, da Ingenieure dorthin gehen, wo sie gebraucht werden. Er begann erstmals Geschichten zu schreiben, als er sein Studium an der University of Minnesota aufgenommen hatte. Diese ersten Geschichten wurden von John W. Campbell, Jr., für Astounding Science Fiction angekauft, und Anderson wurde bald zu einem der Stammautoren dieses Magazins, in dem Namen wie Robert A. Heinlein, A. E.van Vogt, L. Sprague de Camp oder Isaac Asimov erstmals der Öffentlichkeit bekannt gemacht wurden.

Nachdem Anderson 1948 sein Studium der Physik abgeschlossen hatte, beschloß er, es erst einmal ein Jahr mit dem Schreiben zu versuchen. Obwohl er später ans College zurückkehrte, um seinen Bachelor of Science in Physik und Examina in Mathematik und Philosophie zu machen, hat er danach nie einen bürgerlichen Beruf ergriffen. Heute lebt er mit seiner Frau Karen als freier Schriftsteller in Kalifornien.

Andersons Werke gehören zum größten Teil der Science Fiction an. Innerhalb dieses Genres ist er bekannt als ein  beständiger Autor gut durchkonstruierter und handwerklich perfekter Romane, der seinen Lesern solide, spannende Unterhaltung bietet. Aber Anderson weigert sich, als Science-Fiction-Autor abgestempelt zu werden. Er hat auch historische Abenteuerromane geschrieben – darunter ein dreibändiges Werk über das Leben Harald Hardredes, des letzten Wikingers -, Kinderbücher, Krimis und Sachbücher. Aber trotz dieser Vielseitigkeit gilt seine erste und größte Liebe der Abenteuer-Fantasy, wo er sich mit seinen nordischen Erzählungen ein ganz eigenes Genre geschaffen hat.

Poul Anderson war einer der ersten Mitglieder der „Hyborian Legon“, eines locker organisierten, aber enthusiastischen Klubs von Bewunderern der berühmten CONAN-Stories des früh verstorbenen Robert E. Howard. Andersons Übersetzungen altnordischer Saga-Verse sind bereits in den 1960er Jahren in Amra, der Zeitschrift dieser Gruppe, erschienen.

Auch gehören Anderson und seine Frau einer äußerst ungewöhnlichen Organisation an, die sich „Gesellschaft für kreativen Anachronismus“ nennt. Dies ist eine Gruppe von Leuten, die eine Vorliebe für das Mittelalter haben und regelmäßig Turniere und Feste in zeitgenössischen Kostümen abhalten. Die Gesellschaft wurde in Kalifornien gegründet, hat sich aber inzwischen auf ganz Amerika ausgedehnt.

Die Turniere hierbei sind übrigens echt. Natürlich kämpfen die Teilnehmer nicht mit scharfen Waffen, aber ihre Handwaffen sind stark, schwer und mit großer Sorgfalt hergestellt. Sie können den Unaufmerksamen oder Ungeschickten zu Boden werfen, was auch oft genug geschieht. Deshalb muß, wer bei einem Turnier der Gesellschaft mitkämpfen will, erst schriftlich bezeugen, daß er im Fall einer Verletzung keine Schadensersatzansprüche stellen wird. Die Mitglieder der Gesellschaft dürfen sich zwar innerhalb bestimmter Grenzen Adelstitel zulegen, aber die Ritterschaft selbst müssen sie sich im Wettstreit auf dem Feld der Ehre verdienen. Es gibt darum auch nur wenige Autoren, die auf dem Gebiet mittelalterlicher Kampftechniken so gut Bescheid wissen wie Poul Anderson: er hat sie selber erprobt.

Trotz seiner Begeisterung für das Mittelalter und seiner skandinavischen Wurzeln hat Poul Anderson auf dem Gebiet der Fantasy zunächst sehr wenig geschrieben. Wahrscheinlich lag das daran, daß die Herausgeber von Zeitschriften und Büchern ihn vor allem als Science-Fiction-Autor sahen. Dazu kam die bedauerliche Tatsache, daß die Chancen, für einen neuen Fantasy-Roman einen Verleger zu finden, in den USA lange sehr, sehr klein waren. Erst der erstaunliche Erfolg von J. R. R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“ in den späten sechziger Jahren machte es möglich, daß auch andere Werke derselben Richtung ihr Publikum fanden.

„Das geborstene Schwert“ ist Andersons erster Roman überhaupt. Er wurde erstmals 1954, gleich zu Andersons Laufbahn, von Abelard-Schumann, einem ziemlich kleinen Verlag, herausgebracht. Für die Taschenbuch-Ausgabe, die 1971 in der von Lin Carter betreuten „Adult Fantasy“-Serie bei Ballantine Books erschien, wurde der Text vom Autor grundlegend überarbeitet. Diese revidierte Fassung liegt der vorliegenden deutschen Ausgabe zugrunde.

Kennern des Werkes von J. R. R. Tolkien werden hier sicherlich einige überraschende Parallelen auffallen. So kommen bei Anderson zwei Zwerge mit Namen Dyrin und Dvalin (bei Tolkien: Durin und Dwalin) vor, und auch die Rolle der Elfen (bei Tolkien: Elben) bei beiden Autoren ist insofern vergleichbar, als sie ihnen etwas von ihrer mythologischen Bedeutung zurückgibt, nachdem die Literatur des 19. Jahrhunderts sie zu bloßen winzigen Naturgeistern herabgewürdigt hatte. Beide Autoren haben freilich nichts voneinander gewußt; als Anderson seinen Roman schrieb, war der erste Band von Tolkiens Trilogie (erschienen 1954/55) noch nicht gedruckt. Vielmehr haben beide die gleichen Quellen benutzt – zum Beispiel den sogenannten „Zwergenkatalog“ der Älteren Edda (Völuspa, Strophen 10 – 15) – und sich der gleichen Figuren und Motive bedient.

Bei allen Gemeinsamkeiten sollten jedoch auch die Unterschiede nicht unterschlagen werden: Während Tolkien im Grunde ein christlicher Autor ist, der den Sinn der Kunst in einer Läuterung des Menschen und einer Hinführung zum Schönen, Wahren und Guten sieht, ist Andersons Werk durch und durch von jenem heidnisch-nordischen Geist durchdrungen, zu dem wir uns mit einem atavistischen Schauder immer noch hingezogen fühlen.

Dies wird an keiner Stelle deutlicher als an dem Motiv des geborstenen Schwertes, das wir auch im „Herrn der Ringe“ finden. Doch während das neu geschmiedete Schwert Andúril bei Tolkien ein Zeichen der Hoffnung ist, weist das Schwert Tyrfing, das Skafloc von den Asen als Mitgift erhält, auf das drohende Verderben voraus. Es ist Lokis Waffe im kommenden Ragnarök, dem Untergang der alten Götter.

Dem heutigen Leser wird es vielleicht ein wenig seltsam oder doch zumindest unnötig anmuten, wie Anderson dabei Wert darauf legt, dieses mythologische Ereignis rationalistisch zu begründen. Die Welt der Magie wird als eine andere Existenzebene mit eigenen Gesetzen aufgefaßt, die damals noch mit der heutigen koexistent gewesen sei, nun aber nicht mehr. Ja, selbst die Andersartigkeit jener Wesen – Elfen, Trolle und selbst Götter – wird in eine physikalische Terminologie umgesetzt, wie Anderson in seinem Vorwort zum Roman ausführt.

Dies ist sicherlich aus der Entstehungszeit des Romans zu verstehen, wo es für die Lektüre von Fantasy noch einer besonderen Veranschaulichung bedurfte; der heutige Leser mag, wenn er will, darüber hinwegsehen. Die eigentlichen Gesetze der „Welt“ des nordischen Zaubers bilden kein physikalisches, sondern ein symbolisches System, was sich auch daran zeigt, daß sich der Mensch ihnen durch den symbolischen Akt der Taufe in Christus entziehen kann.

LIN CARTER, Hollis, Long Island, New York, 1971/1973

HELMUT W. PESCH, Lektor Bastei-Lübbe, Bergisch Gladbach 1987

*    *    *

Anmerkungen zur Datierung, von Helmut W. Pesch

Obwohl die folgende Geschichte zum Teil in mythologischen Welten spielt, läßt sich doch der historische Rahmen relativ genau umreißen. Orm, der Vater Skaflocs, gehört zu den Dänen, die im neunten Jahrhundert nach England einfielen. Als Beginn dieser Eroberungswelle wird die Zerstörung der englischen Abtei Lindisfarne im Jahre 793 angesehen; dieses Datum gilt zugleich als Beginn des Wikingerzeitalters. Die Schlacht von Ethandun (Edington), in der die Dänen von dem westsächsischen König Alfred (849 – 899) besiegt wurden und an der Orm – nach Aussage des Romans – teilgenommen hat, fand im Jahre 878 statt. Skafloc wäre demnach um 880 n. Chr. geboren, und als die eigentliche Handlung des Romans beginnt, ist er 21 Jahre alt.

Daß auch heidnische Geschichten wie die um Beowulf und Hrolf Kraki noch im christlichen England erzählt wurden, ist historisch durchaus stimmig. Selbst wenn wir das Beispiel des Beowulf nicht hätten, so wissen wir etwa von einem Brief des Mönchs Alcuin (735 – 804) an den Abt von Lindisfarne, mit der Ermahnung, man möchte statt heidnischer Lieder beim Mahle lieber aus den Kirchenvätern vorlesen: „Quid Hinieldus cum Christo?“ („Was hat Ingeld mit Christus zu tun?“). Gerade zum Skandinavien der späten Völkerwanderungszeit besaßen die Angelsachsen eine besondere Beziehung, waren ihre Vorfahren doch in einer früheren Einwanderungswelle im späten 5. Jahrhundert selbst aus Dänemark gekommen. Doch zur Zeit Æthelstans war der eigentliche Kampf schon gewonnen. Mochten die Wikinger auch noch ein weiteres Jahrhundert gegen die Küsten der zivilisierten Welt anrennen, die Zeit der Götter des Nordens war bereits vorbei.

Im Jahre 1000 n. Chr. nahm Island, das Land der Sagas, durch Beschluß des Althing, der Volksversammlung, den christlichen Glauben an.

H. W. P.

*    *    *

Vorwort von Poul Anderson zur vorliegenden, von ihm 1971 überarbeiteten Fassung von „Das geborstene Schwert“

Gegen Ende des Jahres Unseres Herrn 1081 fuhr Sighvat Thordarson im Auftrag König Olafs von Norwegen durch Götland. Dort hingen die meisten Menschen noch dem alten Glauben an. Auf einem einsamen Gehöft untersagte die Bäuerin es ihm und seinen Freunden, über Nacht zu bleiben, weil ein Opferfest vorbereitet wurde. Dazumal konnte jeder wohlerzogene Mann Stabreime aus dem Ärmel schütteln, und Sighvat war ein Skalde. Also sprach er:

„Elende Fremdlinge, euretwegen
will ich Odin nicht kränken.“
So wies mich das Weib unchristlich
hinweg von der Tür.
„Der heutige Tag ist heilig;
wir halten den alten Brauch.“
Opfern wollten sie am Abend
den Elfen, die Heiden.

So wird es in Snorri Sturlusons Heimskringla berichtet. An anderer Stelle lesen wir, daß von den Kriegsschiffen die Drachenköpfe entfernt wurden, wenn sie sich der heimatlichen Küste näherten, um die Elfen nicht zu beleidigen. Wir lernen daraus, was die Elfen in alter Zeit waren: Götter.

Als die Männer im Norden damit anfingen, Bücher zu schreiben, waren die Elfen natürlich schon zu harmlosen Naturgeistern – ähnlich den griechischen Dryaden oder den Kami japanischer Flüsse – abgewertet worden. Die Eddas siedeln einige von ihnen in Asgard als Diener der Asen an. Aber das Wort wird für zwei verschiedene Rassen verwendet, die zwei der Neun Welten besitzen. Alfheim gehört den großen, blonden „Lichtelfen“. Obwohl wir dessen nicht ganz sicher sein können, ist Schwarzalfheim, das Heim der schwarzen Elfen, wahrscheinlich die Welt der Zwerge. Es ist interessant, wieviel wichtiger die letzteren in den Erzählungen sind, die bis auf uns überliefert wurden.

Später entstandene Sagen verkleinerten die Elfen noch mehr, ließen ihre Gestalten zur Winzigkeit schrumpfen und vergaßen völlig ihre Verwandtschaft mit den immer noch mächtigen Zwergen. Nichtsdestotrotz finden wir einen Abglanz von Alfheim noch im Mittelalter und der Renaissance – das Feenreich, dessen Bewohner von menschlicher Gestalt, aber von unirdischer Schönheit und mit Zauberkräften begabt waren.

In unserer Zeit hat R. R. Tolkien den Elfen in seinem faszinierenden Herrn der Ringe etwas von ihrer früheren Größe zurückgegeben. Er hat sie jedoch nicht nur schön und klug, sondern auch weise, ernst, ehrenhaft und freundlich gemacht – Verkörperungen des guten Willens gegen alles, was lebt. Kurz gesagt, seine Elfen gehören eher in das Land Gloriana als in jenes Haus im heidnischen Götland. Selbstverständlich ist nichts dagegen einzuwenden. Es war auch für Professor Tolkiens Zwecke notwendig.

Aber vor zwanzig Jahren ging ein junger Bursche, der den gleichen Namen wie ich trug, weiter zurück, bis ins neunte Jahrhundert, und entdeckte Elfen und Götter von ganz anderer Art. Es war, wenigstens in Europa, eine rohe Zeit. Ungehindert herrschten Grausamkeit, Raubgier und Zügellosigkeit. Die Schrecken, die die Wikinger über Britannien und Frankreich brachten, waren nicht geringer als die Greueltaten, die Karl der Große bei den Sachsen oder die Ritter des Ersten Kreuzzugs in Jerusalem begingen. Die Zivilisation des 20. Jahrhunderts hat ihren Ursprung zweifellos im Humanismus, und sie ist weit von jener untersten Talsohle entfernt, die (Gott helfe uns!) in der Geschichte vielleicht doch die Norm ist.

Da die Menschen dazu neigen, ihre Götter und Halbgötter nach ihrem eigenen Bild zu schaffen, stellte der Verfasser Elfen und Asen als amoralisch dar – sogar als böse, wenn man ihre Pläne durchkreuzte. Das stimmt zu dem, was wir über sie in der Edda und den Sagas lesen können.

Außerdem machte er sich ein Vergnügen daraus, seine Phantasie ein wenig schweifen zu lassen. Es scheint ganz natürlich zu sein, daß die Bewohner des Feenreichs auf technischem Gebiet weiter fortgeschritten waren als ihre menschlichen Zeitgenossen. Nehmen wir einmal an, es habe wirklich Rassen gegeben, die der Magie fähig waren – in dem Sinne, daß sie mit Methoden, die unsere Wissenschaft noch nicht entdeckt hat, geistige Kontrolle über stoffliche Dinge hatten. (Man beachte die neuesten Forschungsergebnisse und Spekulationen auf dem Gebiet der Parapsychologie!) Nehmen wir weiter an, daß sie ein unbegrenztes Leben hatten, ihre Gestalt ändern konnten und so weiter. Mit einer derartigen uns fremden Beschaffenheit mögen spezifische Nachteile verbunden gewesen sein, zum Beispiel die Unfähigkeit, Sonnenlicht zu ertragen, oder katastrophale elektrochemische Reaktionen bei der Berührung von Eisen. Warum sollten diese Unsterblichen keinen Ausgleich für ihre Handicaps durch die Entdeckung von Nichteisen-Metallen und den Eigenschaften ihrer Legierungen finden?

Konnten die Elfenschiffe „auf den Flügeln des Windes“ segeln, weil sie tatsächlich reibungslose Schiffsrümpfe kannten?

Obwohl es Burgen, wie wir sie heute verstehen, im Europa König Alfreds noch nicht gab, könnten die Elfen sie schon seit langer Zeit gebaut haben. Ebenso lassen sich andere offensichtliche Anachronismen einfach dadurch erklären, daß es sich eben um Errungenschaften von Rassen handelt, die älter sind als die Menschen. Aber eine aristokratische Kriegerkultur, bei der die langen Lebensspannen eine konservative Denkart begünstigen, würde es in der Wissenschaft wahrscheinlich nicht sehr weit bringen. In den Ruinen des Feenreichs sollten wir nicht nach Schießpulver oder Dampfmaschinen suchen.

Das geborstene Schwert fand erst spät einen Verleger, und dieser brachte nur eine einzige Auflage heraus. Dank Lin Carter und Ballantine Books – und Professor Tolkien, dessen Arbeit das gesamte Genre der heroischen Fantasy-Romane erst populär gemacht hat – kommt es jetzt zu einer Neuauflage.

Aber diese Chance birgt für mich ein Dilemma. Es ist keine Affektiertheit von mir, wenn ich von dem Autor wie von jemand anderem spreche. Er war ein anderer. Zwischen uns liegt eine Generation. Ich würde niemals etwas so Ungestümes, so Weitschweifiges und so ungemildert Wildes schreiben.

Dieser junge, in mancher Beziehung naive Bursche, der meinen Namen trug, könnte ohne böse Absicht meinen Lesern von mir und meiner Arbeit einen falschen Eindruck vermitteln. Gleichzeitig möchte ich mir nicht das Recht herausnehmen, an dem, was er geschrieben hat, Änderungen vorzunehmen. Das wäre zumindest gegen diejenigen unfair, die von seinem Buch gehört haben und glauben, es zu kaufen.

Nun, ich habe einen Kompromiß geschlossen. Zunächst einmal erklärt dieses neue Vorwort die Situation. Außerdem habe ich mir, ohne die Story zu ändern, ein paar Textverbesserungen erlaubt. Ich stelle mir vor, der Autor hätte den Rat eines erfahrenen Mannes gern angenommen – auch bezüglich der Techniken des mittelalterlichen Schwertkampfes!

Ich habe das Buch nicht vom Anfang bis zum Ende umgeschrieben; wie gesagt, das käme mir unehrlich vor. Daher ist der Stil nicht der meine.

Aber ich habe eine Menge von Adjektiven und Füllwörtern gestrichen, bestimmte Irrtümer und Widersprüche beseitigt und (in einer kurzen, aber wichtigen Szene) eine Person, die dort absolut nichts zu suchen hatte, durch eine andere ersetzt.

Das Buch, das Ihnen jetzt vorliegt, ist also tatsächlich „Das geborstene Schwert“, wie es ursprünglich konzipiert und geschrieben wurde. Es ist nur lesbarer gemacht worden. Ich hoffe, Sie haben Freude daran.

Was aus jenen wurde, die am Ende des Buches noch am Leben waren, und aus dem Schwert und dem Feenreich selbst – das offenbar auf der Erde nicht mehr existiert – das ist eine andere Geschichte, die vielleicht eines Tages erzählt werden wird.

Poul Anderson,
der in der Gesellschaft für kreativen Anachronismus als Sir Béla of Eastmarch bekannt ist.

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Leseempfehlungen:

Anderson, Poul – Schwert des Nordens, Das (Das geborstene, eine Kurzrezension von Michael Matzer auf Buchwurm.info (Achtung: Spoilerwarnung!)
Das Wikingererbe am Beispiel Island, Teil 1 und Teil 2 von Jeffrey L. Forgeng und William R. Short
Die Mythologie und Religion der Wikingerzeit von Rudolf Simek
Tolkien: Meister von Mittelerde von Brittanicus

Online-Quelle: „Der Zauber des Nordens“: Einleitungen zu „Das geborstene Schwert“

Und hier geht’s los mit Teil 1 von 7: Das geborstene Schwert (1): Skaflocs Geburt und Jugend

Über Cernunnos

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