Landy

Worlds of IF SEP1967

Von Robert Silverberg. Originaltitel: „Bride Ninety-One“, veröffentlicht in WORLDS OF IF September 1967 (siehe Titelbild). Die deutsche Übersetzung von Michael Nagula erschien in „Science Fiction Stories 79“ aus der Reihe „Ullstein 2000“ (1979, Ullstein-Buch Nr. 31008, ISBN 3-548-31008-7).

Es war einer der üblichen Sechs-Monats-Verträge. Ich unterzeichnete ihn, und Landy unterzeichnete ihn, und für die vereinbarte Zeit waren wir Mann und Frau. Der Standesbeamte klickte und surrte und spie unsere Lizenz aus. Meine Freunde grinsten und schlugen mir auf den Rücken und grölten Glückwünsche. Fünf von Landys Schwestern kicherten und flüsterten und machten einige komplette Farbwechsel durch. Wir waren alle sehr glücklich.

„Küß die Braut!“ schrien meine Freunde und die Schwestern.

Landy glitt in meine Arme. Sie war ein guter Fang; sie war biegsam und schlank, und ich stürzte mich auf sie, und die Blütenblätter um ihren Nahrungsschlitz wogten zärtlich, als ich meine Lippen gegen die ihren preßte. Wir behielten diese Stellung für etwa eine halbe Minute bei. Es gab ihr Vertrauen; sie wich nicht zurück. Auf Landys Welt küssen sie nicht, wenigstens nicht mit ihren Mündern; und ich bezweifele, daß ihr diese Erfahrung viel Freude bereitet hat. Doch die Bedingungen unseres Vertrages entsprachen terranischen Sitten. Das galt es sich stets vorher zu überlegen bei diesen Zwischenwelthochzeiten. Und hier küssen wir nun einmal die Braut; also küßte ich sie. Mein Kumpel Jim Owens wurde davon mitgerissen und schnappte sich eine von Landys Schwestern und küßte sie. Sie gab ihm einen Stoß vor die Brust, daß er durch die ganze Kapelle segelte. Es war schließlich nicht ihre Hochzeit.

Die Zeremonie war vorüber, und wir machten uns über unsere Kuchen und Halluzinogene her; und etwa um Mitternacht sagte jemand: „Wir sollten unseren Flitterwöchlern etwas Intimsphäre gönnen.“

Also verschwanden sie alle, und Landy und ich konnten unsere Hochzeitsnacht beginnen.

Wir warteten, bis sie gegangen waren. Dann nahmen wir den Hinterausgang der Kapelle und besorgten uns eine Transportkapsel für zwei, sehr gemütlich, Landys süßer, siruphafter Geruch stechend in meiner Nase, ihre beweglichen Glieder drängten sich fest gegen meine.

Ich stieß leicht an einen Knauf, und mit dreihundert Kilometer in der Stunde trieben wir den Harriman-Kanal entlang. Die Wirbelströme waren nicht schlecht, und wir genossen die Fahrt. Sie küßte mich erneut; sie lernte unsere Gepflogenheiten schnell. Innerhalb von fünfzehn Minuten erreichten wir unser programmiertes Ziel, und die Kapsel tat eine geschwinde Linkskurve, spritzte durch eine Zufahrt und machte selbständig an der rissigen Hülle unseres Hotels fest. Ich entriegelte die Kapsel und half Landy hinaus, in das Innere unseres Zimmers. Ihre sanften goldenen Augen schimmerten lustig und freudig. Ich klapste eine Privatsphären-Bestätigung aus den Wandfiltern.

„Ich liebe dich“, sagte sie in mehr oder weniger gutem Englisch.

„Ich liebe dich“, erwiderte ich in ihrer eigenen Sprache.

Sie reckte sich mir entgegen. „Dies ist eine terranische Hochzeit, erinnerst du dich?“

„Natürlich.“

Ich programmierte es, und der Imbiß kam aus dem Lager gerollt, eiskalt und appetitlich. Ich ließ den Korken knallen und träufelte Zitronensaft auf den Kaviar, und wir dinierten. Fischeier und überreife Grapefruit, nicht mehr, mahnte ich mich.

Danach aktivierten wir die Periskopeinrichtung und starrten durch die hundert Stockwerke des Hotels zu den Sternen empor. Ein Mond für Verliebte hing diese Nacht am Himmel, und in der Form eines Bogens von etwa zwanzig Grad reihte ein Sternzeichen seine glühenden Juwelen nebeneinander, als geschähe es rein zu unserer Freude. Wir hielten uns bei der Hand und schauten.
Wenig später lösten wir unsere Hochzeitsgewänder auf.
Und abermals wenig später machten wir unsere Hochzeit perfekt.

Sie werden nicht erwarten, daß ich Ihnen davon erzähle, nicht wahr? Einige Dinge sind noch immer heilig, sogar heutzutage. Wenn Sie genau wissen wollen, wie es ist, eine Suvornesin zu lieben, machen Sie es wie ich und heiraten Sie eine. Ein paar Hinweise kann ich Ihnen jedoch geben. Körperlich gleicht es dem Vorgang, den wir auf Terra kennen, soweit es die Rollen des Mannes und der Frau anbelangt. Das heißt, der Mann gibt, die Frau empfängt, im wesentlichen. Aber es gibt Unterschiede, natürlich. Warum, meinen Sie, heiratet man Fremdrassige?

Ich gestehe, daß ich nervös war. Obwohl dies bereits meine einundneunzigste Hochzeitsnacht war. Ich hatte niemals zuvor eine Suvornesin geheiratet. Ich hatte auch noch nie mit einer geschlafen, und wenn Sie jetzt aufhörten, sich weiter Gedanken über suvornesische Praktiken zu machen, würden Sie sehr bald merken, was für abscheuliche Vorstellungen Sie da haben. Ich hatte mich mit Suvornesenhochzeiten beschäftigt, aber wie jedes Kind auf jeder Welt schnell erkennt, ist das Übersetzen von Worten und gebündelten Wissens in tatsächliches Tun schwieriger als es scheint, die erste Zeit.

Landy war sehr hilfreich, ja. Selbstverständlich wußte sie nicht mehr von terranischen Männern als ich von suvornesischen Frauen; doch sie war begierig zu lernen und begierig zu sehen, daß ich alles richtig machte. So brachten wir es ausgezeichnet hin. Es gibt da einen Dreh. Manche Männer beherrschen ihn, manche nicht. Ich schon.

Am nächsten Morgen frühstückten wir auf einer sonnengefluteten Terrasse über einem türkisfarbenen Pool voll tanzender Amöben, und später am Tag zahlten wir die Übernachtung und trieben in einer Kapsel hinunter zum Raumhafen, um unsere Hochzeitsreise zu beginnen.

„Glücklich?“ fragte ich meine Braut.

„Sehr“, erwiderte sie. „Du bist mir jetzt schon mein liebster Ehemann.“

„War einer der anderen auch Terraner?“

„Nein, natürlich nicht.“

Ich lächelte. Ein Mann mag es gern, wenn er der erste ist.

Am Raumhafen unterzeichnete Landy das Ladungsverzeichnis als Frau Paul Clay, was mich mit Freude erfüllte, und ich unterschrieb neben ihr, und sie durchsuchten uns und ließen uns an Bord gehen. Das Schiffspersonal strahlte uns entgegen. Ein ansehnliches indigohäutiges Mädchen wies uns unsere Kabine zu und wünschte so freundlich eine schöne Reise, daß ich versuchte, ihm ein Trinkgeld zuzustecken. Ich ergriff, als sie an mir vorbeischritt, ihren Kreditzähler und schob die Markierung eine Kerbe weiter. Sie sah mich entgeistert an und korrigierte die Einstellung wieder. „Wir nehmen kein Trinkgeld, Sir!“

„Entschuldigung. Es kam so über mich.“

„Ihre Gattin ist reizend. Ist sie eine Honirangi?“

„Eine Suvornesin.“

„Ich hoffe, daß Sie miteinander glücklich werden.“

Wir waren wieder allein. Ich drückte Landy an mich. Zwischenwelthochzeiten sind heutzutage Mode, das ist klar; aber ich hatte Landy nicht bloß geheiratet, weil es mir gerade in den Sinn gekommen war. Ich fühlte mich ehrlich hingezogen zu ihr, und sie sich zu mir. Überall in der Galaxis schlossen Wesen die verrücktesten Heiratsverträge, nur um sagen zu können, daß sie es getan hatten – heirateten Stheniks, Gruuler, sogar Hhinamorer. Wirklich groteske Verbindungen. Ich will nicht sagen, daß der Hauptzweck einer Heirat im Sex liegt, oder daß man nur ein Mitglied einer Spezies heiraten dürfe, mit der man physisch verwandt ist. Aber es muß doch eine Art von Wärme in einer Ehe geben. Wie kann man wahre Liebe empfinden gegenüber einer Hhinamor-Frau, die eigentlich aus sieben blaßblauen Reptilien besteht und ständig von einer Argon-Atmosphäre umgeben sein muß? Landy war wenigstens ein Säugetier und humanoid. Eine Suvornesen-Terraner-Verbindung kann natürlich nicht fruchtbar sein, doch in meinem tiefsten Inneren bin ich eine eher konventionelle Sorte Mensch und versuche Greuel zu vermeiden; wenn es nach mir geht, sollte man die Fortpflanzung einer Spezies denen überlassen, deren Aufgabe es ist, sich zu reproduzieren, und Sie können sicher sein, daß, wären unsere Chromosomen kongruent, ich mich niemals auf dieses Geschäft mit Landy eingelassen hätte. Eine Ehe ist eine Ehe, Fortpflanzung ist Fortpflanzung, und was hat das eine schon mit dem anderen zu tun?

Im Verlauf der subjektiv sechs Wochen unserer Reise amüsierten wir uns an Bord des Schiffes auf die verschiedenste Weise. Natürlich liebten wir uns sehr häufig. Wir gingen gravitationsschwimmen und spielten Paddel-Polo im Sternenclub. Wir führten uns bei anderen neuvermählten Paaren ein und bei einem neuvermählten Superpaar, das aus drei Banamonern und zwei Ghinoi bestand.

Und außerdem ließ Landy ihre Zähne austauschen, als besondere Überraschung für mich.

Auch Suvornesen haben Zähne, aber sie sehen nicht aus wie terranische, und warum sollten sie das? Es sind elegante, kleine, sich drehende Nadeln, ruhend auf rotierenden Sockeln, die ein Suvornese zum Aufspießen seiner Nahrung braucht, an der er dann von hinten mit seiner Zunge kratzt. Für suvornesische Verhältnisse sind sie sehr nützlich, und angesichts dessen, daß Landy eine Suvornesin war, fand ich sie bei ihr bemerkenswert attraktiv. Ich hätte nicht gewollt, daß sie sie sich austauschen ließ. Aber sie muß wohl irgendeinen versteckten Hinweis aufgeschnappt haben, daß ich ihre Zähne für anti-erotisch hielte oder so.

Vielleicht strahlte ich unbewußt tatsächlich einen tief empfundenen Widerwillen gegenüber ihrem fremdartigen Zahnarrangement aus, während ich mir doch ständig sagte, daß es reizend wirkte. Also könnte sie deswegen zum Dentalspezialisten des Schiffes gegangen sein und sich eine Handvoll terranischer Zähne besorgt haben.

Ich hatte nicht gewußt, wohin sie entschwand. Sie machte sich nach dem Frühstück auf, sagte, daß sie irgend etwas Wichtiges zu erledigen habe. Ahnungslos zog ich mir den Kiemenriemen über und ging schwimmen, derweil Landy dem Dentisten ihre schönen Zähne auslieferte. Er beseitigte die Sockel und implantierte eine Wurzelschicht aus Gummigewebe. Er meißelte neue Nervenbahnen in diesen synthetischen Ersatz. Er werkelte einen Satz Spenderzähne zurecht und pflanzte sie in die periodontischen Membranen ein und verband sie untereinander mit einem eiligen Aufstrich schnellhaftenden Zements. Der ganze Vorgang dauerte keine zwei Stunden. Als Landy zurückkam, stand die farbwechselfähige Haut auf ihrer Stirn kurz vor dem Umschlag ins Violette und wies somit auf einen enormen emotionalen Aufruhr hin; und ich fühlte meine Nervosität steigen.

Sie lächelte. Sie zog die Blütenblätter um ihren Nahrungsschlitz zurück. Und zeigte mir ihre neuen Zähne.

„Landy! Was, zum Teufel -!“

Bevor ich die Kontrolle über mich zurückgewann, zeigte jede meiner Poren Schrecken und Bestürzung. Und Landy zeigte Bestürzung über meine Bestürzung. Ihre Stirn durchraste alle Farben des sichtbaren Spektrums, badete mich in so viel Ultraviolett, daß es mich zu quälen begann, gerade weil ich es nicht sehen konnte, und ihre Blütenblätter hingen schlaff herab, und ihre Augen funkelten, und ihre Nüstern verengten sich.

„Du magst sie nicht?“ fragte sie.

„Ich habe das nicht erwartet – du hast mich überrascht –“

„Ich tat es für dich.“

„Aber ich mochte deine früheren Zähne doch“, protestierte ich.

„Nein. Nicht wirklich. Du hast dich vor ihnen gefürchtet. Ich weiß, wie ein Terraner küßt. Du hast mich nie so geküßt. Jetzt habe ich wunderschöne Zähne. Küß mich, Paul.“

Sie warf sich in meine Arme. Ich küßte sie.

Wir waren in unserer ersten emotionalen Krise. Sie hatte diese verrückte Sache mit ihren Zähnen nur gemacht, um mir zu gefallen, und nun gefiel es mir nicht, und das kränkte sie. Ich tat, was ich konnte, um sie zu beruhigen, nur forderte ich sie nicht auf, zurückzugehen und sich ihre alten Zähne wieder einsetzen zu lassen. Irgendwie hätte das alles noch viel schlimmer gemacht.

Es wurde eine schwere Zeit mit Landy und den terranischen Kloben in ihrem zarten kleinen Mund. Sie hatte einen makellosen Satz erhalten, sicher, strahlend elfenbeinerne Zähne; aber sie wirkten unpassend in ihrem Nahrungsschlitz, und ich mußte mich jedesmal niederringen, um nicht unangebracht zu reagieren, sobald sie ihren Mund öffnete. Wenn man eine alte gotische Kathedrale kauft, will man keinen Architekten, der die klassische Turmspitze durch wackelndes Bioplast ersetzt. Und wenn man eine Suvornesin heiratet, will man nicht, daß sie sich stückweise in eine Terranerin verwandelt. Wohin sollte das führen? Wenn Landy sich nun auch noch mit einem künstlichen Nabel versehen würde und ihre Brüste verändern ließe und –

Ein Glück, sie tat es nicht. Sie trug ihre terranischen Zähne etwa zehn Tage Schiffszeit, und keiner von uns nahm offen Notiz davon, und dann ging sie stillschweigend erneut zum Dentalspezialisten und ließ sich von ihm wieder einen Satz suvornesischer Zähne anpassen. Was das kostete! sagte ich mir. Ich machte keinerlei Anspielungen auf diesen Gesinnungswandel und hoffte, diese Episode als zeitweise Verirrung betrachten zu dürfen, die nun zu Ende war. Irgendwie hatte ich das Gefühl, daß Landy immer noch der Ansicht war, sie sollte terranische Zähne haben. Doch wir diskutierten es nie, und ich war glücklich, daß sie jetzt wieder wie eine Suvornesin aussah.

Sehen Sie, wie es so ist mit der Ehe?

Zwei Menschen versuchen sich gegenseitig zu gefallen, und damit haben sie nicht immer Erfolg, und manchmal bereiten sie einander sogar Schmerzen in ihrem besten Willen. Genau so war es mit Landy und mir. Aber wir waren reif genug, um die Große Zahnkrise zu überleben. Ein ähnlicher Zwischenfall hatte meine, ich glaube, zehnte oder elfte Ehe zu einer Katastrophe werden lassen. Man lernt derartige Unglücke zu vermeiden, wenn man über die entsprechende Erfahrung verfügt.

Wir mischten uns ziemlich oft unter die anderen Passagiere. Hätten wir Unterricht nehmen wollen, wie man eine Ehe nicht führt, wären sie uns sehr von Nutzen gewesen. Die uns am nächsten gelegene Kabine war von einem anderen verschiedenrassigen Paar bewohnt, das uns interessant genug erschien, um einige Zeit mit ihm zu verbringen; aber sehr schnell fanden wir heraus, daß uns ihre Gesellschaft nicht behagte. Sie machten sich gegenseitig etwas vor – auf wirklich häßliche Weise. Lassen Sie mich erzählen…

Die Frau war Terranerin – eine von der großen, lüsternen Sorte mit orangenem Haar und gesprenkelten Augäpfeln. Ihr Name war Marje. Ihr neuer Gatte war ein Lanamorianer, ein ungeschlachter Ochse von humanoider Gestalt mit runzeliger blauer Haut, vier ausfahrbaren Armen und einem Dreifuß anstelle von Beinen. Zuerst schienen sie sympathisch genug, zwei unruhige Naturen, interstellare Touristen, die schon überall gewesen waren und schon alles getan hatten und sich nun zu sechs Monaten der Seligkeit und Wonne entschlossen hatten. Doch nach kurzer Zeit bemerkte ich bereits, daß sie zueinander sehr scharf, geradezu grausam waren, auch in Gegenwart von Fremden. Sie waren darauf aus, sich zu verletzen.

Sie wissen doch, wie das so ist mit dem Sechs.Monats-Vertrag? Jede Seite verschreibt sich der anderen. Falls eine davon das Bündnis bricht und sich aus dem Staub macht, bevor der Vertrag legal abläuft, ist er schon dann verfallen. Nun, es kommt nicht oft vor, daß eine Ehe sich nicht über sechs Monate hält, und die Vertragspartner haben nur selten zu zahlen, um wieder voneinander loszukommen; wir sind eine sehr reife Zivilisation. Solche frühen Mißbräuche des Systems, eine Seite zu verlassen und dadurch die Wirksamkeit aufzulösen, sind schon vor langer Zeit ausgestorben.

Aber Marje und ihr lanamorianischer Gefährte standen kurz davor, zahlen zu müssen. Jeder von ihnen war nahe dem Vertragsbruch, und jeder arbeitete wie der Teufel, sich dem anderen noch verhaßter zu machen, in der Hoffnung, daß ihre Ehe recht bald zerbrechen möge. Als ich sah, was da vor sich ging, schlug ich Landy vor, daß wir uns irgendwo anders im Schiff nach Freunden umsahen.

Was zu unserer zweiten emotionalen Krise führte.

Als Teil ihrer Kampagne der gegenseitigen Verhaßtmachung entschieden Marje und ihr Männchen, ihre Ehe mit einem Schuß von Untreue zu beleben. Ich habe eine sehr altmodische Einstellung zum Ehegelübde, wissen Sie. Ich halte mich für verpflichtet, sechs Monate lang zu lieben, zu ehren und zu gehorchen, mit keinem noch so gleichgültigen Geplänkel nebenher; wenn ein Mann eine Ehe nicht monogam durchzustehen vermag, sollte er sich überlegen, ob er sich nicht ein neues Rückgrat einsetzen lassen will. Ich nahm an, daß Landy ebenso dachte. Ich irrte mich.

Wir saßen im Gemeinschaftsraum des Schiffes, wir vier, und ließen uns benebeln von halbflüssigen Ölen und wilden Estern, als Marje einen ersten Vorstoß auf mich unternahm. Sie ging nicht gerade zart vor. Sie strich über ihr Kleid, drückte meterweise Busen in mein Gesicht und sagte: „Wir haben ein herrlich großes Bett in unserer Kabine, Sweetheart.“

„Es ist noch nicht Bettzeit“, erwiderte ich.

„Wir könnten sie dazu machen.“

„Nein.“

„Sei ein Freund in der Not, Paulsie. Dieses Monster krault nun schon seit Wochen auf mir herum. Ich will wieder einmal von einem Terraner geliebt werden.“

„Das Schiff ist voll von Terranern, Marje.“

„Ich will dich.“

„Ich bin nicht brauchbar.“

„Hör auf! Du meinst, du hast nicht die Absicht, einer Gefährtin von Terra einen kleinen Gefallen zu erweisen?“ Sie erhob sich wogend, ein Haufen lüsternen Fleisches. In anstößiger Ausführlichkeit beschrieb sie mir ihre Intimitäten mit dem Lanamorianer und bat mich, ihr eine Stunde von eher konventioneller Machart zu gönnen. Ich blieb standhaft. Vielleicht, meinte sie, könnte ich ja für sie ein Simulakrum aufnehmen und es in ihr Bett schicken? Nein, nicht einmal das, sagte ich.

Schließlich wurde Marje zornig auf mich, weil ich ihr einen Korb gab. Ich glaube, sie war berechtigterweise über meinen Mangel an Ritterlichkeit verärgert, und wenn ich in diesem Augenblick nicht das Glück gehabt hätte, verheiratet zu sein, hätte ich ihr den erhofften Gefallen freudig erwiesen; doch wie die Dinge lagen, konnte ich nichts für sie tun, und deshalb kochte sie. Sie kippte mir einen Drink ins Gesicht und stolzierte aus dem Gemeinschaftsraum, und wenig später folgte ihr der Lanamorianer.

Ich blickte Landy an, die ich während des peinlichen Gespräches anzusehen sorgsam vermieden hatte. Ihre Stirn sackte durch zu einem Infrarot, was bedeutete, daß sie wahrhaftig weinte.

„Du liebst mich nicht“, klagte sie.

„Was?“

„Wenn du mich lieben würdest, wärst du mit ihr gegangen.“

„Ist das eine Art suvornesischen Brauchtums in Ehen?“

„Natürlich nicht“, schniefte sie. „Wir sind nach terranischem Recht verheiratet. Es ist terranisches Brauchtum unter Eheleuten.“

„Wie kommst du darauf, daß –“

„Irdische Männer sind untreu gegenüber ihren Frauen. Das weiß ich. Ich habe darüber gelesen. Jeder Ehemann, der etwas auf seine Frau hält, betrügt sie hin und wieder. Aber du –“

„Du bringst da etwas durcheinander“, sagte ich.

„Das tue ich nicht! Nein!“ Sie war dem Zusammenbruch nahe. Mild versuchte ich ihr auseinanderzusetzen, daß sie zu viele historische Romane gelesen habe, daß Ehebruch schon seit langem aus der Mode sei, so daß ich, indem ich Marje einen Korb gab, ihr, Landy, die Festigkeit meiner Liebe zu meiner Frau demonstriert hatte. Landy wollte es mir nicht abkaufen. Sie wurde immer verwirrter und aufgebrachter, verhedderte sich in sich selbst und zitterte vor Elend. Ich tröstete sie auf alle Arten, die ich mir vorstellen konnte. Allmählich wurde sie wieder ruhig, aber ihre schlechte Laune blieb. Ich begann zu erkennen, daß die Heirat mit einer Fremdrassigen einiges an Verwicklungen mit sich brachte.

Zwei Tage später unternahm Marjes Gatte einen Vorstoß auf sie.

Ich verpaßte die einleitende Phase. Ein Schwarm Energiegloben hatte sich dem Schiff hinzugesellt, und ich hielt mich mit den meisten anderen Passagieren bei der Sichtwandung auf und beobachtete die graziösen Kreiselbewegungen dieser Bewohner des Hyperraums. Anfangs begleitete mich Landy noch; doch sie hatte bereits so oft Energiegloben gesehen, daß sie sie langweilten, und so sagte sie mir, sie würde, solange sich alles hier drängte, für eine Weile zu den Glimmertanks hinuntergehen. Ich entgegnete, daß ich sie dort später treffen würde. Und schließlich machte ich mich auf den Weg. Es waren etwa ein Dutzend Lebewesen in den Tanks; sie zogen blau funkelnde Spuren durch die leuchtende, grüngelbe Flüssigkeit. Ich stand an einer Ecke und sah mich nach Landy um, doch kein Angehöriger ihrer Art befand sich in meiner Nähe.

Und plötzlich erblickte ich sie. Sie war nackt, und das Polychromwasser rann an ihr herab, so daß sie wohl wenige Minuten zuvor aus dem Tank gekommen sein konnte. Der grobschlächtige Lanamorianer war bei ihr und bemühte sich offensichtlich, sie zu belästigen. Er befingerte sie auf verschiedenste Weise, und Landys Spektrum zeigte ihre Bedrängnis.

Natürlich schickte ich mich an, sie zu erretten. Aber es war schon nicht mehr nötig.

Erinnern Sie sich an das Märchen von mir, wonach Landy zerbrechlich sein sollte, puppengleich, empfindlich wie Porzellan? Sie war es, wissen Sie. Kaum vierzig Kilo Frau, und nicht ein Knochen in ihrem Leib, den wir als Knochen bezeichnen würden – lauter Knorpel. Und schüchtern, sensibel, leicht in Unruhe zu versetzen durch ein unfreundliches Wort oder eine mißverständliche Bemerkung. Zusammengenommen: abhängig von einem Mann, zu jeder Zeit. Nicht wahr? Von wegen! Auch Haie, genau wie Suvornesen, haben nur Knorpel an Stelle von Knochen, aber vierzig Kilogramm Hai brauchen selten Hilfe, wenn sie sich verteidigen zu müssen glauben. Genausowenig Landy.

Suvornesen sind behend, umsichtig, blitzschnell und stabiler als sie aussehen, wie es schon Jim Owens herausgefunden hatte, als er bei meiner Hochzeit Landys Schwester küßte. Auch der Lanamorianer fand es nun heraus. In dem Zeitraum, da ich erspähte, wie er Landy plagte, und ich sie endlich erreichte, hatte sie ihm drei Arme verrenkt und ihn zu Boden geschnippt, wo er seine dreibeinige Stütze von sich streckte und stöhnte. Landy, nett und aufregend anzusehen, küßte mich.

„Was ist passiert?“ fragte ich.

„Er machte mir einen obszönen Antrag.“

„Du hast ihn ja völlig ruiniert, Landy!“

„Er ärgerte mich ganz furchtbar“, sagte sie, obwohl sie längst nicht mehr verärgert aussah oder sprach.

Ich sagte: „War es nicht erst vorgestern, daß du mir vorwarfst, ich würde dich nicht mehr lieben, nur weil ich auf Marjes obszönen Antrag nicht eingegangen bin? Du bist nicht sehr beständig, Landy. Wenn du der Ansicht bist, daß Untreue wichtig sei für eine terragemäße Ehe, solltest du ihn nicht dermaßen zugerichtet haben, oder?“

„Terranische Gatten sind untreu. Terranische Gattinnen haben keusch zu sein. Man nennt es die doppelte Moral.“

„Die was?“

„Die doppelte Moral“, erwiderte sie, und sie begann es mir zu erklären. Ich hörte ihr eine Weile zu, dann mußte ich lachen über ihre süßen, arglosen Worte.

„Du bist reizend“, sagte ich.

„Du bist furchtbar. Was für eine Art Frau, meinst du, bin ich? Wie kannst du es wagen, mich zu ermutigen, daß ich dich betrüge?“

„Landy, ich – “

Sie hörte nicht. Sie stampfte von dannen, und schon waren wir mitten in unserer dritten emotionalen Krise. Die arme Landy hatte sich vorgenommen, eine tadellose terranische Ehe zu führen, und sie nahm Anstoß daran, wenn ich Einwände erhob. Für den Rest der Woche war sie sehr kühl zu mir, und auch später schienen die Dinge niemals mehr ganz wie zuvor zu sein. Ein Abgrund hatte sich zwischen uns aufgetan – oder besser, der Abgrund war schon immer dagewesen, und es wurde ständig schwerer, so zu tun, als würde er nicht existieren.

Nach sechs langen Wochen des Mißverstehens landeten wir.

Unser Ziel war Thalia, der Planet der Flitterwöchner. Ich hatte bereits ein halbes Dutzend früherer Flitterwochen dort verbracht; aber Landy war er noch nicht bekannt gewesen, also hatte ich ihn für einen weiteren Besuch ausgewählt. Thalia ist, wie Sie ja wissen, ein von seiner Größe optimaler Planet mit der eineinhalbfachen Masse der Erde, von ebensolcher Dichte und Schwerkraft sowie einer Vielzahl farbenfroher Monde, die wie für Liebende geschaffen zu sein schienen; Tag und Nacht sind sie sichtbar. Der Himmel ist leuchtend grün, die Vegetation ein tanninfarbenes Gelborange und die Luft erfrischend wie ein kühler Trunk.

Der Ort ist im Besitz eines Kartells, das auf dem trockenen nördlichen Kontinent unveredelte Metalle fördert, gewaltige Innereien auch im Osten zu Tage zerrt, an einer Stelle, wo sich einst ein tropischer Regenwald befand und sich nun eine Tafel von enormen Ausmaßen erstreckt, und das, auf einem noch einmal halb so großen Kontinent wie dem nördlichen, im westlichen Ozean gelegen, einen gigantischen Treffpunkt für Jungvermählte unterhält. Er ist so etwas wie eine galaktische Vergnügungsfarm; der Stab setzt sich weitestgehend aus Terranern zusammen, und die Kundschaft kommt von überall her aus dem Kosmos. Es lassen sich Wunder vollbringen mit einem unbewohnten bewohnbaren Planeten, wenn man ihn nur auf die richtige Weise zu nutzen versteht.

Landy und ich befanden uns auf der kalten Seite des Planeten, als wir das Sternenschiff verließen und in einem Behältnis zu unserer Flitterwöchner-Kabine katapultiert wurden. Doch sie erwärmte sich übergangslos, kaum daß wir den Zauber der Umgebung erkannten. Wir hatten uns niedergelassen in einem schwebenden, aus einem Stück gearbeiteten Ballon, der hundert Meter über dem Hauptgebäude verankert worden war. Es war die totale Isolation, die die meisten Flitterwöchner so heiß erflehten. (Ich weiß, es gibt Ausnahmen.)

Wir arbeiteten hart, um uns unseres Aufenthalts auf Thalia erfreuen zu können.

Wir ließen uns in einem pterodactylartigen Drachen verplomben, der uns während eines Ausfluges über den ganzen Kontinent trug. Wir schlürften bei einer Spontan-Fete Radoncocktails. Wir mampften Algensteaks über knisterndem Feuer. Wir schwammen. Wir jagten. Wir fischten. Wir liebten uns. Wir räkelten uns unter der freundlichen Sonne, bis meine Haut haselnußbraun wurde und Landys die Farbe feinen Ochsenblut-Porzellans annahm, das geradewegs aus Kang-hsi zu kommen schien. Wir hatten eine herrliche Zeit, trotz des ausgedehnten Netzwerks an Spannungen, das unserer Beziehung noch immer zugrunde lag.

Alles ging gut, bis Bronco ausbrach.

Eigentlich war es kein Wildpferd, und doch nannten wir ihn Bronco. Es war ein vesilianischer Vierbeiner von ungeheurer Größe, blau mit orangenen Streifen, einem dicken, mörderischen Schwanz und beängstigenden Zähnen – eine etwa zwei Tonnen schwere, bösartige Bestie. Sie hielten sie in einem Corral an der Rückseite einer der Protonenquellen, und von Zeit zu Zeit verkleideten sich Angehörige des Stabes als Cowboys und improvisierten Rodeos für die Gäste. Es war unmöglich, dieses Untier zu bezwingen, und niemand konnte ihm länger als zehn Sekunden widerstehen. Es hatte bereits einige Unglücksfälle gegeben, und einmal war eine Hand so schlimm zugerichtet worden, daß ihr Besitzer an der Verwundung gestorben war; sie besaßen einfach nicht genug Gewebe, um die Hand in der Zentrifuge regenerieren zu können.

Landy war von der Bestie fasziniert. Fragen Sie mich nicht, warum. Sie schleppte mich zum Corral, wann immer eine Vorführung angekündigt wurde, und verfolgte begeistert, wie die Cowboys herumgewirbelt wurden. Sie stand auch wieder bei der Einzäunung, als eines Tages die Bestie ihren Reiter abwarf, über die Stränge schlug, sich vom Gängelband einiger Sicherer losriß und das Weite suchte.

„Tötet sie!“ begannen die Leute zu schreien.

Doch niemand war bewaffnet, mit Ausnahme der Cowboys, und die befanden sich in den verschiedensten Stadien der Unordnung und Zerstörtheit, was sie hinderte, sinnvoll zu handeln. Der Vierbeiner säuberte den Corral mit einer Anzahl netter Sprünge, hielt einen Moment inne, um einen Grünschnabel über den Zaun zu hebeln, hüpfte noch einige Dutzend Meter weiter und blieb abermals stehen, scharrte im Boden und überlegte, was es als nächstes zu tun gälte. Er wirkte hungrig.

Ihm gegenüber standen etwa fünfzig junge Ehemänner, die, wenn sie eine Möglichkeit suchten, ihren Bräuten zu zeigen, was für außerordentliche Helden sie doch waren, hier die Chance ihres Lebens finden würden. Sie brauchten nur nach einem der Strahler zu greifen, die die ramponierten Cowboys trugen, und die Bestie fertigmachen, bevor sie über das ganze Hotel herfiel.

Es waren keine Helden unter ihnen. Alle Ehemänner rannten. Einige schnappten sich ihre Frauen, die meisten verzichteten darauf. Auch ich wollte davonrennen, wenn ich auch, dies sei zu meinem Vorteil erwähnt, beabsichtigte, Landy mit mir zu nehmen. Ich sah mich nach ihr um, konnte sie augenblicklang nicht finden und erblickte sie dann in unmittelbarer Nachbarschaft der schnaubenden Bestie. Sie griff nach der Decke, die von ihrem Rücken hing, und setzte sich auf sie, knapp hinter der Mähne. Die Bestie bäumte sich auf und stampfte. Landy klammerte sich fest; sie wirkte wie ein Kind auf diesem mächtigen Rücken. Nun zog sie sich nach vorn. Sie drückte ihren Nahrungsschlitz gegen das Fell des Tieres. Ich stellte mir die Dutzenden winziger Nadeln vor, die nun über die undurchlässige Haut bürsteten.

Das Tier wieherte mehr oder weniger, entspannte sich und trottete sanftmütig zum Corral zurück. Landy brachte es dazu, über den Zaun zu springen. Einen Augenblick später banden es die überraschten Cowboys, jene, die noch funktionsfähig waren, sicher an. Landy stieg herab.

„Als ich ein Kind war, habe ich ein solches Tier jeden Tag geritten“, erklärte sie mir feierlich. „Ich weiß, wie man sie behandelt. Sie sind weniger gefährlich, als sie aussehen. Und, oh, es war schön, wieder einmal auf einem zu sitzen!“

„Landy“, sagte ich.

„Du siehst verärgert aus.“

„Landy, da hast du etwas sehr Dummes getan. Du hättest getötet werden können.“

„O nein, auf gar keinen Fall.“ Trotzdem begann ihr Spektrum alle Extreme durchzumachen. „Es bestand nicht das geringste Risiko. Nur gut, daß ich wieder meine alten Zähne habe, obwohl –“

Ich stand kurz vor dem Zusammenbruch, eine wohl verständliche Reaktion. „Tu so etwas niemals wieder, Landy.“

Sanft fragte sie: „Warum bist du so zornig? O ja, ich weiß. Bei den Terranern tut eine Frau so etwas nicht. Es war eine Männerrolle, die ich spielte, nicht wahr? Vergibst du mir? Ja?“

Ich vergab ihr. Aber es brauchte drei Stunden unablässigen Redens, bis ich ihr jegliche moralischen Schwierigkeiten auseinandergesetzt hatte. Gegen Ende kamen wir schließlich überein, daß, wenn etwas Ähnliches noch einmal passieren sollte, Landy es mir überlassen würde, die Bestie zu besänftigen.

Es brachte mich nicht um. Ich durchlebte glücklich die Flitterwochen und die folgende Zeit. Die sechs Monate verstrichen; der geschlossene Bund lief ab, und unsere Ehe fand automatisch ein Ende. Dann, wir waren kaum wieder allein, wandte sich Landy an mich und äußerte zärtlich den schockierendsten Vorschlag, der mir je untergekommen ist.

„Heirate mich erneut“, sagte sie.

Wir kennen so etwas nicht. Sechs-Monats-Liebschaften sind ihrer Natur gemäß nur vorübergehend, und wenn sie enden, enden sie eben. Ich liebte Landy wirklich, aber ihre Absicht jagte mir einen Schauer über den Rücken. Jedenfalls erklärte sie mir, wie sie sich das dachte, und ich hörte ihr mit ständig wachsender Sympathie zu, und schlußendlich gingen wir zum Standesbeamten und machten einen neuen Sechs-Monats-Vertrag rechtsgültig.

Diesmal kamen wir jedoch überein, uns aufgrund suvornesischer, nicht terranischer Sitten aneinander zu binden. Somit waren diese zwei Ehen zwar nicht aufeinanderfolgend im Geist, wohl aber in der verstreichenden Zeit. Und suvornesische Ehen sind sehr verschieden von terranischen.

Inwiefern?

In einigen Monaten werde ich mehr darüber wissen. Landy und ich wollen morgen nach Suvorna abfliegen. Ich habe meine Zähne in Ordnung bringen lassen, um ihr zu gefallen, und es ist recht sonderbar, mit einem Mund voll dünner Nadeln herumzulaufen, aber ich denke, ich werde mich daran gewöhnen. Man muß mit Unannehmlichkeiten fertig werden im gegenseitigen Geben und Nehmen einer Ehe. Landys fünf Schwestern kehren mit uns in ihre Heimat zurück. Elf weitere Schwestern warten bereits dort. Nach suvornesischem Brauch bin ich mit allen siebzehn zugleich verheiratet, unabhängig davon, ob sie noch andere Verbindungen eingegangen sind oder nicht.

So ist meine einundneunzigste Braut also gleichzeitig meine zweiundneunzigste, und es warten noch siebzehn von ihrer Sorte auf mich, zart, schwach nach Melasse duftend, goldäugig und schlank. Ich kann Ihnen beim besten Willen nicht sagen, wie diese Ehe werden wird.

E N D E

Aufmerksamen Lesern, die sich der NWO-Propaganda und ihrer Ziele schon einigermaßen bewußt sind, wird sicherlich aufgefallen sein, welche Agenda Silverberg hier wieder einmal betreibt. Ein weiteres Beispiel dafür ist sein Science-Fiction-Roman „Nach all den Jahrmilliarden“, den Deep Roots in seinem nachfolgend zitierten Kommentar Nr. 2 zu Jonathan Pyles „Star Trek und die multirassische Zukunft“ renzensiert:

Kürzlich habe ich nach langer Zeit wieder einmal den SF-Roman „Nach all den Jahrmilliarden“ (Across a Billion Years, 1969, deutsch 1982) von Robert Silverberg gelesen, der mir seinerzeit recht gut gefallen hat. Rein als SF-Geschichte gefällt er mir immer noch, aber aus meiner heutigen Sicht fallen mir doch etliche Dinge negativ auf, und da sie zu dem passen, was Jonathan Pyle im obigen Artikel schreibt, ist hier der geeignete Ort, um darüber zu berichten (Warnung: Dies wird ein sehr l a n g e r Kommentar).

Der Roman spielt im Jahr 2375, und der Ich-Erzähler ist ein junger Archäologe namens Tom Rice, der an einer Raumexpedition zum Planeten Higby V teilnimmt, wo die Überbleibsel einer Superzivilisation (der sogenannten “Erhabenen”) erforscht werden sollen, die vor etwa einer Milliarde Jahre die Galaxis beherrschte.
Tom Rice erzählt die Geschichte in Form von “Hörbriefen” die er für seine Schwester aufnimmt, und gleich am Anfang äußert er sich über das archäologische Team, mit dem er unterwegs ist:

“Wie du vielleicht vermutest, sind wir eine rassisch gemischte Mannschaft. Die Liberalen mußten ihre Willen durchsetzen. Und somit ist uns das Quotierungssystem auferlegt worden: Unsere Gruppe umfaßt sechs Terraner, einschließlich eines Androiden, und fünf ausgewählte Repräsentanten von fünf anderen intelligenten Spezies der Galaxis. Nun, du weißt, ich bin nicht voreingenommen. Mir ist es gleich, wie viele Augen, Tentakel, Eßöffnungen oder Fühler irgendein Lebewesen zufälligerweise ein eigen nennt – solange es seine Arbeit versteht. Es paßt mir nur nicht, jemanden dabeizuhaben, der fachlich unterqualifiziert ist und nur der rassischen Ausgewogenheit willen einer Expedition zugeteilt wird.”

Hier holt Silverberg seine Leser “dort ab, wo sie stehen”, in dem er seinen Protagonisten dieselben Vorbehalte gegen “Affirmative Action” äußern läßt, die diese wohl auch hegen (wohlgemerkt, der Roman wurde 1969 verfaßt!). Tom Rice motzt zunächst über die Androidin Kelly Wachmann, einen im Bottich gezüchteten Kunstmenschen, von der er unter anderem sagt:

“Kern der Sache ist, daß sich Kelly Wachmann an Bord dieses Schiffes befindet, weil sie einer unterdrückten Minderheit angehört, und nicht deswegen, weil sie ein hervorragender Operateur von Unterdruck-Bohrköpfen ist.”

Die nichtmenschlichen Teammitglieder kommen bei ihm teilweise besser weg; zwei davon seien hier beispielhaft genannt:

– Mirrik von Dinamon IX, der in Gestalt und Größe einem Nashorn ähnelt, nur daß er außer den vier Beinen auch zwei Arme hat sowie Stoßzähne im Unterkiefer und eine blaue Haut;
– Dr. Horkkk vom Planeten Thhh, einer der drei Chefs, der einem Menschen nur bis zur Hüfte reicht, vier Arme, vier Beine, drei Augen und zwei Münder hat (einen zum Essen, einen zum Sprechen).

Über eine menschliche Frau im Team sagt unser Held zunächst:

“Der dritte Lehrling ist auch keine Leuchte. Es ist eine Blondine namens Jan Mortenson mit einem B.S. der Stockholmer Universität. Sie hat eine reizende Figur und eine Menge großer weißer Zähne. Sie scheint recht nett zu sein, aber nicht sonderlich gescheit. Ihr Vater ist irgendein hohes Tier in Zentralgalaxis, und das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum sie dieser Expedition zugeteilt wurde.”

Zu Professor Leroy Chang merkt er an: “Leroy behauptet, Chinese zu sein, aber seine Gene sind genauso gemischt wie die aller anderen Menschen der Erde, und er sieht nicht chinesischer aus als ich. Er hat rotes Haar, eine Art kastanienbraune Haut und eine tiefe Stimme.”

Antidiskriminierungs- und Diversitykram samt Kritik an den menschlichen (lies: westlichen) Gesellschaftsnormen kommt über den ganzen Roman hinweg verteilt vor; als Beispiel dafür zitiere ich hier ein „kompliziertes moralisches Problem“ das sich ergibt, nachdem die Expedition auf Higby V gelandet ist und ihre Unterkünfte aufgestellt hat:

„Das Problem ging auf die Tatsache zurück, daß sich im Inneren der Aufblashütten keine Trennwände befanden und folglich auch keine Privatsphäre existierte. Unter uns befanden sich zwei unverheiratete Erdenmenschen weiblichen Geschlechts, und entsprechend dem albernen sozialen Tabu wäre es unmoralisch und ungebührlich, Jan und Kelly bei den Männern schlafen zu lassen. (Der Umstand, daß Kelly überhaupt keinen Wert auf eine Privatsphäre legte, ist unbedeutend, da Androiden die Gleichbehandlung gegenüber menschlichen Wesen aus Fleisch und Blut beanspruchen, einschließlich des Rechts, unsere Neurosen zu teilen. Kelly besitzt den uneingeschränkten Status einer vollwertigen, menschlichen Frau, und sie anders zu behandeln, hieße, sich der Rassendiskriminierung schuldig zu machen, nicht wahr?)
Die Lösung, die Dr. Schein vorschlug, sah folgendermaßen aus: Alle Männer – er selbst, Leroy Chang, Saul Shahmoon und ich – sollten in einer Aufblashütte unterkommen und Jan und Kelly in der anderen. In Ordnung, das wurde den elementaren Anstandsformen gerecht, aber…
Jan und Kelly würden dadurch bei den Aliens schlafen müssen, und einige von ihnen waren männliche Vertreter ihrer Spezies […]. Ich vermute, die verkalkten Moralapostel auf der Erde gerieten ganz aus der Fassung bei der Vorstellung, Jan und Kelly zögen sich vor den Augen irgendwelcher Männer an und aus – selbst wenn es sich dabei um Aliens handelte. (Jedenfalls würden sie sich wahrscheinlich über Jan aufregen; über die Lebensumstände von Androiden scheinen sich diese bornierten Typen keine Gedanken zu machen.) Das war es jedoch nicht, was Dr. Schein Sorgen machte. Er wußte, daß Kelly keine moralischen Blockaden besitzt. Und daß Jan, während sie die üblichen Tabus in Hinsicht auf die vier menschlichen Männer beachtet, überhaupt nicht damit rechnet, daß Pilazinool oder Dr. Horkkk oder Mirrik vielleicht eine Bedrohung ihrer Tugend darstellten. Statt dessen machte er sich Sorgen darüber, die Aliens könnten sich beleidigt fühlen. Wenn Jan die Bekleidungstabus zwar uns, aber nicht ihnen gegenüber beachtete, konnte dies dann nicht so ausgelegt werden, als bedeutete es, sie betrachtete sie als minderwertige Lebensformen? Sollte sich ein Mädchen nicht allen intelligenten Lebensformen gegenüber sittsam verhalten – oder niemandem? Wo ist in diesem Fall die Gleichheit der galaktischen Rassen, von der man so viel spricht?“

Erst nachdem die menschlichen Teammitglieder das Problem Dr. Horkkk vortragen, worauf dieser vor Erheiterung seine Arme verknotet und erklärt, daß sich keiner der Nichtmenschen beleidigt fühlen werde, wenn die jungen Damen ihnen gegenüber nicht die angemessene Zurückhaltung zukommen ließen, sehen sie sich von ihren Gewissensnöten entbunden. Tom Rice:

„Und damit war das Problem gelöst. Zu was für einem Haufen von Verrückten wir Terraner doch bei solch überkommenen Schwachsinnigkeiten werden können!“

Muß ich noch dazusagen, daß auch das Behindertenthema eine wiederkehrende Rolle hat in Gestalt von Toms Schwester, die zwar Telepathin ist, aber aufgrund eines auch im vierundzwanzigsten Jahrhundert nicht heilbaren Rückenmarkleidens nicht gehen kann und daher ihr ganzes Leben im Bett verbringen muß, ohne Aussicht auf ein normales Leben, Romanzen und dergleichen, was unseren Helden in ständige Gewissensnöte und Mitleidsanwandlungen und Scham wegen des Mitleids stürzt?

Nun überrascht es uns auch nicht mehr, daß unser Tom nach und nach zu der Ansicht kommt, daß seine außerirdischen Teamkameraden entgegen seiner ursprünglichen Vorbehalte doch ganz in Ordnung sind, und als er der blonden Jan Mortenson näherkommt (deren kognitive Fähigkeiten er inzwischen auch viel positiver sieht), entdeckt er an ihr Dinge, die er seiner Schwester wie folgt schildert:

„Weißt du, warum ich jetzt interessierter an Jan bin, als ich es zu Beginn dieser Expedition war?
Nein, du Neunmalkluge, nicht deswegen, weil ich nach all diesen Wochen in arge Bedrängnis gerate. Sondern deshalb, weil sie mir letzte Woche erzählt hat, daß sie zum Teil nichtmenschlich ist. Ihre Großmutter war Brolagonianerin. Irgendwie macht sie das ungewöhnlicher. Und begehrenswerter, als wenn sie nur eine gewöhnliche Schwedin wäre. Ein wenig Exotik hat mich schon immer fasziniert.

Brolagonianer sind humanoide Aliens, wie du weißt. Sie haben eine glänzende graue Haut und mehr Zehen und Zähne als wir. Sie sind eine von rund sechs oder sieben Fremdrassen in der Galaxis, die sich aufgrund einer fast genau parallel verlaufenden Evolution erfolgreich mit dem Homo sapiens kreuzen können. Um eine erfolgreiche Vermehrung möglich zu machen, sind zahlreiche DNA-Manipulationen und andere Gentechniken erforderlich, aber es kann bewerkstelligt werden, und es ist bewerkstelligt worden, trotz der Agitation der Liga für Rassenreinheit und anderer reaktionärer Gruppen.“

Jan hat dunkle Augen, statt der blauen, die dem blonden Haar entsprächen, weiters sechs Zehen an jedem Fuß sowie vierzig Zähne. Ihre inneren Organe sind auch ein wenig verschieden; so hat sie zum Beispiel keinen Dickdarm. Dafür besitzt sie das brolagonianische Muttermal, das genetisch dominant ist und bei allen Brolagonianern auftritt, auch bei Mischlingen; eine Art geometrisches Muster, das auf den Welten der Brolagonianer so gut wie ein brolagonianischer Paß ist. Tom zeigt sie es aber nicht, weil es sich „an einer peinlichen Stelle“ befindet.

Dieser schließt seinen Bericht mit den Worten:

„Also konnte ich ihr Muttermal nicht sehen. Aber es macht mich froh zu wissen, daß sie eins hat. Vielleicht hältst du mich für extravagant, aber ich bin sehr angetan von der Neuigkeit, daß Jan nicht ganz menschlich ist. Es erscheint mir so langweilig, sich nur auf die Mädchen der eigenen Spezies zu beschränken.“

Als sich die Notwendigkeit ergibt, Daten über eine wichtige Entdeckung zu einem Forschungszentrum auf dem Erdmond zu übertragen (per Telepathie, welche die einzige Art interstellarer Kommunikation darstellt), macht Tom Bekanntschaft mit einem der auf Higby V stationierten Telepathen, einem Israeli namens Nachman Ben-Dov, den er wir folgt beschreibt:

„Ben-Dov ist ein eigenartiger Mensch: etwa fünfzig Jahre alt, ergrauendes Haar, dickbäuchig, ein Gesicht, das dauernd rasiert werden müßte. Und er hat überhaupt nicht diesen Eroberer-der-Wüste-Ausdruck, den die meisten Israelis hervorzubringen versuchen. Hinter seinem schlampigen Äußeren aber ist er eisenhart. Wir unterhielten uns ein wenig. Er sagte mir, daß er bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr Israel nie verlassen habe, dafür aber weit im Landesinneren herumgekommen sei. Er ist in Kairo aufgewachsen, hat in Tel-Aviv und Damaskus studiert und auch Amman, Jerusalem, Haifa, Alexandria, Bagdad und all die anderen bedeutenden israelischen Städte besucht. Dann verspürte er das Verlangen, auf Reisen zu gehen, und er verpflichtete sich zum TP-Dienst für den Ben-Gurion-Kibbutz auf dem Mars. […] Mirrik, der sich sehr für Religionen interessiert, wurde ganz aufgeregt, als er herausfand, daß Ben-Dov Israeli ist. ‚Erzählen Sie mir etwas über die ethischen Werte des Judentums!’ dröhnte der gewaltige Dinamonianer ungeduldig. ‚Ich selbst bin Paradoxist; ich habe viele der irdischen Glaubensbekenntnisse studiert, aber einem richtigen Juden bin ich noch nie begegnet. Die Lehren von Moses über…’
‚Es tut mir leid’, sagte Nachman Ben-Dov sanft. ‚Ich bin kein Jude.’
‚Aber Israeli, nicht wahr? Ist das nicht die jüdische Nation der Erde?’
‚Es gibt eine ganze Menge Juden in Israel,’ sagte Ben-Dov. ‚Meine Religion aber ist der Authentische Buddhismus. Vielleicht haben Sie von meinem Vater gehört, dem Führer der Israelischen Buddhisten-Gemeinde: Mordecai Ben-Dov?’ […] Das ist das Problem mit der Ausbreitung einer globalen Kommunikation: Stammesgefüge fallen auseinander. Plötzlich hat man Authentische Buddhisten in Israel, Mormonen in Tibet, Reformierte Methodisten-Baptisten am Kongo und so weiter.“

Tom Rice fragt ihn, ob er die telepathischen Übertragungen so einrichten könnte, daß sie über seine Schwester als Relais laufen, und ihr dabei eine Privatbotschaft von ihm ausrichten möchte (was natürlich höchst illegal wäre) – ein Ansinnen, das Ben-Dov entrüstet zurückweist („So wie Nachman Ben-Dov mich ansah, hätte man glauben können, ich hätte gerade vorgeschlagen, Israel solle Ägypten, Syrien und den Irak an die Araber zurückgeben.“)

Da haben wir also eine galaktische Zivilisation, die von einer Stelle namens „Zentralgalaxis“ (wo immer das ist) aus regiert wird und der auch eine ganze Reihe nichtmenschlicher Spezies angehören. Die Menschen haben sich genetisch so vermischt, daß man vom Aussehen her nicht mehr sagen kann, von welchen Vorfahren jemand abstammt. Aber es gibt noch als solche erkennbare Israelis (auch wenn nicht mehr alle davon auch “religiös Juden sind”) und Araber, und eine jüdische Nation Israel, eigentlich ein Groß-Großisrael, das vom Niltal bis Mesopotamien reicht und Kolonien auf dem Mars hat…

Auf dem Weiterflug zum nächsten Forschungsziel lernt Tom die Androidin Kelly Wachmann näher kennen, die sich in der Bordbibliothek zu ihm setzt, um den Nachstellungen des notgeilen Leroy Chang zu entkommen. Natürlich wird bei dem sich daraus ergebenden Gespräch das Verhältnis zwischen Menschen und Androiden ausführlich durchgekaut, was Silverberg wieder jede Menge Gelegenheit gibt, Bezüge zu Minderheitenfragen der Vergangenheit einzubauen:

„Wir fühlen uns euch gegenüber gleichzeitig über- und unterlegen, Kelly. Und das ist der Grund, warum so viele von uns euch nicht mögen und euch mißtrauen.“
Sie dachte darüber nach. „Wie kompliziert ihr natürlich Gezeugten doch sein könnt! Warum müßt ihr euch so viele Gedanken über Unter- oder Überlegenheit machen? Warum akzeptiert ihr nicht einfach alle Besonderheiten und konzentriert euch auf wirklich wichtige Dinge?“
„Weil es in der Natur des Menschen liegt“, sagte ich, „das eigene Licht dadurch über den Scheffel zu stellen, indem man jemand anderes heruntermacht. Früher waren die Juden oder Neger oder Chinesen oder Katholiken oder Protestanten die Opfer oder irgend jemand anders, der sich zufälligerweise von den anderen Leuten in seiner Umgebung unterschied. Diese Art der Diskriminierung ist heute nicht mehr möglich, hauptsächlich deshalb, weil sich die Rassen und Religionen und Gebräuche auf der Erde so miteinander verknüpft und vermischt haben, daß ein Computer notwendig wäre, um zu ermitteln, wem gegenüber man aufgrund seiner Herkunft Vorurteile entwickeln könnte. Jetzt haben wir Androiden. Es ist haargenau dasselbe. Ihr Androiden lebt länger als wir, ihr habt attraktivere Körper, ihr seid uns in vielen Dingen überlegen, aber wir haben euch erschaffen, und wenn wir auch neidisch auf euch sind, so finden wir doch Spaß daran, uns Androidenwitze zu erzählen, Androiden von unseren Gemeinschaften auszuschließen und solche Dinge. Eine Voraussetzung für diese Sache mit der Diskriminierung besteht darin, daß das Opfer zahlenmäßig schwächer als man selbst sein muß und daß es sich um jemanden handelt, den man insgeheim bewundert oder fürchtet. So glaubte man etwa, Juden seien tüchtiger als normale Leute, oder Neger seien anmutiger und agiler als normale Leute, oder Chinesen könnten härter arbeiten als normale Leute. Und so wurden Juden und Neger und Chinesen zugleich beneidet und verachtet. Bis sich die Gene soweit vermischt hatten, daß jeder einen Teil jedes anderen besaß und diese Denkweise somit überholt war.“

Hier fällt auf, daß zwar eine Reihe von Ethnien aufgezählt werden, die in der einen oder anderen Eigenschaft besser sind als die „normalen Leute“ (womit natürlich wir Weißen gemeint sind), aber nirgends eine Eigenschaft erwähnt wird, in der diese „normalen Leute“ besser sind als die anderen. Und natürlich sind es nur die „Normalen“, die Vorurteile haben und andere diskriminieren. Genauso steht bei Silverberg der Homo sapiens (die „Natürlichen“) stellvertretend für den europäischen Jetztzeitmenschen, also uns, denen er unsere angebliche Schlechtigkeit und Dummheit unter die Nase reiben will, wie man am weiteren Gesprächsverlauf sieht:

„Nun, vielleicht wachsen wir am Ende über unsere törichten Einstellungen den Androiden gegenüber hinaus“, sagte ich schwach.
Kelly lachte. „Und wann wird das sein? Du hast die Wahrheit gesagt: Voreingenommenheit ist Teil eures Wesens. Ihr Natürlichen seid so albern! Ihr durchstöbert das ganze Universum auf der Suche nach Leuten, die ihr verachten könnt. Ihr spottet über die Schwerfälligkeit der Calamorianer, ihr macht Witze über die Größe und den Geruch der Dinamonianer, ihr lacht über die Gebräuche der Shilamakka und Thhhianer und all der anderen extraterrestrischen Rassen. Ihr bewundert ihre ungewöhnlichen Talente und Fähigkeiten, aber insgeheim seht ihr von oben auf sie herab, weil sie zu viele Augen oder Köpfe oder Arme besitzen. Habe ich recht?“
Ich hatte den Eindruck, als glitte mir die Kontrolle über den Verlauf des Gesprächs aus den Händen. Ich hatte einfach nur wissen wollen, wie es ist, ein Android zu sein und einen so schwierigen Platz in der modernen Gesellschaft einzunehmen – doch statt dessen wurde ich in die Defensive gedrängt und versuchte, die blöde Voreingenommenheit zu rechtfertigen, die der Homo sapiens so schätzt.

Schämt euch, bereut, tut Buße und übt euch in Demut gegenüber den von euch Diskriminierten – und wisset, daß ihr eurer Torheit und Schlechtigkeit dennoch niemals ganz entkommen werdet, ebenso wie den Vorwürfen wegen früherer Geschichten (Erbsünde, irgendwer?). Und paart euch bloß nicht mit euresgleichen – Diversity ist cool!

Das ist Silverbergs zentrale Botschaft, die er dem überwiegend weißen Leser permanent um die Ohren haut, genauso wie es Hollywood in zunehmend deutlicher Weise schon seit etlichen Jahrzehnten tut. J. J. Abrams’ „Star Trek“ ist nur eines der neueren Elemente dieses Gehirnwäscheprogramms.

* * *

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Über Cernunnos

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