22. Juni 1941: Die Legende vom „Überfall“

Einmarsch in Sowjetunion

Von Carsten Fromm, erschienen in der Deutschen Militärzeitschrift (DMZ), Nr. 70 Juli – August 2009.

(Gefunden hier auf „As der Schwerter“)

Vor 20 Jahren öffnete der russische Autor Viktor Suworow die Büchse der Pandora: Hitler sei mit seinem Angriff auf die Sowjetunion 1941 Stalin nur kurz zuvorgekommen. Vor allem in Deutschland wurde dies von der etablierten Geschichtswissenschaft kategorisch zurückgewiesen. Nun versammeln sich erstmals neun russische Historiker und Publizisten in einem deutschsprachigen Buch, die Suworow Recht geben.

Der in Großbritannien lebende russische Autor Viktor Suworow löste vor etwa 20 Jahren mit seinem Buch „Der Eisbrecher: Hitler in Stalins Kalkül“ ein kleines Erdbeben in der Geschichtswissenschaft aus. Suworows These: Der sowjetische Diktator Josef Stalin habe, nachdem er der Sowjetunion zwischen 1939 und 1940 bereits das östliche Polen, Teile Finnlands, die baltischen Staaten Lettland, Estland und Litauen sowie Teile des erdölreichen Rumänien einverleibt hatte, Anfang der 1940er Jahre Vorbereitungen getroffen, Mittel- und Westeuropa zu überfallen. Der Pakt mit Hitler von August 1939 habe lediglich dazu gedient, den deutschen Reichskanzler für seine Militäroperation gegen Polen in Sicherheit zu wiegen. Hitler und die Westmächte sollten sich in einem langen Krieg gegenseitig aufreiben und schwächen, damit Stalin letztlich mit frischen Truppen das Deutsche Reich und ganz Westeuropa erobern könnte.

Fast über Nacht wurde Suworow, ein ehemaliger Agent des sowjetischen Militärgeheimdienstes GRU, der 1978 unter abenteuerlichen Umständen mit seiner Familie nach Großbritannien geflüchtet war, zu einem der international bedeutendsten „Revisionisten“.

Überfall oder Präventivschlag?

Was war der Angriff des Deutschen Reiches auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941? War es ein „kaltblütiger Überfall auf ein friedliebendes Land“, wie es in den deutschen Geschichtsbüchern steht, oder handelte es sich um einen Präventivschlag, um einer sowjetischen Militäroffensive zuvorzukommen?

Hierüber streiten sich Historiker nicht erst seit dem Ende der 1980er Jahre. Die Diskussion um dieses Thema gleicht mehr einem Glaubensstreit als einer fachhistorischen Debatte. Suworow, da selbst Russe, kommt in dieser Diskussion eine ganze besondere Rolle zu. Ihm kann man schwerlich vorwerfen, aus Parteinahme für die deutsche Seite zu agieren. Der Streit geht also weniger um die historischen Tatsachen, sondern darum, ob eine „Entlastung“ Hitlers im öffentlichen Diskurs überhaupt erlaubt ist. Während an den bundesdeutschen Universitäten und in Geschichtsbüchern Viktor Suworow so gut wie totgeschwiegen wird, ist in Rußland eine leidenschaftliche Debatte über die Thesen des Dissidenten entbrannt.

Dr. Dmitrij Chmelnizki gehört zu den Akteuren der Präventivschlag-Diskussion in Rußland. Bereits fünf Sammelbände veröffentlichte er in russischer Sprache, in denen sich Historiker, Journalisten und Publizisten aus aller Herren Länder – zumeist jedoch aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion – zu Wort melden und Viktor Suworows Thesen stützen. Nun hat der seit den 1980er Jahren in Berlin lebende Chmelnizki gemeinsam mit Suworow einen Sammelband in deutscher Sprache veröffentlicht („Überfall auf Europa: Plante die Sowjetunion 1941 einen Angriffskrieg?“), der es in sich hat. Neun Historiker, allesamt aus dem früheren sowjetischen Herrschaftsbereich, beteiligen sich an dem einzigartigen Projekt Chmelnizkis.

Karte 21 Juni 1941

Deutsch-sowjetischer Nichtangriffspakt

Prof. Dr. Dschamil Hasanly

Prof. Dr. Dschamil Hasanly

Unter diesen Historikern befinden sich gewichtige Namen wie der des aserbaidschanischen Geschichtswissenschaftlers Prof. Dr. Dschamil Hasanly, der in Baku lehrt. Hasanly untersucht in seinem Buchbeitrag „Stalins Griff nach den Schwarzmeerengungen“ die Rolle der Türkei vor Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges.

Dr. Alexander Pronin

Dr. Alexander Pronin

Der 1973 geborene russische Historiker Dr, Alexander Pronin widmet seinen Beitrag dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt. Pronin arbeitet als Dozent für Geschichte an der Universität Jekaterinburg. Nach seiner Analyse erhöhte der deutsch-sowjetische Vertrag nicht etwa die Sicherheit der Sowjetunion, sondern verringerte diese sogar, was durchaus in Stalins Kalkül gelegen habe. Beide Staaten besaßen nach dem Einmarsch in Polen eine lange gemeinsame Grenze. „Hierdurch wurde es für beide Seiten weitaus einfacher als je zuvor, die jeweils andere Seite anzugreifen, und zwar auch ohne Vorwarnung“, schreibt Pronin, der in seinem Beitrag Stück für Stück alle Argumente demontiert, die für die angeblich friedlichen Absichten Stalins sprechen.

Dr. habil. Irina Pawlowa

Dr. habil. Irina Pawlowa

Die russische Historikerin und Mitautorin Dr. Irina Pawlowa ist eine ausgewisene Stalinismus-Expertin, die bereits mehr als 150 Veröffentlichungen zur politischen Geschichte Rußlands publizierte. Sie war bis 2003 Fakultätsleiterin des Historischen Instituts in Nowosibirsk und hielt danach Vorlesungen vor allem in den USA. Pawlowa schreibt über die konspirativen Kriegsvorbereitungen Stalins. Stalins Verständnis vom „Sozialismus“ sei vor allem ein militärisches gewesen. Pawlowa zufolge gibt es keinerlei Zweifel an Stalins Expansionsplänen nach Europa, was sie anhand zahlreicher Fakten belegt.

„Hitler soll sich im Krieg erschöpfen“

Mischa Schauli

Mischa Schauli

Mischa Schauli, ein heute in Israel lebender ehemaliger russischer Polizeioberst, übersetzte Suworows Bücher ins Hebräische. Schauli präsentiert ein Dokument, das er im US-Nationalarchiv entdeckt hat. Es handelt sich dabei um ein am 20. November 1939 dem US-amerikanischen Generalkonsulat in Prag zugespieltes Protokoll einer Unterredung des sowjetischen Diplomaten Alexander Alexandrow mit Delegierten des „Komitees für die Befreiung der Tschechoslowakei“, die am 5. sowie am 12. Oktober 1939 stattgefunden haben soll. Alexandrow rechtfertigt den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt gegenüber den tschechoslowakischen Genossen. Hitlers Krieg solle Europa „erschöpfen“, danach „wird es uns wie eine reife Frucht in den Schoß fallen“, wird Alexandrow zitiert.

Prof. Dr. Maria Litowskaja

Prof. Dr. Maria Litowskaja

Die russische Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Maria Litowskaja widmet sich vor allem der kulturellen Mobilisierung für einen kommenden Krieg gegen Europa während der Stalinzeit und liefert beeindruckende Beispiele für die Militarisierung der Sprache und der Literatur der Sowjetunion, die die Menschen psychologisch auf einen Krieg gegen Europa einstimmen sollten.

Mark Solonin

Mark Solonin

Mark Solonin, Historiker aus Samara in Südrußland, widmet sich der Geschichte der wechselhaften sowjetisch-finnischen Beziehungen, die der Autor als „mystischen Thriller“ beschreibt. Solonin schildert Stalins Taktieren gegen Finnland, dessen Folge eine immer engere Zusammenarbeit des sozialdemokratisch regierten Finnland mit dem nationalsozialistischen Deutschen Reich war.

„Durchschlagender Erfolg“

Dr. Dschangir Huseinowitsch Nadschafow

Dr. Dschangir Huseinowitsch Nadschafow

Dr. Dschangir Nadschafow, Fakultätsleiter des Instituts für Allgemeine Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften, schreibt über das historisch-geopolitische Erbe des deutsch-sowjetischen Abkommens von 1939. Stalin, so Nadschafow, habe fast zwangsläufig einen dritten Weltkrieg in seine Überlegungen einkalkuliert – einen erfolgreichen Angriff auf Europa. Der Frieden nach dem 8. Mai 1945, der Kapitulation der deutschen Wehrmacht, sei für ihn lediglich eine Konsolidierungsphase vor dem kommenden Waffengang gewesen. Dies stünde, so Nadschafow, durchaus in der Tradition des deutschsowjetischen Abkommens, bei dem es ebenfalls nicht um einen dauerhaften Frieden, sondern lediglich um ein „Abwarten“ auf den richtigen Zeitpunkt gegangen sei.

Dr. Michail Meltjuchow

Dr. Michail Meltjuchow

Einer der streitbarsten und interessantesten Autoren dürfte aber der russische Historiker Dr. Michail Meltjuchow sein, der Stalins Position durchaus mit Wohlwollen betrachtet. Der Historiker arbeitete nach seiner Promotion als Leitender Mitarbeiter im Moskauer Russischen Forschungsinstitut für Dokumentations- und Archivwesen und gehört zu den renommiertesten russischen Geschichtswissenschaftlern der Gegenwart. Meltjuchow bezeichnet den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt als „durchschlagenden Erfolg der Sowjetdiplomatie“, da es Stalin dadurch gelungen sei, sich einerseits aus dem europäischen Krieg herauszuhalten, ihm andererseits aber eine „zusätzliche Bewegungsfreiheit in Osteuropa sowie erheblichen Raum zum Manövrieren zwischen den kriegführenden Mächten“ sicherte. Stalin sei mit seinen Angriffsplanungen gegen das Deutsche Reich lediglich zu langsam gewesen, so daß ihm Hitler zuvorkommen konnte.

Am 23. August 1939 unterzeichnen in Moskau der sowjetische Außenminister Wjatscheslaw Molotow (sitzend) und Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop (links neben Josef Stalin) den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt.

Am 23. August 1939 unterzeichnen in Moskau der sowjetische Außenminister Wjatscheslaw Molotow (sitzend) und Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop (links neben Josef Stalin) den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt.

Mit Chmelnizkis und Suworows Sammelband haben nun auch erstmals deutsche Leser die Möglichkeit, sich über den wissenschaftlichen Diskussionsstand in Rußland zu informieren. Und auf diese lebhafte und leidenschaftlich geführte Diskussion kann man aus der Bundesrepublik Deutschland nur voller Neid blicken.

* * *

Ende des Artikels von Carsten Fromm. Hier sind die Bestellinformationen für das Buch, um das es darin geht:

Überfall auf Europa
Viktor Suworow / Dmitij Chmelnizki (Hrsg.)

320 Seiten, Großformat, € 25,95 (Stand 2009)

Pour le Mérite-Verlag
Potfach 52
D-24236 Selent
Tel. 04384/59700, Fax 597040

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Dieser Abschnitt befand sich als Kasten im Anschluß an den obigen Artikel:

VATER DER PRÄVENTIVKRIEGSTHESE

Viktor Suworow

Viktor Suworow

Der berühmte russische Schriftsteller Alexander Solschenizyn raunte 1989, als in der Bundesrepublik Deutschland Viktor Suworows Buch „Der Eisbrecher: Hitler in Stalins Kalkül“ erschien, daß dieses Buch eine „enorme historische Bedeutung habe“. Warum? Suworow dekonstruiert in seinem Werk die friedlichen Absichten des sowjetischen Diktators Stalin.

Suworow weist nach, daß Stalins politisches Handeln gegenüber Deutschland nicht auf Frieden, sondern lediglich auf Zeitgewinn hinauslief. Hierzu gehört vor allem der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt vom 23. August 1939. Zudem, so der Autor, habe dieser Nichtangriffspakt mit den darin vereinbarten Lieferungen von Rohstoffen aus der Sowjetunion nach Deutschland Hitler erst für die Blitzkriege 1939-1941 befähigt. Nach Stalins Willen sollten sich die „imperialistischen Mächte“, zu denen er Frankreich, Großbritannien und Deutschland zählte, gegenseitig zerfleischen, bevor die Rote Armee den geschwächten europäischen Kontinent erobert.

Um den politischen Willen der Sowjets zum Angriff zu belegen, zieht Suworow unter anderem eine 40-Minuten-Rede Stalins heran, die er am 5. Mai 1941 auf einem Bankett im Kreml vor Absolventen der Militärakademien gehalten hat. Danach soll Stalin gesagt haben: Die Rote Armee sei noch nicht stark genug, um die Deutschen ohne weiteres schlagen zu können. Die Sowjetunion wolle daher mit allen ihr zur Verfügung stehenden diplomatischen Mitteln versuchen, einen bewaffneten Konflikt zumindest bis zum Herbst hinauszuzögern, weil es um diese Jahreszeit für einen deutschen Angriff zu spät sein werde.

Ein weiterer Beleg Suworows ist der massive sowjetische Truppenaufmarsch entlang der Westgrenze der UdSSR. Die Konzentration sowjetischer Truppen, meist Offensiv-Streitkräfte wie Gebirgsjäger, Luftlandeeinheiten, Fallschirmjäger und Kavallerie, und die Aufmarschgliederung der Roten Armee entlang der sowjetischen Westgrenze (mitten durch Polen), gegenüber Rumänien, das die deutsche Armee mit kriegswichtigem Öl versorgte und Finnland, dem Sperriegel an der Ostsee und wichtigsten Nickellieferanten, lassen, so Suworow, an der sowjetischen Angriffsplanung keinerlei Zweifel.

Die ursprünglich für sowjetische Verteidigungszwecke angelegten Minensperren waren ebenso geräumt worden, wie die in Brücken, Bahnhofsanlagen und anderen wichtigen Gebäuden eingebauten Sprengladungen entfernt worden waren. Tausende Kilometer Stacheldrahtverhaue, die einen angreifenden Feind behindern sollten, existierten am 22. Juni 1941 nicht mehr – weil sie die geplante eigene sowjetische Offensive erschwert hätten.

Der deutsche Angriff stieß mitten in diese sowjetischen Angriffsvorbereitungen hinein. Er vereitelte nicht nur ihre Vollendung, sondern zwang der UdSSR zugleich auch das Dilemma auf, über eine Armee zu verfügen, die auf die Verteidigung gar nicht und auf die Offensive noch nicht ausreichend vorbereitet war.

* * *

Und nun folgt noch ein Interview mit Dmitrij Chmelnizki aus den anschließenden Seiten derselben DMZ-Ausgabe (zu der „koscheren“ Aussage, die darin enthalten ist, bringe ich im Anhang ein Nachwort und Links zu Gegendarstellungen):

„ES ZÄHLEN NUR TATSACHEN!“
Buchautor Dr. Dmitrij Chmelnizki im DMZ-Gespräch

Dr.-Ing. Dmitrij Chmelnizki (hier vor dem sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Treptow), geb. 1953, studierte 1970 bis 1977 am Polytechnischen Institut Duschanbe und am Institut für Malerei, Bildhauerei und Architektur in Leningrad. 2003 promovierte er an der Technischen Universität Berlin. Dr. Chmelnizki ist Architekt, Architekturhistoriker und Publizist. Schwerpunktthema seiner Veröffentlichungstätigkeit sind Architektur- und Kunstgeschichte der UdSSR, die Geschichte des Zweiten Weltkriegs und Fragen zur postsowjetischen russischen Gesellschaft. Rudolf Wolters Werk „Spezialist in Sibirien“ übersetzte er ins Russische (Nowosibirsk, 2007). 2009 gab er gemeinsam mit Viktor Suworow den Sammelband „Überfall auf Europa“ heraus.

Dr.-Ing. Dmitrij Chmelnizki (hier vor dem sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Treptow), geb. 1953, studierte 1970 bis 1977 am Polytechnischen Institut Duschanbe und am Institut für Malerei, Bildhauerei und Architektur in Leningrad. 2003 promovierte er an der Technischen Universität Berlin. Dr. Chmelnizki ist Architekt, Architekturhistoriker und Publizist. Schwerpunktthema seiner Veröffentlichungstätigkeit sind Architektur- und Kunstgeschichte der UdSSR, die Geschichte des Zweiten Weltkriegs und Fragen zur postsowjetischen russischen Gesellschaft. Rudolf Wolters Werk „Spezialist in Sibirien“ übersetzte er ins Russische (Nowosibirsk, 2007). 2009 gab er gemeinsam mit Viktor Suworow den Sammelband „Überfall auf Europa“ heraus.

DMZ: Herr Dr. Chmelnizki, mit Ihren Büchern sorgten Sie bereits in Rußland für Aufsehen. Sie versammeln Autoren, zumeist Historiker, die den russischen Publizisten Viktor Suworow in dessen These stützen, Stalin habe einen Angriff auf Deutschland und Europa vorbereitet und Hitler sei Stalin nur wenige Tage mit dem Angriff zuvorgekommen. Sieht man Sie in Rußland als Nestbeschmutzer?

Chmelnizki: Jedenfalls gilt das für die Leute, die das Sowjetregime immer noch für eine geliebte Heimat halten. Nicht das Land, sondern die Sowjetmacht. Ich habe mit meiner Familie in den 1980er Jahren die Sowjetunion verlassen, da ich unter dem dortigen Regime nicht mehr leben wollte und konnte. Wir sind nach Berlin gekommen. Insofern sehe ich mich nicht als „Nestbeschmutzer“. Das war nicht mein „Nest“.

DMZ: Sie sind eigentlich Architekt. Wie kommt man von der Architektur zur Militärgeschichte?

Chmelnizki: Als Architekt beschäftige ich mich schon immer mit Architekturgeschichte. Mich interessiert hierbei vor allem die dunkelste Zeitepoche Rußlands, und das war die Herrschaft Josef Stalins. Als ich begann, mich mit stalinistischer Architektur zu beschäftigen, erkannte ich sehr schnell, daß man diese nicht isoliert betrachten konnte. Alles, was unter der stalinistischen Herrschaft in der Sowjetunion geschah, war eng miteinander verknüpft. Wenn man sich mit der Wirtschaft, der Kultur oder eben der Architektur beschäftigt, sieht man, daß Stalin alles bestimmte und alles seinen Zielen unterordnete. Stalin war ein totaler Diktator. Dieser Mann hatte ein großes Ziel: ein starkes, aggressives Militär. Alles, was er in den 1920er und 1930er Jahren unternahm, geschah, um seine Armee zu stärken. Man kann Stalins Regierungsstil, seine Maßnahmen – beispielsweise zur Kollektivierung – nur dann verstehen, wenn man dieses Ziel kennt. Viktor Suworow hat wiederum die Antwort geliefert, wofür Stalin diese starke, aggressive Armee brauchte – für einen Angriff auf Europa. Es gibt in der wissenschaftlichen Forschung keine andere logische Erklärung für Stalins Maßnahmen, außer diesen Angriffsplan.

DMZ: Wenn das so eindeutig und logisch ist, weshalb sind Stalins Angriffspläne heute nicht bereits Allgemeingut in der Geschichtswissenschaft?

Chmelnizki: Alle Tatsachen dieser sowjetischen Strategie und Praxis wurden in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg einfach verschwiegen.

DMZ: Warum das?

Chmelnizki: Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg spielte Stalin geradezu eine absurde Rolle. Er inszenierte sich als Sieger des Krieges, als Anführer des Antifaschismus, als Motor der Anti-Hitler-Koalition des Krieges. Es galt geradezu als „unanständig“, die Rolle Stalins und der Sowjetunion während des Krieges genauer zu untersuchen. Dies führte dazu, daß die absurde stalinistische Version des deutschen „Überfalls auf die friedliche Sowjetunion“ selbst im Westen so populär wurde.

DMZ: Nach Stalins Tod 1953 wurde doch der Stalinismus kritisiert!

Chmelnizki: Das ist richtig. Man kritisierte – selbst in der Sowjetunion – Stalins Brutalität, die Kollektivierung, den millionenfachen Tod von Sklavenarbeitern. Gleichzeitig wurde aber seine Rolle während des Zweiten Weltkrieges von dieser Kritik ausgenommen.

DMZ: Das hat sich bis heute nicht geändert. Woran liegt das?

Chmelnizki: In der Geschichte der Sowjetunion ist der „Große Vaterländische Krieg“ gegen Deutschland der einzige positive Bezugspunkt: Das friedliebende – wenn auch unter Stalin leidende – Land sei vom brutalen Aggressor Hitler angegriffen worden und habe unter gigantischen Opfern diesen Krieg gewonnen. Darauf ist man stolz bis heute. Diese Erinnerung hält auch die Bevölkerung zusammen, die jährlichen Siegesparaden in Moskau sind bis heute ein wichtiges Ereignis für die Volksseele.

DMZ: Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde in Büchern, Ausstellungen und Reden immer wieder vor Stalin gewarnt. Der sowjetische Diktator, so hieß es, wolle Europa unterjochen, mit dem Gulag-System überziehen. Argumentiert wurde vor allem mit den Zuständen in der Sowjetunion, die sich auf ganz Europa ausbreiten würden. Heute kritisiert man dies gerne als Propagandamärchen der Nationalsozialisten.

Chmelnizki: Propaganda war das zweifellos, aber Märchen waren das keine. Die deutsche Propaganda gegen die UdSSR war eine außerordentlich interessante Sache! Ich habe mich intensiv damit beschäftigt. 95 Prozent der Behauptungen entsprechen der Wahrheit. Die restlichen fünf Prozent, nach dem die Juden an allem schuld seien, sind natürlich Unsinn. Die nationalsozialistische Propaganda beschrieb die schrecklichen Lebensumstände in der Sowjetunion außerordentlich präzise.

DMZ: Alles kreist immer wieder um die Person Stalins. Wie charakterisieren Sie ihn als Herrscher?

Chmelnizki: Stalin war ein absoluter Diktator. Er war zudem sehr schlau und geduldig. Das Interessante ist, daß er im Unterschied zu Hitler absolut frei war von jeder Ideologie. Stalin war innerlich völlig frei. Damit meine ich vor allem, daß er keinerlei moralische Grenzen kannte. Im eigentlichen Sinn war er nicht einmal ein Bolschewik. Stalins Ziel war, so viel Macht zu erlangen wie nur möglich. Die stalinistische Ideologie war eine Erfindung für die Bevölkerung. Diese Ideologie bestand aus einer Reihe von Parolen, die man nachbeten mußte. Diese Ideologie konnte sich durchaus ändern. Heute waren die Trotzkisten die Feinde, morgen schon die Sozialdemokraten oder Sozialfaschisten, übermorgen war Hitler ein Verbündeter, danach plötzlich Todfeind. Stalin verlangte in all dem absoluten, blinden Gehorsam.

Josef Stalin mit dem Volkskommissar für Verteidigung, Marschall Kliment Woroschilow.

Josef Stalin mit dem Volkskommissar für Verteidigung, Marschall Kliment Woroschilow.

DMZ: Sind die Abwesenheit von Moral und Berechenbarkeit Kennzeichen des Stalinismus?

Chmelnizki: Der Stalinismus ist eine harte Ideologie, deren Kern der absolute Gehorsam ist. Stalin ist der Führer und weiß alles besser als alle anderen. Nur er durchschaut die großen Zusammenhänge, darauf müssen alle vertrauen. Alle, die dies anerkennen, sind Stalinisten. Dabei ist interessant, daß Stalin, wie ich bereits sagte, absolut frei war von Ideologie, ebenso seine engsten Vertrauten. Sie waren Lügner. Das ist einer der großen Unterschiede zum Nationalsozialismus: Hitler war ein Idealist, er war getrieben von Ideen, von seiner Ideologie. Er ordnete sich selbst diesen Idealen – die wir hier nicht diskutieren wollen – unter und verlangte dasselbe von seinen Mitstreitern. Stalin hingegen ging es nur um die Machtfülle, er stand darüber. Er war der einzige freie Mensch in der UdSSR.

DMZ: Herr Dr. Chmelnizki, wie werden Ihre Bücher in Rußland diskutiert?

Chmelnizki: Das gesamte Thema wird in Rußland heftig diskutiert – im Gegensatz zu Deutschland. Der russische Staat unterstützt jedoch die Gegner Viktor Suworows. Moskau finanziert Bücher, Literatur, Radiosendungen gegen Suworow. Das ist jedoch alles Populismus und hat mit Wissenschaft wenig zu tun. Es gibt in Rußland eine ganze Reihe von Wissenschaftlern, die Suworow unterstützen, seine Thesen untermauern. Einige von ihnen habe ich in meinem Buch versammelt. Natürlich ist es für russische Historiker eine Karrierebremse, sich für Suworow einzusetzen. Interessant ist jedoch, daß es so gut wie keine Gegner Suworows gibt, die wissenschaftlich argumentieren. Meist beschränkt sich die Kritik an ihm auf persönliche Angriffe.

Dr. Dmitrij Chmelnizki und Viktor Suworow: Die beiden russischen Revisionäre sorgen für heftige Debatten in Rußland.

Dr. Dmitrij Chmelnizki und Viktor Suworow: Die beiden russischen Revisionäre sorgen für heftige Debatten in Rußland.

DMZ: Mit Dr. Michail Meltjuchow schreibt sogar ein ausgesprochener Stalin-Befürworter in Ihrem Sammelband.

Chmelnizki: Das ist richtig. Dr. Meltjuchow kommt zwar zu den gleichen Ergebnissen wie Suworow, bewertet diese jedoch anders. Meltjuchow hätte einen erfolgreichen Angriff auf Europa begrüßt! Gerade dieses Beispiel zeigt, daß die wissenschaftliche Untersuchung des deutsch-sowjetischen Krieges nichts mit Politik zu tun hat, auch wenn es sich heute immer wieder so darstellt. Wissenschaft ist Wissenschaft, Politik ist Politik.

DMZ: Sie sprechen die politisch motivierten Tabus in der geschichtswissenschaftlichen Forschung an. Wie nehmen Sie die Situation in der Bundesrepublik Deutschland wahr?

Chmelnizki: Mit großer Sorge! Ich ärgere mich sehr über die Denkverbote und Tabus hierzulande. Hier ist es ja nicht einmal erlaubt, die Präventivkriegsthese öffentlich zu diskutieren. An welcher deutschen Universität wurde das denn je getan? Befürworter der Präventivkriegthese werden als politisch rechts stehend, als rechtsextremistisch diffamiert. Das bedeutet das gesellschaftliche Aus. Wer also diese Diffamierung vermeiden möchte, sollte besser über dieses Thema nicht laut sprechen. Das ist geradezu absurd und hat nichts mit Wissenschaft zu tun. Ich selbst ordne mich weder rechts noch links ein. Für mich haben solche Begriffe wie „Nationalismus“ und „Patriotismus“ keine positive Bedeutung. Obwohl ich gerne darüber diskutiere, liegen diese Diskussionen außerhalb meiner wissenschaftlichen Interessen, nämlich der Geschichte der Stalinzeit. Die Antwort auf die Frage, wie die Militärpläne Stalins aussahen und ob er Europa angreifen wollte, darf mit politischen Ansichten der Historiker nichts zu tun haben. Wenn eine solche Antwort politisch motiviert wird, dann hat sie keinen wissenschaftlichen Wert. Hier zählen nur Argumente. Und ich kann es mir kaum vorstellen, daß die populäre These vom friedlichen Stalin, der sich nur vor Außengefahr verteidigen wollte, wissenschaftlich begründet werden könnte. Mir geht es allein um das Thema. Wenn ich mir die deutschsprachige Verlagslandschaft anschaue, dann sehe ich ebenfalls mit Sorge, daß sich kein einziger großer, etablierter Verlag an dieses Thema herantraut. Ich bin letztlich froh, mit Pour le Mérite einen Verlag gefunden zu haben, der das Buch auf hohem wissenschaftlichen Niveau publiziert hat. Dabei ist es mir wirklich egal, ob deswegen ich oder der Verlag „in der rechten Ecke“ verortet werden. Ich weiß, daß eine fundierte wissenschaftliche Arbeit mit einem politischen Standpunkt nichts zu tun hat.

DMZ: Kritiker werden Ihnen vorwerfen, Sie würden Hitler „entlasten“…

Chmelnizki: Das ist doch mehr als absurd! Mir geht es nicht darum, irgendwelche Leute zu be- oder entlasten. Mir geht es hierbei um historische Tatsachen. Wenn man so argumentiert, muß man im Umkehrschluß doch erkennen, daß die heutige Lehrmeinung Stalin begünstigt. Ist das etwa besser? Die heutige bundesdeutsche Wissenschaft gibt Ehrenerklärungen für Stalin ab, so hart das auch klingen mag. Ist das nicht eine Schande für ein demokratisches Land?

DMZ: Ist die Bundesrepublik Deutschland heute eines der wenigen Länder auf der Welt, in denen die stalinistische Behauptung vom „Überfall auf die friedliebende Sowjetunion“ noch unangreifbare Lehrmeinung ist?

Chmelnizki: Das kann man durchaus so sagen. Es ist schon kurios, denn man kann es sogar sehen und ertasten! Wir stehen hier mitten auf dem sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Treptow. Wir sind umringt von vergoldeten Stalin-Zitaten. Ich kenne kein einziges solches stalinistisches Monument in Rußland selbst! Solange ein solches Denkmal noch als Siegesdenkmal in Deutschland respektiert wird, ist eine wirkliche Debatte wohl nicht möglich. Dies ist kein Denkmal für gefallene russische Soldaten, es ist ein Denkmal für Stalins Eroberungspläne.

DMZ: Herr Dr. Chmelnizki, vielen Dank für das Gespräch.

* * * * * * *

Nachwort von Deep Roots:

Die Aussage von Chmelnizki, der Teil der nationalsozialistischen Propaganda über die Sowjetunion, der den Juden die Schuld zuspricht, sei „natürlich Unsinn“, wäre natürlich mindestens schon der Notwendigkeit geschuldet, so etwas politkorrekt-Koscheres zu sagen, um einen Artikel wie diesen in einer in Deutschland verkauften Zeitschrift bringen zu können.

Allerdings: Mißtrauisch geworden durch die Anwesenheit eines jüdischen Autoren in dem Buchprojekt (der „russische“ Ex-Polizist Mischa Schauli, der jetzt in Israel lebt), habe ich nach Dmitrij Chmelnizki gegoogelt und bin bei Metapedia fündig geworden:

Dmitrij Chmelnizki (* 1953 in Moskau, Rußland) ist ein jüdischer „Historiker und Rußlandexperte“…
[…]
1987 gelang der jüdischen Familie die Ausreise nach Deutschland, wo der Publizist seitdem lebt.

Ich weiß nicht, wie ich das motivationsmäßig einordnen soll, und welchen Haken es bei diesem Projekt geben könnte. Suworow ist laut Metapedia jedenfalls ein echter Russe.

Wie sehr beim Sowjetbolschewismus und überhaupt beim Kommunismus tatsächlich die Juden ihre Hände drin hatten, geht unter anderem aus den folgenden Artikeln hervor:

Die Kultur der Kritik (3): Juden und die Linke von Kevin MacDonald
Die Feinde zerschmettern wie ein Hammer: Die jüdische Sowjetunion von Juri Lina
Das „Schwarzbuch des Kommunismus“ über den Holodomor in der Ukraine
Nationalisten, Juden und die ukrainische Krise: Etwas historische Perspektive von Andrew Joyce

sowie die folgenden Artikel von Kevin MacDonald im „Occidental Observer“:

„During 1917“: Chapter 14 of Solzhenitsyn’s „200 Years Together“
Solzhenitsyn’s „During the Civil War“ – Chapter 16 of 200 Years Together
Alexandr Solzhenitsyn’s „The 1920s“. Chapter 18 of 200 Years Together
„In the Camps of the GULag“ – Chapter 20 of 200 Years Together

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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