Der Angriff auf Vichy: Englands geheimer Krieg gegen Frankreich 1940-42

Nach nur wenigen Wochen Krieg wurde Frankreich im „Fall Rot“, wie der Deckname des Unternehmens lautete, besiegt. Der Norden Frankreichs wurde besetzt, der Süden blieb mit der Hauptstadt Vichy souverän. Am 27. Juli 1940 fand die Siegesparade der deutschen Wehmacht auf den Champs Elysées in Paris statt.

Nach nur wenigen Wochen Krieg wurde Frankreich im „Fall Rot“, wie der Deckname des Unternehmens lautete, besiegt. Der Norden Frankreichs wurde besetzt, der Süden blieb mit der Hauptstadt Vichy souverän. Am 27. Juli 1940 fand die Siegesparade der deutschen Wehmacht auf den Champs Elysées in Paris statt.

Von Hans-Joachim von Leesen, erschienen in der Deutschen Militärzeitschrift (DMZ), Nr. 52 Juli-August 2006.

Ohne die starke englische Einflußnahme hätte wohl Frankreich am 3. September 1939 kaum Deutschland den Krieg erklärt. Das Land befand sich innenpolitisch in einer labilen Lage. Die Wirtschaft hatte sich noch nicht völlig von der Weltwirtschaftskrise von 1929 erholt. Starke rechts- wie linksradikale Kräfte standen sich feindlich gegenüber. Der Wille zum Kampf bei einem eventuellen außenpolitischen Konflikt war in weiten Kreisen nur schwach ausgebildet. Und daß Frankreich 1939 auf Drängen Englands nur darum Krieg führen sollte, weil das Deutsche Reich eine Verkehrsverbindung nach Ostpreußen beanspruchte und den Anschluß der durch das Versailler Diktat als unabhängiger Staat vom Reich abgeschnittenen deutschen Stadt Danzig forderte, das sahen breite Bevölkerungsschichten nicht ein. „Mourir pour Danzig?“ – „Sterben für Danzig?“ Diese Frage war in Frankreich eine weit verbreitete Parole.

Acht Monate lang war nach der französischen Kriegserklärung an der Front Ruhe. Die Heere nahmen in den jeweiligen Grenzbefestigungen, der angeblich unbezwingbaren Maginotlinie auf französischer und dem Westwall auf deutscher Seite, ihre Stellungen ein, ohne daß es zu größeren Kampfhandlungen kam. Bezeichnenderweise wurde diese Phase des Krieges in Deutschland „Sitzkrieg“, in Frankreich „komischer Krieg“ („Drôle de guerre“) genannt. Nur gelegentlich wurde die Ruhe durch Spähtrupps sowie durch Lautsprecherpropaganda gestört. Die französischen Kräfte waren durch ein britisches Expeditionskorps in der Stärke von zuletzt etwa zehn Divisionen verstärkt, so daß sich an der Grenze zwei Gegner mit etwa der gleichen Anzahl von Divisionen gegenüberstanden, wobei die französisch-britische Seite ein erhebliches Übergewicht an Panzern aufwies.

Offensive der Wehrmacht

Am 10. Mai 1940 trat die deutsche Wehrmacht zur Offensive an. In kurzer Zeit war die französisch-britische Front durchstoßen. Zwei Wochen nach Beginn des deutschen Angriffes gab das Londoner Kriegsministerium dem britischen Expeditionskorps in Frankreich bereits die Erlaubnis, sich in Richtung Dünkirchen zurückzuziehen; kurz darauf erteilte die britische Admiralität den Befehl, Dünkirchen zu evakuieren. Einen Tag später begann die Einschiffung des britischen Expeditionskorps zum Rückzug nach England – zum Entsetzen der sich tapfer wehrenden Franzosen. Eine britische Division nach der anderen schiffte sich ein und verschwand in Richtung Westen, die französischen Verbündeten allein im Kampf lassend. Gleichzeitig aber beschwor der britische Premierminister Winston Churchill die Franzosen, den Kampf weiterzuführen. Sogar als bereits nahezu alle französischen Streitkräfte entweder in deutscher Gefangenschaft oder eingekesselt waren, forderte Oberst Charles de Gaulle, der in England eine Exilregierung gründen wollte, seine Landsleute zum weiteren Widerstand auf. Aber Frankreichs militärische Lage war aussichtslos.

Der französische Ministerpräsident Paul Reynaud trat zurück. Da eine Einberufung der Nationalversammlung in dieser Lage unmöglich war, baten Minister sowie die Präsidenten der Republik und der Kammern den bisherigen Vizepräsidenten, den Helden des Ersten Weltkrieges Marschall Henri Philippe Pétain, das Amt des Staatschefs zu übernehmen und Waffenstillstandsverhandlungen mit Deutschland und dem mittlerweile in den Krieg eingetretenen Italien aufzunehmen. Das geschah durch Vermittlung der spanischen Regierung.

Waffenstillstand in Compiègne

Am 22. Juni 1940 kapitulierte Frankreich. Der Waffenstillstandsvertrag wurde im lgegendären Eisenbahnwaggon im Wald von Compiègne unterzeichnet. Auf dem Bild verläßt die französische Delegation den Waggon.

Am 22. Juni 1940 kapitulierte Frankreich. Der Waffenstillstandsvertrag wurde im lgegendären Eisenbahnwaggon im Wald von Compiègne unterzeichnet. Auf dem Bild verläßt die französische Delegation den Waggon.

Nach wenigen Tagen Verhandlungen wurde der Waffenstillstandsvertrag in Compiègne unterzeichnet. Die Bedingungen waren, wie auch heute zugegeben wird, anständig und nicht zu vergleichen mit jenen, die Deutschland 1918 akzeptieren mußte. Frankreich stellte in allen Gebieten, im Mutterland wie in den Kolonien, den Kampf gegen das Deutsche Reich ein und legte die Waffen nieder. Etwas mehr als die Hälfte Frankreichs wurde von deutschen Truppen besetzt, der übrige Teil blieb frei. In ihm durfte Frankreich eine Armee von bis zu 100.000 Mann unterhalten. Die Kriegsflotte sollte in bestimmten Häfen zusammengezogen und abgerüstet werden. Die deutsche Regierung versicherte im Waffenstillstandsvertrag der französischen Regierung „feierlich, daß sie nicht beabsichtigt, die französische Kriegsflotte im Krieg für ihre Zwecke zu verwenden.“ Die französische Regierung verpflichtete sich ihrerseits, keinerlei feindselige Handlungen gegen das Deutsche Reich zu unternehmen. „Sie wird auch verhindern, daß Angehörige der französischen Wehrmacht außer Landes gehen oder daß Waffen und Ausrüstungen usw. ins Ausland verbracht werden.“ Die französische Regierung mußte die Besatzungskosten tragen. Die im französischen Gewahrsam befindlichen deutschen Gefangenen waren zu entlassen. Der abschließende Paragraph der 24 Absätze umfassenden Vereinbarung bestimmte, daß Deutschland jederzeit den Waffenstillstandsvertrag kündigen könne, „wenn die französische Regierung die von ihr durch den Vertrag übernommenen Verpflichtungen nicht erfüllt.“

Karte Frankreich nach Waffenstillstand

Ein überaus gewichtiger Teil betraf, wie sich bald herausstellte, die französische Flotte. Sie war eine der stärksten Seestreitkräfte der Welt. Die deutsche Regierung hatte zugesichert, sie sich keinesfalls anzueignen, und es gab, wie sich nach dem Krieg herausstellte, auch keine derartigen Pläne. Die Franzosen wiederum hatten sich im Waffenstillstandsvertrag verpflichtet, die Kriegsschiffe abzurüsten und in vereinbarten Häfen zusammenzuziehen. Diese Häfen befanden sich in Toulon und Mers-el-Kebir bei Oran sowie Dakar, die beide in französischen Kolonien lagen. Weitere Einheiten lagen im marokkanischen Casablanca, kleinere Ansammlungen in Beirut im Libanon, in Martinique, in Madagaskar und in Saigon, damals alle zum französischen Weltreich gehörend. Die Streitkräfte hatten den Auftrag, das französische Imperium gegen jedermann zu verteidigen. Das bedeutete auch, daß für den Fall, daß Deutschland entgegen den Abmachungen des Waffenstillstandsvertrages den Zugriff auf die Schiffe wagen sollte, die Besatzungen ihre Schiffe versenken mußten. Das hatte im Vorfeld der für die Marine zuständige Admiral François Darlan den Engländern mit seinem persönlichen Ehrenwort ausdrücklich zugesichert.

Admiral Darlan sollte seine Flotte weder den Briten noch den Deutschen überlassen. 1942 wurde er – wahrscheinlich von einem Agenten de Gaulles – ermordet.

Admiral Darlan sollte seine Flotte weder den Briten noch den Deutschen überlassen. 1942 wurde er – wahrscheinlich von einem Agenten de Gaulles – ermordet.

Briten wollen französische Flotte ausschalten

Doch das britische Kriegskabinett beschloß wenige Tage nach der Unterzeichnung des deutsch-französischen Waffenstillstandes, die französische Kriegsflotte auszuschalten, Zunächst überfielen britische Truppen die französischen Schiffe, die im Laufe der letzten Monate in englische Häfen gelangt waren. Sie drohten, sie mitsamt den in ihren Unterkünften eingeschlossenen Besatzungsmitgliedern zu versenken, wenn ihnen die Schiffe nicht übergeben würden. So mußten sich die französischen Seeleute ergeben, was nicht ohne Widerstand abging. Es gab Verwundete und sogar Tote. 10.000 französische Besatzungsmitglieder wurden in Großbritannien interniert. Nur ein geringer Prozentsatz von ihnen meldete sich später zu den „Freien Franzosen“ unter de Gaulle zum Kampf gegen Deutschland.

Am 3. Juli 1940 erschienen in der Bucht von Mers-el-Kebir der britische Schlachtkreuzer „Hood“, zwei Schlachtschiffe, zwei Kreuzer, elf Zerstörer und der Flugzeugträger „Ark Royal“. Ein Emissär überbrachte dem französischen Oberbefehlshaber der im Hafen liegenden Kriegsschiffe, Admiral Marcel-Bruno Gensoul, folgende Forderung: Die französischen Kriegsschiffe sollten zu den Briten stoßen, um an ihrer Seite gegen Deutschland zu kämpfen. Seien die Franzosen dazu nicht bereit, könnten sie ihre Schiffe in einen britischen oder US-amerikanischen Hafen überführen. Lehnten sie diese Vorschläge ab, hätten sie die Wahl, ihre Schiffe zu versenken oder den Kampf gegen die britische Schlachtflotte aufzunehmen.

Der französische Oberkommandierende lehnte jede Übergabe ab und unterrichtete seine Regierung im unbesetzten Teil Frankreichs. Von dort kam der Befehl: „Auslaufen, klar zum Gefecht!“ Daraufhin eröffnete der britische Flottenverband, der den Funkverkehr abgehört hatte, das Feuer. Verzweifelt versuchten die französischen Kriegsschiffe von ihren Ankerplätzen auszulaufen, was überaus schwierig war. Sie erwiderten das Feuer, so gut es ging. Ein Linienschiff geriet in Brand und kenterte, ein zweites wurde schwer beschädigt und mußte auf Land gesetzt werden. Kleinere Einheiten wurden schwer getroffen. Ein Schlachtschiff und mehrere Zerstörerführer konnten entkommen und liefen unbeschädigt, unter dem Jubel ihrer dortigen Kameraden, in Toulon ein. Ihnen folgten sechs Kreuzer, die vor Algier gelegen hatten. Die Verluste der französischen Kriegsmarine waren hoch: Insgesamt fielen etwa 1.300 Marinesoldaten.

Der britische Premier Winston Churchill unterstützte den französischen General de Gaulle im Kampf gegen die völkerrechtlich anerkannte Regierung Frankreichs.

Der britische Premier Winston Churchill unterstützte den französischen General de Gaulle im Kampf gegen die völkerrechtlich anerkannte Regierung Frankreichs.

„Völlige innere Wandlung“

Die rücksichtslosen britischen Angriffe auf ihre Bundesgenossen bewirkten, wie die französischen Autoren Paul Auphan und Jacques Mordal in ihrem Buch Unter der Tricolore schrieben, „eine völlige innere Wandlung der französischen Marine, die bis dahin ausnahmslos pro-britisch gewesen war.“

Im September 1940 griff ein starker britischer Flottenverband den französischen Hafen Dakar in Französisch-Westafrika an, um eine Landung britischer und „freifranzösischer“ Truppen vorzubereiten. Die der legalen französischen Regierung gegenüber treuen Flotteneinheiten und die Küstenbatterien schossen zurück und wehrten erfolgreich den Angriff ab. Als Antwort griffen französische Bombenflugzeuge mehrmals den britischen Stützpunkt Gibraltar an und beschädigten im Hafen liegende Schiffe. Weitere Versuche der Briten, Dakar anzugreifen und einzunehmen, mißlangen, so daß die Briten ihre Unternehmungen abbrechen mußten.

Nach und nach gelang es den Alliierten, die meisten französischen Kolonien auf ihre Seite zu ziehen. Im Mittleren Osten griffen die Briten zusammen mit der ersten von de Gaulle aufgestellten „freifranzösischen“ Division Syrien sowie den Libanon an, beides französische Mandatsgebiete. Von Palästina aus stießen sie auf Beirut und Damaskus vor, später von Mesopotamien aus auf die syrische Ostgrenze. Die dort stationierten schwachen französischen Kräfte verteidigten sich tapfer; beide Seiten erlitten hohe Verluste. Deutsche Angebote, Frankreich militärisch zu unterstützen, lehnte Staatschef Pétain allerdings ab. Er wollte den neutralen Status erhalten und nicht mit Großbritannien in den Kriegszustand geraten. Am 14. Juli 1941 mußten die französischen Truppen die Briten um Waffenstillstand bitten. Die Soldaten gerieten in Gefangenschaft. Versuche der Briten, sie zum Eintritt in die „freifranzösischen“ Einheiten zu bewegen, schlugen weitgehend fehl. 90 Prozent der gefangenen Franzosen verlangten die Repatriierung nach Frankreich, weil sie nicht für England kämpfen wollten.

Französische Kolonien 1939

Eroberung Madagaskars

Die vor der Westküste Afrikas liegende Insel Madagaskar, größer als das französische Mutterland, wurde Anfang Mai 1942 von einem großen britischen Flottenverband angelaufen. Madagaskar wurde von 4.000 Soldaten, unter ihnen 800 Europäer, verteidigt. Die Aufforderung zur Übergabe beantwortete der Befehlshaber der Insel mit den Worten, man werde sich „getreu der Tradition der französischen Streitkräfte bis zum Ende verteidigen.“ Die gelandeten britischen Truppen stießen auf heftigen Widerstand. Der Hauptort der Insel, der moderne Hafen Diego Suarez, wurde nach Bombenangriffen von den Briten eingenommen, die Insel nach und nach aufgerollt. Die wenigen dort stationierten französischen Schiffe gingen verloren; nur zwei konnten entkommen. Als nach Monaten die Insel unter britischer Herrschaft war, zählte die englische Seite 109 Tote und 284 Verwundete, die französische 200 Tote und 500 Verwundete.

Im November 1942 landeten US-amerikanische und britische Truppen an der Küste Algeriens, auf dem Territorium Frankreichs, das nach dem Willen der französischen Regierung neutral war. Daraufhin brach die Regierung Pétain die diplomatischen Beziehungen zu den USA ab und gab ihren Truppen den Befehl, die US-amerikanischen Landungsversuche abzuwehren. Der französische Marineminister Darlan, der sich gerade in Nordafrika aufhielt, schloß angesichts der sich verschärfenden Kämpfe mit den Truppen der Vereinigten Staaten einen Waffenstillstand und verkündete, dieser solle für alle französischen Besitzungen in Afrika gelten. Als weitere alliierte Landungen in Marokko durchgeführt wurden, sah das Deutsche Reich sich genötigt, den bisher unbesetzten Teil Frankreichs militärisch zu besetzen, um die Mittelmeerküste zu sichern.

Vollständige Besetzung Frankreichs

Wie sich Frankreich weiter verhalten sollte, darüber gab es in der Regierung unter Marschall Pétain heftige Meinungsverschiedenheiten. Inzwischen hatte sich abgezeichnet, daß die deutsche Wehrmacht in der Sowjetunion auf größte Schwierigkeiten stieß, so daß sich die Ansicht verstärkte, Deutschland werde den Krieg nicht gewinnen. Als daher deutsche Besatzungstruppen im November 1942 den Hafen von Toulon erreichten, wo der größte Teil der französischen Kriegsflotte lag, gab deren Befehlshaber, Admiral Jean de Laborde, den Befehl, die Schiffe zu versenken. 77 der stärksten Marineeinheiten Frankreichs gingen unter.

Nachdem Frankreich ganz und gar von deutschen Truppen besetzt war, kündigte Staatspräsident Pétain am 5. Dezember 1942 die Auflösung aller französischen Truppen an. Die Soldaten wurden demobilisiert und entlassen. Es folgte eine Neuorientierung der französischen Politik, da sich die deutsche Niederlage immer deutlicher abzeichnete. Frankreich trat wieder in den Krieg ein. In den von den Alliierten eroberten Gebieten wurden die „freifranzösischen“ Truppen mit denen der legalen französischen Regierung vereinigt, wobei deren höchste Offiziere vor Kriegsgerichte gestellt wurden. Mannschaften, Unteroffiziere und die unteren und mittleren Offiziersdienstgrade wurden von den auf westalliierter Seite kämpfenden Einheiten übernommen, wobei dies nicht ohne Spannungen ablief.

Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Deutschland

In den Häfen Frankreichs aber arbeitete die deutsche Kriegsmarine gut mit vielen französischen Marineoffizieren zusammen, aber auch mit leitenden Persönlichkeiten sowie mit den Arbeitern der Werften, die für Deutschland Schiffe bauten und reparierten. Der Bürgermeister einer kleinen baskischen Stadt sagte damals: „Als es hieß, die Deutschen kämen, haben wir unsere Frauen in die Berge getrieben und dort versteckt; wir waren auf Schreckliches gefaßt. Aber dann waren die Truppen da, und sie machten Musik und spielten mit unseren Kindern. Von da an waren wir gute Freunde.“ Und ein im Kriegshafen Brest eingesetzte junger deutscher Marineoffizier berichtete: „Noch am 1. Mai 1944 haben wir gemeinsam mit unserem französischen Hilfspersonal im Stützpunkt gefeiert. Das Stammpersonal hatte ein Karussell und eine Luftschaukel gebaut. Kaffee und Kuchen durften nicht fehlen. Die Franzosen waren mit Kind und Kegel gekommen.“

Natürlich war kein Franzose über die Besetzung seines Landes durch eine fremde Macht erfreut, doch hatte das Verhalten der deutschen Soldaten die vorhandenen Feindbilder bei dem weitaus größten Teil der Franzosen abgebaut, wovon nicht zuletzt die vielen Kinder zeugen – man schätzt die Zahl zwischen 100.000 und 200.000 – die aus deutsch-französischen Verbindungen während der Kriegszeit hervorgegangen waren.

Schließlich darf nicht vergessen werden, daß mindestens 300.000 Franzosen während des Zweiten Weltkrieges in uniformierten Einheiten auf deutscher Seite im Einsatz standen, unter ihnen etwa 12.000 in den Reihen der Waffen-SS und Tausende in der Wehrmacht in den Einheiten der „Légion des volontaires français contre le bolchevisme“ („Französische Freiwilligenlegion gegen den Bolschewismus“), die ab 1942 als (franz.) Infanterieregiment 638 geführt wurde.

Wende des Kriegsglücks

Die Beziehungen zwischen den deutschen Besatzungssoldaten und der französischen Bevölkerung wurden erst gespannt, als sich mit der Wende des Kriegsglücks immer deutlicher die deutsche Niederlage abzeichnete und damit gleichzeitig ein Anwachsen der von England initiierten und geführten Partisanenbewegung zu verzeichnen war. Diese Verbände des „Maquis“ standen meist unter dem Einfluß der Kommunistischen Partei, die bis zum Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges zumindest teilweise die deutsche Seite unterstützt hatte und erst dann auf die Gegenseite übergetreten war. Mit den vorrückenden siegreichen Truppen der US-Amerikaner, der Briten und der „Freifranzosen“ ergab sich für alle Franzosen die vermeintliche Notwendigkeit, möglichst zu beweisen, daß man Widerstand gegen die Deutschen geleistet hatte. Wie umfangreich das Zusammenwirken von Deutschen und Franzosen wirklich war, geht nicht zuletzt aus den Zahlen der sogenannten „épuration“ – der „Säuberung“ – hervor. „Bereits während der wilden Verfolgungen unmittelbar nach dem Abzug der deutschen Truppen kamen 10.519 Menschen zu Tode. Sie wurden ohne gerichtliches Verfahren erschlagen, erschossen, erhängt oder ertränkt“, schreibt der Militärhistoriker Professor Franz W. Seidler in seinem Buch Avantgarde für Europa. Bestätigte Quellen besagen sogar, daß 105.000 Franzosen ohne gerichtliche Urteile umgekommen waren. Mehr als 800.000 Kollaborateure kamen in Konzentrationslager und behelfsmäßige Gefängnisse, in denen das Foltern an der Tagesordnung war. Auch hier waren wieder die Kommunisten führend.

Marschall Pétain war in Frankreich als „Held von Verdun“ bekannt und sehr beliebt. Er starb 1951 in lebenslanger französischer Haft.

Marschall Pétain war in Frankreich als „Held von Verdun“ bekannt und sehr beliebt. Er starb 1951 in lebenslanger französischer Haft.

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Anhang von Deep Roots: Zur Ergänzung bringe ich nachfolgend den Abschnitt betreffend die britischen Aktionen ab 3. Juli 1940 gegen die französische Marine aus dem Buch „Seekrieg 1939 – 1945“ von Janusz Piekalkiewicz (Südwest Verlag 1980, ISBN 3 927117 25 0); die Bilder – außer jenem der Richelieu – stammen auch aus diesem Buch.

Oran/Mers-el-Kebir, Stützpunkt der französischen Flotte.

Oran/Mers-el-Kebir, Stützpunkt der französischen Flotte.

In den frühen Morgenstunden des 3. Juli 1940 überwältigen mit Gummiknüppeln bewafnete britische Matrosen – von Admiral Sir Martin befehligt – etwa 5000 französische Seeleute an Bord der in den britischen Kanalhäfen liegenden Einheiten. Die Schlachtschiffe Paris und Courbet, die Zerstörer Leopard, Mistral und Ouragan, sechs Torpedoboote, fünf U-Boote, der U-Boot-Kreuzer Surcouf und über hundert kleinere Fahrzeuge werden von den Engländern beschlagnahmt und der Royal Navy eingegliedert. Die Offiziere des Zerstörers Mistral öffnen die Ventile. Die Selbstversenkung wird jedoch vereitelt, da man dem Kommandanten androht, seine eingesperrte Besatzung mit dem Schiff untergehen zu lassen. Auf dem größten U-Boot der Welt, Surcouf, gibt es mehrere Tote und Verletzte. Die französischen Besatzungen werden in ein Lager nahe Liverpool gebracht, die Offiziere auf der Isle of Man interniert.

Stolz der Royal Navy, der Schlachtkreuzer „Hood“ (42.100 t), beteiligt an der „Operation Catapult“ vom 3. Juli 1940.

Stolz der Royal Navy, der Schlachtkreuzer „Hood“ (42.100 t), beteiligt an der „Operation Catapult“ vom 3. Juli 1940.

Am Nachmittag des 3. Juli 1940 führt der in Gibraltar neuaufgestellte britische Flottenverband Force H (Vizeadm. Somerville) mit einem Schlachtkreuzer, zwei Schlachtschiffen, einem Flugzeugträger, zwei Kreuzern und elf Zerstörern die Operation „Catapult“, den Überfall auf die im Stützpunkt Mers-el-Kebir bei Oran liegende französische Flotte durch. Vizeadmiral Somerville fordert in einem Ultimatum Vizeadmiral Gensoul auf, sich der Force H anzuschließen oder seine Einheiten zu versenken. Somerville verhandelt fast neun Stunden lang und bittet zwischendurch die Admiralität um andere Befehle. Churchill bleibt jedoch bei seinem Entschluß.

3.7.1940, Oran/Mers-el-Kebir: Vorn das Linienschiff „Provence“, dahinter das auslaufende Schlachtschiff „Strasbourg“ und die schwer getroffene „Bretagne“.

3.7.1940, Oran/Mers-el-Kebir: Vorn das Linienschiff „Provence“, dahinter das auslaufende Schlachtschiff „Strasbourg“ und die schwer getroffene „Bretagne“.

Um 17.40 Uhr, nach Ablauf des Ultimatums, eröffnet die Royal Navy das Feuer auf den überfüllten Ankerplatz der französischen Flotte. Die hier liegenden Schiffe sind nicht gefechtsbereit und bilden so ein leichtes Ziel. Das Schlachtschiff Bretagne sinkt nach mehreren Treffern (977 Tote), das Schlachtschiff Dunkerque wird schwer beschädigt (210 Tote), dem Großzerstörer Mogador reißt ein Volltreffer das Heck ab (42 Tote), das Schlachtschiff Provence wird schwer beschädigt.

3.7.1940, Oran/Mers el-Kebir: Das zusammengeschossene Schlachtschiff „Bretagne“ kurz vor dem Kentern.

3.7.1940, Oran/Mers el-Kebir: Das zusammengeschossene Schlachtschiff „Bretagne“ kurz vor dem Kentern.

Dem Schlachtschiff Strasbourg gelingt es, zusammen mit den Zerstörern Le Terrible, Tigre, Volta, Lynx und Kersaint, die Anker zu lichten und in hoher Fahrt durch die von den Engländern gelegte Minensperre zu entkommen. Trotz rollender Angriffe der Trägerflugzeuge und dem Feuer der Schiffsartillerie erreichen sie unbeschädigt Toulon. Die Gesamtverluste der französischen Marine an diesem Tag: 1147 Tote.

3.7.1940, Oran/Mers-el-Kebir: An Deck eines französischen Kriegsschiffs nach der Torpedierung.

3.7.1940, Oran/Mers-el-Kebir: An Deck eines französischen Kriegsschiffs nach der Torpedierung.

Die Operation „Catapult“ ist das bisher größte und erfolgreichste Unternehmen der Royal Navy. Seit 125 Jahren, seit der Schlacht bei Waterloo, schießen die Engländer und Franzosen zum erstenmal wieder aufeinander. Churchill: „Daß die französische Marine als Machtfaktor fast mit einem einzigen Schlag durch eine gewaltsame Handlung ausgeschaltet wurde, machte in allen Ländern tiefen Eindruck.“

Als die Admiralität den im östlichen Mittelmeer kommandierenden Admiral Cunningham drängt, die in Alexandria liegende französische Flotte im Handstreich zu nehmen, funkt er nach London: „Bin ganz und gar gegen diesen Vorschlag. Angesichts der kritischen Munitionslage habe ich keine Lust, meine Schiffe einzusetzen, es sei denn gegen den Feind.“

[….]

Am Freitag, dem 5. Juli 1940, bricht die Vichy-Regierung ihre diplomatischen Beziehungen zu Großbritannien ab, ohne jedoch den Krieg zu erklären. Unter Kontrolle der Vichy-Regierung befinden sich nun im Mittelmeer 1 Schlachtschiff, 1 Flugzeug-Mutterschiff, 4 Schwere und 8 Leichte Kreuzer, 30 Zerstörer und 70 U-Boote. Die Einheiten liegen fast alle im Marinestützpunkt Toulon.

Im Morgengrauen des 6. Juli erscheint die Royal Navy erneut vor Mers-el-Kebir (Oran). In drei Wellen greifen Torpedoflugzeuge des Trägers Ark Royal das französische Schlachtschiff Dunkerque an. Ein Torpedo trifft ein längsseits des Schlachtschiffes liegendes Fahrzeug, dessen Wasserbomben explodieren. Die Dunkerque wird dadurch schwer beschädigt. Die Trägermaschinen nehmen auch die geretteten französischen Matrosen unter Beschuß. Insgesamt 150 Mann kommen um.

Am gleichen Tag meldet der Kommandant von Brest den Stützpunkt klar für die Aufnahme von U-Booten.

Am Sonntag, dem 7. Juli 1940, einigt sich Admiral Cunningham mit dem französischen Vizeadmiral Godfroy über das Schicksal des französischen Geschwaders Force X, das hier in Alexandria stationiert ist: Nachdem das Geschwader seine Treibstoffvorräte abgegeben und die Verschlüsse der Geschütze sowie Zündvorrichtungen der Torpedos im französischen Konsulat deponiert hat, verpflichtet sich Cunningham, keinen Versuch zu machen, die Schiffe mit Gewalt zu besetzen.

Schlachtschiff „Richelieu“ 1940 in Dakar.

Schlachtschiff „Richelieu“ 1940 in Dakar.

Am Montag, dem 8. Juli 1940, überfällt ein Schnellboot der Royal Navy das in Dakar liegende neue französische Schlachtschiff Richelieu und versucht, mit Wasserbomben die Ruder- und Schraubenanlagen zu zerstören. Auch Torpedoflugzeuge des britischen Trägers Hermes greifen das Schlachtschiff wiederholt an und erzielen einen Volltreffer. Die Richelieu bleibt jedoch seeklar.

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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