FÉG-Pistole Modell „R“

Ungarische FÉG-Spannabzug-Pistole Modell „R“ im Kaliber 7,65 mm Browning.

Ungarische FÉG-Spannabzug-Pistole Modell „R“ im Kaliber 7,65 mm Browning.

Von Peter Ernst Grimm, aus Heft 8-1985 des „Schweizer Waffen-Magazins“.

Die ungarische Waffenfabrik FÉG (Fegyver és Gákészülékgyar) stellt eine bemerkenswerte Westentaschenpistole mit Spannabzug im Kaliber 7,65 mm Browning her. Die handliche kleine Waffe ist jetzt auch in der Schweiz erhältlich.

Eigentlich war ich eher durch Zufall an die ungarische FÉG-Pistole Modell „R“ geraten: Bei der Produkteschau des größten schweizerischen Waffengroßhändlers Petitpierre & Grisel im Neuenburger „Eurotel“ fiel mir unter den unzähligen Ausstellungsgütern eine kleine Pistole von ansehnlichem Design ins Auge.

Von der Größe her schien es sich eindeutig um eine 6,35 mm Browning- oder .22 LR-Westentaschenpistole zu handeln, die nicht nur gut aussah, sondern auch vernünftig gestaltete und plazierte Bedienungselemente aufwies – einen griffigen Sicherungshebel in Daumenhöhe am Schlitten, eine hebelartige Spannabzugszunge mit ausreichend erscheinendem Abzugsabstand und einen Magazinhalterknopf in der Nähe des Abzugsbügels. Der außenliegende Ringhammer versprach, sich zum Spannen noch zuverlässig fassen zu lassen und sich beim Ziehen nicht als Fanghaken zu entpuppen. Oberhalb des Abzugsbügels war auf der linken Waffenseite eine Art arretierter Zerlegehebel festzustellen.

Dass die Pistole gut in der Hand liegen würde, hatte ich schon von der Form her erwartet. Als ich die Waffe in die Hand nahm, überraschten mich deshalb eher zwei andere Sachen: Erstens, dass auf der Pistole nirgendwo der Hersteller, die Bezeichnung oder das Herkunftsland angegeben waren, und zweitens, dass es sich hier nicht um eine 6,35er oder .22er handelte, sondern um eine Pistole im Kaliber 7,65 Browning. Das war nämlich nicht nur als einzige Aufschrift auf dem Schlitten zu lesen, es stand auch noch auf dem im Auswurffenster sichtbaren Laufteil.

Neugierig geworden, bat ich P&G-Boss William Fuchs (für den die Herkunft der Waffe natürlich kein Geheimnis war), uns eine dieser Pistolen leihweise für einen Testbericht zu überlassen. Ein Telefongespräch mit der Budapester Waffenexportfirma Ferunion brachte an den Tag, dass das Westentaschenpistolen-Modell „R“ seit etwa zwei Jahren gefertigt wird, nur im Kaliber 7,65 mm Browning und nur – wie vorliegend – mit einem Leichtmetallgriffstück.

Das FÉG-Modell „R“ ist eine Art Unikum: Mit seiner Gesamtlänge von 137 mm, seiner Höhe von 95 mm und seiner Breite von 23,5 mm (also praktisch gleich groß wie eine Walther TPH) ist es eine typische Westentaschenpistole. Von denen gibt es aber nur sehr wenige mit Spannabzug, und unter diesen keine mit einem Kaliber über 6,35 mm. Nur eben die FÉG „R“ in 7,65 mm Browning.

Größenvergleich: FÉG „R“, Kaliber 7,65 mm Browning (oben), Walther TPH, Kaliber .22 LR (unten).

Größenvergleich: FÉG „R“, Kaliber 7,65 mm Browning (oben), Walther TPH, Kaliber .22 LR (unten).

(Die nächstgrößeren Spannabzug-Pistolen im Kaliber 7,65 mm Browning / .32 Automatic – z. B. die Walther PPK und PP, Beretta 81, HK4, SIG-Sauer 230, Erma EP 457 – sind mit Gesamtlängen zwischen 155 und 172 mm, Höhen zwischen 104 und 120 mm und Breiten bis 35 mm – schon der Kategorie der Taschenpistolen – und nicht Westentaschenpistolen – zuzurechnen.)

Die FÉG „R“ ist eine Double-Action-Pistole mit klassischem Feder/Masse-Verschluss. Ihr Schlitten ist aus Stahl, ihr Griffstück ist – wie bereits vermerkt – aus einer Leichtmetallegierung. Der im Schlitten gelagerte (und mittels eines Querbolzens spielfrei mit dem Griffstück verbundene) Lauf ist 72 mm lang und hat sechs Züge im Rechtsdrall. Das Magazin faßt sechs Patronen.

Die Waffe ist mit einem Entspannhebel ausgestattet, der über eine Walze auch den Zündstift sichert und in gesicherter Position die Verbindung zwischen Abzugsstange und Spannstück unterbricht. Der Hammer ist mit einer Sicherheitsrast versehen. Die Waffe hat keine Magazinsicherung. Sie hat aber auch keinen Schlittenfang, so dass ihr Verschluss nach dem letzten Schuss nicht offen bleibt. Die Visierung besteht aus einer Visierrille mit einem schmalen herausgefrästen Korn. Die Kimme (mit etwas zu breitem Ausschnitt) ist durch Klopfen seitlich verschiebbar.

Die Verarbeitung – äußerlich besser als im Inneren der Waffe – trägt zum ausgezeichneten optischen Eindruck der Pistole bei. Ihre glatten Oberflächen sind schwarz brüniert bzw. eloxiert, die Griffschalen mit griffigem Fischhautmuster bestehen aus schwarzem Kunststoff. Die Passarbeiten sind gut ausgeführt, der Schlitten sitzt praktisch ohne Spiel auf den Führungsleisten des Griffstücks. Die Zuführungsrampe war jedoch recht rauh und enthielt einige Riefen. Auf der linken Schlitten – und Griffstückseite stört eine zu aufdringliche Markierung der Position, in welcher sich der Verschluss nach einer Zerlegung wieder auf das Griffstück setzen lässt.

Zerlegen lässt sich die FÉG „R“ übrigens problemlos: Nachdem man das Magazin entfernt und den Entspann- und Sicherungshebel in die (untere) Position „gesichert“ gedrückt hat, löst man die Arretierung des Drehriegels, schwenkt ihn ein wenig nach unten und zieht ihn aus dem Griffstück. Dann lässt sich der Schlitten mühelos abnehmen und der darin unter Druck der Schließfeder verspreizte Lauf herausnehmen.

FÉG-Pistole Modell „R“, zerlegt.

FÉG-Pistole Modell „R“, zerlegt.

Die FÉG-Pistole Modell „R“ ist eine reine Selbstverteidigungswaffe. Sie kann wegen ihrer kleinen Abmessungen unauffällig mitgeführt werden, ist handlich, immer schussbereit und mit 7 Patronen (6 + 1) geladen ca. 485 g schwer.

Die 7,65-mm-Browning-Patrone, für die sie eingerichtet ist, gehört nicht zu den superstarken Verteidigungspatronen. Immerhin ist sie um etliches stärker als die in Pistolen der gleichen Klasse traditionell verwendeten 6,35 mm Browning – und .22 Long Rifle-Patronen, von der in Westentaschenpistolen hie und da auch verwendeten .22 Short gar nicht zu reden. Aus den kurzen Läufen der Westentaschenpistolen erreichen 6,35 mm- und .22 LR-Patronen Mündungsenergien in der Größenordnung von 10 mkg / 92 Joule (PIR = ca. 17 – 23). Wir verschossen aus der FÉG „R“ alle zur Zeit in der Schweiz erhältlichen 7,65 mm Browning-Munitionssorten, maßen die Anfangsgeschwindigkeiten und berechneten Energie- und PIR-Werte.

Zur Verfügung standen vier Patronensorten mit Vollmantel-Rundkopfgeschossen (Thuner, Geco, Hirtenberger und Remington) sowie Winchester-Western-Silvertips mit einem Hohlspitzgeschoß.

FÉG-Pistole Modell R ballistische Werte

Waffen im Kaliber 7,65 mm Browning haben den Vorteil, dass der Rückstoß bei ihnen überhaupt keine Probleme verursacht. Die FÉG „R“ zeigte sich auf dem Schießplatz trotz der etwas hohen Abzugswiderstände – DA um die 6,5 kg, SA bei 2,5 kg – von der sympathischen Seite. Die sieben Schuss auf 10 Meter Entfernung ins Zehner-Oval der Duellscheibe zu plazieren, machte überhaupt keine Mühe. Und für das instinktive Verteidigungsschießen bringt die FÉG „R“ einen nahezu idealen Griffwinkel und eine ausgezeichnete Handlage mit. Sie hat nur einen Nachteil: für Leute mit zu dicken Fingern ist der Abzugbügel etwas eng. Und ich glaube, dass Leute mit kleineren Händen und kürzeren Fingern mit ihr besser zurecht kommen, als Menschen mit Riesenpranken.

Der Autor beim Probeschießen mit der FÉG „R“.

Der Autor beim Probeschießen mit der FÉG „R“.

Gewisse Eigenheiten waren in Bezug auf die „Futterverwertung“ zu verzeichnen. Trotz vorsorglich polierter Zuführungsrampe mochte die FÉG „R“ die Hohlspitz-Silvertips nicht sonderlich. Sofern man die erste Patrone gut ins Patronenlager brachte, konnte man das ganze Magazin voller Silvertips störungsfrei verschießen. Doch spießten sich diese Patronen beim Durchladen manchmal unterhalb des Laufs auf, wobei die folgenden Manipulationen um so komplizierter waren, als man bei der Waffe den Verschluss nicht in hinterer Stellung fixieren kann und die Schließfeder immerhin nicht gerade schwach ist.

Mit den Thuner-, Geco-, Hirtenberger- und Remington-Patronen funktionierte die FÉG „R“ tadellos, auch bei sehr schnellen Schussfolgen. In Anbetracht dessen, dass die einzige verfügbare Patrone mit Hohlspitzgeschoss gleichzeitig die schwächste war und trotz ihres verformungsfreudigen Geschosses (für das sie bei der Berechnung des PIR-Wertes einen höheren Faktor zugestanden bekommt als Patronen mit Vollmantelgeschossen) von Patronen mit Vollmantelgeschossen in puncto Verteidigungswert – rechnerisch – erreicht oder gar überholt wurde, störte mich dieser Mangel nicht sonderlich.

Bei Kleinpistolen und schwächeren Kalibern sind im Hinblick auf den Ernstfall Kompromisse unumgänglich. Was diesen Waffen an Energie fehlt, kann unter Umständen dank der ausgezeichneten Beherrschbarkeit durch mehr und besser plazierte Treffer wettgemacht werden.

Die FÉG „R“ kann sich in ihrer Klasse sehen lassen. Sie ist eine moderne, gut konzipierte Waffe, die mit ihrem stärkeren Kaliber den Hauptnachteil der Westentaschenpistolen, die marginale Trefferwirksamkeit, etwas kompensieren kann.

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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Eine Antwort zu FÉG-Pistole Modell „R“

  1. Cernunnos schreibt:

    Eine Anregung für Leser, die eine FÉG „R“ besitzen oder die Möglichkeit haben, an eine solche zu kommen:

    Das Problem mit der Zuführung der ersten Patrone bei Winchester Silvertips oder anderen Hohlspitzpatronen, bei denen diese Zickigkeit vielleicht ebenfalls auftreten könnte, ließe sich lösen, indem man als oberste Patrone im Magazin eine mit Vollmantelgeschoß verwendet.
    Diese ließe sich problemlos per händischem Durchladen zuführen, und nachdem die restlichen Silvertips – wie von Peter Ernst Grimm festgestellt – beim automatischen Nachladen zuverlässig in den Lauf schlüpften, wären beim weiteren Schießen keine Probleme zu erwarten. Auf alle Fälle müßte man das (besonders mit anderen Hohlspitzpatronen als Silvertips) am Schießstand ausprobieren.

    Diese Lösungsmögichkeit wäre besonders vorteilhaft bei Magazinen, die man als Reserve mitführt, und wo man in einem eventuellen Verteidigungsfall mit Notwendigkeit zum Magazinwechsel auf keinen Fall Schisteleien beim Hineinrepetieren der ersten Patrone des Reservemagazins brauchen könnte.

    Da die von P. E. G. getesteten Vollmantelpatronen ohnehin höhere ballistische Werte aufwiesen als die Silvertip, würde eine Verwendung einer Vollmantelpatrone für den ersten Schuß nicht wirklich einen Verzicht auf Wirksamkeit bedeuten. Außerdem ist zu bedenken, daß die Zwischenräume zwischen den Rippen kaum breiter sind als die Rippen selbst, sodaß beim Schießen auf den Brustkorb eines eventuellen Angreifers eine knapp 50%ige Wahrscheinlichkeit besteht, daß ein Geschoß eine Rippe trifft oder streift, sich auf seinem weiteren Weg überschlägt und so auch im Falle eines Vollmantelgeschosses viel Energie an das Gewebe abgibt.

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