Chengdu J-20: Geheimer Stealth Fighter hebt ab

Der Erstflug der J-20 in Chengdu dauerte nach Aussagen von Zaungästen nur 18 Minuten. Die Seitenleitwerke sind voll beweglich.

Der Erstflug der J-20 in Chengdu dauerte nach Aussagen von Zaungästen nur 18 Minuten. Die Seitenleitwerke sind voll beweglich.

Von Karl Schwarz, aus FLUG REVUE 03-2011.

Zur Überraschung aller Experten startete am 11. Januar in Chengdu die „J-20“ zu ihrem kurzen Jungfernflug. Im Internet zirkulierende Fotos entfachten eine wilde Diskussion über die Eigenschaften und den Programmstand des ersten chinesischen Stealth-Fighters.

Ja, ein neues Kampfflugzeug sei heute geflogen, aber das habe mit seinem Besuch nichts zu tun, versicherte Chinas Führung am 11. Januar bei Gesprächen mit US-Verteidigungsminister Robert Gates in Peking. Ob Zufall oder nicht, die ansonsten um Internet-Zensur nicht verlegene Regierung duldete jedenfalls die Veröffentlichung von (schlechten) Fotos auf diversen Militär-Blogger-Seiten – ein dezenter Hinweis auf die wachsenden technologischen Fähigkeiten des fernöstlichen Wirtschaftsriesen. „Einige Leute finden, dass China zu schwach erscheint, und hier sollen Muskeln gezeigt werden. Wir entwickeln unsere eigene Technologie“, so die Einschätzung von Jin Canrong, einem Professor an der Renmin-Universität in Peking (siehe auch Editorial auf Seite 4 [Anm. Cernunnos: dieses Editorial habe ich am Schluß dieses Artikels angefügt]).

Großes Flugzeug mit hoher Reichweite

Welche Bedrohung von dem allgemein als J-20 (zuvor J-XX) bezeichneten Flugzeug ausgeht, darüber wird seit dem Auftauchen der ersten Fotos von den Rollversuchen um die Weihnachtszeit intensiv diskutiert, ganz wie bei der Analyse russischer Geheim-Muster zu Zeiten des Kalten Krieges. Mangels auch nur im Ansatz belastbarer Informationen gehen die Meinungen dabei weit auseinander. Nimmt man die Fotos als Anhaltspunkt, so lässt sich Folgendes feststellen:

► Die J-20 ist mit einer Länge von etwa 20 Metern und einer Spannweite von rund 13 Metern ein sehr großer Fighter, ähnlich der General Dynamics F-111 und auch ähnlich der Northrop YF-23, die einst im ATF-Wettbewerb der USAF gegen die F-22A Raptor unterlag. Entsprechend dürften die Kraftstoffkapazität und die Waffenzuladung in internen Schächten (unten und seitlich) hoch sein. Ein Aktionsradius von 1000 Kilometern und mehr ist denkbar.

► Die aerodynamische Auslegung mit Deltaflügel, eng gekoppelten Canards und unteren Finnen erinnert an den Versuchsträger Mikojan MiG-1.44, der im Februar 2000 geflogen ist, aber nicht weiter verfolgt wurde. Das Konzept soll gute Überschall-Flugleistungen ohne Nachbrenner (Supercruise) bieten, aber auch eine gute Wendigkeit im transsonischen Bereich und bei höheren Geschwindigkeiten. Die beiden Seitenleitwerke sind wie die der Suchoi T-50 (PAK-FA) voll beweglich. Sie dürften auch die Funktion von Bremsklappen übernehmen. Darüber hinaus ist ein Bremsschirm eingebaut.

02 Chengdu J-20 von unten

► Die Formgebung der Zelle und viele Details wie gezackte Kanten von Klappen zeigen die konsequente Anwendung von Techniken zur Verringerung der Radarsignatur. So haben die Vorderkanten von Tragflächen und Entenflügeln die gleiche Pfeilung (etwa 45 Grad), und die Hinterkantenpfeilung der Canards entspricht jener des gegenüberliegenden Flügels. Wie bei der F-22 trennt eine scharfe, zu den Flügelwurzeln verlaufende Kante die schräg gestellten Seiten des Rumpfvorderteils vom oberen Bereich. Bei den Lufteinläufen sorgt eine Ausbeulung für die Ablenkung der Grenzschicht – ein sogenannter Divertless Supersonic Intake, wie ihn auch die F-35 Lightning II besitzt. Damit sind keine Grenzschichtplatten notwendig, die im Hinblick auf Stealth-Eigenschaften unerwünscht sind.

Von vorn erkennt man die „Beulen“ in den Lufteinläufen.

Von vorn erkennt man die „Beulen“ in den Lufteinläufen.

► Die Schubdüsen der Triebwerke sind hinsichtlich der Radarrückstrahlung leicht gezackt, liegen aber wie bei der T-50 frei. Dies ist im Hinblick auf eine rundum reduzierte Radarsignatur nicht ideal, aber einfacher als die komplexe zweidimensionale Schubdüse der F-22. Es wird allerdings vermutet, dass die J-20 momentan als Interimstriebwerk das etwa 130 kN leistende WS-10A oder das russische AL-31 eingebaut hat, so dass spätere Änderungen möglich sind. Angeblich ist ein WS-15 in der Entwicklung, das 146 kN Schub liefert, was für ansprechende Flugleistungen auch erforderlich sein dürfte.

Unterschiedliche Schubdüsen lassen vermuten, dass bei den Testmustern sowohl das WS-10 als auch das AL-31 verwendet wird.

Unterschiedliche Schubdüsen lassen vermuten, dass bei den Testmustern sowohl das WS-10 als auch das AL-31 verwendet wird.

► Im Cockpit sind ein großes Head-up-Display und Farbbildschirme oder vielleicht sogar, wie bei der F-35, ein einziges großes Display eingebaut. Die Steuerung erfolgt über ein Fly-by-Wire-System.

Entwickelt wurde die J-20 vom Forschungsinstitut Nummer 611 und dem Flugzeugwerk in Chengdu. Bereits seit Ende der 1990er Jahre gibt es entsprechende Gerüchte über einen chinesischen Fighter der fünften Generation. Die endgültige Festlegung der Konfiguration dürfte allerdings erst vor einigen Jahren erfolgt sein, denn zuvor kursierten auch Fotos von deutlich anderen Mock-ups.

Angeblich existieren bisher zwei Zellen, von denen die „2001“ Mitte Dezember 2010 ihre Rollversuche aufnahm. Bis Ende des Jahres waren auch Hochgeschwindigkeits-Rolltests absolviert, so dass sich die Hinweise auf einen bevorstehenden Erstflug verdichteten. Dieser sollte angeblich am 7. Januar erfolgen, als schon die roten Teppiche ausgerollt und die Stühle für die VIP-Gäste aufgestellt waren. Das Wetter in Chengdu in der westlichen Povinz Sichuan war aber wohl zu schlecht.

Der Erstflug gelang dann um 12:50 Uhr Ortszeit am 11.1.2011 (keine schlechte Zahlenkombination im abergläubischen China), nachdem mit zwei Verkehrsjets wieder Prominenz aus Peking eingeflogen worden war. Dabei war die J-20 aber bei einigen Platzrunden nicht länger als 18 Minuten in der Luft, wenn man den Internet-Postings von Beobachtern am Zaun glauben darf.

Die Frage ist nun, wie es mit dem Programm weitergeht. Handelt es sich um einen reinen Versuchsträger für Stealth-Technologien, um ein Testmuster zum Nachweis des Konzepts wie die YF-22 und YF-23 der Amerikaner aus den 1990er Jahren oder schon um den Prototyp eines geplanten Serienmusters wie die Suchoi T-50, die ziemlich genau ein Jahr vor der J-20 geflogen ist?

Einig sind sich die Beobachter jedenfalls, dass die Basis für die weitere Entwicklung nicht schlecht ist. Die Formgebung stimmt, nun könnte mit Detailarbeit an der Oberflächenqualität und den Beschichtungen die Radarrückstrahlfläche weiter minimiert werden. Raum für den Einbau einer großen Antenne mit elektronischer Strahlschwenkung (AESA) ist vorhanden.

In Chengdu wird derzeit die J-10 gebaut (Doppelsitzer im Vordergrund), die auch als Begleitflugzeug beim Erstflug diente.

In Chengdu wird derzeit die J-10 gebaut (Doppelsitzer im Vordergrund), die auch als Begleitflugzeug beim Erstflug diente.

Bis 2019 einsatzbereit?

Die Waffenschächte bieten Platz für Luft-Luft-Lenkwaffen wie die PL-12, die Ziele auf mittlere Reichweite bekämpfen kann und von der eine Variante mit Staustrahlantrieb wohl in Entwicklung ist. Auch Lenkbomben in der Klasse der JDAM dürften ohne Probleme passen.

Damit könnte die J-20 zu einem gefährlichen Gegner für die US-Streitkräfte werden und die im Pazifik operierenden Flugzeugträger oder die von Guam aus startenden Bomber auf Distanz halten. Wann es so weit ist, bleibt vorerst Spekulation. General He Weirong, stellvertretender Kommandeur der Luftstreitkräfte der Volksbefreiungsarmee, sagte jedenfalls im November 2009, dass ein Fighter der nächsten Generation im Zeitraum 2017 bis 2019 einsatzbereit sein könnte.

Im Vergleich zu westlichen Entwicklungsprogrammen und angesichts der vermutlich fehlenden Erfahrung der chinesischen Luftfahrtindustrie mit der Stealth-Technologie scheint dies ein deutlich zu optimistisches Datum. Sicher darf man sich aber nicht sein, denn durch den Wirtschaftsboom des letzten Jahrzehnts kann China erhebliche Summen in neue Militärprogramme investieren. Außerdem gibt es immer wieder Hinweise, dass das Land von intensiver Industriespionage profitiert.

Vizeadmiral David J. Dorsett, Director of Naval Intelligence der US-Marine, musste jedenfalls in Washington einräumen, dass die Chinesen zuletzt ziemlich regelmäßig neue Systeme schneller in Dienst gestellt hätten, als von den amerikanischen Geheimdiensten erwartet. Dennoch sei es von einem Prototyp bis zu einem voll in umfassende militärische Einsätze integrierten Fighter noch ein langer Weg. „Es wäre gefährlich, sie heute zu überschätzen, aber den Zeitrahmen zu unterschätzen, in dem sie verschiedene Elemente (ihrer Aufrüstung) zusammenfügen“, sagte Dorsett.

Die unmittelbaren Nachbarn des Reichs der Mitte dürften angesichts der J-20 und anderen neuen Entwicklungen allerdings deutlich nervöser werden. Taiwan zum Beispiel kann sich der Überlegenheit seiner F-16 oder Mirage 2000 gegenüber neuen chinesischen Mustern keineswegs mehr sicher sein. Auch Japan, das mit seinem Wunsch nach dem Kauf von F-22 Raptors in Washington kein Gehör fand, wird sich dringend um die Beschaffung neuer Kampfjets wie die Lockheed Martin F-35 kümmern.

* * *

Hier ist das erwähnte Editorial von Chefredakteur Volker K. Thomalla aus derselben Ausgabe der FLUG REVUE:

Auf Augenhöhe: Chinas Chengdu J-20 überrascht westliche Experten

Es ist alles andere als ein Zufall, dass erste Fotos des neuen chinesischen Stealth-Fighters Chengdu J-20 ausgerechnet kurz vor dem Besuch des amerikanischen Verteidigungsministers Robert Gattes in Peking im Internet auftauchten. Auch der Erstflug des modernsten Flugzeugs der chinesischen Volksbefreiungsarmee während des Gates-Besuchs ist kein zufälliges Ereignis. China ist ein Meister darin, durch symbolträchtige Taten Ansprüche anzumelden und Politik zu machen.

Der Erstflug der Chengdu J-20 überraschte westliche Geheimdienste. Sie hatten nicht geglaubt, dass China so schnell in der Lage wäre, einen Fighter der neuesten Generation auf den Weg zu bringen. Sie waren auch von der Größe des Flugzeugs selbst überrascht, denn die J-20 ist größer als die amerikanische F-22. China will mit dem gut geplanten Coup zeigen, dass es technologisch auf Augenhöhe mit den Vereinigten Staaten von Amerika ist. Das beunruhigt die Strategen in Washington, denn bislang hat China bei der Ausrüstung seiner Streitkräfte mehr auf Masse als auf Klasse gesetzt. Die J-20 wird – wenn sie ausgereift ist und in größerer Zahl in Dienst gestellt wird – die strategische Balance im gesamten Pazifikraum verändern. Und sie ist nicht das einzige neue Waffensystem, an dem die Chinesen arbeiten. Die US Navy beobachtet beispielsweise mit großer Sorge die Entwicklung der Dong-Feng-21D-Rakete, die in der Lage sein soll, über eine Entfernung von 1500 Kilometern bewegliche Ziele auf See wie zum Beispiel Flugzeugträger zu treffen.

Im Gegensatz zu den US-Streitkräften, de derzeit einen strikten Sparkurs fahren müssen, kann die chinesische Armee mit einem wachsenden Budget rechnen. Das Land veröffentlicht zwar keine genauen Zahlen, aber Experten gehen von einer derzeitigen Steigerungsrate von bis zu zehn Prozent pro Jahr aus. Allerdings ist die Größenordnung des Militärbudgets der beiden Staaten nicht vergleichbar: Während die USA im Haushaltsjahr 2010 rund 685 Milliarden Dollar für ihre Verteidigung (inklusive der Kriegskosten in Afghanistan und Irak) ausgegeben haben, dürfte China nach Schätzungen des Stockholmer Friedensforschungsinstituts gerade maximal ein Sechstel dessen ausgegeben haben.

Auch wenn die Chengdu J-20 momentan keine sofortigen Auswirkungen auf das Kräfteverhältnis im Pazifik hat, so ist ganz klar, dass sie mittelfristig Chinas politisches Gewicht in der Region deutlich verstärkt. Amerika wird sich an ein selbstbewussteres und ambitionierteres China gewöhnen müssen.

* * *

Lesetips:
Wikipedia-Artikel über die Chengdu J-20
Chengdu J-10: Chinas bester Fighter von Karl Schwarz
Die Entnationalisierung des europäischen Kampfflugzeugbaus von Deep Roots.

Hier noch zwei Bilder der Chengdu J-20 (eines davon eine Computergrafik):

06 chengdu j-20 fighter jet by jet planes (4)

07 chengdu_j_20_by_iskaryot-d3gsyjw

 

Über Cernunnos

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