SWM-Serie „Sturmgewehre“ (14): SIG-Sturmgewehre 540 und 550

SIG-Sturmgewehrfamilie 540, von oben nach unten: Modell 540 mit festem Schaft, Modell 540 mit Klappschaft, Modell 543 mit kurzem Lauf und Klappschaft.

SIG-Sturmgewehrfamilie 540, von oben nach unten: Modell 540 mit festem Schaft, Modell 540 mit Klappschaft, Modell 543 mit kurzem Lauf und Klappschaft.

Von Max Meinrad Krieg, aus der Serie „Sturmgewehre“ des „Schweizer Waffen-Magazins“, Heft 8-1985.

Die Schweizerische Industrie-Gesellschaft (SIG) in Neuhausen hatte mit ihren Sturmgewehren der 510-Reihe einigen Erfolg erzielt. So wurde die Schweizer Armee mit dem Stgw 57 ausgerüstet, das zu dieser Modellreihe gehört. Als sich Mitte der sechziger Jahre die neue kleinkalibrige Hochgeschwindigkeitspatrone .223 Remington (5,56 x 45 mm) als neue Infanteriegewehrmunition profilierte, versuchte die SIG zuerst die 510-Reihe dieser Munition anzupassen. Es zeigte sich jedoch, dass sich das von der SIG bisher verwendete System des rollenverzögerten Masseverschlusses mit der neuen Patrone nicht im gewünschten Maße vertrug. Deshalb stellte die SIG diesen Versuch ein und entwickelte eine gänzlich neue Sturmgewehrfamilie.

Die Sturmgewehre SG 540/542/543 folgen dem weitverbreiteten Prinzip des Gasdruckladers mit Drehwarzenverschluss, wie es auch das Kalaschnikov- und das AR-15-Sturmgewehr verwenden. Nach Auslösung des Schusses treiben die Pulvergase das Geschoss vor sich her. Ein Teil dieses Gasdruckes wird durch ein Loch im Lauf nach unten gelenkt und stößt ein Gestänge und den damit verbundenen Verschlussträger nach hinten. Dadurch wird der Verschlusskopf aus seiner Verriegelung gedrehtund wirft die leere Hülse aus. Unter dem Druck der inzwischen zusammengedrückten Schließfeder kehrt sich anschließend der Vorgang um.

Das SG 540 ist im Hinblick auf eine rationelle Fertigung unter weitgehender Verwendung von Stanz- und Kunststoffteilen hergestellt; die am meisten belasteten Waffenteile, wie Lauf und Verschluss, bestehen jedoch weiterhin aus geschmiedetem und gefrästem Stahl.

Auch wenn somit dieses Sturmgewehr bekannten Konstruktionsgrundsätzen folgt, weist es doch einige interessante Merkmale auf:

Das Gasgestänge ist nicht, wie beim Kalaschnikov, mit dem Verschluss fest zusammengebaut, sondern ist mit ihm durch den Verschlusshebel (Ladehebel) abnehmbar verbunden.

Die Schließfeder liegt nicht hinter oder oberhalb des Verschlusses, sondern umhüllt das Gasgestänge. Dadurch bereitet ein Klappkolben keine Schwierigkeiten. Das Problem einer überhitzten und somit geschwächten Feder wurde durch Unterbringung des Gestänge-Federkomplexes in einem Rohr gelöst.

Die Bedienungselemente des SG 540 sind gut zu erreichen. Der Daumen der Schließhand bedient den Sicherungs-/Feuerwahlhebel (3-Schuss-Automatik inbegriffen). Der Ladehebel liegt auf der rechten Seite, was sicherer, aber etwas weniger schnell ist, denn die Schießhand muß bei dessen Betätigung vom Abzug genommen werden. Da der Verschluss bei leergeschossenem Magazin offen bleibt, kann er nach dem Magazinwechsel einfach durch einen Schlag auf den links liegenden Verschlusshalter geschlossen werden.

SIG-Sturmgewehr Modell 540, zerlegt.

SIG-Sturmgewehr Modell 540, zerlegt.

Das drehbare Lochvisier bietet in Kombination mit dem durch seitliche Backen geschützten Korn ein gutes Zielbild, wobei die Waffe zur Aufnahme eines Zielfernrohr(träger)s vorbereitet ist.

Das SG 540 ist angenehm zu schießen. Im Einzelfeuer liegt es recht ruhig und wandert auch bei Feuerstößen nur wenig aus. Im Seriefeuer allerdings ist ein kräftiges Zupacken erforderlich. Mit Schussbildern um 10 cm auf 100 m, Einzelfeuer liegend aufgelegt, entspricht das SG 540 den Erwartungen.

Wie bereits erwähnt, werden von dieser Sturmgewehrfamilie drei Varianten angeboten:

● SG 540, Kaliber .223, Lauf mit 305-mm-Drall, Normalausführung, mit festem oder beiklappbarem Schaft,
● SG 542, Kaliber 7,62 mm NATO, Standardausführung,
● SG 542, Kaliber .223, Lauf mit 305- mm-Drall, Kurzausführung mit Klappschaft.

Während die Prototypen noch bei SIG hergestellt wurden, wurde die Serienherstellung in Lizenz an die Manurhin-Werke in Frankreich übertragen, da die schweizerische Gesetzgebung den Waffenexport stark einschränkt. Eingeführt wurden Sturmgewehre der Familie 540/542/543 in einigen frankophilen Ländern Afrikas, in südamerikanischen Staaten (sie werden dort teilweise in Lizenz gefertigt) und bei den französischen UNO-Truppen im Libanon.

Als sich bei der Schweizer Armee die Notwendigkeit eines neuen Sturmgewehres immer deutlicher zeigte, war die SIG in der Lage, mit dem SG 540/543 eine bereits fertig entwickelte Sturmgewehrfamilie anzubieten. In den ersten Erprobungen wurden nur leicht modifizierte Waffen der Typen 540 und 543 verwendet. In der Folge erfuhren diese dann immer weitere Änderungen, so dass die SIG schließlich von einem neuen Modell, dem SG 550, sprach.

SIG-Sturmgewehr 550, besser bekannt unter der Bezeichnung Stgw 90 – das neue Sturmgewehr der Schweizer Armee.

SIG-Sturmgewehr 550, besser bekannt unter der Bezeichnung Stgw 90 – das neue Sturmgewehr der Schweizer Armee.

Gemäß den Wünschen der Beschaffungsstelle der Schweizer Armee wurden diese Waffen auch für das Kaliber 6,45 mm gebaut, eine Eigenentwicklung, die dann fallengelassen wurde. Das SIG-Sturmgewehr wurde im abschließenden Auswahlverfahren dem Konkurrenzprodukt der staatlichen Waffenfabrik Bern vorgezogen und als neues Schweizer Sturmgewehr 90 (Stgw 90) eingeführt, wobei auf eine Kurzversion verzichtet wird. Nach einiger Polemik wurde dessen Einführung letztes Jahr definitiv beschlossen.

Bei der von der Schweizer Armee verwendeten Munition handelt es sich übrigens um eine 5,56 x 45-Patrone mit modifiziertem, schweren Geschoss. Bei geänderter Drallänge (254 mm) ergibt dieses sowohl eine weitere Einsatzdistanz und erhöhte Flugstabilität als auch eine geringere Neigung zur Zerlegung. Vorerst müssen Hülsen und Pulver noch im Ausland beschafft werden; die Errichtung einer entsprechenden Munitionsfabrik ist jedoch bereits beschlossen.

Von diesem zuverlässigen Sturmgewehr bietet die SIG auch Exportversionen an, welche sich in der Bajonetthalterung, der Zielfernrohraufnahme (beide STANAG-Norm) und der fehlenden umsteckbaren Seriefeuersperre vom Stgw 90 unterscheiden.

SIG-Sturmgewehr Modell 550 (Stgw 90), zerlegt.

SIG-Sturmgewehr Modell 550 (Stgw 90), zerlegt.

Sowohl das Stgw 90 wie auch die ganze davon abgeleitete 550-Familie bauen auf der Reihe 540 auf. Als Hauptunterschiede seien der verbesserte, sehr gut geformte Klappschaft und die geänderte Visierung erwähnt. Ebenfalls wurde die Bedienung der Ladehebelsperre verbessert und die bisher freiliegende Aussparung für den Ladehebel durch eine Verschlusslippe abgedeckt, wodurch die Verschmutzungsgefahr verringert wird.

Hergestellt werden diese Sturmgewehre (vorerst) nur im Mutterwerk selber, und zwar in folgenden Versionen:

● Stgw 90 – Schweizer Armeeausführung,
● Stgw 90 PR – halbautomatische Schützenausführung,
● SG 550 – Export, Standardausführung,
● SG 551 – Export, Kurzausführung,
● SG 550 AMT – Export, Halbautomat (v. a. für US-Markt),
● SG 550 Sniper – Scharfschützenausführung.

(Die Exportversionen werden als Version 1 mit 254-mm-Drall und als Version 2 mit 178-mm-Drall angeboten.)

Die SIG wird die halbautomatische Version, das Stgw 90 PE, welches an allen Schießanlässen zugelassen sein wird und für welches ein vereinfachtes Bewilligungsverfahren existiert, im Juni 1988 direkt oder durch Vermittlung des speziell lizenzierten Fachhandels zum Preise von ca. Fr. 2150,- auf den Markt bringen.

SIG 540-550 5 Daten SIG 540 - 551

Über Cernunnos

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