Die Revolverhelden des Wilden Westens: Illusion und Wirklichkeit

Von C. F. Eckhardt, aus Heft 9-1985 der „Schweizer Waffenmagazins“. (Zuvor erschienen: Die Revolverhelden des Wilden Westens, Die Waffen der Revolverhelden des Wilden Westens und Die Holster der Revolverhelden des Wilden Westens.)

In meiner Jugend habe ich unzählige Wildwestfilme gesehen, in denen Tom Mix, Buck Jones, Johnny Mack Brown, Reb Russell, Ken Maynard, Tex Ritter, Bill Elliott, John Wayne und andere Filmhelden vom Rücken ihrer Prachtpferde auf fliehende Verbrecher losknallten. Lange Zeit kam ich gar nicht auf den Gedanken, dass es eigentlich sehr schwer sein mußte, einen Single-Action-Colt auf einem galoppierenden Pferd nachzuladen, und dass die Handlung eigentlich irgendwann unterbrochen werden müßte, damit einer aus einem Sechsschüsser elfmal schießen kann. Und ich wurde mir auch nicht bewusst, dass Glen Strange und Charlie Thompson als Übeltäter (oder ihre Stuntmen) in Wirklichkeit nur deshalb vom Pferd fielen, weil halt im Drehbuch stand: „Bösewicht fällt vom Pferd.“ Bis ich dann selbst mal einen Sechsschüsser von einem galoppierenden Pferd aus abzufeuern versuchte. Da wurde mir nämlich mit einem Schlag sehr vieles klar.

Das erste war, dass man niemals einen Revolver über den Kopf eines Pferdes hinweg oder neben seinem Hals abschießen darf. Ich erschoss zwar mein Pferd nicht, aber ich schluckte einen großen Mund voll texanischer Erde. Zwischen der Vorderseite der Revolvertrommel und dem hinteren Laufende befindet sich nämlich ein Spalt, der beim Schießen seitlich viel Feuer, Rauch und brennendes Pulver ausspuckt. Ein Pferd lässt sich aber nicht gern vom Pulver brennen, und im allgemeinen bringt es seine Abneigung dadurch zum Ausdruck, dass es die Hinterbeine bis über die Ohren hochwirft. Wenn man also am Hals des Pferdes vorbei oder zwischen seinen Ohren hindurch schießt, wie sie’s in den Filmen zu tun pflegten, dann kann dies sehr wohl zu einer Bauchlandung führen.

Bei Dreharbeiten vermeidet man derartige Zwischenfälle, indem man eine spezielle Filmpatrone (sie heißt „5 in 1“) mit einer ganz schwachen Ladung und einer Portion Talk verwendet, die sehr eindrücklichen „Pulverdampf“ erzeugt. Den Knall fügt dann später der Tonspezialist hinzu.

Übrigens waren solche Schießpraktiken auch in den Dienstvorschriften der amerikanischen Kavallerie seit Einführung des Revolvers verboten. Natürlich will das nicht heißen, dass sie in der Hitze des Gefechts nicht doch zuweilen angewandt wurden – doch das konnte leicht dazu führen, dass einer inmitten eines Kampfes auf dem Boden landete, wo es von fuchsteufelswilden Indianern wimmelte. Erst als die amerikanische Kavallerie die Colt-Pistole 1911 im Kaliber .45 ACP einführte, zeigte sich, dass man damit ziemlich gefahrlos auf ein vor dem Pferd stehendes Ziel schießen konnte. Automatische Pistolen spucken eben seitlich kein Feuer aus.

Schüsse aus dem Sattel

Vom Pferderücken aus seitwärts zu schießen ist zwar ohne weiteres möglich, doch wenn man dabei irgend etwas anderes als den Erdboden trifft, dann ist das entweder reiner Zufall oder ein Wunder. Ein Pferd in vollem Lauf macht etwa 45 bis 55 Stundenkilometer, und dabei flattert der Sattel samt dem Reiter wie ein fliegender Vogel auf und ab. Der Sechsschüsser in der Hand des Reiters springt hoch und nieder wie ein Angelkorken auf bewegtem Wasser, und das ist präzisem Schießen ganz und gar nicht förderlich.

Es gibt hierzulande verschiedene historische „Reenactment“-Vereine, die Ereignisse und Legenden aus der Vergangenheit des Wilden Westens szenisch darstellen. Einer dieser Vereine, die „Ghost Patrol“ des 7th U.S. Cavalry Regiment, pflegte den alten U.S. Kavallerie-Pistolenparcours vorzuführen. Laut den Teilnehmern, von denen viele erfahrene Schützen sind, gibt es nur eine einzige Möglichkeit, einen Punkt zu holen: Man muss so nahe an die Zielscheibe herankommen, dass man darauf Pulverbrandspuren hinterläßt. Wenn man mit der Revolverlaufmündung auf drei Fuß oder noch näher ans Ziel herankommt und genau im richtigen Moment schießt, hat man eine Chance, das Ding zu treffen. Bei drei bis sechs Fuß ist es Glückssache, und aus mehr als sechs Fuß kann man’s gleich vergessen. Die Geschichten von Reitern, die in rasendem Galopp an einem Baum vorüberreiten und dabei sechs Schuss in einen Astknoten plazierten, waren eine Ausgeburt der blühenden Phantasie von Schundromanschreibern.

Das Kunststück dagegen, das unter den Bezeichnungen „Border Roll“, „Road Agent’s Spin“, „Wes Hardin Roll“ oder „Curly Bill“ bekannt war, war durchführbar, und es wurde auch angewandt, nur war es nicht ganz so leicht, wie es sich die meisten Leute vorstellten. Man steckte den Zeigefinger in den Abzugbügel und ließ den Sechsschüsser mit dem Griff nach vorne an der Hand hängen. Griff dann jemand nach der Waffe, so ließ man den Revolver um den Zeigefinger schwingen, spannte mit dem Daumen den Hammer und schoss dem Kerl in die Brust. Wer so blöd war, sich mit jemandem anzulegen, der bereits eine Schusswaffe in der Hand hatte, verdiente ohnehin nichts anderes.

Polizeidirektor Fred White aus Tombstone, Arizona, ein alterfahrener Polizeibeamter, wurde dennoch von Curly Bill (dessen richtiger Name entweder William Brocius Graham oder William Graham Brocius war) mit Hilfe des „Road Agent’s Spin“-Tricks erschossen. Nur war Curly Bills „Road Agent’s Spin“ etwas raffinierter: Man fasst einen Colt Single Action um die Trommel, mit dem Daumen über dem Revolverrahmen, den Lauf gegen den eigenen Bauch gerichtet, und den Zeigefinger um den Abzugsbügel gewunden. Um die Drehung zu vollbringen, öffnet man die Hand, lässt dabei aber den Abzugsfinger um den Bügel gewunden. Der Revolver fällt zur Seite, wobei der Abzugsbügel am Zeigefinger hängt; man schwingt ihn herum, spannt mit dem Daumen den Hahn und Bumm! Das Verfahren verlangt sehr viel Übung und lange Finger. Aber wenn man’s mal erfasst hat, kann man einen Sechsschüsser in einer Fünftelsekunde herumschwingen und schießen, und auf dieses Tempo kann kein menschliches Wesen rechtzeitig reagieren.

Konnte eigentlich irgendwer in den 1880er Jahren schon im heutigen Sinne „schnell ziehen“? Interessanterweise liegt uns ein Augenzeugenbericht vor, der darauf hinweist, dass zumindest ein bekannter Revolverheld es konnte. Es handelte sich um Ben Thompson, geboren 1843. Ben hatte mit einem Saloonbesitzer aus San Antonio namens Jack Harris einen heftigen Wortwechsel gehabt, und er ging danach noch einmal in Harris’ Lokal, vermutlich mit der Absicht, Harris zu erschießen. Harris erfuhr, dass Thompson zu ihm unterwegs sei. Als Thompson den Saloon betrat, entdeckte er Harris, der hinter einer Jalousie mit einer abgesägten doppelläufigen Schrotflinte vor der Brust stand. „Was hast du mit der Flinte vor, Jack?“ rief Thompson ihm zu. „Dich erschießen“, antwortete Harris und schwang die Flinte herum. Thompson zog, schoss und traf Harris, noch ehe der die Flinte anlegen konnte, und das ist nach jedem Maßstab schnell.

Schnellziehkünste im Wilden Westen

Dass Ben Thompson Jack Harris erschoss, ist übrigens einer der wenigen nachgewiesenen Fälle in den Annalen des Wilden Westens, bei dem jemand so etwas ähnliches wie Schnellziehkünste bewies. Die Schießerei von Fort Worth zwischen Long Hair Jim Courtwright und Luke Short könnte zwar als Schnellziehaffäre begonnen haben, doch was Aufsehen erregte, war ihr Ausgang. Es wird erzählt, dass ein Friseur, der eben knapp einen halben Häuserblock vom Schauplatz der Auseinandersetzung entfernt einen Kunden rasierte, die drei Schüsse vernahm, dazu lakonisch bemerkte: „Na, da hat der Courtwright den Luke Short erschossen“ und weiter rasierte, ohne nur einmal abzusetzen. Doch als kurz darauf ein Augenzeuge hereinstürmte und rief: „Luke Short hat Jim Courtwright erschossen!“, da brachte das den Barbier dermaßen aus der Fassung, dass er seinem Kunden fast die Kehle durchschnitt. Short galt zwar als ziemlich geschickter Schütze, doch Courtwright hatte den Ruf einer „rasend schnellen Schießkanone“ genossen.

Man konnte – zu Unrecht – annehmen, dass John Wesley Hardin als Rekordmörder des Wilden Westens ziemlich gut im Schnellziehen sei. Wesley hatte nämlich erwiesenermaßen 42 Männer erschossen, meist im Kampf, Mann gegen Mann, Auge in Auge, und in verschiedenen Fällen gar allein gegen zwei oder drei. 42 sind weit mehr, als jeder andere Revolverheld oder Sheriff des 19. Jahrhunderts je für sich in Anspruch nahm. Der einzige, der vergleichbare „Abschusszahlen“ nachwies, war William P. Longley, der 34 Männer umgelegt haben soll; doch etliche davon erschoss er entweder aus einem Hinterhalt, oder das Opfer war unbewaffnet.

Wes Hardin war aber kein Schnellzieher, und das gab er auch selber zu. Er hatte später 17 Jahre lang Zeit, im Texanischen Staatsgefängnis von Huntsville über seine vertane Jugend nachzudenken. Abgesehen von seinen sieben Fluchtversuchen in den ersten zwei Jahren, von den zwei Jahren, die er auf ein Theologiestudium verwandte und dem Jurisprudenz-Studium, das ihm sogleich nach seiner Begnadigung ein Anwaltspatent des texanischen Staates eintrug, verfasste er im Gefängnis auch seine Autobiographie. Er war der einzige „Berufskiller“, der das je tat, und insofern ist das Buch eine bemerkenswerte Informationsquelle.

Wie zu erwarten war, entwarf Wes Hardin darin von sich selbst ein höchst vorteilhaftes Bild. Nirgends erscheint er anders als ein verfolgter und missverstandener, aber treuer Sohn des Südens, und selbst seine zuweilen bösartigen und unprovozierten Morde, wie sie uns aus mehreren Zeugenaussagen bekannt sind, scheinen durchaus gerechtfertigt, wenn man Wes Hardins Versionen davon liest. Er zieht auch niemals den kürzeren – bis zu seiner Gefangennahme. In allem, was er tat, war Wes Hardin – zumindest in seiner Autobiographie – unübertroffen. Man würde deshalb erwarten, in den Memoiren auch zu erfahren, dass John Wesley Hardin der schnellste Schütze seiner Zeit gewesen sei, und wenn er je dem Schnellziehen die geringste Bedeutung beigemessen hätte, wäre er’s auch geworden. Doch andere, nicht Wes selbst, haben den Mythos von“Wes Hardins blitzartiger Schnellziehhand“ gefördert. Wes erwähnte nicht ein einziges Mal, dass er schneller als irgend jemand anderer gezogen und geschossen habe. Er verrät jedoch, er habe einen ganz besonderen Riecher dafür gehabt, „wann Ärger im Anzug war“. Wenn Wes „roch, dass Scherereien in der Luft lagen“, zog er unauffällig seinen Sechsschüsser aus dem Holster oder dem Gürtel und legte ihn sich unter dem Tisch auf den Schoß oder hielt ihn hinterm Bein oder unter der Jacke versteckt, gespannt und schussbereit. Brach dann tatsächlich ein Streit aus, dann schoss er schon, bevor die anderen ihre Sechsschüsser aus den langen Lederholstern herausgeschält hatten.

Wes Hardins verpaßte Chance

Das einzige Mal, da Wes Hardin wirklich so eine „blitzschnelle Schießhand“ hätte brauchen können, schaffte er’s nicht. Er saß in einem Zug in Pensacola, Florida, unterwegs nach Mobile, Alabama, als er einen hochgewachsenen Mann mit breitrandigem Hut in den Eisenbahnwagen treten sah. Amerikanische Eisenbahnwagen haben keine Abteile, und damals standen sämtliche Bänke in Fahrtrichtung. Der großgewachsene Mann – es war Sergeant John Armstrong von den Texas Rangers – griff unter seine Jacke und zog einen Colt mit 7 ½“-Lauf hervor. Das reichte Wes vollkommen; er wusste, was ihn erwartete. Nun hatte Wes Hardin zwar immer wieder geschworen, man würde ihn nie lebend einfangen, eher würde er schießend sterben als sich ergeben. Er versuchte diesen Schwur auch zu halten, doch aus irgend einem Grunde kriegte er seinen Revolver nicht aus der Hose heraus. Der war wie festgenagelt. Wes zog und zog, und dann traf ihn der lange Colt-Lauf des Texaners auf den Kopf, und als er wieder zu sich kam, war er unterwegs nach Texas – der letzten Gegend der Welt, wohin er freiwillig gegangen wäre – und mit etwa 10 kg Ketten behangen.

Was war denn mit Wes Hardin, dem blitzschnellen Schützen, geschehen? Ganz einfach: Wes trug Hosenträger, und der Hahn seines Colts hatte sich in den Hosenträgern festgehakt, und je heftiger Wes am Colt zog, desto fester verhakte er sich. „Ich zog mir schon beinahe die Hose über den Kopf“, bemerkte er dazu in seiner Autobiographie.

Die Fahrt nach Texas verlief nicht ganz ohne Zwischenfälle, und einmal füllte sich der Eisenbahnwagen mit Hardins Freunden und Verwandten, die entschlossen waren, ihn zu befreien. Armstrong spannte seinen langen Colt, hielt die Mündung an Hardins Schläfe und erklärte: „Ich weiß nicht, wer den ersten Schuss abgibt, aber ich gebe sicher den zweiten ab!“ Darauf gaben die Retter ihr Vorhaben auf, Armstrong brachte den Gefangenen nach Hause, kassierte fast 5000 Dollar Belohung und kaufte sich im Süden von Texas eine große Ranch.

Anscheinend zog Wes aus dem Vorfall die Lehre, dass man seinen Revolver nicht in die Hose stecken soll, wenn man Hosenträger trägt. Kurz nachdem er im April 1895 in El Paso eintraf und seine Anwaltspraxis eröffnete, ließ er sich jedenfalls in der dortigen Sattlerei ein Schulterholster anfertigen. Dieses Holster trug er auch im August desselben Jahres, als ihn der Polizist John Selman in den Hinterkopf schoss.

* * *

Eine kurze Biographie von Charles Frederick Eckhardt ist hier auf Frontier Tales zu finden.

Nächster Teil: Die Revolverhelden des Wilden Westens: Gespräch mit einem Gunfighter

Über Cernunnos

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