Fighter-Jockey für einen Tag: Luftkampftraining für Amateure

Cornelius Braun, Autor und Fotograf dieses Berichtes, hat gut lachen: Sein Gegner, in Flugnovize, wurde durch Übelkeit außer Gefecht gesetzt.

Cornelius Braun, Autor und Fotograf dieses Berichtes, hat gut lachen: Sein Gegner, in Flugnovize, wurde durch Übelkeit außer Gefecht gesetzt.

Von Cornelius Braun, aus FLUG REVUE 10-1991.

Wer einmal einen „richtigen“ Luftkampf mit High Yo Yos und anderen taktischen Flugmanövern miterleben möchte, kann dies – wo sonst? – in Kalifornien tun. Die Firma Air Combat USA macht es möglich. Eingesetzt werden Maschinen des Typs Siai-Marchetti SF.260. Cornelius Braun ist für die FLUG REVUE in den Luftkrieg gezogen.

Die großen Anzeigen in US-Luftfahrtzeitungen sind kaum zu übersehen: „You fly air combat“ und „Fighter pilot for one day“ lassen Piloten mit „Top-Gun“-Ambitionen sicherlich das Wasser im Munde zusammenlaufen. Ohne Zweifel, hier wirbt die Firma Air Combat USA aus dem südkalifornischen Fullerton für ihr wohl einmaliges Luftkampftraining.

Wird nicht gerade gekämpft, stehen die russischen und amerikanischen Siai-Marchetti SF.260 gemeinsam vor dem Hangar von Air Combat USA.

Wird nicht gerade gekämpft, stehen die russischen und amerikanischen Siai-Marchetti SF.260 gemeinsam vor dem Hangar von Air Combat USA.

Keine Dogfights im Simulator, versichert Firmengründer Mike Blackstone, hier geht es mit italienischen Siai-Marchetti SF.260 „so richtig zur Sache“. Mitte Juni habe auch ich meinen Air-Combat-Flug gebucht. 495 Dollar kostet der Spaß. Laut Prospekt im Preis enthalten: vier reale Luftkämpfe, mit allen Procedures ungefähr eine Stunde lang, und eine Aufnahme des Fluges per Video – fürs Ego oder die Lieben zu Hause.

„Gekämpft“ wird in zwei festgelegten Lufträumen, querab von Los Angeles, über dem Pazifik oder im Landesinneren über dem Stausee Lake Mathews nahe der Stadt Riverside. Unter der Obhut eines Fluglehrers auf dem rechten Sitz kann man seinen vermeintlichen Gegner vom Himmel holen. Damit sich nach dem Flug zwischen den beiden Parteien kein Streit über den Punkt „Wer wen wie oft abgeschossen hat“ entfacht, sind alle Marchettis mit einem elektronischen „Fire Control System“ ausgerüstet. Peilt man den „Gegner“ mit dem Zielvisier erfolgreich an und löst die „Bordwaffen“ aus, registriert eine elektronische Zielvorrichtung, ob man den „Gegner“ erwischt hat oder nicht. Eine aufleuchtende grüne Diode in der Visiervorrichtung des Piloten und dicker Rauch, den das infrarotgesteuerte Smoke-System aus den Auspuffrohren des „getroffenen“ Gegners quellen läßt, lassen unmißverständlich einen „Abschuß“ erkennen.

Die Bewaffnung der Air-Combat-Maschinen: Laserkanone mit Visiereinrichtung. Ihr entkommt kaum ein „Gegner“.

Die Bewaffnung der Air-Combat-Maschinen: Laserkanone mit Visiereinrichtung. Ihr entkommt kaum ein „Gegner“.

Der Hangar von Air Combat USA liegt in der nördlichsten Ecke des Fullerton Municipal Airport. Zwei SF.260, jeweils mit russischem Stern versehen, stehen auf dem Vorfeld. Zwei weitere in amerikanischer Bemalung befinden sich in der Halle. An ihnen machen sich gerade zwei Mechaniker zu schaffen. Nachdem die Formalitäten im Büro erledigt sind, lerne ich Marvin kennen. Marvin hat auch einen Combat-Flug gebucht und wird mein „Gegner“ sein. Er ist zwar aus freien Stücken hier, kann aber seine gemischten Gefühle nicht ganz verbergen, hat er doch noch nie in seinem Leben einen Steuerknüppel in der Hand gehabt.

Momente später betritt Denny „Dooley“ Jackson die Szene: grüne Fliegerkombi, Fliegerstiefel, der Fallschirm baumelt lässig von seiner Schulter herab, die schwarze Sonnenbrille und sein alles überstrahlendes „Blendi“-Lächeln runden das Bild des „Top Gun“-Piloten ab. Er ist einer der Fluglehrer, der uns in die Geheimnisse des Luftkampfes einweihen wird. Doch erst mal geht’s ab zum Einkleiden. Mit fachmännischem Blick schätzt Dooley meine Konfektionsgröße ab. Treffsicher sucht er für mich eine olivgrüne Fliegerkombi heraus. Auf meine Frage, ob das denn sein müsse (in meinen Jeans fühle ich mich einfach besser), machte er mir unmißverständlich deutlich, daß dies dazugehöre und ich ja schließlich auch dafür bezahlt hätte. Also bloß keine Widerrede. Raus aus dem Jeans, rein in die Kombi.

Nach dem Overall wird der passende Helm aus dem Regal gezogen. Der Helm mit dem „Spider“-Aufkleber paßt mir am besten. Den Fallschirm in der einen, den Helm in der anderen Hand, stiefeln Marvin und ich hinter Dooley her in den Briefingraum. Wir nehmen Platz, und unser Instructor baut sich vor uns auf: breitbeinig, die Hände lässig in die Hüften gestemmt.

Das Briefing beginnt mit einer kurzen Vorstellung der Siai-Marchetti: 260 PS, die von einem Lycoming IO-540 mit Constant-speed-Propeller stammen, verleihen dem italienischen Flugzeug die nötige Power, um damit alle erdenklichen Manöver fliegen zu können. Die Stall-speed beträgt 61 Knoten, die Manövergeschwindigkeit 162 Knots. Der rote Strich auf dem Fahrtmesser ist bei 235 Knoten aufgemalt. Ein sicheres Lastvielfaches von plus 6 bis minus 3 g geben dem Kunstflugtrainer die entsprechende Festigkeit.

Dooley warnt uns vor den sehr sensiblen und sofort ansprechenden Rudern der Siai. „Die meisten Cessna-Piloten bekommen den größten Schreck ihres Lebens, wenn sie zum ersten Mal einen echten Knüppel wie in der SF.260 in der Hand halten.“ Der sei „very, very sensitive“. Und da laut Dooleys Erfahrungen die meisten Air-Combat-Aspiranten Tom Cruise in dem Film „Top Gun“ als ihr heimliches Vorbild ansehen, beschwört er uns regelrecht, den Knüppel im Flug nicht so wild hin- und herzuschwenken. „Und bitte haltet euch bei Start und Landung aus den Rudern heraus“, mahnt er, „das ist mein Part.“

Im Rahmen eines Briefings werden die Luftkämpfer in die „Spielregeln“ eingewiesen. Enorm wichtig: Den Gegner niemals aus den Augen verlieren.

Im Rahmen eines Briefings werden die Luftkämpfer in die „Spielregeln“ eingewiesen. Enorm wichtig: Den Gegner niemals aus den Augen verlieren.

Mit zwei kleinen Flugzeugmodellen erklärt unser Instructor nun die Grundlagen des Luftkampfes. „High Yo Yos“ und „Low Yo Yos“ werden uns vorgeführt. Das sind auf- beziehungsweise absteigende Rollenmanöver, in denen man Höhe oder Fahrt gewinnt und sich, je nach Situation, geschickt hinter seinen Gegner plazieren kann. „If you’re not cheating, you’re not trying“, „Speed is life“ und „Lose sight, lose the fight“ lauten die drei Grundregeln zum Überleben in dieser „Sportart“. Dooley ermahnt uns, niemals den Gegner aus den Augen zu verlieren. Egal, in welcher Lage sich unser Flugzeug auch immer befinden sollte oder was immer es auch gerade macht. Verliert man die Übersicht und den „Gegner“ aus den Augen, verliert man den Kampf. Sollten sich beide Maschinen dennoch einmal aus den Augen verlieren – eine Situation, die schnell in einer tödlichen Kollision enden kann -, habe man sofort Normalfluglage einzunehmen. „Knock it off, knock it off“ laute das dazugehörige Kommando über Funk, bleut uns Dooley ein.

Schließlich kommt er auf den für ihn wichtigsten Punkt zu sprechen: die Übelkeit. Ein Briefing zum Benutzen der Kotztüte folgt. Fast flehend bittet er uns, die blaue Tüte nicht mit dem blauen Umschlag des Flug- und Betriebshandbuches der SF.260 zu verwechseln. Beides stecke in derselben Seitentasche, Verwechslungen habe es schon genug gegeben. „Kotzt nicht in eure Kombi, kotzt nicht auf euer Mikro und auch nicht aufs Instrumentenbrett. Und bitte, kotzt mich nicht an, denkt an die kleine blaue Tüte.“ Klare Worte zu einem zähflüssigen Thema.

Marvin, der inzwischen ein ganzes Stück tiefer in seinen Sitz gerutscht ist, schaut mich ungläubig an. Mir ist auch schon mulmig. Ich frage mich, ob die Firma Air Combat vielleicht nicht doch ein bißchen zuviel von uns verlangt. Aber jetzt wird’s ernst. Der zweite Fluglehrer, Mark Davis, genannt „Scooter“, ist eingetroffen. Marvin und Scooter werden ein Team bilden und gegen Dooley und mich kämpfen. Also raus aus dem Gebäude, rein ins Flugzeug. Einsteigen, anschnallen und eine Einweisung auf das Zielvisier und das Auslösen der „Bordwaffen“ folgt. Dooley stellt die am Armaturenbrett befestigte Videokamera genau ein und schiebt eine Leerkassette in den fest installierten Rekorder, damit ich nachher auf meinem Top-Gun-Video auch richtig gut zu erkennen bin.

Die beiden Crews sind startbereit.

Die beiden Crews sind startbereit.

Kurz nach dem Start in Fullerton schließen Scooter und Marvin zu uns zu einer geschlossenen Formation auf. Wir fliegen Richtung Osten zu unserem Übungsraum über dem Lake Mathews. Hier soll also „gekämpft“ werden. Dooley übergibt mir nun die Marchetti, damit ich mich ein wenig darauf einfliegen kann. Als es dann endlich losgehen soll, müssen wir uns ein wenig in Geduld üben und auf die andere Marchetti warten. Klar, Marvin hat vorher noch nie versucht, ein Flugzeug zu steuern, und braucht halt etwas länger, um zu erkennen, wozu Knüppel und Seitenruderpedale gut sind.

Dann endlich geht’s los. Der Luftraum ist frei, die Gurte werden eben noch schnell nachgezogen. Über Funk wird nun abgesprochen, daß ich als erstes versuchen soll, mich hinter Marvin zu hängen und ihn „abzuschießen“. Wir fliegen mit etwa 160 Knoten seitlich versetzt aufeinander zu. Damit ist der Kampf eröffnet.

Als wir uns gegenseitig passieren, ziehe ich laut Briefing senkrecht nach oben und versuche nach hinten zu gucken, um die andere SF.260 so früh wie möglich zu orten und nicht mehr aus den Augen zu verlieren. Der verdammte Helm; bei vier g wird er tierisch schwer. Jetzt sehe ich Marvin. Mit Scooters Hilfe hat Marvin eine Art Aufschwung geflogen und kommt uns nun etwa 100 Meter höher entgegen. Jetzt greift Dooley bei mir ein und fliegt mir einen „High YoYo“ vor. Eine Mischung aus hochgezogener Fahrtkurve und halber Faßrolle bringt uns fast hinter die Position der „gegnerischen“ Marchetti. Die wiederum läßt nichts unversucht, uns mit einer Mischung aus Loops und Faßrollen abzuschütteln.

Dieser alberne Helm. Bei konstanten 4 bis 5 g wird er schwer wie ein Mühlstein. Den Muskelkater am Hals sollte ich Tage später noch merken. Nach dem vierten oder fünften Manöver in Folge unter relativ hohen g höre ich nun auch Dooley übers Headset stöhnen; Pressatmung ist angesagt, damit sich der Grauschleier vor den Augen nicht zum Blackout auswächst. Endlich, ich habe meinen Gegner eingeholt und ihn genau im Visier. „Guns, guns, guns, tracking, tracking, tracking“, schreit mir Dooley über den Kopfhörer zu. Der Piepston im Headset zeigt das Arbeiten der Waffen an, eine Sekunde später bestätigt das in den Auspuff meines Gegners eingespritzte Corvis-Öl als weiße Rauchfahne meinen Treffer.

Dogfight über Kalifornien. Die vordere Maschine wurde „getroffen“. Ihr Smoke-System ist aktiviert. Ein „Einsatz“ bei Air Combat umfaßt vier Missionen.

Dogfight über Kalifornien. Die vordere Maschine wurde „getroffen“. Ihr Smoke-System ist aktiviert. Ein „Einsatz“ bei Air Combat umfaßt vier Missionen.

„Knock it off. Knock it off“, scheppert’s durch das Intercom. Damit nehmen alle wieder Normalfluglage ein, und der Kampf gilt als beendet. So oder so hätten wir mit der Turnerei aufhören müssen, da sich Marvin mittlerweile die blaue Tüte vors Gesicht hält. Die Beschleunigungskräfte haben seinen Kreislauf in die Knie gezwungen. Also heißt es Pause machen und geradeausfliegen – für 495 Dollar die Stunde.

Dooleys Angebot, ob ich in der Zwischenzeit vielleicht etwas Kunstflug machen möchte, nehme ich dankend an. Meine Freude darüber sollte allerdings nicht lange währen. Als ich eine gesteuerte Rolle fliege und mich genüßlich durch die Rückenlage bewege, fuchtelt Dooley wie von der Tarantel gestochen mit seinen Händen durchs Cockpit. „Nein, nicht drücken. Keine negativen g“, bekomme ich zu hören. „Wir haben kein Rückenflugsystem.“ Das kann ich erst gar nicht glauben. Ein Fluggerät für Luftkampf ohne Rückenflugsystem?

Mittlerweile melden sich Scooter und Marvin auf der Bildfläche zurück. Es kann weitergehen. Diesmal zeigt mir Dooley, wie man sich mit richtig plazierten Faßrollen hinter einen nach unten wegtauchenden Gegner hängt. Das macht Spaß. Als ich im Eifer des Gefechtes in einem halben Loop hinter Marvin hochziehe, bleibt mir ein wenig die Sicht weg. Als sich kurz vor der Rückenlage der Grauschleier vor meinen Augen hebt, sehe ich die Silhouette eines Flugzeuges vor mir. Beim Anvisieren muß ich feststellen, daß das über uns nicht die andere Marchetti, sondern eine Boeing 737 ist, die nur 500 Meter höher als wir ihren Descent auf den Ontario Airport beginnt.

Nach dem dritten „Kampf“ legen wir noch mal eine Pause ein. Marvin hat wieder die kleine Tüte hervorgeholt. Da die Treffer der ersten drei Luftkämpfe auf unser Konto gingen, beschließen Scooter und Dooley über Funk, beim abschließenden Kampf Marvin gewinnen zu lassen. Auch dieser „Sport“ kennt Fairness.

*   *   *

Ergänzung von Cernunnos: Die Firma Air Combat USA gibt es immer noch – siehe diesen Link. Neben den Siai-Marchetti SF.260 fliegen sie heute auch die Extra 300.

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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