SWM-Serie „Sturmgewehre“ (15): Armee-Universal-Gewehr (AUG)

AUG 1 von links

Von Max Meinrad Krieg, aus der Serie „Sturmgewehre“ des „Schweizer Waffen-Magazins“, Heft 9-1985. [Dort ist dieser Artikel unter dem Titel „Automatisches Universal Gewehr (AUG)“ erschienen, und auch im Artikel selbst verwendet MMK diese falsche Bezeichnung. Ich habe sie hier berichtigt wiedergegeben.]

AUG im Kaliber 5,56 x 45 (.223 Remington), wie es beim österreichischen Bundesheer als Stg 77 eingeführt ist.

AUG im Kaliber 5,56 x 45 (.223 Remington), wie es beim österreichischen Bundesheer als Stg 77 eingeführt ist.

Der österreichische halbstaatliche Konzern Steyr-Daimler-Puch ist als Hersteller von Nutzfahrzeugen weltbekannt und mit Namen wie Haflinger, Pinzgauer oder Typ G verbunden. Steyr fertigt aber auch eine große Palette von Jagd- und Militärhandfeuerwaffen, darunter das Sturmgewehr AUG (Armee-Universal-Gewehr), eine recht unkonventionelle Waffe.

Steyr fertigte ab Ende der fünfziger Jahre das belgische FAL in Lizenz als Sturmgewehr 58 für die österreichische Armee. Als sich die neue Patrone .223 Remington durchzusetzen begann, entwickelte Steyr ebenfalls in enger Zusammenarbeit mit dem Bundesheer eine Waffe, respektive eine Waffenfamilie, für dieses neue Kaliber. Und man war dabei bereit, auch ganz neue Wege zu beschreiten.

Als erstes fällt die außerordentliche Kürze des AUG auf. Diese wird jedoch nicht, wie man zunächst glauben könnte, durch einen kurzen Lauf erzielt (er ist eher länger als bei Sturmgewehren der Konkurrenz), sondern durch Anwendung des Bullpup-Prinzips. Dieses Konstruktionsprinzip wurde schon früher versuchsweise angewandt, so bei den englischen Sturmgewehren EM-1 und EM-2 nach dem Zweiten Weltkrieg oder den High-Standard-Flinten Modell 10; aber das AUG ist das erste in Serie gegangene und bei Armeen eingeführte Sturmgewehr dieser Art.

Bei der Bullpup-Konstruktion wird der waffenmechanisch meist keine Funktion erfüllende klassische Schaft einfach weggelassen – allenfalls muss die Schließfeder nach vorne verlegt werden – und der für die Schulter notwendige Anschlag unmittelbar an das Verschlussgehäuse verlegt. Die erzielte Kürze und die dadurch verbesserten Handhabungseigenschaften der Waffe wiegen den Nachteil, den Abzug vor das Magazin zu verlegen, und die Notwendigkeit, die Waffe für Linksschützen umzubauen (die Auswurföffnung liegt auf Kopfhöhe) bei weitem auf.

Mittelpartie des österreichischen AUG.

Mittelpartie des österreichischen AUG.

Als zweite Besonderheit ist die ausgedehnte Verwendung von Kunststoff zu erwähnen. Nicht nur der voluminöse Schaft mit Pistolengriff und Abzugsbügel, der aus fiberglasverstärktem Polyamid 66 besteht, sondern auch der vordere Haltegriff, der Abzug, ja selbst der Großteil des Abzugsmechanismus werden aus Kunststoff hergestellt. Das Verschlussgehäuse besteht aus Aluminium, Lauf, Verschluss und diverse Kleinteile aus Stahl.

Detail mit vorderem Haltegriff.

Detail mit vorderem Haltegriff.

Das AUG setzt sich aus fünf Baugruppen zusammen, die sich am besten anhand der einfachen feldmäßigen Zerlegung zeigen lassen. Vom Verschlussgehäuse als zentralem Teil, welcher in seinem Oberstück als Traggriff ausgebildet ist und die Visiereinrichtungen (Zielfernrohr und Hilfsvisierung) trägt, lässt sich der Lauf nach Zurückziehen des Verschlusses und Lösen der Sperre durch eine leichte Drehung abnehmen. Der Kunststoffschaft, der funktionell eine Fortsetzung des Verschlussgehäuses bildet und auch das durchsichtige Magazin aufnimmt, kann nach Herausdrücken eines seitlichen Kunststoffbolzens abgezogen werden. Der Verschluss mit seinen Schließfedern und Gestängen liegt hierauf frei. Im Schaft befindet sich die sechste Baugruppe, der Abzugmechanismus, der jedoch erst in einer erweiterten Zerlegung entfernt zu werden braucht.

Armee-Universal-Gewehr, zerlegt.

Armee-Universal-Gewehr, zerlegt.

In der Funktionsweise folgt das AUG heutigen Trends; es ist ein Gasdrucklader mit Drehwarzenverschluss. Hinzuweisen ist auf die optische Visierung, die beim AUG Standard ist, und auch auf die bei Sturmgewehren selten so leichte Laufwechselmöglichkeit.

Der Autor beim Probeschießen mit einem Armee-Universal-Gewehr.

Der Autor beim Probeschießen mit einem Armee-Universal-Gewehr.

Beim praktischen Schießtest zeigte sich schnell die außerordentliche Führigkeit des AUG und das angenehme Verhalten im Schuss. Die optische Visierung, ein 1,5faches, sehr robustes Zielfernrohr von Swarowski mit einem ringförmigen Absehen, ist nicht unbedingt für Scharfschützen ideal, bietet jedoch auch einem Anfänger keine Schwierigkeiten und ermöglicht eine außerordentlich schnelle Zielerfassung. Dabei ist bis zu einer Distanz von 200 m für Mannziele keine Änderung des Haltepunktes nötig. Die Trefferbilder auf 100 m lagen im Einzelfeuer um 12 cm. Einzelfeuer ergibt sich bei anfänglichem Durchziehen des Abzuges, wird weiter durchgezogen, so resultiert Seriefeuer. Kurze Feuerstöße lassen sich problemlos kontrollieren, bei längerem Dauerfeuer wandert die Waffe jedoch leicht aus.

Das AUG wird heute in einer Vielzahl von Varianten angeboten, die sich grundsätzlich aus einer entsprechenden Zusammenstellung der folgenden Baugruppen ergeben:

4 Läufe:
● Commando: 35 cm
● Maschinenkarabiner: 41 cm
● Sturmgewehr: 51 cm
● LMG: 62 cm

3 Abzugsmechanismen/Verschlüsse:
● nur halbautomatisch für zivilen US-Markt,
● halb/vollautomatisch aufschießend als Standard,
● halb/vollautomatisch zuschießend v. a. als LMG

3 Verschlussgehäuse:
● Standard mit 1,5fachem Zielfernrohr,
● Spezial zur Aufnahme von anderen Zielfernrohren und Nachtsichtgeräten,
● mit offener Visierung.

Zudem wird das AUG bzw. dessen Kunststoff in verschiedenen Farben angeboten. An Zubehör ist die übliche Palette erhältlich: Magazine von 30 und 42 Schuss, Bajonett und Blindschießapparat.

Das AUG ist als Stg 77 beim österreichischen Bundesheer in der Einführung, des weiteren fand es Eingang bei verschiedenen Staaten Afrikas und des Fernen Ostens. Mit dem AUG gelang Steyr nach anfänglichen Schwierigkeiten eine ausgereifte und zuverlässige Waffe modernster Konstruktion. Dass das Bullpup-Prinzip Zukunft hat, zeigt auch das neue französische Sturmgewehr FAMAS.

Daten AUG-Sturmgewehr:

Kaliber: 5,56 x 45 mm (.223 Remington)
System: Gasdrucklader mit Drehwarzenverschluss
Kadenz: 750 Schuss pro Minute
V0: 970 m/s
E0: 158 mkg / 1550 Joule
Lauflänge: 508 mm mit 9“ oder 7“ Drall
Länge: 790 mm
Gewicht: 3,6 kg
Magazin: 30 und 42 Schuss

* * *

Seit 1985 hat es natürlich beim AUG einige Entwicklungen gegeben. Über die seither erschienenen Generationen kann man im Wiki-Artikel über das Steyr AUG nachlesen, und von Steyr gibt es eine Seite über die Zivilversion AUG-Z.
Ein interessantes Repetiergewehr, das von Steyr für den Zivilmarkt produziert wird, ist das Scout Rifle – siehe Büchsen-Licht (7): Steyr-Mannlicher „Scout“ von Deep Roots (unter Verwendung eines Testberichts von Martin Schober in IWM 10/1998).

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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