Fieseler Fi 256: Keine Chance für den Super-Storch

Die Verwandtschaft mit dem berühmten Vorgänger ist unverkennbar. Die Fi 256 war jedoch aerodynamisch sauberer gestaltet.

Die Verwandtschaft mit dem berühmten Vorgänger ist unverkennbar. Die Fi 256 war jedoch aerodynamisch sauberer gestaltet.

Von Patrick Hoeveler, aus FLUG REVUE November 2010.

Der Fieseler Storch gilt als eines der berühmtesten deutschen Flugzeuge. Fast in Vergessenheit geraten ist dagegen der Nachfolger Fi 256, von dem in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs nur wenige Exemplare entstanden.

Die V2 besaß gerade Fahrwerkstreben.

Die V2 besaß gerade Fahrwerkstreben.

Kann man einen optimalen Entwurf wie die Fi 156 „Storch“ noch verbessern? Gerhard Fieseler und seine Konstrukteure versuchten es. Am 10 Mai 1936 war der ehemalige Kunstflieger mit der Fi 156 V1 zum Erstflug gestartet. Schon im folgenden Jahr begann die Serienfertigung. Insgesamt entstanden bis weit über das Ende des Zweiten Weltkriegs hinaus fast 3000 Exemplare, unter anderem in Tschechien und Frankreich. Trotz der selbst heute noch faszinierenden Leistungen in den Bereichen Langsamflug sowie Kurzstart und Kurzlandung beschäftigten sich die Fieseler-Werke bereits 1940 mit einer Weiterentwicklung. Im Vordergrund stand die Verdopplung der Reichweite auf 700 Kilometer und die Erhöhung der maximalen Geschwindigkeit von 175 auf 215 km/h. Die Kabine sollte Platz für vier bis fünf Personen bieten statt für drei wie in der Fi 156.

Die Verbesserungen durften aber nicht zu Lasten der Langsamflugeigenschaften gehen. Da außerdem der Achtzylindermotor Argus As 10 beibehalten werden sollte, konzentrierten sich die Konstrukteure auf die aerodynamische Verfeinerung des ursprünglichen Storchs. Die seitlichen Kabinenfenster ordneten sie gerade statt wie bisher mehr über den Rumpf herausragend an. Die Fahrwerksstreben gestalteten sie widerstandsärmer und befestigten sie direkt am unteren Rumpf. Die Tragfläche erhielt automatisch ausfahrende Vorflügel.

Nah am Serienstandard war bereits die Fi 256 V2, die schon die geraden Fahrwerksstreben besaß.

Nah am Serienstandard war bereits die Fi 256 V2, die schon die geraden Fahrwerksstreben besaß.

Bei der ersten Maschine waren sie noch geknickt. Außerdem war das Höhenleitwerk in der Mitte des Seitenleitwerks angeordnet.

Bei der ersten Maschine waren sie noch geknickt. Außerdem war das Höhenleitwerk in der Mitte des Seitenleitwerks angeordnet.

Im Gegensatz zu seinem Vorgänger kam in der Struktur des neuen Storchs kaum noch Holz zum Einsatz. Damit wollten die Ingenieure die Maschine für den Einsatz robuster gestalten. Die Beplankung der zweiholmigen Tragfläche und des aus zusammengeschweißten Stahlrohren bestehenden Rumpfgerüsts erfolgte größtenteils mit Blechen aus Leichtmetall. Nur die Ruder, Klappen, der Rumpf hinter der Kabine sowie Teile des Leitwerks erhielten eine Stoffbespannung. Insgesamt sollte die Anzahl der für den Bau benötigten Teile um zwei Drittel sinken.

Die Präsentation des neuen Entwurfs beim Reichsluftfahrtministerium am 25. September 1940 verlief erfolgreich, so dass die Fertigung im Frühjahr 1941 beginnen konnte. Am 9. Juli 941 absolvierte die Fi 256 V1 mit Willy Fiedler am Steuer ihren Jungfernflug. Die ersten Ergebnisse der Erprobung machten unter anderem eine Modifikation des Seitenruders erforderlich, es erhielt eine Ausgleichsnase. Zudem wurde das Höhenruder trapezförmig ausgelegt und etwas nach unten versetzt.

Das Cockpit bot gute Sichtverhältnisse.

Das Cockpit bot gute Sichtverhältnisse.

Das zweite Versuchsmuster begann wahrscheinlich im Oktober 1941 mit der Flugerprobung, die nächsten Prototypen (V3 bis V6) folgten ab dem Frühjahr 1942. Die Bewertung der Erprobungsstelle der Luftwaffe in Rechlin kam zu recht positiven Ergebnissen: Die Steuerkräfte beispielsweise beim Start waren geringer als bei der Fi 156. Außerdem ließ sich der Storch-Nachfolger auch mit fünf Personen an Bord bei einer Mindestgeschwindigkeit von knapp 60 km/h sicher steuern. In seinen Erinnerungen schrieb Gerhard Fieseler: Der neue Storch war „viel wendiger als der alte. (…) Unserem besten Einflieger hatte ich den Auftrag gegeben, zu versuchen, ob er meinen Storch mit einer Me 109 (sic) beim Kurven in sein Visier bekommen könne. Nachdem es ihm nicht gelungen war, wechselten wir die ungleichen Flugzeuge mit demselben Ergebnis.“

Die Motorverkleidungen konnten nach oben geklappt werden und erleichterten so die Wartung.

Die Motorverkleidungen konnten nach oben geklappt werden und erleichterten so die Wartung.

Die ursprüngliche Planung sah die Fertigstellung der ersten 20 Fi 256 aus der Vorserie für den Dezember 1942 vor, doch dazu kam es nicht. Andere Programme erhielten von der Führung eine höhere Priorität, so dass die nach Budweis in Tschechien verlagerte Produktion der Fi 156 nicht auf den neuen Storch umgestellt wurde. Da die Fieseler-Werke in Kassel von Bombenangriffen der Alliierten schwer beschädigt wurden, bekam schließlich die Firma Otto Schwade in Erfurt den Auftrag zum Bau der Fi 256. Sie hatte zuvor bereits Komponenten des Storchs und anderer Flugzeugmuster hergestellt. Bis Ende 1943 dürften noch rund fünf Exemplare der Nullserie der Fi 256 ausgeliefert worden sein. Wie viele Einheiten tatsächlich gebaut wurden, ist bis heute nicht genau bekannt. Auch ihre Verwendung und ihr Verbleib lassen sich nur lückenhaft dokumentieren. So dienten einige Fi 256 zwischenzeitlich als persönliche Transportmaschinen, etwa von Gerhard Fieseler selbst oder dem Chefingenieur der Luftwaffe, Roluf Lucht. Die V6 beförderte einige Monate lang bei Messerschmitt Piloten, die für das Einfliegen zuständig waren.

Heute existiert kein Vertreter des Storch-Nachfolgers mehr. Damit bleibt die Frage, ob der „Super-Storch“ den Ruhm seines Vorgängers noch hätte übertrumpfen können, für immer offen. Der Fieseler Storch bleibt indes eines der bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Flugzeuge. Bei der Schweizer Luftwaffe blieb das Muster sogar noch bis ins Jahr 1963 im Dienst.

Fieseler Fi 256 7 Dreiseitenansicht + Daten

Im Anschluß an Patrick Hoevelers Artikel bringe ich noch eine kleine Bildergalerie des „Super-Storchs“ Fieseler Fi 256…

Fieseler Fi 256 DreiseitenzeichnungFieseler Fi 256 im Flug

Fieseler Fi 256 mit Hubschrauber

Fieseler Fi 256 V1 im FLug

…und seines Vorgängers, des berühmten Fieseler Storchs Fi 156:

bei einer Flugschau in Chino im Jahr 2004

bei einer Flugschau in Chino im Jahr 2004

mit Reichsluftmarschall Hermann Göring

mit Reichsluftmarschall Hermann Göring

und bei der Landung irgendwo an der Ostfront.

und bei der Landung irgendwo an der Ostfront.

Über Cernunnos

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