SWM-Serie „Sturmgewehre“ (16): FAMAS

Der Autor beim Probeschießen mit dem französischen FAMAS-Sturmgewehr im Kaliber 5,56 x 45 mm.

Der Autor beim Probeschießen mit dem französischen FAMAS-Sturmgewehr im Kaliber 5,56 x 45 mm.

Von Max Meinrad Krieg, aus der Serie „Sturmgewehre“ des „Schweizer Waffen-Magazins“, Heft 10-1985.

Die französische Armee war nach dem Zweiten Weltkrieg mit den verschiedensten Waffen ausgerüstet, führte dann aber 1949 den Halbautomaten MAS 49 im Kaliber 7,5 x 54 mm ein, welcher 1956 modifiziert wurde. In der Folge beschaffte Frankreich kein Sturmgewehr der ersten NATO-Generation, wenn auch gewisse Versuche stattfanden. Einerseits hatte sich das MAS 49 als äußerst zuverlässig bewährt, und andererseits lag offenbar das Hauptgewicht des Interesses bei anderen militärischen Projekten (Force de frappe).

Erst 1967 begann man sich mit der Entwicklung eines modernen Sturmgewehres zu befassen und beschloß 1970 die Einführung des Kalibers .223 (5,56 x 45). Obschon die Franzosen einige Jahre über die Lizenzrechte des HK 33 verfügten, machte sich die staatliche Manufacture d’Armes des Saint-Etienne (MAS) an die Entwicklung einer eigenständigen Waffe.

Das neue, nach dem Bullpup-Prinzip aufgebaute FAMAS-Sturmgewehr der französischen Armee, ein verzögerter Rückstoßlader, dessen Mechanik sich an das MG AAT 52 anlehnt.

Das neue, nach dem Bullpup-Prinzip aufgebaute FAMAS-Sturmgewehr der französischen Armee, ein verzögerter Rückstoßlader, dessen Mechanik sich an das MG AAT 52 anlehnt.

Dieses neue Sturmgewehr FAMAS (Fusil d’assault de la MAS) wurde 1977 zur französischen Ordonnanz erklärt und die Beschaffung einer ersten Serie von 236.000 Stück beschlossen. Die Serienproduktion lief dann aber nicht im erwünschten Tempo. So bereitete offenbar eine zuverlässige Dreischussautomatik einige Mühe. Die ersten Waffen wurden ohne diese Vorrichtung ausgeliefert. Als Übergangslösung kaufte die französische Regierung zudem für ihre UNO-Truppen im Libanon eine Anzahl bei MANURHIN in Lizenz gefertigte SIG SG 540. Heute ist das FAMAS bereits in der ganzen französischen Armee eingeführt.

FAMAS 3 von rechts

Die Anwendung des Bullpup-Prinzips, welches auch im österreichischen AUG Verwendung findet, läßt die Waffe bei normaler Lauflänge sehr kurz werden, da faktisch der Anschlagschaft wegfällt. Funktionstechnisch handelt es sich beim FAMAS um einen verzögerten Rückstoßlader, dessen Mechanik sich an das französische Maschinengewehr AAT 52 anlehnt. Der Verschlusskopf ist mit dem Verschlussträger durch einen Übersetzungshebel verbunden – bei anderen Waffen dieser Art (Stgw 57, Heckler & Koch G 3) übernehmen meist Rollen diese Funktion. Eine geringe Bewegung des Kopfes wird durch die Hebelübersetzung in eine 3,6fache Bewegung des schweren und durch die starke Schließfeder gebremsten Trägers umgesetzt, wodurch die erwünschte Verzögerung der Verschlussöffnung eintritt. Da das Ausziehen der Hülse zu Beginn noch unter Druck erfolgt, unterstützen Längsrillen im Patronenlager diesen Vorgang.

Wie bei modernen Sturmgewehren üblich, sind nur die am stärksten beanspruchten Teile wie Lauf, Verschluss und Teile des Abzugsmechanismus aus Stahl, während sonst aus Gründen der Gewichts- und Preisersparnis Leichtmetall und vor allem Kunststoff verwendet werden. So bestehen beim FAMAS Schaft, Vorderschaft und oberer Handschutz mit Traggriff aus letzterem Material.

Das französische FAMAS-Sturmgewehr, in seine Hauptteile zerlegt.

Das französische FAMAS-Sturmgewehr, in seine Hauptteile zerlegt.

Die einzelnen Baugruppen des FAMAS werden durch Querstifte mit dem Verschlusskasten verbunden. Die Zerlegung ist demnach einfach: Schaft, oberer Handschutz sowie allenfalls auch der Abzugsmechanismus werden nach Herausdrücken der Stifte abgenommen. Dann wird der Spanngriff nach hinten gezogen, gegen den Federdruck festgehalten und der Querbolzen herausgedrückt, wodurch sich die Verschlussgruppe von der Spannstange löst und herausgezogen werden kann. Auch diese läßt sich durch Entnahme eines Stiftes weiter zerlegen.

Ein gewichtiger Nachteil der Bullpup-Bauweise ist die Lage der Auswurföffnung in Kopfhöhe, so dass die Waffe nicht ohne weiteres für Linksschützen verwendet werden kann. Das FAMAS läßt sich jedoch relativ leicht umbauen. Es verfügt über zwei Auswurföffnungen, wobei die eine jeweils mit einer umsteckbaren Backenkappe verschlossen wird. Als zweites braucht dann nur noch der Auszieher auf dem Verschlusskopf umgesteckt zu werden.

Der Spannhebel liegt unter dem massiven Traggriff.

Der Spannhebel liegt unter dem massiven Traggriff.

Das FAMAS ist mit einem beiklappbaren und abnehmbaren Zweibein ausgestattet. Die verstellbare Visierung liegt geschützt innerhalb des massiven Traggriffes, dessen Aussehen der Waffe den Übernamen „clairon“ (Posthorn) eingetragen hat. Unterhalb dieses Traggriffes liegen der Spannhebel, welcher von beiden Seiten gut erreicht werden kann, und die Visierung für den indirekten Schuss von Gewehrgranaten, die übrigens mit normalen, scharfen Patronen abgefeuert werden können. Der Sicherungs- und Feuerwahlhebel liegt direkt vor dem Abzug, der separate Hebel für die Dreischussautomatik hingegen unten am Abzugsmechanismus am Schaft.

Der Sicherungs- und Feuerwahlhebel ist vor der Abzugzunge plaziert.

Der Sicherungs- und Feuerwahlhebel ist vor der Abzugzunge plaziert.

Mit etwelcher Spannung erwarteten wir den praktischen Schießtest mit diesem kurzen und sehr handlichen Sturmgewehr. Sowohl im Einzelfeuer wie auch im Feuerstoß liegt es erstaunlich ruhig. Selbst bei längerem Dauerfeuer kann es bei kräftigem Zupacken gut kontrolliert werden. Offenbar läßt die praktisch geradlinige Anordnung von Lauf, Verschluss(bewegung) und Anschlagschaft die Auftriebkräfte nur gering zur Geltung kommen.

An Zubehör sind uns der Gewehrriemen, ein Bajonett sowie ein Nachtsichtgerät bekannt. Vorerst wird das FAMAS nur mit einem 12“-Drall geliefert.

Daten Sturmgewehr FAMAS:

Kaliber: .223 (5,6 x 45 mm)
System: verzögerter Rückstoßlader mit feststehendem Lauf
V0: 960 m/s
E0: 160 mkg / 1515 Joule
Kadenz: ca. 950 Schuss pro Minute
Lauflänge: 490 mm
Länge: 760 mm
Gewicht: 4,6 kg (mit Zweibein und Riemen)
Magazin: 25 Schuss

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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