Labyrinth zwischen den Sternen – Prolog: Die Seraph

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Von John Morressy. Originaltitel: „Under a Calculating Star“ (1975); deutsche Fassung (Übersetzung: Karl H. Schulz) 1980 als Ullstein-Buch Nr. 31018 (ISBN 3 548 31018 4). Bildauswahl von Lichtschwert.  (Gefunden hier auf NORD-LICHT)

Prolog: Die Seraph

Das Eigenantriebsschiff Seraph befand sich auf der Reise zu irgendeinem Ziel jenseits des „Verbotenen Gürtels“. Drei Wachen hinter dem Dus’sh’kor drosselte es auf Unterlichtgeschwindigkeit. Dann öffnete sich die atmosphärische Schleuse. Eine Zeitlang hatte das Raumschiff zwei kleine Satelliten bei sich. Sie trudelten neben ihm durch den Raum, die Spanne zwischen ihnen und dem Mutterschiff wurde immer breiter, dann glitten sie ab und begannen als Doppel-Orbit ihre eigene Reise durch die Leere. Nun verschwand die Seraph in die unsichtbare Dimension der Superlichtgeschwindigkeit und nahm Kurs auf den Rand der Galaxis. Gegen Ende der nächsten Wache wurde auf Befehl Kian Jorrys, des Kommandanten, ein Schiffsrat einberufen. Jorry hatte den einzelnen Platz an einer Seite des dreieckigen Messetisches inne; dort saß er bequem zurückgelehnt und fuhr sich mit der Hand durch das graumelierte, kurzgeschorene Haar. Die Mannschaft wartete darauf, daß er zu sprechen beginnen würde.

Sie waren ein buntscheckiger Haufen, Humaniden und Humanoiden verschiedener Größe, Körperform und Hautfarbe. Bis auf einen hatten sich alle zum Schiffsrat eingefunden.

Gleich zur Rechten Jorrys waren zwei Quipliden; sie hockten auf der Tischplatte, um in Augenhöhe der anderen zu sein. Sie waren Brüder, Fimm und Jimm genannt. Keiner an Bord der Seraph wußte ganz genau, wer Fimm und wer Jimm war, und so wurden sie ständig miteinander verwechselt. Doch das schien sie nicht sonderlich zu stören.

Neben ihnen saß ein großer Mann mit wetterrotem Gesicht, Kopfhaar und Bart waren hellblond, beinahe weiß, obwohl er zweifellos noch jung war. Sein Haar war lang, und er trug es zu Zöpfen geflochten, wie es bei den Skeggjatt-Kampfschulen Brauch war. Sein muskelbepackter Körper war zusammengesunken; das Kinn in die mächtige Hand gestützt, starrte er vor sich hin. Bral hieß der Skeggjatt.

Neben ihm saß Collen, die Verteidigungsexpertin. Sie war Thorumbianerin, schlank, blauäugig, ihre glatte Haut war schwarzblau wie vergossenes Öl.

An der dritten Seite des Tisches, von Jorry am weitesten entfernt, saß Dolul, ein Angehöriger des Stammes der Onhla, von der Eiswelt Hraggellon. Er war ein großer Mann mit ausdruckslosem Gesicht und sprach selten. Neben ihm saß einer, der überhaupt nicht sprach, ein Thanist namens Rull-Lamat. Er trug eine Haube, und der untere Teil seines Gesichts war verdeckt.

Jorry räusperte sich und rückte mit seinem Stuhl vor. Erwartungsvoll blickten seine Leute ihn an. Bedeutsam sah er auf die Tischplatte hinunter, dann stand er auf und begann: „Meine guten Freunde und Kameraden, wir haben viel zu besprechen. Doch wie ihr wißt, bin ich ein alter Sternfahrer, dem die Traditionen des Kosmos heilig sind; und so möchte ich diese Versammlung eröffnen mit einer Schweigeminute zum Gedenken an unsere Schiffsgenossen, die sich von uns getrennt haben.“

Er faltete die Hände und neigte den Kopf. Bral warf einen raschen Blick auf die anderen und einen längeren, prüfenden auf Jorry, doch in der Miene des Kapitäns war kein Fünkchen Ironie zu entdecken. Endlich blickte Jorry auf, lächelte und setzte sich wieder. „Und nun, nachdem wir diesem Verräterpaar die letzte Ehre erwiesen haben – zum Dienstlichen“, sagte er munter.

„Ohne das Urteil unseres Kapitäns anzweifeln zu wollen – aber bist du sicher, daß sie Verräter waren?“ fragte der Skeggjatt. „Mir ist Saston eigentlich nie so vorgekommen… es fällt mir schwer zu denken, daß er uns alle betrogen hat.“

„Und Verdniak schien mit auch nicht der Typ zu sein“, fügte die Thorumbianerin hinzu. „Er war ein guter Kämpfer.“

Kian Jorry lächelte väterlich. „Ihr beiden seid vertrauensvolle Naturen“, sagte er, „und ich mag euch deswegen umso lieber. Ich war auch einmal so. Doch über Saston und Vedniak habe ich nicht mehr die geringsten Zweifel. Ich glaube meinen eigenen Augen. Als wir auf dem Dush’k’kor waren, habe ich gesehen, wie sie Bestechungsgelder von einem Sternverein-Agenten genommen haben. Sie wollten uns an die Schwarzjacken verkaufen.“

„Und das ist noch nicht das Schlimmste“, schrillte einer der beiden Quipliden, und der andere fügte hinzu: „Erzähle doch, was sich in deiner Kabine zugetragen hat.“

„In der dritten Wache habe sich sie in meine Kabine gerufen und es ihnen klipp und klar vorgehalten; Fimm und Jimm waren Zeugen. Erst haben sie alles geleugnet. Dann haben sie versucht, uns zu bestechen, damit wir uns ihnen anschließen. Dann zogen sie ihre Waffen, und wenn meine kleinen Freunde hier nicht gewesen wären, dann wäre ich jetzt draußen im leeren Raum, und Saston und Vedniak würden euch in den Hinterhalt der Schwarzjacken führen – in den Tod.“

Der eine Quiplide sagte: „Verräter verdienen, was sie bekommen“, und der andere bestätigte: „So ist es.“

„Ich kann also annehmen, daß ihr alle befriedigt seid, und wir können somit zu anderen Dingen übergehen“, begann Jorry wieder. Er blickte sich um, ob jemand etwas dagegen hätte, doch das war nicht der Fall.

„Wie ist es mit Ersatz, Kapitän?“ fragte Bral. „Nun sind wir doch unterbesetzt.“

„Wir sind genau richtig besetzt. Diese Beiden waren für das, was vor uns liegt, überhaupt nicht geeignet. Gut, daß wir sie los sind. Wir sind jetzt aktionsbereit, Bral, und haben genau die richtige Kampfstärke. Wir haben die Mannschaft, die Waffen, komplette Sonderausrüstung –“

„Tatsächlich?“ fragten die beiden Quipliden gleichzeitig, „und was haben wir vor?“

„Jawohl, die haben wir“, versicherte der Kapitän, ohne zunächst auf die zweite Frage der Kleinen einzugehen. „Bei jeder Planetenlandung hat euer Kapitän – während ihr euch amüsiert habt – Einkäufe gemacht. Ich habe mir, das kann ich euch sagen, kein Vergnügen gegönnt, bis ich die Schiffsgeschäfte erledigt hatte.“

„Jorry denkt an alles“, sagte einer der Quipliden bewundernd. „Das tut er wirklich“, stimmte der andere zu.

Der Kapitän nickte gnädig. „Ich versuche, mein Bestes zu tun. Darum ist die Seraph auch so ein gutes Schiff. Sie hat einen erstklassigen Kapitän, und jetzt hat sie auch eine erstklassige Mannschaft.“

„Nicht ganz“, murmelte der Skeggjatt und schwieg dann.

„Wenn du etwas auf dem Herzen hast, Bral, dann spuck es aus. Ich bin nicht wie der alte Kapitän York – Friede seinen Gebeinen. Meine Besatzung kann frei heraus reden; ich höre. Was ist los?“

Der Skeggjatt zögerte. Er war ein Kämpfer von Natur, kein Disputierer. In Brals Welt kämpfte man, wenn man verschiedener Meinung war, und wer siegte, hatte recht. Jorry war groß, stark und schnell; doch Bral zweifelte nicht daran, daß er seinen Kapitän im offenen Kampf besiegen konnte. Und trotzdem ließ er sich von Jorry Dinge sagen, die ein Skeggjatt allenfalls seinem nächsten Verwandten auszusprechen gestatten würde. Die Sache war die, daß er sich Jorry gegenüber unsicher fühlte. Jorry war zu schlau, zu listenreich. Im richtigen Moment hatte er stets die richtige Waffe parat. Sogar jetzt, wo er ihm gegenüber am Tisch saß und ihn freundschaftlich anlächelte, waren seine Hände unsichtbar, unter Tischhöhe.

Und schließlich war er der Kapitän der Seraph, dem man gehorchen mußte. Bral ließ alle halbausgeformten Gedanken an Opposition fahren. Zu tief saß ihm die Borddisziplin im Blut.

„Es handelt sich um Axxal, Kapitän. Er gehört nicht in diese Mannschaft“, sagte er.

„Warum nicht?“

„Er ist ein Quespodon!“

Geduldig lächelte der Kapitän. „Das wissen wir alle, Bral. Sei nicht so streng mit ihm. Er wird uns nützlich sein, ich bürge dafür.“

Bral lachte. „Wem kann ein Quespodon nützen, Kapitän? Die sind doch alle gleich. Einer ist so dumm wie der andere.“

„Axxal ist stark und treu. Man sieht ihm doch kaum an, daß er ein Quespodon ist. Und so dumm ist er nun auch wieder nicht. Verlaß dich ruhig auf mein Urteil, Bral. Ich sage, er wird uns eine Hilfe sein.“ Er blickte in die Runde. „Hat sonst noch jemand etwas gegen Axxal einzuwenden?“

„Quespodonen sind dumm, und Dummheit kann gefährlich werden“, bekräftigte Collen.

„Axxal soll ja hier nicht für uns denken. Das tue ich. Und die anderen?“

Rull-Lamat gab mit einer Handbewegung verächtliche Zustimmung kund. Dolul meinte, ihm sei es vollkommen egal; doch die Quipliden stimmten wie stets begeistert Jorrys günstiger Meinung über den Quespodon zu.

„Anscheinend will keiner von euch mit Axxal etwas zu tun haben“, nahm Jorry den Faden wieder auf. „Wenn wir erst gelandet sind, werdet ihr bestimmt eure Ansicht ändern. Bis dahin kümmert sich Axxal um die Maschinen und läßt uns in Ruhe. Laßt ihr ihn auch in Ruhe. Die Sache ist erledigt, wir sprechen nicht mehr darüber. Und jetzt, Bral, was hast du noch für Sorgen? Ich sehe es dir am Gesicht an, daß dir etwas nicht paßt. Raus damit, Mann!“
Er sprach leichthin; doch jeder Einzelne der Besatzung wußte, daß seine Worte als Befehl gemeint waren.

„Diese Vögel, Kapitän. Das sind doch ekelhafte, stinkige Kreischer. Neulich bin ich mal an die Käfige herangegangen, da haben sie mir beinahe die Hand abgehackt.“

„Muß man dir erst sagen, Bral, daß du einem Kiir-Vogel nicht die Hand hinhalten darfst?“ erwiderte Jorry.

„Wozu brauchen wir dieses Viehzeug eigentlich an Bord? Und wo wollen wir überhaupt hin?“ fragte Bral.

„Ah – endlich eine vernünftige Frage. Vielen Dank, daß du davon anfängst. Unser Ziel.“ Jorry nickte, als sei er froh, daß dieses Thema endlich zur Sprache käme. „Nun – ihr wißt – oder vielleicht auch nicht -, was ich unseren entschwundenen Freunden erzählt habe. Sie denken, wir sind auf dem Wege zum Hauptquartier des Sternvereins, um ein Kassenschiff zu kapern. Dem ist nicht so.“

„Aber warum hast du ihnen das gesagt, Kapitän?“

„Ich hatte meine Zweifel über ihre Vertrauenswürdigkeit. Es war ein Test, Bral.“ Freundlich lächelte Jorry seine Besatzung an. „Sie haben ihn nicht bestanden.“

„Aber wir können doch das Kassenschiff auf alle Fälle kapern?“ fragte Collen.

„Was für eine Beute!“ überlegte der eine Quiplide, und der andere ergänzte: „Was für eine tolle Sache!“

„Freunde, ich bin überrascht“, sorgte sich Jorry und sah ernsthaft von einem zum anderen, bis er jedem in die Augen geblickt hatte. Die wortlose Spannung wuchs, und plötzlich lachte er laut auf. „Denkt ihr wirklich, wegen einer lumpigen Schiffsladung Zahlwürfel würde Kian Jorry seine Freunde in einen Stützpunkt der Schwarzjacken führen? Da würde ich euch in den sicheren Tod führen, das weiß ich. In diesem Stützpunkt sind drei volle Divisionen Sternverein-Sicherheitstruppen stationiert – die jetzt gewarnt sind und auf uns warten! -, und gegen ihren Willen landet niemand auf diesem Planeten oder verläßt ihn lebend.“

Betreten sahen sie einander an, und schließlich lenkte Bral ein: „Wir wußten ja, daß es schwer sein würde, aber wir meinten, wenn jemand eine Basis des Sternvereins nehmen kann, dann wärst du der Mann dazu.“

„Nun, vielen Dank, Bral. Gewiß, ich habe schon manches ausgefallene Ding gedreht. Unter anderen Umständen hätte ich dies bestimmt auch geschafft. Aber mich aus einem Hinterhalt der Schwarzjacken herauszumogeln, das möchte ich denn doch lieber vermeiden. Ich habe etwas viel Besseres im Sinn.“ Er beugte sich vor. „Ihr habt doch alle von dem Leddendorfschen Lösegeld gehört, nicht wahr?“

Die meisten bejahten, nur Dolul antwortete mit einem simplen Nein, und Bral lachte laut auf und meinte, dieser Schatz sei doch nur eine Legende.

Jorry lächelte gutmütig. Als die kurze Erregung abgeklungen war, meinte er: „Das ist keine Legende.“

„Keine Legende?“ erwiderte Bral erstaunt. „Kapitän, was ich alles für Geschichten über Leddendorfs Reichtümer gehört habe – wie kann ein Mann wie du so etwas glauben?“

„Ich will nicht leugnen, daß sich eine Menge lachhafter Geschichten um diesen Schatz herumspinnen – ich habe mir wahrscheinlich jede einzelne angehört – aber das ändert nichts an der Tatsache, daß der Schatz existiert. Er ist Wirklichkeit, und man kann ihn sich holen.“ Bei diesen Worten sahen die Besatzungsmitglieder ihren Kapitän mit ganz neuem Interesse an. Jorry ließ ihnen ein paar Sekunden Zeit, um die Möglichkeit ins Auge zu fassen, und fuhr dann fort: „Da die meisten von euch die Geschichte kennen werden, kann ich mir wohl ersparen, euch nochmals damit zu langweilen –“

Wie er sich gleich gedacht hatte, fuhren die Quipliden dazwischen: „Erzähle, Jorry!“ Dolul schloß sich an, und die anderen ebenfalls.

„Da ihr es wünscht“, sagte Jorry, „will ich euch alles erzählen, was ich weiß.“ Er lehnte sich bequem zurück und begann seinen Bericht.

„Leddendorf war Großkaufmann, Alleinerbe eines Handelsimperiums, das mehr als ein Zehntel der Galaxis umspannte. Der Reichtum dieses Mannes war buchstäblich unberechenbar. Er hatte eine Frau und zwei Kinder, doch sah er sie nur selten. Sie wohnten auf einem abgelegenen Planeten – ein wahres Paradies, wie ich gehört habe – mit ein paar tausend Bediensteten und einer kleinen Armee von Wachsoldaten.“

Jorry hielt inne und beugte sich über den Tisch. „Schließlich geschah das Unvermeidliche. Piraten überfielen den Planeten und nahmen die Frau und die Kinder und alles, was sie sonst noch kriegen konnten, mit. Es war eine furchtbare Schlacht. Von den Verteidigern überlebte nur eine Handvoll, und von den Piraten knapp ein Viertel. Die Angreifer schickten einen gefangenen Wachsoldaten zurück – er war ziemlich übel zugerichtet -, um Leddendorf die Bedingungen zu übermitteln: seine Familie sollte ihn die Hälfte seines gesamten Besitzes kosten. Er bezahlte natürlich. Zögerte keinen Moment. Doch Frau und Kinder sah er nie wieder.“

Bral konnte sich nicht beherrschen. „Was geschah mit ihnen? Haben die Piraten sie umgebracht?“

„Das wird allgemein angenommen. Wie ihr euch denken könnt, gibt es die wildesten Spekulationen zu diesem Thema.“ Mit leisem Auflachen schüttelte Jorry den Kopf. „Auf der Barbary habe ich einmal einen ganzen Abend lang einem alten, zerlumpten Raumstreicher zugehört, der steif und fest behauptete, er sei der älteste Sohn von Lady Leddendorf und dem Piratenkapitän.“

„Und war er’s?“

„Ebensowenig wie du, Bral. Aber weiter. Als Leddendorf klar wurde, daß er weder das Lösegeld noch seine Familie wiedersehen würde, entschloß er sich, den immer noch beträchtlichen Rest seines Vermögens in die zweite Möglichkeit zu stecken, die ihm blieb.“ Jorry kratzte sich nachdenklich den Kopf, runzelte die Stirn und fuhr fort: „In der ersten Hälfte seines weiteren Lebens häufte Leddendorf ein Riesenvermögen an; in der zweiten gab er alles wieder aus – für seine Rache. Irgendwie muß da eine Moral dahinterstecken – aber lassen wir das auf sich beruhen. Wir armen schlechtverdienenden Sternfahrer haben andere Dinge im Kopf.“

„Weiter, Jorry! Wie ging es weiter?“ drängte der eine Quiplide.

„Leddendorf schuf sich neue Freunde. Er forderte seine Hauptkonkurrenten auf, mit ihm eine Handelsliga mit eigener Sicherheitstruppe zu gründen. Das waren die Anfänge des Sternvereins. Und wenn ihr jemals mit einem Sternverein-Sicherheitstrupp zu tun hattet – ein ganz gemeiner Haufen.“ Jorry schwieg und fuhr sich mit dem Finger über die lange Brustnarbe. „Wirklich ein ganz gemeiner und brutaler Haufen. Aber genau das wollte Leddendorf. Eine Abteilung auf jedem Sternvereinschiff, von der jeder einzelne Mann wußte, wenn er Nachricht von der Familie oder von dem Schatz brächte, oder einen von der damaligen Piratenbande gefangennahm, wäre er für den Rest seines Lebens reich.“

„Haben sie einen Piraten gefangen?“ fragte Dolul.

„Lebend haben sie keinen bekommen. Niemals, solange sie auch gesucht haben“, antwortete Jorry. Er schwieg einen Moment, und dann sagte er: „Aber ich.“

„Weißt du, wo der Leddendorf-Schatz ist?“ fragte Collen und hatte kaum ausgesprochen, als die anderen mit der gleichen Frage herausplatzten.

„Ich bin mir ziemlich sicher, daß ich es weiß. Wir sind auf dem Wege dahin.“

„Wo denn, Kapitän? Wo ist das? Wie hast du es herausbekommen, wo doch kein anderer – Wie denn nur, Kapitän?“ fragte Bral.

„Diese sogenannte ‚bloße Legende’ scheint dich ja mächtig aufzuregen, mein Freund“, antwortete Jorry gemütlich.

„Jetzt glaube ich daran. Wie kriegen wir den Schatz?“

„Wir gehen zur Zitadelle auf dem Boroq-Thaddoi.“

Auf diese Worte Jorrys fiel plötzlich tiefes Schweigen ein, als hätte er etwas Undenkbares ausgesprochen. Dann brodelte ein Durcheinander von abgerissenen Fragen auf. Endlich sagte Collen: „Das ist eine Quarantäne-Welt.“

„Wir haben von Schrecknissen gehört –“, erklärte der eine Quiplide. Und der andere ergänzte. „Unaussprechliches.“

„Ich auch“, entgegnete Jorry kühl, „und bestimmt noch viel Schlimmeres als ihr. Doch mit Hilfe meiner tüchtigen Besatzung beabsichtige ich, auf dem Boroq-Thaddoi zu landen, den Schatz zu erobern, den Schrecknissen zu entkommen und, um eine alte Redensart meines Volkes zu zitieren, danach in Glück und Zufriedenheit zu leben, bis ich sterbe. Seid ihr dabei?“

„Ich habe zu viele unheimliche Geschichten von diesem Planeten gehört“, antwortete Bral zögernd.

„Hast du auch von dem Schatz gehört, der dort zu finden ist? Der ist so riesig, daß selbst mein Talent zur Übertreibung – und das ist, wie ihr alle wißt, beträchtlich – nicht ausreichen würde, um ihn zu schildern. Da sind einzelne Edelsteine, die so groß sind, daß man sie kaum heben kann. Jedes seltene Metall der Galaxis, geläutert, in Barren gegossen, verladefertig gestapelt. Rüstungen, Waffen und Kunstwerke der alten Rassen – alles wartet auf uns dort auf dem Boroq-Thaddoi“, lockte Jorry. „Aber es steht natürlich unter Schutz. Unter mächtigem Schutz sogar. Wir wären Narren, wenn wir nicht mit Gefahren rechneten. Aber was versteckt und geschützt ist, kann auch gefunden und genommen werden. Die Frage ist nur, meine Freunde, ob ihr gewillt seid, das Risiko einzugehen.“

„Und worin besteht das Risiko, Jorry?“ fragte Collen. „Kennst du es?“

„An Einzelheiten kommt man nur schwer heran. Von meiner ersten Raumreise an habe ich Stück für Stück zusammengetragen, was ich erfahren habe. Ich wäre schon Jahrzehnte früher hingefahren, doch erst bei unserer Landung auf dem Dush’k’kor habe ich Genaueres über die Geographie des Planeten erfahren. Q-Welten sind ja nicht kartographiert.“

„Aber die Gefahren?“ drängte Collen.

„Ich habe von Fallen gehört, von furchtbaren Tieren, komplizierten und gefährlichen Schlössern, schlimmen Wettern, einem uralten Fluch – dieser letztere kümmert mich nicht, und auf das andere bin ich vorbereitet“, erwiderte Jorry lächelnd.

„Wie?“ fragte Collen.

„Die Kiirs, zum Beispiel. Brennstoffblöcke, Kletterleinen, Pelze, Waffen – dieses ausgesuchte Arsenal, das ich von Anfang an bei jeder Landung auf einem Planeten zusammengekauft habe. Aber die beste Ausrüstung ist hier, an diesem Tisch.“

„Wo denn?“

„Genau hier, Collen. Ihr. Ihr alle.“ Jorry deutete beim Weitersprechen nacheinander auf jeden von ihnen. „Wir haben Dolul, einen Wildaufspürer und Jäger aus dem Volke einer Eiswelt, der die Gabe hat, wilde Tiere zu verstehen. Und Bral, ein erfahrener Krieger. Du selbst, Collen, bist eine ausgebildete Waffenmeisterin, die sich in zwölf verschiedenen Waffen auskennt. Axxal ist so stark wie die sechs stärksten Männer, die ich kenne.“

„Kraft und Kampfgewandtheit – genügt das?“ fragte Dolul.

„Wir haben noch mehr. Rull-Lamat ist ein Thanist, ein Meister in allen geheimnisvollen Künsten. Er kann die Gedanken einer ausgestorbenen Rasse rekonstruieren und uns eine Idee davon geben, was uns auf ihrer Welt erwartet. Fimm und Jimm erklettern eine glatte steile Wand so leicht, wie wir anderen eine Leiter hinaufsteigen, und ich brauche nicht erst darauf hinzuweisen, daß die Quipliden berühmt sind wegen ihrer Geschicklichkeit im Umgang mit komplizierter Mechanik, Schlössern zum Beispiel. Ich selbst bin ein erfahrener Pilot. Ich kann die Seraph manuell, ohne Landering, landen wo ich will, und was ich sonst noch kann, das wißt ihr.“

„Wir sind nur eine kleine Truppe, Kapitän“, wandte Bral ein.

„Wir sind genug. Weder Humaniden noch Humanoiden lauern auf uns, soviel weiß ich sicher. Wir bekommen es vielleicht mit allerlei ungewöhnlichen und unangenehmen Lebensformen zu tun, aber dagegen haben wir die entsprechenden Waffen. Und da wir nicht gegen eine Armee zu kämpfen haben, warum sollten wir uns da eine eigene mitbringen?“

„Das wären ja nur umso mehr, mit denen wir den Schatz teilen müßten“, überlegte einer der Quipliden.

„Genau. Einen weiteren Mann hätte ich gern noch mitgenommen – einen Arzt; aber ich fand keinen, dem ich vertrauen konnte. Ein bißchen was verstehe ich selbst davon, und Axxal auch.“

Bral lachte verächtlich. „Lieber nähe ich mir meine Wunden selbst, als daß ich mich von einem blöden Quespodon mit seiner Ungeschicklichkeit umbringen lasse.“

„Genug, Bral“, entgegnete Jorry gelassen und fuhr dann fort: „Wenn ein Mann zu Schaden kommt, flicken wir ihn zusammen, so gut wir können, und geben ihm Zaff-Blätter, damit er bis zur nächsten Landung süße Träume hat. Und dann, wenn wir es geschafft haben, kaufe ich ihm ein eigenes Hospital. Reicht das?“

„Und wenn eine Frau fällt?“ fragte Collen.

„Verzeih meine Nachlässigkeit, Collen. Um die Wahrheit zu sagen – ich konnte mir einfach nicht vorstellen, daß eine Waffenmeisterin wie du überhaupt verwundbar ist.“

„Wir sind verwundbar“, antwortete sie.

„Dann wirst du bestens betreut. Das bist du uns wert, Collen.“

„Und wenn wir dabei draufgehen, Kapitän?“ fragte Bral.

„Dann werden wir auf keinem Planeten mehr landen und brauchen uns um Verwundungen keine Sorgen zu machen“, entgegnete Jorry unbekümmert, fuhr aber dann ernster fort: „Ich versuche gar nicht, diese Möglichkeit zu verstecken. Der Boroq-Thaddoi ist eine Q-Welt. Sie ist auf keiner Sternkarte eingezeichnet, und seit Generationen ist niemand freiwillig dort gelandet –außer vielleicht Schatzsucher wie wir. Und von denen hat man nichts mehr gehört. Es wird gefährlich werden. Vielleicht gehen wir alle drauf, oder verlieren den Verstand, oder vielleicht passiert uns noch Schlimmeres – etwas, das wir uns nicht einmal vorstellen können. Das alles ist möglich. Doch ich sage, es ist genauso möglich – nein, es ist sogar sehr wahrscheinlich -, daß wir auf dem Boroq-Thaddoi landen, in die Zitadelle dringen und reicher als alle Planetenherrscher dieser Galaxis wieder herauskommen.“

Jorry hielt inne, um seine Worte wirken zu lassen, und fuhr dann fort: „Ich habe einen Mann aufgetrieben, dessen Vater damals in den fünfundzwanzighunderter Jahren die Landung der Drake III auf dem Pendleton mitangesehen hat. Es kostete einige Zeit und sehr viel Überredungskunst, aber schließlich brachte ich den Kerl dazu, mir zu berichten, was er von der Geschichte seines Alten noch wußte. Bis auf zwei sollen alle Männer der Drake III tot gewesen sein. Manche waren noch warm, andere waren schon lange tot. Die beiden Lebenden waren wahnsinnig. Bis heute weiß niemand, was aus Kommandant Wright und dem Ersten Leutnant Kooto geworden ist, oder wie das Schiff mit seiner Besatzung von Leichen und kreischenden Irren überhaupt zurückgekommen ist – der Kontrollraum war versiegelt, und am Ruder saß ein Gerippe. Keiner weiß, wie diese Menschen ernährt, die Kranken auf dieser langen Reise versorgt wurden. Doch als diese armen Kerle landeten, hatte jeder der Toten die Taschen voller grüner Diamanten, und der kleinste war so groß wie meine Faust. Der letzte Überlebende sagte immer nur: Boroq-Thaddoi… unter der Zitadelle… bis er starb. Also, ich habe nicht vor, im Wahnsinn zu sterben, oder spurlos zu verschwinden wie Wright und Kooto; aber ich möchte die Chance haben, einer der reichsten Männer der Galaxis zu werden. Wir können diesen Planeten besiegen. Macht ihr mit?“

Die Quipliden schnellten hoch und standen aufrecht auf der Tischplatte, die kleinen Fäuste in der Luft. Dolul stand auf, dann Bral und Collen, und schließlich auch der schweigsame Thanist. Wie ein stolzer Vater lächelte Jorry seine Mannschaft strahlend an. Er faßte hinter sich und holte aus einem Schränkchen ein paar kleine Flaschen des milden bierähnlichen Getränkes hervor, das auf dem Dush’k’kor, dem letzten Planeten, den sie angeflogen hatten, gebräuchlich ist.

„Freunde – trinken wir zum letzten Mal als arme, schwerarbeitende Sternfahrer zusammen! Es ist dünnes Zeug, aber noch sind wir arm. In meiner Kabine ist eine Kiste Stepman Grün; die wollen wir uns aufsparen, um auf das gelungene Unternehmen zu trinken.“ Er hob die Flasche in die Höhe. „Auf den Reichtum, der auf dem Boroq-Thaddoi auf uns wartet!“

Fortsetzung: Erster Teil: Zur Zitadelle

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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