Labyrinth zwischen den Sternen – Zweiter Teil: Zu den Pyramiden

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Von John Morressy. Originaltitel: „Under a Calculating Star“ (1975); deutsche Fassung (Übersetzung: Karl H. Schulz) 1980 als Ullstein-Buch Nr. 31018 (ISBN 3 548 31018 4). Bildauswahl von Lichtschwert. (Gefunden hier auf NORD-LICHT)

Zuvor erschienene Teile:
Prolog: Die Seraph
Erster Teil: Zur Zitadelle

ZWEITER TEIL: ZU DEN PYRAMIDEN

1. Die Geschichte des Täuschers

An Bord der Seraph kam Jorry wieder zu sich. Der Kopf schmerzte ihm, und er hatte furchtbaren Durst, wie immer, wenn man zum Schlafen Zaff genommen hat. Er wollte sich aufrichten, doch das ging nicht, weil er einen festen Verband um die Rippen hatte. Er erinnerte sich an das dunkle Gewölbe, an den Angriff der bleichen Bestien, an das Dröhnen – aber an nichts sonst. Und jetzt war er wieder auf seinem Schiff. Mühsam und unter Schmerzen arbeitete er sich in halb sitzende Stellung hoch und rief heiser nach Axxal, der auch sofort erschien.

„Hol mir was zu trinken, aber schnell“, krächzte Jorry. Als er das Wasser hinuntergestürzt hatte, das Axxal brachte, wischte er sich die Lippen ab und befahl: „Jetzt erzähl mir, was passiert ist. Los, erzähl mir alles. Ich will Bescheid wissen.“

„Das Gewölbe stürzte ein. Wahrscheinlich war das Getöse des Feuers die Ursache. Dolul hat mir einmal erzählt, auf dem Hraggellon lösen sie in den Bergen Schnee- und Eislawinen aus, indem sie großen Lärm machen, und in diesem Gewölbe –“

„Ja, ich weiß. Ich muß für einen Moment den Kopf verloren haben. Dieses Biest, auf Armeslänge von mir –“ Jorry schauderte und schwieg ein paar Sekunden. Dann fragte er weiter: „Aber wie sind wir da herausgekommen?“

„Ich fand den Weg zurück zum Schlitten und gab dir die ganze Zaff-Lösung, die noch da war. Sie hat dich beruhigt und die Schmerzen gelindert. Den Schlitten habe ich dortgelassen. In einem einzigen Tag habe ich dich auf dem Rücken hergetragen. Deine Rippen sahen sehr schlimm aus, und ich glaube nicht, daß du es noch einen Tag ohne richtige Versorgung ausgehalten hättest.“

„Die tun immer noch ganz hübsch weh“, räumte Jorry ein. „Hast du einen Druckverband angelegt?“

Axxal nickte stolz.

„Gut gemacht. Du hast mehr Talent, als ich dachte, Axxal. Und wie hast du uns aus der Zitadelle herausgebracht, wo doch der Schacht blockiert war und uns das ganze Gewölbe über den Köpfen zusammengekracht ist?“

Fast außer sich vor Stolz entgegnete der Quespodon lächelnd: „Ich habe den Hinterausgang gefunden.“

„Möchtest du dich nicht bitte ein wenig klarer ausdrücken?“

„Weißt du nicht mehr? Als wir den Schacht hinunterkletterten, hast du gesagt, keine Rasse der Welt in der ganzen Galaxis baut sich ein Haus ohne Hintertür. Das mußte der Strom sein. Das viele Wasser mußte ja irgendwo bleiben.“

„Natürlich. Sehr klug von dir. Und wo bleibt es?“

„Es fließt in ein Tal hinter der Zitadelle. Ein grünes Tal, Jorry, mit Blumen und Pflanzen.“

Jorry machte ein angeekeltes Gesicht. „Solche menschenfressenden Ungeheuer wie die bei den Pyramiden?“

„Nein, Jorry. Nichts dergleichen“, protestierte Axxal aufgeregt. „Richtige Bäume und Pflanzen. Eßbare Früchte, guter Boden. Und das Tal ist windgeschützt. Wie auf einer normalen Welt.“

„Kaum, Axxal. Aber du hast uns herausgebracht. Ich hätte nicht erwartet, daß ein Quespodon so gut denken kann.“

„Ich kann doch denken, Jorry. Ich bin doch nicht wie die anderen Quespodonen.“

„Sei nicht so empfindlich, mein Junge. In der ganzen Galaxis sind die Quespodonen nicht eben wegen ihrer intellektuellen Fähigkeiten berühmt, das weißt du doch. Wenn du nicht denken könntest, wären wir alle beide tot.“

„Wie Fimm und Dolul. Diese Bestien haben beide erwischt.“

Schweigend, mit gerunzelter Stirn blickte Jorry zur Seite und erwog, was er soeben gehört hatte. „Bei Dolul hatte ich immer meine Zweifel. Er sprach die Universalsprache wie wir alle, aber er sprach auch die Sprache der Tiere. Ich war mir nie ganz sicher, welches seine eigentliche Sprache war.“

„Hraggellons sind doch Humaniden!“

„Humanidität ist mehr als eine Sache der äußeren Erscheinung. Dolul hatte mit diesen Kreaturen mentalen Kontakt. Er wußte, wie sie denken, er konnte es spüren. Und doch haben sie ihn erwischt – Vielleicht war es falsch, ihn anzuheuern. Die vom Stamm Onhla sind nie mit anderen Rassen zurechtgekommen.“

„Warum hast du ihn mitgenommen, wenn du seiner nicht sicher warst?“ Normalerweise hätte Axxal sich nicht getraut, seinen Kapitän so etwas zu fragen. Jorry war nicht der Mann, der sich ausfragen ließ. Hatte er zu jemandem Vertrauen, dann sprach er frei heraus, wenn auch nicht ganz frei; er sagte immer nur soviel er wollte und nicht mehr. Er gab keine Erklärungen, keine Rechtfertigungen ab. Doch Axxal spürte, daß in seinem Kapitän eine Veränderung vorgegangen war, und das nutzte er aus.

„Ich brauchte einen Onhla für dieses Unternehmen“, antwortete Jorry offen. „Ich habe mir meine Mannschaft sehr sorgfältig ausgesucht, Axxal. Nicht aus Freundschaft – sondern weil jeder etwas Bestimmtes konnte, was getan werden mußte. Das war mein einziger Maßstab.“

„Warum hast du mich mitgenommen?“

„Ich brauchte einen starken Mann, auf den ich mich verlassen kann.“

Nach kurzem Zögern entgegnete Axxal darauf: „Und dazu hast du dir einen Quespodon ausgesucht, weil du dachtest, wir sind dumm. Du brauchtest einen starken Mann, aber keinen Denker.“

Jorry seufzte geduldig. „Ich wollte ja keine Akademie gründen, mein Freund. Du mußtest nur stark und treu sein – ansonsten hättest du der Weiseste oder der Dümmste in der ganzen Galaxis sein können, das wäre mir egal gewesen. In deinem Fall zum mindesten war mein Urteil richtig. Bei den anderen habe ich eine ganze Menge Fehler gemacht. Sie waren unvorsichtig. Idiotisch. Mit einem bißchen Glück hätten wir diesen Planeten besiegen können. Nächstes Mal werden wir es auch schaffen.“

„Keoffo war mit dabei“, sagte der Quespodon.

Jorry holte tief Atem und faßte sich an die schmerzende Brust. „Na wenn schon. Bring mir noch Wasser und laß mich allein. Halt – bring mir auch noch Zaff-Blätter.“

„Du hast schon sehr viele bekommen, Jorry.“

„Und ich will noch mehr. Die Rippen tun mir weh. Tu, was ich dir sage, und zwar schnell, Axxal“, befahl Jorry.

Axxal brachte seinem Kapitän die stark wirkende Droge. Jorry faltete eins der Blätter zu einem festen Streifen zusammen, steckte diesen in den Mund und kaute. Bald begannen seine Augen zu glänzen, und er streckte sich aus. Die Schmerzen waren verschwunden. Axxal stellte eine Karaffe Wasser neben Jorrys Koje und ging.

Als Jorry wieder erwachte und nach Axxal rief, fand dieser, daß sein Kapitän nach Aussehen und Sprechweise schon wieder halbwegs der alte war. Mühsam, offensichtlich unter Schmerzen, die er nicht verbergen konnte, erhob er sich von seiner Koje und befahl Axxal als erstes, ihm die Verbände abzunehmen.

„Du brauchst sie aber noch, Jorry. Du hast möglicherweise ein paar Rippen gebrochen“, wandte Axxal ein.

„Ich will sie runter haben. Fang endlich an, oder ich reiße sie mir selbst ab.“

„Aber warum, Jorry?“

„Weil es mir so paßt.“

„Das ist kein Grund.“

„Einen besseren Grund wirst du wahrscheinlich in der ganzen Galaxis nicht finden, mein Junge. Hör ihn an und merk ihn dir.“

Während Axxal sich an die Arbeit machte, murmelte er: „Du sprichst wie Keoffo. ‚Es paßt mir so.’ Genau wie Keoffo.“

„Und wer im Namen der Flammenden Ringe ist Keoffo? Ich habe dich ein Dutzend von Malen diesen Namen murmeln hören. Ist er ein Gott der Quespodonen?“

„Wir haben keine Götter. Keoffo ist unser Über-Wesen.“

„Gott oder Über-Wesen, nenn ihn wie du willst, Axxal, oder gar nicht. Es bedeutet mir wenig.“ Jorry hielt inne und sagte dann, offensichtlich amüsiert: „Ich erinnere dich also an eins von euren Über-Wesen, ja?“

„Manchmal muß ich an Keoffo denken, wenn ich dich reden höre, aber nicht oft. Keoffo zerstört. Wir nennen ihn den Täuscher. Er ist der Verderber der Pläne – der Unterbrecher.“

„Es muß ja ein großer Trost sein, wenn so einer über dich wacht“, sagte Jorry trocken. „Glaubst du an diesen Keoffo, Axxal?“

Axxal schwieg sekundenlang, dann blickte er Jorry forschend an und streckte seine mächtigen Unterarme vor. „Wenn ich mir meine Haut ansehe, dann denke ich an die Geschichte, die man sich von Keoffo erzählt: er sah, daß bestimmte Rassen wegen der Macht, andere wegen der Schönheit oder Weisheit geschaffen wurden; und da schuf er sich die Quespodonen – einfach zum Spaß. Keine andere Rasse trägt diese Male – nur die Quespodonen. Keine andere Rasse gilt in der Galaxis als dumm und einfältig.“

„Sei nicht traurig“, tröstete Jorry; „deine eigene Haut hat so gut wie gar keine Flecken, und du kannst so gut denken wie die meisten Humaniden. Du hast soviel Hirn, daß du mich an Bord der Seraph geschafft und mir einen Rippendruckverband angelegt hast. Du hast sogar unsere Waffen gerettet. Die anderen mögen dich ausgelacht haben, aber du bist noch am Leben, und sie nicht. Vielleicht bist du diesmal schlauer als dein Täuscher-Gott.“

Axxal schüttelte den Kopf. „Keoffo gewinnt immer.“

„Wenn du ihn läßt.“

„Ich kann nichts dazu tun. Ich versuche es, Jorry, aber in dieser Galaxis gibt es keine Gerechtigkeit für Quespodonen.“

Jorry lachte laut auf; doch er zuckte zusammen bei dem stechenden Schmerz, den ihm sein Lachen verursachte. Er sah Axxal an und sagte: „Axxal, mein Junge, lerne wenigstens eins vom alten Kapitän Jorry: wenn du von dieser Galaxis Gerechtigkeit verlangst, dann verlangst du etwas, was es nie gegeben hat und nie geben wird und bist ein viel größerer Dummkopf als der Dümmste deiner ganzen Brut. Die Sterne sind nicht deine Freunde und nicht meine. Die Galaxis ist nicht dein Vater und deine Mutter. Leben heißt: du gegen alle, Axxal. Das ganze Leben ist nur ein großes Spiel, und die erste Spielregel ist: Halte dich nie an die Spielregeln. Sie ändern sich bei jedem Zug, und alle Spieler sind Betrüger. Vielleicht können wir nicht gewinnen – ich bin mir dessen nicht einmal ganz sicher -, aber wir können das Verlieren lange hinausschieben, und selbst wenn wir verloren haben, können wir uns immer noch weigern, den Verlust anzuerkennen. Man braucht Schlauheit und Geschicklichkeit, um vorn zu bleiben, und eine Menge k’Turalp’Pa-Tricks, die andere Leute so gern verdammen, weil sie zu dumm und ungeschickt sind, um sie anzuwenden. Man muß mit beiden Händen falsch spielen, bloß um sich über Wasser zu halten, und je weiter man in diesem Leben vorankommen will, desto falscher muß man spielen. Erwarte von jemandem – von irgendwem -, daß er dich fair behandelt, und du wirst zu Matsch zermahlen. Jetzt hör auf zu jammern und mach weiter. Ich habe eine Menge zu tun. Wir müssen von diesem mörderischen Planeten, ehe er uns verschluckt.“

Gespannt blickte Axxal seinem Kapitän ins Gesicht. „Ich habe schon einen Kurs gesetzt. Wir sind schon seit sechsundzwanzig Wachen im Raum.“

„Du steckst ja voller Überraschungen, Axxal. Auf welchem Kurs sind wir?“

„Zu dem Xhanchos.“

„Das geht. Hast du Xhanchos aus einem besonderen Grunde genommen?“

„Ja“, antwortete Axxal eifrig, „du hast einmal gesagt, daß die Xhanchilion ganz verrückt nach Edelsteinen sind. Sie werden uns die besten Preise zahlen.“

„Die besten Preise wofür?“ fragte Jorry ungehalten. „Der Schatz liegt unter der Zitadelle.“

„Wir haben die Steine, die Fimm aus der Tür gebrochen hat. Ich habe meine, und die von Fimm und Dolul und Bral habe ich den Leichen abgenommen, und –,“ Axxal zügelte seine Zunge und begann, die Beweise für seine Worte aus den Taschen seines Bordanzuges herauszuholen.

„Genug!“ Jorry schrie vor Lachen, bis der Schmerz in seinen Rippen ihn verstummen ließ. „Axxal, so langsam kommt es mir vor, als hätte ich die Leitung dieses Unternehmens in deine Hände legen sollen. Ich brauche Zeit zum Nachdenken. Bring mir Essen und Wasser und laß mich allein.“

Freudig führte Axxal die Befehle seines Kapitäns aus. Auch er wünschte allein zu sein und sich ins Gedächtnis zurückzurufen, was auf dieser Expedition alles passiert war. Axxal pflegte selten an seine Vergangenheit zu denken; er bemühte sich nach Kräften, sie aus seinem Kopf zu verbannen, weil es eine unglückliche Zeit gewesen war. Doch Jorry hatte alte Zweifel und Unsicherheiten in ihm erweckt. Jorry hatte ihn daran erinnert, daß er unbestreitbar ein Quespodon und zugleich anders als alle anderen Quespodonen war. Die Quespodonen waren in der gesamten Galaxis wegen zweier Eigenschaften bekannt: ungeheure Kraft und geringe Intelligenz. Auf jeder Welt, selbst auf ihrer Heimatwelt, waren sie die Untergeordneten. Quespodonen dienten als Zugtiere für fortschrittlichere Rassen und als Zielscheibe des Spottes für alle, die sie kannten. Sie konnten in Steinbrüchen arbeiten, um die Eitelkeit kleiner Könige zu befriedigen, oder zum flüchtigen Amüsement müder Aristokraten als Kämpfer in der Arena sterben; sie durften die Lasten anderer Rassen tragen und sich von Glücklicheren vorschreiben lassen, wie sie zu leben hatten; doch nirgends waren die Quespodonen ihre eigenen Herren. Selbst auf ihrem Heimatplaneten Dumabb-Paraxx beherrschten Kolonien von Anderweltlern die Geschäfte des Planeten und seiner Bevölkerung.

Für die meisten Quespodonen war das die allgemein anerkannte Ordnung der Galaxis. Gegen sie zu rebellieren oder sie auch nur in Frage zu stellen bedeutete, den Zorn Keoffos zu riskieren, der diese Ordnung geschaffen hatte, weil es ihm so gefiel. Doch Axxal hatte Momente, in denen er zweifelte. Er erinnerte sich noch an den weit zurückliegenden Tag, als sein Vater gehört hatte, wie er voller Angst von Keoffo sprach, und zu ihm gesagt hatte: „Ich frage mich manchmal, ob Keoffo uns zu seinem Vergnügen geschaffen hat, oder ob die Anderweltler Keoffo geschaffen haben, damit er uns so machte, wie wir sind.“

Axxal erbebte bei solchen Worten, denn er wußte, Keoffo würde dergleichen Reden nicht ungestraft hingehen lassen. Doch als eine gewisse Zeit vergangen war, ohne daß etwas geschah, überlegte er sich die Sache und brachte schließlich den Mut auf, seinen Vater zu drängen, daß er ihm das näher erkläre. Sein Vater sagte, er solle nur abwarten. Axxal wartete, und eines Tages fiel der Schlag: Sklavenjäger vom Daltresko nahmen seine Eltern mit.

Ganz offensichtlich war das eine Strafe, und Axxal war voller Angst, daß der Zorn des Täuschers auch ihn treffen würde. Doch der unberechenbare Keoffo geruhte, Toleranz zu üben. Er sandte die Seraph auf Axxals Welt. Jorry nahm den verwaisten Quespodon trotz des Einspruchs seiner Mannschaft als Kapitänssteward an Bord und hatte ihn immer gut behandelt.

Schon einfach aus Dankbarkeit war Axxal seinem Kapitän treu, konnte sich aber nie dazu aufschwingen, ihm voll und ganz zu vertrauen. Für Jorry waren Menschen nicht Menschen, sondern bloße Werkzeuge zur Erreichung seiner Ziele. Jetzt, da die anderen tot waren, erwähnte Jorry nicht einmal mehr ihre Namen, es sei denn, um ihnen die Schuld am Scheitern der Expedition zuzuschieben. Er betrachtete sie nicht als verlorene Kameraden, sondern wie zerbrochene oder abgenutzte Werkzeuge. Sie waren ihm gleichgültig; und Axxal wußte, daß er selbst ihm genauso wenig bedeutete, wie die anderen. Jorry nannte ihn ‚mein Junge’ und ‚guter Kerl’, doch Axxal wußte ganz gut, daß er gegebenenfalls entbehrlich sein würde. Die k’Turalp’Pa waren eine kalte Rasse, so unberechenbar und kapriziös wie Keoffo selber. Noch schlimmer war Axxals Ansicht nach, daß die k’Turalp’Pa eng mit den Pionieren von der Alten Erde verbunden waren. In den Tagen der ersten Kontakte hatten die Menschen der Alten Erde wenig dazu getan, sich bei ihren galaktischen Nachbarn beliebt zu machen. Die Quespodonen waren nicht einmal am schlimmsten behandelt worden, doch sie bewahrten eine schmerzhafte Erinnerung an diese Zeit.

Axxal repräsentierte die zwölfte Generation seiner Familie, die außerhalb des Heimatplaneten geboren und aufgewachsen war; und er fragte sich oft, ob er deswegen so anders war. Die anderen Quespodonen hatten blaue und dunkelrote Flecken auf ihrer blassen Haut; Axxals Flecken waren kaum zu sehen, seine Haut war fast überall gleichmäßig rotbraun. Und zum Unterschied von den anderen Quespodonen konnte er denken und Schlußfolgerungen ziehen. Andernfalls lägen er und Jorry jetzt unter der Zitadelle. Das hatte Jorry selbst gesagt.

Doch wie, fragte er sich, konnte es so sein? Er war von reinem Quespodon-Blut. Keine andere Rasse würde sich freiwillig mit der seinen vermischen. Und doch war er anders. Das mußte einen Grund haben, und den mußte er herausbekommen. Vielleicht war es auch nur eine Laune des Täuschers; er konnte es nicht wissen.

Oftmals grübelte er darüber nach. Steckte Keoffo wirklich hinter allem, was seinem Volke zustieß? Oder hatte sein Vater recht gehabt, wenn er daran zweifelte, daß der Täuscher überhaupt existierte? Ein Volk, dem von Geburt an gelehrt wurde, daß es nicht mehr sei als der Jux eines Über-Wesens, geschaffen zum Amüsement einer ewig unergründlichen Macht, ein Volk, dessen Freud und Leid von Wunsch und Laune dieser Macht abhing, gezeichnet als Objekt des Spottes und der Verachtung einer ganzen Galaxis – so ein Volk mußte schließlich an seine eigene Minderwertigkeit glauben. Und schließlich wurde aus Glauben Wirklichkeit. Bis jetzt hatte Keoffo stets triumphiert. Aber vielleicht nur, weil die Quespodonen, wie Jorry gesagt hatte, es ihm gestatteten. Vielleicht konnte Keoffo – wenn er überhaupt existierte – selbst getäuscht werden.

Lange und tief dachte Axxal über diese Dinge nach, doch fand er keine Lösung. Er mochte Jorry nichts von seinen Sorgen erzählen, weil der ihn verspotten würde, doch während der langen Reise zum Xhanchos versuchte er, von seinem Kapitän so viel wie möglich zu lernen. Die Routinearbeit an Bord eines Eigenantriebsschiffes war minimal, und Jorry war noch Rekonvaleszent. Daher hatten sie viel Zeit zu Gesprächen.

„Einen Fehler bedauere ich mehr als alle anderen“, sagte Jorry nach einer langweiligen Mahlzeit; „ich hätte einen Barden oder Geschichtenerzähler anheuern oder dir wenigstens das Schachspiel beibringen sollen, oder Quist, oder Saakosi. Diese Langeweile macht mich ganz verrückt, Axxal.“

„Noch ein paar Wachen, dann kannst du herumgehen und dir etwas Bewegung machen.“

„Danke. Auf dem Boroq-Thaddoi habe ich jede Bewegung gehabt, die ich brauche. Ich will keine mehr, bis wir auf dem Xhanchos landen, und dann werde ich mir mit einer wunderschönen grünen Gafaal-Dame Bewegung machen. Hast du jemals eine Gafaal-Kurtisane gesehen, Axxal?“

„Nein. Ich habe gehört, daß sie sehr schön sind.“

„Oh, das sind sie; ganz bestimmt, mein Junge“, erinnerte Jorry sich genüßlich. „Gefährtinnen von Königen und Kaisern sind die Gafaal-Damen – doch für Sternfahrer haben sie auch was übrig.“

„Tatsächlich, Jorry?“

„Jawohl. Und ich kann dir sagen, daß sie besonders nett zu zwei Sternfahrern sein werden, die mit einem einzigen Edelstein den halben Xhanchos kaufen könnten.“

„Nichts für mich“, entgegnete Axxal. „Quespodonen halten sich an ihre eigenen Frauen.“

Jorry sah ihn nachdenklich an und erwiderte dann: „Entschuldige meine Taktlosigkeit, Axxal; doch ich war immer der Meinung, daß die Quespodonen so treu sind, weil sie keine Wahl haben. Du dagegen hast die Wahl. Du bist jetzt ein reicher Mann; außerdem sieht man dir kaum an, daß du ein Quespodon bist. Und du hast auch einen guten Verstand. Warum amüsierst du dich nicht ein bißchen, solange du kannst?“

„Ich bin wie ich bin, Jorry. Ich kann mich nicht ändern, obwohl ich allenfalls manche Leute täuschen könnte.“

„Immer noch Angst vor Keoffo, ja?“

„Manchmal schon“, gab der Quespodon zu, „und manchmal wieder denke ich an die alten Geschichten und kann bloß darüber lachen. Die taugen nur für Kinder.“

„Was gibt es denn in deinem Volk für Geschichten über seinen Ursprung?“

„Vor langer Zeit, als das erste Über-Wesen, der Herr aller Sterne, Bewohner für seine Welten schuf, fing er damit an, daß er alle guten Eigenschaften sammelte, die er den Völkern geben konnte“, begann Axxal, „und dann nahm er immer eine Eigenschaft und schuf sich eine Rasse dazu, die sich ihrer erfreuen konnte. Für die Tapferkeit machte er die Skeggjatten, für den Stolz die Lixianer, für die Klugheit die k’Turalp’Pa, für Schnelligkeit die Malellanen, für die Geschicklichkeit die Quipliden, und immer so weiter für alle bekannten Rassen der Galaxis, bis auf die Quespodonen. Endlich war nur noch die Kraft übrig, und der Herr der Sterne beschloß, noch etwas zu warten, ehe er die letzte Rasse schuf. Er legte sich schlafen, und als er schlief, kam Keoffo, der Täuscher. Er war neidisch auf den Herrn der Sterne und wollte ein Volk ganz für sich allein, dem er seine Streiche spielen konnte. Er stahl die letzte gute Eigenschaft und machte den ersten Quespodon. Doch der Herr der Sterne erwachte, bevor Keoffo fertig war. In seinem Zorn schlug er Keoffo mit seiner Meßlatte – daher hinkt Keoffo – und warf ihn aus der Wohnstätte der Über-Wesen hinaus. Im Fallen schleuderte Keoffo die Quespodonen, die er gemacht hatte, auf die Welt, die Dumabb-Paraxx heißt – die unfertige Welt. Es war ein tiefer Fall, und sie schlugen hart auf, und die Beulen sind noch bei allen ihren Abkömmlingen zu sehen.“

„Dieser Keoffo scheint ja ein Scherzbold von der sauren Sorte zu sein“, bemerkte Jorry munter. „Unter seiner Herrschaft würde ich nicht gern leben mögen.“

„Das ist ja nur eine Geschichte.“

„Das sagst du so, Axxal. Ich glaube, für dich ist es mehr als eine Geschichte; doch das ist deine Sache, nicht meine. Sag mal, lernen alle Quespodonen diese Geschichte?“

„Jawohl.“

Jorry grunzte nachdenklich, nickte und schwieg eine Zeitlang. Dann sagte er: „Jetzt werde ich dir dafür eine andere Schöpfungsgeschichte erzählen. Die stammt von den Thorumbianern. Collen hat sie mir einmal vorgesungen.“ Jorry trank einen Schluck Wasser, räusperte sich, nippte nochmals am Wasser, legte die Füße auf den Tisch und stimmte ein melodisches Lied an:

„Schöpfer nahm trockenes Ried,
Benetzte es mit dem Speichel seines Mundes,
Schuf die langen, dürren Leute,
Nannte sie Lixianer.
Schöpfer sah sie prüfend an, war noch nicht zufrieden,
Nahm die runden Kiesel aus dem Flußbett,
Trocknete sie mit dem Hauch seines Mundes,
Schuf die harte, runde Rasse,
Nannte sie Quespodonen.“

„Das stimmt nicht, Jorry. So wurden die Quespodonen nicht geschaffen.“

„Spielt doch keine Rolle. Ich glaube ja auch nicht deinen Bericht über die Schöpfung der k’Turalp’Pa, aber ich habe nichts dazu gesagt. Ich lasse jetzt das andere aus und singe gleich den Schluß“, sagte Jorry ungeduldig und sang weiter:

„Schöpfer sah sich alle seine Geschöpfe an,
Alle Rassen auf allen Welten,
Und mit keiner war er zufrieden.
Da nahm er schwarze Erde von den hohen Bergen,
Knetete sie mit seinen starken Händen,
Tropfte dunkles Blut aus seinen Adern dazu,
Trocknete das Ganze in der Sonne,
Sprach es an mit starken Worten,
Und die schwarzen Gebilde bewegten sich und beteten den Schöpfer an.
Und Schöpfer war zufrieden.
Nun hatte er die Thorumbianer.
Sie waren sein Volk auf ewig.
Da war er zufrieden.“

„Das mit den Quespodonen stimmt zwar nicht, aber die Geschichte ist gut“, gab Axxal zu. Eine Weile schwiegen sie, dann fragte Axxal verwirrt: „Warum gibt es so viele Geschichten, und jede ist anders? Warum gibt es nicht nur eine?“

„Weil sie alle nur herumraten.“

„Treib doch nicht immer deinen Spott mit mir, Jorry.“

„Das ist kein Spott. Ich habe mich lange in dieser Galaxis herumgetrieben, und ich habe niemanden getroffen, der genau weiß, wie und warum alles angefangen hat. Niemand weiß die Wahrheit, Axxal – das ist die Antwort auf deine Frage. Und wenn jemand die Wahrheit wüßte – warum sollte er sie verraten?“

Verwirrt runzelte Axxal die Stirn und entgegnete: „Warum denn nicht? Wäre es nicht gut, wenn wir alle wüßten, warum wir da sind?“

„Du redest wie ein Einsiedler vom Urush-Val-Zul. Tatsache ist: wir wissen es alle. Tief im Innern, wenn wir es auch nicht zugeben, wissen wir es. Wir leben, um alles zu bekommen, was wir bekommen können und es zu behalten, solange wir können. Das ist der Sinn des Lebens. Jeder will alles haben, was er kriegen kann.“

Axxal schüttelte den Kopf. „Das glaube ich nicht, Jorry. Wenn man so denkt, wird das Leben hart.“

„Das Leben ist auch hart, mein Junge. Ein Quespodon sollte das besser wissen als jeder andere.“

„Aber es kann doch ein gutes Leben sein. Manchmal helfen doch die Leute einander.“

„Aber nicht die von meinem Volk.“

„Was hat denn dein Volk für eine Schöpfungsgeschichte?“

„Wir haben uns nie die Mühe gemacht, uns eine auszudenken.“

„Aber habt ihr euch niemals gefragt, wie ihr auf die Welt gekommen seid und warum?“

„Wichtig ist für uns einzig und allein, daß wir da sind, Axxal. Woher wir kommen, das können wir doch nicht ändern – warum sollen wir uns also darüber den Kopf zerbrechen? Laß das. Denk an die Geschichte der Thorumbianer.“

„Warum?“

„Vergleich sie mit deiner. Da wirst du manche interessante Unterschiede finden.“

„Unterschiede kann jeder finden. Es sind ja die Geschichten zweier verschiedener Rassen.“

„Ganz recht. Die Thorumbianer sind ein stolzes Volk, die Quespodonen dagegen –“ Jorry brach ab und blickte Axxal erwartungsvoll an, als wolle er ihn auffordern, den Gedanken zu Ende zu denken. Als der Quespodon nicht antwortete, fuhr Jorry fort: „Also denk darüber nach, Axxal. Sag mir, wenn dir etwas eingefallen ist.“

2. Lernen

Während der langen Wachen dachte Axxal viel über Jorrys Thorumbianer-Geschichte nach, und über die spöttische Aufforderung am Ende des Gesprächs. Je mehr er grübelte, desto verwirrter wurde er, und aufs bitterste verfluchte er jene unbekannte Macht, die ihn geistig so verschieden von seinem Volke geschaffen und ihm so viel Unruhe bereitet hatte.

Andere Quespodonen fanden sich mit ihrem Los ab. Waren sie auch nicht glücklich, so wurden sie wenigstens nicht von Fragen beunruhigt, auf die es keine Antwort gab. Axxal jedoch hatte diese innere Ruhe eingebüßt. Eine Tür hatte sich ihm aufgetan, nach der er nicht gesucht hatte. Aus eigenem Willen hatte er die ersten zögernden Schritte ins Freie getan, und jetzt konnte er nicht mehr zurück. Jetzt mußte er Tag für Tag mit seinem Problem leben; und obwohl er zu keinem anderen Schluß kam als zu dem, daß Neugier und kritischer Verstand unbequeme frustrierende Gaben für einen Quespodon sind, so wußte er doch genau, daß er nicht glücklich wäre, wenn sein Geist wieder zur Ruhe fände und er nicht mehr zu denken brauchte.

Es gab so viel zu lernen, und Jorry war der Einzige, an den er sich wenden konnte, wenn er Führung brauchte. Doch je näher die Seraph dem Planeten Xhanchos kam, desto schwieriger fand es Axxal, mit ihm zu sprechen. Jorrys Wunden waren gut verheilt, doch die Expedition zum Boroq-Thaddoi hatte ihn verändert. Er blieb für sich und trank viel Stepman-Wein. Er ärgerte sich leicht. Er lachte nicht mehr so oft, und sein Lachen bekam einen bitteren Beiklang. Und oft genug lachte er über sich selbst.

Nach ein paar mißglückten Versuchen, mit seinem Kapitän ins Gespräch zu kommen, gab Axxal es auf und befaßte sich mit dem Studium der Seraph und ihrer Funktionsweise. Wenn er nicht über sich selbst Bescheid wissen konnte, so überlegte er, dann wollte er wenigstens über das Schiff Bescheid wissen. Sein Geist sollte nicht träge werden.

Axxal und seine Zeitgenossen hatten viel zu lernen, doch sie hatten keine lebenden Lehrer. Die Eigenantriebsschiffe, die sie von einem Planetensystem zum anderen trugen, waren schon vor Jahrhunderten gebaut worden. Sie waren die Produkte einer Technologie, die für immer zusammengebrochen war, als die Bewohner der Alten Erde, die größten Techniker in der Geschichte der Galaxis, über alle Sterne verstreut worden waren wie Sandkörner im Hurrikan. Die Schiffe blieben, doch die Zivilisation, die sie geschaffen hatte, war vergessen. Ihre Aufzeichnungen waren verlorengegangen, über tausend Welten verstreut in Form von Mythen und Legenden. Die Wroblewski-Spulen, das eigentliche Herzstück des Lichtgeschwindigkeitsantriebs, arbeiteten noch so zuverlässig und fehlerlos wie bei der Jungfernfahrt vor sechshundert Jahren, doch ihr Grundprinzip war längst vergessen. Wenn ein Teil abgenutzt war oder brach – was selten vorkam -, so konnten die Besatzungen oder sogar die Passagiere – vorausgesetzt, daß sie lesen konnten – ihn nach den alten Bord-Handbüchern ersetzen. Doch diese Handbücher sagten nichts über Zweck und Funktion des betreffenden Teils. Die Eigenantriebsschiffe waren seinerzeit entworfen worden, um die Flüchtlinge eines verfaulenden Planeten zu Millionen auf andere Sterne zu bringen; sie waren buchstäblich narrensichere Konstruktionen. Und da die Pioniere nicht zu wissen brauchten, wie ihre Schiffe funktionierten, so kümmerten sie sich auch nicht darum.

In der Ära des großen Exodus, im einundzwanzigsten und zweiundzwanzigsten Jahrhundert des Galaktischen Standardkalenders, produzierten die Fabriken der Alten Erde Raumschiffe zu Tausenden. Noch für die Sternfahrer der nächsten Jahrhunderte waren sie in genügender Anzahl und ausreichender Typenvielfalt vorhanden.

Die Pioniere der ersten Welle siedelten sich dort an, wo sie landeten, denn sie waren von den ersten Erfahrungen in der galaktischen Raumfahrt so erschüttert, daß sie jeden Gedanken daran verdrängten und die historischen Zusammenhänge ihrer Vertreibung auf andere Sterne einfach nicht wissen wollten. Für ihre Enkel, die zweite Welle der Raumfahrt, waren die Raumschiffe etwas so Selbstverständliches wie fliegende Teppiche oder Flügelpferde für die Menschen in den alten Sagen. Die Dinger flogen eben und trugen sie an die Grenzen der Galaxis. Sie kümmerten sich nicht darum, wie das funktionierte. Sie fuhren einfach los.

Axxal befand sich also in der Situation etwa eines Höhlenmenschen der Alten Erde, der plötzlich im Führerstand einer Lokomotive des neunzehnten Jahrhunderts oder am Steuer einer Raumfähre des einundzwanzigsten Jahrhunderts steht. Diese ungeheure, beängstigende Maschine bewegte sich; mit einiger Mühe konnte er sogar lernen, sie zu lenken. Aber was sie eigentlich in Gang brachte, davon hatte er keine Ahnung – vielleicht waren es Geister.

Axxals Verstand war weder so schnell noch so kompliziert wie der Jorrys, aber methodisch – ein gutes Werkzeug für das langsame, geduldige Aufdröseln eines vielschichtigen, aber handgreiflichen Problems. Er befaßte sich mit dem Funktionieren der Seraph, verfolgte komplizierte Leitungen von Anschluß zu Anschluß, stellte fest, wozu sie dienten, obwohl er immer noch nicht ergründen konnte, wie sie das machten; er bekam sogar heraus, was der Seraph die stabile Atmosphäre und die planetarische Gravitation verlieh. Mit äußerster Mühe entzifferte er die Bedeutung der schwebenden Lichtpunkte im Sicht-Tank, der das Frontstück bildete, und erfaßte die Grundbegriffe der interstellaren Navigation. Bis dahin war er nur imstande gewesen, die Seraph auf ein vorprogrammiertes Ziel zu richten; jetzt sah er, daß es möglich war, sich seinen Bestimmungsort während des Fluges aus allen kartographierten Welten auszusuchen.

Es waren schwierige, manchmal enttäuschende Tage für Axxal. Er hatte viel zu lernen, und er wußte nicht, wie er es anfangen sollte. Aber er ließ nicht nach und fand schließlich den Lohn für seine Mühe. Noch war ihm vieles ein Geheimnis, doch das Bewußtsein seiner Unwissenheit verdarb ihm nicht die Freude an den neu erworbenen Kenntnissen.

Einmal, am Ende einer Wache, kam Jorry auf die Kommandobrücke und fand Axxal vor, der die hellen Lichtpunkte in der Tiefe des Sicht-Tanks studierte. Jorry sagte zunächst kein Wort, und Axxal merkte gar nicht, daß er da war. Als Jorry zu sprechen begann, fuhr er erschrocken herum.

„Hier steckst du also. Was glaubst du denn, was du dir da ansiehst – vielleicht einen Kinofilm?“ fragte Jorry.

„Nein. Ich versuche zu begreifen, wie das funktioniert.“

„Ach nein? Und warum interessierst du dich auf einmal so für Navigation? Hast du irgendwelche Pläne, von denen ich nichts wissen soll?“

Diese Anschuldigung schmerzte Axxal. „Nein, Jorry. Ich will nur etwas lernen.“

„Das muß aber sehr frustrierend für dich sein, mein Junge. Allein kannst du nichts lernen, und ich habe keine Zeit, dir Unterricht zu geben.“

Axxal erwiderte schnell und eifrig: „Ich kann allein lernen, Jorry. Ich habe herausbekommen, wie die Luft rein bleibt, obwohl die Seraph dicht versiegelt ist; und das Lenksystem verstehe ich auch, glaube ich.“

„Da mußt du ja eine Menge Zeit gehabt haben. Hast du nichts zu tun, daß du Wache um Wache damit vertrödeln kannst, deine Nase in das Funktionssystem der Seraph zu stecken?“ fragte Jorry irritiert.

„Das ist es ja gerade, Jorry. Das Schiff fährt sich selbst, und das interessiert mich eben.“

Jorry hörte sich das unbewegt an, nickte und gab dann zu: „Um die Wahrheit zu sagen, ich habe es selbst nie so richtig begriffen, und es ist mir auch egal. Sie ist ein gutes Schiff, mehr brauche ich nicht zu wissen, und es paßt mir nicht, daß ein Quespodon mehr von meinem eigenen Schiff weiß als ich. Außerdem ist mir nach einer Flasche Stepman-Wein zumute, und ich habe keine Lust mehr, allein zu trinken. Komm mit, mein Freund. Du bist zum Kapitänstisch geladen. Fühle dich geehrt.“

Dagegen war nichts zu machen. Er mußte Jorry gehorchen. Er hätte lieber weiter den Sicht-Tank studiert, doch er tröstete sich damit, daß Jorry stets gesprächiger wurde und freier antwortete, wenn er trank. Der Sicht-Tank lief ihm ja nicht weg; hier hatte er die Chance, andere Dinge zu lernen.

Jorry war in der Tat gesprächiger, aber nicht so, wie Axxal es sich gewünscht hätte. Jorry brauchte einen aufmerksamen Zuhörer beim lauten Nachdenken über seine eigenen Probleme. Er trank viel, und dabei wurde er immer bitterer.

„Noch sechs Wachen bis zum Xhanchos“, überlegte er, als er den dritten Becher füllte. „Weißt du etwas über den Xhanchos, mein Junge? Sag mir doch, was du während deiner in tiefschürfenden Studien verbrachten Wachen alles über die Galaxis gelernt hast?“

„Über den Xhanchos gar nichts. Ich weiß nur, daß er ein Wüsten-Planet ist.“

„Ein Wüsten-Planet. Dein Wissen ist begrenzt, aber insoweit richtig. Der Xhanchos ist ein heißer, trockener, sandiger, felsiger, ungastlicher Planet, aber die Stadt Xhancholii ist ein Paradies. Das habe ich jedenfalls gehört, und ich werde es glauben, bis ich mit eigenen Augen gesehen habe, daß es nicht so ist. Ein Fleck der Schönheit in einer häßlichen Wüstenwelt. Ein prächtiges Symbol für diese ganze stinkige Galaxis, würde ich sagen. Ah, diese Stadt – kühle Gärten, Springbrunnen, Türme, welche die Höhenwinde einfangen sollen – und Gafaalfrauen zur Begrüßung. Wenigstens zur Begrüßung für den alten müden Kapitän Jorry. Sag mir doch, Axxal, was machst du eigentlich mit deinem Anteil? Du hast doch genug Zeit gehabt, Pläne zu machen.“

Axxal runzelte die Stirn. Nach einigem Nachdenken sagte er: „Ich weiß nicht.“

„Du bist reich – ist dir das klar? Ich teile genau halb und halb – die Hälfte für dich, die Hälfte für mich. Nach Abzug des Kapitänsanteils, heißt das natürlich. Den Kapitänsanteil dürfen wir doch nicht vergessen, nicht wahr? Ist dir das fair genug?“

„Aber sicher, Jorry. Ich vertraue dir.“

„Du vertraust ja jedem. Du tätest gut daran, nicht so vertrauensselig zu sein, wenn du mit dem Preis für einen ganzen Planeten durch die Straßen von Xhanchos spazierst. Sag doch, was würdest du gern machen?“

Hilflos schüttelte Axxal den Kopf. Es fiel ihm schwer, seine Gedanken beieinander zu halten. „Ich sage dir doch, Jorry, ich weiß es nicht. Ich habe darüber noch nicht nachgedacht.“

Jorry stellte den Becher hin und zeigte mit dem Finger auf seinen Steward. „Das ist eben das Schlimme mit dir, Axxal, du denkst nicht über die Dinge nach, mein Junge. Und da hast du ein hübsches Stück Ironie, denn das größte Problem des alten Kapitän Jorry ist ja gerade, daß er über die Dinge nachdenkt. Wir sind beide vertrauensseliger, als für uns gut ist, und doch denke ich zuviel und du zuwenig. Jorry denkt und plant und intrigiert und arbeitet alles bis zum letzten Detail aus – und er fängt es ganz sorgsam an, ohne Übereilung, so geduldig, wie man nur sein kann – und letzten Endes, was passiert? Wenn er einer Legende nachgegangen ist, die ein galaktisches Jahrhundert lang alle Sternfahrer gereizt hat und eine Welt gefunden hat, von der die meisten schwören, daß es sie überhaupt nicht gibt, und einen Weg ausgeknobelt hat, in eine Zitadelle zu brechen, die gebaut wurde, um ganzen Armeen standzuhalten – was passiert, Axxal?“

Axxal, dessen Gedanken etwas durcheinandergeraten waren, erwiderte: „Er kommt mit einem Sack voll Juwelen wieder heraus. Das ist doch gar nicht so schlecht, Jorry.“

Jorry schenkte sich ein. Er dachte über Axxals Worte nach und nickte gewichtig. „Nein, das ist gar nicht so schlecht. Wir haben schließlich doch noch Glück gehabt.“ Er tat einen langen Zug und sprach weiter: „Aber was hat das ganze Denken für einen Zweck, wenn schließlich doch alles vom Glück abhängt? Warum suche ich mir meine Truppe Mann für Mann aus, wenn ich doch nichts weiter bekomme als Schlafmützen und ungeschickte Narren, die keinem Steinblock ausweichen oder ein blödes, augenloses Vieh abwehren können. Und sogar Jimm, der arme kleine Jimm hat nicht richtig aufgepaßt –“

„Aber wir sind wieder herausgekommen, Jorry, und nicht mit leeren Händen. Das ist doch mehr, als bisher jemand erreicht hat.“ Lange gab Jorry keine Antwort. Er kratzte sich den Nacken, rieb sich den Kopf, runzelte die Stirn. Schließlich setzte er den Becher hart auf den Tisch und sagte laut: „Ich bin ein k’Turalp’Pa. Pläne aushecken und Projekte machen ist mein ganzes Leben. In einem Kosmos ohne Regeln, ohne Sinn schaffe ich Ordnung. Einen kurzen Augenblick beherrsche ich das Universum mit meinem Geist.“

„Das vermag niemand, Jorry! Es kommt nie so, wie wir planen!“

Jorry grinste sardonisch. „Dafür gib dem Universum die Schuld, mein Junge, nicht mir oder meinem Volk. Wer nicht weiß, was sich gehört, ist das Universum. Ich habe den größten Teil eines Menschenlebens damit verbracht, die Expedition auf den Boroq-Thaddoi zu planen, mein Plan war perfekt und ich habe die Mannschaft persönlich ausgesucht – und doch ist es schiefgegangen. Was nützt mir eine Handvoll Steine, wenn ich weiß, daß es schiefgegangen ist? Axxal, ich habe ein langes und arbeitsreiches Leben unter diesen Sternen gelebt. Ich habe leichtgläubigen Narren Projekte verkauft, Raketenschiffe ihren Besitzern unter der Nase weggenommen, mich aus drei Hinterhalten der Schwarzjacken herausgehauen. Ich war König eines feinen Planeten. Die Windläufer vom Triffitt nannten mich einen Gott. Und ich habe auch als Gefangener in den schlimmsten Verliesen der Galaxis gesessen. Aber ich habe nie aufgehört zu hoffen, daß ich der sein werde, der den Boroq-Thaddoi besiegt. Eine große Tat, die mich über all mein Volk erhebt – und dann würde ich mich zur Ruhe setzen und leben, wie es mir gefällt. Wir sind eine langlebige Rasse, Axxal, und ich wollte meinen Teil an diesem Leben damit verbringen, daß ich genieße, was ich erreicht habe. Und was habe ich zu genießen? Meinen Mißerfolg.“

„Wie kannst du das Mißerfolg nennen, Jorry? Wir leben noch, wir haben die Seraph, wir haben die Steine. Das ist doch kein Mißerfolg.“

„Aber ich habe nicht alles, Axxal. Für mich und für jeden k’Turalp’Pa ist das ein Mißerfolg.“

„Du hast mehr zustandegebracht, als jemals irgendein anderer.“

„Ich konkurriere nicht mit anderen Leuten. Niemand hat jemals eine Tat vollbracht, die wert wäre, daß man sie übertrifft. Ich konkurriere mit mir selbst, mit meinen eigenen Plänen. Ich fahre wieder hin, und dann bekomme ich alles. Jetzt kenne ich ja den Weg.“ Jorry trank seinen Becher aus, schenkte sich neu ein und sagte brüsk: „Geh jetzt, Axxal. Geh irgendwohin und studiere die Eingeweide der Seraph. Ich muß Pläne machen. Ich sage dir, wenn es Zeit ist, das Landemanöver anzusetzen. Geh!“

Sofort verließ Axxal leicht schwankend den Raum. Der Wein und Jorrys Verhalten hatten ihn mächtig durcheinandergebracht.

Die restlichen Wachen vergingen, und der Moment der Transition kam. Die Seraph verringerte die Fahrt bis unter die Schubgeschwindigkeit. Die Sterne erschienen wieder und funkelten auf den Sichtschirmen. Eine wolkenlose, in Gold gebadete Welt ragte im Hauptmonitor vor ihnen auf. Laut Karte gab es nur einen einzigen Landering, tief in der Wüste. Der Scanner der Seraph zeigte jedoch noch einen zweiten, neueren, dicht vor Xhancholiis Mauern. In diesen Ring landete Jorry die Seraph.

Xhanchos (Chris Moore Tomorrows Children)

3. Monarch von Xhanchos

In der lockeren graugegürteten Tunika eines Freien Händlers und seines Dieners machten sich Jorry und Axxal auf zum Tor der hohen Mauer, die Xancholii umschloß. Es wurde Nacht. Die Stadt erstrahlte unter drei hohen Monden und einem dicht mit Sternen besäten Himmel. In regelmäßigen Abständen glomm sanfter Laternenschein auf der Mauerkrone.

An seinem Körper verborgen trug Jorry einen fehlerlosen Edelstein mit sich. Die anderen hatte er an Bord der Seraph gelassen, die hinter ihm, gegen Eindringlinge geschützt, über dem Landering schwebte.

Als sie ans Tor kamen, traten vier Männer heraus und kamen ihnen zu Fuß entgegen. Sie gefielen Jorry keineswegs. Sie waren groß und breit, dunkelhaarig, bleichhäutig, sahen sich sehr ähnlich und trugen einheitlich farbenprächtige Uniformen. Er hatte solche Männer schon gesehen und wunderte sich über ihr Auftreten hier am Ort.

„Sind das Xhanchilion?“ fragte Axxal verwirrt. „Sie sehen eher so aus wie deine Landsleute.“

„Das sind Skoraten. Ich habe gehört, daß sich die Xhanchilion Sklaven von anderen Welten halten, aber diese hier sind nach Gang und Haltung keine Sklaven. Ich glaube, es ist am besten, wenn du von jetzt an absolut nichts weißt, Axxal. Ich werde ihnen schon erzählen, warum wir hier sind, sobald sich die Lage geklärt hat; aber ich will nicht, daß du mit irgend jemandem sprichst, verstanden?“

Axxal nickte. Die Skoraten waren inzwischen in Hörweite. Jorry hob die Hand zum Friedensgruß und rief sie an. Ihre Hände blieben an den Schwertgriffen und ihre grimmigen Mienen unverändert. Jorry blieb stehen und hakte einen Daumen in seinen Gürtel, bereit, seine verborgenen Messer zu ziehen, wenn es sich als nötig erweisen sollte. Auch die Skoraten blieben in einer Reihe vor ihnen stehen, und ihr Anführer redete Jorry in der Universalsprache an.

„Wer seid ihr, und was wollt ihr auf dem Xhanchos?“

„Ich bin Kian Jorry, Freier Kaufmann. Das ist mein Diener Axxal. Wir kommen in Frieden und wollen Geschäfte machen.“

„Seid ihr Sklavenhändler?“

„Sehe ich wie ein Daltreskaner aus? Und sieht das hier wie ein Sklavenschiff aus?“ fragte Jorry und wies mit dem Daumen auf die Seraph.

„Ihr habt keine Fragen zu stellen, sondern zu beantworten“, entgegnete der Skorat.

„Nein, wir sind keine Sklavenhändler. Wir wollen Geschäfte machen, ich sagte es.“

„Was führt ihr für Waren mit? Ich sehe keine.“

„Das will ich gern mit dem zuständigen Beamten erörtern, wenn du mich zu ihm führst.“

Der Skorat dachte kurz über diese Antwort nach, dann hielt er leise mit seinen Gefährten Rat. Axxal schob sich näher an Jorry heran und flüsterte: „Verlassen wir lieber diesen Planeten wieder! Mit diesen Vieren können wir schon fertigwerden. Sie sind nicht größer als wir.“

„Das könnten wir schon, aber wir kämen nicht zur Seraph zurück.“ Mit einer Kopfbewegung deutete er auf ein Dutzend berittener Skoraten, die auf großen Wüsten-Haxopoden im Schatten des Tores warteten. „Sei ruhig, Axxal. Skoraten geben immer mächtig an, aber wenn sie merken, daß man keine Angst vor ihnen hat, sind sie ganz friedlich.“

Jorry hatte recht. Er und Axxal wurden durch die Stadt zum Palast geführt, und auf dem Wege sah Jorry manches, das auf einen Wechsel im Regime Xhancholiis hindeutete. Die Straßen waren auffallend leer. Er hatte gehört, diese Stadt sei volkreich und geschäftig; jetzt sah sie aus wie nach einer großen Seuche oder einer furchtbaren Schlacht. Er sah nicht einen männlichen Xhanchilion und nur wenige Frauen. Nirgends hörte er die dieser Kultur eigentümliche hohe, zwitschernde Sprache. Überall waren nur Anderweltler zu sehen: Trulbaner, Quespodonen, Agyari, Zotaronen, Männer vom Gilead und Skorat, kraftvolle Skeggjatten und noch andere Rassen, die er nicht kannte. Die Luft war voll von den gutturalen Lauten der Universalsprache, gepfeffert mit den Flüchen und Ausdrücken der Muttersprachen der verschiedenen Rassen. Aus seinem eigenen Volk sah Jorry niemanden, und das freute ihn. Hier war kein k’Turalp’Pa, weil die k’Turalp’Pa von vornherein zu schlau waren, um sich gefangennehmen zu lassen.

Was zuerst nur eine Vermutung gewesen war, wurde Jorry zur Gewißheit: die Xhanchilion waren gestürzt worden, und ihre früheren Sklaven waren jetzt die Herren der Stadt. Die Tatsache, daß einige Anderweltler schwer verwundet waren, bestätigte ihn in seiner Meinung. Wenn man solche Krüppel auf der Straße sah, mußte es ein neues Regime geben. Unter den Xhanchilion wären sie liquidiert worden.

Jorry wandte sich an den Skorat, der neben ihm ging, und fragte beiläufig: „Wie lange ist es her, daß ihr die Xhanchilion gestürzt habt?“

Der Wächter warf ihm einen kalten Blick zu. „Lange genug, Händler. Tut es dir leid? Hättest du lieber mit diesen plattgesichtigen Sklaventreibern Geschäfte gemacht?“

„Keineswegs, mein Freund. Ich gestehe, daß ich erleichtert bin. Ich habe von Männern gehört, die herkamen, um Handel zu treiben, und dann plötzlich in einem Steinbruch in der Wüste arbeiteten.“

„Und doch bist du hergekommen? Da mußt du ja ganz schön geldgierig sein.“

Jorry sah ihn unbefangen an. „Beim Handel ist es wie im Krieg. Je größer das Risiko, desto höher der Gewinn.“

Stirnrunzelnd dachte der Skorat über diese Worte nach und sagte dann: „Rede keinen Unsinn. Handel ist nicht wie Krieg.“

Jorry zuckte die Achseln. „Wie du meinst, mein Freund.“

Im Palast hörten sie, daß Gariv, Monarch des Xhanchos, sie irgendwann vor Sonnenaufgang empfangen würde. Jorry war bereit zu warten, forderte aber, daß man ihnen unverzüglich zu essen bringe. Die Palastbeamten brausten zunächst auf, befahlen dann aber schließlich zwei jungen Xhanchilioninnen, Garivs Gästen Speise und Trank zu bringen. Beim Essen plauderte Jorry mit den Dienerinnen, scherzte mit den Gardisten und erfuhr dabei bruchstückhaft, was geschehen war. Wie er bereits vermutet hatte: die Sklaven hatten sich ihres Lagers in der Wüste bemächtigt und sich bewaffnet. Eines Nachts hatten sie die ahnungslose Stadt überfallen. Nach einer blutigen, gnadenlosen Schlacht, die zwei Tage dauerte, waren sie die Herren Xhancholiis. Und nun, obwohl sie nicht offen darüber sprachen, gab es wachsende Spannungen unter den Siegern.

Jorry bemerkte, daß die uniformierte Palastwache nur aus Skoraten und Skeggjatten, also den Krieger-Rassen, bestand. Offenbar wurde den Angehörigen anderer Rassen bereits der Zutritt zum Thron verweigert. Jorry wurde warm ums Herz bei dem, was er hörte und sah. Er hatte das tröstliche Vorgefühl, daß er die Situation zu seinem Vorteil manipulieren konnte, sobald er genau über die Tatsachen Bescheid wußte.

Erst spät in der langen Xhanchos-Nacht kam ein Gardist und verkündete, der Monarch sei bereit, Jorry zu empfangen. Er und Axxal standen auf, doch der Wachsoldat versperrte ihnen den Weg mit seinem Schwert. „Dein Diener bleibt hier“, befahl er.

„Ich möchte ihn lieber mitnehmen“, sagte Jorry.

„Der Monarch des Xhanchos empfängt keine Quespodonen.“

Jorry sah ein, daß es keinen Sinn haben würde, sich über das höfische Protokoll des neuen Herrschers zu streiten. Er bedeutete Axxal zu warten und betrat den Thronsaal allein.

Es war ein großer sechseckiger Raum mit Kacheln und Wandmalereien in einem barbarisch farbenfreudigen Muster. In vier der sechs Ecken standen Gardisten, riesige Burschen, Skeggjatten dem Aussehen nach; und in der Saalmitte erhob sich ein Doppelthron. Auf dem höheren und größeren Sessel saß ein Mann von etwa Jorrys Größe, doch kräftigerem Körperbau. Kopfhaar und Bart waren dunkel wie bei allen Skoraten, doch schon deutlich von weißen Strähnen durchsetzt. Trotz dieses Alterszeichens schien er in den besten Mannesjahren zu stehen. Mit Würde trug er das glänzende Wehrgehenk des Offiziers über seiner schmucklosen Tunika und eine einfach gearbeitete Krone auf dem Haupt. Jorry warf nur einen kurzen Blick auf ihn und gönnte seinen Augen dann einen angenehmeren Anblick.

Neben dem Monarchen des Xhanchos saß auf dem kleineren Thron eine Gafaal-Frau von unvergleichlicher Schönheit. Eine weich anliegende blendendweiße Robe betonte ihre volle Gestalt, die smaragdene Haut und das dunkelrote Haar. Ihr Haar und die schlanken Tentakeln ihres Halses waren mit Goldschnur zu einer hohen kronenartigen Frisur verflochten. Jorry sah sie bewundernd an und verbeugte sich erst vor dem einen, dann vor dem anderen Thron.

„Sag wer du bist“, befahl der Monarch.

„Ich bin Kian Jorry, Euer Majestät, ein Freier Kaufmann.“

„Ich bin Gariv vom Skorat, Monarch des Xhanchos. Die Frau, die dir so zu gefallen scheint, ist Santrhara, meine Nebenfrau.“

Noch einmal und tiefer verneigte sich Jorry vor der Frau. „Ich habe viel gesehen auf meinen Reisen, doch nie und auf keiner Welt habe ich eine so schöne Frau gesehen wie Santrhara vom Xhanchos. Fürwahr, meine Augen sind geblendet.“

„Das ist ganz natürlich. Aber bist du gekommen, um dir die Augen zu verderben, oder um Geschäfte zu machen?“ fragte Gariv brüsk. „Wo kommst du her, was hast du anzubieten, was willst du haben?“

„Meine Ahnen sind von der Alten Erde, Majestät; aber ich bin ein Freier Kaufmann. Meine wahre Heimat ist mein Raumschiff. Von Jugend an kenne ich keine andere Heimstatt als die Seraph.“

„So stammst du also von der Alten Erde ab. Auch die Vorfahren von uns Skoraten sind vom Blut der Alten Erde“, erzählte Gariv.

Schon vor langer Zeit hatte Jorry erkannt, daß Schmeichelei, mochte sie auch noch so durchsichtig und unaufrichtig sein, einem neu zur Macht gekommenen König angenehm im Ohr klingt. Und außerdem ist es nützlich, wenn ein Mann über sich und seine Absichten Angaben macht, die, wenn sie auch nicht stimmen, sein Gesprächspartner gern hört und daher zu glauben bereit ist. Das erleichtert die Geschäfte. Also erwiderte er: „Ich bin stolz darauf, daß ich, ein Kaufmann, vom gleichen Blut bin wie die tapfersten Krieger unserer Galaxis. Darf ich mir eine Frage erlauben, bevor ich weiterrede?“

„Ich verspreche dir keine Antwort, aber frage nur.“

„Die gegenwärtige Situation auf dem Xhanchos verwirrt mich, Eure Majestät. Sind die Xhanchilion völlig besiegt?“

Gariv lächelte triumphierend. „In der Tat, Kaufmann. Wir haben nur so viele am Leben gelassen, wie wir als Diener brauchen.“

„Dann sind alle Sklaven frei. Ist das richtig?“

„Viele sind in der Schlacht gefallen. Mancher mag noch an seinen Wunden sterben. Von allen, die im Befreiungsheer kämpften, haben wir die Hälfte verloren.“

Mit plötzlicher Angst in den Augen blickte Jorry auf und sagte halblaut: „Eine knappe Sache – Bitte sagt mir noch eins, Majestät: war unter den Gefallenen einer namens Jorry?“

Gariv schüttelte den Kopf. „Nein, Kaufmann, keiner dieses Namens. Ich kenne jeden bei Namen, doch keiner hieß Jorry. Ist das ein Verwandter von dir?“

Jorry senkte den Kopf und bedeckte sekundenlang die Augen mit der Hand; dann seufzte er und blickte Gariv und Santrhara an. „Ich kam nicht in gewöhnlichen Geschäften zum Xhanchos. Ich habe einen jüngeren Bruder. Ich hatte gehofft, wir würden zusammen mit der Seraph reisen, doch er entschloß sich, Heiler zu werden. Er startete zum Vigrid im Skeggjatt-System, um bei dem größten Chirurgen Ingjald-Kolsson zu studieren, doch er kam nicht an. Sein Raumschiff wurde von Sklavenjägern gekapert. Das war vor dreizehn Jahren nach dem Galaktischen Kalender, und seitdem suche ich ihn. Vor einiger Zeit habe ich gehört, daß ein Mann, auf den seine Beschreibung paßt, etwa zu der Zeit, als mein Bruder verschwand, auf den Xhanchos gebracht wurde. Auch die sonstigen Einzelheiten paßten, und so bin ich hierhergekommen in der Hoffnung, ihn zu finden und freizukaufen.“

Die Antwort kam von Santrhara, und ihre Stimme klang wie süße Melodie. „Dreizehn Jahre nach dem Galaktischen Kalender sind drei Xhanchilion-Hranxluces. Im Volke heißt es, daß nur wenige Anderweltler mehr als eine Hranxluce in der Wüste überleben. Nicht einmal ein Quespodon würde es länger durchhalten. Du hast mein Mitgefühl, Kaufmann Jorry.“

„Ich danke dir, Herrin“, antwortete Jorry mit brechender Stimme, „und bitte, mich zu entschuldigen. Nach all diesem Suchen und Forschen –“

„Viele gute Männer sind beim Steinebrechen in der Wüste gestorben. Wenn dein Bruder schon sterben mußte, ist es schade, daß er nicht im Kampf für die Freiheit fallen konnte.“

„Wahr. Und doch –“ Jorry seufzte nochmals auf, drückte dann die Schultern zurück und sagte: „Ich möchte Eurer Majestät ein kleines Erinnerungszeichen senden, wenn ich darf. Mein Diener wird sich morgen bei Sonnenuntergang einfinden mit sechs Karaffen vom feinsten Stepman-Wein. Und für die Herrin Santrhara –“ Er griff in die Tunika und zog den Edelstein hervor, den er von der Seraph mitgebracht hatte. Das Juwel erfüllte den Saal mit den Blitzen seines inneren Feuers, und als er es in den Fingern drehte, fuhr sein Schein über die buntbemalten Mauern. Er trat vor und legte das Juwel in Santrharas ausgestreckte Hände. Rasch nahm sie es auf und lachte ein mädchenhaft unschuldiges Lachen reinster Freude, als sie es vor ihre Augen hob. „Ich danke dir, Jorry. Das ist der schönste Stein, den ich je gesehen habe. Er ist prachtvoll.“

„Schicke nicht deinen Diener mit dem Wein, Kaufmann“, sagte der Monarch. „Bringe ihn selbst und speise mit uns. Vielleicht gibt es doch noch Geschäfte für dich auf dem Xhanchos.“

„Mit Vergnügen, Majestät. Bei Dunkelwerden, dann?“

Gnädig nickte Gariv.

„Ich danke dir nochmals, Jorry“, sagte Santrhara, „und ich werde dein Geschenk tragen, wenn wir speisen.“

Jorry verneigte sich ehrfurchtsvoll und verließ den Thronsaal recht befriedigt von dem bisher Erreichten. Diese Geste mit dem Edelstein war ein kluger Schachzug gewesen: impulsive Generosität hat auf Barbaren immer eine große Wirkung. Gariv war ein typischer Skorat – so geschwollen von Selbstgefühl, daß er gar nicht auf den Gedanken kam, jemand könne ihm seine Beute aus den Händen reißen wollen.

Der Planet Xhanchos war ja nun wirklich nichts Großartiges. Doch verglichen mit dem Boroq-Thaddoi war er ein Paradies, und in Gesellschaft Santrharas würde er eine Zeitlang erträglich sein. Und da waren noch diese Pyramiden draußen in der Wüste. Sicher wäre es der Mühe wert, sie sich näher anzusehen. Gerade der richtige Planet für einen netten kleinen Urlaub, und ein guter Ort, um die Rückkehr auf den Boroq-Thaddoi neu zu planen.

„Es ist irgend etwas im Wind, Jorry“, begrüßte ihn Axxal. „Ich habe zugehört, wie sich die Garden unterhielten, und es hörte sich an, als ob es Unruhen geben wird.“

„Ich spüre das auch“, sagte Jorry. „Wir werden uns in der Nähe Zimmer nehmen. Während ich mich mit Gariv befasse, kannst du versuchen herauszubekommen, was sich außerhalb des Palastes tut. Wir wollen uns beeilen. Sehr bald geht die Sonne auf, und die Tage auf dem Xhanchos sind zu warm für mein Blut.“

4. Ein Zusammentreffen

Axxal erwachte am Mittagspunkt des langen Xhanchos-Tages. Draußen brannte die Sonne vom Himmel und erhitzte die Hälfte des Planeten auf eine unerträgliche Temperatur; doch Axxals Schlafkammer war dämmrig und angenehm kühl. Eine Zeitlang lag er im Halbschlaf und grübelte über die konfuse und beunruhigende Situation nach, die sich auf dieser Welt zu entwickeln schien; dann, als er merkte, daß er nicht wieder einschlafen konnte, stand er auf und zog sich an.

Jorry schlief noch, wie er bei einem kurzen Blick in dessen Kammer feststellte. Er war bis lange nach Sonnenaufgang aufgeblieben, hatte im Gasthaus mit den Bewohnern des Planeten sauren Landwein getrunken, Geschichten erzählt, geplaudert, gescherzt und dabei alles aus seinen Zechgenossen herausgeholt, was sie über die politische Lage auf dem Xhanchos wußten. Axxal erinnerte sich an seinen Auftrag von gestern abend; er sollte so viel wie möglich über den Stand der Dinge hier in der Stadt zu erfahren suchen. Er entschloß sich, sofort, ehe Jorry erwachte, damit zu beginnen, indem er sich erst einmal auf eigene Faust in der Stadt umsah. Er aß zum Frühstück einige der süßen blauschaligen Früchte, von denen ein Tellervoll in der Halle stand, und machte sich dann auf den Weg.

In der großen Wüste, die weite Teile des Xhanchos bedeckte, regte sich tagsüber nichts. Alle Reisen, alle Arbeiten wurden bei Nacht vorgenommen, unter dem sanften Licht eines oder mehrerer der sieben Monde. Doch in der Stadt Xhancholii schirmten Arkaden und überdachte Straßen die dörrende Sonne ab. Windfänge auf den Dächern leiteten die Hochwinde durch Kanäle in die verschatteten Straßen hinunter und über die klaren Springbrunnen, die an jeder Straßenecke tanzten. Hier waren die Tagesstunden erträglich, sogar angenehm. Bei den Herrschenden war die Sitte, alle wichtigen Geschäfte und Staatsangelegenheiten bei Nacht durchzuführen, immer noch üblich; für einen großen Teil der ehemaligen Sklaven jedoch war Schlaf bei Tage und Arbeit bei Nacht gleichbedeutend mit Zwang und Fron. Daher fand Axxal, als er den Gasthof verließ, gewisse Stadtteile nicht leerer, als sie bei Nacht gewesen waren.

Das Stadtviertel mit dem Palast und den Amtsgebäuden hatte saubere gerade Straßen mit geräumigen Arkaden zu beiden Seiten einer offenen Zentralpassage. Hier gab es keine Menschenansammlungen. Hinter diesem Viertel war es anders. Die Straßen waren eng, krumm, uneben. Es gab wenige Springbrunnen, und Axxal sah mehrere, die nur tröpfelten. Oft war das Wasser schmutzig und stank. Uniformierte Palastgarde war hier nirgends zu sehen, überhaupt keine Skeggjatten und Skoraten, die anderswo in Uniform herumstolzierten. Hier befand sich Axxal unter den Frauen und Kindern der besiegten Xhanchilion und den niederen Klassen der Sieger. Hier wohnten die Leute seines Volkes, stämmige Quespodonen mit dunkel gefleckter Haut. Große schwarze Thorumbianer, schlanke Agyaren, hellhaarige Trulbaner und andere Rassen, die Axxal noch nie gesehen hatte, füllten diese engen, vollgestopften, schmutzigen Gassen.

Er schlenderte weiter, sah sich alles genau an, blieb hier und da stehen, um sich zu erfrischen und harmlose Fragen an Entgegenkommende zu stellen, bis er auf eine Gruppe von zwölf oder mehr Leuten stieß, die sich an einer Kreuzung gesammelt hatten. Eine Stimme ertönte aus ihrer Mitte. Es war eine starke, klare Stimme, und Axxal hörte jedes Wort. Der Mann redete in der Universalsprache der Galaxis, doch er hatte einen unverkennbaren Quespodon-Akzent. Axxal konnte den Sprecher nicht sehen. Er blieb am Rand der Gruppe stehen und hörte zu.

„- und du, Dubaxx – ich habe gesehen, wie dein Bruder auf den Stufen des Tempels niedergehauen wurde. Er fing einen Hieb auf, der für Gariv bestimmt war. Dein Bruder gab sein Leben für diesen hochmütigen Skoraten, und jetzt, da Gariv Monarch des Xhanchos ist, darfst du nicht einmal vor sein Angesicht treten“, sprach der Redner. „Wie gefällt dir das, Dubaxx? Komm, sag frei heraus, wie du darüber denkst!“

Ein Quespodon in der ersten Reihe antwortete: „Ich habe gar keine Lust, dem Palast auch nur nahezukommen, Vaxxt. Was soll ein Quespodon überhaupt im Palast?“

Ein zögerndes Gelächter klang bei dieser Frage auf, doch der Redner antwortete ironisch, ohne einen Funken Humor: „Du könntest Laufbursche werden für unsere neuen Herren, die Skoraten und Skeggjatten. Vielleicht denken sie, du seist für diese Arbeit geeignet. Wir hätten von Anfang an, als Gariv den Angriff auf Xhancholii organisierte. Schon damals war alles klar, und wenn wir nicht so leichtgläubig gewesen wären – wenn wir soviel Hirn gehabt hätten, danach zu fragen –“

„Was hat er denn gemacht, Vaxxt?“ fragte jemand ratlos.

„Hast du vergessen, wie der Angriffsplan war? Gariv und sein ganzer Skorat-Clan samt seinen Skeggjatt-Lakaien griffen die Tore an. Sie waren bewaffnet, jeder Einzelne, mit den Waffen, die wir aus dem Lager geholt haben. Sie waren alle beritten und hatten die Überraschung auf ihrer Seite. Aber was war mit uns? Zu Fuß mußten wir eine Stadt erstürmen, die inzwischen aufgewacht war und auf uns wartete, und unsere einzigen Waffen waren die, die wir dem Feind entreißen konnten. Wir wurden abgeschlachtet, genau wie Gariv es geplant hatte.“

„Aber Gariv hat uns doch unsere Freiheit gegeben!“

Verächtlich entgegnete Vaxxt: „Er befreite uns, damit wir im Kampf um eine Welt für ihn und seine Anhänger sterben konnten. Und jetzt sage ich euch: die von uns, die den Kampf überlebt haben, werden bald –“ Er hielt unvermittelt inne, denn er hatte Axxal erblickt, der sich vorgedrängt hatte, um den Sprecher besser sehen zu können.

Axxal war ebenso überrascht wie Vaxxt: sie sahen einander ähnlich wie Brüder. Beide hatten den breiten, muskulösen Körperbau ihres Volkes, beide waren haarlos, doch ihre Hautmale waren schwach ausgeprägt; beide hatten die gleiche rotbraune Haut. Auf den ersten Blick erkannten sie einander.

„Hier ist ein Fremder in unserer Stadt“, sagte Vaxxt mißtrauisch. „Du trägst die Tracht der Freien Kaufleute – was willst du mit solchen wie uns Geschäfte machen?“

Ein auffahrendes Gelächter erstarb rasch, und Axxal entgegnete: „Die Geschäfte betreibt mein Herr.“

„Das muß ja ein großzügiger Herr sein, daß er die Arbeit tut, während du spazierengehst und zuhörst, was die Leute sagen.“

„Bis jetzt gibt es noch keine Arbeit für uns beide. Bei Anbruch der Nacht kommt mein Herr mit eurem König Gariv zusammen, und dann wird er vielleicht –“

„Gariv ist nicht unser König, Händler“, unterbrach ihn Vaxxt.

„Vorsicht, Vaxxt“, warnte ihn ein riesiger Quespodon, „vielleicht werden deine Worte weitergetragen. Wir wissen ja nicht, wer dieser Bursche ist.“

„Ich habe euch doch gesagt, wer ich bin“, erwiderte Axxal ärgerlich. „Ich bin kein Spion, daß ich horche, wenn meine eigenen Volksgenossen ihre Meinung sagen, und es den Anderweltlern erzähle.“

Vaxxt antwortete beschwichtigend und in friedlichem Ton: „Das ist nicht als Anschuldigung gemeint. Wir müssen nur vorsichtig sein. Wenn du Zeit hast, Kaufmann, dann würde ich gern noch weiter mit dir sprechen.“

Es war eine gute Gelegenheit, mehr zu erfahren, und so zögerte Axxal nicht. Der andere verließ seine Zuhörer mit einer letzten Mahnung: „Denkt an meine Worte, Brüder. Gariv hat Pläne mit uns, und wenn wir keine eigenen Pläne machen, wird es uns bald leid tun. Überlegt euch das.“

Erst als Vaxxt sich zum Gehen anschickte, bemerkte Axxal, daß der Mann Invalide war. Er schob sich eine Krücke unter die Achsel und hinkte rasch die Gasse hinunter, Axxal an seiner einen Seite und der große Quespodon an der anderen, und ihre Schultern rieben sich an den Häuserwänden. Sie sprachen kein Wort, bis Axxal und Vaxxt in einer dunklen Ecke eines nahegelegenen Wirtshauses saßen. Der dritte Quespodon hielt Wache an der Tür und war außer Hörweite.

Vaxxt machte keine Umschweife. Kaum hatte Axxal ihm seinen Namen genannt, da hob Vaxxt ungeduldig die Hand und fragte: „Wie lange haben deine Vorfahren außerhalb des Dumabb-Paraxx gelebt? Wie viele Generationen?“

„Elf. Ich bin die zwölfte.“

„Und sie waren immer reinblütig? Keine Heiraten mit Anderweltlern?“

Axxal lachte. „Hast du gefunden, daß Anderweltler so darauf erpicht sind, Quespodonen zu heiraten? Auf unserer Welt war das jedenfalls nicht so. Mein Blut ist unvermischt.“

„Habe ich mir gedacht. Ich bin von der elften Generation, seit wir unsere Heimatwelt verließen, und ich bin reinblütiger Quespodon. Nun sieh uns beide an, Axxal. Siehst du, wie anders wir sind als alle anderen?“

„Die Hautflecken – sie sind kaum zu sehen.“

Ungeduldig nickte Vaxxt. „Das beißt in die Augen. Aber sonst noch? Hast du nicht gemerkt, wie verschieden wir von unseren Brüdern vom Dumabb-Paraxx sind?“

„Ich bin mit so wenigen von ihnen zusammengetroffen – aber die, die ich gesehen habe, kommen mir –“

„Weiter, Axxal, sprich es aus!“ drängte Vaxxt.

„Sie kommen mir so dumm und brutal vor, wie man es von allen Quespodonen sagt. Sie denken nicht!“

„Richtig, sie denken nicht. Aber wir!“ antwortete Vaxxt triumphierend. „Das hast du gemerkt, nicht wahr?“

„Ja. Ja, das habe ich. Manchmal – ich habe manches verstanden, mir manches zurechtgelegt, was ein Quespodon eigentlich gar nicht begreifen kann. Das Gravitationssystem der Seraph – der Weg aus der Zitadelle –“

„Und zuerst hat dich das beunruhigt, sogar geängstigt. Wie mir hat dir jeder, mit dem du zusammenkamst, einreden wollen, du seist ein Dummkopf aus einer Rasse von Dummköpfen. Aber das bist du nicht, Axxal, und ich auch nicht.“

Axxal machte eine hilflose Handbewegung. Er wollte weglaufen, ehe Vaxxt noch mehr Beunruhigendes sagen konnte, und doch war er begierig darauf, mehr zu hören. Das war etwas, was er schon längst geahnt hatte. Er spürte aufwallende Freude, ein plötzliches Kraftgefühl, und gleichzeitig fürchtete er sich, wie Vaxxt gesagt hatte, vor dem, was kommen mußte. Es war etwas Besonderes mit ihm. „Warum gerade wir?“

„Es hat etwas mit der Heimatwelt zu tun, soviel ist mir klar. Je länger wir von diesem Pestloch weg sind, keinerlei Kontakt damit haben, desto klarer wird der Verstand. Deswegen haben sie jetzt eine Auswanderungsquote: die Anderweltler wollen ihre kräftigen, dummen Arbeiter nicht verlieren. Und deswegen wird die Bande von Anderweltlern, die alles Wichtige auf dem Dumabb-Paraxx in Händen haben, regelmäßig abgelöst: würden sie bleiben, so würden sie angesteckt. So wie in alten Zeiten unsere Ahnen.“

„Wenn das so ist, wie sind dann die ersten Quespodonen – deine und meine Vorfahren und noch ein paar andere – von der Heimatwelt weggekommen?“

„Vielleicht haben die von der Alten Erde sie mitgenommen – als Ersatzleute oder als interessante Haustiere. Wir werden es nie erfahren, Axxal. Sie haben keine Aufzeichnungen für uns hinterlassen. Und dann kam die Quote.“

Axxal fielen alte Geschichten ein. „Mein Vater hat von der Quote gesprochen. Ich erinnere mich daran.“

„Wie war er? So intelligent wie die Anderweltler, unter denen er lebte?“

„Das war er, Vaxxt. Er hat mir die alten Legenden erzählt – die Geschichten vom Täuscher -, und er sagte, seiner Ansicht nach hätten die Anderweltler Keoffo erfunden, damit wir nicht aufmucken.“

„Er war ein weiser Mann, Axxal.“

„Ich konnte mich damals nicht dazu aufschwingen, ihm zu glauben, wenngleich seine Worte mich beunruhigten. Bald nachdem er das gesagt hatte, holten Daltreskaner ihn weg. Lange fürchtete ich, daß Keoffo sich an ihm gerächt hätte, weil er das gesagt hatte. Aber jetzt sehe ich –“ Drängend, beinahe flehend wiederholte er die Frage: „Aber warum wir, Vaxxt? Warum du und ich, keine anderen?“

„Aus zwei Gründen, Axxal, soweit ich sagen kann: wir sind lange von unserer Heimatwelt weg und sind von reinem Quespodonblut. Als ich hierhergebracht wurde und zum erstenmal Quespodonen sah, die nicht zu meiner Kolonie gehörten, bekam ich einen Schreck. Dreizehn Quespodonen waren in meinem Arbeitstrupp, elf von der Heimatwelt und zwei von einer Kolonie auf dem Tilcha, wo sie sich generationenlang mit der Bevölkerung vermischt hatten. Und jeder einzelne war roh, unwissend, scheußlich gefleckt, genauso wie es im ganzen Weltraum von den Quespodonen heißt. Je mehr ich von diesen sah, desto stärker war ich davon überzeugt, daß ich eine Art Mißgeburt wäre.“

„Das gleiche habe ich manchmal auch gedacht“, gestand Axxal.

„Doch ich wußte, daß die in meiner Kolonie so waren wie ich, nicht wie die anderen. Wir konnten also nicht alle Mißgeburten sein. Und jetzt, da ich dich gesehen habe, der aus noch einer anderen Kolonie stammt, bin ich überzeugt. Es mag noch mehr wie uns in der Galaxis geben – solche, deren Vorfahren in der ersten Zeit herausgekommen sind, bevor die Quote kam, und kein Anderweltler-Blut in sich haben.“ Vaxxt beugte sich vor und sagte leise, aber eindringlich: „Axxal, die Quespodonen sind nicht die hoffnungslosen Narren der Galaxis. Sie können es mit jeder Rasse aufnehmen, wenn sie die Chance dazu bekommen.“

Vaxxt sprach mit Beredsamkeit und tiefer Überzeugung. Doch wäre er auch bei jedem Wort gestolpert, Axxal hätte trotzdem jedes Wort in sich aufgenommen. Diese Worte ließen sein Herz schneller schlagen. Das Unbekannte, das er bei Jorry und auf der Seraph gesucht hatte – hier auf dem Xhanchos war es und wartete auf ihn. „Wir geben ihnen die Chance, Vaxxt!“ sagte er.

5. Eine Zukunft für den Xhanchos

Jorry nahm einen jungen Xhanchilion als Träger an, der den Wein für Gariv von der Seraph zum Palast brachte; doch trug er ihn nach Passieren des äußeren Tores selbst. Zu seiner Überraschung wurde er nicht in eine weitläufige Speisehalle geführt, sondern wieder in den Thronsaal. Dort stand eine schneeweiß gedeckte Tafel mit Aufsätzen voller Früchte. Zwei Diener übernahmen den Wein, ein dritter wies ihm seinen Platz, wo er den Eintritt der anderen Gäste erwartete.

Jorrys bisherige Laufbahn hatte ihn nicht zu den allerhöchsten Höhen geführt; doch hatte er in seinem langen Sternfahrerleben Paläste gesehen (und in zweien sogar regiert), mit denen verglichen der Königspalast des Xhanchos nicht mehr als ein besseres Vorzimmer war. Ausstattung und Dekoration bestätigten den Eindruck, den er von Gariv bekommen hatte. Wie jeder Skorat war der Mann im Innersten ein Barbar. Für diesen Krieger, der an dreckige Festungen und staubige Zelte gewöhnt war, an magere Soldatenrationen, mit reichlichen Mengen sauren Weines schmackhafter gemacht, war dieser farbenfreudig ausgemalte Saal zweifellos der Inbegriff des Luxus, an sich schon ein Beweis, daß sein Benutzer ein König war. Jorry war nahe daran, ihn zu bemitleiden – jedoch nicht allzu nahe. In welchen engen Grenzen auch immer regierte Gariv jedenfalls den Xhanchos und besaß eine erprobte Streitmacht zur Aufrechterhaltung seiner Macht. Santrhara war seine Konkubine. Er war der Gastgeber, Jorry sein Gast; er war der Herrscher und Jorry der Bittsteller. Doch das würde sich in absehbarer Zeit ändern. Jorry spann bereits Pläne.

Er stand auf und verneigte sich respektvoll, als Gariv, Santrhara zu seiner Seite, in den Saal kam. Der Edelstein, den Jorry ihr bei der ersten Begegnung geschenkt hatte, funkelte in ihrem Haar. In einem durchsichtigen, rotglitzernden Gewand war sie schöner denn je; Ungeduld, sie zu besitzen, ergriff ihn. Er blieb stehen, bis daß das königliche Paar Platz genommen und Gariv ihn mit einer Handbewegung zum Sitzen aufgefordert hatte.

„Wir werden allein bei Tisch sein. Zuerst wollen wir speisen, Kaufmann, und dann werden wir beide, du und ich, von Geschäften reden“, begrüßte ihn Gariv.

„Wie Euer Majestät wünschen“, entgegnete Jorry respektvoll.

„Ehe wir anfangen – ich habe ein Geschenk für dich. Du bist nicht der einzige, der zu schenken versteht.“ Gariv klatschte kurz in die Hände, und zwei Xhanchilion traten vor, die einen reichgeschmückten Haxopodensattel nebst Zaumzeug trugen. Jorry war ein Mann, der sich am liebsten auf seinen eigenen Füßen fortbewegte, wenn er nicht an Bord eines Raumschiffes war, doch er wußte gute Handwerksarbeit zu schätzen. Sein Dank war echt. Als die Diener das Geschenk wieder beiseitegestellt hatten, nahm Santrhara das Wort.

„Auch ich habe etwas für unseren Gast“, sagte sie und streckte die Hand aus: ein Medaillon fiel durch ihre Finger und schwang an schmaler Kette. „Komm zu mir, Kian Jorry, damit du es auch richtig trägst.“

„Sie zog Jorry näher und hing ihm den Schmuck so um, daß der wunderbar gearbeitete Xhanchilion-Blaustein in seiner Tunika verschwand – er hatte für diese Gelegenheit eine besonders prächtige und schönfarbige angelegt – und über seinem Herzen hing.

„Trage den Blaustein auf deinem Herzen, Kian Jorry, und du wirst immer die Liebe gewinnen, die du am meisten ersehnst. Das ist ein alter Glaube der Gafaal.“

Lächelnd blickte er ihr in die Augen. „Die Frau, deren Liebe ich am meisten ersehne, ist schwer zu gewinnen. Ein mächtiger Mann hat sie bereits zu eigen.“

„Mächtige Männer werden oft enttäuscht“, lächelte sie zurück. „Frauen haben ihren eigenen Kopf. Selbst wir Gafaal haben schon manchmal selbst gewählt.“

„Es gibt Dinge, Herrin, die zu groß sind für die Hoffnungen eines einsamen Sternfahrers.“

„Vertraue dem Blaustein“, erwiderte sie leise.

„Jetzt haben wir genug geredet und Geschenke ausgetauscht“, sagte Gariv mit spürbarer Ungeduld. „Jetzt wird gespeist.“

Jorry war überrascht, daß das Essen so gut war; doch als Gariv Musikanten kommen ließ, die ihnen aufspielten, konnte er nur schwer seine Belustigung unterdrücken. Es waren schreckliche Stümper. Gariv persönlich zeigte seinen Unwillen, indem er eine Schale mit eingedickten Früchten nach ihnen warf, als sie zweimal den Schluß eines einfachen Skeggjatt-Heldensangs verpatzten. Jorry und Santrhara tauschten ein verstohlenes Lächeln, als das Trio vor Garivs Zorn die Flucht ergriff. Bekümmert sagte der Monarch des Xhanchos: „Zu einem guten Mahle gehört auch gute Musik, und auf diesem Planeten gibt es keinen Musikanten, der auch nur einen Tritt in den Hintern wert ist. Ich hatte mir einen guten aus dem Lager mitgebracht – ich gab ihm den Namen meines alten Barden und Hymnenmachers, Alladale. Hast du von ihm gehört?“

„Der Name ist mir nicht bekannt, Euer Majestät.“

„Dann hast du trotz deiner Reisen keine Ahnung von Musik. Alladale war der beste in der ganzen Galaxis. Der Erste unter den wirklichen Musikern, meine ich. Nicht wie dieser saubergewaschene Jammerbold, den ich aus seinen Ketten holte und mit meinen ausgesuchten Männern in der Vorhut mitreiten ließ. Bin froh, daß ich ihn los bin, obgleich mir sein Spiel zusagte.“

„Ist er im Kampf gefallen?“ fragte Jorry.

„Dafür hatte er nichts übrig, der Bursche. Hat uns eine ganz ordentliche Hymne gemacht, doch als er das Blut auf den Straßen rinnen sah, weinte er über seine eigenen Worte und wollte mir erzählen, wir gingen zu weit. Ein Feigling, trotz der Macht seines Wortes. Er hält sich irgendwo versteckt, er und seine Xhanchilion-Frau.“ Finster nahm Gariv einen Schluck und fuhr fort: „Schmiedet wahrscheinlich Pläne –“ Er unterbrach sich, wandte sich an Santrhara und befahl: „Verlaß uns. Ich habe Wichtiges mit dem Kaufmann zu besprechen.“

„Wie Gariv wünscht“, murmelte sie und erhob sich. Sie war eine Gafaal, eine wohlgeschulte Kurtisane, daran gewöhnt, stets Gehorsam an den Tag zu legen. Was für Gefühle hinter dieser Maske makelloser Schönheit lagen, war ihr Geheimnis, doch für den Bruchteil einer Sekunde glühte etwas in ihren Augen auf; der Monarch des Xhanchos sah es nicht, aber Jorry konnte es lesen: Abscheu. Und das freute ihn. Er wußte, daß sie für einen besseren Mann als Gariv geboren war; und als sie sich ihm zuwandte, um dem Gast den zeremoniellen Abschiedsgruß zu erweisen, verriet ihm ihr hastiges Flüstern alles, was er zu wissen wünschte. Die Wirkung des Blausteins hatte bereits begonnen.

„Sie ist sehr dekorativ, aber ich traue ihr nicht“, sagte Gariv, als sie gegangen war. „Ein Stück Kriegsbeute – mehr bedeutet sie mir nicht.“

„Eine sehr liebliche Beute“, erwiderte Jorry.

„Wie es mir zukommt, Kaufmann!“ fuhr Gariv hoch. „Ich habe den Aufstand organisiert. Ich habe eine Armee von zweitausend Sklaven, hauptsächlich unbewaffnetes Gesindel, gegen eine ummauerte Stadt geführt, die von einer dreimal so starken Besatzung verteidigt wurde, und ich habe eine alte Dynastie gestürzt. Mir steht die schönste Frau des Planeten zu, und alles übrige auch. Du magst sie anstarren, soviel du willst; aber vergiß nicht, wer sie gewonnen hat, und wem sie gehört!“

„Niemals, Euer Majestät“, erwiderte Jorry demütig. Garivs Angeberei amüsierte ihn äußerst; doch die Zeit, offen darüber zu lachen, war noch nicht gekommen.

„Santrhara ist gut genug für mich, solange ich auf dem Xhanchos bin. Doch auf dem Skorat erwartet mich eine ebenso prachtvolle Frau, sobald ich gewillt bin, dahin zurückzukehren.“ Er nahm ein kleines Lebendes Bild vom Halse und warf es Jorry zu. „Nikkolope, Königin der Stadt Thak. Meine Gattin und Mitregentin. Ebenso gut wie eine Gafaal-Frau, findest du nicht?“

Jorry mußte dem zustimmen. Keine Rasse der Galaxis konnte mit den Gafaal im Punkte bloßer sinnlicher Schönheit konkurrieren, doch Nikkolope war eine wahrhaft schöne Frau, deren ebenmäßige Züge von natürlicher innerer Hoheit durchstrahlt waren. Eingehend betrachtete Jorry das lebenswahre Bildnis und kam zu dem Schluß, daß Garivs Kraftmeierei ihm auf dem Skorat wenig genutzt haben konnte. Diese Frau war zu stark, um sich von irgendeinem Manne beherrschen zu lassen, obgleich sie das Ansehen jedes Herrschers erhöhen würde, an dessen Seite sie stand. Nikkolope und Santrhara – das war ein Stachel für Jorrys Gerechtigkeitsgefühl: er fand es einfach unerträglich, daß jemand wie Gariv die eine geheiratet und die andere zur Konkubine gewonnen hatte, und er empfand es als persönliche Pflicht, diesen Zustand bei erster Gelegenheit zu korrigieren. Im Moment jedoch spielte er seine Rolle als bescheidener Kaufmann weiter.

„Ich beneide Eure Majestät um dieses Glück. Seit wann sind Majestät von der Königin Nikkolope getrennt?“

„Seit ich mich der Expedition angeschlossen habe. Eine ganz schön lange Zeit. Aber sie wartet“, antwortete Gariv zuversichtlich, während er sich das Bild wieder umhing.

„Eine lange Abwesenheit für einen Herrscher“, bemerkte Jorry.

„Nikkolope wartet. Ich habe mir das Recht auf ihre Hand in fairem Kampf erworben“, entgegnete Gariv und öffnete seine Tunika, so daß eine gezackte Narbe sichtbar wurde. „Siehst du? Diese Narbe stammt aus dem Kampf um sie. Ich mußte neun Männer besiegen, um mich ihrer würdig zu erweisen.“

Instinktiv berührte Jorry mit den Fingerspitzen seine eigene Brust. Auch er trug eine Narbe aus einem Zusammenstoß mit den Schwarzjacken, der lange Zeit zurücklag. Gariv starrte ihn an; Jorry ließ die Hand sinken und sagte höflich: „Ist das die übliche Art der Brautwerbung auf dem Skorat?“

„Wenn die Dame einen Krieger als Gatten wünscht.“

Jorry machte ein sehr beeindrucktes Gesicht. „Ein Heldenvolk. Auf meiner Welt ist es Sitte, die Dame einfach zu fragen.“ Mit trockenem Auflachen schloß er: „Wir bekommen unsere Narben nach der Hochzeit.“

Gariv fand diese Bemerkung keineswegs humoristisch, sondern fuhr fort, als hätte Jorry nicht gesprochen. „Sie regiert die Stadt Thak in meinem Namen. Kein Mann auf dem Skorat würde es wagen, ihren Befehl anzuzweifeln.“

Jorry nickte bedeutsam und zustimmend. Jedoch der Gedanke stieg in ihm auf, daß Garivs Zuversicht möglicherweise auf sehr schwachen Füßen stand. Die Männer des Skorat mochten wohl so gehorsam sein, wie er behauptete, doch nicht aus Furcht vor dem so lange abwesenden Gariv. Nikkolope sah aus, als fordere sie Gehorsam um ihrer selbst willen.

„Der Skorat interessiert mich im Moment weniger, Kaufmann. Ich denke daran, wie es hier auf dem Xhanchos weitergehen wird.“

„Die Lage scheint doch durchaus unter Kontrolle zu sein.“

„Es ist zu ruhig. Der ganze Abschaum der Galaxis hat sich in Xhancholiis Eingeweiden angesammelt, und doch sieht und hört man nichts.“

Jorry machte ein erstauntes Gesicht. „Aber Majestät wünschen doch sicherlich keine offenen Unruhen –“

„Wäre mir lieber als diese unnatürliche Ruhe. Quespodonen sind dumm. Ein geschickter Mann kann sie leicht manipulieren. Vielleicht ist Alladale irgendwo untergetaucht und hetzt gegen mich; allerdings bezweifle ich, daß er Herz genug hat, um eine Revolte anzuführen. Und dann ist da noch Anders, der Heiler. Der ist ein Skeggjatt, ein Krieger, und diese gefleckten Halbidioten beten ihn an. Dutzende von ihnen hat er nach dem Überfall das Leben gerettet, wo es doch einfacher gewesen wäre, sie sterben zu lassen.“

„Heiler sind nun mal so“, seufzte Jorry.

„Heiler sollen tun, was ihre Führer befehlen“, erwiderte Gariv wütend. Unvermittelt blickte er Jorry mißtrauisch an. „Du hast doch einen Quespodon als Diener, nicht wahr?“

„Ja. Ich passe schon auf, daß er sich benimmt.“

„Halt ihn fest am Zügel. Die hiesigen Quespodonen haben irgend etwas vor, ganz sicher.“ Ein scharfes, unangenehmes Auflachen. „Nicht daß die etwas Vernünftiges planen könnten, aber mit einem fähigen Führer –“

Jorry dachte flüchtig an Axxal. Er war den ganzen Abend fort gewesen und war noch nicht zurück, als Jorry sich auf den Weg zum Palast gemacht hatte. Vermutlich sammelte er befehlsgemäß Informationen. Axxal war ziemlich intelligent- – ein bemerkenswert heller Kopf für einen Quespodonen -, aber ihn sich als Führer zu denken, war absurd, selbst als Anführer seiner eigenen Rassegenossen. Der Bursche besaß Wißbegier und einen gewissen bedächtigen, schwerfälligen Sinn für einfache Maschinen, soviel war richtig. Doch weitreichende Pläne zu machen, Entscheidungen zu treffen, neue Tatsachen im Augenblick zu erfassen und abzuwägen – nein, dergleichen ging über seinen Horizont, über den Horizont jedes Quespodonen. Diese Rasse brachte keine Führer hervor.

„Mein Diener wird keine Revolte anführen, dessen bin ich sicher“, lächelte Jorry.

„Irgend jemand könnte sich zum Führer aufwerfen. Sie sind reif für einen Führer.“ Gariv leerte seinen Becher, winkte Jorry, ebenfalls auszutrinken und ließ noch eine Karaffe Stepman-Wein bringen. „Tatsächlich, Kaufmann, wäre es mir lieb, wenn sie revoltierten.“ Er deutete auf seine Garden. „Ich habe eine Truppe von Kämpfern, die mir alle treu sind. Sie sind der Kern einer Kriegerkaste. Wir werden Diener brauchen, und die Niederschlagung eines Aufstandes würde jede Maßnahme gegen die Rebellen rechtfertigen und mir ihre Führer vom Halse schaffen. Dann wäre nur das Pack übrig und würde uns zahm dienen.“

„Das ist logisch“, bestätigte Jorry.

„Ich hörte, unter den Quespodonen und ihren Freunden wird davon gesprochen, eine Republik zu errichten.“

„Eine Republik?“ wiederholte Jorry verständnislos.

„Ein idiotisches System, bei dem die Führung in den Händen derer liegt, die geboren sind, um geführt zu werden“, erläuterte Gariv hitzig. „In einer Republik haben die Diener die gleichen Rechte wie ihre Herren.“

„Schwachsinn, in der Tat!“ gab Jorry kopfschüttelnd zu.

„Ich sehe die Zukunft des Xhanchos klar vor mir, Kaufmann. Meine Männer werden sich Gafaal-Frauen nehmen und eine Rasse von Aristokraten zeugen. Die geringeren Rassen können die Xhanchilion-Frauen haben und uns mit Dienern und Arbeitern versehen. Jeder wird seinen angemessenen Platz und seine bestimmten Pflichten haben. Alle werden glücklich sein.“

„Ein hervorragend vernünftiger Plan, Majestät“, sagte Jorry mit eiserner Miene. „Haben Majestät ihn dem Volke bereits verkündet?“

„Nein. Sie halten sich noch für frei. Sie bilden sich sogar ein, sie seien Krieger, weil sie eine Stadt einnehmen konnten, nachdem die Vorausabteilung, meine Skoraten und Skeggjatten, die Verteidiger erschlagen hatten. Doch ich habe den ersten Schritt bereits getan.“

„Nämlich?“

„Ein Daltreskaner-Sklavenschiff sollte am Ende des gegenwärtigen Mondzyklus landen. Die Quespodonen beabsichtigen, es zu kapern und mit ihm heimzufahren. Dann hätten wir keine Diener mehr; und so etwas kann ich nicht gestatten. Ich habe verkündet, daß das Schiff nicht kommen wird und daß für lange Zeit keine Schiffe mehr auf dem Xhanchos landen werden.“

Jorry merkte, in welche Richtung Garivs Gedanken führten, tat aber so, als hätte er keine Ahnung. „Wie können Majestät das Schiff an der Landung hindern?“

„Das wirst du für mich tun, Kaufmann.“

„Ich? Wie das?“ fragte Jorry unschuldig.

„Einfach indem du dein Schiff läßt, wo es ist. Es gibt nur einen Landering bei der Stadt, und ich bezweifle, daß die Daltreskaner jemanden auf ihren Schiffen haben, der eine manuelle Landung ausführen kann. Wenn sie sehen, daß der Ring besetzt ist, werden sie weiterfahren. Dann habe ich das Gesindel hier fest, und wenn sie erst gemerkt haben, daß sie nicht vom Xhanchos wegkönnen, werden sie sich schon mit meinen Plänen abfinden.“

„Und wenn das Sklavenschiff wiederkommt?“

„Bis dahin wird, wenn es überhaupt kommt, alles unter Kontrolle sein. Ich schicke dich zum Skorat, Kolonisten holen, und kehre als Beherrscher zweier Welten in meine Heimat zurück.“

„Brillant, Majestät!“ rief Jorry aus, hielt aber inne und fragte dann zögernd: „Aber was hätten Majestät getan, wenn die Seraph nicht zum Xhanchos gekommen wäre?“

„Ich wäre gezwungen gewesen, die Quespodonen und das andere Gesindel niederzumachen, sobald sie die Daltreskaner überwältigt hätten. Das hätte mich vielleicht Verluste an guten Kriegern gekostet, und ich bin froh, daß ich es vermeiden kann.“

Jorry tat, als wisse er sich vor Bewunderung über Garivs Klugheit und Voraussicht nicht zu lassen, und Gariv trank sein Lob so bereitwillig wie den Stepman-Wein. Je weiter die Nacht fortschritt, desto großzügigere Versprechungen machte der Monarch des Xhanchos dem gefälligen Freien Kaufmann, der zu so passender Zeit gekommen war. Als die letzte Karaffe Wein geleert war, konnte sich Jorry als Rechte Hand des Herrschers betrachten.

Jorry verließ den Palast kurz vor der Morgendämmerung. Schwankend hatte Gariv sein Schlafgemach aufgesucht, von zwei getreuen Skorat-Gardisten geleitet. Er würde tief und lange schlafen, dessen war Jorry sicher.

Umso besser, dachte er. So konnte er selbst ruhen, sich umziehen und in voller Frische sein Mittags-Rendezvous in einem anderen Teil des Planeten wahrnehmen. Alles lief wunderbar.

6. Axxal erzählt eine Geschichte

Die Quespodonen drängten sich im Raum und lauschten voller Spannung den Worten des Lahmen und des Freien Kaufmanns. Manche Nacht schon hatten die beiden zu Gruppen befreiter Sklaven gesprochen. Heute Nacht waren ihre Zuhörer ausschließlich Quespodonen.

Obwohl sich Axxal seine Rede und jede Geste sorgfältig eingeübt hatte, bebte sein ganzer muskelbepackter Körper, als er vor die stumme Menge trat. Doch als er zu sprechen begann, fegte die Kraft seiner Botschaft alle Furcht hinweg. Seine Stimme klang stark und fest.

„Ich bin auf fernen Welten gewesen und habe seltsame Dinge gesehen“, begann er. „Manche wundersame Geschichte könnte ich euch erzählen. Doch ich komme nicht als Barde her, um euch etwas vorzusingen. Heute spreche ich als Bruder zu euch und bringe euch Botschaft, die uns alle angeht.

Auf meinen Reisen habe ich Anderweltler aller Rassen getroffen. Manche waren gut zu mir. Als ihr in den Arbeitslagern wart, hab ihr ebenfalls Anderweltler kennengelernt, die guten Willens waren. Alladale, der Hymnenmacher, sang Lieder, die den Mut der Quespodonen priesen, und der Heiler Anders rettete nach der Schlacht vielen Quespodonen das Leben. Diese Anderweltler waren gute Männer und Freunde der Quespodonen. Mein Partner im Handelsgeschäft, mit dem ich zum Xhanchos gekommen bin, ist ein Anderweltler, und er ist ein Freund. So sollte es zwischen allen Völkern der Galaxis sein.

Doch es ist nicht immer so, Brüder. Nur zu oft haben Anderweltler uns Leid zugefügt. Denkt an euch selbst. Daltreskaner haben euch aus eurer Heimat geraubt, Xhanchilionen haben euch versklavt, und jetzt planen Skoraten und Skeggjatten unter Garivs Führung, euch zu betrügen. Ihr seht mich zweifelnd an, aber ich kann meine Worte beweisen: Gariv hat gesagt, das Daltreskaner-Schiff werde nie wieder herkommen. Das ist eine Lüge!“

Seine Worte erregten Unruhe. Er ließ den versammelten Quespodonen etwas Zeit, um ihrer Überraschung und Erregung Ausdruck zu geben, hob dann Ruhe gebietend die Hand und rief: „Jawohl, Gariv hat gelogen! Er weiß, daß das Raumschiff der Sklavenhändler bald kommen wird, doch nach seinem Plan soll es uns nicht zu unseren Heimatwelten zurückbringen. Er beabsichtigt, noch mehr von seinem Volk herzuholen. Sie sollen ein neues Königreich auf dem Xhanchos errichten, und wir sollen für ewige Zeiten ihre Diener sein! Doch das werden wir nicht zulassen!“

„Was können wir dagegen tun? Wie können wir Gariv daran hindern?“ ertönte es aus der Menge.

„Vaxxt weiß, was zu tun ist, und er wird es euch sagen. Doch ich habe noch mehr zu berichten von der Verräterei der Anderweltler. Wollt ihr mich zu Ende anhören?“ Brüllend stimmten sie zu, und Axxal sprach weiter: „Dann laßt mich von Keoffo dem Täuscher erzählen. Was ich euch erzähle, ist die wahre Geschichte, die euch von betrügerischen Anderweltlern vorenthalten wurde, den Kindern der Alten Erde, die euren Urahnen etwas vorgelogen haben, damit sie glaubten, wir seien ein geringes, nichtswürdiges Volk, zu nichts anderem gut, als allen anderen Völkern der Galaxis zu dienen!“

„Sei vorsichtig, wenn du vom Täuscher sprichst! Sogar auf dem Xhanchos ist seine Macht groß!“ rief jemand dazwischen.

„Die einzigen Täuscher, die wir von jetzt an zu fürchten haben, sind die Anderweltler, die so tun, als seien sie unsere Freunde. Keoffo starb, als sich die Sterne zu bewegen begannen. Ich fürchte ihn nicht, Brüder, ich verlache ihn!“

Für manche unter den Zuhörern war das eine zu kühne Rede, und Axxal mußte eine Zeitlang warten, bis wieder Ruhe war. Dann trat er einen Schritt vor und sagte: „Hört jetzt die wahre Geschichte von Keoffo und der Erschaffung unseres Volkes!“

Mit gedämpfter Stimme, die seine Zuhörer völlig in Bann hielt, begann er: „Vor langer, langer Zeit, als die Sterne noch neu und die Welten noch leer waren, beschloß der Herr der Sterne, eine vollkommene Rasse zu schaffen. Er sammelte alle guten Eigenschaften des Körpers und des Geistes, vereinigte sie in einem vollkommenen Mann und einer vollkommenen Frau. Sie sollten die Eltern aller werden. Doch bevor er sie zum Leben erweckte, suchte er alle Welten auf und wählte die schönste aus für sein Volk.

Während er fort war, stieß sein Diener Keoffo – ein täppischer, bösartiger Kerl war er, der stets die guten Absichten seines Herrn zunichte machte – auf den Schlafplatz jenes vollkommenen Paares. Er wurde neidisch, als er sah, daß andere so begabt und schön gebaut waren, und sein Neid machte ihn kühn. Ganz heimlich und vorsichtig – denn er war ein feiger, hinterhältiger Schurke – schlich er sich heran. Er sah alle die Gaben und guten Eigenschaften, die herumlagen. Der Herr der Sterne war weit weg. Keoffo wurde mutig. Er packte eine der Gaben, die Weisheit, und schleuderte sie weit in die Finsternis hinaus. Als der Herr der Sterne noch nicht zurückkam, tat er dasselbe mit einer anderen Gabe, der Schönheit. Eine nach der anderen stahl er alle ihre Gaben, bis von allen, die ihnen ihr Schöpfer zugedacht hatte, nur noch eine übrig war.

Und dann kam der Herr der Sterne zurück. Er hatte eine vollkommene Welt für sein Volk gefunden. Auf sein Gebot setzten sich die Sterne in Bewegung; dann wandte er sich um und wollte das vollkommene Paar zum Leben erwecken. Als er sah, daß seine Gaben verschwunden waren, weinte er, und wo seine Tränen auf ihre Leiber fielen, wurde die Haut blau und dunkelrot. Zart und liebevoll nahm er sie auf, wie ein Vater sein krankes Kind, und statt sie in die schöne Welt zu setzen, die er für sie ausgesucht hatte, setzte er sie in seine Nähe auf den Dumabb-Paraxx, die Welt der unfertigen Dinge. Dann suchte er Keoffo.“

„Was wurde mit Keoffo? Was tat er mit Keoffo?“

„Mit seinen eigenen Händen zerbrach er ihn in kleine Stücke und verstreute sie im Universum. Und sogar jetzt, in diesem Augenblick, fallen die Stücke immer noch.

Brüder, das ist die Wahrheit. Die Quespodonen sind nicht der Abfall des Universums, nicht was der Herrscher der Sterne übriggelassen hat, nicht das Werk Keoffos. Das haben die von der Alten Erde erlogen, die auf unsere Welt gekommen sind, um uns zu Bestien zu machen, wie sie selber sind. Wir waren zuerst da. Wir waren die Besten. Unsere Gaben sind uns gestohlen worden, und wir müssen sie zurückgewinnen.“

„Wie? Wie können wir das?“ kamen die Fragen von allen Seiten.

„Wir müssen sie zwischen den Sternen suchen und eines Tages auf die vollkommene Welt zurückkehren, die für uns bestimmt war. Manche von uns haben bereits begonnen, die alten Gaben zurückzugewinnen. Eines Tages werden wir alle die Möglichkeit dazu haben. Es wird schwer sein, und es wird lange, lange dauern, aber wir müssen jetzt beginnen, hier auf dem Xhanchos.“

Über dem Gemurmel der Menge erklang Vaxxts Stimme und brachte sie augenblicklich zur Ruhe: „Ihr habt Axxal zugehört, und ihr wißt, daß er die Wahrheit spricht. Quespodonen sind nicht zum Dienen geboren, und wer das behauptet, der lügt!“

„Warum sollten uns die von der Alten Erde anlügen?“ fragte einer und sprang auf. „Als sie auf den Dumabb-Paraxx kamen, hatten sie Raumschiffe, große Maschinen, Instrumente zum Heilen – Dinge, die wir uns überhaupt nicht vorstellen konnten. Sie waren zivilisiert.“

„Das nennst du zivilisiert?“ schnaubte Vaxxt verächtlich. „Die von der Alten Erde flohen von einer Welt, die sie in Blut gebadet und mit Fäulnis überzogen hatten. Fünfzig Galaktische Jahrhunderte lang hatten sie ihre gesamte Kraft – ihre gesamte Zivilisation, wie du es nennst – auf Mord und Zerstörung gerichtet. Kann eine solche Rasse überhaupt die Wahrheit sagen?“

„Aber was sie alles erreicht haben, Vaxxt – selbst wenn sie unsere Ahnen belogen haben, besaßen sie doch großes Wissen, große Errungenschaften.“

„Zuerst haben alle Völker so gedacht“, räumte Vaxxt ein, „doch wenn du von großen Errungenschaften sprechen willst, sprich von denen, die du am besten kennst: die Ruinen deiner Heimatwelt.“

Die Erwähnung der riesigen Fragmente uralter Kolossalbauten auf dem Dumabb-Paraxx ließ die Versammlung betroffen verstummen. Niemand hatte auch nur die entfernteste Idee, wer sie gebaut hatte; die geläufige Lösung war, daß man sie den legendären Ersten Reisenden zuschrieb, die in der Galaxis kreuzten, als die Sterne noch jung waren; sie sollten diese Monumentalbauten begonnen und sie dann bei der Abreise unvollendet gelassen haben. Doch Vaxxt hatte sich eine andere Erklärung ausgedacht: sie könnten das Werk der Quespodonen sein, eines Volkes von großer Begabung, das durch irgendeine Katastrophe degeneriert und zu dem geworden war, was es heute war. Die Ruinen, die hier und dort auf der Heimatwelt standen, waren für die Quespodonen von altersher eine Quelle der Erniedrigung gewesen: Beweise der Größe einer verschwundenen Rasse, Zeugnisse ihrer eigenen Armseligkeit. Doch Vaxxt hatte erkannt, daß sie dem Entgegengesetzten dienen konnten: als Inspiration für eine abgearbeitete, müde Rasse, sich wieder zu vergessenen Höhen und darüber hinaus zu neuer Größe zu erheben.

Vaxxt ließ die Stille im Raume hängen und sagte dann leise: „Ah, so denkt ihr also an sie, ja? An diese zerfallenen Türme und eingestürzten Kuppeln, in die ganz Xhancholii hineingepaßt hätte? Haben das die von der Alten Erde gebaut, Brüder?“

„Nein, das hätten sie nie gekonnt“, rief einer der Zuhörer, und ein anderer ergänzte: „Es heißt doch, daß die ersten Erdlinge äußerst erstaunt über diesen Anblick waren!“

Zustimmende Rufe erschallten. Wieder füllte Vaxxts Stimme den Raum: „Ehe die Erdlinge überhaupt wußten, wie man einen Stein auf den anderen setzt, hatten unsere Ahnen Bauwerke errichtet, die noch stehen, und über die alle staunen, die sie erblicken. Denn unsere Ahnen haben sie gebaut – nicht die Ersten Reisenden, sondern die ersten Quespodonen! Die Alt-Erdlinge wollten euch glauben machen, daß die Geschichte mit ihnen begonnen hat, aber das ist nur eine ihrer Lügen. Die Geschichte, Brüder, hat mit uns begonnen, mit den Quespodonen! Wir sind nicht zum Dienst erschaffen, sondern um frei zu sein! Wir waren die Ersten! Wir waren die Besten! Und das werden wir auch wieder sein!“

Die Quespodonen nahmen diese Sätze auf und wiederholten sie im Chor. Klang, Bewegung, mächtige erhebende Gefühle erfüllten den Raum. Axxal fühlte Jubel in sich aufsteigen: er und Vaxxt waren es, die das alles so sorgfältig geplant hatten. Erstaunlich, was er alles von Jorry gelernt hatte, und wieviel besser er anwenden konnte, was er gelernt hatte!

Jetzt erläuterte Vaxxt den Versammelten, was in den kommenden Tagen zu erwarten war, und wie sie sich Garivs Truppen gegenüber verhalten sollten, wenn es zu Unruhen käme. Als die Menge hinausströmte, hielten er und Axxal eine gewisse Anzahl von Quespodonen zurück, die ihnen geeignet erschienen, und gaben ihnen genauere Instruktionen.

Als alle draußen waren, sagte Axxal: „Das haben wir gut gemacht, nicht wahr?“

Nach kurzem Zögern antwortete Vaxxt bedächtig: „Ja. Heute habe ich zum ersten Mal Quespodonen gesehen, die sich nicht schämten, zu sein, was sie sind.“

„Als du von den Ruinen sprachst, war es wie – es war, als ob du ein Licht in einem dunklen Raum angezündet hättest. Auf einmal sahen sie alle die Möglichkeit, daß unsere Vorfahren Großes vollbracht haben, Größeres als die Alt-Erdlinge.“

„Vielleicht haben sie das auch wirklich. Es weiß ja niemand, wie es gewesen ist, also können wir ruhig sagen, daß es so war. Wir brauchen das. Genauso wie wir unsere Schöpfungsgeschichte brauchen.“

„Meinst du, sie haben sie geglaubt?“

„Zuerst wollten sie nicht glauben. Es hat sie erschreckt. Aber als du zum Schluß kamst –“

„Und dann, als du von den Ruinen sprachst –“

„Ja, sie sind überzeugt. Es war eine gute Idee, Axxal, eine sehr gute Idee, daß du die alte Geschichte vom Täuscher so abgewandelt hast.“

Axxal dachte an Jorrys kluge Worte an Bord der Seraph und erwiderte: „Ein sehr kluger Mann hat mich darauf gebracht.“

„Wir schulden ihm Dank.“ Vaxxt verharrte eine Zeitlang in nachdenklichem Schweigen und sagte schließlich: „Im Arbeitslager habe ich manche Legenden und Schöpfungsgeschichten gehört, aber erst als du es erwähntest, ist mir klar geworden, daß die der Quespodonen die einzige war, die ihre Rasse als minderwertig hinstellte. Also mußte sie von Fremden erfunden sein. Kein Volk spricht schlecht von seinem Ursprung. Deine Geschichte macht uns stolz.“

„Wir waren die Ersten. Wir waren die Besten“, wiederholte Axxal.

„Ein guter Schlachtruf, wenn wir einen brauchen sollten. Ob es wohl wahr ist?“

„Das habe ich mich oft gefragt. Nicht nur das mit den Quespodonen, sondern überhaupt. Wo kommen wir alle her? Wir sind so verschieden, und doch in vielem so ähnlich – Was kann der Sinn von alledem sein?“

„Darauf habe ich keine Antwort.“

„Nein. Soweit sind wir auch noch nicht, Vaxxt. Doch endlich sind wir soweit, daß wir zu fragen gelernt haben.“

„Ja, das stimmt“, sagte Vaxxt und stand auf. „Aber jetzt haben wir keine Zeit mehr zu fragen. Es ist viel zu tun.“

7. Letzte Vorbereitungen

Die lastende Ruhe des Mittags erfüllte den Palast. Drinnen war alles dämmrig und kühl. Ein schwacher Luftzug wehte flüsternd durch Santrharas Gemächer, wo Jorry und sie miteinander allein waren.

Eng hielt sie ihn umschlungen. Ihr Kopf lag an seiner Brust. Einer der geschmeidigen Tentakeln streichelte zart seine Wange, der andere berührte die Narbe, die sich quer über seine Rippen zog. Er liebkoste ihre glatte Schulter und seufzte tief und zufrieden.

„In manchem bist du Gariv so ähnlich“, sagte das grüne Mädchen mit ihrer sanften melodischen Stimme, „und doch seid ihr so grundverschieden. Sind eure Völker wirklich blutsverwandt?“

„Es ist eine sehr entfernte Verwandtschaft.“

„Bist du wirklich ein Freier Kaufmann, Jorry?“

Er sah sie unbefangen an. „Selbstverständlich. Was sonst? Denkst du, ich bin ein Pirat?“

„Du kommst mir – Ich habe schon Kaufleute gesehen. Es landen oft welche auf dem Xhanchos. Keiner war so wie du.“

Er lachte leise und drehte sich zu ihr um. „Bin ich besser oder schlechter?“

„Du bist so ganz anders. Du redest mit Gariv, wie man mit einem König redet, und doch merkt man an deinem ganzen Benehmen, daß er für dich noch unter deinem Diener steht.“

„Er selbst scheint das noch nicht bemerkt zu haben.“

„Der merkt überhaupt nichts“, sagte sie verächtlich. Doch dann wurde sie heiterer. „Und du hast mir einen Edelstein geschenkt – den schönsten auf dem ganzen Planeten – und hast dabei so getan, als wäre es ein Glasschmuck vom Markt.“

„Ich wollte dich wissen lassen, was ich für dich empfinde. Der Stein war das Schönste, was ich je gesehen habe – bis ich dich erblickte.“ Er zog sie an sich.

Sie schwiegen eine Weile, dann sagte Santrhara lächelnd: „Oh Jorry, ich bin so froh, daß du nach Xhancholii gekommen bist.“

„Ich auch. Auf allen meinen Reisen war ich nie so glücklich.“

„Nimm mich mit, Jorry“, bat sie. „Es könnte doch immer so sein wie jetzt – nur wir beide auf einer ruhigen Welt, die wir uns aussuchen.“

„Ich will dich gern mitnehmen, wenn du es wünschst. Aber der Xhanchos ist deine Heimatwelt, und dein Volk kann anderswo nicht lange leben.“

Sie sah mit großen, dunklen, flehenden Augen zu ihm auf. „Vielleicht ist das so, vielleicht auch nicht. Ich kann es nicht sagen. Aber ich will hier weg. Ich habe Angst vor dem, was kommen mag.“

„Vor Gariv? Der merkt nie, daß wir ihn betrügen.“

„Nein, nicht Gariv. Trotz aller seiner lauten Worte ist er ein kleiner Mann. Ich habe vor Schlimmerem Angst. Ich habe die schrecklichen Kämpfe miterlebt, und ich fürchte, es wird noch schlimmere Kämpfe geben. Gariv spricht davon, seine alten Verbündeten auszuschalten, und ich höre, was meine Dienerinnen reden. Es wird bald zu Kämpfen kommen, und wir müssen vorher weg.“ Zitternd schmiegte sie sich enger an ihn. „Bitte, Jorry!“

„Wann?“

„Sehr bald. Meine Dienerinnen wollen es mir nicht sagen – sie denken, ich würde sie an Garivs Leute verraten -, aber ich höre immer mal etwas. Es geht bald los, Jorry. Vor dem nächsten Mondzyklus.“

„Ich muß mir etwas ausdenken. Es wird eine knifflige Geschichte, Santrhara. Ich schaffe es irgendwie, aber es wird schwierig.“

„Können wir nicht einfach heimlich an Bord deines Schiffes gehen, wenn alles schläft? Jetzt gleich?“ Sie sprang auf und faßte Jorrys Hand. „Jawohl, jetzt gleich, jetzt hält uns niemand!“

Jorry schüttelte den Kopf und zog sie zu sich herab. „Es ist zu spät. Gariv läßt die Seraph von drei Mann bewachen. Um sie vor dem Mob zu schützen, sagt er.“

„Ich könnte mich in irgend etwas verstecken, das du an Bord bringst“, sagte sie voller Hoffnung. „Ich habe Geschichten von Liebespaaren gehört, die es so gemacht haben.“

Er knurrte etwas Undeutliches, schwieg einen Moment, sagte dann nachdenklich und langsam: „Das ginge allenfalls. Sie haben keinen Grund, meine Waren zu kontrollieren. Und selbst wenn sie’s tun, Axxal und ich werden mit drei Mann schon fertig, und wir können starten, ehe uns jemand hindern kann.“

„Du willst also! Wann, Jorry?“

„Warten hat keinen Sinn. Wir kommen nie zur Seraph, wenn wir durch eine Revolution müssen – Kannst du bei Sonnenaufgang bereit sein?“

„Aber ja!“ Sie strahlte, und Jorry war aufs neue zutiefst angerührt von dieser wunderschönen Frau, die ihn so sehr liebte, daß sie Flucht und möglicherweise Tod riskieren wollte. Jorry wußte das zu schätzen, wenn er es auch nicht verstand. Die k’Turalp’Pa hielten nicht viel von Liebe. Auf seine distanzierte Art hatte er eine gewisse Zuneigung für Santrhara, doch Liebe war ein Gefühl, das ihm im Grunde fremd war.

„Also gut. Ich werde nach Sonnenaufgang ein paar Einkäufe in der Stadt machen und sie in eine Kiste packen lassen, die groß genug für dich ist. Ich werde Gariv sagen, daß ich die Sachen an Bord bringe, weil sie dort sicherer sind; und sobald wir auf der Seraph sind, bist du frei von ihm. Aber es ist riskant – darüber mußt du dir klar sein.“

„Das Risiko gehe ich mit Freuden ein. Frei sein, mit dir – Kein Gariv, keine Bewaffneten, wohin man sieht – Oh, Jorry – ein freundliches Über-Wesen muß dich auf den Xhanchos geführt haben!“

Jorry lachte leise auf bei diesen Worten. „Ich möchte eher glauben, es war Keoffo, der Täuscher. Doch wer es auch gewesen sein mag, ich bin ihm sehr dankbar.“

Er verließ Santrharas Gemächer über den selten benutzten kleinen Korridor, der ihm seit ihrem ersten Treffen so wohlbekannt war. Soweit er sich erinnern konnte, hatte er nie ein Gefühl gehabt, das wirklicher Befriedigung so nahekam, und einmal blieb er sogar stehen und lachte aus purer Fröhlichkeit laut auf. Er, ein k’Turalp’Pa, Meister der subtilsten Listen und Ränke, war im Begriff, mittels eines Tricks, von dem schon die ältesten Legenden der ältesten Rassen erzählten, eine Königskonkubine zu entführen! Es war wirklich amüsant! Und auch höchst passend als Abschiedsgruß an diesen halbzivilisierten Planeten Xhanchos und seinen Emporkömmling von König. Beide verdienten wahrlich nichts Besseres.

Vieles war während Jorrys kurzem Aufenthalt auf dem Xhanchos geschehen; schon vor Santrharas Andeutungen hatte er gespürt, daß die Dinge rasch auf eine Entscheidung zutrieben, und hatte begonnen, Pläne zu machen. Er hatte die Unruhen noch gefördert, indem er – scheinbar unbefangen – gewisse Äußerungen Garivs an Axxal weitergab. Er konnte sich darauf verlassen, daß Axxal die Pläne Garivs unter den Massen der Freien Armee verbreiten würde. Die Quespodonen und ihre Genossen waren bereit zum Handeln, denn sie würden ihre neugewonnene Freiheit wahren, soviel war sicher.

Zuerst hatte Jorry mit dem Gedanken gespielt, die Skoraten und die Skeggjatten gegeneinander aufzuhetzen, dann einen Aufstand der Massen gegen die Überlebenden anzuzetteln und die Republik auszurufen. Das hätte sich schon machen lassen. In den Außenbezirken von Xhancholii hielten Rudstromiten – Prediger und ähnliche Volksmänner – Reden über Freiheit und Gleichheit, womit sie die Massen um sich sammelten. Jorry hätte das recht gut in den Kram gepaßt. Mochten sie ruhig ihre Republik errichten; Kian Jorry war der einzige Mann, der den Xhanchos zu regieren fähig war; und während die kleinen Leute sich um ihre kleinen Würden und Ehren die Nasen zerkratzten, konnte er in Ruhe die Macht ausüben, Santrhara an seiner Seite – solange, bis er Lust hatte, wieder zum Boroq-Thaddoi zu fahren.

Jorrys Appetit auf Intrigen wurde noch durch seine Abneigung gegen Gariv und dessen Gefolgschaft verstärkt. Das waren stolze, arrogante Kerle, schlau in bestimmten, ganz wenigen Dingen und stupide in den meisten anderen; und je mehr er von ihnen sah, je öfter er sie sprechen hörte, desto mehr verachtete er sie. Gewiß, ihre Vorgänger in Xhancholii waren auch nicht viel wert gewesen. Von der Frühzeit ihrer Geschichte an hatten sie ihre Mitmenschen versklavt und zu Tode geschunden, nur um ihrer eigenen Eitelkeit Denkmäler zu errichten. Hatten sie auf ihrer eigenen Welt nicht genug Verbrecher, um ihre Pyramiden zu bauen, so holten sie sich Zwangsarbeiter von anderen Planeten und zahlten den Sklavenhändlern gute Preise.

Doch unter Gariv und seinen Kriegern besserte sich nicht viel. Sie waren ebenso brutal und hatten ebensowenig Achtung vor dem Leben anderer wie die Xhanchilion, und, schlimmer noch als diese, ließen sie nichts hinter sich. Sie konnten nur zerstören.

An jeder Seite der Stadt Xhancholii erstreckte sich weithin sichtbar eine Reihe blauer Pyramiden in die Wüste, Denkmäler von Äonen. Jetzt würden keine mehr entstehen. Als die Menschen der Alten Erde noch in Höhlen lebten, das untergegangene Imperium der Tett’tu noch über vier Planetensysteme herrschte, als die kalte, tote Welt des Utior und die spitztürmigen Städte des Anom noch von Leben wimmelten, erstanden auf dem Xhanchos Pyramiden. Andere Welten hatten sich verändert, Kulturen wuchsen auf, blühten und starben, und immer noch gehorchten die Xhanchilion ihrem unheimlichen, zeitlosen Zwang, diese riesigen Steinblöcke aufzutürmen. Und das war jetzt für immer vorbei. Gariv hatte der Sklaverei der Pyramidenbauer ein Ende gesetzt, jedoch nur, um die befreiten Sklaven zu Dienern seiner Krieger zu machen.

Jorry betrachtete das als eine Unverschämtheit. Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit bedeutete ihm nicht viel, aber durch sein k’Turalp’Pa-Blut hatte er Achtung vor Schönheit und Vollkommenheit. In seinen Augen war Garivs Regime der reine Hohn. Skoraten waren zum Herrschen nicht geeignet. Die Quespodonen würden es seiner Ansicht nach auch nicht schlechter machen. Da ihnen die Arroganz der Skoraten abging, würden sie vielleicht sogar versuchen, die besten Elemente der Xhanchilion zu bewahren und nicht alles in einer Woge der Zerstörung untergehen zu lassen.

Eine Zeitlang, bevor er merkte, wie dicht die Quespodonen und ihre Verbündeten vor der Revolution standen, hatte er sogar an eine einfache, direkte Machtergreifung gedacht. Es wäre ganz leicht gewesen. Ein Arsenal von Feuerwaffen war auf der Seraph versteckt, und soweit Jorry beurteilen konnte, waren das die einzigen Waffen auf dem Xhanchos, abgesehen von den Schwertern und Wurfspießen der Soldaten Garivs. So ausgerüstet waren Jorry, Axxal und eine kleine ausgewählte Rebellenschar unbesiegbar. Sechs Mann konnten so eine Welt erobern.

Der Mangel an technischen Waffen in der Galaxis und die großen Unterschiede in den Waffensystemen der einzelnen Welten waren offensichtliche Anomalien im interstellaren Verkehr, doch nur wenige Sternfahrer machten sich Gedanken über diese Situation und ihre Konsequenzen. Sie nahmen einfach die Gegebenheiten hin, so wie sie die gewaltigen Raumschiffe hinnahmen, deren Funktionsprinzip ihnen ein Geheimnis war. Gelegentlich wunderte sich ein besonders Denkbegabter über den Widersinn, der darin lag, daß auf Raumschiffen mit Multilichtgeschwindigkeit Besatzungen fuhren, deren wirksamste Waffen Entersäbel und allenfalls Pistolen waren; über Heiler, die ein abgehauenes Bein wieder ansetzen konnten, über blutige Turniere, in denen sich die Krieger zu Hunderten abschlachteten, um einer längst vergessenen Tradition Genüge zu tun; über die riesige Maschine auf dem Watson, die als Repositorium für die Weisheit zahlloser Kulturen diente, während auf hunderten anderen Welten noch nach dem Gemurmel eines Sehers oder nach dem Werfen von Bildsteinen Recht gesprochen wurde. Solche Dinge lagen in der Galaxis nahe beieinander. Ein Raumfahrer konnte mit Lichtgeschwindigkeit in einer einzigen intersystemaren Reise von der höchstentwickelten Kultur zur primitivsten gelangen. Diesmal hatte Jorry daran gedacht, aus der Rückständigkeit des Xhanchos und seiner Herrscher Vorteil zu ziehen und sich auf leichte Art ein eigenes Königreich zu pflücken.

Doch Santrhara wollte ihn dazu bewegen, alle diese Herrschaftspläne aufzugeben und mit ihr zu fliehen, um auf fernen unbekannten Planeten ein neues Leben zu beginnen. Jorry dachte über ihren Vorschlag nach und fand ihn ganz reizvoll. Ihm lag nicht besonders an einem Kampf, selbst wenn die Aussichten gut für ihn waren. Oft genug hing es vom Glück ab und nicht von der Schlauheit, wie ein Kampf ausging. Und in letzter Zeit war sein Glück nicht besonders zuverlässig gewesen. Er sollte sich lieber nicht auf sein Glück verlassen, fand er. Von seinem Anteil an den Edelsteinen und von dem, was Santrhara mitnehmen konnte, würden sie eine Zeitlang ganz bequem leben können. Und eines Tages würde er wieder zum Boroq-Thaddoi fahren und die Suche nach dem Leddendorf-Schatz zu Ende führen. In der ganzen Galaxis teilte nur Axxal sein Geheimnis, und Jorry konnte sich nicht vorstellen, daß ein Quespodon bei irgendeinem Unternehmen ein ernstzunehmender Rivale sein würde.

Seit Beginn seiner Affäre mit Santrhara war Jorry die Beute widerstreitender Gefühle. Zuerst war es ihm nur um den Besitz Santrharas gegangen, so wie man einen seltenen und schönen Gegenstand besitzen möchte. Gafaal-Frauen waren in der ganzen Galaxis berühmt, und nur aus Stolz hatte er eine von ihnen haben wollen. Und als er sah, daß ein primitiver Usurpator diese Frau als Beutestück betrachtete, war es nur angemessen, sie ihm wegzunehmen.

Daß sie ihn liebte und ihn dem viehischen Gariv vorzog, fand er durchaus vernünftig von ihr. Er war der bessere Mann, und wenn sie ihn erwählte, war das nur zu ihrem Vorteil. Daß sie sich so entschied, verpflichtete ihn, wie er die Dinge sah, zu nichts anderem, als das Beste aus der Situation herauszuholen. Sie Gariv wegzunehmen, würde Spaß machen; eine Zeitlang mit ihr zusammenzusein würde beiden Freude bereiten und von ihm kein Opfer fordern. Er hatte noch ein langes Leben vor sich. War er ihrer müde, so hatte er reichlich Zeit, zu dem Boroq-Thaddoi zu fahren. Mit den Leddendorf-Schätzen an Bord könnte er so weit und so schnell fahren wie er wollte und nach dem suchen, was jenseits der fernsten Sterne lag. Doch fürs erste würde er sich des Lebens freuen.

Im Gasthof angekommen, ging Jorry zu Axxal in die Kammer. Der Quespodon lag vollständig angekleidet auf seinem Bett, in tiefem Erschöpfungsschlaf. Jorry brauchte einige Zeit, um ihn wachzuschütteln.

„Ich habe mich schon gewundert, wo du immer steckst, Junge“, sagte Jorry, als sein Diener endlich wach war und sich gähnend aufrichtete. „Hast du dir ein Mädchen angelacht?“

„Nichts dergleichen, Jorry.“

„Nun, dein alter Kapitän hat eine Frau für sich gefunden, mein Junge. Santrhara. Konkubine dieses aufgeblasenen Monarchen des Xhanchos. Bei Sonnenaufgang bringe ich sie von diesem Planeten weg, und ich brauche deine Hilfe.“

„Ich will dir helfen, wenn ich kann, Jorry, aber ich fahre nicht mit.“

„Bei allen Flammenden Ringen, was soll das heißen?“ brüllte Jorry. „Du gehörst zur Besatzung der Seraph, und ich bin der Kapitän. Wenn ich befehle, hast du zu gehorchen.“

„Du kommst auch ohne mich aus, Jorry, aber hier werde ich gebraucht – ich – alle Quespodonen brauchen mich ganz dringend. Ich kann sie jetzt nicht im Stich lassen.“

„Jetzt nicht im Stich lassen?“ wiederholte Jorry. Mit einem mißtrauischen Blick auf Axxal zog er einen niedrigen Hocker heran und setzte sich direkt ans Bett. „Auf was hast du dich da eingelassen, Axxal?“

Unbeholfen suchte Axxal nach einer Erklärung. „Ich habe erfahren, daß – wir versuchen, die Quespodonen und die anderen – sie müssen begreifen, wenn sie nicht versuchen, sich selbst zu schützen, werden sie –“

Unumwunden und kühl unterbrach Jorry ihn: „Gewisse Leute im Palast glauben, es gibt einen Aufstand. Wann soll es losgehen, Axxal?“

„Ich weiß nicht. Sehr bald, aber genau weiß ich es nicht. Ich will dir helfen wegzukommen, aber mein Platz ist hier.“

Nachdenklich runzelte Jorry die Stirn, nickte dann und grinste breit. „Es sieht so aus, als sei der Kapitänsbursche plötzlich erwachsen geworden. Du bist jetzt ein Mann, Axxal, und ich kann einen Mann nicht seiner Aufgabe entziehen. Besonders dann nicht, wenn ich mit Vergnügen dabei mitgemacht, aber seit einiger Zeit bin ich nicht mehr der alte Kapitän Jorry. Sag doch, wie seid ihr bewaffnet? Ihr habt es mit harten Kriegern zu tun, weißt du das?“

„Wir haben ein paar gute Säbel. Die Thorumbianer machen sich Langbogen, aber der Großteil unserer Armee hat nur Knüppel. Wir sind zahlenmäßig überlegen, und der Überraschungsmoment ist auf unserer Seite.“

Jorry schüttelte den Kopf. „Verlaß dich darauf nicht. Gariv muß Spione unter euren Leuten haben. Er weiß eine ganze Menge.“

Über diese Neuigkeit war Axxal bestürzt. Nachdem Jorry ihm weitere Einzelheiten erzählt hatte, sagte er: „Wenn Gariv weiß, wann und wo wir losschlagen wollen, dann wird er uns hinwegfegen.“

„Nicht unbedingt“, erwiderte Jorry wohlwollend wie ein Vater oder Lehrer. „Wenn ich mich nicht sehr irre, hast du in letzter Zeit eine Menge nachgedacht. Denk noch schärfer nach. Denk daran, was an Bord der Seraph ist.“

In tiefer Konzentration furchte Axxal die Stirn, zupfte sich am Ohr, dann erhellte sich seine Miene, und er rief: „Schußwaffen!“

„Richtig. Ich behalte zwei Paar Maschinenpistolen zu meiner persönlichen Beruhigung. Der Rest ist dein –“

„Jorry, genau das brauchen –“

„- gegen deinen Anteil an den Steinen“, fuhr Jorry fort. „Ist das fair?“ Und als Axxal zögerte, sagte er vorwurfsvoll: „Mit diesen Waffen wird der Xhanchos dein, mein Junge. Ich fordere einen billigen Preis für eine ganze Welt.“

„Das stimmt, Jorry – ich bin einverstanden.“

„Kluger Bursche. Du hast eine Menge von mir gelernt“, sagte Jorry, stand auf und reckte sich. „Ich ruhe mich jetzt ein Weilchen aus. Am Abend mache ich ein paar Einkäufe. Bei Sonnenuntergang treffen wir uns hier. Und wo du heute nacht auch hingehst – verhalte dich ruhig! Sobald ich im Raum bin, kannst du meinetwegen diesen Planeten in die Luft sprengen, Axxal – aber bis dahin paß auf dich auf!“

8. Garivs Hinrichtung

Schon oft genug in seinem Leben war Jorry in schwierigen Situationen gewesen, so daß er gelernt hatte, wie wichtig es ist, Selbstbeherrschung zu bewahren und äußerlich kühl zu bleiben, wenn Not am Mann ist. Als am späten Abend zwei bewaffnete Skeggjatten im Gasthof erschienen, begrüßte er sie daher liebenswürdig und entschuldigte sich wegen der Unordnung in seiner Kammer. Er sei dabei, verschiedene Waren umzupacken, und dabei gebe es immer ein rechtes Durcheinander, besonders wenn der Diener nicht da sei –

Doch sie waren nicht gekommen, um zu plaudern oder sich sein Zimmer anzusehen. Sie waren gekommen, um ihn wegen einer Angelegenheit von großer Dringlichkeit zum Monarchen zu bringen. Jorry tat erstaunt, doch er hatte keine Wahl und ging mit ihnen.

Gariv schickte die Garden hinaus, sobald Jorry den Thronsaal betreten hatte. Er sah ziemlich beunruhigt aus. Er trug einen Brustpanzer über dem Gewand; Helm und Schwert lagen neben dem Thron. Mit gepreßter Stimme sagte er: „Der Aufstand bricht morgen los. Ich weiß es ganz genau.“

Jorry verspürte eine gewisse Gereiztheit, weil ihn der König aus purer Nervosität von seinen eigenen Angelegenheiten abhielt, doch er bezwang sich und sagte höflich: „Ich war fast den ganzen Abend in der Stadt, um Waren einzukaufen, doch ich habe keine Anzeichen von Unruhe bemerkt. Warum erwarten Majestät den Aufstand gerade jetzt?“

„Diese grüne Hexe hat sich heimlich mit jemandem getroffen!“

„Santrhara?“ fuhr Jorry erschrocken auf.

„Jawohl, Santrhara, meine Konkubine. Von dem Tage an, da ich sie befreite, hat sie meinen Feinden Informationen gegeben.“

„Unmöglich!“

Ärgerlich fuhr Gariv herum. „Erzähl mir nicht, was unmöglich ist, Kaufmann! Heute mittag haben Palastwachen jemanden herauskommen sehen. Sie folgten dem Korridor, den er benutzte – und fanden eine Geheimtür zu Santrharas Gemächern. Als ich aufwachte und zu ihr ging, um sie zu befragen, traf sie gerade Vorbereitungen, um heimlich hinauszuschlüpfen und sich in Sicherheit zu bringen, bevor ihre Mob-Armee den Palast belagert.“

Das konnte keine Kriegslist sein. Dazu war Gariv nicht klug genug. Skorat-Stil war, dem Verdächtigen die Anschuldigung ins Gesicht zu brüllen, möglichst in Gegenwart einer größeren Gruppe. Das war keine Falle für Jorry, sondern etwas ganz anderes, etwas Unvorhergesehenes und Nichteingeplantes. Jorry mußte mehr wissen.

„Sind Majestät sicher, daß sie zum Feind überlaufen wollte? Vielleicht hatte sie einen Liebhaber.“

Ungläubig starrte Gariv ihn an. „Zu ihrem Liebhaber? Kein Mann auf diesem Planeten würde wagen, sie auch nur anzusehen.“

„Ich habe sie viele Male angesehen.“

„Du bist ein Kaufmann“, erwiderte Gariv verächtlich. „Ich rede von Männern, von Kriegern. Santrhara war dazu geboren, Größe zu erkennen. Wer kam da für sie in Betracht außer mir?“

„Was hast du mit ihr gemacht, König Gariv?“

„Ich habe sie getötet, was sonst? Ich habe sie befreit, ihr einen Platz an meiner Seite gegeben – und sie hat mich betrogen.“

Scharf zog Jorry den Atem ein und hielt ihn sekundenlang an, während sein Blick fest auf den Monarchen des Xhanchos gerichtet war; dann stieß er einen langen Seufzer aus. Wieder einmal waren seine Hoffnungen und Pläne durch die Dummheit anderer zunichte geworden. Langsam, mit gedämpfter, völlig ausdrucksloser Stimme, wie ein Mann, der eine Nachricht wiederholt, die er nicht glauben kann, flüsterte er: „Santrhara ist also tot.“

„Was kümmert dich das, Kaufmann?“

„Ich wollte sie für mich.“ Als Garivs Hohngelächter verklungen war, fuhr er fort: „Und sie liebte mich. Wir wollten diesen Planeten verlassen, aus dem du mit deinen Lakaien eine Arena machen wolltest. Aber du hast sie getötet, und so ist das vorbei.“

„Du lügst, Kaufmann. Santrhara war mein. Sie hätte dir nicht gestattet, auch nur den Staub zu berühren, auf dem sie schritt.“

Jorry hielt es nun nicht mehr für notwendig, noch etwas zu verbergen. „Verletzt der Gedanke, daß sie in meinen Armen lag, deinen Skoratenstolz? Dann bist du tief verwundet worden, viele Male. Ich wäre fast versucht, dich zu bemitleiden, aber ich kann dich nur verabscheuen.“ Jorry schlug die Arme übereinander und sah Gariv von oben bis unten an. „Du irrst dich, wenn du dich für einen großen Mann hältst, Gariv. Männer wie du mögen die Macht ergreifen, indem sie diejenigen töten, die sie besitzen; du magst sie sogar kurze Zeit in Händen haben, als verstündest du wirklich zu regieren. Aber ein großer Mann zu sein, davon bist du zu weit entfernt.“

„Genug, Kaufmann. Deine Sprache gefällt mir nicht.“

„Sie würde dir noch weniger gefallen, wenn du Hirn genug hättest, sie zu verstehen. Die einzige Größe, die du jemals erkennen wirst, ist die Größe deiner eigenen Dummheit. An einem einzigen Tag hast du die schönste Frau dieser Welt getötet und deinen Thron weggeworfen. Und dein Leben dazu.“

„Du beleidigst mich! Du wagst es, mir zu drohen!“

„Ich sage dir nur Tatsachen. Wenn du dich dadurch beleidigt oder bedroht fühlst – umso schlimmer für dich.“

Mit einer schnellen Bewegung erhob sich Gariv und ergriff sein Schwert. „Ich habe dich herbringen lassen, Kaufmann, um dir die Chance zu geben, auf Seiten des Siegers zu fechten. Ich könnte dich leicht auf der Stelle niedermachen“, drohte er finster.

Mit einem halben Lächeln betrachtete Jorry den Monarchen. „Du hast mich holen lassen, weil du Angst hattest. Ein Schwert mehr zu deiner Verteidigung, wenn auch nur in der Hand eines Kaufmanns – das ist alles, was du wolltest. Doch ich werde nicht für dich kämpfen, und du wirst mich nicht niederhauen. Ich werde dich töten, Gariv. Und dann werde ich die Quespodonen und ihre Verbündeten bewaffnen und sie auf deine Männer loslassen.“

Sekundenlang erwog Gariv schweigend Jorrys Worte, dann lachte er laut auf. „Wie willst du mich töten, Kaufmann? Mit Worten? Mit deinen bloßen Händen?“ Er hob die Klinge, schwang sie langsam nach links und rechts und richtete dann die Spitze in Armeslänge auf Jorrys Kehle. „Hast du eine Waffe, so benutze sie, Kaufmann“, forderte er.

Blitzschnell erschien eine kleine Klinge in jeder Hand Jorrys. Gariv spuckte aus, als er sie sah. „Männer kämpfen mit Schwertern, Kaufmann“, sagte er verächtlich.

Geduldig, wie man zu einem ungezogenen Kind spricht, erwiderte Jorry: „Das ist kein Turnier. Ich will mich nicht mit dir duellieren, ich will dich hinrichten.“

Gariv trat einen Schritt zurück. „Ich will meine Zeit nicht mit dir vergeuden. Ein Hieb, und du bist mittendurch gespalten. Hörst du mich? Das habe ich mit besseren Männern gemacht, als du bist, Dutzende von Malen. Mit Hunderten. Und du – mit deinen schwächlichen Fingermessern –“

Jorry schüttelte den Kopf und seufzte, als fiele es ihm schwer zu tun, was er tun mußte. „Du bleibst derselbe bis zum bitteren Ende, Gariv. Ein Großsprecher, ein Angeber und ein völliger Dummkopf.“ Er hob die Hände in Zielposition. Gariv zückte sein Schwert und machte einen Ausfall. Ein einziges Fingerschnippen Jorrys – der Skorat stolperte über das Podium des Thrones und stürzte Jorry vor die Füße. Über seinem linken Auge, fast unsichtbar unter der starken Braue, war ein kleines Loch. Die Schwerthand zuckte noch zweimal krampfhaft, dann erzitterte er und lag reglos da.

Jorry stieß das Schwert mit dem Fuß beiseite, hob den Leichnam auf und setzte ihn auf den Thron. Auf kurze Entfernung sah es aus, als sei der Monarch des Xhanchos tief in Gedanken versunken. Jorry wandte sich zum Gehen, da fiel sein Blick auf das Lebende Bild Nikkolopes. Er nahm es dem Toten ab, steckte es in seine Tunika, ging zur Tür und wies die Garden an, daß Gariv nicht gestört zu werden wünsche. Dann machte er sich auf den Weg zum Gasthof, wo Axxal schon auf ihn wartete.

Als Jorry in die Kammer trat, fand Axxal ihn irgendwie verändert, so daß er zögerte, ihn anzureden. Mit einer Handbewegung forderte Jorry den Quespodonen zum Hinsetzen auf, dann postierte er sich vor ihm, mit dem Rücken zur Tür. „Beantworte mir eine Frage, Axxal, und sprich die Wahrheit: Hat Santrhara schon immer für euch spioniert?“

„Garivs Konkubine – unsere Spionin? Nein, Jorry“, erwiderte Axxal erstaunt, aber tief ernst.

„Woher willst du das so genau wissen?“

„Ihr Name ist nie genannt worden. Ich hätte ihn hören müssen. Wir hatten fünf Spione im Palast, alle Xhanchilion. Sie hat uns nie unterstützt.“

Jorry lehnte sich mit untergeschlagenen Armen an die Tür. „Gariv glaubte, daß sie gegen ihn spionierte. Er hat sie dabei erwischt, daß sie aus dem Palast fliehen wollte, und er glaubte, daß sie sich vor Ausbruch der Rebellion in Sicherheit bringen wollte.“

„Da hat er sich geirrt. Sie wollte sich doch mit dir treffen.“

„Geirrt oder nicht – er hat sie getötet.“

Axxal war erschüttert über diese Nachricht, und noch mehr über den dürren, farblosen Ton, in dem sie gegeben wurde. Er sah zu Jorry auf und wiederholte leise: „Getötet?“

„Ja. Deswegen habe ich ihn getötet. Ich wollte Santrhara, und er hat sie umgebracht. Jetzt sitzt er tot auf Xhanchos’ Thron, und ich möchte sagen, er regiert so weise wie je. Sobald sein Leichnam entdeckt wird, ist der Palast in hellem Aufruhr. Geh zu deinen Leuten und sag ihnen, sie sollen unbedingt heute noch losschlagen. Die Skoraten und Skeggjatten sind führerlos. Ihr werdet sie bis zum letzten Mann vernichten können.“

„Die Waffen!“ erinnerte Axxal.

„Ihr kriegt sie. Komm gleich mit.“

Axxal sah sich im Zimmer um, wo allerlei Handelswaren verstreut lagen. Eine große Kiste stand mit offenem Deckel in der Mitte des Zimmers. „Was wird jetzt mit all dem hier?“ fragte er.

„Nützt mir jetzt nichts mehr. Komm!“

Eiligen Schrittes ging Jorry voran durch die stillen Straßen des Palastviertels, zeigte am Tor das königliche Abzeichen vor und gelangte ungehindert bis zur Seraph. Lässig stand ein Wachtposten auf, der im Schatten des Schiffes gesessen hatte, und hielt die beiden Händler an.

„Was habt ihr hier zu suchen?“ fragte er.

„Ich habe Auftrag von Gariv, dem Monarchen des Xhanchos. Er wünscht gewisse Waren aus dem Schiff“, antwortete Jorry.

„Es ist noch früh am Tage, Kaufmann. Nicht die Zeit zum Arbeiten.“

„Gariv wünscht die Sache sofort. Mir liegt genauso wenig wie euch daran, in der Sonne zu arbeiten, Freund; aber ich will seinem Befehl nicht entgegenhandeln. Willst du das etwa?“

Der Posten murmelte etwas und zog sich in den Schuppen zurück, wo die anderen beiden saßen. Jorry ging mit ihm hinein. Doch er kam allein wieder heraus.

An Bord der Seraph packten Axxal und Jorry rasch ein Bündel Waffen zusammen: sechs Gewehre, sechs Pistolen und reichlich Munition. Es wurde ziemlich schwer, doch Axxal schwang es sich mühelos auf die Schulter.

„Ich gehe um die Mauer herum durch das Schwarze Tor in die Stadt hinein“, entschied er. „Wir wissen einen Weg an den Posten vorbei. Aber du mußt jetzt weg.“

„Keine Angst, daß ich hierbleibe. Ich finde nicht viel Geschmack an diesem Planeten. Viel Glück für dich, Axxal.“

„Danke, Jorry. Und viel Glück auch für dich, auf dem Boroq-Thaddoi.“

Jorry schüttelte den Kopf. „Mit meinem Glück war in letzter Zeit nicht viel los, Axxal. Vielleicht hat euer Täuscher sich entschlossen, mich zu adoptieren, jetzt, wo er seine Quespodonen losgeworden ist.“ Er lachte trocken auf. „Doch ich werde schon mit ihm fertig, ich weiß selbst den einen oder anderen Trick. Ich hoffe, du hast auch ein paar gelernt.“

„Du hast mich viel gelehrt, Jorry.“

„Du warst auch ein guter Schüler. Du hast das Zeug zu einem erstklassigen Sternfahrer, mein Junge. Ich gebe dir eine Chance – willst du die ganze Politik vergessen und mit mir auf den Boroq-Thaddoi kommen? Diesmal gehen wir direkt durch die Hintertür hinein und brauchen keine Fallen mehr zu fürchten. Jetzt brauchen wir uns nur durch den Schutt zu graben.“

„Ich würde es gern tun, Jorry, aber ich kann meine Brüder nicht im Stich lassen. Ich muß hierbleiben.“

„Na ja. Dann bleibt mir also nichts übrig, als zu starten und den Landering für die Daltreskaner freizumachen. Die werden ja allerhand zu tun haben, wenn sie mit ihrer Ladung Sklaven hier landen.“

„Ja, allerhand“, nickte Axxal.

„Und bist du sicher, daß du so ein großes Schiff allein handhaben kannst? Das ist nicht so eins wie die Seraph, weißt du?“

„Ich kann es, Jorry. Was ich nicht weiß, müssen mir die Daltreskaner zeigen. Sie werden gern mit uns zusammenarbeiten, wenn wir sie erst einmal überwunden haben.“

Befriedigt nickte Jorry. „Du hast eine ganze Menge gelernt, das ist klar. Lerne noch eins: Laß die anderen kämpfen, mach du die Pläne. Dann lebst du viel länger. Nun geh deinen Weg, ich gehe meinen.“

Axxal stand im Schatten einer flachen Rinne und vernahm das schrille Jaulen einer Antriebsspule. Er wandte sich um und konnte gerade noch sehen, daß die Seraph wie ein Blitz vom Landering abhob. Jorry war weg. Axxal war jetzt allein, ein Führer in seinem eigenen Volk, keines Mannes Diener mehr.

9. Führer der Quespodonen

Zuerst verbarg Axxal die Waffen. Dies getan, sank er auf den kalten Steinboden, um wieder zu Kräften zu kommen, denn die Wüstensonne des Xhanchos hatte ihm zugesetzt. Minutenlang lag er erschöpft und dachte nach.

Ruhe war ein Luxus, den er sich nicht leisten konnte. Vieles lag vor ihm, das wußte er recht gut. Zur Nacht schon konnten Straßenkämpfe toben, wenn die rivalisierenden Gruppen sich um die Macht auf dem Planeten stritten. Jorry hatte von sechs verschiedenen Splittergruppen allein im Lager der Skoraten gesprochen. Axxal wußte von mindestens ebenso vielen bei den Außenseitern. Es konnte nicht lange dauern, bis es zur endgültigen Auseinandersetzung kam. Vaxxt mußte benachrichtigt, Pläne mußten ausgearbeitet, Waffen verteilt werden. Bald würden die Quespodonen und ihre Anhänger Xhancholii in der Hand haben. Viele würden fallen, doch schließlich würden sie siegen.

Reglos, nunmehr ruhig atmend, lag Axxal da und erwog die Situation. Je eingehender er nachdachte, desto ungünstiger erschien sie ihm. Er fand, daß Xhancholii einen teuren Preis kosten würde. Wenn die Verluste der Quespodonen bei der Eroberung der Stadt zu hoch wären, dann könnten sie zu schwach sein, um das Raumschiff der Daltreskaner zu kapern. Und wenn sie auf diesem Planeten bleiben mußten, selbst als seine Herren, dann wären alle ihre Anstrengungen vergebens gewesen.

Es mußte andere Möglichkeiten geben. Axxal bemühte sich, sie herauszufinden.

Wenn Gariv tot war und die Quespodonen Feuerwaffen hatten, bestand die Chance, einen Zusammenstoß zu vermeiden. Gewiß, die Skoraten waren eine Kriegerrasse. Rein instinktmäßig würden sie das Schwert ziehen wollen. Doch jetzt, gespalten und demoralisiert, nachdem ihr Führer von unbekannter Hand auf seinem eigenen Thron getötet worden war, konnten sie vielleicht sogar dazu gebracht werden, mit einem starken und wohlbewaffneten Gegner zu verhandeln. Es war einen Versuch wert.

Axxal erwog diesen Gedanken von allen Seiten. Vielleicht konnten die Quespodonen trotz allem den offenen Kampf mit den Kriegern vom Palast vermeiden. Unvermeidbar war jedoch der Kampf mit den Sklavenhändlern; dabei würde Blut fließen. Das war nicht zu ändern. Freigelassene aller Völker bewahrten die Erinnerung daran, wie sie unter den Daltreskanern gelitten hatten. Das Schiff mußte genommen werden, und zwar unbeschädigt. Dann – wenn Garivs Nachfolger die Stadt oder auch den ganzen Planeten haben wollten – bitte sehr. Die Quespodonen ihrerseits mußten das Raumschiff haben. Doch wenn sich die Zahl der Quespodonen, die es kosten würde, reduzieren ließ – umso besser.

Mühsam stand Axxal auf. Der Kopf schmerzte ihm vom Denken, und das war erst der Anfang. Mit tiefernster Miene ging er durch die dunklen Alleen und Nebenstraßen Xhancholiis. Er schlug sich mit einem Problem herum, das viel komplizierter war und viel subtilere Lösungen erforderte als die Führung eines Raumschiffes. Er versuchte, die Zukunft seines Volkes aufzubauen.

Als er endlich bei Vaxxt anlangte, zog er ihn in eine ruhige Ecke und berichtete ihm von Garivs Tod. Vaxxt reagierte höchst sonderbar. Axxal hatte erwartet, er würde zum Sammeln rufen, Alarm geben wollen. Am meisten hatte er gefürchtet, Vaxxt würde losschlagen wollen, bevor er, Axxal, seine Gegengründe darlegen konnte. Doch Vaxxt blieb merkwürdig still. Es hatte fast den Anschein, als sei es ihm gar nicht recht, daß Gariv tot war.

Angesichts dieser Zurückhaltung seines Freundes bekam Axxal mehr Vertrauen zu seinen eigenen Plänen. Die Unterführer wurden herbeigerufen, und als sie sich die Geschichte angehört hatten, wandten sie sich an Vaxxt – er sollte entscheiden. Doch Vaxxt schwieg. Axxal hatte den dringenden Wunsch einzugreifen, aber er beherrschte sich. Der richtige Moment war noch nicht da.

„Was sollen wir tun, Vaxxt?“ drängten die anderen. „Wir können nicht mehr lange warten. Bei Sonnenaufgang müssen wir losschlagen.“

„Ich weiß, ich weiß“, antwortete ihr Führer ungeduldig. Doch mehr sagte er nicht und rührte sich auch nicht vom Fleck. Da wurden sie kühner.

„Ich bin für Kampf. Jetzt angreifen, solange sie noch verwirrt sind.“

„Eine gute Idee. Sie werden auf einen Angriff bei Tage nicht gefaßt sein.“

„Wir haben immer davon gesprochen, daß wir einen Aufstand gegen Garivs Truppen machen sollen. Jetzt ist die beste Gelegenheit!“ kamen die Zwischenrufe.

Mit einer ärgerlichen Handbewegung gebot Vaxxt ihnen Schweigen. „Laßt mir gefälligst Zeit zum Nachdenken. Wir können nicht einfach – einfach nur so den Palast stürmen. Das würde uns zu viele Tote kosten.“

Das war das Wort, auf das Axxal gewartet hatte, und hier hakte er ein. „Warum sollen wir dann überhaupt das Leben von so vielen Quespodonen aufs Spiel setzen? Was wir brauchen, können wir auch ohne Kampf bekommen. Dann könnten wir uns mit unserer vollen Stärke auf die Sklavenjäger werfen, wenn sie landen“; sagte er.

„Ja, das Raumschiff ist wichtig“, meinte einer der Unterführer.

„Das Allerwichtigste sogar“, verbesserte Axxal.

„Was schlägst du also vor?“ fragte Vaxxt.

„Unterhandeln.“

Mit wutblitzenden Augen und mit einer Leidenschaft, wie man sie von früher her an ihm kannte, fuhr er Axxal an: „Unterhandeln? Wir sind Quespodonen – du vergißt das zu leicht!“

„Ich habe nicht vergessen, was ich bin.“

„Und wie kommst du dann auf den Gedanken, daß jemand uns gegenüber ehrlich handeln würde, ohne uns zu betrügen? Niemand verhandelt mit Quespodonen. Man bedient sich unserer Stärke, sie berauben unsere Welt ihres Reichtums – aber uns als gleichberechtigt behandeln? Niemals! Nie hat man das getan und wird es niemals tun“, beharrte Vaxxt.

„Jetzt werden sie ehrlich mit uns verhandeln, weil sie keine andere Wahl haben“, erwiderte Axxal ruhig. „Bedenke doch: im Palast herrschen Angst und Verwirrung. Keiner weiß, wem er trauen kann und wen er fürchten muß.“

„Ein Grund mehr, um jetzt zuzuschlagen“, rief einer dazwischen.

Axxal wandte sich an den Sprecher. „Nein, dieser Ansicht bin ich nicht. Das würde sie gegen uns vereinigen. Trotz unserer Waffen würde das harten Kampf und schwere Verluste bedeuten.“

„Das ist wahr“, räumte der Sprecher ein. Andere nickten zustimmend.

Axxal fuhr fort: „Wir können im Namen der vereinigten Streitkräfte der Quespodonen sprechen. Wir sind bewaffnet und kampfbereit. Wir brauchen keinem politische Unterstützung zu versprechen. Es wird genügen, wenn wir versprechen, keine Gruppe zu unterstützen.“

„Warum sollen sie uns glauben?“

„Sie werden uns schon glauben. Aber ist das überhaupt wesentlich? Was sie wollen, ist nicht das, was wir wollen. Mögen sie doch Xhancholii behalten; und wir nehmen das Schiff.“

„Aber werden sie uns das Schiff geben?“ fragte einer.

„Sie haben das Daltreskanerschiff überhaupt nicht zu vergeben. Es gehört dem, der es nimmt; und wir können es nehmen, wenn wir uns nicht schwächen im Kampf um eine Stadt, in der wir gar nicht bleiben wollen. Was wir tun müssen –“ Axxal hielt inne und suchte nach Worten, um seine Gedanken zu formulieren, und fuhr dann fort: „Wir müssen sie davon überzeugen, daß es für sie nur von Vorteil ist, wenn sie uns helfen, den Xhanchos zu verlassen. Wir müssen sie dazu bringen, daß sie denken, es ist ihre Idee, nicht unsere. Sollen sie denken, sie überlisten uns, wenn es nur unserer Sache hilft. Es sind Skoraten – wenn sie denken, wir wollen das Schiff, dann ist das für sie ein Grund, es selbst haben zu wollen. Also müssen sie denken, wir wollen es gar nicht. Versteht ihr?“

Mit einem ganz neuen Gefühl von Respekt sah Vaxxt ihn an. „Du hast eine Menge von den Methoden der Anderweltler gelernt. Das ist aber ein gefährliches Spiel.“

„Anders geht es nicht.“

„Nein. Aber es wird schwierig sein. Wir sind Quespodonen, Axxal, keine Anderweltler. Wir sind nicht darin geübt, Dinge zu sagen, von denen wir wissen, daß sie unwahr sind, oder anders zu handeln als wir fühlen –“, überlegte Vaxxt mit einem gewissen Unbehagen. „Vielleicht ist es besser, uns auf unsere Stärke zu verlassen, bis wir diese Dinge gelernt haben. Wir haben Waffen –“ Er blickte Axxal voller Respekt an, fast, als wolle er sich für seine Worte entschuldigen.

Es stand Vaxxt im Gesicht geschrieben, warum er so unsicher war und zu handeln zögerte: die Krise war da, und er war noch nicht bereit. Vielleicht würde er nie bereit zum Handeln sein, wie stark auch immer seine Begabung sein mochte, andere zum Handeln aufzustacheln. Jetzt wußte Axxal, daß die Führung der Quespodonen auf ihn übergegangen war; er sprach fest und entschieden. „Es ist Zeit, daß wir die Tricks der Anderweltler lernen, Vaxxt, aber gefallen werden sie uns nie. Wir sind keine Rasse von Kriegern wie die Skoraten, und ich möchte uns auch nicht zu so einer Rasse machen. Zuerst werden wir versuchen, friedlich zu unterhandeln. Wenn das keinen Erfolg hat, müssen unsere Waffen sprechen.“

Seine Worte machten Eindruck auf die anderen, und sie nahmen seinen Vorschlag ohne weitere Debatte an. „Mit wem von der Palastgarde willst du sprechen? Du hast ja selbst gesagt, daß sie zersplittert sind“, fragte Vaxxt.

„Ich weiß, welche Gruppe die größten Aussichten hat. Zu deren Führer werde ich gehen.“

„Werden sie dich anhören, Axxal?“ fragte ein anderer, „und kannst du einem Skorat trauen?“

Axxal dachte an Jorrys Worte. „Er wird mich anhören. Skoraten ducken sich immer, wenn sie merken, daß man keine Angst vor ihnen hat. Und so dumm, ihnen zu trauen, werde ich nicht sein.“

„Noch etwas“, sagte Vaxxt, stand auf und hinkte an seiner Krücke vor die Gruppe. „Du mußt jetzt gleich gehen, und ohne mich. Ein Krüppel hat kein Ansehen bei Kriegerrassen, und du wirst besser zurechtkommen, wenn ich nicht dabei bin.“

„Aber du hast doch immer für uns gesprochen“, wandte jemand ein; und ein Zweiter fragte: „Wer soll denn mit den Skoraten fertigwerden, wenn nicht du?“

„Axxal spricht ebensogut wie ich. Und es ist sein Plan.“

Ein Dritter namens Tummuxxat, älter als die anderen, sagte rauh: „Du hast dein lahmes Bein im Kampf um den Xhanchos bekommen. Du hast das Recht, dabeizusein, und kein Skorat wird es wagen, dir Achtung zu verweigern.“

„Das ist wahr“, räumte Axxal ein, „aber wir müssen wachsam sein. Wenn alle unsere Führer zusammen sind, könnten die Skoraten auf den Gedanken kommen, uns alle umzubringen. Dann wären die Quespodonen führerlos. Laßt Vaxxt und die anderen Unterführer hierbleiben. Tummuxxat und ich werden zum Palast gehen. Bei Einbruch der Nacht sind wir zurück.“

„Und wenn ihr nicht zurückkommt?“

„Dann nehmt die Waffen und kommt uns holen.“

10. Die Unterhandlung

Kein Posten stand am Tor, doch im Palast ging es sehr lebhaft zu, besonders in Anbetracht der Tageszeit, zu der man gewohnterweise der Ruhe pflegte. Ungehindert passierten die beiden Quespodonen eine Anzahl Korridore und gelangten bis vor die Gemächer Ninos’, wo ihnen zwei Skoraten mit bloßen Schwertern den Weg versperrten.

Unbeirrt sprach Axxal sie an. „Ich bin hier, um mit eurem Herrn etwas äußerst Wichtiges zu besprechen. Bringt mich sofort zu ihm!“

„Sage mir, um was es sich handelt, Quespodon. Ich werde dann entscheiden, ob du ihn sprechen kannst.“

„Ich sage dir gar nichts. Ich bin gekommen, um mit Ninos zu sprechen, nicht mit einem Wachtposten.“

Unsicher faßte der Skorat die beiden ins Auge. Ein derartiges Auftreten war er von Quespodonen nicht gewohnt. Tummuxxat, an Axxals Seite, konnte sich vor Stolz und gespannter Erwartung kaum noch beherrschen. Es tat ihm wohl zu hören, daß ein Mann aus seinem Volke so kühn zu einem Skorat sprach; doch er konnte kaum glauben, daß man sie nicht an Ort und Stelle für diese Frechheit niedermachen würde. Doch schon nach kurzem Warten wurden sie zu Ninos geführt.

Er empfing sie wie zwei alte Freunde. Tummuxxat war ebenso erstaunt über diesen Empfang wie der Posten; doch Axxal überraschte er nicht. Von einem so ehrgeizigen Mann wie Ninos hatte er etwas Ähnliches erwartet. Jorry war ein guter Menschenkenner, und Jorry hatte vorausgesagt, wenn die Ereignisse auf dem Xhanchos ihren Lauf genommen hätten, und es würde nur ein Mann am Leben bleiben, dann würde dieser Mann ein schlauer, gerissener Skorat namens Ninos sein. Diese Worte Jorrys hatte Axxal im Sinn gehabt, als er zu diesem Manne ging; und jetzt sah er ihn sich sehr genau an.

Ninos verfügte über eine gewinnende Art und eine salbungsvolle Redeweise. Er hörte genau zu und antwortete rasch, aber unbestimmt auf alles, was man ihm sagte. Er besaß einen schnell zupackenden Verstand. Axxal wußte, daß er es mit einem schlauen und einfallsreichen Mann zu tun hatte. Für Jorry wäre er vielleicht ein amüsanter Dumkopf – doch Jorry war ein k’Turalp’Pa und hatte eine lebenslange Erfahrung im Intrigieren. Axxal war ein Neuling in diesen Dingen. Der einzige Faktor zu seinen Gunsten war, daß er sich über Ninos Gerissenheit und seine eigenen Grenzen im Klaren war, der Skorat hingegen die feste Überzeugung hegte, er sei ein brillanter Kopf und habe es mit zwei blöden Quespodonen zu tun. Axxal hoffte nicht, Ninos täuschen zu können, doch er wußte, daß das wahrscheinlich auch nicht nötig war. Männer wie Ninos täuschen sich selber.

Ninos schickte den Posten hinaus und bedeutete seinen Besuchern, Platz zu nehmen. Auf seinen Ruf erschienen zwei Diener; der eine trug ein Tablett mit eingelegten Früchten, der andere eine Karaffe. Sie setzten beides vor den Quespodonen nieder und zogen sich wortlos zurück.

„Ihr seid zu ungewöhnlicher Stunde und bei der größten Tageshitze gekommen“, sagte Ninos und schenkte den gelblichen Trank in zwei winzige Becher; „ihr habt sicher eine kleine Erfrischung nötig. Trinkt, eßt ein wenig, dann können wir reden.“

Mißtrauisch hoben die Quespodonen die Becher an die Lippen, tranken aber nicht und nahmen auch nichts von den Früchten auf dem Tablett. Wortlos saßen sie da, während Ninos unaufhörlich redete, und zwar so entwaffnend liebenswürdig, daß er ihre Wachsamkeit eingeschläfert hätte, wenn sie sich nicht ständig und bewußt daran erinnert hätten, wo sie sich befanden und warum sie gekommen waren. Endlich kam der Gastgeber zur Sache.

„Der Dienst im Palast hat mich bisher daran gehindert, öfter mit den Quespodonen zusammenzukommen“, erklärte er mit einer Miene, die tiefes Bedauern über diesen Mißstand ausdrückte; „und dabei habe ich mir längst gewünscht, euch besser kennenzulernen. Ich sah, wie kühn ihr gekämpft habt – ja wirklich, ohne den Mut und die Opfer der Quespodonen hätte die Befreiungsarmee niemals Xhancholii eingenommen. Allerdings werden das nur wenige meiner Volksgenossen zugeben. Ich habe mir eine ganze Menge Feinde gemacht, weil ich offen für euer Volk eingetreten bin. Aber jetzt seid ihr zu mir gekommen, und zwar nach euren eigenen Worten in einer Sache von großer Wichtigkeit. Das freut mich. Es zeugt von Vertrauen, und ich brauche euer Vertrauen ebenso wie eure Freundschaft. Nun sagt mir, Axxal und Tummuxxat, was Ninos für seine Freunde tun kann.“

Axxal zögerte. Er räusperte sich nervös, bevor er zu sprechen begann. Es lag ihm daran, unsicher und ängstlich zu erscheinen, so als warte er darauf, daß ihm ein Klügerer raten werde, wie er vorgehen solle. Unvermittelt beugte er sich vor und stieß heraus: „Kapitän Jorry war mein Partner.“ Ninos schien einen Moment verwirrt zu sein, dann erhellte sich seine Miene. „Ah ja, der Kaufmann. Oder so nannte er sich jedenfalls. Und was ist mit ihm?“

„Er ist fort. Er hat den Xhanchos verlassen.“

Schweigend nahm Ninos diese Neuigkeit zur Kenntnis. Axxal blieb unbewegt. In der schweren Mittagsstille konnte er beinahe hören, wie angestrengt das Hirn des Skoraten arbeitete, um sich auszurechnen, was Jorrys Abreise für Konsequenzen haben könnte. Endlich fragte er: „Warum kommst du zu mir, Axxal? Es freut mich, mußt du wissen, daß ich dein Vertrauen besitze. Doch du kennst mich nicht, und trotzdem bist du hergekommen?“

„Jorry hat mir einmal gesagt, nach Gariv würdest du über den Xhanchos herrschen.“

„Tatsächlich?“

„Ja. Es würde viel Blutvergießen geben, sagte er, doch du würdest Monarch des Xhanchos werden.“

Ninos lächelte. „Gariv ist also wirklich tot.“

„Jorry hat ihn getötet. Sie kämpften um die Gafaal-Frau.“

Mit leisem Lachen lehnte der Skorat sich zurück. „Das paßt ja großartig“, sagte er. „Gariv tot, Jorry fort – weißt du das genau?“

„Jorry hat es mir selbst gesagt.“

„Aha. Das erklärt manches von dem, was hier seit Sonnenaufgang geschehen ist.“

„Wenn du regierst, Ninos, möchten wir, daß du unser Freund bist“, sagte Axxal.

Strahlend breitete Ninos die Arme weit aus, um seine Großherzigkeit anzudeuten. „Freund und Vater werde ich den Quespodonen sein, ich versichere es dir. Du hast mir zu gegebener Zeit eine höchst wertvolle Nachricht gebracht, und ich werde sie aufs beste nutzen.“

„Wird Blut vergossen werden?“

Ninos machte eine gleichgültige Handbewegung. „Ein bißchen. Eine Handvoll Männer müssen beseitigt werden. Sag mir eins, Axxal: wenn ich Hilfe brauche, kann ich auf die Quespodonen zählen?“

Scheinbar in tiefem Nachdenken runzelte Axxal die Stirn. Er zupfte sich am Ohr, schüttelte den Kopf und entgegnete langsam: „Ich glaube nicht. Das war es, was Gariv wünschte, doch unsere Anführer wollten nicht.“

„Deswegen also war Gariv so freundlich zu dem Kaufmann – er hat ihn benutzt, um durch dich Einfluß auf die Quespodonen zu gewinnen.“

„Ja. Aber mein Volk traut keinem im Palast. Sogar jetzt, wo sie Waffen haben –“

„Waffen? Was haben sie für Waffen?“ fuhr Ninos scharf dazwischen.

„Knüppel hauptsächlich. Ein paar Säbel. Eine Anzahl Pistolen und Gewehre mit Munition.“

„Wo haben sie die Feuerwaffen her?“

„Jorry hat sie uns gegeben, bevor er startete.“

Ninos zog die beiden Quespodonen zu sich heran und sagte leise und vertraulich: „Diese Feuerwaffen können sehr wichtig für uns sein, meine Freunde. Wir müssen es so einrichten, daß meine Truppe sie bekommt. Weißt du, wo sie sind, Tummuxxat?“

„Versteckt“, antwortete der Quespodon.

„Aber wo? Weißt du es, Axxal?“

Axxal schüttelte den Kopf. „Sie haben sie von Jorry übernommen und sie draußen versteckt, irgendwo in der Wüste. Keiner wollte uns sagen, wo. Unsere Anführer sagen, sie wollen sie nur benutzen, um sich zu verteidigen, nicht um für andere zu kämpfen.“

Nachdenklich nickte Ninos, wandte sich von den beiden ab und ging mit großen Schritten hin und her. Axxal konnte sich vorstellen, was in seinem Kopfe vorging, und sagte mit gepreßter, zögernder Stimme: „Sie wollen es nicht – Keiner von uns will um Xhancholii kämpfen. Es gehört den Skoraten, die es erobert haben, nicht uns. Wir haben endlich unsere Freiheit, und die wollen wir behalten.“

„Verstehe vollkommen“, murmelte Ninos.

„Wenn wir fort könnten – mit Freuden!“

Gespannt wartete Axxal, den Blick auf Ninos Gesicht gehaftet, und hoffte, daß der Skorat den Köder schlucken würde. Seine Taktik konnte leicht danebengehen. Wenn die Skoraten ahnten, daß andere von der bevorstehenden Landung des Daltreskanerschiffes wußten und es zu kapern beabsichtigten, dann würden sie es aus purer Gemeinheit selbst haben wollen. Doch wenn sie es mit leichter Geste der Großzügigkeit einer inferioren Rasse hinwerfen konnten, dann würden sie das vielleicht tun. Axxal rechnete mit dem letzteren.

Ninos hielt in seinem Auf- und Abgehen inne und blickte den Quespodonen offen ins Gesicht. Er machte den Eindruck eines Mannes, der zu einer schwierigen Entscheidung gelangt ist. „Eure Führer sind weise“, sagte er ernst. „Sie wären Narren, wenn sie für eine andere Sache als ihre eigene kämpfen wollten. Wenn sie nicht den Wunsch haben, Xhancholii zu besitzen, warum sollten sie dafür kämpfen?“

„Aber sie fürchten –“ begann Tummuxxat.

„Sprich offen, mein Freund. Was fürchtet ihr?“

Die beiden Quespodonen wechselten unsichere Blicke. Tummuxxat rieb sich den haarlosen Schädel und sagte endlich: „Wir haben gehört, daß Gariv geplant hat, uns als Sklaven zu verkaufen; und wir fürchten, sein Nachfolger könnte dasselbe tun.“

„Und dann würden wir kämpfen müssen. Wir würden unsere Waffen gebrauchen“, ergänzte Axxal.

„Gewiß, natürlich. Ihr hättet keine andere Wahl“, stimmte Ninos zu.

„Das haben die anderen auch gesagt“, sprach Tummuxxat weiter; „die Trulbaner und Zaratonen würden sich uns anschließen.“

„Und die Agyari, und die Thorumbianer, und sogar die überlebenden Xhanchilion“, stieß Axxal nach, „und die von Gilead auch.“ Freundlich wandte er sich Ninos zu und erläuterte: „Deswegen sind wir zu dir gekommen. Wir müssen wissen, was wir zu erwarten haben, wenn du Herrscher der Stadt wirst.“

Nach einigem Nachdenken erklärte Ninos: „Ihr habt weise gehandelt, meine Freunde. Ich denke, ich kann eure Probleme lösen. Eure Leute haben also keinen anderen Wunsch, als Xhancholii zu verlassen?“

„So ist es.“

„Würdet ihr ganz und gar von diesem Planeten weggehen? Alle Quespodonen?“

„Aber wir haben doch kein Schiff, Ninos!“

„Ein Schiff wird vorhanden sein, das verspreche ich euch. Seid ihr bereit, darum zu kämpfen?“

„Um ein Schiff kämpfen wir, Ninos“, versicherte Tummuxxat.

„Dann macht euch bereit. Die Daltreskaner werden sehr bald mit einer Ladung Sklaven landen. Kapert ihr Schiff – ich gebe es euch mit meiner Erlaubnis, den Xhanchos zu verlassen.“

Axxal machte ein ganz erstauntes Gesicht. „Aber Gariv hat doch immer gesagt, die Daltreskaner kämen nicht.“

„Und ich sage euch, sie kommen. Gariv hat gelogen. Vertraut mir und seid bereit.“

„Wir werden bereit sein“, erwiderten sie.

„Zum Dank dafür fordere ich nur eins von euch: leistet niemandem Gefolgschaft, was man euch auch versprechen möge! Ihr braucht nicht auf meiner Seite zu kämpfen, aber unterstützt auch keinen anderen. Stimmt ihr zu?“

„Ich kann nur versprechen, unseren Führern zu berichten. Doch ich denke, das ist genau, was sie wollen.“

„Das glaube ich auch, Axxal, und ich verlasse mich auf sie. Wir müssen einander vertrauen. In ein paar Tagen haben wir alle, was wir uns am meisten wünschen: ihr euer Schiff, und ich Xhancholii. Geht jetzt und bringt euren Leuten mein Versprechen!“

Die Quespodonen ihrerseits hielten sich an die Vereinbarung. Ninos, der nun mit der Neutralität aller Einwohner Xhancholiis außerhalb der Palastmauern rechnen konnte, warf sich mit seinen Anhängern auf die Gegner im Innern. Noch am gleichen Abend waren alle rivalisierenden Gruppen führerlos, und ehe die Sonne wieder über Xhancholii aufging, war Ninos der Nachfolger Garivs, unumstrittener Monarch des Xhanchos und Herr der Stadt.

11. Kampf um das Raumschiff

Fest am Landering verankert, ragte das Daltreskanerschiff über die Mauern von Xhancholii, fast halb so hoch wie der höchste Turm der Stadt. Es war ein massiv gebautes Fahrzeug, ein Raumschiff der Ersten Phase, seinerzeit auf der Alten Erde konstruiert, um vierundneunzig Familien und all ihren Bedarf über Lichtjahre weit durch den unkartographierten Raum in Welten zu tragen, die kein Erdenauge gesehen hatte. Das Schiff war sechs Jahrhunderte alt, zerkratzt, gebleicht und pockennarbig von langen, langen Reisen, doch es würde noch hunderte von Jahren seinen Dienst tun. Die Männer jener halblegendären Zeit hatten für die Ewigkeit gebaut.

Jetzt trug das Schiff eine Ladung Sklaven. Sie waren in Blitzangriffen auf dünnbesiedelte, weit von den galaktischen Hauptknotenpunkten abgelegenen Planeten eingefangen worden – auf Agrikulturwelten wie Gilead und Cadiza, von Bergwerks-Außenposten auf Dlugas III, vom Ekk oder Dumabb-Paraxx. Ein paar Gruppen stammten von unbewaffneten Pilgerschiffen; einzelne hatten zu Banden von Ausgestoßenen gehört und waren von ihren Genossen verraten und verkauft worden. Sie hatten nur eins gemeinsam: ihr Unglück und das Wissen darum, daß sie auf dem Flug zu einem Ort waren, wohin kein Mann und keine Frau freiwillig ging.

Die Hauptluke schwang auf. Die Gangway erschien, senkte sich und drückte sich in den sandigen Boden ein. Vier kräftige Daltreskaner stiegen herab, und die Rampe schwankte unter ihrem schweren Tritt. Fest saßen ihre großen Köpfe auf den starken Hälsen, ihr Haupthaar war so stichelig wie das Fell eines Tormagon. Sie trugen lederne, mit Metallplatten benietete Blusen, weite Pelzhosen und schwere Stiefel. Jeder trug einen spitzen, knapp einen Meter langen Treibstock. Je zwei von ihnen postierten sich zu beiden Seiten am Fuße der Gangway und warteten.

Wie es Brauch war, hatte man für die Landung ein paar Baracken errichtet. Dieses Mal waren sie beträchtlich größer und zahlreicher als sonst in letzter Zeit, doch die Sklavenhändler achteten nicht auf solche Nebensächlichkeiten. Auch daß es an der Stadtmauer dunkel war, störte sie nicht, obwohl sonst bei ihrer Landung immer Fackeln gebrannt hatten. Die Daltreskaner arbeiteten mit vielen Rassen auf vielen Welten. Keine war ihr Freund, doch keine auch ihr Feind, denn sie handelten mit einer lebenswichtigen Ware.

Geräuschvoll, von zwei Leibwächtern flankiert, kam Ruklin, ihr Kapitän, die Gangway hinunter und blieb unten stehen, um die Delegation aus Xhancholii zu erwarten. Sie kam ihm stärker vor als beim letzten Besuch, und er machte eine flüchtige Bemerkung darüber.

„Sie haben Angst, Kapitän“, sagte der eine der Gangwayposten, „sie fürchten, daß wir sie schnappen und in ein Freudenhaus auf der Barbary verkaufen könnten.“

Der andere lachte auf. „Für die würden wir wohl in einem Freudenhaus keinen hohen Preis bekommen!“

„Aber für eine von den Gafaal-Frauen“, entgegnete der erste.

„Genug geredet“, knurrte Ruklin, und sie schwiegen.

Die Einkäufer näherten sich. Jeder saß in einer Sänfte, die von vier mächtigen Quespodonen getragen wurde. Das geschah aus Prestigegründen; nötig war es nicht, denn zwei Quespodonen wären genug gewesen. Hinter den Sänften zog ein ganzer Haufen Diener, Garden und Aufseher. Sechs Paar Sänften schwankten über den Sand heran und wurden in gerader Reihe nahe bei der Gangway abgesetzt.

„Die wollen Eindruck schinden, Kapitän“, sagte einer der Sklavenhändler.

„Aber wirklich!“ stimmte ein anderer zu. „Ihren halben Bestand an Sklaven haben sie aufgeboten!“

„Bis jetzt haben sie nichts weiter erreicht, als meine Preise hochzutreiben“, grinste Ruklin.

Unter den Daltreskanern klang Gelächter auf; doch als der Anführer der Xhanchilion, nachdem er kurz mit seinen Gefährten gesprochen hatte, zu Fuß herankam, trat sofort nüchterne Stille ein. In respektvollem Abstand folgten ihm zwei Träger. Die Begrüßung war kurz. Beide Parteien waren der Geschäfte wegen hier.

„Diesmal habe ich besonders gute Ware für euch“, erklärte Ruklin. „Wir haben ein Pilgerschiff gekapert. Alle jung und kräftig.“

„Ausgezeichnet. Wir haben seit eurem letzten Besuch hohe Verluste gehabt“, erzählte der Xhanchilion.

„Wir hatten auch Verluste. Die Pilger haben hart gekämpft. Bei mir sind drei Mann gefallen und drei weitere verwundet. Das verteuert die Preise natürlich.“

„Wir zahlen.“

„Und bei einem Überfall auf den Droxiglion haben wir fünf Steinmetzen geschnappt. Die sind eine ganze Menge wert“, sprach Ruklin weiter.

„Vielleicht. Sie müssen aber gut sein.“

„Sind sie auch. Diesmal nehmen wir als Zahlung nur rote Steine. Nichts anderes, nur rote Steine, und größere als letztesmal.“

Der Xhanchilion antwortete nicht gleich. Sein plattes Gesicht blieb ausdruckslos, als er Ruklins Forderung erwog; dann hob er die Hand und sagte: „Ich muß das mit meinen Kollegen besprechen.“

„Was gibt es denn da zu besprechen? Entweder ihr zahlt, wie wir es haben wollen, oder ihr könnt versuchen, euch selbst Sklaven zu beschaffen.“

Der Xhanchilion machte eine beschwichtigende Handbewegung. „Gewiß. Wir müssen uns nur darüber einigen, wer zum Schatzhaus geht und wer hierbleibt. Ihr bekommt rote Steine.“

„Sag ihnen, sie sollen sich beeilen. Wir fangen nicht mit Ausladen an, ehe wir die roten Steine sehen. Ohne die bekommt ihr keinen einzigen Sklaven“, sagte Ruklin.

Er schlug die Arme unter und sah kalt lächelnd zu, wie der Xhanchilion mit seinen Gefährten sprach. Ihre hohe, zirpende Sprache tönte zu ihm herüber, doch er verstand kein Wort. Ruklin verachtete diese plattgesichtigen, gezierten Städter, die abgeschlossen auf ihrer dürren Welt lebten und Monumente ihrer Ohnmacht in den leeren Sand bauten. Nur gut, daß sie Käufer waren – als Sklaven wären sie wertlos gewesen.

Warum waren eigentlich diese Xhanchilion-Kaufleute alle so jung – die reinen Knaben? überlegte er verwundert; lag es vielleicht daran, daß er selbst alt wurde? Sie kamen ihm jünger vor als alle, mit denen er bisher zu tun gehabt hatte. Nicht ein erwachsener Mann war dabei. Und alle diese Diener und Träger – verweichlicht! Nun, das war nur günstig fürs Geschäft. Sollten sie ruhig schockweise Sänftenträger brauchen; Hauptsache, sie kauften sie von Ruklin.

Die Gruppe teilte sich. Sechs von ihnen gingen zurück, zu Fuß, in Richtung aufs Stadttor. Der Anführer kam wieder zu dem Kapitän der Daltreskaner.

„Sie gehen, um die roten Steine zu holen“, sagte er, „aber wir bestehen darauf, daß ihr inzwischen schon anfangt, die Sklaven auszuladen.“

„Ich habe dir doch gesagt – nicht bevor ich die roten Steine sehe.“

„Du bekommst unsere besten Steine. Noch der kleinste wird so groß sein, daß deine Hand ihn nicht umschließen kann. Aber du mußt jetzt mit dem Ausladen anfangen.“

Ruklin dachte an die Preise, die er für solche Steine auf Dutzenden von Welten erzielen würde, und sein Entschluß geriet ins Wanken. Doch er war von Natur kein Mann, der leicht nachgab.
„Warum habt ihr’s so eilig?“ fragte er.

„Du mußt bemerkt haben, daß ich und meine Gefährten noch sehr jung sind. Wir sind Lehrlinge und führen den Einkauf von neuen Arbeitskräften zum erstenmal durch, und wir –“

„Wo sind denn die Männer?“ unterbrach Ruklin.

„In der Stadt. Sie werden unsere Entscheidung akzeptieren und unsere Verhandlungsführung später auswerten. Meine Gefährten bestehen darauf, daß du mit dem Ausladen sofort beginnst, weil sie ihre Verhandlungsfestigkeit demonstrieren wollen. Aber wir können auch großzügig sein.“

Das gefiel Ruklin schon besser. Er wandte sich um und befahl durch ein Handzeichen, mit dem Ausladen zu beginnen.

Sofort begann auf dem Daltreskanerschiff, auf dem sich bis jetzt nichts gerührt hatte, ein hektischer Betrieb. Ein Licht erstrahlte an der Hauptluke, eine Kakophonie von Stöhnen, Schreien und Kommandogebrüll drang heraus und wurde immer lauter, und dann wurden die ersten Gefangenen auf die Rampe hinausgestoßen.

Die Sklaven waren in unterschiedlichen Gruppen zusammengekettet. Die erste Gruppe, sechs Mann stark, wurde von sechs Quespodonen zur Inspektion in eine der Baracken geleitet. Die Daltreskaner-Wächter blieben unten bei der Rampe. Neue Gruppen von Sklaven und Posten stiegen aus; ein Teil der Daltreskaner ging zurück an Bord, wenn sie ihre Ladung abgeliefert hatten, andere warteten paarweise bei der Rampe.

Ruklin überwachte das Ganze. Ab und zu gab er ein Kommando oder versetzte einem trägen Sklaven oder einem unaufmerksamen Posten einen Hieb mit seinem Treibstock, doch im allgemeinen ging das Ausladen glatt. Hundertneun Sklaven wurden übergeben, von denen hundertzwei arbeitsfähig waren.

„Komm in meine Baracke; wir sprechen dann über die Zahlung“, sagte der junge Xhanchilion.

„Wo sind die Steine? Du hast deine Sklaven, aber ich habe noch niemanden von der Stadt kommen sehen. Warum die Verzögerung?“ fragte Ruklin.

„Sie kommen ja. Schau doch hin“, erwiderte der Xhanchilion und deutete auf eine Reihe winziger Gestalten, die von der fernsten Ecke der Stadt her durch den Wüstensand stapften.

„Warum kommen sie von dort?“

„Der Weg ist kürzer und besser. Wir wollen dir ja nur deine kostbare Zeit sparen helfen“, lautete die Antwort. „Kommst du nun mit mir?“

In der Baracke nahm Ruklin an einem niedrigen, mit Zähltafeln bedeckten Tisch Platz. Hinter ihm, rechts und links, standen Quespodon-Diener. Ruklins Leibwächter warteten draußen, beiderseits der Tür.

„Sieben Mann kannst du nicht gebrauchen, hast du gesagt. Du bist aber wählerisch“, begann Ruklin.

„Sie sind zu hart geschlagen worden. Zwei würden sich vielleicht wieder erholen, aber die anderen fünf nützen uns nichts.“

„Das ist dein Problem. Wir haben vereinbart, daß ihr alle nehmt, die wir bringen.“

Der Xhanchilion erhob die Hand und verbesserte: „Alle, die arbeitsfähig sind. Ihr müßt vorsichtiger sein.“

„Wir sind vorsichtig. Diese sieben haben Schwierigkeiten gemacht.“ Ruklin schwieg einen Moment, dann sagte er: „Also machen wir’s so: nimm die beiden, die wieder gesund werden, und schlag die anderen fünf tot, bevor wir starten. Dann sind es hundertvier.“ Der Xhanchilion stimmte zu, und Ruklin behauptete: „Wir hätten die ganze Ladung auf dem Tarquin VII verkaufen können. Die dortige Arena hat zur Zeit Hochbetrieb. Ich bin sehr großzügig dir gegenüber.“

„Tatsächlich?“

„Die Frauen habe ich auf der Barbary verkauft. Allesamt, junge wie alte. Das Schiff ist jetzt leer. Aber nicht für lange.“

„Nein, nicht für lange“, sprach eine rauhe Stimme hinter ihm.

Ruklin fuhr herum und sah einen Quespodon am Eingang stehen. In jeder Hand hielt er einen Stab. Der Daltreskaner faßte seinen Stab fester und griff nach der Pistole in seinem Gürtel. „Was heißt das?“ fragte er im Aufstehen und zu dem Xhanchilion gewandt. „Einer von euren Sklaven ist verrückt geworden!“

„Es gibt keine Sklaven mehr auf dem Xhanchos“, sagte ein zweiter Quespodon und trat einen Schritt vor.

„Und bald auch keine Sklavenhändler mehr“, rief ein dritter. Draußen wurde es laut: Waffengeklirr, Kampfgeschrei. Jetzt wußte Ruklin Bescheid. Er sprang zum Eingang und hieb dabei nach dem Quespodon, der ihm den Weg versperrte. Der packte seinen Arm mit eisenfestem Griff. Eine Faust wie ein Steinblock krachte in Ruklins Gesicht. Er taumelte, der Stab wurde ihm aus der Hand gewunden. Unter einem Schlag in die Niere fuhr er schreiend hoch, dann sank er in die Knie und fiel zu Boden. Taktmäßig und gnadenlos schlugen die stahlbekappten Stöcke auf ihn ein.

In der offenen Wüste vor der Stadt, unter den hoch am Himmel segelnden kleinen Monden, kämpften die Daltreskaner gegen jene, die sie einst der Fron ausgeliefert hatten. Kurz und blutig war der Kampf, gnadenlos auf beiden Seiten. Die verzweifelten Sklavenhändler wirbelten ihre Stäbe mit tödlicher Geschicklichkeit, aber sie waren den Quespodonen nicht gewachsen und wurden überwältigt. Die an Bord Gebliebenen wollten die Gangway hochwinden, doch die Quespodonen hielten sie durch eiserne Körperkraft am Boden. Sie erkämpften sich den Weg an Bord durch eine Schranke von sausenden und stoßenden Kampfstäben. Von Deck zu Deck des großen Schiffes tobte der Kampf, doch als der erste Angreifer in den Kontrollraum vorgedrungen war, stand der Ausgang fest. Es war nur noch eine Frage der Zeit.

Der schwache Schimmer des beginnenden Tages lag auf dem Horizont, als Tummuxxat, der Führer des Angriffs, die Gangway hinunterkam. Eine Seite seines Gesichts war geschwollen und angeschlagen, Blut rann vom Ohr und den geschwollenen Lippen. Wortlos reckte er einen blutverschmierten Daltreskaner-Kampfstock hoch in die Luft, dann brach er ihn mit einer schnellen Bewegung entzwei und warf die Stücke in den Sand. „Es ist unser!“ rief er so laut, daß sein Ruf bis zu den Mauern tönte.

Angeschlagene, blutbefleckte Quespodonen schleppten die toten Daltreskaner von Bord und brachten die eigenen Verwundeten die Gangway hinauf. Jeden lebenden Quespodon, selbst die, die offensichtlich den Sonnenaufgang nicht mehr erblicken würden, schafften sie an Bord. Im ganzen zählten sie achtundneunzig Mann.

Als Ninos an der Spitze von hundertzwanzig ausgesuchten Kriegern durch das Tor der Ringe geritten kam, um zu sehen, ob er nicht doch noch von der Schlacht profitieren könnte, fand er im aufkommenden Tageslicht eine blutige Ernte vor. Wie der Kampf sie gefällt hatte, lagen die Toten in ihrem Blut. Im letzten Nachtwind schwankten die splittrigen Überreste der Baracken. Unter der dünnen Kruste windverwehten Sandes stieg Blutgeruch auf. Plötzlich schnitt das schrille, an- und abschwellende Jaulen einer Antriebsspule durch das Todesschweigen. Tatenlos mußten Ninos und seine Krieger zusehen, wie das Daltreskanerschiff, mit jedem lebenden Quespodonen an Bord, vom Xhanchos abhob und in den Kosmos entschwebte.

Fortsetzung: Dritter Teil: Zum Thron

 

Über Cernunnos

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