SWM-Serie „Sturmgewehre“ (17): Heckler & Koch G 11

Heckler & Koch-Sturmgewehr G 11 im Kaliber 4,7 x 21 hülsenlos.

Heckler & Koch-Sturmgewehr G 11 im Kaliber 4,7 x 21 hülsenlos.

Von Max Meinrad Krieg, aus der Serie „Sturmgewehre“ des „Schweizer Waffen-Magazins“, Heft 11-1985.

Das in dieser Serie an letzter Stelle beschriebene Sturmgewehr G 11 von Heckler & Koch für hülsenlose Munition des Kalibers 4,7 x 21 mm ist eher ein Zukunftsprojekt als eine bereits einführungsreife Waffe.

Alle modernen Hand- und Faustfeuerwaffen bauen auf einem Munitions-Prinzip auf, das seit rund 130 Jahren verwendet wird: der Metallpatrone. In ihr sind Initialzünder, Treibladungspulver und Geschoss durch eine Metallhülse zu einer Einheit verbunden. Da die Messinghülse der teuerste Teil der Patrone ist und im Normalfall nach Gebrauch aus- und somit weggeworfen wird (nur Wiederlader verwenden sie mehrfach und sparen dabei erheblich), suchte man bereits seit längerer Zeit nach Möglichkeiten, auf diese Metallhülse zu verzichten.

Die Hülse verbindet jedoch nicht nur die einzelnen Patronenkomponenten miteinander und schützt sie gegen äußere Einwirkungen, sondern erfüllt auch die sehr wichtige Aufgabe der Abdichtung. Es ist die Hülse, welche den Verschluss gegen die Pulvergase der abgefeuerten Patrone abdichtet (lidert). Beim Auswurf führt sie zudem einen erheblichen Anteil der bei der Pulververbrennung erzeugten Wärme ab.

Es ist bekannt, dass die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg nicht nur die Messinghülsen wegen Materialknappheit durch solche aus Stahl ersetzte, sondern auch Versuche mit hülsenloser Munition durchführte. Seitdem haben staatliche und private Firmen in Ost und West immer wieder versucht, eine Lösung für hülsenlose Handfeuerwaffenmunition zu finden.

Eine technische Vorstufe der hülsenlosen Munition ist die verbrennbare Hülse, die historisch gesehen in der Papierpatrone, dem Vorläufer der Metallpatrone, ihren Vorläufer findet. In der Artillerie wurden solche Lösungen gefunden und sind heute allgemein üblich. Bei den relativ kleinvolumigen Infanteriepatronen lässt sich dies offenbar nicht mit der erforderlichen Zuverlässigkeit verwirklichen, denn die unverbrennbaren Rückstände einer Kunststoffhülse bleiben zu groß und führen zu Störungen der Waffe.

Deshalb scheint eine Lösung mit rein hülsenloser Munition, bei der die Hülse wirklich entfällt, der Ausweg zu sein. Das Treibladungspulver muss durch Zusätze formhaltig gemacht werden, damit die Patrone beieinander bleibt.

Vergleich (von links nach rechts): 4,7 x 21 hülsenlos, 5,56 mm (.223 Remington), 7,62 x 51 NATO (.308 Winchester), 7,5 x 55 (GP 11).

Vergleich (von links nach rechts): 4,7 x 21 hülsenlos, 5,56 mm (.223 Remington), 7,62 x 51 NATO (.308 Winchester), 7,5 x 55 (GP 11).

Die Probleme, die ein solches Konzept mit sich bringt, sind mannigfaltig: Die Widerstandsfähigkeit gegenüber äußeren Einflüssen wie Wärme, Feuchtigkeit oder mechanischen Belastungen muss derjenigen der konventionellen Munition entsprechen. Selbstzündung bei heißgeschossener Waffe sollte nicht früher als bei Metallpatronen vorkommen. Eine möglichst optimale Umsetzung des Pulverabbrandes in Gasdruck und möglichst wenig entstehende Wärme bei geringsten oder gar keinen Verbrennungsrückständen ist somit anzustreben. Das Verschlußsystem hat zuverlässig zu dichten und muss auch die Möglichkeit bieten, allfällige Versager entfernen zu können.

Wenn all diese Probleme gelöst sind und das Konzept gleich gute oder gar bessere ballistische Leistungen als konventionelle Waffen bietet, resultieren gewichtige Vorteile:

● Geringeres Gewicht von Waffen und Munition.
● Einfachere Konstruktion und Herstellung.
● Geringere Kosten.

Ab 1969 begann Heckler & Koch mit ersten Versuchen für ein Infanteriegewehr, das hülsenlose Munition verschießen kann. Die Munition wurde in enger Zusammenarbeit mit Dynamit Nobel entwickelt. Zum Zwecke der Vermarktung wurde die gemeinsame Firma GHGS (Gesellschaft für hülsenlose Gewehrsysteme) gegründet.

Zu Beginn experimentierte Heckler & Koch mit normalen Verschlußsystemen. Bald aber zeigte sich, dass ein neuer Mechanismus vonnöten war. So entstand der Walzenverschluss mit integriertem Patronenlager und damit das Gewehr 11.

Funktionsschema des H & K G 11.

Funktionsschema des H & K G 11.

Von den ersten Prototypen zu den heutigen Mustern hat das G 11 begreiflicherweise schon etwelche Veränderungen erfahren, aber das Grundprinzip blieb dasselbe. Es besteht aus zwei Hauptgruppen: Einerseits aus dem äußeren Gehäuse mit Pistolengriff/Abzug und andererseits aus dem im Inneren untergebrachten, längsbeweglichen Mechanismus. Das Gehäuse bildet somit faktisch eine geschlossene Lafette für den schießenden Teil. Der Funktionsteil aus Lauf und Walzenverschluss gleitet durch den Gasdruck bei jedem Schuss innerhalb des Gehäuses nach hinten und vorn. Dem Walzenverschluss wird dabei in senkrechter Stellung des Patronenlagers jeweils eine Patrone aus dem mit dem Lauf parallelen Magazin zugeführt. Hierauf dreht sich der Verschluss dem Lauf zu, und die Patrone wird gezündet. Anschließend dreht sich die Walze wieder, so dass eine neue Patrone zugeführt werden kann. Nur beim erstmaligen Laden muss der Walzenverschluss von außen gedreht werden, dann übernimmt dies der Gasdruck.

Wir hatten vor knapp zwei Jahren Gelegenheit, kurz mit dem G 11 zu schießen. Es verfügt über drei Feuermöglichkeiten: Einzel-, Dreischuss- und Dauerfeuer. Im Einzelfeuer spürten wir nur einen geringen Rückstoß. Der Feuerstoß ist der außerordentlich hohen Kadenz von rund 2000 Schuss pro Minute wegen nur als einziger, etwas stärkerer Schuss zu hören und zu fühlen; ein Auswandern der Waffe ist dabei nicht merkbar. Aber auch Dauerfeuer, bei einer Kadenz von 600 Schuss pro Minute, ist problemlos zu kontrollieren.

Die hauptsächliche Ursache dieses geringen Rückstoßes liegt im geringen Geschossgewicht von nur 3,4 Gramm.

Das G 11 ist eine kompakte Waffe ohne vorstehende Teile, und die Visiereinrichtung – ein Zielfernrohr ohne Vergrößerung – erlaubt eine schnelle Zielerfassung.

Unser kurzer Kontakt mit dem G 11 erlaubte uns nur einen ersten Eindruck, der selbstverständlich kein wertendes Urteil zulässt. Es ist offensichtlich, dass das G 11 die Mehrzahl der erwünschten Vorteile bringt. Das Patronengewicht der Munition 4,7 x 21 hülsenlos mit 5 Gramm ist erheblich niedriger als das der 5,56 x 45 (.223 Remington) mit 12 Gramm oder gar das der 7,62 NATO mit 24 Gramm. Da das Gewehr 3,6 kg wiegt, müßte ein Soldat bei einem Munitionsvorrat von 400 Schuss Munition nur rund 5,6 kg mit sich führen.

Schema der Patrone 4,7 x 21 mm hülsenlos.

Schema der Patrone 4,7 x 21 mm hülsenlos.

Dass die Lösung aller mit dem Verschießen von hülsenloser Munition verbundenen Probleme viel Zeit braucht, zeigen die NATO-Erprobungen von 1976, als das G 11 wohl funktionierte, der zu häufig auftretenden Selbstzünder wegen aber von Heckler & Koch aus der Konkurrenz genommen wurde. Diese Probleme sollen inzwischen behoben sein.

Dass sich Heckler & Koch auf dem richtigen Weg befinden könnte, zeigt der 3,8-Millionen-$-Entwicklungsauftrag der U.S. Army, in welchem die deutsche Firma die Realisierbarkeit eines hülsenlosen Sturmgewehres ACR (Advanced Combat Rifle) erbringen soll. Die deutsche Bundeswehr wartet offensichtlich mit der allfälligen Einführung der 5,56 x 45 mm-Patrone zu und wird voraussichtlich in Bälde Truppenversuche mit dem G 11 durchführen.

Das Neue hat es im allgemeinen immer schwer, sich durchzusetzen; man vertraut lieber dem Altbewährten. Schnelle Entscheide für das G 11 sind somit nicht wahrscheinlich. Fehlende Erfahrungswerte lassen die eher vorsichtigen Beschaffungsinstanzen noch zuwarten. Inwiefern das G 11 der Beginn einer neuen Ära auf dem Infanteriewaffensektor ist, wird somit erst die Zukunft weisen. Sollte es jedoch Erfolg haben, so würde es die Technik der Infanteriewaffen nachhaltig verändern.

Daten Sturmgewehr G 11:

Kaliber: 4,7 x 21 mm hülsenlos
System: Gasdrucklader mit Walzenverschluss
Kadenz: 600 Schuss/min. im Dauerfeuer; 2000 Schuss/min. im Feuerstoß
V0: 930 m/s
E0: 1460 Joule
Länge: 750 mm
Gewicht: 3,6 kg ungeladen und ohne Magazin, 4,4 kg mit 50 Schuss im Magazin
Magazinkapazität: 50 Schuss

Über Cernunnos

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Eine Antwort zu SWM-Serie „Sturmgewehre“ (17): Heckler & Koch G 11

  1. Cernunnos schreibt:

    Mit diesem 17. Teil endet nun die Sturmgewehr-Serie von Max Meinrad Krieg. Über das G 11 von Heckler & Koch, das letztendlich doch nicht eingeführt wurde, habe ich noch einen Artikel in einer Ausgabe des „Deutschen Waffenjournals“ aus dem Jahr 1989 (wenn ich mich richtig erinnere). In dem dort beschriebenen Entwicklungsstand dieses Waffensystems umschließt der Patronenkörper das Geschoß bereits vollständig, sodaß vorne nur noch die Geschoßspitze in einem Loch zu sehen ist, überzogen von einer dünnen Kunststoffabdeckung des vorderen Patronenendes. Auch beim Sturmgewehr selbst gibt es kleinere Detailänderungen.

    Diesen Artikel werde ich in näherer Zukunft ebenfalls hier präsentieren.

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