Die Lauflänge von Faustfeuerwaffen: Sind lange Läufe wirklich besser?

Zwei Ansichten der gleichen Waffe: Ein Ruger Super Blackhawk im Kaliber .44 Magnum, einmal mit 10 ½-Zoll-Lauf…

Zwei Ansichten der gleichen Waffe: Ein Ruger Super Blackhawk im Kaliber .44 Magnum, einmal mit 10 ½-Zoll-Lauf…

Von Wiley Clap, aus WAFFEN DIGEST 1993, hier mit einem Anhang von mir (Cernunnos).

DIE LAUFLÄNGE VON FAUSTFEUERWAFFEN
Sind lange Läufe wirklich besser?

Wiley Clap untersucht schrittweise, was passiert, wenn man einen langen Lauf in einen kurzen verwandelt.

…und dann mit einem Laufstummel, der nur noch 1 ½ Zoll lang ist. Kevin Steele hat mit beiden Lauflängen geschossen, der Unterschied beim Rückstoß war so groß, daß er auf weitere Schüsse gern verzichtete. Bei der schrittweisen Verkürzung des Laufes um jeweils ein Zoll haben wir interessante neue Erkenntnisse gewonnen.

…und dann mit einem Laufstummel, der nur noch 1 ½ Zoll lang ist. Kevin Steele hat mit beiden Lauflängen geschossen, der Unterschied beim Rückstoß war so groß, daß er auf weitere Schüsse gern verzichtete. Bei der schrittweisen Verkürzung des Laufes um jeweils ein Zoll haben wir interessante neue Erkenntnisse gewonnen.

Jeder Faustfeuerwaffenschütze weiß, daß ein langer Lauf besser ist – das muß einfach so sein. Immer wenn es um Waffen geht, ziehen die größten und leistungsfähigsten Waffen auch immer die meiste Aufmerksamkeit auf sich. Es gibt im Amerikanischen sogar eine Redensart, die besagt, daß langläufige Waffen besonders wirkungsvoll schießen. Amerikanische Schützen glauben ganz fest daran, daß mit zunehmender Lauflänge einer Waffe auch die Präzision zunimmt. Ebenso gibt es eine hartnäckige Tendenz dazu, kurzläufige Waffen, und hier besonders Faustfeuerwaffen, als nicht genügend leistungsfähig und unpräzise zu verachten.

Als passionierter Faustfeuerwaffenschütze habe ich genügend Schießerfahrung mit den verschiedensten Waffentypen, um meine Zweifel an dieser vorgefaßten Meinung anmelden zu können. Ich habe schon mit kurzläufigen Revolvern aus der Schießmaschine Resultate geschossen, die einer Matchwaffe zur Ehre gereicht hätten. Mit den modernen chronographischen Meßgeräten – Oehlers und PACT – kann man heutzutage die Fluggeschwindigkeit von Geschossen genau feststellen. Hier kann jeder Schütze viele Überraschungen erleben, wenn er nämlich feststellt, daß seine mit viel Liebe selbstgeladenen Patronen gar nicht die gewünschte Leistung bringen, sondern womöglich ganz andere Werte zeigen. Ich habe ein und dasselbe Revolvermodell eines Herstellers mit verschiedenen Lauflängen in der Schießmaschine getestet und die Werte mit dem Chronographen gemessen, die erzielten Ergebnisse sind aber nicht fehlerlos, da es schon von einer Waffe zur anderen Unterschiede in den Fertigungstoleranzen gibt. Da wurde es Zeit, das Problem etwas mehr von der wissenschaftlichen Seite her anzugehen und die tatsächlichen Unterschiede an einem einzigen Revolver zu messen, dessen Lauflänge allmählich verkürzt wurde.

Die Firma Sturm, Ruger & Co., die Revolver herstellt, die eigentlich eine weitaus bessere Behandlung verdient haben als die, die wir ihrem Produkt angedeihen ließen, überließ uns freundlicherweise einen Ruger Super Blackhawk mit langem 10 ½-Zoll-Lauf (267 mm), den wir dann systematisch zersägten. Nachdem der letzte Schnitt gemacht worden war, hatte der Super Blackhawk nur noch einen Laufstummel von 1 ½ Zoll Länge. Den ganzen Test machten wir mit der Waffe in der Ransom-Schießmaschine, die Fluggeschwindigkeiten haben wir mit dem Chronographen gemessen. Wir fingen mit der Originallauflänge an und reduzierten dann um jeweils ein Zoll (2,54 cm) auf 9 ½, 8 ½, 7 ½, 6 ½ Zoll usw.

Die Methode, mit der der Lauf schnell und wirksam verkürzt wurde, war interessant. Ohne die Mitarbeit von George DiLeo könnten Sie diesen Artikel nicht lesen. DiLeo ist ein langjähriger Freund von mir und ein sehr guter Büchsenmacher, der mir in den 17 Jahren, de ich bei ihm jetzt Kunde bin, schon bei meiner Arbeit an der .357-Quadraximum-Wildcat-Patrone und bei zahllosen anderen Projekten geholfen hat. George fand das ideale Werkzeug für das Laufverkürzen, es ist eine Hochleistungsgehrungssäge mit eingebauter Trennscheibe für Metallbearbeitung der Firma Sears Roebuck. Er konstruierte auch den Support, in den der Revolver eingespannt wurde (vorher wurde die Ausstoßerstange ausgebaut) und der dafür sorgte, daß der Schnitt wirklich senkrecht zur Laufachse geführt wurde.

Da wir an dem verkürzten Revolver sowohl die Schußpräzision wie auch die Fluggeschwindigkeit messen wollten, war es wichtig, daß die Laufmündung nach jedem Schnitt präzise angesenkt wurde. Die präzise Schnittführung reduzierte diesen Arbeitsaufwand schon etwas. Die jeweilige Endbearbeitung führte DiLeo mit Laufbearbeitungswerkzeugen der Firma Brownell aus. Beide Werkzeuge liefen auf einem Führungsstift, der stramm eingepaßt im Laufinneren des Revolvers saß. Diese ganzen Arbeiten waren aber nur möglich, weil die komplette Werkzeug- und Maschinenausstattung tragbar war und DiLeo die Arbeiten unmittelbar neben dem Stand ausführen konnte, anstatt dauernd zwischen seiner Büchsenmacherei und dem Schießstand hin und her zu pendeln. Es stellte sich heraus, daß George mit dem Abschneiden des Laufes und den Arbeiten an der Mündung in ungefähr 15 Minuten fertig war.

Ich hatte die gesamte Meßanlage und die Schießmaschine ein paar Meter entfernt von Georges Werkstatteinrichtung aufgestellt. Nach der jeweiligen Schußserie nahm ich den Revolver aus der Schießmaschine und übergab ihn George. Der spannte ihn in den Support der Gehrungssäge ein, schnitt den Lauf ab, spannte die Waffe dann in einen Schraubstock, um die Schnittfläche an der Mündungsoberfläche zu schleifen und zu polieren und senkte dann die Mündung exakt an. Dann bekam ich den großen Ruger-Revolver zurück, setzte ihn wieder in die Schießmaschine ein, feuerte ein paar Schuß ab, damit sich der Revolver richtig in die mit blauem Gummi belegten Spannzangen der Schießmaschine festsetzte, und schoß dann die nächste Probeserie mit jeweils einem Zoll Lauflänge weniger. Tatsächlich schnitt DiLeo immer nur 7/8 Zoll (22,3 mm) vom Lauf ab, aber da die Trennscheibe 1/8 Zoll (3,17 mm) dick war, wurde der Lauf immer genau um ein Zoll verkürzt.

Nachdem der Ruger .44 Magnum wieder fest in den Spannzangen der Schießmaschine saß, schoß ich die gleichen Serien wie mit der vorhergehenden Lauflänge. Ich verwendete drei verschiedene Munitionsarten und schoß damit jeweils Serien von zwölf Schuß. Da ich die Ergebnisse von einer möglichst großen Zahl von Patronenarten haben wollte, deckten die drei verwendeten Munitionssorten die Bereiche Geschoßgewicht und Geschwindigkeit ziemlich gut ab. Die erste Patronensorte war die Pro Load mit 300-grain-Geschoß (19,5 g) JSP, gefolgt von der Federal-Munition Metal Case Profile mit 250-grain-Geschoß (16,25 g), dann kam die Hornady mit 200 grain (13 g) JHP. Bei anderen Schießversuchen kurz vorher hatte sich herausgestellt, daß diese drei .44-Magnum-Munitionssorten zu den präziser schießenden Patronen gehören. Die Fluggeschwindigkeiten reichten von der relativ langsamen Patrone mit dem schweren 300-grain-Geschoß über die mittelschwere Federal-Matchpatrone bis zu den schnellen Leichtgewichten mit 200-grain-Geschoß. Die Geschoßgewichte waren genau abgestimmt – sie wogen 300, 250 und 200 grain. Die Schießergebnisse stehen in der Tabelle weiter hinten, und die gemessenen Werte zeigen unzweideutig, was in diesen ultralangen Läufen passiert.

Eine Sache konnten wir schon sehr bald feststellen: es gibt keinen Zusammenhang zwischen Lauflänge und Schußpräzision. Solange die Revolvermündung plan und sauber angesenkt war, schießt die Waffe mit dem Lauf in Originallänge genauso präzise wie zum Beispiel mit einem 4 ½-Zoll-Lauf. Die Hornady-Munition schoß ein klein wenig präziser. Mit dieser Munition erzielten wir das engste einzelne Trefferbild, der Streukreis lag bei 41,5 mm. Diese ausgezeichnete Präzision stellte sich ein, nachdem der Lauf zweimal abgeschnitten worden und nun 8 ½ Zoll lang war.

Im weiteren Verlauf des Schießens bemerkten wir, daß alle drei Munitionssorten anfingen, nach den Seiten zu streuen. Wir hatten auch eine Anzahl von Hoch- und Tiefschüssen, für die wir keine Erklärung finden konnten. Nachdem sich alle am Projekt beteiligten Schützen einige Zeit den Kopf darüber zerbrochen hatten, dämmerte uns schließlich, was da los war. Je kürzer der Lauf wurde, desto leichter wurde der Revolver, und entsprechend wurde der Rückschlag stärker, selbst im eisernen Griff von Chuck Ransoms Schießmaschine. Am Ruger-Single-Action-Revolver wird der Griffrahmen von fünf Schrauben am Rahmen festgehalten. Der Rückstoß war so stark, daß die Schrauben anfingen, sich loszuarbeiten, am schnellsten die Schraube vorn am Abzugsbügel. Diese vordere Schraube war schon so locker, daß der Griff langsam von der Waffe abzurutschen begann. Nachdem wir das erkannt hatten, zogen wir die Schrauben in regelmäßigen Abständen wieder fest. Wenn die Waffe geführt worden wäre, hätte man natürlich alle betroffenen Schrauben mit Loctite gesichert. Wir hatten aber keines dabei.

So sah der oben gezeigte Ruger .44 Magnum mit 10 ½-Zoll-Lauf nach ein paar Stunden Schieß- und Schneidarbeit aus.

So sah der oben gezeigte Ruger .44 Magnum mit 10 ½-Zoll-Lauf nach ein paar Stunden Schieß- und Schneidarbeit aus.

Beim ersten Durchgang auf dem Schießstand hatten wir den Lauf bis auf 3 ½ Zoll (89 mm) verkürzt, dann hörten wir auf, weil uns die Munition ausgegangen war. Wir erhielten bis dahin Meßwerte von acht verschiedenen Lauflängen, die von 10 ½ bis 3 ½ Zoll reichten. Als ich zurück in der Redaktion von Guns & Ammo war, zeigte ich unserem Herausgeber Red Bell den zurückgestutzten Ruger mit dem kurzen Lauf. Er wog ihn kurz in seiner Hand, dann schlug er vor, daß man ein Aufmacherfoto von der kurzen Waffe beim Verschießen einer starken Ladung machen sollte. „Aber dazu ist er noch nicht häßlich genug“, sagte er. „Schneidet noch ein paar Zoll ab.“ So besorgte ich mir dann noch etwas Munition, fuhr zum Schießstand zurück und machte aus dem 3 ½-Zoll-Revolver zuerst einen Zweieinhalbzöller und dann das Sheriff-Modell von Ruger mit dem 1 ½-Zoll-Lauf. So bekamen wir noch zwei weitere Meßwertserien desselben Revolvers mit insgesamt zehn verschiedenen Lauflängen. Der zuverlässige Oehler-Chronograph lieferte uns bei allen Lauflängen die entsprechenden Meßwerte. Am Ende des Artikels steht eine Tabelle, in der Sie alle in diesem Experiment ermittelten Werte ablesen können. Die erste Spalte zeigt, wie stark die Fluggeschwindigkeiten bei ein und derselben Ladung und Lauflänge abweichen können, es ist jeweils der Unterschied in Meter pro Sekunde zwischen dem langsamsten und dem schnellsten Geschoß bei einer 12-Schuß-Serie angegeben. In der nächsten Spalte steht die durchschnittliche V0, danach kommt die gemessene Abweichung von diesem Durchschnittswert. Diese abweichenden Werte erfreuen das Herz der Statistiker, denn an ihnen kann man ablesen, wie groß die Fertigungstoleranzen von Munition sind. Je kleiner diese Zahlen sind, desto gleichmäßiger schießt die Munition. Bei Pistolenmunition bedeuten eine einstellige Zahl, aber auch noch eine Zahl zwischen zehn und zwanzig ganz einfach, daß die Munition von hervorragender Qualität ist.

Unsere Tabelle zeigt für jede Lauflänge und Ladung noch zwei weitere Zahlen. In der vierten Spalte finden Sie den jeweiligen Geschwindigkeitsverlust in Bezug auf die vorherige Lauflänge. So war die Pro-Load-Munition mit dem 300-grains-Geschoß beim 8 ½-Zoll-Lauf 4 Meter pro Sekunde langsamer als beim 9 ½-Zoll-Lauf – ein relativ kleiner Abfall. In der nächsten Spalte finden Sie den Gesamtgeschwindigkeitsverlust, auf den ursprünglichen 10 ½-Zoll-Lauf bezogen. Bei der gleichen Pro-Load-Patrone lag dieser Verlust bei 8 ½ Zoll Lauflänge bei 11,6 m/sec. Interessant ist auch, daß die Hormady-Patrone mit dem leichten 200-grains-Geschoß von den drei Munitionssorten die präziseste war und anfänglich mit 443 m/sec flog, schließlich beim Schuß aus dem auf 1 ½-Zoll gekürzten Lauf 173 m/sec verloren hatte.

Was meinen Sie nun, was man mit all diesen Messungen beweisen kann? Das Wort Beweis hat einen stark wissenschaftlichen Unterton und sollte nur mit äußerster Vorsicht verwendet werden. Wir haben aber im begrenzten Rahmen unserer Überprüfungen bewiesen, daß die Verkürzung des Laufes bei einem Revolver im Kaliber .44 Magnum einen Rückgang der Fluggeschwindigkeit des Geschosses zur Folge hat. Das war uns eigentlich aber schon vor dem Test ziemlich klar. Nichts auf dieser Welt ist perfekt und sicher, und es ist tröstlich, wenn sich etwas als wahr erweist, was man vorher schon vermutet hatte, es aber nicht beweisen konnte.

Wenn ich unsere Meßwerte mit Erfahrungen von vielen anderen Schießen vergleiche, dann weiß ich genau, daß bei Revolvern eine Lauferkürzung auch einen Geschwindigkeitsverlust nach sich zieht. Wahrscheinlich gibt es von dieser Regel eine Anzahl von Ausnahmen, besonders wenn Sie aus langen Läufen langsame Munition verschießen, aber im großen und ganzen stimmt es. Ich wäre nicht überrascht, wenn die ursprüngliche .44-Russian-Patrone in diesem Revolver bei den längeren Läufen langsamere Werte als bei den kurzen Läufen bringen würde. Das liegt am niedrigen Gasdruck der .44 Russian und an erhöhtem Reibungswiderstand in überlangen Läufen. Die ganzen vorhergehenden Beobachtungen und Erkenntnisse sind sicher interessant, aber welchen praktischen Wert haben sie für den Schützen, der sich einfach nur eine neue Waffe kaufen will?

Manche Munitionsarten brauchen eine bestimmte Geschwindigkeit, um die gewünschte Leistung vollbringen zu können. Das Geschoß muß schon einigermaßen schnell fliegen, damit es aufpilzen bzw. eindringen kann. Beim Weitschuß hat die Geschwindigkeit großen Einfluß auf die Krümmung der Flugbahn. Die Silhouettenschützen wissen schon lange, daß sie eine hohe V0 brauchen, damit die Flugbahn des Geschosses gestreckt wird, außerdem muß das Geschoß schwer sein, damit der Widder auch auf 200 Meter noch umfällt. So wurde auch der Revolver, den wir für diesen Artikel zersägt haben, speziell für Silhouettenschützen, die ja lange Läufe verlangen, gebaut. Aber – und dieses „aber“ muß eigentlich recht groß geschrieben werden – die gleichen Leute nehmen auf die Jagd lieber eine viel handlichere Waffe mit. Rugers Super Blackhawk mit dem 10 ½-Zoll-Lauf ist ein wunderbarer Revolver, aber man kann ihn kaum führen.

Was geben wir also auf, wenn wir uns einen handlicheren Revolver aussuchen? Hier liefert uns unsere Sägeaktion konkrete Werte. Wenn Sie in der Tabelle der von uns ermittelten Werte in der Spalte Geschwindigkeitsverluste nachschauen, sehen Sie, daß bei allen drei verwendeten Munitionsarten bei einer Lauflänge von 7 ½ Zoll der Geschwindigkeitsabfall im Vergleich zur ursprünglichen Lauflänge weniger als 30 m/sec betrug. Wenn noch etwas weiter unten nachgeschaut wird, dann sehen wir, daß auch bei einem 5 ½-Zoll-Lauf bei der gleichen Waffe dieser Verlust immer noch unter 60 m/sec liegt, auch hier wieder bei allen drei Munitionssorten. Da Ruger den Super Blackhawk sowohl mit 7 ½- wie auch mit 5 ½-Zoll-Lauf anbietet, meinen wir, daß diese beiden die bessere Wahl für eine Gebrauchswaffe sind. Der 10 ½-Zoll-Lauf quetscht das letzte bißchen Leistung aus der Patrone und hat eine längere Visierlinie, aber auch wenn Sie sich für eine der kurzläufigeren Varianten entscheiden, haben Sie noch eine sehr leistungsfähige Waffe im Holster.

Interessant ist auch, welchen Einfluß das Geschoßgewicht auf die Abnahme der Fluggeschwindigkeit hat. Allgemein verlieren die schweren Geschosse weniger schnell Geschwindigkeit als die leichteren. Das 300-grain-Geschoß von Pro-Ammo verlor insgesamt gesehen weniger Geschwindigkeit als die Federal-Patrone mit 250 grains, die wiederum besser lag als die Hornady mit 200 grains. Federal und Hornady stritten sich bei allen zehn Lauflängen um den ersten Platz bei der Fluggeschwindigkeit des Geschosses. Das schwere Federal-Geschoß flog schneller und blieb in der Wertung vorn, bis der Lauf auf 6 ½ Zoll verkürzt war. Dann lag Hornady in Führung und blieb dort, bis der Lauf nur noch 3 ½ Zoll lang war, dann führte wieder Federal. Ich bezweifle, daß das eine Bedeutung hat, da die Geschwindigkeitsunterschiede minimal waren, abgesehen von den ganz kurzen Läufen.

Die gute alte Pro-Load-Patrone mit dem 300-grain-Geschoss sollte man mit Ehrfurcht betrachten. Sie verlor beim ganzen Test bis zum kurzen knappen 1 ½-Zoll-Lauf nur insgesamt 108 m/sec und brachte am Ende immer noch eine V0 von 315 m/sec, als schon fast kein Lauf mehr da war. Das 300-grain-Sierra-Geschoß ist so lang und schaut so weit aus der Hülse heraus, daß die Spitze beim Schuß schon beinahe in die Züge greift, während der Geschoßboden die Hülse noch nicht einmal verlassen hat. Sie hat einen furchtbaren Rückschlag, aber sie ist insgesamt gut abgestimmt, und der Gasdruckverlust am Revolverspalt ist minimal.

Wir haben bei diesem Testschießen eine große Menge Erfahrungen gesammelt, aber nur was durch Meßwerte und Überprüfungen belegbar ist, werten wir auch aus. So lädt zum Beispiel Hornady seine Munition mit dem 200-grain-Geschoß JHP/XTP und erzielt damit die in der Tabelle angegebenen Werte. Sie können aber nicht davon ausgehen, daß eine 200-grain-Patrone eines anderen Herstellers die gleichen oder wenigstens ähnliche Werte liefert. Die Wahrscheinlichkeit, daß die Werte ähnlich sind, ist zwar ziemlich groß, man kann aber nicht einfach davon ausgehen. Machen Sie selbst Schießversuche und prüfen Sie das Munitionsverhalten in Ihrer eigenen Waffe. Denken Sie auch daran, daß Läufe von gleicher Länge, die aber von unterschiedlichen Herstellern sind, sich oftmals unterschiedlich verhalten. Nach meiner Erfahrung liefern die Läufe von Smith & Wesson etwas weniger V0 als die Ruger-Läufe. Das gilt für alle Magnum-Kaliber.

Die Tabelle beruht auf tatsächlich gemessenen Werten. Man kann aus diesen Messungen und Beobachtungen eine Reihe von wichtigen Schlüssen ziehen. Eins ist sicher: Wenn eine Waffe genau schießt, dann deswegen, weil sie präzise gefertigt ist, die Länge des Laufes hat damit wenig zu tun. Ganz wichtig ist, daß über 5 oder 6 Zoll hinausgehende Läufe zwar eine längere Visierlinie haben und mehr wiegen, bei der Leistung aber kaum noch etwas mehr bringen.

Mündungsgeschwindigkeit - Lauflänge

* * *

Anhang von Cernunnos:

Die von Wiley Clap erwähnte Tabelle mit den verschiedenen Spalten für relativen Geschwindigkeitsverlust zwischen den Lauflängen, für Gesamtgeschwindigkeitsverlust gegenüber der Originallänge sowie für die Streuung der Geschwindigkeiten bei jeder Lauflänge/Patrone-Kombination war im WAFFEN DIGEST ’93 nicht enthalten, sondern nur die oben wiedergegebene für den durchschnittlichen Geschwindigkeitsabfallverlauf jeder der drei Patronensorten von der Originallauflänge über alle Verkürzungsstufen. Vermutlich war Wiley Claps detailliertere Tabelle nur im Originalartikel in Guns & Ammo drin.

Eine interessante Ergänzung zu Wiley Claps Artikel ist dieser Abschnitt über die Ballistik von Revolvern unter Berücksichtigung des Trommelspalts aus „Handbuch der Faustfeuerwaffen“ von Bock, Weigel, Seitz und Habersbrunner (ISBN 3-7888-0497-1) auf S. 567 – 568:

9.2 Innerballistische Berechnungen

[…]

Zum Schluß sei noch der Einfluß des Luftspaltes auf den Energieverlust bei den Revolvern aufgezeigt, der in den Berechnungen nicht oder nur sehr ungenau berücksichtigt werden kann. Weigel hat im Deutschen Waffen Journal, Heft 1/61, ausführlich darüber berichtet. In Tabelle 9.1 sind für 3 Revolvermodelle die gemessenen Energiewerte in Joule angegeben. Um auch den Einfluß der Lauflänge auf die Geschoßenergie zu zeigen, sind die Werte für verschiedene Lauflängen angegeben worden.

Ballistik Läufe mit + ohne Luftspalt

Aus den Angaben kann man ersehen, daß der Energieverlust durch den Spalt sehr unterschiedlich und erheblich ist, er beträgt z. T. über 30 %. Was den Einfluß der Lauflänge betrifft, so ist auch eine Abhängigkeit von der Munitionsart bzw. der Herkunft festzustellen.

Ein vollständig durchgerechnetes Beispiel ist in der Abbildung 9.5 dargestellt. Eine Patrone Kaliber .38 Spezial wurde mit einem 10,2-g-Geschoß und mit 0,226 g Bullseye-Pulver geladen. Die Walze hatte eine Länge von 40 mm, das Geschoß eine Länge von 19,3 mm. Dann betrug der Weg des Geschoßbodens in der Walze 21 mm. An dieser Stelle ist also der Spalt. Der Gasdruck sinkt plötzlich ab, und die Geschwindigkeitskurve bekommt einen Knick. Die Geschwindigkeitswerte beim Revolver mit Spalt wurden gemessen. Die anderen Daten wurden berechnet. Die gestrichelten Kurven bedeuten den Verlauf von Druck und Geschwindigkeit für einen Lauf ohne Luftspalt.

Ballistik Druck + Geschwindigkeit

Um zu beurteilen, welche Lauflänge noch als zweckmäßig betrachtet werden kann, wollen wir festsetzen, daß die Zunahme der Geschwindigkeit je cm Lauflänge nicht unter den Wert 1 % sinken soll. Diese Grenze liegt bei x = 123 mm. Ziehen wir den Geschoßweg in der Walze ab, dann ergeben sich für die Lauflänge 102 mm. Ein 4“-Lauf ist also für die Patrone [.38 Special] rein ballistisch gesehen gerade richtig, für die Patrone Kaliber .357 Magnum ein solcher von 6 ½“.

Das ist schon aufschlußreich: bei einem .38er-Revolver hat das Geschoß also nach den ersten 21 mm Geschoßweg, bis der Geschoßboden den Luftspalt zwischen Trommelvorderseite und Lauf passiert, schon etwa die Hälfte seiner Geschwindigkeit erreicht. In diesem Kaliber ist man daher mit einer relativ kurzläufigen Waffe schon recht nahe am maximal möglichen Geschwindigkeitspotential, während längere Läufe nur mehr wenig Energiezuwachs bringen. Bei .357ern dagegen nutzen kurzläufige „Snubbies“ die ballistische Leistung der Patrone recht wenig aus, die von Unterhebelrepetiergewehren – bei denen es ja keinen Luftspalt gibt – mit ihren 16-Zoll-Läufen maximal verwertet wird. Eine gute Vergleichsübersicht für .357er-Waffen sind die folgenden praktischen Meßwerte, die Deep Roots hier veröffentlicht hat:

Dazu kann ich sogar einige selbst ermittelte ballistische Daten beisteuern:

MUNITIONSTESTS .357 Mag. aus 6 “-Lauf:
Federal Hydra-Shok 158 grs.: 402 m/s, 825 Joule
Aguila VMRK (1 Schuß): 341 m/s, 593 J
RWS Metal Piercing 158 grs. Code 212 70 24: 405,7 m/s, 840 J
(rote Schachtel)
PMC 158 grs. JSP: 391 m/s , 780 J
GECO TM-FK 158 grs Code 212 76 60: 384 m/s, 752 J
Sellier & Bellot 158 grs Soft Point: 376 m/s, 721 J
Magtech First Defense 95 grs/6,12g: 453 m/s, 628 J
Magtech SJSP Flat (357A) 158 grs: 364 m/s, 675 J

MUNITIONSTESTS .357 Mag. aus 4 “-Lauf (kürzere Ausführung desselben Revolvermodells, aus dem die oben angegebenen 6-Zoll-Werte ermittelt wurden):

Federal Hydra-Shok 158 grs.: 366 m/s, 683 J
GECO TM-FK 158 grs. Code 212 76 60: 363 m/s, 672 J
Sellier & Bellot 158 grs. Soft Point: 359 m/s, 657 J
Magtech SJSP Flat (357A) 158 grs: 343 m/s, 600 J

MUNITIONSTESTS .357 Mag. aus 2 ½ “-Lauf (anderes Revolverfabrikat als die beiden oberen):

Federal Hydra-Shok 158 grs.: 326 m/s, 542 J
GECO TM-FK 158 grs. Code 212 76 60: 331 m/s, 558 J
Sellier & Bellot 158 grs. Soft Point: 331 m/s, 558 J
Magtech SJSP Flat (357A) 158 grs: 301 m/s, 462 J

Vor kurzem konnte ich auch einen Ruger SP 101 (in .357 Mag.) in der kurzläufigsten Variante (2 1/4″) schießen, und zwar mit den recht starken Hirtenberger-Teilmantelpatronen. Geschwindigkeitsmessungen habe ich dabei zwar keine vorgenommen, aber wie viel von der Pulverenergie bei so kurzen Läufen als spektakulärer Feuerball mit entsprechender Druckwelle vor der Mündung verpufft, hat sich gezeigt, als bei jedem Schuß Verputzbrösel von einer schadhaften Stelle im Deckenputz über mir auf mich herabrieselten. Bei den nächsten Trommelfüllungen habe ich dann immer darauf geachtet, nicht unter dieser Stelle zu stehen.

Aus dem 16″-Lauf meines Unterhebelrepetierers Marlin 1894 CS sahen die Meßwerte so aus:

Magtech 158 grs. SJSP: 453 m/s, 1.046 J
GECO VM-Kegelstumpf 158 grs.: 466 m/s, 1.110 J
PMP Teilmantel 158 grs.: 521 m/s, 1.385 J
Fiocchi Teilmantel 125 grs.: 544 m/s, 1.195 J
Sellier & Bellot VM-FK 158 grs.: 477 m/s, 1.165 J
Hirtenberger GEK 158 grs. TM: 503 m/s, 1.295 J
GECO TM-FK 158 grs Code 212 76 60: 448 m/s, 1.024 J
Fiocchi 158 grs. SJSP: 509 m/s, 1.321 J
Sellier & Bellot 158 grs Soft Point: 449 m/s, 1.028 J
Magtech First Defense 95 grs/6,12g: 632 m/s, 1.222 J
Federal Hydra-Shok 158 grs.: 511 m/s, 1.332 J

Zum Schluß noch ein paar Leseempfehlungen:

Lauflänge und Anfangsgeschwindigkeit von Thomas Hartl (wo ich im Kommentarbereich versprochen habe, diesen Artikel von Wiley Clap einmal zu bringen)
Drei Kurze bitte! Zielballistik von Taschenrevolvern in .38 Special und .357 Magnum von Tino Schmidt & Stefan Perey
Büchsen-Licht 2: Unterhebelrepetiergewehre von Deep Roots
Hülsenfrüchte 1: Schrotpatronen für Faustfeuerwaffen von Deep Roots

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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