Heinleins Sternenkrieger (2): Kapitel 2

Sternenkrieger Rückseite

Von Robert Anson Heinlein; aus der deutschen Erstausgabe von 1979 (ISBN 3-404-01280-1), übersetzt von Bodo Baumann. Das Original „Starship Troopers“ wurde 1959 veröffentlicht. Bereits in diesem Blog erschienen: Heinleins Sternenkrieger (1): Kapitel 1.  (Online-Quelle hier.)

It scared me so, I hooked it off,
Nor stopped as I remember,
Nor turned about till I got home,
Locked up in mother’s chamber.
Yankee doodle, keep it up,
Yankee doodle dandy,
Mind the music and the step,
And with the girls be handy.

Ich hatte nie ernsthaft vor, anzumustern.

Und schon gar nicht bei der Infanterie! Ich hätte mich lieber öffentlich auspeitschen und mir den Vorwurf meines Vaters gefallen lassen, daß ich seinen stolzen Namen beschmutzt hätte. Oh, ich hatte mal etwas meinem Vater gegenüber verlauten lassen, gegen Ende meiner Schulzeit in der Abiturklasse, daß ich mich mit dem Gedanken beschäftigte, ob ich mich nicht freiwillig zur Armee melden sollte. Vermutlich trägt sich jeder Junge mit diesem Gedanken, wenn sein achtzehnter Geburtstag heranrückt, und meiner fiel in die Woche unseres Abschlußexamens. Natürlich spielen die meisten von ihnen nur mit dem Gedanken, sich zu bewerben, und tun dann doch etwas anderes – gehen aufs College, besorgen sich einen Job oder dergleichen. Vermutlich hätte ich das auch getan, wenn nicht mein bester Freund sich mit der todernsten Absicht getragen hätte, dem Militär beizutreten.

Carl und ich hatten in der Oberschule alles immer gemeinsam unternommen – den Mädchen nachgesehen, sie gleichzeitig zum Rendezvous bestellt, im gleichen Klub debattiert und zusammen in seinem Heimlaboratorium die Elektronen gebändigt. Ich war kein großes Licht in theoretischer Elektronik, aber ich konnte geschickt mit einem Lötkolben umgehen. Carl sorgte für das Gehirnschmalz, und ich führte seine Anweisungen aus. Es machte Spaß. Alles, was wir gemeinsam anstellten, machte Spaß. Carls Eltern besaßen nicht annähernd so viel Geld wie mein Vater, aber das hatte keinen Einfluß auf unser Verhältnis. Als mein Vater mir zu meinem vierzehnten Geburtstag einen Rolls-Copter schenkte, gehörte er Carl genauso wie mir. Im umgekehrten Sinne galt das auch für sein Laboratorium.

Deshalb gab es mir zu denken, als Carl mir anvertraute, daß er sein Studium unterbrechen und erst seinen Wehrdienst leisten würde. Er meinte es wirklich so, wie er es sagte. Offenbar hielt er das für eine richtige und naheliegende Entscheidung.

Deshalb sagte ich ihm, ich würde mich freiwillig melden. Er warf mir einen seltsamen Blick zu. „Dein alter Herr wird das nicht erlauben.“

„Ha? Wie könnte er das verhindern?“ Und selbstverständlich konnte er das auch nicht, nicht gesetzlich. Es ist die erste vollkommen freie Entscheidung (und vielleicht die letzte), die ein Junge oder ein Mädchen treffen kann, wenn er – oder sie – achtzehn Jahre alt wird. Sie können sich freiwillig zum Wehrdienst melden, und kein anderer darf ihnen in dieser Sache etwas dreinreden.

„Warte es nur ab.“ Carl wechselte das Thema.

Also setzte ich mich mit meinem Vater auseinander, vorsichtig, auf Umwegen.

Er legte seine Zeitung und seine Zigarre beiseite und starrte mich an. „Bist du verrückt geworden, Sohn?“

„Ich glaube nicht“, murmelte ich.

„Nun, es hört sich aber so an“. Er seufzte. „Trotzdem… ich hätte so etwas erwarten müssen; es ist eine voraussehbare Phase bei einem heranwachsenden jungen Mann. Ich erinnere mich noch daran, als du das Gehen lerntest und kein Baby mehr warst – offen gestanden warst du eine Zeitlang ein kleiner Teufel. Du zerbrachst damals eine von Mutters Ming-Vasen – absichtlich. Da bin ich ganz sicher… aber du warst noch zu jung, um zu begreifen, daß es sich
um ein kostbares Stück handelte. Also bekamst du nur einen Klaps auf die Hand. Ich kann mich auch noch gut an den Tag erinnern, als du mir eine Zigarre stahlst – und wie schlecht es dir davon wurde. Deine Mutter und ich haben damals absichtlich vermieden, dich zur Rede zu stellen, als du dann kein Abendbrot essen konntest, und es ist das erste Mal, daß ich zu dir darüber spreche. Kinder müssen solche Dinge ausprobieren und selbst darauf kommen, daß ihnen die Laster der Erwachsenen schaden. Wir sahen dir zu, wie du den Wendepunkt zwischen Kindheit und Jüngling erreichtest und dir bewußt wurde, daß Mädchen anders sind – und wunderbar.“ Er seufzte erneut. „Alles normale Entwicklungsstufen. Und dann die letzte Phase, ehe man richtig erwachsen ist, in der ein Junge sich entschließt, zum Militär zu gehen und eine hübsche Uniform zu tragen. Oder er ist überzeugt, es sei die große Liebe, so groß, wie sie noch keiner vor ihm erlebt hat – und daß er sie auf der Stelle heiraten müsse. Oder beides.“ Er lächelte grimmig. „Bei mir war es beides. Aber ich kam in beiden Fällen noch rechtzeitig auf den Boden, der Wirklichkeit zurück, ehe ich einen Narren aus mir machte und mein Leben ruinierte.“

„Aber, Vater, ich würde mein Leben nicht ruinieren. Ich werde nur Zeitsoldat – mache keine Karriere daraus.“

„Dann diskutieren wir es aus, okay? Ich werde dir sagen, was du tun wirst – weil du es von mir hören willst. Also hör zu. Erstens hat sich diese Familie seit mehr als hundert Jahren aus der Politik herausgehalten und sich nur um ihre eigenen Angelegenheiten gekümmert. Ich sehe keinen Anlaß, warum du diese stolze Tradition unterbrechen solltest. Vermutlich steckt dieser Bursche an deiner Schule dahinter – wie heißt er doch gleich? Du weißt schon, wen ich meine!“

Er bezog sich auf unseren Lehrer für Geschichte und Moralphilosophie – selbstverständlich ein ehemaliger Soldat. „Mr. Dubois.“

„Ahem, ein blöder Name – paßt zu ihm. Zweifellos ein Ausländer. Es sollte untersagt werden, die Schulen als getarnte Rekrutierungsstationen zu benützen. Ich denke, ich sollte einen Beschwerdebrief schreiben – ein Steuerzahler hat auch Rechte!“

„Aber Vater! Er wirbt doch gar nicht! Er…“ Ich unterbrach mich, weil ich nicht wußte, wie ich ihn beschreiben sollte. Mr. Dubois hatte eine schnoddrige, anmaßende Art. Er behandelte uns so, als wäre keiner von uns wirklich gut genug für den Militärdienst. Ich mochte ihn nicht. „Er tut eher das Gegenteil, entmutigt uns.“

„Ahem! Weißt du nicht, wie man einen Esel aufs Eis lockt? Nun, lassen wir das. Wenn du das Examen bestehst, wirst du Betriebswirtschaft in Harvard studieren; das weißt du bereits. Danach verbringst du ein paar Semester an der Sorbonne, gehst auf Reisen, machst dich mit unseren Generalvertretungen bekannt und schnupperst ein bißchen bei der Konkurrenz hinein. Dann kommst du wieder nach Hause und gehst an die Arbeit. Du wirst ganz unten anfangen, als Knochenarbeiter, Lagerverwalter oder ähnliches, aber das ist nur Formsache. Denn ehe du dich versiehst, wirst du dich auf einem leitenden Posten wiederfinden, weil ich nicht jünger werde. Und je früher du dir Verantwortung auf die Schulter lädst, umso besser ist es für dich. Sobald du tüchtig und verantwortungsbewußt genug dafür bist, wirst du der Boß sein. Nun, wie gefällt dir dieses Programm? Willst du statt dessen zwei Jahre deines Lebens vergeuden?“

Ich sagte nichts dazu. Es war keine Neuigkeit für mich, und ich hatte gründlich darüber nachgedacht. Vater stand auf und legte eine Hand auf meine Schulter. „Glaube nicht, mein Sohn, daß ich nicht mit dir sympathisiere; ich fühle mit dir. Aber halten wir uns doch an die Tatsachen. Hätten wir einen Krieg, wäre ich der erste, der dich ermunterte – und der seine Firma auf den Kriegsbedarf umstellte. Aber wir befinden uns nicht in einem Krieg und, gottlob, wird es keinen Krieg mehr geben. Wir haben den Krieg überwunden. Auf diesem Planeten herrschen Frieden und Glück, und wir unterhalten sehr gute Beziehungen zu anderen Planeten. Was bedeutet also diese sogenannte ‚Bundes-Wehr’? Schmarotzertum, nichts anderes. Eine funktionslose Einrichtung, ein nutzloses Fossil, das dem Steuerzahler auf der Tasche liegt. Eine sündhaft teure Art, minderwertige Leute ein paar Jahre lang auf öffentliche Kosten zu beschäftigen, die sonst arbeitslos sein würden und sich anschließend bis zu ihrem Lebensende noch damit brüsten. Willst du so ein Schmarotzer werden?“

„Carl ist nicht minderwertig!“

„Entschuldigung, nein, er ist ein ordentlicher Junge… aber falsch beeinflußt.“ Sein finsteres Gesicht hellte sich auf, und er lächelte mich an. „Ich hatte dich eigentlich damit überraschen wollen, mein Sohn – als Geschenk für dein bestandenes Examen. Aber ich werde es dir jetzt schon verraten, damit du dir diesen Unsinn leichter aus dem Kopf zu schlagen vermagst. Nicht, daß mir bange wäre, du könntest aus der Art schlagen; ich habe Vertrauen zu deinen guten Anlagen, obwohl du noch sehr jung bist. Aber du bist verwirrt, ich weiß – und dieses Geschenk wird deine Grillen vertreiben. Kannst du raten, was es ist?“

„Äh – nein.“

Er grinste. „Eine Erholungsreise zum Mars.“

Ich war wie vom Donner gerührt. „Himmel, Vater, ich hatte ja keine Ahnung…“

„Es sollte eine Überraschung sein, und wie ich sehe, ist sie mir auch gelungen. Ich weiß, wie reisewütig ihr jungen Leute seid, obgleich ich nicht verstehe, was man daran findet, wenn man zum ersten Mal auf einem anderen Planeten gewesen ist. Aber für dich ist es genau die richtige Zeit, so eine Reise zu unternehmen – ganz allein; erwähnte ich das schon? – und auf andere Gedanken zu kommen… denn wenn du erst einmal in Amt und Würden bist, hast du so viele Dinge um die Ohren, daß du dir nicht einmal eine Woche für Luna freinehmen kannst.“

Er nahm seine Papiere wieder hoch. „Nein, bedanke dich jetzt nicht, zieh los und laß mich dieses Memorandum fertigstellen – ich erwarte in Kürze ein paar Herren. Geschäftlich.“

Ich empfahl mich. Ich glaube, er dachte, damit sei das Problem erledigt… und vermutlich dachte ich das auch. Mars! Eine Urlaubsreise zum Mars ohne meine Eltern! Doch ich erwähnte Carl gegenüber nichts davon; ich hatte den leisen Verdacht, daß er die Reise als Bestechung auslegen würde. Vielleicht war sie das auch. Ich sagte ihm nur, daß meine Ansichten und die meines Vaters sich offenbar nicht deckten.

„Meiner ist auch dagegen“, erwiderte er. „Aber es ist mein Leben.“

An diesen Satz mußte ich denken in unserer letzten Unterrichtsstunde in Geschichte und Moralphilosophie. G. & M. P. unterschied sich von den anderen Unterrichtsfächern, daß jeder daran teilnehmen mußte, aber keine Prüfung abzulegen brauchte – und Mr. Dubois war es offenbar gleichgültig, ob er eine pädagogische Wirkung erzielte oder nicht. Er pflegte nur mit dem Stumpf seines linken Armes (er merkte sich nie einen Namen) auf einen Schüler zu deuten und ihn mit einer Frage zu bombardieren. Daraus entstand dann eine Debatte.

Doch an dem letzten Tag schien er feststellen zu wollen, was wir gelernt hatten. Eine Schülerin machte sich das einfach und sagte: „Meine Mutter behauptet, daß Gewalt zu nichts führt.“

„So?“ Mr. Dubois blickte sie düster an. „Ich bin sicher, die Stadtväter von Karthago wären froh über dieses Orakel. Warum teilt deine Mutter es ihnen nicht mit? Oder warum tust du es nicht?“

Sie hatten sich schon häufig während des Unterrichts gekabbelt, und da man in diesem Fach nicht durchfallen konnte, war es auch nicht nötig, Mr. Dubois Honig ums Maul zu schmieren. Sie erwiderte schrill: „Sie wollen mich wohl auf den Arm nehmen! Jeder weiß, daß Karthago zerstört wurde!“

„Du schienst das aber nicht zu wissen“, entgegnete er grimmig. „Da dir jedoch diese geschichtliche Tatsache vertraut ist, mußt du auch zugeben, daß die Gewalt ihr Schicksal sehr gründlich entschieden hat, oder etwa nicht? Ich wollte dich nicht lächerlich machen, das war nicht meine Absicht, sondern nur meine Verachtung für eine unentschuldbar törichte Meinung ausdrücken, wie es mein Prinzip ist. Jedem, der sich an die historisch unhaltbare – und absolut unmoralische – Lehrmeinung klammert, daß ‚die Gewalt nie zu etwas führe’, würde ich raten,
die Geister von Napoleon Bonaparte und des Herzogs von Wellington zu beschwören und darüber debattieren zu lassen. Hitlers Geist könnte den Schiedsrichter spielen, und die Geschworenen sollten sich aus dem Dodo, dem großen Alk und anderen ausgerotteten Vogelarten zusammensetzen. Kein Faktor hat bei geschichtlichen Entscheidungen eine größere Rolle gespielt als die nackte Gewalt, und die gegenteilige Ansicht ist ein geradezu verbotenes Wunschdenken. Jede Spezies, die diese Grundwahrheit verleugnete, mußte immer dafür mit ihrem Leben und ihrer Freiheit bezahlen“.

Er seufzte. „Wieder ein Abschlußjahrgang – und wieder eine Niederlage für mich. Man kann einem Kind Wissen vermitteln, aber man kann es nicht zum Denken zwingen“. Plötzlich deutete sein Stumpf auf mich. „Du. Welchen moralischen Unterschied, falls überhaupt, gibt es zwischen dem Soldaten und dem Zivilisten?“

„Der Unterschied“, erwiderte ich vorsichtig, „zeigt sich auf dem Gebiet der staatsbürgerlichen Tugend. Ein Soldat übernimmt persönliche Verantwortung für die Sicherheit einer politischen Gemeinschaft, zu der er gehört, und wird sie nötigenfalls sogar mit dem Preis seines Lebens verteidigen. Der Zivilist tut so etwas nicht“.

„Fast wortwörtlich aus dem Lehrbuch“, sagte er verächtlich. „Aber verstehst du das auch? Glaubst du daran?“

„Äh – ich weiß nicht, Sir“.

„Natürlich glaubst du nicht daran! Ich bezweifle, daß jemand von euch die ‚staatsbürgerliche Tugend’ erkennen würde, wenn sie unter euch erschiene und euch ins Gesicht schreien würde!“ Er blickte auf seine Uhr. „Und damit ist auch diese Stunde und mein Unterricht zu Ende. Vielleicht werden wir uns einmal unter glücklicheren Umständen wiedersehen. Ihr könnt gehen“.

Gleich danach kam das Examen und drei Tage später mein Geburtstag, gefolgt von Carls Wiegenfest innerhalb einer knappen Woche – und ich hatte Carl immer noch nicht gestanden, daß ich mich nicht freiwillig melden würde. Sicherlich setzte er bereits meine negative Entscheidung voraus, aber wir redeten nicht darüber – ein unmöglicher Zustand. Ich sagte nur zu, daß ich ihn am Tage nach seinem Geburtstag abholen und zum Rekrutierungsbüro begleiten würde.

Auf der Treppe vor dem Musterungsbüro trafen wir Carmencita Ibanez, eine Klassenkameradin und ein Anblick, der uns daran erinnerte, daß wir glücklicherweise einer Rasse mit zwei getrennten Geschlechtern angehörten. Carmen war nicht mein Mädchen – sie war mit niemandem liiert. Sie verabredete sich niemals zweimal hintereinander mit dem gleichen Jungen und behandelte uns alle mit der gleichen Freundlichkeit und recht unpersönlich. Doch ich kannte sie ziemlich gut, da sie häufig zu uns kam und unser Schwimmbecken benützte, weil es die olympischen Maße besaß – manchmal mit dem einen Klassenkameraden, manchmal mit einem anderen. Oder sie kam allein, weil Mutter sie darum bat – Mutter betrachtete sie als einen „guten Einfluß“. Ausnahmsweise hatte sie recht.

Sie sah uns und wartete. „Hallo, Jungs!“ rief sie und zeigte ihre Grübchen.

„Hallo, Ochee Chyornya“, antwortete ich. „Was bringt dich hierher?“

„Ist das so schwer zu erraten? Heute ist mein Geburtstag.“

„He? Unsere herzlichsten Glückwünsche!“

„Und deshalb melde ich mich freiwillig.“

„Oh…“ Ich glaube, Carl war nicht weniger überrascht als ich. Doch das war typisch für Carmencita: Sie tratschte nie und behielt ihre Privatangelegenheiten für sich. „Ist das dein Ernst?“

„Das ist kein Spaß. Ich möchte Raumschiffpilot werden – wenigstens werde ich versuchen, einer zu werden“.

„Kein Grund, warum du es nicht schaffen solltest“, erwiderte Carl rasch. Er hatte recht – ich weiß inzwischen, wie recht er hatte. Carmen war klein, adrett, vollkommen gesund und mit perfekten Reflexen ausgestattet – beim Wettkampf tauchte sie so mühelos, als wäre sie mit Kiemen ausgestattet, und in Mathematik war sie ein As. Ich war über eine Drei in Algebra und eine Zwei in Wirtschaftsarithmetik nie hinausgekommen. Sie hatte alle Mathematikkurse belegt, die unsere Schule zu bieten hatte, und nebenbei noch einen Privatlehrer für Fortgeschrittene beschäftigt. Aber ich hatte mich nie gefragt, warum sie das tat. Tatsächlich war die kleine Carmen so attraktiv, daß man gar nicht auf den Gedanken kam, sie könne noch etwas anderes sein als schön.

„Wir – äh, ich“, sagte Carl, „bin hier, um mich ebenfalls freiwillig zu melden“.

„Ich auch“, zog ich nach. „Wir beide“. Nein, ich hatte mich gar nicht dazu entschlossen; mein Mund ging mit mir durch.

„Oh, großartig!“

„Und ich werde mich ebenfalls als Raumschiff-Pilot bewerben“, setzte ich entschlossen hinzu.

Sie lachte mich nicht aus, sondern sagte ernsthaft: „Oh, das finde ich großartig! Vielleicht treffen wir uns mal bei der Ausbildung. Das wäre nett“.

„Auf Kollisionskurs?“ fragte Carl. „Bruchpiloten brauchen sie bestimmt nicht“.

„Sei nicht albern, Carl. Wir treffen uns natürlich nur auf dem Boden. Willst du dich auch als Pilot bewerben?“

Ich?“ erwiderte Carl entrüstet. „Ich bin doch kein Lastwagenfahrer! Du kennst mich doch – galaktisches F & E, wenn sie mich haben wollen. Elektronik.“

„Lastwagenfahrer, unerhört! Hoffentlich stecken sie dich in eine Garnison auf Pluto und lassen dich dort frieren. Nein, das wäre nichts für mich. Aber trotzdem – viel Glück! Gehen wir hinein?“

Die Rekrutierungsstation befand sich hinter einer Barriere in dem Kuppelbau. Ein Navy-Sergeant saß dort hinter einem Pult in einer Paradeuniform, farbenprächtig wie in einem Zirkus. Seine Brust war mit Ordensschlaufen bedeckt, die ich nicht entziffern konnte. Sein rechter Arm war so knapp am Schultergelenk amputiert, daß man an seinem Waffenrock den Ärmel weggelassen hatte… und als wir vor der Barriere standen, konnten wir sehen, daß ihm auch die Beine fehlten.

Es schien ihn nicht zu stören. „Guten Morgen“, sagte Carl, „ich möchte mich freiwillig melden“.

„Ich ebenfalls“, setzte ich hinzu. Er beachtete uns nicht. Er verbeugte sich leicht, während er sich setzte, und sagte: „Guten Morgen, mein Fräulein, was kann ich für Sie tun?“

„Ich möchte mich ebenfalls beim Bund bewerben“.

Er lächelte. „Das freut mich! Wenn Sie sich bitte zum Zimmer Nummer 201 bemühen und nach Major Rojas fragen würden, wird sie sich um Ihre Bewerbung kümmern“. Er betrachtete sie von Kopf bis Fuß. „Pilot?“

„Wenn ich geeignet bin“.

„Sie sehen wie ein Pilot aus. Nun, sprechen Sie mit Miss Rojas“.

Sie verließ uns mit einem Dank an die Adresse des Sergeants und einem „Wir sehen uns noch“ an uns. Der Sergeant schenkte uns jetzt seine Aufmerksamkeit, betrachtete uns nüchtern und zeigte nicht eine Spur der Liebenswürdigkeit, mit der er die kleine Carmen behandelt hatte. „So?“ sagte er. „Wofür? Für den Arbeitsdienst?“

„Oh nein!“ sagte ich. „Ich will Pilot werden“.

Er starrte mich an und richtete dann seinen Blick auf Carl. „Du?“

„Ich interessiere mich für das Forschungs- und Entwicklungskorps“, antwortete Carl nüchtern. „Besonders für die elektronische Abteilung. Wie ich gehört habe, bestehen gute Aussichten, daß man dort angenommen wird“.

„Sie sind gut, wenn du dich eignest“, erwiderte der Navy-Sergeant grimmig, und sie sind schlecht, wenn du den Anforderungen nicht genügst. Könnt ihr euch denken, Jungs, warum sie mich hier an dieses Pult gesetzt haben?“

Ich verstand die Frage nicht. „Warum?“ erkundigte sich Carl.

„Weil die Regierung sich einen Dreck darum schert, ob ihr anmustert oder nicht! Weil es bei gewissen Leuten zur Mode geworden ist – bei zu vielen Leuten – sich beim Bund zu bewerben, sich sein Wahlrecht zu verdienen und dann eine Ordensschnalle am Revers tragen zu dürfen, die sie als Veteranen auszeichnet, gleichgültig, ob sie einen Einsatz mitgemacht haben oder nicht. Aber wenn ihr beim Bund dienen wollt und ich es euch nicht ausreden kann, dann müssen wir euch nehmen, weil das zu euren Grundrechten gehört. Die Verfassung garantiert jedem Mann und jeder Frau mit der Geburt das Recht, seinen Dienst beim Bund abzuleisten und damit sein volles Bürgerrecht zu erlangen – aber tatsächlich sind wir in arger Verlegenheit, für die vielen Freiwilligen eine Tätigkeit zu finden, die nicht nur aus glorifiziertem Kartoffelschälen besteht. Ihr könnt nicht alle echte Soldaten sein; wir brauchen nicht so viele, und die meisten Freiwilligen haben sowieso nicht das Zeug zu einem erstklassigen Soldaten. Habt ihr eine Ahnung, was man dazu braucht?“

„Nein“, räumte ich ein.

„Die meisten Leute glauben, daß man dazu nur zwei Hände, zwei Füße und einen Strohkopf benötigt. Vielleicht braucht man so etwas als Kanonenfutter. Möglicherweise war diese Qualifikation ausreichend für Julius Cäsar. Aber ein ausgebildeter Soldat ist heutzutage ein Spezialist, so hoch qualifiziert, daß er in jedem anderen Beruf als Meister gelten würde. Wir können uns keine Strohköpfe leisten. Also müssen wir uns für diejenigen, die darauf bestehen, ihren Wehrdienst zu leisten – ohne mitzubringen, was wir brauchen und verlangen müssen – eine ganze Liste von schmutzigen, unangenehmen, gefährlichen Jobs ausdenken, die diese Leute zwingt, ihren Wehrdienst abzubrechen und mit eingeklemmtem Schwanz wieder nach Hause zu laufen. Oder wir müssen ihnen für den Rest des Lebens einen Denkzettel mitgeben, wie kostbar das Bürgerrecht für sie ist, indem sie einen hohen Preis dafür bezahlt haben. Nehmt zum Beispiel diese junge Dame, die sich eben beworben hat – sie möchte Pilot werden. Ich hoffe, daß es ihr gelingt – wir haben immer Bedarf an guten Piloten, bekommen nie die Planstellen voll. Vielleicht schafft sie es. Aber wenn sie den Anforderungen nicht genügt, landet sie vielleicht in Antarktika und bekommt rote Ränder um ihre hübschen Augen, weil sie immer im künstlichen Licht sitzen muß – und Schwielen an den Händen von der harten Schmutzarbeit“.

Ich hätte ihm sagen können, daß es Carmencita mindestens bis zum Computer-Programmierer bei der Raumbeobachtung bringen würde, weil sie tatsächlich ein Genie in Mathematik war. Aber er hatte sich ja das Wort erteilt.

„Also hat man mich hier an dieses Pult gesetzt, um euch den Wind aus den Segeln zu nehmen, Jungs. Schaut euch das an“. Er schob seinen Stuhl so weit zur Seite, damit wir uns überzeugen konnten, daß er tatsächlich keine Beine mehr besaß. „Nehmen wir mal an, daß ihr nicht wegen mangelnder Qualifikation Tunnels auf Luna graben oder menschliche Versuchskaninchen für die Erprobung bakteriologischer Abwehrstoffe spielen müßt. Nehmen wir weiter an, wir machen tatsächlich Soldaten aus euch. Dann schaut mich einmal an – so etwas könnte euch auch passieren… falls ihr nicht gleich ganz krepiert und euren Eltern nur ein amtliches Beileidstelegramm als Andenken hinterlaßt. Diese Wahrscheinlichkeit ist größer, weil heutzutage bei der Ausbildung oder im Kampfeinsatz nicht mehr viele verwundet werden. Wenn es euch erwischt, könnt ihr beim Bund nur einen Sarg erwerben. Ich bin die seltene Ausnahme. Ich hatte Glück – obgleich ihr es wahrscheinlich als zweifelhaftes Glück betrachten werdet“.

Er ließ eine Pause verstreichen und fügte dann hinzu: „Warum geht ihr zwei nicht wieder nach Hause, besucht das College und werdet Chemiker, Versicherungsmakler oder dergleichen? Der Dienst beim Bund ist kein Aufenthalt in einem Pfadfinderlager – er ist ein echter Wehrdienst, hart und gefährlich, selbst in Friedenszeiten. Zumindest ist er eine naturgetreue Nachbildung davon. Keine Erholung, kein romantisches Abenteuer. Nun?“

„Ich bin hier, um mich freiwillig zu melden“, sagte Carl.

„Ich ebenfalls“.

„Ihr wißt, daß ihr euch die Waffengattung nicht selbst aussuchen könnt?“

„Ich dachte, wir dürften unsere Wünsche anmelden“, sagte Carl.

„Sicher könnt ihr das. Und das ist dann der letzte Wunsch, den ihr bis zum Ende eurer Dienstzeit äußern dürft. Der Rekrutierungsoffizier wird diesen Wunsch auch berücksichtigen. Aber zunächst einmal wird er nachprüfen, ob in dieser Woche ein Platz für einen linkshändigen Glasbläser frei ist – falls ihr glaubt, daß euch so etwas glücklich machen würde. Nach seinem widerstrebenden Zugeständnis, daß für euren Wunsch auch ein Bedarf besteht – wahrscheinlich auf dem Boden des Pazifischen Ozeans – testet er eure angeborenen und erworbenen Eigenschaften. Vielleicht einmal in zwanzig Fällen muß er zugeben, daß alles zusammenpaßt, und ihr bekommt den Job, bis irgendein Witzbold euch auf einen ganz anderen Posten in Marsch setzt. Doch in den anderen neunzehn Fällen schlägt er euren Wunsch ab und sieht in euch den idealen Kandidaten für die Erprobung einer Notausrüstung auf dem Titan.“ Er fügte nachdenklich hinzu: „Es ist sehr kalt auf dem Titan. Und es ist erstaunlich, wie oft so eine Ausrüstung in der Erprobung ausfällt. Man muß sie nämlich unter harten Frontbedingungen testen – im Laboratorium erhält man nie die Antworten auf alle Fragen“.

„Ich könnte mich für die Elektronik qualifizieren“, sagte Carl selbstbewußt, „wenn es auf diesem Gebiet offene Stellen gibt.“

„So? Und wie steht es mit dir, Kleiner?“

Ich zögerte, und plötzlich begriff ich, daß ich mich mein ganzes Leben lang fragen würde, ob ich etwas anderes war als nur der Sohn vom Boß, wenn ich meinen Mut nicht zusammennahm. „Ich werde es darauf ankommen lassen“.

„Nun, ihr könnt nicht behaupten, ich hätte nicht versucht, euch abzuraten. Habt ihr eure Geburtsscheine bei euch? Und zeigt mir mal eure Personalausweise.“

Zehn Minuten später waren wir immer noch nicht vereidigt, sondern befanden uns im oberen Stockwerk, wo man uns abklopfte, in den Mund schaute und durchleuchtete. Ich hatte den Eindruck, daß der Sinn dieser ärztlichen Untersuchung darin bestand, alles daranzusetzen, dich krank zu machen, wenn du nicht krank bist. Und wenn dieser Versuch scheitert, bist du angenommen.

Ich fragte einen der Ärzte, wieviel Prozent der Opfer bei dieser Untersuchung durchfielen. Er sah mich überrascht an. „Wieso? Wir lassen nie jemanden durchfallen. Das Gesetz verbietet uns das.“

„Wie war das? Ich meine, wie bitte, Doktor? Warum läßt man uns dann mit Gänsehaut Revue passieren?“

„Nun“, erwiderte er, holte aus und schlug mir mit einem Hammer gegen das Knie (ich trat ihn, aber nicht sehr kräftig), „wir bilden uns ein Urteil, welchen Anforderungen Sie körperlich gewachsen sind. Aber falls Sie in einem Rollstuhl zu uns gekommen wären und blind auf beiden Augen und trotzdem so hirnverbrannt, auf Ihrem Wehrdienst zu bestehen, würde man schon etwas Verrücktes und Passendes für Sie finden. Zum Beispiel, die Haare einer Raupe mit den Fingerspitzen abzuzählen. Abgewiesen werden Sie nur, wenn der Psychiater befindet, Sie wären nicht in der Lage, den Fahneneid zu verstehen.“

„Oh. Äh… Doktor, waren Sie bereits Arzt, als Sie der Armee beitraten? Oder wurde hier beschlossen, Sie sollten Arzt werden, und man schickte Sie auf die Universität?“

Ich?“ Er schien schockiert. „Sehe ich wirklich so hirnrissig aus, Junge? Ich bin Zivilangestellter.“

„Oh, Entschuldigung, Sir.“

„Keine Ursache. Aber Militärdienst ist was für Ameisen. Glaub mir! Ich sehe sie gehen, ich sehe sie zurückkommen – wenn sie überhaupt zurückkommen. Ich sehe, was man ihnen angetan hat. Und wofür? Für ein vollkommen unbedeutendes politisches Privileg, das nicht einen Centavo einbringt und für das die meisten gar nicht das Format mitbringen, es auch vernünftig ausüben zu können. Ja, wenn wir Mediziner das Sagen hätten – aber lassen wir das. Sonst denkst du noch, ich wollte deine Wehrkraft zersetzen, obwohl uns nach dem Grundgesetz das Maul nicht verboten ist. Aber wenn du klug genug bist, bis zehn zählen zu können, würde ich an deiner Stelle von der Bewerbung zurücktreten, solange es noch geht. Hier, nimm diese Papiere, Junge, und bringe sie dem Rekrutierungssergeant zurück – und denke daran, was ich gesagt habe.“

Ich ging wieder hinunter in den Kuppelbau. Carl war schon dort. Der Navy-Sergeant sah die Papiere durch und sagte düster: „Offensichtlich seid ihr beide geradezu verboten gesund, wenn ich von den Löchern in euren Köpfen einmal absehe. Augenblick, ich hole nur ein paar Zeugen.“ Er drückte auf einen Knopf, und zwei weibliche Angestellte erschienen, die eine ein altes Schlachtroß, die andere ein niedliches Ding.

Er deutete auf unsere Untersuchungsbogen, unsere Geburtszeugnisse und auf unsere Personalausweise und erklärte in dienstlichem Ton: „Ich fordere Sie hiermit auf, jede für sich und gemeinsam, diese Dokumente zu prüfen, sich von ihrem Inhalt und Charakter zu vergewissern und festzustellen, welche Beziehung zwischen diesen Dokumenten und den beiden Männern, die hier vor Ihnen erschienen sind, besteht.“

Sie behandelten es wie eine stumpfsinnige Routine, was es meiner Überzeugung nach auch war. Trotzdem prüften sie jedes Dokument sehr genau, nahmen – wieder einmal – unsere Fingerabdrücke ab, und der niedliche Typ klemmte sich sogar eine Juwelierslupe vors Auge und verglich die Fingerabdrücke von der Geburt an bis zur Gegenwart. Das Gleiche tat sie mit den Unterschriften. Ich begann zu zweifeln, ob ich auch ich war.

Der Navy-Sergeant fuhr fort: „Fanden Sie die Beweisstücke, die sich auf die Tauglichkeit der beiden Anwesenden bezogen, den Diensteid abzulegen? Falls ja, welche?“

„Wir fanden“, antwortete die Ältere, „als Anhang zum Untersuchungsbogen einen vorschriftsmäßig bestätigten Beschluß eines autorisierten und bevollmächtigten Gremiums von psychiatrischen Gutachtern, der feststellt, daß jeder der beiden Anwesenden zurechnungsfähig und in der Lage ist, den Eid zu leisten, und daß keiner von ihnen unter alkoholischen, narkotischen oder anderweitig schädlichen Drogeneinflüssen steht, auch nicht unter Hypnose.“

„Sehr gut.“ Er wandte sich uns zu. „Sprechen Sie mir nach – Ich, als Volljähriger, erkläre hiermit aus freiem Willen – “

„Ich“, wiederholten wir beide, „als Volljähriger, erkläre hiermit aus freiem Willen – “

„ – ohne Zwang, Versprechen oder fremden Einfluß irgendwelcher Art, nachdem ich ordnungsgemäß über die Bedeutung und Folgen dieses Eides belehrt worden bin – “

„ – meinen Eintritt in den Bundesdienst bei der Terranischen Föderation für eine Zeit von nicht weniger als zwei Jahren oder länger, falls der Bundesdienst das für notwendig halten sollte – “ (Hier kam ich ein bißchen ins Schleudern. Ich hatte mich immer an eine zweijährige Dienstzeit geklammert, obwohl ich es besser wußte, weil die Leute immer vom Zeitsoldaten reden. Tatsächlich verpflichteten wir uns jetzt auf Lebenszeit.)

„Ich schwöre, mich an die Verfassung der Föderation zu halten, sie gegen alle Feinde innerhalb oder außerhalb von Terra zu verteidigen, die verfassungsmäßigen Freiheiten und Privilegien aller Bürger und berechtigten Ansässigen der Föderation, ihrer assoziierten Staaten und Territorien, zu beschützen und zu bewahren, und alle gesetzlichen Aufgaben und Pflichten innerhalb oder außerhalb von Terra, die mir von der verfassungsmäßigen Obrigkeit oder deren Organen übertragen werden, gewissenhaft zu erfüllen – “

„ – und allen rechtmäßigen Befehlen des Oberkommandierenden der Terranischen Bundeswehr, deren Offizieren oder deren dazu ermächtigten Personen oder außermenschlichen Wesen, denen ich unterstehe, zu gehorchen – “

„ – und diesen Gehorsam von allen Mitgliedern dieser Bundeswehr oder anderer Personen oder außermenschlichen Wesen, die mir gesetzlich unterstehen, zu verlangen – “

„ – und nach meiner ehrenhaften Entlassung bei Erfüllung meiner befristeten aktiven Wehrdienstzeit oder nach meiner Versetzung in den Ruhestand nach Ableistung meines aktiven Wehrdienstes, alle Pflichten, Aufgaben und Rechte auszuüben, die zu den Privilegien eines Vollbürgers der Föderation gehören, einschließlich des Privilegs, aber nicht nur beschränkt darauf, das unumschränkte Wahlrecht für den Rest meines natürlichen Lebens wahrnehmen zu dürfen, falls mir dieses Ehrenrecht nicht wieder durch einen Urteilsspruch und dessen unwiderruflicher Bestätigung durch ein Oberstes Bundesgericht aberkannt werden sollte.“

(Puh!) Mr. Dubois hatte den Diensteid im Geschichtsunterricht erläutert und ihn Satz für Satz interpretieren lassen – aber man spürt die Wucht dieses Eides erst, wenn er einen überrollt, als endloses Satzungetüm, schwer und unaufhaltsam wie Jagannathys Wagen.

Wenigstens hämmerte er mir ins Bewußtsein, daß ich kein Zivilist mehr war, der seinen Hemdenzipfel heraushängen lassen konnte und nichts am Hut hatte.

„So wahr mir Gott helfe!“ beendeten wir beide den Eid, und Carl bekreuzigte sich. Die niedliche Kleine tat es ebenfalls.

Danach kamen noch mehr Unterschriften und Fingerabdrücke auf die Papiere, von allen fünf Beteiligten, und dann wurden zweidimensionale Colorgraphien von Carl und mir aufgenommen und auf unsere Papiere gestempelt. Endlich blickte der Navy-Sergeant hoch und sagte: „He, wir haben schon lange Mittagspause. Geht zum Essen, Jungs.“

Ich schluckte. „Äh, Sergeant?“

„Ja, was ist?“

„Könnte ich meine Eltern von hier aus anrufen? Ihnen sagen, was ich – wie es abgelaufen ist?“

„Wir können noch mehr als das.“

„Sir?“

„Ihr bekommt jetzt achtundvierzig Stunden Urlaub.“ Er zeigte uns ein kaltes Grinsen. „Wißt ihr, was geschieht, wenn ihr nicht vom Urlaub zurückkommt?“

„Äh – Kriegsgericht?“

„Nichts dergleichen. Nur der Vermerk in euren Papieren, kein zufriedenstellender Abschluß der Dienstzeit, und ihr bekommt nie, nie, nie mehr eine zweite Chance. Das ist unsere achtundvierzigstündige Besinnungspause, in der wir die ausgewachsenen Babys aussondern, die es gar nicht ernstlich vorhatten und nie den Eid hätten leisten sollen. Das erspart der Regierung Geld und diesen Babys und deren Eltern eine Menge Kummer und Sorgen. Die Nachbarn werden es nicht erfahren, und ihr braucht es nicht einmal euren Eltern zu sagen.“ Er schob seinen Sessel vom Pult zurück. „Wir sehen uns also wieder übermorgen um zwölf Uhr, falls wir uns überhaupt wiedersehen. Bringt eure Sachen gleich mit.“

Es war ein beschissener Urlaub. Vater brüllte mich an und redete dann kein Wort mehr mit mir. Meine Mutter zog sich in ihr Bett zurück. Als ich dann schließlich, eine Stunde früher als nötig, mein Elternhaus verließ, wurde ich nur von der Frühstücksköchin und den Hausburschen verabschiedet.

Ich blieb vor dem Pult des Rekrutierungssergeanten stehen, überlegte, ob ich ihm eine Ehrenbezeugung machen sollte, aber ich wußte nicht, wie. Er blickte hoch. „Ah, Sie! Hier sind Ihre Papiere. Gehen Sie damit ins Zimmer 201. Dort beginnt der Weg durch die Prüfungsinstanzen. Klopfen Sie kurz an und treten Sie ein.“

Zwei Tage später wußte ich, daß ich kein Pilot werden würde. Ich zitiere ein paar Urteile aus meinem Bewertungsbogen: – ungenügende intuitive Erfassung von räumlichen Beziehungen… ungenügende mathematische Begabung… ungenügende mathematische Vorbereitung… ausreichende Reaktionszeit… gutes Sehvermögen. Ich war froh über die beiden letzten Aufheller auf der Liste. Ich hatte schon das Gefühl, ich brauchte meine Finger, um bis zehn zählen zu können.

Der Besetzungsoffizier forderte mich auf, eine Liste von meinen sekundären Wünschen aufzustellen, und es folgten vier Tage lang die verrücktesten Eignungstests, die man sich vorstellen kann. Ich fragte mich zum Beispiel, was man dabei feststellen will, wenn eine Stenographin plötzlich auf ihren Stuhl springt und schreit: „Eine Schlange, eine Schlange!“ Und da war gar keine Schlange, nur ein harmloses Stück Plastikrohr.

Die schriftlichen und mündlichen Prüfungsaufgaben waren im großen und ganzen genauso blödsinnig, aber da sie ihnen Spaß zu machen schienen, ließ ich sie über mich ergehen. Am meisten strengte ich mich bei meiner Wunschliste an. Natürlich führte ich alle Jobs, die bei der Raumflotte zu vergeben waren (bis auf den Piloten) an erster Stelle an. Ob sie mich nun als Triebwerkstechniker in den Maschinenraum oder als Koch in die Kombüse steckten: Ich zog unbedingt jeden Job bei der Navy einem Armee-Job vor. Ich wollte reisen.

Als nächster Wunsch darunter stand der Nachrichtendienst – ein Spion kommt ebenfalls herum, und folglich könnte der Dienst bei dieser Truppe auch nicht langweilig sein. (Ich irrte mich, aber das nur nebenbei.) Danach folgte eine lange Liste: Psychologische Kriegsführung, chemische Kriegsführung, biologische Kriegsführung, Gefechtsökologie (ich konnte mir darunter nichts vorstellen, aber es klang interessant), logistisches Korps (ein schlichter Irrtum; ich hatte als Mitglied des Debattierklubs Logistik studiert, und „Logistik“ stellte sich nun als ein Begriff mit zwei vollkommen verschiedenen Bedeutungen heraus), und noch ein Dutzend andere. Ganz unten, nach einigem Zögern, schrieb ich noch K-9 Korps und Infanterie hin.

Ich sparte mir die Mühe, auch noch die nicht-kämpfenden Hilfskorps anzuführen, denn wenn ich mich nicht für die kämpfende Truppe qualifizierte, war es mir egal, ob sie mich als Versuchskaninchen verwendeten oder als Arbeiter zum Terranisierungsprojekt der Venus abstellten – ich wollte keinen Trostpreis für einen Versager.

Mr. Weiss, der Besetzungsoffizier, ließ mich eine Woche nach meiner Vereidigung zu sich kommen. Er war eigentlich Major von der psychologischen Kriegsführung im Ruhestand, reaktiviert für das Rekrutierungswesen, aber er trug Zivil und bestand darauf, nur mit ‚Mister’ angeredet zu werden, deshalb brauchte man bei ihm nicht strammzustehen und konnte sich ungezwungen benehmen. Er hatte meine Wunschliste vor sich liegen und die Bewertungsbogen aller meiner Tests, und ich sah, daß er das Reifezeugnis meiner Schule in der Hand hielt. Das freute mich, denn ich hatte in der Schule ganz gut abgeschlossen. Ich war überdurchschnittlich gewesen, aber nie hervorragend, daß man mich als Streber hätte bezeichnen können. Ich war in keinem Kursus durchgefallen und hatte nur in einem einzigen aufgegeben. Aber wenn man von den Zensurfächern absieht, war ich eine ziemlich große Nummer an der Schule gewesen – in der Schwimmstaffel, im Debattierklub, als Staffelläufer, als Klassenschatzmeister. Ich hatte die Silbermedaille beim literarischen Wettbewerb gewonnen und war Vorsitzender des Empfangskomitees für heimkehrende Veteranen gewesen. Ziemlich aktiv und vielseitig, und das war alles in meinem Reifezeugnis erwähnt worden.

Er blickte hoch, als ich hereinkam, und sagte: „Setz dich, Johnnie“, warf noch einen Blick auf das Zeugnis und legte es dann auf den Tisch. „Magst du Hunde?“

„Äh? Jawohl, Sir.“

„Wie sehr magst du sie? Hat dein Hund auf deinem Bett geschlafen? Und wo hast du jetzt deinen Hund untergebracht?“

„Nun – im Augenblick habe ich überhaupt keinen Hund. Aber als ich einen hatte – nun, nein, er schlief nicht auf meinem Bett. Mutter duldete keine Hunde im Haus, verstehen Sie?“

„Aber hast du ihn nie heimlich ins Haus geschmuggelt?“

„Oh -“. Sollte ich mich auf eine Erklärung einlassen, wie Mutter reagierte, wenn man sich gegen einen ihrer Entschlüsse aufzulehnen versuchte? Dieses Wie-Kannst-Du-Mich-Nur-So-Verletzen-Junge? Nein, das hatte keinen Zweck. „Nein, Sir.“

„Hmm… hast du schon einmal einen Neo-Hund gesehen?“

„Oh, einmal, Sir. Sie haben einen Neo-Hund vor zwei Jahren im ‚MacArthur-Theater’ gezeigt. Aber dann regte sich der Tierschutzverein darüber auf.“

„Ich werde dir sagen, wie es mit dem K-9-Team bestellt ist. Ein Neo-Hund ist nicht nur ein Hund, der redet.“

„Ich konnte den Neo im MacArthur nicht verstehen. Sprechen sie tatsächlich?“

„Sie sprechen. Man muß nur sein Gehör schulen, um ihren Akzent zu verstehen. Ihr Mund ist nicht dazu geeignet, ‚b’, ‚m’, ‚p’ oder ‚v’ auszusprechen, und man muß sich an die äquivalenten Laute dafür gewöhnen – als würde jemand mit einem Wolfsrachen sprechen, jedoch mit verschiedenen Buchstaben. Aber abgesehen davon ist ihre Sprache so klar wie irgendeine menschliche. Doch ein Neo-Hund ist nicht ein sprechender Hund; er ist überhaupt kein Hund, er ist ein künstlich mutierter Symbiote, der aus der Hunderasse genetisch entwickelt wurde. Ein Neo, ein abgerichteter Caleb, ist etwa sechsmal so intelligent wie ein Hund, besitzt ungefähr die Intelligenz eines schwachsinnigen Homo sapiens, nur daß dieser Vergleich einem Neo gegenüber nicht fair ist. Ein Schwachsinniger ist ein fehlerhafter Mensch, während dessen ein Neo ein absolutes Genie auf seinem Arbeitsgebiet ist.“

Mr. Weiss sah mich betrübt an. „Vorausgesetzt natürlich, daß er seinen Symbioten hat. Das ist das Dilemma. Hmmm – du bist zu jung dafür, um schon verheiratet gewesen zu sein, aber du kennst eine Ehe aus zweiter Hand, die deiner Eltern zumindest. Kannst du dir vorstellen, mit einem Caleb verheiratet zu sein?“

„Äh? Nein. Nein, das kann ich nicht.“

„Die emotionale Beziehung zwischen dem Hunde-Mann und dem Mann-Hund im K-9-Team ist viel enger und viel wichtiger als die emotionalen Bindungen in den meisten Ehen. Wenn der Meister fällt, töten wir den Neo-Hund. Auf der Stelle! Das ist alles, was wir für das arme Wesen tun können. Einen Gnadetod. Wenn der Neo-Hund fällt, dann können wir natürlich seinen Meister nicht töten, obgleich das die einfachste Lösung wäre. Statt dessen stecken wir ihn in eine Zwangsjacke und bringen ihn in eine Heilanstalt und bauen ihn langsam wieder zu einer Person auf.“ Er nahm einen Bleistift und hakte etwas ab. „Ich glaube nicht, daß wir es riskieren können, einen Jungen der K-9 zuzuteilen, der nicht einmal seine Mutter zu überlisten versuchte, damit sein Hund bei ihm schlafen durfte. Also werden wir eine andere Möglichkeit ins Auge fassen.“

Spätestens jetzt begriff ich, daß ich alle meine Wünsche bis zum K-9-Korps hinunter streichen konnte und bei diesem Test jetzt ebenfalls durchgefallen war. Ich war so verwirrt, daß ich seine nächste Bemerkung fast überhörte. Major Weiss sagte nachdenklich, tonlos, als bezöge er sich auf etwas, das längst tot und weit entfernt war: „Ich gehörte selbst einmal zum K-9-Team. Als mein Caleb im Einsatz fiel, wurde ich sechs Wochen lang unter Drogen gesetzt und dann für eine andere Arbeit gerettet. Johnnie, wenn ich diese Kurse betrachte – warum hast du nicht irgend etwas Nützliches studiert?“

„Sir?“

„Irreparabel, vergiß es. Hmm… dein Lehrer in Geschichte und Moralphilosophie hat keine schlechte Meinung von dir.“

„Wirklich?“ erwiderte ich überrascht. „Was meint er denn?“

Weiss lächelte. „Er meint, du seist nicht dumm, nur unwissend und durch Umwelteinflüsse voreingenommen. Das ist ein hohes Lob aus seinem Mund – ich kenne ihn.“

Das hörte sich aber gar nicht nach einem Lob an! Dieser arrogante, steifnackige…

„Und“, fuhr Weiss fort, „ein Junge, der so eine schlechte Benotung in seiner Einstellung zum Fernsehen bekommt, kann ja gar nicht so schlecht sein. Ich denke, wir werden uns der Empfehlung von Mr. Dubois anschließen. Hättest du keine Lust, bei der Infanterie zu dienen?“

Als ich das Musterungsgebäude verließ, war ich deprimiert, doch nicht ganz unglücklich. Wenigstens war ich jetzt ein Soldat. Ich hatte die Papiere in der Tasche, die das bestätigten. Man hatte mich als zu dumm für höhere Aufgaben klassifiziert, war nur brauchbar für die Knochenarbeit.

Es war bereits einige Minuten nach Dienstschluß, und das Gebäude war nur noch von einem kleinen Stab für den Nachtdienst besetzt. Als ich es zusammen mit ein paar anderen Nachzüglern verließ, rempelte ich im Kuppelbau einen Mann an, der gerade gehen wollte. Sein Gesicht war mir vertraut, doch ich wußte nicht, woher.

Aber er erkannte mich sofort. „Guten Abend“, sagte er munter. „Immer noch an Land?“

Und dann erkannte ich ihn – den Rekrutierungssergeanten, der uns den Eid abgenommen hatte. Dieser Mann trug jetzt Zivil, lief auf zwei Beinen und besaß zwei Arme. „Äh, guten Abend, Sergeant“, murmelte ich.

Er konnte es an meinem Gesicht ablesen, blickte an sich herunter und lächelte unbeschwert. „Nimm es nicht tragisch, Junge. Nach Dienstschluß ist die Horror-Show zu Ende, da kann ich mich wieder frei bewegen. Sie haben dich noch keiner Truppe zugeteilt?“

„Doch. Ich habe die Befehle in der Tasche.“

„Welche Truppe?“

„Mobile Infanterie.“

Ein strahlendes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, und er streckte mir seine Hand hin. „Mein eigener Haufen! Schlag ein, Sohn. Wir werden einen Mann aus dir machen – oder es wenigstens versuchen. Auf Biegen und Brechen.“

„Ist es eine gute Wahl?“ fragte ich zweifelnd.

„Eine gute Wahl? Sohn, es gibt nur diese. Die Mobile Infanterie ist die Armee. Die anderen bedienen doch nur die Knöpfe oder sind dazu da, für uns die Arbeit vorzubereiten. Wir tun sie.“

Er drückte mir noch einmal kräftig die Hand und fügte hinzu: „Schick’ mir mal ’ne Karte – ‚Fleet Sergeant Ho, Musterungsgebäude’, dann kommt sie auch an.“ Und dann ging er, mit klickenden Absätzen, geraden Schultern und hocherhobenem Kopf.

Ich blickte auf meine Hand. Die Rechte, die er mir hingestreckt hatte, war hinter seinem Pult überhaupt nicht vorhanden gewesen. Doch sie hatte sich wie Fleisch und Blut angefühlt, und ihr Druck war kräftig gewesen. Ich hatte einmal einen Artikel über impulsgesteuerte Prothesen gelesen, aber es ist schon eine Überraschung, wenn man zum ersten Mal mit ihnen in Berührung kommt.

Ich kehrte in das Hotel zurück, in dem die Rekruten untergebracht werden, bis sie ihrer Truppe zugeteilt sind. Wir hatten noch nicht einmal Uniformen erhalten, nur schlichte Overalls, die wir während der Dienstzeit tragen mußten. Nach Dienstschluß zogen wir unsere eigene Zivilkleidung an. Ich ging auf mein Zimmer und begann zu packen, da ich schon sehr früh am nächsten Morgen in Marsch gesetzt werden sollte. Ich packte die Sachen ein, die ich wieder nach Hause schicken wollte. Weiss hatte mir nahegelegt, nur die Familienfotos mitzunehmen und vielleicht noch ein Musikinstrument, falls ich eines spielte – (was nicht der Fall war). Carl war sein Primärwunsch erfüllt worden, das F & E. Ich war froh, daß er nicht mehr im Quartier war, weil er sich verdammt zu viele Gedanken darüber gemacht hätte, warum ich wohl so ein beschissenes Los gezogen hatte. Die kleine Carmen hatte das Quartier auch schon verlassen, als Navy-Kadett (zur Probe) – sie würde Raumschiffpilotin werden, wenn sie sich durchbiß… und ich hatte so eine Ahnung, daß sie es schaffte.

Mein Zimmergenosse im Quartier kam herein, als ich packte. „Hast du deinen Marschbefehl?“ fragte er.

„Ja.“

„Welche Truppe?“

„Mobile Infanterie.“

Infanterie? Oh, du armer, dummer Clown! Du tust mir jetzt schon leid, wahrhaftig.“

Ich richtete mich auf und sagte wütend: „Halt den Mund! Die Mobile Infanterie ist die beste Truppe der Armee – es ist die Armee. Alle anderen sind doch nur Hilfsbüttel, die für uns die Werkzeuge auslegen – wir machen die Arbeit.“

„Du wirst schon sehen!“ lachte er.

„Möchtest du eins in die Fresse?“

*     *     *

Weiterlesen bei Kapitel 3

 

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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