Heinleins Sternenkrieger (3): Kapitel 3

Ed Emshwiller Starship Troopers

Von Robert Anson Heinlein; aus der deutschen Erstausgabe von 1979 (ISBN 3-404-01280-1), übersetzt von Bodo Baumann. Das Original „Starship Troopers“ wurde 1959 veröffentlicht. Bereits in diesem Blog erschienen: Kapitel 1 und Kapitel 2. (Online-Quelle hier.)

Und er soll sie weiden mit einem eisernen Stabe.
Offenbarung II : 27

Meine Grundausbildung erhielt ich in Camp Arthur Currie auf den nördlichen Prärien, zusammen mit ein paar tausend anderen Opfern, und wenn ich ‚Lager’ sage, so ist das wörtlich zu nehmen, denn die einzigen festen Gebäude dort waren für die Lagerung der Ausrüstung bestimmt. Wir schliefen und aßen in Zelten; wir lebten im Freien – wenn man das als ‚Leben’ bezeichnen kann, was ich damals nicht konnte. Ich war an ein warmes Klima gewöhnt; für mich schien der Nordpol nur noch fünf Meilen vom Lager entfernt zu sein und jeden Tag näherzukommen. Zweifellos stand uns eine Eiszeit ins Haus.

Doch Bewegung hält warm, und sie sorgten dafür, daß wir reichlich Bewegung erhielten.

Der erste Morgen im Lager begann schon vor Tagesanbruch. Ich hatte Mühe gehabt, mich der Zeitverschiebung anzupassen, und es kam mir so vor, als wäre ich gerade erst eingeschlafen. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß jemand ernsthaft von mir verlangte, ich solle mitten in der Nacht aufstehen. Aber sie verlangten es. Irgendwo plärrte ein Lautsprecher Marschmusik in einer Phonzahl, die selbst Tote aufgeweckt hätte, und ein stark behaartes Individuum, das die Lagerstraße heruntergetrampelt kam, brüllte: „Alles aufstehen! Raus aus den Federn! Marsch! Marsch!“, kehrte im Galopp zurück, als ich mir gerade die Decke über den Kopf ziehen wollte, kippte meine Koje um und schüttete mich auf die kalte, harte Erde.

Es war nichts Persönliches; er blieb nicht einmal so lange im Zelt, um zuzusehen, wie mir das Wecken bekam.

Zehn Minuten später, bekleidet mit Hose, Hemd und Schuhen, stand ich zusammen mit den anderen in einer Ziehharmonika-Linie, zur Freiübung angetreten, als die Sonne gerade mit ihrem Scheitel am östlichen Horizont auftauchte. Vor der Linie stand ein breitschultriger, tückisch aussehender Hüne, in Unterhemd und Hose wie wir – nur mit dem Unterschied, daß ich aussah und mich fühlte wie eine einbalsamierte Leiche, während sein Kinn frisch rasiert glänzte, seine Hose eine messerscharfe Bügelfalte hatte, man sich in seinen Schuhen einen Scheitel ziehen konnte und er sehr munter, aufgeweckt, hellwach und ausgeschlafen aussah. Man hatte den Eindruck, daß er überhaupt keinen Schlaf brauchte, nur alle zehntausend Meilen eine Inspektion – und dazwischen lediglich ein bißchen Staub-Abwischen.

Kompanieee – Achtunggg… stillgestanden!“ bellte er. „Ich bin Career Ship’s Sergeant Zim, euer Kompanieführer. Wenn ihr mich anredet, macht ihr eine Ehrenbezeugung und sagt ‚Sir’. Ihr grüßt jeden und sagt ‚Sir’ zu ihm, der so einen Kommandostock unter dem Arm trägt.“ Er hielt so einen Stock in der Hand und schlug rasch ein Rad damit hinter seinem Rücken, um uns zu zeigen, was er unter einem Kommandostock verstand. Als wir am Abend zuvor im Camp eingetroffen waren, waren mir bereits ein paar Männer mit diesem Stock aufgefallen. Diese Stöcke sahen hübsch und elegant aus, und ich hatte mir vorgenommen, mir ebenfalls einen zu besorgen – doch jetzt änderte ich meine Meinung.

„…wir tragen diese Stöcke, weil wir nicht genügend Offiziere im Lager haben, die sich um euch kümmern können. Deswegen werden wir das tun. Wer hat da eben geniest?“

Keine Antwort.

„WER HAT EBEN GENIEST?“

„Ich“, erwiderte eine Stimme.

„Ich was?

„Ich nieste.“

„’Ich nieste’, SIR!“

„Ich mußte niesen, Sir. Ich bin erkältet, Sir.“

„Oho!“ Zim ging auf den Mann zu, der geniest hatte, schob die eiserne Stockzwinge seines Stöckchens einen Zoll bis an dessen Nasenspitze heran und fragte: „Name?“

„Jenkins… Sir.“

„Jenkins…“ Zim wiederholte den Namen, als wäre er irgendwie anstößig, ekelerregend. „Vermutlich wirst du eines Nachts auf Patrouille niesen, nur weil du eine Rotznase hast, nicht wahr?“

„Ich hoffe nicht, Sir.“

„Ich hoffe es auch nicht. Aber du bist erkältet. Hmm… wir werden das abstellen.“ Er deutete mit seinem Stock. „Siehst du dort die Waffenmeisterei?“ Ich blickte in die Richtung und sah nur die platte Prärie, bis auf eine winzige Hütte, die am Horizont schon fast nicht mehr zu erkennen war.

„Raustreten. Eine Runde um die Waffenmeisterei. Laufen, habe ich gesagt. Und zwar schnell! Bronski! Sie geben ihm das Tempo an.“

„Jawohl, Sarge.“ Einer von den fünf oder sechs anderen Stockträgern spurtete hinter Jenkins her, holte ihn spielend ein, zog ihm eins mit dem Stöckchen über die prallgefüllte Hose. Zim wandte sich wieder den Rekruten zu, die in Hab-Acht-Stellung mit den Zähnen schnatterten. Er ging an der Linie entlang, starrte uns an und schien schrecklich unglücklich zu sein. Schließlich baute er sich wieder vor uns auf, schüttelte den Kopf und dachte laut: „Und so etwas mutet man mir zu!“ Auch beim lauten Denken hatte er eine sehr deutliche Aussprache.

Er blickte uns an. „Ihr Affen – nein, diese Bezeichnung verdient ihr ja nicht einmal… ihr erbärmlicher Haufen von schwächlichen Halbaffen… ihr hühnerbrüstigen, schlaffbäuchigen, sabbernden Schürzenzipfel-Flüchtlinge. In meinem ganzen Leben habe ich noch nicht so eine erbärmliche Horde von Mammas kleinen verzogenen Darlings gesehen – Du da! Zieh den Bauch ein! Augen geradeaus! Ich spreche zu dir!

Ich zog mein Zwerchfell ein, obgleich ich mir nicht sicher war, daß er mich gemeint hatte. Er schüttete seinen Zorn über uns aus, und es schien ein unerschöpflicher Kübel zu sein. Ich vergaß sogar meine Gänsehaut, als ich ihm zuhörte. Er wiederholte sich nicht einmal, und es war kein einziges obszönes oder gottloses Wort darunter.

(Ich erfuhr erst später, daß er sich diese für ganz besondere Gelegenheiten aufsparte, und das hier war keine solche Gelegenheit.) Doch er schilderte unsere physischen, geistigen, moralischen und genetischen Mängel in langatmiger und beleidigender Ausführlichkeit.

Aber irgendwie fühlte ich mich gar nicht beleidigt. Ich war fasziniert von dem Umfang seines Vokabulars. Ich wünschte, wir hätten ihn als Mitglied unseres Debattierklubs gewinnen können.

Endlich schien er am Ende und den Tränen nahe. „Ich kann nicht mehr“, sagte er bitter. „Ich muß mich ein wenig davon erholen -, als ich sechs war, waren meine geschnitzten Spielzeugsoldaten besser als ihr. ALSO GUT! Gibt es in diesem Haufen von Sumpfläusen vielleicht jemanden, der glaubt, er könnte mich schlagen? Gibt es einen einzigen Mann in diesem Haufen? Der möge sich melden!“

Es folgte eine kurze Schweigepause, die ich nicht unterbrach. Ich hatte nicht den geringsten Zweifel, daß er mich besiegen würde. Ich war davon überzeugt.

Ich hörte eine Stimme am anderen Ende der Linie, dort, wo die Größten standen. „Wäre schon möglich… Sir!“

Zim schien aufzuatmen. „Gut! Tritt vor, damit ich dich sehen kann.“ Der Rekrut folgte dem Befehl, und er sah sehr beeindruckend aus, mindestens drei Zoll größer als Sergeant Zim und viel breiter in den Schultern. „Wie heißt du, Soldat?“

„Breckinridge, Sir – und ich wiege zweihundertzehn Pfund. Und nicht ein Gramm davon ist ‚schlaffwampig’, Sir.“

„Wie hättest du es denn am liebsten?“

„Sir, Sie können sich ihre eigene Todesart aussuchen. Ich bin da großzügig.“

„Okay, keine Regeln. Du kannst anfangen, wann es dir paßt.“

Zim warf sein Kommandostöckchen auf die Erde.

Es begann – und es war schon vorbei. Der Rekruten-Athlet saß auf dem Boden und hielt sich mit der rechten Hand sein linkes Handgelenk. Er sagte nichts.

Zim beugte sich über ihn. „Gebrochen?“

„Könnte sein – Sir.“

„Tut mir leid. Warst ein bißchen zu ungestüm. Weißt du, wo die Krankenstube ist? Nein – Jones! Bringen Sie Breckinridge in die Krankenstube.“ Als die beiden gehen wollten klopfte Zim dem Rekruten auf die Schulter und sagte leise: „Wir wollen es in einem Monat noch mal versuchen. Ich zeige dir dann, was passiert ist.“ Die Bemerkung war nur für den Rekruten bestimmt, doch die zwei standen knapp zwei Meter entfernt, wo ich mich langsam in einen Eiszapfen verwandelte.

Zim trat wieder vor die Front und rief: „Okay, wir haben wenigstens einen Mann in dieser Kompanie gefunden. Das ist ein Hoffnungsschimmer. Sollten wir vielleicht noch einen haben? Oder vielleicht ein Paar? Gibt es unter euch räudigen Kröten zwei Männer, die glauben, sie könnten es mit mir aufnehmen?“ Er blickte die Linie hinauf und hinunter. „Ihr feigen, knochenweichen… oh, oh! Ja? Tretet vor.“

Zwei Männer, die nebeneinander im Glied gestanden hatten, traten jetzt gemeinsam vor die Front. Ich glaube, sie hatten sich vorher im Flüsterton, abgesprochen, aber was sie sagten, habe ich nicht verstehen können, weil sie auch ganz vorne bei den Großen standen. Zim lächelte sie an. „Die Namen bitte, wenn ich die Verwandtschaft benachrichtigen soll.“

„Heinrich.“

„Heinrich was?

„Heinrich, Sir. Bitte.“ Er sprach rasch auf den anderen Rekruten ein und fügte dann höflich hinzu: „Er beherrscht das Standard-Englisch noch nicht gut, Sir.“

„Meyer, mein Herr“, sagte jetzt der andere Rekrut.

„Das stört uns nicht. Viele Rekruten beherrschen es nicht, wenn sie hierherkommen. Das galt auch für mich. Sag Meyer, er wird es schon lernen. Aber er versteht doch, was wir jetzt tun wollen?“

„Jawohl“ bestätigte Meyer.

„Sicher, Sir. Er versteht Standard, er kann es nur nicht fließend sprechen.“

„Schön. Wo habt ihr beiden euch diese Gesichtsnarben geholt? Heidelberg?“

„Nein – no, Sir. Königsberg.“

„Nicht viel Unterschied.“ Zim hatte nach dem Kampf mit Breckinridge sein Stöckchen wieder aufgehoben; er drehte es in den Fingern und fragte: „Vielleicht wollt ihr euch eines von diesen Stöckchen ausleihen?“

„Das wäre nicht fair Ihnen gegenüber, Sir“ erwiderte Heinrich bedächtig. „Mit bloßen Händen, wenn es Ihnen recht ist.“

„Ist mir recht. Obgleich ich euch übertölpeln könnte. Königsberg, eh? Regeln?“

„Wie kann es bei drei Kämpfern irgendwelche Regeln geben, Sir?“

„Interessanter Aspekt. Nun, wir wollen uns darauf einigen, daß ausgequetschte Augen nach dem Kampf wieder zurückgegeben werden müssen. Und sag deinem Korps-Bruder, daß ich jetzt bereit bin. Ihr könnt anfangen, wann ihr wollt.“ Zim schleuderte sein Stöckchen weg. Irgend jemand fing es auf.

„Sie scherzen, Sir. Wir wollen keine Augen ausquetschen.“

„Keine Augen ausquetschen, stattgegeben. Schieß los, Gridley, wenn du bereit bist.“

„Wie bitte?“

„Komm schon und kämpfe! Oder tretet ins Glied zurück!“

Ich bin mir nicht sicher, ob es tatsächlich so ablief; vielleicht habe ich manches hinzugesetzt, was ich erst später in der Ausbildung lernte. Aber ich glaube, es geschah folgendermaßen: Die beiden stellten sich links und rechts neben dem Kompanieführer auf, daß sie eine Linie mit ihm bildeten, doch außerhalb seiner Reichweite. In dieser Position stehen dem Einzelkämpfer vier Möglichkeiten zur Verfügung, die ihm erlauben, seine eigene Beweglichkeit auszunützen und die überlegene Koordination seiner Muskeln und Reflexe, die ein Mann gegenüber zweien besitzt. Sergeant Zim sagt (zu Recht), daß eine Gruppe schwächer ist als ein Einzelner, wenn diese nicht in der Teamarbeit ausgebildet ist. Zum Beispiel hätte Zim den einen zum Schein angreifen, den anderen aber statt dessen mit einem raschen Sprung nach rückwärts vernichtend treffen können, mit einem Schmetterschlag gegen die Kniescheibe etwa. Dann hätte er den ersten ungestört ausschalten können.

Aber er ließ sie angreifen. Meyer sprang ihn an, wollte ihn offenbar mit einem Bodycheck umrempeln. Und dann hätte Heinrich wahrscheinlich von oben her eingegriffen, mit seinen Kommißstiefeln, denke ich. So sah es wenigstens am Anfang aus.

Und so trug es sich nun wirklich zu: Meyer kam gar nicht so weit, seinen Bodycheck anzusetzen. Sergeant Zim wirbelte herum, machte Front zu ihm, während er gleichzeitig ausschlug und Heinrich in den Magen traf. Und dann segelte auch schon Meyer durch die Luft – mit nach Luft ringender Lunge und einem verbeulten Zwerchfell.

Doch es geschah alles schneller, als man mit den Augen folgen konnte. Ich wußte nur, daß der Kampf begonnen hatte und daß dann zwei deutsche Rekruten friedlich nebeneinander schliefen, Kopf an Kopf, der eine mit dem Gesicht nach unten und der andere in den Himmel blickend, und Zim stand über ihnen und atmete nicht einmal schneller. „Jones“, sagte er. „Nein, Jones ist bereits mit Breckinridge zum Krankenrevier unterwegs. Mahmud! Holen Sie einen Eimer voll Wasser und stecken Sie die beiden wieder ins Glied zurück. Wer hat meinen Zahnstocher?“

Ein paar Sekunden später waren die beiden naß, bei Bewußtsein und ins Glied zurückgetreten. Zim blickte uns an und fragte gemütlich: „Noch jemand? Oder können wir jetzt mit den Freiübungen fortfahren?“

Ich erwartete nicht, daß sich noch jemand meldete, und zweifellos rechnete Zim auch nicht damit. Doch ganz unten an der linken Flanke, wo die Zwerge standen, trat ein Junge aus dem Glied und baute sich vor dem Sergeant auf. Zim betrachtete ihn von Kopf bis Fuß.

„Du alleine?“ Oder möchtest du dir noch einen Partner aussuchen?“

„Nur ich, Sir.“

„Wie du willst. Name?“

„Shujumi, Sir.“

Zims Augen weiteten sich. „Irgendeine verwandtschaftliche Beziehung zu Colonel Shujumi?“

„Ich habe die Ehre, sein Sohn zu sein, Sir.“

„Ah so! Ich verstehe! Schwarzer Gürtel?“

„Nein, Sir. Noch nicht.“

„Ich bin froh, daß du dich qualifiziert hast. Nun, Shujumi, werden wir nach Regeln kämpfen, oder soll ich schon mal nach einem Krankenwagen schicken?“

„Wie Sie wollen, Sir. Aber ich glaube, wenn mir eine Meinung gestattet ist, daß Wettkampfregeln vernünftiger wären.“

„Ich weiß zwar nicht, was du damit meinst, aber ich stimme zu.“ Zim warf sein Kommandostöckchen fort, und dann gingen sie ein paar Schritte rückwärts statt vorwärts, blickten sich an und verneigten sich.

Danach gingen sie halbgeduckt im Kreis herum, machten Scheinangriffe mit den Händen, und sie sahen aus wie zwei Hähne mit gesträubten Federn. Plötzlich berührten sie sich – und der kleine Knirps lag auf der Erde, während Sergeant Zim über seinen Kopf hinweg durch die Luft segelte. Doch er landete nicht mit diesem dumpfen, lungenerschütternden Fall wie Meyer. Er rollte blitzschnell ab und stand genauso schnell wieder auf den Beinen wie Shujumi. Die Männer belauerten sich. „Banzai!“ rief Zim und grinste.

„Arigato!“ erwiderte Shujumi und grinste zurück.

Diesmal gingen sie sofort zur Sache, und ich glaubte schon, der Sergeant würde wieder durch die Luft segeln. Aber das tat er nicht; er schlitterte in den anderen hinein, und es folgte ein Wirbel von Armen und Beinen. Als die Szene sich etwas beruhigte, merkte ich, daß Zim versuchte, sich Shujumis linken Fuß in sein rechtes Ohr zu stopfen – eine unmögliche Kombination.

Shujumi schlug mit der freien Hand auf die Erde. Zim ließ ihn sofort los. Sie verbeugten sich wieder voreinander.

„Noch einmal, Sir?“

„Leider nicht. Wir müssen auch die anderen arbeiten lassen. Aber ein anderes Mal? Zum Spaß… und für die Ehre. Vielleicht hätte ich es dir sagen sollen: Dein ehrenwerter Herr Vater hat mich ausgebildet.“

„Das habe ich bereits vermutet, Sir. Bis zum nächsten Mal, Sir.“

Zim schlug ihm fest auf die Schulter. „Zurück ins Glied, Soldat. – Kompaniee!

Dann folgten zwanzig Minuten Gymnastik. Hatte ich anfangs mit den Zähnen geklappert, so war ich danach glühendheiß und in Schweiß gebadet. Zim führte das Kommando, bestimmte das Tempo und machte jede Übung selbst mit. Bei den Zweikämpfen hatte er sich nicht einen Kratzer geholt, und nach der Gymnastik atmete er nicht viel schneller als vorher. Es war das einzige Mal, daß er die Morgengymnastik leitete. Später sahen wir ihn immer erst nach dem Frühstück (jeder Rang hat seine Privilegien); dieser erste Morgen war eine Ausnahme, und als wir danach alle groggy waren, führte er uns im Laufschritt zum Kantinenzelt und trieb uns ununterbrochen mit Zurufen an: „Nicht so langsam! Etwas lebhafter! Ihr kriecht ja wie die Schnecken!“

Wir bewegten uns im Camp Arthur Currie immer nur im Laufschritt irgendwohin. Ich fand nie heraus, wer oder was Currie gewesen ist, aber er muß ein Rennläufer gewesen sein.

Breckinridge saß bereits mit einem Gipsverband um sein linkes Handgelenk im Kantinenzelt. Ich hörte, wie er sagte: „Das ist nur eine Grünholzfraktur – mit so was habe ich schon eine ganze Runde Baseball gespielt. Wartet nur ab – das zahle ich ihm heim.“

Ich hatte so meine Zweifel. Shujumi vielleicht – aber nicht dieser Gorilla. Er schien nicht einsehen zu können, wann er seinen Meister gefunden hatte. Zim war mir schon unsympathisch, als ich ihn zum erstenmal sah. Aber er hatte Stil.

Das Frühstück war in Ordnung – alle Mahlzeiten waren in Ordnung. Sie versuchten hier nicht, wie das in einigen Heimschulen so üblich ist, dir das Leben mit Tischmanieren schwerzumachen. Niemand störte sich daran, wenn du dich mit beiden Ellenbogen auf die Tischplatte stütztest und das Essen in dich hineinschaufeln wolltest. Und das gefiel mir, denn die Mahlzeiten waren praktisch die einzigen Ruhepausen, in denen dich keiner piesackte. Das Menü zum Frühstück war überhaupt nicht mit dem zu vergleichen, was man mir zu Hause vorgesetzt hatte, und die Zivilisten, die uns bedienten, knallten uns das Essen auf den Teller, daß meine Mutter vor Entsetzen bleich geworden wäre und sich mit Migräne in ihr Schlafzimmer zurückgezogen hätte – aber es war heiß, und es war reichlich, und es war schmackhaft zubereitet wie eine gute Hausmannskost. Ich aß ungefähr viermal so viel wie in meinem Zivilleben und spülte es mit unglaublich viel gezuckertem Milchkaffee hinunter. Wahrscheinlich hätte ich auch einen ungehäuteten Haifisch zum Frühstück aufgegessen.

Jenkins kam ins Zelt mit Corporal Bronski im Schlepptau, als ich die Beilagen verzehrte. Sie blieben einen Moment bei dem Tisch stehen, an dem Zim alleine das Frühstück einnahm, dann ließ sich Jenkins auf einen leeren Stuhl neben mich fallen. Er sah schrecklich mitgenommen aus – blaß, erschöpft, mit rasselnden Bronchien. Ich nahm die Kanne. „Hier, trink erst mal eine Tasse Kaffee“, sagte ich.

Er schüttelte den Kopf.

„Und essen mußt du auch was“, drängte ich. „Ein paar Rühreier, so was rutscht von selbst hinunter.“

„Kann nichts essen. Oh, dieser schmutzige So-Und-So.“ Er begann Zim mit einer leisen, fast tonlosen Monotonie zu verfluchen. „Ich habe nur darum gebeten, mich vom Frühstück zu befreien, damit ich mich niederlegen kann. Aber Bronski erlaubte es mir nicht – sagte, ich müßte erst den Kompanieführer sprechen. Das habe ich getan. Ich sagte ihm, daß ich krank sei, ich sagte ihm das. Aber er zählte nur meinen Puls und berührte meine Wange und sagte, Krankenappell wäre um neun Uhr. Ließ mich nicht in mein Zelt zurückgehen. Oh, diese Ratte! Ich werde mir den Burschen in einer dunklen Nacht vorknöpfen! Wart es ab!“

Ich häufte ihm trotzdem ein paar Eier auf den Teller und goß ihm Kaffee ein. Schließlich begann er doch zu essen. Sergeant Zim erhob sich von seinem Stuhl, während die meisten von uns noch aßen, und blieb bei unserem Tisch stehen. „Jenkins.“

„Äh? Jawohl, Sir.“

„Um neun Uhr treten Sie zum Krankenappell raus.“

Jenkins’ Wangenmuskeln zuckten. Er antwortete leise: „Ich brauche keine Pillen – Sir. Ich komme ohne so etwas zurecht.“

„Um neun Uhr. Das ist ein Befehl.“ Zim verließ die Kantine.

Jenkins stimmte wieder seinen monotonen Fluchgesang an. Endlich beruhigte er sich etwas, stopfte eine Gabel voll Rühreier in den Mund und sagte ein bißchen lauter: „Ich möchte nur wissen, was für eine Mutter so etwas in die Welt gesetzt hat. Ich möchte nur mal einen Blick auf sie werfen. Frage mich, ob er überhaupt eine Mutter gehabt hat.“

Das war eine rhetorische Frage, aber er erhielt eine Antwort darauf. Am Kopfende unseres Tisches, einige Stühle von uns entfernt, saß einer von den Ausbildern. Er war mit dem Frühstück fertig, rauchte und bearbeitete gleichzeitig seine Zähne mit einem Zahnstocher. Er hatte offenbar zugehört. „Jenkins – “

„Äh – Sir?“

„Bist du so ungebildet, was Sergeanten betrifft?“

„Nun… man lernt immer etwas dazu.“

„Sie haben keine Mütter. Jeder ausgebildete Soldat wird das bestätigen.“ Er blies eine Rauch-wolke in unsere Richtung. „Sie pflanzen sich durch Zellspaltung fort – wie die Bakterien auch.“

*   *   *

Weiterlesen: Heinleins Sternenkrieger (4): Geschichte(n) und Moralphilosophie

 

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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