Heinleins Sternenkrieger (4): Geschichte(n) und Moralphilosophie

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Von Deep Roots

Dies ist Teil vier meiner Reihe über „Sternenkrieger“ von Robert Anson Heinlein (deutsche Erstausgabe von 1979 ISBN 3-404-01280-1, übersetzt von Bodo Baumann. Das Original „Starship Troopers“ wurde 1959 veröffentlicht. Bereits in diesem Blog erschienen: Kapitel 1, Kapitel 2 und Kapitel 3.

In weiterer Folge werde ich nur noch Ausschnitte aus dem Buch zitieren, ergänzt um meine eigenen Überleitungen und Anmerkungen. Der erste Abschnitt bietet einen aufschlußreichen Vergleich zu Verhoevens Film, wo man anhand der „Messerwurf-Ausbildungsszene“ erkennen kann, in welch verzerrender Weise Verhoeven von der Romanvorlage abgewichen ist:

Aber das passierte, nachdem wir Camp Currie bereits verlassen hatten und schon ein gutes Stück in der Ausbildung vorangekommen waren. Vor allen Dingen in der Gefechtsausbildung – Gefechtsübungen und Gefechtsdrill und Gefechtsmanöver, in denen alles zum Einsatz kam, was man als Waffe verwenden konnte, angefangen bei der bloßen Hand bis hinauf zur simulierten Atomwaffe. Ich hätte nie geglaubt, daß es so viele Möglichkeiten gibt, sich zu verteidigen! [….] Als sich unsere Reihen lichteten, kümmerte Zim sich nicht mehr um die Verbandsausbildung, nahm nur noch die Appelle und Paraden ab und widmete sich immer mehr der Einzelausbildung. Und er unterstützte die Unteroffiziere beim Unterricht. Er war perfekt im Umgang mit jeder Waffe, aber sein Lieblingskind war das Messer, das er selbst zurechtgeschliffen und ausbalanciert hatte, obwohl das Gerät, das wir in der Waffenkammer erhalten hatten, keine Wünsche offenließ. Als Einzelausbilder wurde er sogar sympathischer, war nicht mehr so ein Widerling, sondern nur noch unerträglich. Er konnte sehr viel Geduld haben, wenn man ihm dumme Fragen stellte.

Zum Beispiel, als einer von den Jungs in einer der zweiminütigen Pausen, die sparsam über den Tag verteilt waren – ein Bursche namens Ted Hendrick – fragte: „Sergeant? Ich kann mir denken, daß Messerwerfen Spaß macht… aber warum müssen wir das lernen? Was können wir denn damit anfangen?“

„Nun“, erwiderte Zim, „nehmen wir mal an, du hast nur ein Messer? Oder nicht einmal ein Messer? Was tust du dann? Sprichst ein Gebet und stirbst? Oder versuchst du es trotzdem und wehrst dich mit Erfolg? Hier geht es immer ums Ganze – es ist kein Damespiel, wo du einen Stein opfern kannst, wenn du dich im Nachteil zu befinden glaubst.“

„Aber das meine ich doch gar nicht, Sir. Nehmen wir mal an, ich habe überhaupt keine Waffe. Oder nur einen von diesen Dolchen. Und der Gegner, den ich vor mir habe, ist ein wandelndes, tödliches Waffenarsenal. Daran kann man doch nichts ändern! Da kann man doch nur noch beten!“

Zim erwiderte nachsichtig: „Du hast das ganz falsch begriffen, mein Sohn. Es gibt nichts, was man als ‚gefährliche Waffe’ bezeichnen könnte.“

„Wie bitte, Sir?“

„Es gibt keine gefährlichen Waffen, sondern nur gefährliche Männer – gefährlich für den Gegner, solange ihr noch eine Hand oder einen Fuß besitzt und am Leben seid. Wenn ihr nicht versteht, was ich meine, dann lest einmal ‚Horatius an der Brücke’ oder ‚Der Tod von Bon Homme Richard’; beide Bücher stehen in unserer Lagerbibliothek. Aber kommen wir auf den Fall zurück, den du zuerst erwähntest; ich bin du, und alles, was ich habe, ist ein Messer. Das Ziel hinter mir – der Kamerad Nummer drei, den du gerade verfehlt hast, ist ein Wachposten, mit allem ausgerüstet, was wir in unserem Arsenal haben, nur nicht mit einer Atombombe. Du mußt ihn erledigen… leise und prompt, damit er nicht mehr um Hilfe schreien kann.“ Zim drehte sich in den Hüften – zack! – und ein Messer, das er eben noch gar nicht in der Hand gehalten hatte, steckte mit zitterndem Griff im Herzen des Pappkameraden Nummer drei. „Siehst du das? Am besten, du trägst zwei Messer bei dir, aber erledigen mußt du ihn, auch mit bloßen Händen.“

„Äh…“

„Hast du immer noch deine Zweifel? Sprich sie aus. Deswegen bin ich hier, um deine Fragen zu beantworten.“

„Äh, ja, Sir. Sie sagten, der Posten habe keine Atombombe bei sich. Aber er hat doch eine; das ist der springende Punkt. Das heißt, wir hätten eine am Gürtel, wenn wir der Wachposten dort wären… und die Wahrscheinlichkeit, daß der Gegner sie auch besitzt, ist groß.“

„Ich verstehe dich.“

„Nun… das ist es doch, Sir, was ich nicht begreife. Wenn wir eine Wasserstoffbombe verwenden können, und, wie Sie sagen, es kein Spiel mehr ist, sondern Krieg, der Ernstfall – ist es dann nicht widersinnig, im Gras herumzukriechen und Messer zu werfen, sich möglicherweise den Tod dabei zu holen und sogar den Krieg zu verlieren, obwohl man eine richtige Waffe hat, mit der man gewinnen kann? Was ist das für eine Logik, die verlangt, daß eine Menge Leute ihr Leben mit veralteten Waffen aufs Spiel setzen, wenn ein einziger Professor viel mehr ausrichten kann, indem er nur auf einen Knopf drückt?“

Zim antwortete nicht sofort, was gar nicht seine Art war. Dann sagte er leise: „Fühlst du dich wohl bei der Infanterie, Hendrick? Du kannst deinen Abschied nehmen, wie du weißt.“

Hendrick stotterte irgend etwas; Zim sagte: „Sag es klar und deutlich!“

„Meinen Abschied? Nein, Sir, ich werde meine Dienstzeit ableisten.“

„Also gut. Nun, die Frage, die du mir gestellt hast, dürfte ein Sergeant eigentlich nicht beantworten, und du solltest sie eigentlich auch nicht an mich richten. Man erwartet von dir, daß du die Antwort schon kennst, ehe du dich zum Wehrdienst meldest. Hast du in deiner Schule Unterricht in Geschichte und Moralphilosophie gehabt?“

„Wie bitte? Sicher – ja, Sir.“

„Dann müßtest du also auch die Antwort kennen. Aber ich gebe sie dir trotzdem – inoffiziell – meine persönliche Meinung. Wenn du ein Kind bestrafen willst, würdest du ihm dann gleich den Kopf abhacken?“

„Wie bitte… nein, Sir!“

„Natürlich nicht. Du gibst ihm einen Klaps auf den Hintern oder eine Tracht Prügel. Nun können sich Umstände ergeben, unter denen es genauso töricht wäre, eine Stadt des Gegners mit einer Wasserstoffbombe zu vernichten, wie ein Baby mit einer Axt zu vertrimmen. Denn Krieg ist nicht Gewalt und Vernichtung schlechthin. Ein Krieg ist kontrollierte Gewalttätigkeit zu einem Zweck. Der Zweck eines Krieges ist die Unterstützung einer Regierungsentscheidung mit gewalttätigen Mitteln. Der Zweck des Krieges ist niemals der Tod des Gegners als Selbstzweck, sondern ein Mittel, ihn zu zwingen, das zu tun, was du von ihm verlangst. Nicht seine Vernichtung… sondern kontrollierte und sinnvolle Gewalt. Aber es ist nicht deine und meine Aufgabe, zu entscheiden, welchen Zweck die Gewalt erfüllen soll. Es ist niemals die Aufgabe eines Soldaten, zu entscheiden, wann – oder wie – oder wo – oder warum er kämpft. Das obliegt den Staatsmännern und den Generälen. Die Staatsmänner entscheiden, warum und wie groß die Gewalt sein muß, die Generäle übernehmen dann deren Entscheidung und sagen uns, wo und wann und wie. Wir üben dann die Gewalt aus; andere Leute – ältere und klügere Köpfe, wie man zu sagen pflegt – stellen die Kontrolle. So, wie es auch sein soll. Das ist die beste Antwort, die ich dir geben kann. Wenn sie dir nicht genügt, gebe ich dir einen Zettel mit, damit du den Regimentskommandeur sprechen kannst. Wenn er dich nicht überzeugen kann, dann geh nach Hause und werde wieder ein Zivilist! Denn in diesem Fall wirst du wahrscheinlich niemals ein Soldat werden.“

Er sprang auf die Füße. „Ihr wollt euch wohl nur drücken, weil ihr mich reden laßt. Auf, Soldaten! Ein bißchen munter! Auf Gefechtsstation, Ziel frei – Hendrick, Sie zuerst. Diesmal möchte ich, daß Sie das Messer in südliche Richtung werfen. Nach Süden, verstanden? Nicht nach Norden. Das Ziel befindet sich genau südlich von Ihnen, und ich möchte, daß Sie das Messer wenigstens ungefähr in südlicher Richtung werfen. Ich weiß, Sie werden es nicht treffen, aber vielleicht können Sie es ein bißchen einschüchtern. Und schneiden Sie sich nicht dabei das Ohr ab! Und daß es Ihnen nicht aus der Hand rutscht und aus Versehen einen Hintermann verletzt – konzentrieren Sie nur Ihr bißchen Gehirn darauf, daß das Ziel sich südlich von Ihnen befindet! Fertig – Ziel frei! Werfen!

Hendrick warf wieder daneben.

Schon ganz anders als im Film, nicht? Der Wechsel vom Du zum Sie gegenüber Hendrick ist übrigens ein originaler Lapsus des Übersetzers.

Der nächste Abschnitt spielt, nachdem eben jener Hendrick im Rahmen einer Gefechtsübung gegen Zim tätlich geworden war und ihm ein Veilchen verpaßt hat. Zim hatte versucht, diesen Vorfall gegenüber dem Bataillonskommandeur, Captain Frankel, herunterzuspielen und als bloße Befehlsverweigerung darzustellen, um Hendrick die Konsequenzen zu ersparen. Captain Frankel konnte sich denken, was wirklich vorgefallen ist, spielte aber ebenfalls mit und verdonnerte Hendrick zu dreißig Tagen Arrest, diversen Strafdiensten und der Reduzierung seiner Abendmahlzeit während der Strafdauer auf Wasser und Brot. Hendrick war empört mit seiner Darstellung herausgeplatzt, daß Zim ihn mit den Händen geschlagen und zu Boden geworfen habe, weil er sich nach dem Befehl „Einfrieren!“ noch von einem Stechameisennest wegbewegt hatte, auf dem er beim Deckungnehmen gelandet war. Dabei sei er aufgesprungen und habe Zim eine verpaßt…

Nach dieser Aussage vor Zeugen – zwei Wachsoldaten und unserem Ordonnanzdienst leistenden Romanhelden Johnnie Rico – war Frankel nichts anderes übrig geblieben, als Hendrick wegen „Schlagens eines Vorgesetzten im Dienst“, (einer der „31 Bruchlandungen“), verschärft durch den Umstand, daß die Terranische Föderation sich zu dieser Zeit im Alarmzustand befand, zu zehn Peitschenhieben und Ausstoßung aus der Armee wegen schlechter Führung zu verurteilen.

In weiterer Folge hatte Johnnie Rico unbemerkt noch mitbekommen, wie Zim sich in einem Gespräch mit Frankel Selbstvorwürfe gemacht hatte, weil er Hendrick überhaupt erst Gelegenheit zu diesem Angriff gegeben hatte. In der Nacht nach Hendricks Verstoßung aus der Armee hatte Rico seinen moralischen Tiefpunkt erreicht; er hatte lange über die Sache nachgegrübelt und war – bestärkt durch einen Brief seiner Mutter, in dem sie ihm geschildert hatte, wie sein Vater schweigend unter der Entscheidung seines Sohnes für den Wehrdienst litt – zum Schluß gekommen, daß es Zeit sei, auszusteigen, bevor er einmal die Nerven verlieren und eine „Bruchlandung“ bauen würde. Am nächsten Tag würde er um seine Entlassung ansuchen:

Am nächsten Morgen mußte ich zum erstenmal seit Monaten mit dem Stock aus meinem Schlafsack geprügelt werden und wäre fast zu spät zur Morgengymnastik herausgetreten. Ich hatte das Kommando zum Wecken überhört. Es hätte auch keinen Sinn gehabt, vor dem Frühstück um die Entlassung zu bitten, weil man sich dazu erst einmal bei Sergeant Zim melden mußte. Aber er erschien nicht zum Frühstück. Ich bat Bronski um Erlaubnis, den Kompanieführer sprechen zu dürfen, und er meinte: „Sicher. Meinetwegen.“ Er fragte mich nicht nach dem Grund.

Aber man kann einen Mann nicht sprechen, der gar nicht da ist. Nach dem Frühstück rückten wir zu einer Marschübung aus, und ich hatte ihn immer noch nicht gesehen. Es war eine Tagesübung mit Hin- und Rückmarsch, und mittags wurden wir per Hubschrauber mit Verpflegung versorgt – ein unerwarteter Luxus, denn wenn vor dem Abmarsch keine Rationen ausgegeben wurden, bedeutete das in der Regel einen Hungermarsch, auf den ich nicht vorbereitet war. Ich hatte zu viele andere Sorgen gehabt und mir keine heimlichen Vorräte mehr an unverderblichen Lebensmitteln angelegt.

Sergeant Zim kam mit dem Verpflegungshubschrauber und brachte die Post für uns mit; das war kein unerwarteter Luxus. In diesem Punkt ließ die M.I. nichts zu wünschen übrig: sie verweigerten einem zwar ohne Vorankündigung das Essen, das Wasser und den Schlaf oder was ihnen so in den Kram paßte, aber sie hielten die Privatpost nicht eine Minute länger als nötig zurück. Das war unser Eigentum, und sie stellten es dir sofort mit jedem dafür geeigneten Transportmittel zu, und du durftest sie auch bei der nächsten Gelegenheit lesen, selbst im Manöver. Dieser Service hatte mir bisher wenig bedeutet, da ich (abgesehen von den paar Briefen, die Carl mir schrieb) immer nur Reklamebriefe für den Papierkorb erhalten hatte. Erst seit Mutters Brief zählte dieser Service für mich.

Ich stand jedoch nicht einmal auf, als Zim die Post zu verteilen begann. Ich hatte beschlossen, ihn nicht eher anzureden, bis wir wieder einrückten – wollte nicht eher auffallen, bis das Hauptquartier greifbar nahe gerückt war. Deshalb war ich um so überraschter, als er meinen Namen aufrief und einen Brief hochhielt. Ich trottete im Laufschritt zu ihm hin und nahm ihn in Empfang.

Und das war die zweite Überraschung – ein Brief von Mr. Dubois, meinem Lehrer in Geschichte und Moral-Philosophie an der Oberschule. Ich hätte wahrscheinlich eher einen Brief vom Weihnachtsmann erwartet. Und dann, als ich ihn las, schien mir immer noch ein Irrtum vorzuliegen. Ich mußte den Absender und die Adresse ein paarmal lesen, ehe ich überzeugt war, daß er ihn selbst geschrieben und mir gewidmet hatte:

MEIN LIEBER JUNGE,

ich hätte dir schon viel eher geschrieben, um dir meine Freude und meinen Stolz auszudrücken, als ich erfuhr, daß du dich nicht nur freiwillig gemeldet, sondern sogar für meinen eigenen Truppenteil entschieden hast. Aber ich war nicht überrascht, denn das hatte ich von dir erwartet – bis auf diese vielleicht doch unerwartete Freude, die du mir ganz plötzlich mit deiner Entscheidung für die M.I. bereitet hast. Es passiert nicht oft, daß ein sehnlicher Wunsch in so Erfüllung geht und die Mühe eines Lehrers nicht vergebens gewesen ist. Wir müssen sehr viel Sand und Kies durch unser Sieb schütteln, ehe wir einen Goldklumpen finden – doch die Goldklumpen sind die Belohnung für uns.

Nun, inzwischen wirst du den Grund wissen, weshalb ich dir nicht sofort geschrieben habe. Viele junge Männer müssen schon während der Rekrutenausbildung wieder ausscheiden, oft aus Gründen, die man ihnen persönlich nicht anlasten kann. Ich habe gewartet (blieb in Verbindung mit dir über Mittelsmänner), bis ich wußte, daß du über den Berg bist (wie gut wir alle diesen Berg kennen!) und bis ich sicher war, daß jetzt nur noch eine Krankheit oder ein Unfall dich am erfolgreichen Abschluß deiner Ausbildung und deines Wehrdienstes hindern können.

Du gehst jetzt durch die härteste Prüfung deines Wehrdienstes – ich meine das nicht im physischen Sinn (denn körperliche Entbehrungen werden jetzt keine Anfechtung mehr für dich sein, nachdem du ein gerütteltes Maß davon erlebt hast), sondern die härteste geistige Prüfung… die tiefen, seelenerschütternden Umstellungen, Neubewertungen der Dinge, die notwendig sind für die Metamorphose eines Anwärters zu einem wirklichen Vollbürger. Oder vielleicht sollte ich lieber sagen: du hast bereits den härtesten Teil hinter dir, und trotz aller Anfechtungen, die dir noch bevorstehen und aller Hürden, eine höher als die andere, die du noch nehmen mußt, zählt doch nur, daß du diesen Berg überwunden hast. Und da ich dich kenne, mein Junge, weiß ich, daß ich lange genug mit diesem Brief gewartet habe – bis ich sicher war, du hast deinen ‚Berg’ bezwungen – oder du wärst inzwischen längst wieder zu Hause.

Als du den Gipfel deines Berges erreicht hattest, spürtest du etwas ganz Neues. Vielleicht hast du keine Worte dafür (ich hatte sie nicht, als ich noch Rekrut war). Aber vielleicht gestattest du einem älteren Kameraden, dir diese Worte zu übermitteln, denn oft hilft es einem, sich an ein paar diskreten Worten aufzurichten. Schlicht und einfach das: Die vornehmste Bestimmung, die ein Mensch auf sich nehmen kann, ist die Bereitschaft, seinen eigenen sterblichen Körper als Schild zwischen der trostlosen Zerstörung des Krieges und seinem geliebten Heim aufzurichten. Diese Worte stammen nicht von mir selbst, was dir natürlich sofort aufgefallen ist. Grundwahrheiten ändern sich nie. Sobald ein einsichtiger Mann sie formuliert hat, bedürfen sie keiner Neuformulierung mehr, auch wenn die Welt sich noch so sehr verändern sollte. Es ist unwandelbar, überall gültig, zu allen Zeiten für alle Menschen und Völker.

Laß bitte etwas von dir hören und schreibe ab und zu einen Brief, wenn du etwas von deiner kostbaren Freizeit für einen alten Mann opfern kannst. Und falls du zufällig einem meiner früheren Kameraden begegnest, dann grüße ihn herzlich von mir.

Viel Glück, Soldat! Ich bin stolz auf dich.

JEAN V. DUBOIS
Oberstleutnant a. D., M. I.

Die Unterschrift war so erstaunlich wie der Brief. Der alte Sauertopf war ein Oberstleutnant? Selbst unser Bezirkskommandeur war nur ein Major. Mr. Dubois hatte an der Schule nie einen Rang erwähnt. Wir hatten angenommen (wenn wir überhaupt einen Gedanken daran verschwendeten), daß er ein Korporal oder so etwas Ähnliches gewesen sein mußte, den man nach dem Verlust abgeschoben und mit einem bequemen Lehrauftrag abgespeist hatte – in einem Fach, das nicht gewertet wurde, in dem man nichts zu lernen brauchte, sondern nur zuhören mußte. Selbstverständlich wußten wir, daß er Wehrdienst geleistet hatte, da der Lehrer für Geschichte und Moralphilosophie Vollbürger sein mußte. Aber ein Veteran der M.I.? So sah er nicht aus. Pingelig, mokant, ein Ballettmeister-Typ – nichts von einem Landser.

Aber er hatte sich in seiner Unterschrift als Veteran meiner Einheit offenbart.

Auf dem ganzen langen Marsch zurück zum Lager dachte ich nur an diesen erstaunlichen Brief. Sein Inhalt war nicht zu vergleichen mit seinen Tiraden in der Schule. Nicht, daß er etwas widerrief, was er uns im Unterricht gesagt hatte – nein, es war nur ein ganz anderer Ton. Seit wann spricht ein Oberstleutnant einen Rekruten mit „Kamerad“ an?

Als er noch schlicht „Mr. Dubois“ war und ich einer der Schüler, die an seinem Unterricht teilnehmen mußten, schien er mich kaum zu bemerken – bis auf das eine Mal, als ich sauer reagierte, weil er andeutete, daß ich zuviel Geld und zuwenig Verstand besäße. (Ist es ein Verbrechen, daß mein alter Herr die Schule hätte kaufen und mir als Weihnachtsgeschenk überreichen können? Das ging ihn überhaupt nichts an.)

Er hatte sich lang und breit über den „Wert“ ausgelassen, verglich die Marxsche Theorie mit der orthodoxen Lehre vom „Nutzen“. Mr. Dubois hatte gesagt: „Natürlich ist die Marxsche Definition des Wertes lächerlich. Wenn ich auch noch so viel Arbeit aufwende, um meinen Sandkasten-Kuchen in eine Apfeltorte zu verwandeln, wird er immer nur ein wertloser Sandkasten-Kuchen bleiben. Konsequenterweise kann mangelhafte Arbeit sehr leicht den Wert herabmindern. Ein unbegabter Koch kann einen gesunden Teig und frische grüne Äpfel, die an sich schon einen Wert darstellen, in einen ungenießbaren, wertlosen Abfall verwandeln. Umgekehrt vermag ein großer Küchenchef aus diesen gleichen Materialien ein kulinarisches Meisterwerk zu erschaffen, das einen viel größeren Wert darstellt als eine gewöhnliche Apfeltorte, ohne dazu mehr Mühe aufzuwenden als ein gewöhnlicher Koch für eine gewöhnliche Süßspeise. Diese Küchenbeispiele sind eine vernichtende Widerlegung der Marxschen Theorie des Wertes – auf welcher Täuschung der ganze grandiose Betrug des Kommunismus beruht – und bezeugen, daß der gesunde Menschenverstand, der in Begriffen der Nützlichkeit rechnet, recht hat.“

Dubois hatte mit seinem Armstumpf auf uns gedeutet. „Nichtsdestoweniger – wache auf, du da hinten! – nichtsdestoweniger hatte dieser alte, wirre Mystiker, der ‚Das Kapital’ verfaßte, dieser schwülstige, verworrene, verdrehte, neurotische, unwissenschaftliche, unlogische Karl Marx, dieser bombastische Betrüger – nichtsdestoweniger hatte er den Zipfel einer sehr wichtigen Wahrheit erfaßt. Hätte er einen analytischen Verstand besessen, hätte er vielleicht die erste zutreffende Begriffsbestimmung des Wertes formulieren können… und diesem Planeten wäre möglicherweise endloser Kummer erspart worden. Oder auch nicht“, fügte er hinzu. „Du!“

Ich zuckte zusammen.

„Wenn du schon nicht zuhören kannst, wirst du vielleicht der Klasse sagen können, ob ‚Wert’ etwas Relatives oder etwas Absolutes ist?“

Ich hatte zugehört. Ich vermochte nur nicht einzusehen, weshalb man das nicht mit geschlossenen Augen und bequemer Haltung tun durfte. Aber seine Frage brachte mich in Verlegenheit. Ich hatte mich nicht auf den Unterricht vorbereitet. „Etwas Absolutes“, antwortete ich auf gut Glück.

„Falsch“, erwiderte er kalt. „‚Wert’ hat nur eine Bedeutung im Zusammenhang mit lebenden Wesen. Der Wert eines Gegenstandes ist immer abhängig von einer bestimmten Person, eine ganz persönliche Wertschätzung, quantitativ von Mensch zu Mensch verschieden. ‚Marktwert’ ist eine Fiktion, lediglich eine grobe Schätzung persönlicher Durchschnittswerte, die jedoch ein quantitatives Gefälle haben müssen, weil es sonst keinen Güteraustausch gäbe.“ (Ich hatte mich gefragt, was Vater wohl dazu sagen würde, wenn er hörte, „Marktwert“ sei eine „Fiktion“. Wahrscheinlich hätte er nur entrüstet geschnaubt.)

„Dieses sehr persönliche Verhältnis zu einem Gegenstand – ‚Wert’ – wird von zwei Faktoren bestimmt: Einmal, was der betreffende Mensch mit der Sache tun kann, ihr ‚Nutzen’ für ihn, und zum anderen, was er aufwenden muß um eine Sache zu bekommen, ihr ‚Preis’… Es gibt ein altes Lied, das behauptet, ‚die besten Dinge im Leben bekäme man kostenlos’. Wie unwahr! Absolut falsch! Das war der tragische Irrtum, der die Dekadenz und den Zusammenbruch der Demokratie im zwanzigsten Jahrhundert herbeiführte. Diese noblen politischen Versuche mißlangen, weil man die Leute damals in dem Irrglauben erzog, daß sie lediglich mit der Abgabe ihres Stimmzettels alles haben konnten, was sie sich wünschten – ohne Mühe, ohne Schweiß, ohne Tränen. Nichts, was Wert besitzt, bekommt man gratis. Selbst der Odem des Lebens wird bei der Geburt mit einer schmerzhaften und mühseligen Anstrengung erkauft.“

Er blickte mich immer noch an und fuhr fort: „Wenn ihr Jungen und Mädchen euch so für eure Spielzeuge abrackern müßtet wie ein neugeborenes Baby für seinen ersten Atemzug, würdet ihr glücklicher sein… und viel reicher. Aber wie die Dinge nun mal liegen, bei einigen von euch, kann ich nur die Armut eures Reichtums bedauern. Du! Ich habe dir gerade den ersten Preis für den Hundert-Meter-Lauf zuerkannt. Freust du dich darüber?“

„Äh, wahrscheinlich schon.“

„Weiche mir bitte nicht aus. Du hast den Preis – hier, ich schreibe dir die Urkunde aus: Erster Preis im Hundert-Meter-Lauf bei den Schulwettkämpfen.“ Er war tatsächlich mit der Urkunde zu meinem Platz gekommen und hatte sie mir an die Brust geheftet. „Da hast du sie! Bist du glücklich? Sie ist für dich wertvoll – oder etwa nicht?“

Ich war sauer. Erst dieser schmutzige Seitenhieb auf die reichen Jungen – die typische höhnische Bemerkung eines Habenichts – und nun diese Farce. Ich riß die Urkunde von meiner Jacke und warf sie ihm vor die Füße. Mr. Dubois hatte mich überrascht angesehen:
„Du freust dich gar nicht darüber?“

„Sie wissen genau, daß ich nur Vierter geworden bin!“

Genau! Der Preis für den ersten Platz ist wertlos für dich… weil du ihn nämlich nicht verdient hast. Aber dir ist immer noch eine bescheidene Genugtuung geblieben, darüber, daß du wenigstens Vierter geworden bist. Das hast du verdient. Ich hoffe, daß einige der Schlafwandler in dieser Klasse dieses kleine Moralstück verstanden haben. Ich vermute, der Poet, der dieses Lied verfaßte, wollte damit ausdrücken, daß die besten Dinge im Leben nicht mit Geld erkauft werden können – was richtig ist – wobei sich die wörtliche Bedeutung seiner Vokabeln als falsch erweist. Die besten Dinge des Lebens sind für Geld nicht käuflich; ihr Preis ist Kampf und Schweiß und Hingabe…und der Preis, der für das Kostbarste im Leben gefordert wird, ist das Leben selbst – der äußerste Preis für einen vollkommenen Wert.“

Das alles ging mir durch den Kopf, während wir zum Lager zurückeilten – was Mr. Dubios – Oberst Dubois – gesagt und mir in seinem außergewöhnlichen Brief geschrieben hatte. Dann riß der Faden ab, weil die Marschkapelle sich bis zu unserer Kolonne hatte zurückfallen lassen und wir ein paar Lieder anstimmten, eine Reihe französischer Kompositionen – die „Marseillaise“ natürlich, und „Madelon“ und „Sons of Toil and Danger“, und dann „Legion Etrangére“ und „Mademoiselle aus Armentieres“.

Es macht Laune, wenn eine Kapelle den Marsch begleitet; das richtet einen wieder auf, wenn man schon auf dem Zahnfleisch geht. Anfangs hatte es nur Musik aus der Konserve gegeben, und das auch nur beim Appell und während der Parade. Doch die Mächte, die über uns walteten, hatten sehr rasch herausgefunden, wer ein Instrument spielen konnte und wer nicht. Und dann wurden die nötigen Instrumente ausgegeben und eine Regimentskapelle aufgestellt, die nur aus Rekruten bestand – selbst der Kapellmeister und Tambourmajor wurden von uns gestellt.

Das soll nicht heißen, daß sie dadurch Sonderrechte erhielten. Im Gegenteil! Das bedeutete nur, daß man sie dazu ermunterte und ihnen gestattete, in ihrer Freizeit zu üben, abends und an den Sonntagen – und daß sie mit ihren Instrumenten Formationsübungen abhalten und sich bei der Parade produzieren durften, statt in Reih und Glied bei den anderen zu stehen. Vieles in unserem Ausbildungslager regelte sich auf diese Weise. Unser Pfarrer zum Beispiel war ebenfalls ein Rekrut. Er war älter als die meisten von uns und in irgendeiner kleinen Sekte, von der ich noch nie etwas gehört hatte, zum Priester geweiht worden. Doch er legte viel Schwung in seine Predigten, ob sie nun rechtgläubig waren oder nicht (fragen Sie mich nicht!), und er war gewiß ein Seelsorger, der die Probleme eines Rekruten verstand. Und das Singen nach der Predigt machte Spaß. Außerdem konnte man am Sonntag zwischen dem Morgenappell und dem Essen nirgendwoanders hingehen.

Die Musikkapelle litt unter großen Abnützungserscheinungen, aber irgendwie brachten sie immer wieder ein paar Musiker auf die Beine. Das Lager verfügte sogar über vier Dudelsackpfeifen und ein paar schottische Uniformen, die von dem Lochiel von Cameron, dessen Sohn im Lager während der Ausbildung umkam, gestiftet worden waren. Und einer von unseren Rekruten konnte sogar darauf spielen. Er hatte es bei den schottischen Pfadfindern gelernt. Und bald hatten wir sogar vier Dudelsackpfeifer im Lager, die vielleicht nicht gut, aber laut spielen konnten. Es ist schon ein sehr eigenartiges Erlebnis, wenn man einen Dudelsack zum erstenmal spielen hört, und ein Anfänger, der damit übt, kann einen schon nervös machen – es hört sich an, als klemmte er sich eine Katze unter den Arm, lutschte an ihrem Schwanz und biß darauf.

Aber sie gehen einem unter die Haut. Als unsere Pfeifer zum erstenmal an der Spitze der Kapelle marschierten und das „Alamein Dead“ bliesen, sträubten sich mir die Haare, daß mir fast die Kappe vom Kopf gefallen wäre. Das geht einem durch und durch – treibt das Wasser in die Augen.

Wir konnten auf unseren Übungsmärschen selbstverständlich keine Marschkapelle mitnehmen, weil uns nach dem Organisationsplan kein Musikkorps zustand. Baßtrompeten und Pauken blieben im Quartier, weil ein Junge von der Kapelle genauso sein Marschgepäck tragen mußte wie jeder andere auch und er deshalb nur ein Instrument mitnehmen konnte, das ihn nicht zu sehr belastete.

Doch die M.I. besaß Musikinstrumente, die meines Erachtens kein anderer hatte, zum Beispiel eine kleine Schachtel, kaum größer als eine Mundharmonika – ein elektrisches Gerät, das eine Baßtuba täuschend ähnlich nachmachen konnte und auch so geblasen wurde. Kam der Ruf, daß die Kapelle sich bereitmachen sollte, während wir dem Horizont entgegenmarschierten, warfen die Spielmänner, ohne anzuhalten, ihr Gepäck ab, das ihre Kameraden unter sich aufteilten, setzten sich im Laufschritt an die Spitze der Fahnenkompanie und legten los.

Das hilft.

Die Kapelle fiel zurück, war kaum noch zu hören, und wir stellten das Singen ein, weil wir sonst den Trommelschlag überhörten, nach dem wir uns richteten.

Ich spürte plötzlich, daß ich mich wohlfühlte.

Ich versuchte zu ergründen, warum. Weil wir in ein paar Stunden wieder im Lager waren und ich mein Entlassungsgesuch einreichen konnte?

Nein. Als ich mich dazu entschlossen hatte, aufzugeben, hatte mir das tatsächlich eine Ruhepause verschafft, hatte sich diese grauenhafte Nervosität etwas gelegt, daß ich endlich einschlafen konnte. Doch das hier war jetzt etwas ganz anderes, ein Gefühl, für das ich keinen Grund sah.

Dann wußte ich es. Ich hatte mich selbst überwunden.

Ich war über den „Berg“, von dem Colonel Dubois in seinem Brief gesprochen hatte. Ich war tatsächlich über seinen Gipfel gewandert und marschierte nun beschwingt wieder bergab. Die Prärie war so flach wie ein Kuchenblech. Trotzdem war ich auf dem Hinmarsch immer nur müde bergan geklettert, und auch noch auf dem halben Weg zurück. Doch dann, an irgendeinem Punkt – ich glaube, ich erreichte ihn während des Singens – war ich über den Gipfel gekommen, und nun ging es nur noch den Berg hinunter. Mein Gepäck fühlte sich leichter an, und ich hatte plötzlich keine Angst mehr.

Als wir einrückten, sprach ich nicht mit Sergeant Zim. Das war nicht mehr nötig. Statt dessen winkte er mich zu sich heran, als die Kompanie wegtrat, und sprach mich an.

„Ja, Sir?“

„Es ist eine persönliche Frage – Sie brauchen sie nicht zu beantworten, wenn Sie nicht wollen.“ Er stockte, und ich fragte mich bang, ob er mich verdächtigte, heimlich seine Standpauke im Hauptquartier mitangehört zu haben.

„Heute bei der Postverteilung“, sagte er, „erhielten Sie einen Brief. Ich las zufällig – denn die Privatpost geht mich nichts an – den Namen des Absenders. Es war ein Name, der mancherorts ziemlich verbreitet ist, aber – das ist die persönliche Frage, die Sie nicht zu beantworten brauchen – handelt es sich zufällig bei dem Absender um eine Person, der die linke Hand amputiert wurde?“

Ich glaube, mir muß die Kinnlade heruntergefallen sein. „Woher wissen Sie denn das? Sir?“

„Ich war ganz in der Nähe, als es passierte. Es ist also Colonel Dubois? Habe ich recht?“

„Jawohl, Sir.“ Ich fügte hinzu: „Er war mein Lehrer in Geschichte und Moralphilosophie an der Oberschule.“

Ich glaube, es war das einzige Mal, daß ich ein bißchen Eindruck auf Sergeant Zim machte. Seine Augenbrauen zogen sich einen Achtelzoll in die Höhe, und seine Augen weiteten sich ein wenig. „So? Dann hatten Sie ja ungewöhnliches Glück.“ Er setzte hinzu: „Wenn Sie seinen Brief beantworten – würde es Ihnen dann etwas ausmachen, einen Gruß von Ship’s Sergeant Zim zu übermitteln?“

„Durchaus nicht, Sir. Oh – ich glaube sogar, er läßt Ihnen eine Nachricht zukommen, Sir.“

„Wie bitte?“

„Äh, ich bin mir nicht sicher.“ Ich zog den Brief aus der Tasche und las nur den Satz vor: „’- falls du zufällig einem meiner früheren Kameraden begegnest, dann grüße ihn herzlich von mir.’ Ist das für Sie bestimmt, Sir?“

Zim dachte nach, seine Augen sahen durch mich hindurch, schienen in die Vergangenheit zu blicken. „Wie? Ja, es ist unter anderem auch für mich bestimmt. Vielen herzlichen Dank.“ Dann war dieser Moment auch schon wieder vorbei, und er sagte lebhaft: „Neun Minuten bis zur Parade. Und Sie müssen sich noch duschen und umziehen. Also ein bißchen dalli, Soldat!“

In einem weiteren Abschnitt äußert sich Rico zu einem anderen, viel schlimmeren Fall als den von Ted Hendricks Verurteilung, in dem es um einen Rekruten namens Dillinger ging, der schon nach zwei Tagen im Ausbildungslager desertiert war. Er war bereits vier Monate flüchtig gewesen und beim Morgenappell immer als unerlaubt Abwesender gemeldet worden. Dann hatte er ein junges Mädchen getötet, war vor ein Zivilgericht gestellt und verurteilt worden, aber eine Identitätsüberprüfung hatte ihn als Deserteur entlarvt. Da er somit in die Zuständigkeit der Militärgerichtsbarkeit gefallen war, hatte man ihn somit ins Lager zurückgebracht, wo er zum Tod verurteilt und vor dem angetretenen Regiment gehenkt worden war:

Aber wenn es auch ein gräßliches Spektakel war – für mich und die meisten von uns die erste Begegnung mit dem Tod -, so war es doch nicht der Schock, den Teds Auspeitschung uns versetzte – ich meine, man hatte nicht das Gefühl: „Das könnte auch ich gewesen sein.“ Abgesehen von dem Tatbestand der Fahnenflucht, hatte Dillinger mindestens vier weitere Kapitalverbrechen begangen; selbst wenn sein Opfer überlebt hätte, wäre ihm auch noch für drei andere Verbrechen der Galgen sicher gewesen – für Kidnapping, Erpressung von Lösegeld, Mißhandlung und so weiter.

Ich empfand kein Mitleid für ihn und kann ihn auch heute nicht bedauern. Das alte Sprichwort, das da heißt: „Alles verstehen bedeutet alles vergeben“, ist Quatsch. Es gibt Dinge, die man um so mehr verdammt, je besser man sie versteht. Meine Sympathie und meine ganze Anteilnahme galten Barbara Anne Enthuwaite, die ich nie gesehen hatte – und ihren Eltern, die ihr kleines Mädchen nie mehr sehen würden.

[….]

In dieser Nacht überlegte ich, wie man solche Dinge verhindern könnte. Natürlich geschehen sie heutzutage sehr selten – doch einmal ist schon viel zu oft. Ich fand keine Lösung, die mich befriedigte. Dieser Dillinger – man hat es ihm nicht ansehen können, sein Verhalten und sein Leumund konnten kaum von der Norm abgewichen sein, weil er sonst nie bis Camp Currie gekommen wäre. Vermutlich war er eine von diesen pathologischen Persönlichkeiten, die auch bei einem Test nicht auffallen. Konnte man solche Dinge schon nicht verhindern, so gab es nur eine sichere Methode, die eine Wiederholung ausschloß. Wir hatten sie angewandt.

Falls Dillinger unglaublicherweise gewußt hatte, was er tat, dann hatte er nur erhalten, was ihm zustand… wenn man sich nicht darüber empören wollte, daß er nicht so viel gelitten hatte wie die kleine Barbara Anne – er hatte praktisch gar nicht gelitten.

Aber nehmen wir den wahrscheinlicheren Fall an, er war so verrückt gewesen, daß er sich der Schändlichkeit seines Tuns gar nicht bewußt geworden war? Was dann?

Nun, was tun wir mit tollwütigen Hunden? Wir erschießen sie.

Ja, aber diese Art von Verrücktheit ist eine Krankheit –

Ich konnte nur zwei Möglichkeiten erkennen. Entweder war er unheilbar – in welchem Fall der Tod für ihn und somit die Sicherheit der anderen eine bessere Lösung gewesen wäre – oder er konnte mit Erfolg behandelt werde. In diesem Fall (dünkt mir), wenn er überhaupt soweit geheilt werden konnte, daß er in einer zivilisierten Gesellschaft zu leben vermochte… und darüber nachdachte, was er getan hatte, während er „krank“ war – was blieb ihm dann noch übrig außer Selbstmord? Wie konnte er mit sich selbst leben?

Und nehmen wir an, er entkommt, bevor er geheilt ist, und begeht das gleiche Verbrechen noch einmal? Und vielleicht ein drittes Mal? Wie erklären Sie das den leidgeprüften Eltern? In Anbetracht seiner Krankheitsgeschichte? Ich sah nur eine Lösung für dieses Problem.

Die Diskussionen, die wir in der Klasse für Geschichte und Moralphilosophie führten, kamen mir wieder ins Gedächtnis. Mr. Dubois sprach über die Unruhen, die dem Zusammenbruch der Nordamerikanischen Republik im Zwanzigsten Jahrhundert vorausgingen. Vor ihrem Untergang gab es eine Zeit, erzählte er uns, in der solche Verbrechen, wie Dillinger sie verübt hatte, so an der Tagesordnung waren wie Keilereien im Wirtshaus. Der Terror hatte nicht nur in Nordamerika geherrscht, sondern auch in Rußland, auf den Britischen Inseln und vielen anderen Orten. Doch er erreichte seinen Höhepunkt in Nordamerika, kurz vor der Katastrophe.

„Gesetzestreue Bürger“, hatte Dubois uns berichtet, „wagten nachts kaum, einen öffentlichen Park zu betreten. Denn dabei riskierten sie, von organisierten Banden bewaffneter Kinder angegriffen zu werden, die mit Ketten, Messern, selbstgebastelten Pistolen und Totschlägern über sie herfielen, sie damit verletzten, in den meisten Fällen beraubten, möglicherweise lebenslang verstümmelten – oder sogar töteten. Dieser Zustand hielt ein paar Jahre an, bis der Krieg zwischen der Russisch-Anglo-Amerikanischen Allianz und der Chinesischen Hegemonie ausbrach. Mord, Drogensucht, Brandstiftung, Überfälle und Vandalismus waren weitverbreitet. Und diese Vorfälle beschränkten sich nicht nur auf die Parks, sie geschahen mitten am Tag auf den Straßen, auf Schulhöfen – sogar in den Klassenräumen. Aber die Parks waren dafür so berüchtigt, daß die anständigen Leute sie nach Einbruch der Dunkelheit mieden.“

Ich hatte versucht, mir solche Vorgänge an unserer Schule vorzustellen. Das konnte ich nicht. Nicht in unseren Parkanlagen. Ein Park war eine Erholungs- und keine Leidensstätte. Und daß man da sogar getötet werden konnte… „Mr. Dubois, hatten sie denn damals keine Polizei? Oder keine Gerichte?“

„Sie hatten viel mehr Polizisten als wir. Und mehr Gerichte. Alle überlastet.“

„Das kann ich mir nicht vorstellen.“ Wenn ein Junge in unserer Stadt auch nur etwas halb so Schlimmes angestellt hätte – nun, dann würde man ihn und seinen Vater nebeneinander an den Pfahl gebunden und ausgepeitscht haben. Aber solche Dinge kamen eben nicht vor.
Mr. Dubois deutete auf mich: „Definiere einen Jugendstraftäter.“

„Oh, diese Kinder – die immer die Leute zusammenschlugen.“

„Falsch.“

„Äh? Aber im Buch steht doch…“

„Entschuldigung. Dein Schulbuch drückt es so aus. Aber wenn man einen Schwanz als Bein bezeichnet, wird es auch kein besserer Name. Ein ‚jugendlicher Straftäter’ ist eine in sich widersprüchliche Bezeichnung, die uns einen Hinweis auf ihre Probleme und ihr Unvermögen, sie zu lösen, gibt. Hast du schon mal junge Hunde großgezogen?“

„Ja, Sir.“

„Hast du sie stubenrein gemacht?“

„Äh… ja, Sir. Etwa.“ Weil das bei mir so lange dauerte, führte das zu der Entscheidung meiner Mutter, daß Hunde im Hause nicht mehr geduldet werden. „Ah, ja. Als dein junger Hund in das Zimmer machte, warst du da böse auf ihn?“

„Weshalb? Er wußte es doch nicht besser, er war doch nur ein junger Hund.“

„Was hast du getan?“

„Nun, ich habe ihn ausgeschimpft und seine Nase in seine Pfütze gesteckt und ihm ein paar übergezogen.“

„Konnte er denn verstehen, was du zu ihm sagtest?“

„Nein, aber er merkte, daß ich sauer auf ihn war!“

„Aber du sagtest doch eben, daß du nicht böse auf ihn warst.“

Mr. Dubois hatte eine unangenehme Art, einen Schüler in Widersprüche zu verwickeln. „Nein, aber er sollte glauben, daß ich wütend auf ihn war. Er mußte das lernen, nicht wahr?“

„Einverstanden. Du hast ihm gezeigt, daß du sein Verhalten mißbilligst, aber wie konntest du dann so grausam sein, ihn auch noch zu schlagen? Du sagtest, das arme Vieh wußte nicht, daß es etwas Unrechtes tat. Trotzdem hast du ihm Schmerzen zugefügt. Rechtfertige dich! Oder bist du ein Sadist?“

Ich wußte damals nicht, was ein Sadist ist – aber ich kannte mich mit jungen Hunden aus. „Mr. Dubois, das geht nicht anders! Er bekommt Schelte, damit er weiß, er hat einen Fehler gemacht. Sie stecken seine Nase in seinen Kot, damit er merkt, wo der Fehler liegt, und Sie schlagen ihn, damit so etwas nicht noch einmal passiert – und das müssen Sie sofort machen! Es hat überhaupt keinen Sinn, ihn erst später zu bestrafen. Damit verwirren Sie ihn nur. Aber beim erstenmal begreift er das noch nicht; und deshalb muß man ihn beobachten, damit man ihn rechtzeitig ertappt und noch härter züchtigen kann. Dann lernt er es schnell. Sie erreichen nichts damit, wenn Sie ihn nur ausschelten.“ Dann fügte ich hinzu: „Wahrscheinlich haben Sie noch nie einen Hund großgezogen.“

„Viele. Ich erziehe gerade einen Dachshund – nach deinen Methoden. Aber kehren wir zu diesen jugendlichen Straftätern zurück. Die Schlimmsten waren im Durchschnitt etwas jünger als die Schüler dieser Klasse… und oft begannen sie ihre Karriere bereits im Kindesalter. Halten wir uns das Beispiel des jungen Hundes vor Augen. Diese Kinder wurden oft ertappt; die Polizei verhaftete sie täglich hordenweise. Wurden sie gescholten? Ja, oft sehr gründlich. Steckte man ihre Nasen in ihren Kot? Selten. Die Medien und die Behörden hielten in der Regel ihre Namen geheim – an vielen Orten war es Gesetz, daß die Namen von Kriminellen unter achtzehn Jahren nicht bekanntgegeben werden durften. Wurden sie geschlagen? Unerhört! Viele von ihnen waren auch als Kleinkinder nie gezüchtigt worden. Nach der vorherrschenden Meinung erlitt ein Kind eine psychischen Dauerschaden, wenn es geschlagen oder auf schmerzhafte Art bestraft wurde.“

(Hier dachte ich an meinen Vater. Er konnte von dieser Theorie noch nie etwas gehört haben.)

„Körperliche Züchtigung an den Schulen war gesetzlich verboten“, war Mr. Dubois fortgefahren. „Nur in einer kleinen Provinz, in Delaware, war das Auspeitschen als gerichtliches Strafurteil noch zulässig, aber nur für ganz wenige Verbrechen; und da es als ‚grausame und unübliche Bestrafung’ galt, wurde diese Strafe selten verhängt.“ Dubois hatte laut nachgedacht: „Ich kann diesen Einwand nicht verstehen, daß eine Strafe nicht ‚grausam und unüblich’ sein darf. Während ein Richter in seiner Einstellung und seinem Verhalten wohlwollend sein muß, sollte sein Urteil dem Kriminellen weh tun, sonst ist es keine Strafe – und der Schmerz ist der wesentliche Mechanismus, der in Jahrmillionen unserer Evolution in unsere Körper eingebaut wurde und uns vor jeder Gefahr warnt, die unser Leben bedroht. Warum sollte sich eine Gesellschaft weigern, so einen hochentwickelten Überlebensmechanismus auszunützen? Aber jene Epoche war vollgestopft mit vorwissenschaftlichem, pseudopsychologischem Unsinn. Was das ‚Unübliche’ betrifft, so muß eine Strafe ungewöhnlich sein, oder sie erfüllt nicht ihren Zweck!“ Er deutete dann mit seinem Armstumpf auf einen anderen Schüler. „Was würde geschehen, wenn ein junger Hund jede Stunde Prügel bekäme?“

„Äh – wahrscheinlich den Verstand verlieren!“

„Wahrscheinlich. Jedenfalls wird er nichts daraus lernen. Wie lange ist es her, seit der Rektor dieser Schule zum letzten Mal einen Schüler übers Knie legen mußte?“

„Äh, ich bin mir nicht sicher. Ungefähr zwei Jahre ist es her. Der Junge hatte…“

„Das genügt. Jedenfalls liegt es ziemlich lange zurück. Das bedeutet, daß so eine Bestrafung so ungewöhnlich ist, daß sie auffällt, abschreckt und belehrt. Wenden wir uns wieder diesen jungen Straftätern zu… Sie wurden als Babys wahrscheinlich nie geschlagen. Sie wurden ganz gewiß nicht für ihre Verbrechen ausgepeitscht. Die übliche Sequenz sah folgendermaßen aus: für das erste Vergehen eine Verwarnung – eine Schelte, oft ohne gerichtliche Verhandlung. Nach mehreren Straftaten wurden sie zu Gefängnis verurteilt, aber die Strafe wurde auf Bewährung ausgesetzt und der Jugendliche unter Aufsicht eines Bewährungshelfers gestellt. Ein Junge durfte sich sogar mehrere Verhaftungen und Verurteilungen erlauben, bevor er bestraft wurde – und dann wurde ihm nur die Freiheit entzogen, und er wurde mit anderen Kriminellen zusammengesteckt, die seine verbrecherischen Neigungen nur noch vertieften. Wenn er sich im Gefängnis nichts Ernsthaftes zuschulden kommen ließ, konnte er sich sogar dieser milden Strafe weitgehend entziehen, indem man die Strafe ‚auf Bewährung’ aussetzte. Diese unglaubliche Sequenz konnte Jahre andauern, während seine Verbrechen immer rascher aufeinander folgten und an Brutalität zunahmen; wofür er nicht bestraft wurde, sondern die Zeit nur in einer langweiligen, aber nicht unbequemen Zelle zubringen mußte. Dann plötzlich, üblicherweise laut Gesetz an seinem achtzehnten Geburtstag, wird aus diesem sogenannten ‚jugendlichen Straftäter’ ein erwachsener Krimineller – und er endete dann manchmal binnen weniger Wochen oder Monate in einer Todeszelle, wo er als Mörder auf seine Hinrichtung wartete. Du -“

Er hatte mich wieder ausgesucht. „Nehmen wir an, du hast deinen jungen Hund immer nur ausgeschimpft, ihn nie bestraft, ihn sein Geschäft im Haus verrichten lassen und ihn nur zeitweilig in einen Schuppen eingesperrt… aber bald wieder mit einer Verwarnung, so etwas nicht wieder zu tun, gnädig in deinem Haus aufgenommen. Und dann stellst du eines Tages fest, daß er inzwischen aufgewachsen und immer noch nicht stubenrein ist – worauf du eine Pistole aus der Tasche ziehst und ihn auf der Stelle erschießt. Was sagst du dazu?“

„Nun… das ist die verrückteste Art, einen Hund zu erziehen, die ich mir vorstellen kann!“

„Ich stimme dir zu. Oder die verrückteste Art, ein Kind zu erziehen. Wem gibst du die Schuld dafür?“

„Äh… nun, mir selbst natürlich.“

„Ich stimme dir wieder zu. Aber ich bleibe nicht bei der Vermutung.“

„Mr. Dubois“, meldete sich ein Mädchen, „aber weshalb? Weshalb haben sie die kleinen Kinder nicht vertrimmt, wenn sie das nötig hatten, und den größeren eine tüchtige Tracht Prügel gegeben, die es verdienten – Prügel, die sie nie mehr vergessen würden! Ich meine, die Kinder, die wirklich etwas Böses anstellten. Warum taten sie das nicht?“

„Ich weiß es nicht“, erwiderte er grimmig. „Ich kann nur vermuten, daß die evolutionsbewährte Methode, soziale Tugend und Respekt vor dem Gesetz dem Bewußtsein der Jugend einzuflößen, einer vorwissenschaftlichen, pseudo-professionellen Klasse, die sich ‚Sozialarbeiter’ oder manchmal ‚Kinderpsychologen’ nannte, nicht behagte. Diese Methode war ihnen offenbar zu einfach, da sie jeder anwenden konnte und nur die Geduld und Standfestigkeit benötigte, mit der man einen Hund erzieht. Ich frage mich manchmal, ob sich dahinter nicht eine traditionelle Neigung zur Unordnung versteckte – aber das ist unwahrscheinlich. Erwachsene sind fast immer bei ihren Handlungen von ihren edelsten Motiven überzeugt, egal, wie sie sich verhalten.“

„Du meine Güte“, antwortete das Mädchen. „Welchem Kind macht es schon Spaß, eine Tracht Prügel zu bekommen? Aber wenn ich sie brauchte, bekam ich sie auch von meiner Mama. In der Schule wurde mir nur einmal der Hintern versohlt, aber als ich nach Hause kam, erhielt ich noch eine Tracht. Und das liegt schon viele Jahre zurück. Ich glaube, ich werde nie in die Verlegenheit geraten, daß ein Richter mich an den Pranger stellen und auspeitschen läßt. Man benimmt sich eben, und dann passiert so etwas nicht. Ich kann nicht einsehen, was an unserem System falsch sein soll; es ist viel besser als eine Gesellschaft, in der man nicht einmal auf die Straße gehen kann, weil man für sein Leben fürchten muß – was für ein entsetzlicher Zustand!“

„Ich stimme zu. Die tragische Diskrepanz, junge Dame, zwischen dem Verhalten dieser wohlmeinenden Leute und dem, was sie sich bei diesem Verhalten dachten, ging sehr tief. Sie hatten keine wissenschaftlich gesicherte Moraltheorie. Sie kannten natürlich eine Moraltheorie und versuchten, danach zu leben – ich sollte mich nicht über ihre Motive lustig machen -, aber ihre Theorie war falsch – teils wirrköpfiges Wunschdenken, teil logisch aufgebaute Scharlatanerie. Je ernsthafter sie waren, um so weiter verirrten sie sich von der Wahrheit. Sie nahmen an, der Mensch besitze einen moralischen Instinkt. Verstehst du?“

„Sir? Ich dachte – Aber der Mensch hat so was! Ich habe ihn.“

„Nein, meine Liebe, du hast ein kultiviertes Gewissen, ein sehr sorgfältig ausgebildetes Organ. Der Mensch besitzt keinen moralischen Instinkt. Er wird nicht mit einem Sinn für Moral geboren. Du bist nicht damit geboren worden, ich bin nicht damit geboren worden – und ein junger Hund hat ihn auch nicht. Wir erwerben das Moralempfinden, falls überhaupt, durch Training, Erfahrung und bitteren Seelenschweiß. Jene unglücklichen Jugendstraftäter wurden ohne moralischen Sinn geboren, wie du und ich, und sie hatten keine Chance, ihn zu erwerben. Ihre Erfahrungen ließen das nicht zu. Was ist ein moralisches Empfinden? Es ist die Verfeinerung unseres Selbstbehauptungsinstinkts. Der Instinkt zu überleben macht das Wesen der menschlichen Natur aus, und jeder Aspekt unserer Persönlichkeiten wurzelt in ihm. Alles, was mit diesem Überlebensinstinkt im Konflikt steht, wird sich früher oder später gegen das Individuum richten und es ausschalten und dadurch in den kommenden Generationen nicht mehr erscheinen. Diese Wahrheit ist mathematisch beweisbar, überall augenscheinlich vorhanden. Es ist der einzige ewige Imperativ, der alles beherrscht, was wir tun.“

„Aber der Instinkt, zu überleben“, war er fortgefahren, „kann zu Motivationen entwickelt werden, die viel feiner und viel komplexer sind als der blinde, tierische Drang eines Individuums, am Leben zu bleiben. Was du irrtümlich als einen ‚moralischen Instinkt’ bezeichnet hast, junge Dame, ist in Wahrheit eine erzieherische Leistung deiner Eltern, die dir beibrachten, daß Überleben einen noch stärkeren moralischen Anspruch hat als nur das Überleben deiner eigenen Person. Das Überleben deiner Familie zum Beispiel, deiner Kinder, wenn du sie einmal hast. Deines Volkes, wenn du dich zu einer so hohen moralischen Verpflichtung emporringen kannst. Und so weiter. Eine wissenschaftlich belegbare Moraltheorie muß von dem Selbstbehauptungsinstinkt des Individuums ausgehen – und von nirgends sonst! – und muß die Hierarchie des Überlebens korrekt beschreiben, die Motivationen auf jeder Stufe feststellen und alle Widersprüche beseitigen. Wir besitzen heute so eine Theorie; wir können jedes moralische Problem auf jeder Ebene lösen. Eigennutz, Familiensinn, Vaterlandspflicht, Verantwortlichkeit gegenüber der menschlichen Rasse – wir entwickeln augenblicklich sogar eine exakte Ethik für extra-humane Beziehungen. Aber alle moralischen Probleme kann man mit einem falschen Zitat treffend beleuchten: ‚Kein Mensch kann eine größere Liebe zeigen als eine Katzenmutter, die für ihre Jungen stirbt.’ Sobald ihr das Problem versteht, mit dem diese Katze konfrontiert ist und wie sie es löst, werdet ihr dazu bereit sein, euch selbst zu prüfen und zu erkennen, bis zu welcher Sprosse der moralischen Leiter ihr zu klettern bereit seid. Diese Jugendstraftäter kamen nicht über eine niedrige Sprosse hinaus. Nur mit ihrem Selbstbehauptungsinstinkt auf die Welt gekommen, erreichten sie ihre höchste Moralität mit einer labilen Treue zu einer Gruppe von Gleichgesinnten, einer Straßenbande. Aber die Weltverbesserer versuchten, an ihre ‚besseren Naturen’ zu appellieren, sie ‚anzusprechen’, ihr ‚moralisches Empfinden zu wecken’. Unsinn! Sie besaßen keine ‚besseren Naturen’; die Erfahrung lehrte sie, daß sie tun mußten, was sie taten, um überleben zu können. Der junge Hund hatte nie einen Stock gesehen. Deswegen mußte das, was er mit Vergnügen und Erfolg tat, ‚moralisch’ sein. Die Basis jeder Moralität ist die Pflicht, ein Begriff, der im selben Verhältnis zur Gruppe steht wie der Eigennutz zum Individuum. Niemand brachte diesen Kindern Pflichtbewußtsein auf eine Weise bei, die sie verstanden, nämlich mit der Zuchtrute. Aber die Gesellschaft betete ihnen damals ununterbrochen ihre Rechte vor. Das Ergebnis hätte man vorhersagen können, da ein menschliches Wesen keine natürlichen Rechte irgendeiner Art besitzt.“

Mr. Dubois legte eine Pause ein. Jemand griff nach dem Köder. „Sir? Wie steht es denn mit ‚Leben, Freiheit und der Jagd nach dem Glück’?“.

„Oh ja, die ‚unveräußerlichen Rechte’. Jedes Jahr zitiert irgendwer diese großartige Poesie. Leben? Welches ‚Recht’ auf ein Leben hat ein Mann, der im Pazifik ertrinkt? Der Ozean kümmert sich nicht um sein Geschrei. Welches ‚Recht’ auf Leben besitzt ein Mann, der sterben muß, um dadurch seine Kinder zu retten? Wenn er statt dessen lieber sein eigenes Leben rettet, tut er das dann aufgrund eines ‚Rechtes’? Wenn zwei Männer hungern und Kannibalismus die einzige Alternative zum Tod darstellt, besitzt dann der eine ein ‚unveräußerliches’ Recht und der andere nicht? Und ist es ein ‚Recht’? Was die Freiheit betrifft, so verpflichteten sich die Helden, die dieses großartige Dokument unterzeichneten, dazu, die Freiheit mit ihrem Leben zu erkaufen. Freiheit ist niemals unveräußerlich, sie muß regelmäßig mit dem Blut von Patrioten zurückerkauft werden, oder sie wird für immer verschwinden. Von all den sogenannten natürlichen Menschenrechten, die man bisher erfunden hat, ist die Freiheit wahrscheinlich das Teuerste und niemals gratis zu bekommen.

Das dritte ‚Recht’ – die ‚Jagd nach Glück’? Sie ist tatsächlich unveräußerlich, aber sie ist kein Recht; sie ist nur ein universaler Zustand, den die Tyrannen nicht beseitigen und die Patrioten nicht wiedererwecken können. Werft mich in eine Grube, verbrennt mich auf dem Scheiterhaufen oder krönt mich zum König der Könige, ich kann ‚das Glück jagen’, solange mein Gehirn lebt – aber weder Götter noch Heilige, weise Männer oder raffinierte Drogen können gewährleisten, daß ich das Glück auch erlange.“

Mr. Dubois wandte sich dann an mich. „Bei uns nannte man die jugendlichen Straftäter ‚juvenile delinquent’. Ich sagte dir, daß das ein Widerspruch in sich selbst sei. ‚Delinquent’ bedeutet ‚pflichtvergessen’. Aber Pflicht ist eine Tugend des erwachsenen Menschen – tatsächlich wird ein Jugendlicher zu einem Erwachsenen, wenn – und nur wenn – er weiß, was Pflicht ist und sie höher schätzt als die Eigenliebe, mit der er geboren wurde. Deshalb kann es nie einen ‚juvenile delinquent’ geben – und gab es ihn auch nicht. Aber anstelle eines jugendlichen Straftäters gibt es immer einen oder mehrere erwachsene Kriminelle – Leute im reifen Alter, die entweder nicht ihre Pflicht kennen oder sie trotz ihrer Erkenntnis nicht erfüllen. Und das war die faule Stelle, an der eine sonst in vieler Hinsicht bewundernswerte Kultur zugrunde ging. Die unmündigen Verbrecher, die damals die Straßen unsicher machten, waren Symptome einer viel schlimmeren Krankheit; ihre Bürger (alle von ihnen) zählten dazu, beteten die Mythologie der ‚Rechte’ an… und verloren dabei ihre Pflichten aus dem Auge. Kein Volk, das sich so konstituiert, kann sich auf die Dauer halten.“

Ich überlegte, wie Colonel Dubois Dillinger bewertet hätte. War er ein jugendlicher Straftäter, der Mitleid verdiente, obgleich man ihn beseitigen mußte? Oder war er ein erwachsener Verbrecher, der nur Verachtung verdiente? Ich wußte es nicht, würde es nie erfahren. Es stand nur außer Zweifel, daß er nie mehr kleine Mädchen umbringen würde.

Dagegen hatte ich nichts einzuwenden. Ich schlief ein.

Bezüglich des „moralischen Instinkts“, den der Mensch seiner Meinung nach nicht hätte, hängt Heinlein hier der Irrlehre vom „unbeschriebenen Blatt“ an, das jeder Mensch bei seiner Geburt angeblich ist. Gewiß, sehr vieles von ihrem Verhalten erlernen die Menschen im Laufe ihrer Kindheits- und Jugendentwicklung, weshalb die Kindheit und Jugend bei Menschen unvergleichlich länger dauern muß als bei jedem von der Körpergröße her vergleichbaren Tier. Und gewiß gibt es im Laufe dieser Entwicklung Phasen, in denen man soziales Verhalten genauso wie andere Dinge leichter lernt als später oder gar als Erwachsener. Dennoch halte ich die Ansicht für falsch, daß es keine angeborenen Verhaltensweisen, Neigungen oder Wesenszüge gibt. Selbst komplexere Verhaltensweisen wie das Shit-Test-Verhalten von Mädchen und Frauen bei der Partnerwahl muß veranlagungsbedingt sein, da bestimm keine Eltern ihrer Tochter entweder wörtlich oder unterschwellig beibringen: „Wenn du mal groß bist, mußt du die Jungs oder Männer, die dich interessieren, Shit-Tests unterziehen.“ Man hat auch festgestellt, daß ein bestimmtes Belohnungszentrum im menschlichen Gehirn angeregt wird, wenn Menschen andere Leute für gutes Verhalten loben oder sonstwie belohnen können, und dasselbe Belohnungszentrum wird auch aktiviert, wenn man andere für schlechtes Verhalten bestrafen kann. Welche Verhaltensweisen nun in der jeweiligen Kultur gut und belohnenswert oder schlecht und bestrafenswert sind, wird allerdings im Laufe der individuellen Entwicklung erlernt. Wobei aber – wie ich bereits mindestens einmal in diesem Blog anmerkte – die Kultur, die ein Volk oder eine Rasse aus sich heraus entwickelt, zumindest in nicht unbeträchtlichem Ausmaß von den Veranlagungen dieses Volkes beeinflußt wird. In welchem Ausmaß diese Veranlagungen zwischen verschiedenen Völkern und Rassen voneinander abweichen können (und daß es sie sehr wohl gibt!) zeigt unter anderem dieses Zitat aus Kevin MacDonalds „The Culture of Critique“ (Preface to the First Paperback Edition, S. xxxii, Übersetzung von mir):

Konflikte zwischen Gruppen lauerten oft gleich unter der Oberfläche dieser Gesellschaften. Zum Beispiel beschreibt Dumont (1982, S. 223) die Zunahme des Antisemitismus in der Türkei im späten 19. Jahrhundert infolge erhöhter Konkurrenz um Ressourcen. In vielen Städten lebten Juden, Christen und Moslems in einer Art oberflächlicher Harmonie, und lebten sogar in denselben Gebieten, „aber der kleinste Funke genügte, um die Zündschnur in Brand zu setzen“ (S. 222).

Juden liegen im Extrem dieser nahöstlichen Tendenz zu Hyperkollektivismus und Hyper-Ethnozentrismus – ein Phänomen, das viel von den chronischen Feindseligkeiten in diesem Gebiet erklärt. Ich gebe in meiner Trilogie viele Beispiele für jüdischen Hyper-Ethnozentrismus und habe an mehreren Stellen behauptet, daß der jüdische Hyper-Ethnozentrismus eine biologische Basis hat (MacDonald 1994, Kap. 8; 1998, Kap. 1). Es wurde oben erwähnt, daß individualistische europäische Kulturen dazu neigen, offener gegenüber Fremden zu sein als kollektivistische Kulturen wie das Judentum. In dieser Hinsicht ist es interessant, daß Entwicklungspsychologen bei israelischen Kleinkindern ungewöhnlich intensive Furchtreaktionen auf Fremde gefunden haben, während bei Kleinkindern aus Norddeutschland das gegenteilige Muster zu finden ist. Die israelischen Kleinkinder wurden mit viel größerer Wahrscheinlichkeit „untröstlich aufgeregt“ als Reaktion auf Fremde, wohingegen die norddeutschen Kleinkinder relativ geringe Reaktionen auf Fremde zeigten. Die israelischen Babies neigten daher zu einem ungewöhnlichen Grad an Fremdenangst, während die norddeutschen Babies das Gegenteil waren – Erkenntnisse, die zur Hypothese passen, daß Europäer und Juden sich auf der Skala der Xenophobie und des Ethnozentrismus an entgegengesetzten Enden befinden.

Ebenso erscheint mir die in der WN-Szene öfter geäußerte Behauptung, daß Neger ein geringeres Partnerbindungsvermögen haben (bzw. relativ lose emotionale Bindungen, siehe z. B. Die Torheit der von Weißen gesponserten Entwicklung von Alex Kurtagic, als plausibel, wenn man bedenkt, daß in polygamen afrikanischen Gesellschaften nicht etwa der Mann mit seinen mehreren Ehefrauen und deren Kindern in einem gemeinsamen Haushalt zusammenlebt, sondern daß es dort uralte Tradition ist, daß jede dieser Frauen einen eigenen Haushalt hat, in dem der Ehemann turnusmäßig vorbeischaut. Nicht nur habe ich von diesem traditionellen Arrangement in einem Artikel in „Spektrum der Wissenschaft“ gelesen, dessen Autoren den Negern durchaus wohlgesonnen waren, sondern der von Robert Marchenoir in Zeit zu gehen – Frankreich ist verloren zitierte Alibekov schreibt auch, daß dieses Verhalten von afrikanischen „Einwanderern“ in Frankreich getreulich repliziert wird.

Zu weit geht Heinlein meiner Meinung nach auch in seinen Parallelen zwischen Hunde- und Kindererziehung. Bei Kindern gibt es auch andere Punkte, an denen man ansetzen kann, zum Beispiel bei dem instinktiven Bedürfnis aller normalen Kinder, von ihren Eltern geliebt zu werden, und außerdem kann man Kindern ab dem Erwerb der Sprachfähigkeit auch zunehmend erklären, was man von ihnen will und was sie nicht tun sollen. Dennoch halte ich ein körperliches Züchtigungsrecht der Eltern gegenüber ihren Kindern ebenfalls für gerechtfertigt und notwendig, als Rückversicherung dafür, daß die anderen Erziehungsmittel nicht greifen. Stattdessen gibt es jetzt in Österreich ein verfassungsmäßiges Recht der Kinder auf „gewaltfreie Erziehung“, mit der Folge, daß ein Dreizehnjähriger heutzutage vor einem Fünfzehnjährigen mehr Respekt hat als vor einem Erwachsenen oder seinen Eltern, denn wenn er zu dem Fünfzehnjährigen frech ist und dieser ihm eine knallt, hat das keine Konsequenzen, während die von den Eltern verabreichte „g’sunde Watsch’n“ für verderblich und traumatisierend gehalten wird.

Nichtsdestoweniger ist Heinleins Beschreibung der Zustände im späten zwanzigsten Jahrhundert sehr hellsichtig (man bedenke, daß er diesen Roman im Jahr 1959 geschrieben hat!), auch wenn er diese ausschließlich der antiautoritären Erziehung und der Gutmenschenjustiz zuschreibt und rassische Einflüsse außer Acht läßt.

Das mit den Rechten und Pflichten ist ebenfalls ein wichtiger Punkt: alles, was man in einer Gesellschaft an Rechten in Anspruch nehmen möchte, setzt voraus, daß die dafür notwendigen Pflichten erfüllt werden – entweder von einem selber oder von anderen. Heinleins Aussage, daß „ein menschliches Wesen keine natürlichen Rechte irgendeiner Art besitzt“, ergänzt sich mit der auch in diesem Blog bereits erwähnten These, daß Recht das ist, was man sich nimmt, wobei ich hinzufügen möchte: „oder was man einander auf Basis von Gegenseitigkeit gewährt“. Letzteres trifft sowohl auf das Verhältnis von Individuen innerhalb einer Gesellschaft (Volk, Staat) zu als auch auf die Art des Umgangs zwischen Gesellschaften, wobei es zwischen den nahe verwandten Völkern innerhalb einer Rasse aufgrund der ähnlichen Einstellungen und Verhaltensweisen leichter möglich ist, zu solch einem Einvernehmen zu gelangen, als zwischen fremderen.

In weiterer Folge schildert Johnnie Rico, wie er endlich als ausgebildeter Soldat aus dem daraufhin aufgelösten Ausbildungsregiment entlassen und zum aktiven Dienst versetzt wurde, worauf er sich bei „Willies Wildcats“, auch bekannt als Kompanie K des Dritten Regiments der Ersten M.I.-Division auf dem Truppentransporter Valley Forge einschiffte.

Als er sich freiwillig meldete, hatte noch Frieden geherrscht, der während seiner Ausbildung in den Alarmzustand überging, aus dem dann kurz nach Ricos Einschiffung auf der Valley Forge der Kriegszustand wurde, von dem die Historiker sich nicht einig waren, ob sie ihn den „Dritten Raumkrieg“, den „Vierten Raumkrieg“ oder vielleicht zutreffender den „Ersten Interstellaren Krieg“ nennen sollten. Die Soldaten nannten ihn einfach den „Käferkrieg“. Während des Alarmzustands hatten bereits einige „Zwischenfälle“ und „Kommandounternehmen“ stattgefunden, sodaß die alten Hasen von „Willies Wildcats“ im Gegensatz zu Rico und seinen Ausbildungskameraden bereits einige Einsätze mitgemacht hatten. Nachdem die „Bugs“ mit Hilfe der im ersten Kapitel erwähnten „Skinnies“ die Erde ausfindig gemacht und Buenos Aires vernichtet hatten, bekommt auch Rico Gelegenheit zu seinem ersten echten Kampfeinsatz:

Das war Operation Bughouse, die Erste Schlacht von Klendathu, wie sie in den Geschichtsbüchern genannt wird, nicht lange nach der Vernichtung von Buenos Aires. B. A. mußte erst ausgelöscht werden, ehe die Etappe merkte, daß sich über ihren Köpfen etwas zusammenbraute, denn die Menschen, die nie im Raum gewesen sind, glauben gar nicht daran, daß es auch noch andere bewohnte Planeten gibt, oder müssen es erst fühlen – ehe sie es glauben. Ich hatte es als Junge auch nie ganz glauben wollen, obwohl ich schon immer von der Raumfahrt begeistert war.

Doch B. A. rüttelte die Zivilisten wach und löste lautes Geschrei aus, daß man sofort alle Streitkräfte nach Hause zurückrufen und sie um die Erde kreisen lassen sollte, gewissermaßen Schulter an Schulter, damit Terra gegen jedes feindliche Geschoß abgeschirmt wurde. Das ist natürlich dummes Zeug, denn man gewinnt nie einen Krieg als Verteidiger, sondern nur als Angreifer – kein „Verteidigungsministerium“ hat jemals einen Krieg gewonnen, wie Sie in jedem Geschichtsbuch nachlesen können. Aber die typische Reaktion eines Zivilisten auf eine kriegerische Handlung scheint sein Geschrei nach defensiven taktischen Maßnahmen zu sein. Und dann wollen sie auch noch selbst den Krieg führen – wie ein Passagier, der in einem Notfall dem Piloten den Steuerknüppel aus der Hand zu reißen versucht.

Doch keiner fragte mich damals nach meiner Meinung – mir wurde befohlen. Abgesehen davon, daß wir unmöglich unsere Truppen aus dem Raum abziehen konnten, weil wir Bündnisverpflichtungen zu erfüllen hatten und unsere Kolonialplaneten in der Föderation beschützen mußten, waren wir auch bereits schrecklich damit beschäftigt, etwas anderes zu tun, nämlich den Krieg in das Planetensystem der Bugs zu tragen.

[….]

Als der Zeitpunkt heranrückte, wo wir über Klendathu abspringen sollten, wurde ich PFC Dutch Bamburger als Ersatzmann zugeteilt. Er brachte es fertig, seine Genugtuung über diese Neuigkeit zu verbergen, und sobald uns der Zugfeldwebel den Rücken zudrehte, sagte er: „Hör zu, Rekrut, du bleibst dicht hinter mir und stolperst mir nicht über die Füße. Wenn du mich aufhältst, breche ich dir den Hals.“ Ich nickte nur. Es wurde mir allmählich klar, daß es sich hier um keinen Übungsabsprung handelte. Dann begann das Zittern für mich, und als der Anfall vorüber war, waren wir unten…

Operation Bughouse verdiente eigentlich eher den Namen „Operation Tollhaus“. Alles ging schief. Sie war als Vernichtungsschlacht geplant, die den Feind in die Knie zwingen und nach der Einnahme der Hauptstadt und aller wichtigen Punkte seines Heimatplaneten den Krieg beenden sollte. Statt dessen hätten wir dadurch fast den Krieg verloren.

Ich maße mir keine Kritik an General Diennes an. Ich weiß nicht, ob es stimmt, daß er mehr Truppen und größere Feuerunterstützung anforderte und sich dann von dem Kommandierenden Luftmarschall überstimmen ließ. Es gehörte nicht zu meiner Aufgabe, die Lage zu beurteilen. Außerdem bezweifle ich, daß die Leute, die hinterher immer alles besser wissen, es auch besser gemacht hätten.

Ich weiß nur, daß der General mit uns absprang, unseren Einsatz am Boden selbst leitete und dann, als die Situation unmöglich wurde, persönlich den Scheinangriff anführte, der einer Menge M.I. (meine Wenigkeit inbegriffen) das Leben rettete – sein eigenes dafür aber opferte. Seine radioaktiven sterblichen Überreste befinden sich auf Klendathu, und für ihn kommt jede Kriegsgerichtsverhandlung zu spät, also weshalb noch darüber richten?

Aber den Lehnstuhlstrategen, die noch nie mit einer Kapsel abgesprungen sind, möchte ich doch etwas ins Stammbuch schreiben. Ja, ich räume ein, daß wir den Planeten der Bugs mit Wasserstoffbomben hätten bepflastern können, bis sich seine Oberfläche in radioaktives Glas verwandelte. Aber hätten wir dadurch den Krieg gewonnen? Die Bugs haben keine Ähnlichkeit mit uns. Die Pseudo-Arachniden verhalten sich überhaupt nicht wie Spinnen. Sie sehen nur so aus wie der Alptraum eines Verrückten von einer riesigen, intelligenten Spinne, aber die psychologische und wirtschaftliche Organisation dieser Arthropoden erinnert eher an Ameisen oder Termiten. Sie sind kommunale Entitäten, die perfektionierte Diktatur des Bienenkorbs. Hätten wir die Oberfläche ihres Planeten mit Wasserstoffbomben vernichtet, wären wahrscheinlich alle ihre Soldaten und Arbeiter umgekommen; jedoch nicht ihre Gehirnkaste und die Königinnen – ich bezweifle, daß selbst ein Volltreffer mit einer Spezialrakete, die sich erst tief in den Boden einwühlt, ehe sie ihren Wasserstoff-Gefechtskopf zündet, eine Königin der Bugs töten würde. Wenigstens kann das keiner mit Sicherheit sagen, denn wir wissen nicht, wie tief unter der Oberfläche sie leben. Ich bin auch nicht erpicht darauf, das rauszufinden, denn keiner von den Jungs, der in diese Löcher hinunterstieg, kam jemals wieder zum Vorschein.

Aber nehmen wir einmal an, wir hätten ihre Industrie und ihre landwirtschaftliche Nutzfläche auf der Oberfläche ihres Planeten zerstört. Was nützte uns das? Sie hatten dann immer noch ihre Raumschiffe, ihre Kolonien und ihre Tochterplaneten, wie wir sie auch haben, und ihr Hauptquartier wäre immer noch intakt geblieben – und wenn sie sich nicht ergeben hätten, wäre der Krieg weitergegangen. Wir verfügten damals noch nicht über Nova-Bomben. Wir konnten Klendathu nicht wie eine Nußschale aufbrechen. Wenn sie die Strafe hinnahmen, ohne die Waffen zu strecken, hatten wir mit der Zerstörung von Klendathu nichts erreicht.

Wenn sie überhaupt ihre Waffen strecken können

Die Soldaten können das nicht. Ihre Arbeiter können nicht kämpfen (und man kann eine Menge Zeit damit verplempern, Arbeiter zusammenzuschießen, die nicht einmal buh sagen würden!) und ihre Soldaten können sich nicht ergeben. Aber glauben Sie ja nicht, die Bugs wären dumme Insekten, weil sie wie Spinnen aussehen und sich nicht ergeben können. Ihre Krieger sind intelligent, hervorragend ausgebildet und aggressiv – intelligenter als ein Mensch nach dem einzigen universalgültigen Gesetz des Universums, wenn er zuerst schießt. Man kann ihm einen Fuß wegschießen, zwei Füße, drei Füße, und er marschiert immer noch. Schießt man ihm alle vier Füße auf einer Seite weg, dann fällt er auf den Rücken, aber schießt immer noch zurück. Man muß auf sein Nervenzentrum zielen, und wenn man es trifft, marschiert er schießend an einem vorbei, bis er von einer Hausmauer aufgehalten wird.

Schon das Absetzen war eine einzige Katastrophe. Fünfzig Schiffe gehörten zu unserer Absetz-Flotte, und der Übergang vom Cherenkov-Antrieb in den Reaktions-Antrieb sollte so perfekt koordiniert sein, daß sie in geschlossener Formation ihre Kreisbahn einschlagen und uns über dem Zielgebiet absetzen konnten, ohne sich erst in einer Umlaufschleife neu ordnen zu müssen. Vermutlich ist das eine sehr schwierige Aufgabe. Zum Teufel, ich weiß, wie schwierig sie ist. Aber wenn das Manöver nicht gelingt, muß der M.I. dafür den Kopf hinhalten.

Aber diesmal hatten wir das Glück sogar noch auf unserer Seite, denn die Valley Forge und ihre ganze Marinebesatzung gingen unter, ehe wir auf dem Boden landeten. Im engen, schnellen Formationsflug um den Planeten (4,7 Meilen pro Sekunde Umlaufgeschwindigkeit ist nicht gerade ein Schneckentempo) kollidierte sie mit der Ypres. Beide Schiffe wurden bei dem Zusammenstoß zerstört. Wer das Schiff noch durch seine Absetzruder verlassen konnte, hatte Glück, denn sie verschoß immer noch ihre Kapseln, als sie gerammt wurde. Aber davon wußte ich nichts, denn ich schwebte, in meinem Kokon eingeschlossen, hinunter zur Oberfläche des Planeten. Wahrscheinlich wußte aber unser Kompanieführer, daß das Schiff verloren war (und die Hälfte seiner Wildcats mit ihm), denn er wurde immer als erster abgesetzt und konnte sich ausrechnen, was geschehen war, wenn plötzlich die Funkverbindung mit dem Schiffskapitän abriß.

Aber wir werden das nie mit Sicherheit erfahren, weil unser Kompanieführer vom Einsatz nicht mehr zurückkehrte. Mir kam es erst allmählich zu Bewußtsein, daß die Dinge sich zu einem Chaos entwickelten.

Die nächsten achtzehn Stunden waren ein einziger Alptraum. Ich werde nicht viel darüber berichten, weil ich mich kaum noch daran erinnern kann, nur noch bruchstückweise an zeitgeraffte Horrorszenen. Ich habe Spinnen noch nie gemocht, weder giftige noch harmlose. Eine ganz gewöhnliche Hausspinne in meinem Bett jagt mir Schauer über den Rücken. Taranteln sind für mich schon als Vorstellung unmöglich, und ich kann nichts essen, was mich an eine Spinne erinnert – weder Langusten noch Hummer noch Krebse. Als ich zum erstenmal einen Bug erblickte, hüpfte mir das Gehirn aus dem Schädel und mir klapperten die Zähne. Erst nach einigen Sekunden wurde mir bewußt, daß ich den Bug längst getötet hatte und das Schießen einstellen konnte. Vermutlich war es ein Arbeiter, denn ich bezweifelte, daß ich es mit einem Krieger aufnehmen und dabei auch noch gewinnen konnte.

[….]

Da lief kaum etwas, wie es geplant war. Ich wußte natürlich nicht, was lief; ich hielt mich dicht hinter Dutch, versuchte alles, was sich bewegte, niederzuschießen oder -zu brennen, warf Granaten in jedes Loch, das mir unter die Augen kam. Schließlich hatte ich mich so an die Bugs gewöhnt, daß ich sie töten konnte, ohne Energie oder Munition zu verschwenden – obgleich ich den Unterschied zwischen den harmlosen und den gefährlichen Bugs nie kennenlernte. Nur ungefähr einer von fünfzig ist ein Krieger – aber er macht die anderen neunundvierzig Harmlosen mehr als wett. Ihre Handwaffen sind nicht so schwer wie unsere, aber genauso tödlich – sie haben einen Strahler, der jede Panzerung durchschlägt und das Fleisch zerschneidet wie ein hartgekochtes Ei, und sie sind im Mannschaftskampf sogar noch besser als wir… weil das Gehirn, das für eine Kampfgruppe denkt, nicht dort ist, wo man es mit einer Waffe erreichen könnte; es sitzt ganz tief unten in diesen Löchern.

Dutch und ich hatten eine ziemlich lange Glückssträhne, wir bewegten uns ungeniert über ein Gebiet von ungefähr einer Quadratmeile, stopften die Löcher mit Bomben zu, töteten alles, was wir auf der Oberfläche antrafen und sparten unseren Saft, so gut es ging, für Notfälle auf. Wir sollten das gesamte Zielgebiet vom Feind säubern, damit unsere Verstärkungen und das schwere Gerät ohne ernsthaften Widerstand abgesetzt werden konnten. Das war kein Kommandounternehmen, sondern eine Schlacht, um einen Brückenkopf zu bilden, ihn zu behaupten und zu halten, damit die nachrückenden frischen Truppenkräfte und schweren Waffen den gesamten Planeten einnehmen oder befrieden konnten.

Nur gelang uns das nicht.

Unsere Gruppe machte ihre Sache noch ganz gut. Sie saß nur im falschen Kirchenstuhl und hatte keinen Kontakt mit dem anderen Halbzug – unser Zugführer und der Zugfeldwebel waren gefallen, und wir bekamen keinen Befehl, uns neu zu formieren. Aber wir hatten uns einen Abschnitt rausgepickt, unser Waffentrupp hatte sich eingeigelt, und wir waren bereit, unseren Bodengewinn an die uns ablösende Truppe zu übergeben, sobald sie in unserem Abschnitt landeten.

Sie taten das nicht. Sie sprangen dort ab, wo wir vorher hätten abgesetzt werden sollen, stießen auf unfreundliche Eingeborene und hatten ihre eigenen Sorgen. Also wurden wir nicht abgelöst und blieben, wo wir waren, versuchten, unsere Ausfälle mit Ersatzleuten auszubügeln, und fügten noch unserem Gegner Verluste zu, wo wir konnten – während unsere Munition und die Energie unserer Kampfanzüge allmählich zur Neige gingen. So mit der Zeit entwickelte sich das zu einem Alptraum.

Dutch und ich hüpften dicht an einer Mauer entlang, unserem Waffenzug entgegen, von dem wir einen Hilferuf empfangen hatten – als der Boden sich plötzlich vor Dutch öffnete, so ein Käfer herausschnellte und Dutch in diesen Trichter hineinrutschte.

Ich kämpfte den Bug mit dem Flammenwerfer nieder, warf eine Handgranate in das Loch, damit es sich wieder schloß, und drehte mich dann nach Dutch um. Er lag in diesem Trichter, aber er sah ganz gesund aus. Ein Zugfeldwebel kann mit dem Monitor alle physischen Daten seiner zu ihm gehörenden Mannschaft überprüfen, die Toten von den Verletzten unterscheiden, die sich nicht mehr aus eigener Kraft bewegen können und geborgen werden müssen. Aber man kann dieselbe Überprüfung auch von Hand vornehmen, indem man einen Schalter am Gürtel des Kampfanzuges bewegt.

Dutch meldete sich nicht, als ich ihn über die Sprechfunkanlage anrief. Seine Körpertemperatur stand auf neunundneunzig Grad Fahrenheit, seine Atmung, sein Herzschlag und seine Gehirnwellenmesser standen auf Null – das waren keine guten Zeichen, aber vielleicht war nur sein Kampfanzug ausgefallen und nicht der Mann, der darin steckte. Das war wohl eher ein Wunschdenken, denn ich vergaß, daß der Temperaturanzeiger ebenfalls auf Null stehen müßte, wenn der Anzug ausgefallen wäre und nicht der Mann. Jedenfalls nahm ich meinen Büchsenöffner-Schraubenschlüssel vom Gurt und begann, Dutch aus seinem Anzug herauszulösen, während ich gleichzeitig versuchte, meine Umgebung im Auge zu behalten.

Dann hörte ich auf der allgemeinen Frequenz in meinem Helm den Ruf, den ich nie mehr in meinem Leben vernehmen möchte: „Sauve qui peut! Nach Hause! Nach Hause! Bergen und nach Hause! Jeden Peilsender, den ihr hören könnt! Sechs Minuten! Alle Truppen retten sich und bergen ihre Kameraden. Nach Hause auf jeden Peilruf! Sauve qui…“

Ich beeilte mich.

Sein Kopf löste sich vom Rumpf, als ich versuchte, ihn aus seinem Anzug herauszuziehen. Also ließ ich ihn liegen und hüpfte aus dem Trichter heraus. Vielleicht hätte ich bei einem meiner späteren Einsätze wenigstens seine Munition geborgen, aber ich war viel zu benommen, um klar denken zu können.

Ich hüpfte einfach weg von der Stelle, wo er lag, und versuchte, den Peilsender an der Stelle zu erreichen, wo unser Waffentrupp sich eingeigelt hatte, doch er war schon evakuiert, und ich fühlte mich alleine und im Stich gelassen. Dann hörte ich den Rückruf – nicht den Rückruf: „Yankee Doodle“ (wie er eigentlich lauten sollte, wenn es ein Landungsboot von der Valley Forge gewesen wäre) – sondern „Sugar Bush“, eine Melodie, die ich nicht kannte. Aber egal – es war immerhin ein Peilsender, und ich hüpfte auf ihn zu, verbrauchte dabei den Rest meines Düsentreibstoffes und erreichte das Boot gerade noch, ehe es seine Luke schließen wollte. Kurz darauf war ich an Bord der Voortrek, in einem solchen Schockzustand, daß ich mich nicht einmal auf meine Seriennummer besinnen konnte.

Man hatte es später als einen „strategischen Sieg“ bezeichnet – aber ich war dort und kann beschwören, daß wir eine verheerende Niederlage einstecken mußten.

Nach vielen weiteren Einsätzen – schon mit „Rascaks Rauhnacken“ an Bord der Rodger Young – entschließt Johnnie Rico sich während eines Fronturlaubs auf dem geheimen Stützpunktplaneten Sanctuary dazu, eine Offizierslaufbahn einzuschlagen, da nicht abzusehen ist, wie lange der Krieg noch dauern würde, und es, wie sein Kamerad Ace es ausdrückte, „besser war, den Taktstock zu schwingen als mit einer Kesselpauke herumzulaufen“, wenn man schon in einer Kapelle mitmarschieren mußte. Eines der Fächer, die an der Offiziersanwärterschule gelehrt werden, ist Geschichte und Moralphilosophie:

Major Reid, unser Ausbilder, hatte in einem Einsatz sein Augenlicht verloren und besaß die beunruhigende Angewohnheit, einen direkt anzusehen, ehe der den Namen aufrief. Wir analysierten die Ereignisse nach dem Krieg zwischen der Russisch-Anglo-Amerikanischen Allianz und der Chinesischen Hegemonie im Jahre 1987 und der folgenden Dekade. Doch an diesem Tage erfuhren wir auch, daß San Francisco und das Joaquin-Tal vernichtet worden waren; ich glaubte, er würde uns eine zündende Ansprache halten, schließlich mußte es jetzt sogar ein Zivilist begriffen haben – die Bugs oder wir. Kämpfen oder sterben.

Major Reid erwähnte San Francisco nicht ein einziges Mal. Er ließ einen von uns Affen den Vertrag von New Delhi zerpflücken und seinen schwachen Punkt herauspicken, daß er die Kriegsgefangenen vollkommen ignorierte… und implizite dieses Thema für immer vom Tisch fegte. Aus dem anfänglichen Waffenstillstand wurde ein Dauerzustand, und die Gefangenen blieben, wo sie waren – auf einer Seite der Front. Auf der anderen Seite wurden sie freigelassen und schlugen sich während der revolutionären Unruhen nach Hause durch – oder auch nicht, falls sie nicht nach Hause zurückkehren wollten.

Major Reids Opfer zählte die nicht freigelassenen Kriegsgefangenen auf: die Überlebenden von zwei britischen Fallschirmdivisionen, ein paar tausend Zivilisten, die vorwiegend in Japan, den Philippinen und Rußland gefangengenommen und wegen „politischer Verbrechen“ verurteilt worden waren.

„Dazu kam noch eine bedeutende Dunkelziffer von anderen Gefangenen“, fuhr Major Reids Opfer fort, „die während dieses Krieges und auch schon in den Jahren zuvor dem Feind in die Hände gefallen waren. Gerüchte sprachen von Häftlingen, die bereits in einem früheren Krieg gefangen und nie mehr freigelassen wurden. Die genaue Zahl dieser in Lagern festgehaltenen Gefangenen ließ sich nie ermitteln. Die besten Schätzungen sprechen von ungefähr fünfundsechzigtausend Personen.“

„Warum die ‚besten’?“

„Nun, das ist die Schätzung im Lehrbuch, Sir.“

„Ich bitte Sie, sich genauer auszudrücken. War die Zahl größer oder geringer als einhunderttausend?“

„Äh, ich weiß es nicht Sir.“

„Und kein anderer weiß das. War sie größer als eintausend?“

„Wahrscheinlich, Sir. Höchstwahrscheinlich.“

„Absolut sicher – denn mehr als tausend von ihnen entkamen aus den Lagern, schlugen sich nach Hause durch und konnten auf den Verlustlisten ihrer Einheiten abgehakt werden. Ich stelle fest, daß Sie sich nicht richtig vorbereitet haben. Mr. Rico!

Nun war ich das Opfer. „Jawohl, Sir.“

„Sind tausend Gefangene, deren Freigabe verweigert wird, ein ausreichender Grund, um einen Krieg zu beginnen oder fortzusetzen? Denken Sie daran, daß Millionen von unschuldigen Menschen sterben können, ja, mit größter Wahrscheinlichkeit sterben werden, wenn der Krieg begonnen oder fortgesetzt wird!“

Ich zögerte keine Sekunde. „Jawohl, Sir! Mehr als ein ausreichender Grund!“

„Mehr als ausreichend. Sehr gut. Ist ein Gefangener, der von dem Gegner nicht freigegeben wird, ein ausreichender Grund, einen Krieg zu beginnen oder fortzusetzen?“

Ich zögerte. Ich kannte die Antwort der M.I. – aber ich glaubte nicht, daß sie hier verlangt wurde. Der Major sagte mit scharfer Stimme: „Nun kommen Sie schon, Mister! Wir haben eine Obergrenze von eintausend Gefangenen; ich habe Sie aufgefordert, eine Untergrenze von einem Gefangenen in Betracht zu ziehen! Aber man kann einen Schuldschein nicht einlösen, auf dem eine Summe zwischen einem und eintausend Pfund eingetragen ist – und die Entscheidung für einen Krieg ist eine viel ernstere Angelegenheit als das Einlösen eines Schuldscheines. Wäre es ein Verbrechen, eine Nation zu gefährden – vielmehr zwei Nationen – um einen einzigen Mann zu retten? Zumal er es vielleicht gar nicht verdient, gerettet zu werden? Oder sogar inzwischen das Zeitliche segnen könnte… Tausende kommen täglich bei Verkehrsunfällen um! Weshalb also hier zögern, wo es nur um einen Mann geht? Antworten Sie mit ja oder nein – Sie halten den Unterricht auf.“

Er hatte mich in die Enge getrieben. Ich gab ihm die Antwort der Fallschirmtruppe: „Jawohl, Sir!“

„Jawohl was?“

„Es spielt keine Rolle, ob es tausend oder nur einer sind, Sir. Man kämpft.“

„Aha! Die Zahl der Gefangenen ist also ohne Bedeutung. Gut. Nun begründen Sie Ihre Antwort!“

Ich saß in der Klemme. Ich wußte, daß es die richtige Antwort war. Aber ich wußte nicht, warum. Er hörte nicht auf, mich zu bedrängen: „Reden Sie, Mr. Rico! Das ist eine exakte Wissenschaft. Sie haben soeben eine mathematische Behauptung aufgestellt. Jetzt müssen Sie auch den Beweis antreten. Jemand könnte Ihnen entgegenhalten, daß Sie nach dem Ähnlichkeitssatz behauptet haben, daß eine Kartoffel den gleichen Preis kostet, nicht mehr, nicht weniger, wie eintausend Kartoffeln. Oder etwa nicht?“

„Nein, Sir.“

„Warum nicht? Belegen Sie das.“

„Menschen sind keine Kartoffeln.“

„Gut, gut, Mr. Rico. Ich glaube, wir haben Ihren müden Geist für heute genug strapaziert. Bringen Sie morgen einen schriftlichen Nachweis, in symbolischer Logik, wie Sie zu Ihrer Antwort auf meine Frage gekommen sind. Ich gebe Ihnen einen Hinweis für die Lösung. Sehen Sie im Quellennachweis Nummer sieben zu unserem heutigen Kapitel nach. Mr. Salomon! Wie ist die gegenwärtige politische Organisation aus den revolutionären Unruhen entstanden? Und welche moralische Berechtigung hat diese politische Organisation?“

Sally stolperte durch den ersten Teil der Frage. Allerdings kann heute keiner genau beschreiben, wie die Föderation entstanden ist; sie war plötzlich da. Als die nationalen Regierungen am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts zusammenbrachen, mußte irgend etwas dieses Vakuum ausfüllen, und in vielen Fällen waren das die heimkehrenden Veteranen. Sie hatten einen Krieg verloren, die meisten von ihnen hatten keine Arbeit, viele waren stinksauer auf die Bedingungen des Vertrages von New Delhi, besonders die Kriegsgefangenen, die im Stich gelassen wurden – und sie wußten, wie man kämpfen mußte. Aber es war keine Revolution; es war eher dem Zustand vergleichbar, der in Rußland im Jahre 1917 herrschte – das System brach zusammen, und etwas anderes trat an seine Stelle.

Der erste bekannte Fall, aus Aberdeen in Schottland, war typisch. Ein paar Veteranen schlossen sich zu Vigilanten zusammen, um die Anarchie auf den Straßen und die Plünderungen zu beenden, hängten ein paar Leute auf (unter denen sich auch zwei Veteranen befanden) und beschlossen, nur Veteranen in ihren Komitees aufzunehmen. Das war zuerst nur eine Willkürmaßnahme – sie trauten keinem anderen – sie trauten sich gegenseitig ein bißchen mehr. Und was als eine Notstandsmaßnahme begann, wurde zu einer verfassungsrechtlichen Maßnahme… im Verlauf einer oder zweier Generationen.

Wahrscheinlich beschlossen diese schottischen Veteranen, da sie es sogar für notwendig hielten, ein paar Veteranen aufzuhängen, keine „verdammten profitgierigen, schwarzmarkthandelnden, doppelten Lohn für Überstunden fordernden, wehrdienstverweigernden, ganz und gar unmöglichen“ Zivilisten ein Wort in ihrer Verfassung mitreden zu lassen. Sie würden nur tun, was man ihnen anschaffte, verstehen Sie – während wir Affen die Kastanien aus dem Feuer holten. Das ist meine Vermutung, weil ich an ihrer Stelle genauso gehandelt hätte – und die Historiker bescheinigen uns, daß die Antipathie zwischen Zivilisten und den Heimkehrern aus dem Krieg damals noch viel heftiger gewesen war, als wir uns das heute vorzustellen vermögen.

Sally hielt sich in seiner Erklärung nicht an das Lehrbuch. Schließlich schaltete Major Reid ihn ab. „Bringen Sie morgen eine schriftliche Zusammenfassung dieses Themas zum Unterricht mit, dreitausend Worte. Mr. Salomon, können Sie mir einen Grund nennen – keinen historischen oder theoretischen, sondern praktischen – warum das Wahlrecht heute auf entlassene Veteranen beschränkt ist?“

„Nun, weil es ausgewählte Leute sind, Sir. Intelligenter.“

„Blödsinn!“

„Sir?“

„Ist dieses Wort zu kurz für Sie? Ich sagte, es wäre eine törichte Begründung. In vielen Fällen sind die Zivilisten viel intelligenter. Das war dieser Balken, auf den sich der versuchte Coup d’etat kurz vor dem Vertrag von New Delhi stützen wollte, die sogenannte ‚Revolte der Wissenschaftler’: Überlaßt der Elite der Intelligenz das Ruder, und ihr werdet Utopia auf Erden haben! Die Sache fiel natürlich glatt auf ihr dummes Gesicht. Die Berufung zum Wissenschaftler, trotz ihrer sozialen Wohltaten, ist an sich noch keine soziale Tugend. Wissenschaftler können so ichbezogen sein, daß sie jedes soziale Verantwortungsbewußtsein vermissen lassen. Ich habe Ihnen einen Hinweis gegeben, Mister; können Sie von dort aus fortfahren?“

„Angehörige des Bundesdienstes sind diszipliniert, Sir“, erwiderte Sally.

Major Reid ging schonend mit ihm um. „Tut mir leid. Eine verlockende Theorie, aber von den Tatsachen nicht bestätigt. Sie und ich dürfen nicht wählen, solange wir der Bundeswehr angehören, noch ist es nachweisbar, daß die militärische Disziplin einem Menschen Selbstdisziplin verleiht, sobald er aus dem Dienst ausscheidet. Der Anteil der Veteranen an der Kriminalität ist fast genauso hoch wie der von Zivilisten. Und sie haben vergessen, daß in Friedenszeiten die meisten Veteranen aus nichtkämpfenden Hilfsdiensten stammen, die sich nicht einer so strengen militärischen Disziplin haben unterwerfen müssen wie die kämpfende Truppe. Man hat sie nur ein bißchen härter herangenommen, mit Arbeit überlastet und ihnen den Wind ins Gesicht blasen lassen – doch ihre Stimmen zählen.“

Major Reid lächelte. „Mr. Salomon, ich habe Ihnen eine Trickfrage gestellt. Der praktische Grund, daß unser System noch besteht, ist der gleiche wie für alle bestehenden Einrichtungen: Es funktioniert zufriedenstellend. Trotzdem ist es lehrreich, die Einzelheiten näher zu betrachten. Schon immer hat der Mensch in seiner Geschichte sich darum bemüht, sein höchstes Wahlrecht in die Hände derjenigen zu legen, die es zum Nutzen aller achten und weise ausüben würden. Ein früher Versuch war die absolute Monarchie, leidenschaftlich als das ‚göttliche Recht der Könige’ verteidigt. Manchmal nahm man die Auswahl eines weisen Monarchen selbst in die Hand, statt sie Gott zu überlassen, zum Beispiel als die Schweden einen Franzosen, General Bernadotte, zu ihrem Herrscher wählten. Dagegen ist einzuwenden, daß der Nachschub an Bernadottes sehr begrenzt ist. Historische Beispiele reichen vom absoluten Monarchen bis zum totalen Anarchen; die Menschheit hat Tausende von Möglichkeiten durchexerziert und noch mehr als Vorschlag angeboten, manche von ihnen außerordentlich absurde Lösungen, wie der ameisenähnliche Kommunismus, der von Plato unter dem irreführenden Titel Die Republik vorgeschlagen wurde. Aber die Absicht war immer moralistisch gewesen: eine stabile und wohlwollende Regierung einzurichten. Alle Systeme versuchen das dadurch zu erreichen, daß sie das Wahlrecht auf jene beschränken, die angeblich die Weisheit besitzen, es gerecht auszuüben. Ich wiederhole, alle Systeme, sogar die sogenannten unbeschränkten Demokratien, die immer noch nicht weniger als ein Viertel ihrer Bevölkerung vom Wahlrecht ausschlossen – aus Gründen des Alters, der Geburt, des Steueraufkommens, der Straffälligkeit oder aus anderen Motiven.“

Major Reid lächelte zynisch. „Ich habe nie einsehen können, weshalb ein dreißigjähriger Schwachkopf sein Stimmrecht weiser ausüben sollte als ein fünfzehn Jahr altes Genie… aber das war das Zeitalter der ‚göttlichen Rechte des gemeinen Mannes’. Lassen wir das, sie bezahlten teuer für ihren Unsinn. Das souveräne Wahlrecht hatte man aus den verschiedenartigsten Voraussetzungen abgeleitet – dem Geburtsort, der Abstammung, der Rasse, des Geschlechts, des Eigentums, der Erziehung, des Alters, der Religionszugehörigkeit und so weiter. Alle diese Systeme funktionierten, doch keines von ihnen besonders gut. Alle wurden von vielen als tyrannisch empfunden, und alle gingen schließlich zugrunde oder wurden verworfen. Und hier sind wir nun mit nur noch einem System… und unser System funktioniert recht gut. Viele beklagen es, aber keiner lehnt sich dagegen auf; die persönliche Freiheit für alle ist die größte, die es jemals in der Geschichte gegeben hat, wir kommen mit wenigen Gesetzen aus, die Steuern sind niedrig, der Lebensstandard so hoch wie die Produktivität es überhaupt zuläßt, die Straffälligkeit so gering wie nie zuvor. Warum? Nicht, weil unsere Wähler intelligenter sind als andere Leute. Wir haben dieses Argument bereits widerlegt. Mr. Tammany – können Sie uns sagen, warum unser System besser funktioniert als irgendein anderes, das unsere Vorfahren benützten?“

Ich weiß nicht, woher Clyde Tammany seinen Namen hatte; ich hielt ihn für einen Hindu. Er antwortete: „Äh, ich würde sagen, weil die Wähler nur eine kleine Gruppe darstellen, die weiß, daß sie für alle Entscheidungen verantwortlich ist… deshalb prüfen sie auch die Folgen sehr genau.“

„Keine Vermutungen bitte, das ist eine exakte Wissenschaft. Und Ihre Vermutung ist falsch. Die herrschenden Nobelmänner vieler anderer Systeme waren eine kleine Gruppe, die sich ihrer erdrückenden Gewalt durchaus bewußt war. Zudem sind unsere wahlberechtigten Bürger nicht überall eine kleine Fraktion; Sie wissen oder sollten wissen, daß der Anteil der Vollbürger bei den Erwachsenen von über achtzig Prozent auf Iskander bis zu unter drei Prozent bei einigen Nationen auf Terra reicht – doch die Regierung ist überall mehr oder weniger gleich. Noch gehören die Wähler zu den auserwählten Leuten; sie bringen weder ein besonderes Talent oder eine besondere Ausbildung für ihre souveräne Aufgabe mit. Also was für ein Unterschied besteht zwischen unseren Wählern und denjenigen, die in der Vergangenheit das Wahlrecht ausübten? Wir haben uns schon genügend Vermutungen anhören müssen; ich werde Ihnen das Offensichtliche vortragen: Unter unserem System ist jeder Wähler und gewählte Amtsträger ein Mensch, der durch seinen freiwilligen und schwierigen Dienst bewiesen hat, daß er die Wohlfahrt einer Gruppe über seinen persönlichen Vorteil stellt. Und das ist der einzige praktische Unterschied.

Er mag es vielleicht an Weisheit mangeln lassen, er mag sogar in seiner zivilen Tugend versagen. Doch seine Durchschnittsleistung ist beträchtlich besser als diejenige jeder anderen herrschenden Klasse in der Menschheitsgeschichte.“

Major Reid hielt inne und tastete über das Zifferblatt einer altmodischen Uhr, „las“ ihre Zeiger. „Die Stunde ist fast um, und wir müssen noch den moralischen Grund für unseren Erfolg in unserer Selbstregierung finden. Jedenfalls ist ein andauernder Erfolg niemals Sache des Zufalls. Denken Sie daran, daß wir wissenschaftlich arbeiten und kein Wunschdenken pflegen; das Universum ist, was es ist, nicht was wir wollen, daß es sein soll. Wählen bedeutet Autorität ausüben; es ist höchste Autorität, von der alle anderen Autoritäten sich ableiten – wie zum Beispiel meine, euch einmal am Tag das Leben zu versauern. Gewalt, wenn Sie es denn so wollen! – das Wahlrecht ist Gewalt, nackt und roh, die Gewalt des Rutenbündels und der Axt. Ob sie nun von zehn Männern oder von zehn Milliarden ausgeübt wird – politische Autorität ist Gewalt. Doch dieses Universum besteht aus polaren Dualitäten. Was ist das Gegenteil von Autorität? Mr. Rico?“

Er hatte eine Frage gewählt, die ich beantworten konnte: „Verantwortung, Sir.“

„Applaus. Sowohl aus praktischen Gründen wie aus mathematisch nachweisbar moralischen Gründen müssen Autorität und Verantwortung gleich groß sein – weil sich sonst die Ungleichheit so ausbalancieren muß, wie ein Strom zwischen zwei Punkten ungleicher Feldstärken fließt. Eine Autorität zu gestatten, die sich nicht verantworten muß, heißt Unglück säen. Einen Mann für etwas verantwortlich zu machen, worüber er keine Kontrolle besitzt, bedeutet, sich wie ein blinder Idiot zu verhalten. Die unbegrenzten Demokratien waren instabil, weil ihre Bürger nicht für die Art verantwortlich waren, in der sie ihre souveräne Autorität ausübten… außer, daß sie sich der tragischen Logik der Geschichte beugen mußten. Die einmalige ‚Wahlsteuer’, die wir bezahlen müssen, kannten sie nicht. Kein Versuch wurde unternommen, zu bestimmen, ob ein Wähler bis zum Grade seiner buchstäblich unbeschränkten Autorität sozial verantwortlich war. Wenn er das Unmögliche wählte, trat dafür das katastrophal Mögliche ein, und die Verantwortung wurde ihm dann, ob er wollte oder nicht, aufgezwungen und zerstörte ihn und seinen auf Sand gebauten Tempel.

Oberflächlich betrachtet, unterscheidet sich unser System nur geringfügig von der Volkssouveränität alter Prägung. Wir haben eine unbeschränkte Demokratie ohne Unterschied der Rasse, der Hautfarbe, des Glaubens, der Geburt, des Vermögens, des Geschlechtes oder der Überzeugung, und jeder kann die souveräne Gewalt durch eine verhältnismäßig kurze und nicht zu anstrengende Dienstzeit erringen – nicht viel mehr als eine leichte Trainingsstunde im Vergleich zu unseren Höhlenmenschen-Vorfahren. Aber der kleine Unterschied besteht zwischen einem System, das funktioniert, weil es sich nach den Tatsachen richtet, und einem, das schon instabil auf die Welt kommt. Da das souveräne Wahlrecht die höchste menschliche Autorität darstellt, sorgen wir dafür, daß alle, die es ausüben, auch die höchste soziale Verantwortung übernehmen – wir verlangen, daß jede Person, die Kontrolle über den Staat auszuüben wünscht, ihr eigenes Leben aufs Spiel setzt – und es verliert, falls das nötig sein sollte – um das Leben des Staates zu retten. Die höchste Verantwortung, die ein Mensch übernehmen kann, ist so der höchsten Autorität, die ein Mensch ausüben kann, gleichgesetzt. Yin und Yang, perfekt und gleich.“

Der Major fügte hinzu: „Kann mir jemand sagen, warum es nie eine Revolte gegen unser System gegeben hat? Trotz der Tatsache, daß jede Regierung in der Geschichte so etwas erlebt hat? Trotz der notorischen Tatsache, daß auch heute lautstark und endlos Beschwerden dagegen erhoben werden?“

Einer von den älteren Kadetten versuchte sich mit einer Antwort: „Sir, Revolution ist unmöglich.“

„Ja. Aber warum?“

„Weil eine Revolution – eine bewaffnete Erhebung – nicht nur Unzufriedenheit, sondern auch Aggressivität voraussetzt. Ein Revolutionär muß bereit sein, zu kämpfen und zu sterben – oder er ist nur ein Schwadronär. Wenn Sie die Aggressiven aussondern und sie zu Schäferhunden machen, werden die Schafe Ihnen niemals Sorgen bereiten.“

„Gut gesagt!“ Eine Analogie ist immer verdächtig, aber diese kommt den Tatsachen sehr nahe. Liefern Sie mir bis morgen einen mathematischen Beweis. Wir haben noch Zeit für eine letzte Frage – Sie stellen sie, und ich werde sie beantworten. Will sich jemand melden?“

„Äh, Sir, warum gehen wir nicht bis zur Grenze des Möglichen? Verlangen von jedem, daß er dient, und geben auch jedem das Stimmrecht?“

„Junger Mann, können Sie mir mein Augenlicht wiederherstellen?“

„Sir? Nun, nein, Sir!“

„Das würde Ihnen als leichter zu lösende Aufgabe erscheinen, wenn Sie einer Person moralische Tugend – soziales Verantwortungsbewußtsein – eintrichtern wollen, die sie nicht besitzt, nicht haben will und es ablehnt, so eine Bürde jemals auf sich zu nehmen. Deswegen richten wir so schwere Hürden vor dem Wehrdienst auf und machen es jedem leicht, wieder zu kündigen. Die soziale Verantwortung auf einer Ebene über der Familie – oder die über die äußerst zumutbare Grenze eines Stammes hinausgeht – erfordert Phantasie, Hingabe, Loyalität: alle jene höheren Tugenden, die ein Mensch selbst entwickeln muß. Wenn sie ihm gewaltsam eingeflößt werden, wird er sie wieder ausspucken. Man hat es in der Vergangenheit mit der Wehrpflicht versucht. Schlagen Sie einmal in der Bibliothek die psychiatrischen Berichte über gehirngewaschene Gefangene in dem sogenannten ‚Koreakrieg’ nach, der um das Jahr 1950 stattfand – die amtliche Berichtssammlung. Bringen Sie eine Analyse zum nächsten Unterricht mit.“ Er tastete über seine Uhr. „Die Stunde ist zu Ende.“

Major Reid ließ uns wenig freie Zeit.

Aber es war ein interessantes Fach. Ich handelte mir eines von diesen Grundsatzthemen ein, die er in der Klasse verteilte wie Ping-Pong-Bälle: Ich hatte behauptet, daß die Kreuzzüge sich von den meisten Kriegen unterschieden. Das brachte mir eine barsche Unterbrechung und die Aufgabe ein: Verlangt: Beweis, daß der Krieg und die moralische Perfektion aus dem gleichen genetischen Erbe stammen.

Kurz gefaßt, folgende Ausführung: Alle Kriege entstehen durch Bevölkerungsdruck (ja, sogar die Kreuzzüge, obgleich man schon tief in die Quellen über die Handelswege und Geburtsziffern und in eine Reihe anderer Faktoren eindringen muß, um das zu beweisen). Moral – alle korrekten moralischen Gesetze – leitet sich aus dem Selbstbehauptungsinstinkt ab; moralisches Verhalten ist Überlebensverhalten oberhalb der individuellen Ebene – wie bei einem Vater, der sich opfert, um seine Kinder zu retten. Aber da der Bevölkerungsdruck aus dem Überlebensprozeß anderer Wesen entsteht, leitet sich der Krieg, weil er aus dem Bevölkerungsdruck resultiert, indirekt aus dem gleichen ererbten Instinkt ab, der alle moralischen Gesetze hervorbringt, die den menschlichen Wesen gemäß sind.

Gegenbeweis: Ist es möglich, den Krieg abzuschaffen, indem man den Bevölkerungsdruck abbaut (und so die nur zu offenkundigen Übel des Krieges beseitigt), und zwar durch den Erlaß eines Moralgesetzes, das die Bevölkerung auf die verfügbaren Nahrungs- und Rohstoffquellen beschränkt?

Ohne die Nützlichkeit und Moralität einer Geburtenkontrolle näher zu erörtern, kann schon durch die Erfahrung belegt werden, daß eine Spezies, die ihre eigene Vermehrung einstellt, von einer anderen Spezies verdrängt wird, die dafür expandiert. In der terranischen Geschichte haben einige menschliche Bevölkerungsgruppen ihre Vermehrung eingeschränkt, und andere Rassen nützten diese Beschränkungen aus und absorbierten diese Bevölkerungsgruppen. Nehmen wir trotzdem einmal an, daß die menschliche Rasse es fertigbringt, ein Gleichgewicht zwischen Geburt und Tod herzustellen, und zwar in einem Umfang, der sich mit dem Lebensraum auf ihrem eigenen Planeten deckt, und endlich ihren Frieden findet. Was passiert?

Bald (vielleicht schon am nächsten Mittwoch) fallen die Bugs bei uns ein, merzen diese Spezies aus, die „den Krieg nicht mehr studieren will“, und das Universum vergißt uns. Was immer noch passieren kann. Entweder wir dehnen uns aus und verdrängen die Bugs, oder sie expandieren und merzen uns aus – weil beide Rassen hart, zäh und intelligent sind – und das gleiche Grundstück haben wollen.

Wissen Sie, wie schnell der Bevölkerungsdruck uns dazu zwingen kann, das ganze Universum Schulter an Schulter auszufüllen? Die Antwort wird sie überraschen: Nicht länger, als man braucht, um mit einem Auge zu blinzeln, wenn man das Alter unserer Rasse als Maßstab nimmt. Rechnen Sie nach – es ist eine Zinses-Zins-Expansion.

Aber hat der Mensch ein „Recht“ dazu, sich über das Universum auszubreiten?

Der Mensch ist, was er ist, ein wildes Tier mit dem Willen, zu überleben, und (bis jetzt) der Fähigkeit dazu, auch gegen schärfste Konkurrenz. Falls man das nicht akzeptiert, ist alles, was man über Moral, Gesetze, Krieg, Politik – und so weiter – verzapft, barer Unsinn. Die korrekten Moralgesetze leiten sich aus dem Wissen ab, was der Mensch ist – und nicht daraus, wie ihn Weltverbesserer und wohlmeinende alte Kaffeetanten haben wollen.

Das Universum wird uns wissen lassen – später – ob der Mensch ein „Recht“ dazu hat, sich in ihm auszubreiten oder nicht.

In der Zwischenzeit wird sich die M.I. dort aufhalten, wachsam und sprungbereit, um unserer eigenen Rasse beizustehen.

„Wir haben eine unbeschränkte Demokratie ohne Unterschied der Rasse, der Hautfarbe, …“ – hier hängt Heinlein schon wieder dem rassenblinden Universalismus an. Wie uns schon Fjordman erläutert hat, setzt eine funktionierende Demokratie – und wahrscheinlich überhaupt ein auf Dauer funktionierendes Staatswesen – eine ethnisch weitgehend homogene Gesellschaft voraus. Aber mit dem notwendigen Gleichgewicht von Autorität und Verantwortung hat er etwas sehr Wichtiges getroffen. Eine Führung, die sich gegenüber dem Volk nicht zu verantworten braucht, wird ihre Macht zunehmend für ihre eigenen Gruppeninteressen mißbrauchen und das Volk verachten. Genauso werden Wähler, die in der Illusion leben, die Konsequenzen ihres Wahlverhaltens nicht tragen zu müssen, den Staat langfristig aus kurzsichtiger Eigennützigkeit in den Niedergang treiben, wie man aktuell am Beispiel Griechenlands sieht. Ich halte daher die Grundidee von Heinleins Staatssystem für sehr überlegenswert, mit zwei wesentlichen Änderungen:

1) Kein Verzicht auf die allgemeine Wehrpflicht; Heinlein ist zwar der Meinung, daß eine freie Gesellschaft, in der nicht ausreichend viele den Willen aufbringen, ihre Gesellschaft zu verteidigen, von ihm aus zum Teufel gehen könne, aber da kommt der Libertäre in ihm wieder durch. Es ist nicht einzusehen, warum zukünftige Generationen eines Volkes um ihre Freiheit oder sogar Existenz gebracht werden sollen, nur weil eine Generation vor ihr sich in einen zeitgeistigen Egoismus oder Pazifismus verirrt hat und das von einem Feind erfolgreich ausgenützt wurde. Außerdem gilt es, langfristige dysgenische Auswirkungen eines reinen Freiwilligen- und Berufsmilitärs zu vermeiden: wenn immer wieder einmal eine Generation in einen Krieg gerät und die Kampfbereiteren, Patriotischeren und auch Kampffähigeren in jedem davon ein höheres Todesrisiko und somit einen geringeren durchschnittlichen Fortpflanzungserfolg haben als die anderen, wird das zur Folge haben, daß diese Eigenschaften mit der Zeit aus diesem Volk herausgezüchtet werden. Ich vermute, daß dies mit den Römern geschehen ist, deren Armee bis ins 2. vorchristliche Jahrhundert ein Milizheer war, „das Volk in Waffen“, welches Italien eroberte, Karthago besiegte und Rom die Vorherrschaft im Mittelmeer erkämpfte, während man danach immer mehr zu einem reinen Berufsheer übergegangen war. Der freiwillige Wehrdienst zur Erlangung der Vollbürgerschaft wäre daher in meiner Variante im Anschluß an den Pflicht-Grundwehrdienst abzuleisten, der in Friedenszeiten von eher kurzer Dauer wäre und hauptsächlich eine Platzhalterfunktion hätte, damit im Kriegsfall sofort auch andere als Freiwillige eingesetzt werden können. Allerdings würde ich die Wehrpflicht auf Männer beschränken (allein schon, weil nicht so viele Frauen gebraucht werden; militärische Verwendungen, für die Frauen sich eignen, sollten jenen vorbehalten bleiben, die freiwillig Wehrdienst leisten wollen).

2) Bei Heinlein erhalten auch Berufssoldaten das Wahlrecht erst nach ihrem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst, das heißt, oft erst nach ihrer Pensionierung. In meiner Version bekämen sie die Vollbürgerschaft wie alle anderen nach ehrenhaften Ableistung ihres freiwilligen Grundwehrdienstes.

Dieses System hätte eine Reihe von Vorteilen:

1) Nur Patrioten, die willens sind, ihre Nation zu verteidigen, erhalten das aktive und passive Wahlrecht;

2) Nur Menschen mit einem gewissen Gemeinsinn erhalten das aktive und passive Wahlrecht, was Tendenzen in Richtung sozialschmarotzerbegünstigender Gefälligkeitsdemokratie zu vermeiden hülfe;

3) Wer sich dazu entschließt, jetzt Mühen, Verzicht und Gefahren auf sich zu nehmen, um erst ab einigen Jahren in der Zukunft staatsbürgerliche Rechte wahrnehmen zu können, weist eine erhöhte Bereitschaft zum Gratifikationsaufschub um künftigen Nutzens willen auf und wird daher als Wähler oder Politiker ebenfalls weniger, als es jetzt im Durchschnitt der Fall ist, zur Förderung sozialstaatlicher Maßnahmen auf Kosten der Zukunft neigen;

4) Wer sich sein Wahlrecht durch Ableisten eines freiwilligen Wehrdienstes erwirbt, wird sich eher für Politik und öffentliche Angelegenheiten interessieren und sich darüber ständig auf dem Laufenden halten; Desinteressierte, die ihre Wahlentscheidung erst ganz am Schluß beruhend auf dem fällen, was sie zuletzt noch an Negativem oder Positivem über diesen oder jenen Kandidaten gelesen haben, oder wen sie am häufigsten auf Plakaten gesehen haben, würden solch einen Wehrdienst kaum freiwillig auf sich nehmen.

5) Wähler (und gewählte Amtsträger), die ihre Vollbürgerschaft erst durch freiwillige Inkaufnahme gewisser körperlicher Risiken erworben haben (auch in Friedenszeiten sollte solch ein Wehrdienst zwar keine zweckfreien Mutproben enthalten, aber doch das Eingehen von für den Ausbildungserfolg notwendigen Risiken verlangen), werden auch mutiger sein, als es im Durchschnitt der Gesamtgesellschaft der Fall ist. Wie Leser Meyer in einem Kommentar zum Artikel „Kartoffel werden“ in Manfreds „Korrektheiten“ schrieb, wird eine Gesellschaft umso totalitärer, je feiger sie ist, und sie bringt umso mehr Feiglinge hervor, je totalitärer sie ist.

6) Das Zahlenverhältnis zwischen Männern und Frauen in der Wählerschaft wie auch unter den gewählten Amtsträgern wäre gegenüber heute deutlich männerlastig verschoben, ohne daß die Frauen prinzipiell ausgeschlossen wären, und die Frauen, die dann wählen und für Ämter kandidieren dürften, wären ebenfalls nach den bisher beschriebenen Kategorien 1 bis 5 ausgesiebt.

Einspruch muß ich erheben gegen Heinleins Behauptung, daß alle Kriege durch Bevölkerungsdruck entstehen. Wie den meisten Lesern dieses Blogs bewußt sein wird, trifft das schon mal auf keinen der Kriege zu, die seit 2001 von den Vereinigten Staaten und ihren mehr oder weniger „Verbündeten“ im Nahen und Mittleren Osten geführt werden. Darüber hinaus trifft es aber auch auf so gut wie keinen der innereuropäischen Kriege zu, die seit dem Mittelalter geführt wurden. In all diesen ging es immer nur um Herrschaftsansprüche der jeweiligen Machthaber auf Nachbargebiete, um Thronerbstreitigkeiten, um Handelsinteressen der Großkaufleute, um Krieg als „Sport der Könige“, ohne daß dabei eine Ausweitung des Lebensraumes der Untertanen des jeweiligen Herrschers beabsichtigt war. Unbestreitbar ist jedoch, daß Bevölkerungsdruck in der Geschichte sehr wohl immer wieder eine Rolle gespielt hat und uns auch in Zukunft leicht mit Invasionsszenarien konfrontieren könnte.

Weiter in Heinleins Roman: kurz vor dem Ende ihrer Ausbildung werden Johnnie Rico und seine Kadetten-Kameraden wieder in den Weltraum geschickt, um als praktischer Teil des Abschlußexamens unter einem erfahrenen Kampfkommandanten einen Einsatz mitzumachen, eine Feuertaufe als Offiziersanwärter. An Bord des Truppentransporters Tours, der deutlich größer ist als die Rodger Young, nähert er sich dem Einsatzgebiet:

Wie die meisten Truppentransporter ist die Tours ein gemischtes Schiff; die für mich erstaunlichste Veränderung war die Erlaubnis, mich „nördlich von Schott dreißig“ bewegen zu dürfen. Das Schott, das die weiblichen Quartiere von den rauhen Charakteren trennt, die sich rasieren, muß nicht unbedingt Nr. 30 sein, aber aus traditionellen Gründen wird es immer „Schott dreißig“ in einem Schiff mit gemischter Besatzung genannt. Die Offiziersmesse befindet sich gleich hinter diesem Schott, und das Territorium der Frauen schließt sich dahinter bis zum Bug an. In der Tours war die Offiziersmesse gleichzeitig die Kantine für die weiblichen Marinesoldaten, die dort kurz vor den Offizieren ihre Mahlzeiten einnahmen. Zwischen den Mahlzeiten wurde sie durch eine Trennwand in einen Aufenthaltsraum für weibliche Matrosen und in einen Salon für ihre Offiziere aufgeteilt. Den männlichen Offizieren stand ein Salon, der als Kartenraum bezeichnet wurde, unmittelbar vor Schott dreißig zur Verfügung.

Abgesehen von der offenkundigen Tatsache, daß das Absetzen und Bergen der kämpfenden Truppe die besten Piloten verlangt (und das sind die weiblichen), gibt es noch einen triftigen Grund, warum weibliche Marineoffiziere den Truppentransportern zugeteilt werden: Es ist gut für die Moral eines Soldaten.

Lassen wir einmal die Tradition der M.I. außer acht. Können Sie sich etwas Verrückteres vorstellen, als sich von einem Raumschiff in das Vakuum hinausschießen zu lassen, wo Sie nichts erwartet außer blutigem Chaos und plötzlichem Tod? Aber wenn schon jemand diese idiotische Aufgabe übernehmen muß, können Sie sich dann eine bessere Methode vorstellen, einen Mann bei der Stange zu halten und bereit sein zu lassen, sein Leben hinzugeben, indem man ihn ständig daran erinnert, daß der einzige gute Grund, wofür er kämpft, ein lebendiges, atmendes Wesen ist?

In einem Schiff mit gemischter Mannschaft ist das Letzte, was ein Soldat vor dem Absprung hört (vielleicht das letzte Wort, das er noch in seinem Leben hört), die Stimme einer Frau, die ihm Glück wünscht. Falls Sie meinen, das wäre nicht wichtig, haben Sie sich wahrscheinlich schon aus der menschlichen Rasse zurückgezogen.

Meinen Zweifel gegenüber Heinleins These, daß Frauen die besseren Raumschiffpiloten wären, habe ich schon in einem Kommentar zu Kapitel 1 geäußert. Aber die Schlußabsätze haben mir dennoch gut gefallen – sie drücken etwas aus, das für die europäische Rasse typisch und ein einzigartiger Zug von ihr ist.

Siehe auch Star Dreck III – Starship Troopers von Kairos.

Über Cernunnos

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