Büchsen-Licht (4): Lee-Enfield-Gewehre

Lee-Enfield-Gewehre: Im Vordergrund ein „Jungle Carbine“ No. 5 Mark 1, darunter eine No. 4 Mark 1, dahinter ein SMLE.

Lee-Enfield-Gewehre: Im Vordergrund ein „Jungle Carbine“ No. 5 Mark 1, darunter eine No. 4 Mark 1, dahinter ein SMLE.

Von Deep Roots

In diesem vierten Teil meiner Büchsen-Serie stelle ich eines der erfolgreichsten Militärrepetierer-Systeme der Welt vor, das sich gut ein Jahrhundert lang – länger als jedes andere System – im Truppendienst hielt. Dieses geht auf die 80er-Jahre des 19. Jahrhunderts zurück, als sich die britischen Militärbeschaffungsstellen für das Lee-Enfield-Gewehr entschieden, das in seiner ersten Version im Dezember 1888 von den britischen Streitkräften übernommen wurde. Die Waffe entstand aus dem Lee-Metford-Gewehr, das nach der Umrüstung der Truppe auf Nitropatronen mit dafür ausgelegten Läufen aus Enfield versehen und mit dem Magazinsystem des schottischstämmigen Amerikaners James Paris Lee ausgerüstet wurde, der als Erfinder des abnehmbaren Kastenmagazins gelten kann. Mit dieser damals revolutionären Erfindung wurde die neue Gewehrserie ausgestattet, die wegen der damals noch gängigen Vorstellungen vom präzisen Schuß über weiteste Entfernungen auch noch an der linken Schaftseite ein spezielles Weitschußvisier bis 2800 Yards aufwies. Merkwürdigerweise erkannten die Briten nicht, welche Vorteile das einsteckbare Magazin bietet. Wurde zu Anfang noch zu jedem Gewehr ein Reservemagazin ausgegeben, so wurden diese später wieder eingezogen und die Magazine am Gewehr sogar mit einer kleinen Kette befestigt (obwohl diese Kette später wieder entfiel, gab es die dafür bestimmte Öse an der Systemunterseite sogar noch bis zur No. 4 Mark 2!).

Frühes Lee-Enfield-Gewehr Mark I*, noch mit Magazinabschaltung (hier aktiviert) und Staubschutzdeckel und ohne Ladestreifenbrücke.

Frühes Lee-Enfield-Gewehr Mark I*, noch mit Magazinabschaltung (hier aktiviert) und Staubschutzdeckel und ohne Ladestreifenbrücke.

SHORT, MAGAZINE, LEE-ENFIELD: DAS GEWEHR No. 1 (SMLE)

Um die Jahrhundertwende entstand aus den Lee-Enfield-Gewehren das SMLE („Short, Magazine, Lee-Enfield“), das fast fünfzig Jahre lang die britischen Truppen auf die Schlachtfelder begleiten sollte. Beim SMLE mit seiner stutzenartigen Mündung, den hohen Kornschutzbacken und dem langen, bis zur Mündung reichenden Handschutz wurden die unangenehmen Erfahrungen aus dem Burenkrieg berücksichtigt, wo man es zum ersten Mal mit einem zumindest gleichwertig bewaffneten Gegner zu tun hatte. Nach den peinlichen Gefechten, in denen sich die britischen Truppen ziemlich blamierten, wurde die Schuld auf das Lee-Metford geschoben. Zu Recht, was einige Details an der Waffe betraf, wie die ab Werk vorjustierten, aber nicht nachgeschossenen Visierungen mit stark abweichenden Treffpunkten, oder der zu kurze Handschutz und die klappernden Schäfte. Zu Unrecht, wenn das ganze Gewehr als dem Mauser unterlegen geschildert wurde.

Die wahren Gründe lagen nicht nur in den von den Buren meisterhaft geführten Mauser-Gewehren. Zwar waren die Mauser-Repetierer M 1896 im Kaliber 7 x 57 (von denen der Schweden-Mauser im Kaliber 6,5 x 55 ein Ableger ist) den Lee-Gewehren technisch und ballistisch etwas überlegen, aber der wahre Grund lag in den Buren, die die Geländeverhältnisse kannten und zu ihrem Vorteil ausnutzen konnten. Mit der Waffe regelrecht lebend, konnten sie die Perfektion der Mauserbüchsen voll ausnutzen, während die Engländer eine eher mäßige, erst nach dem Debakel verbesserte Schießausbildung erhielten. Der wichtigste Vorteil lag aber bei der Kampfmoral der Buren darin, daß sie in ihrem eigenen Land kämpften.

Die Veränderungen am SMLE gegenüber seinen Vorgängern betrafen außer den großen, optisch auffallenden Maßnahmen, wie dem bis zur Mündung von Vorderschaft und Handschutz umschlossenen Lauf, an dem man sich nun nicht mehr die Finger verbrennen konnte und bei dem es nicht mehr so schnell zu Hitzeflimmern in der Visierlinie kam, auch kleinere Modifikationen, wie zum Beispiel die Materialänderung der Kolbenkappe von Eisen zu Messing. Im Jahre 1907 kam es auf diesem Wege der vielen kleinen Schritte zum SMLE Mk. III (später, nach der Einführung des Gewehrs No. 4 Mk. 1 wurde das SMLE auch als Lee-Enfield No. 1 Mk. III bezeichnet). Natürlich blieb die Entwicklung nicht stehen, so fiel zum Beispiel die überflüssige Weitschußvisierung und die Magazinabschaltung weg, woraus das (No. 1) Mark III* entstand.

03 SMLE

Eine wesentliche Verbesserung am SMLE war die Visierung, bei der ab der Version No. 1 Mk. III* praktisch gleich eine Mikrometervisierung mitgeliefert wurde. Eine Abstufung in Form herkömmlicher Rasten erfolgt nicht, es ist eine „fließende“ Verstellung mittels eines Schraubentriebs an der rechten Seite des Visierschiebers vorgesehen. Eine Schnellverstellung kann mit einem herkömmlichen Drücker an der linken Seite vorgenommen werden. Gut sichtbare Markierungen sind an der Visiersäule bis zu 25-Yards-Schritten hinunter ablesbar. In Sachen Genauigkeit kann außer dem Dioptervisier No. 4 Mk I des Enfield-Gewehrs No. 4 keine serienmäßig an einer Infanteriewaffe angebrachte Visierung einem Vergleich mit diesem Muster standhalten. Die ersten Versionen dieses Visiertyps setzten noch eins drauf, indem bei ihnen die Kimme sogar seitlich verstellbar war, was bald Rationalisierungsmaßnahmen zum Opfer fiel. Heute ist es allerdings noch als Zubehör erhältlich.

Visier eines frühen SMLE, das noch mit der Weitschußvisierung ausgestattet ist, zu der dieser hochschwenkbare Kornträgerarm links am Vorderschaft gehört.

Visier eines frühen SMLE, das noch mit der Weitschußvisierung ausgestattet ist, zu der dieser hochschwenkbare Kornträgerarm links am Vorderschaft gehört.

Charakteristisch für das SMLE (wie auch für alle Lee-Enfields) war der weich gleitende Schloßgang, der an Bedienungsgeschwindigkeit alle anderen Repetierer seiner Zeit übertraf. Die Verriegelung des Lee-Enfield-Verschlusses erfolgt mittels zweier kräftiger Warzen im vorderen Bereich der Hülsenbrücke. Die rechte Verriegelungswarze, die bis zum vorn aufgeschraubten Verschlußkopf mit dem Auszieher reicht, übernimmt gleichzeitig die Führung des Verschlusses in der Systemhülse. Zum Herausnehmen des Verschlußzylinders muß nach dem Öffnen der rechts in einer Schiene geführte Verschlußkopf nach oben gedreht werden. Danach kann der Verschluß nach hinten herausgezogen werden. Enfield-Verschlüsse lassen sich übrigens auch innerhalb einer Modellreihe nicht beliebig austauschen, denn jeder davon ist genau auf die jeweilige Waffe abgestimmt. Laut britischer Dienstvorschrift durfte der Verschlußabstand nur zwischen 0,16 und 0,2 mm variieren. Damit alles paßte, gab es in den Waffenkammern und Büchsenmachereien Verschlußköpfe in drei verschiedenen Größen.

Zwar kommt vielen deutschen Schützen das Lee-Enfield-Schloß zuerst recht wackelig und wenig robust vor. Wer an die saugende Führung und starken Verriegelungswarzen des Mauser M 1898 gewöhnt ist, blickt skeptisch auf die schlanke Schloßhülse und das leicht aufspringende Schloß, das wie die 1896er-Mauser erst beim Schließen gespannt wird. Aber der erste Eindruck täuscht: Enfields sind kaum kaputtzukriegen, was die zahlreichen WK1-Gewehre beweisen, die überall auf der Welt noch aktiv Dienst tun. Da die Waffen des britischen Empire in den verschiedensten Klimazonen und Umweltbedingungen auf der Welt eingesetzt werden sollten, hatte man die neue Konstruktion einer Reihe von zum Teil sehr rauhen Tests unterzogen, in denen sie sich tadellos bewährt hatte. Besonderen Wert legte man auf Unempfindlichkeit gegen Verschmutzung. So wurde bei Erprobungen unter anderem der Verschluß völlig mit Sand bedeckt, die Waffe funktionierte aber trotzdem. Diese Voraussicht sollte sich später auszahlen. Eine Konsequenz dieser Ausrichtung auf Funktionstauglichkeit auch unter härtesten Wüstenbedingungen war allerdings, daß man das Patronenlager, d. h. die der Patronenkontur angepaßte Ausformung am hinteren Laufende, beim SMLE recht weit gestaltete, wodurch sich die Hülsen beim Schuß viel stärker dehnen können als im deutlich engeren Patronenlager des Nachfolgers Lee-Enfield No. 4. Dies verringert die Präzision ein wenig und verkürzt die Lebensdauer der Hülsen beim Wiederladen auf wenige Ladezyklen.

So ausgerüstet konnten die englischen Berufssoldaten 15 bis 18 gezielte Schüsse pro Minute abfeuern. Vor dem Ersten Weltkrieg hatte ein britischer Waffenausbilder bei einer Vorführung mit einem SMLE-Gewehr in einer Minute 38 Schuß abgefeuert und auf einer 300 Yards (ca. 270 m) entfernten Scheibe 38 Treffer erzielt! Und diese Feuergeschwindigkeit, in den Kolonialkriegen erprobt, bewährte sich auch im Weltkrieg: Im August 1914 brachte das britische Expeditionskorps, kaum 55.000 Mann stark, mit seinem disziplinierten Schnellfeuer den Angriff der dreimal so starken deutschen 1. Armee zwischen Mons und Cambrai ins Stocken. Angesichts des Kugelhagels aus den dünn besetzten britischen Linien glaubten die deutschen Offiziere, ihnen lägen nicht Gewehrschützen, sondern Maschinengewehrkompanien gegenüber (ein Irrtum, der wegen der damals noch weit niedrigeren Feuergeschwindigkeit vieler Maschinengewehrtypen verständlich ist). Auch später bewährte sich die Lee-Enfield im bodenlosen Schlamm der flandrischen Schlachtfelder und erwies sich als wesentlich unempfindlicher gegen Schmutz und damit weniger störanfällig als die französischen und deutschen Gewehre.

Hier ein Auszug aus dem Artikel „Das Arbeitspferd des britischen Empire“ von John Enright, der im „WAFFEN DIGEST 2003“ erschienen ist (Auslassungen nicht gekennzeichnet, Bilder von mir eingefügt):

A sergeant from the Essex Regiment opens fire

A sergeant from the Essex Regiment opens fire

Am 23. Dezember 1902 führten die britischen Streitkräfte das SMLE (Short, Magazine, Lee-Enfield) ein. Die Waffe war die Antwort auf eine Reihe von Beschwerden über Mängel des Vorgängermodells, sie war in wesentlichen Bereichen geändert worden. Der Lauf war nur noch 640 mm lang, und die Visierung war verbessert. Die Weitschußvisierung war weiterhin vorhanden, und Verschluß und Verschlußhülse waren so abgeändert, daß die Waffe mit Ladestreifen geladen werden konnte.

Mittlerweile war der bei der britischen Armee sehr bekannte Lord Roberts zum Oberkommandierenden der britischen Armee ernannt worden, und während seines Kommandos wurden eine Reihe von neuen Taktiken und Methoden eingeführt. Roberts stellte sicher, daß die Soldaten des relativ kleinen stehenden britischen Heeres eine hervorragende Ausbildung erhielten. Er ließ genaue Untersuchungen über die für das Schnellfeuerschießen erforderlichen Techniken anstellen, und hierbei stellte sich heraus, daß das SMLE dafür hervorragend geeignet war. Das SMLE hatte in allen unterschiedlichen Ausführungen einen Verschluß, der viel weicher ging als der aller anderen vergleichbaren Waffen mit Zylinderverschluß, ausgenommen vielleicht nur das Krag. Aufgrund der hinten angebrachten Verschlußwarzen war auch der Verschlußgang relativ kurz. Zusammen mit der neuen Technik des Ladens der Waffe mit Ladestreifen ließ sich so eine Feuergeschwindigkeit erzielen, die von anderen Repetierern nicht erreicht werden konnte.

Die dann schließlich eingeführte Schießmethode war einfach, aber damals geradezu revolutionär. Das geladene Gewehr wurde an der Schulter gehalten, nach dem Schuß blieb das Gewehr in dieser Stellung und wurde von der linken Hand gehalten. Die rechte Hand wurde vom Kolbenhals genommen und drückte den Kammerstengel aus seiner geschlossenen (unteren) Stellung nach oben. Der Kammerstengel befand sich für das Schnellschießen genau an der richtigen Stelle. Der Verschluß wurde jetzt aufgezogen und dabei die Hülse ausgeworfen. Jetzt mußte die am Kammerstengel anliegende Hand leicht gedreht werden, der Verschluß wurde wieder nach vorn gedrückt, dabei wurde eine neue Patrone zugeführt und die Waffe gleichzeitig gespannt. Nach dem Herunterdrücken des Kammerstengels befand sich die Schießhand schon wieder in der richtigen Stellung, um den Kolbenhals zu halten und den Abzug durchzuziehen. Man stellte fest, daß auf diese Weise bis zu 35 gezielte Schüsse in der Minute abgegeben werden konnten, sofern das Gewehr auch beim Nachladen in dieser Stellung gehalten wurde.

Roberts befahl, daß bei der Schießausbildung das Schießen in allen Stellungen geübt werden sollte. Dazu gehörten die freihändige, knieende, hockende und die traditionelle liegende Stellung. Er förderte Schießwettkämpfe zwischen den Einheiten mit anschließenden Preisverleihungen. Nachdem er mit den Ergebnissen der Schießausbildung zufrieden war, erhielt die Truppe den Befehl, auch besondere Schießarten wie den Deutschuß, das Schießen bei Nacht und das Schießen bei starken Windeinflüssen zu üben. Nachdem Lord Roberts im Jahre 1904 in den Ruhestand ging, blieben seine Befehle in Bezug auf diese Ausbildung mit den hochgesteckten Ausbildungszielen weiterhin in Kraft.

Streifen-Hörnchen: Die Ladestreifenbrücke des No. 1 Mark III war noch nachträglich aufgeschraubt.

Streifen-Hörnchen: Die Ladestreifenbrücke des No. 1 Mark III war noch nachträglich aufgeschraubt.

Im Jahre 1908 wurden am Gewehr einige Änderungen vorgenommen. Die bis dahin beweglich am Verschlußkopf angebrachte Ladestreifenführung wurde abgeschafft und durch eine feste Ladebrücke oben auf der Verschlußhülse ersetzt. Das so entstandene Gewehr erhielt die Bezeichnung Mark III. Mit dieser Waffe zogen Großbritannien und die meisten anderen Staaten des Empire in den 1. Weltkrieg. Es ist ausreichend bekannt, daß die Alliierten in dieser ersten Phase des Krieges Probleme hatten, und an mehreren Frontabschnitten kam es zu Rückzugsbewegungen. Während des Rückzugs aus Mons und Arras wurde die British Expeditionary Force nahezu ununterbrochen angegriffen. Bei der Abwehr der Angriffe wendete man die Grundsätze der Waffen- und Schießausbildung an, die man so gründlich gelernt hatte, und so konnte man den deutschen Vormarsch schließlich aufhalten. Die Feuergeschwindigkeit des britischen Gewehrfeuers war so hoch, daß die Deutschen, die keine derartige Ausbildung erhalten hatten, nicht glaubten, daß hier mit Gewehren geschossen wurde. Mit dem Mauser-Gewehr ließ sich nicht so schnell schießen, und so vermutete man von deutscher Seite, daß die Briten hier massiv Maschinengewehre einsetzten.

Unter Einsatzbedingungen, und das galt ganz besonders für den Schützengrabenkrieg, zeigte sich bald noch ein anderer Vorteil des SMLE. Da der Verschluß keine vorderen Verschlußwarzen besaß und da deswegen vorn in der Verschlußhülse auch keine entsprechenden Ausschnitte vorhanden sein mußten, war das SMLE nicht sehr anfällig gegen Verschmutzung und ließ sich leichter reinigen. Es ist nicht übertrieben, wenn gesagt wird, daß das einfache, narrensichere SMLE sehr viel mehr mißbräuchliche Verwendung ertrug als andere zeitgenössische Militärgewehre und daß auch Probleme und Defekte nur selten auftraten. Das Mauser-Gewehr war nach britischer Ansicht im Jahre 1914 dem SMLE leicht unterlegen. Vorteile des SMLE im Vergleich zum deutschen Mauser-Gewehr 1898 waren ein leichter gehender Verschluß, eine größere Magazinkapazität und ein kürzerer Lauf.

Im Verlauf des Krieges ging das kleine britische Expeditionskorps beinahe vollkommen unter. Es wurde durch Freiwillige ersetzt, die natürlich aufgrund der wenigen zur Verfügung stehenden Zeit keine intensive Schießausbildung erhalten konnten. Aber selbst jetzt noch war der Ausbildungsstand der britischen Soldaten in Bezug auf die Schießausbildung bemerkenswert hoch. Auch das Schnellfeuerschießen wurde weiter geübt, allerdings lag die Feuergeschwindigkeit nicht mehr ganz so hoch.

In Gallipoli und im Nahen Osten, wo die Australier und die Neuseeländer im Rahmen des ANZAC (Australian and New Zealand Army Corps) kämpften, sah die Sache anders aus. Hier mußten die Soldaten des Empire erfahren, daß genaues und schnelles Schießen große Vorteile hatte. Bei den Türken spielte nämlich eine gründliche Schießausbildung eine genauso wichtige Rolle wie bei den Briten und bei den Australiern. Im Jahre 1914 hatte die türkische Armee die weltweit größte Anzahl von Scharfschützen in ihren Reihen. Selbst die meisten einfachen Soldaten hatten eine sehr gute Schießausbildung erhalten, und so kam es im Verlauf dieses Feldzuges zu sehr vielen Duellen von alliierten und türkischen Gewehrschützen über große Entfernungen.

Die Australier waren bei solchen Duellen aber meist gleichwertige Gegner. In diesem Feldzug waren die Positionen nicht so auf Stellungen in Schützengräben fixiert wie in Frankreich, und Maschinengewehre waren nicht sehr zahlreich vorhanden, so daß die Gewehrschützen das Schlachtfeld beherrschten. Auch hier zeigte es sich wieder, daß es von großem Nutzen war, wenn eine hohe Feuergeschwindigkeit erzielt werden konnte. Nachdem die Türken in Wellen angriffen, entwickelten die Australier eine Taktik, die vielen türkischen Soldaten das Leben kostete. Die Australier entwickelten die Schnellfeuertechnik nämlich noch einmal weiter und kamen so auf 50 bis 55 halbwegs gezielte Schuß pro Minute. Diese Taktik bestand darin, ganz normal zu schießen, bis der Feind noch ungefähr 150 bis 100 Meter von den eigenen Stellungen entfernt war. Dann wurde eine Schnellfeuertechnik angewandt, bei welcher der Verschluß mit Daumen und Zeigefinger betätigt wurde, diese beiden Finger blieben am Verschluß, bis das Gewehr leergeschossen war. Der Abzug wurde jeweils mit dem kleinen Finger betätigt. Sobald der Kammerstengel in der untersten Stellung war, wurde der Abzug durchgezogen und dann sofort wieder nachgeladen. Die auftauchenden Ziele wurden mit nur kurz gezielten Schüssen, sogenannten „Schnappschüssen“ bekämpft. Der Rückstoß der Waffe wurde zum Nachladevorgang mit genutzt, und noch während des Nachladens wurde die Waffe schon wieder auf ein neues Ziel gerichtet, das dann ebenfalls ohne genaues Zielen im Schnappschuß bekämpft wurde. Das Ziel wurde nur bis zur Abgabe des Schusses beobachtet. Ob ein Treffer erzielt wurde oder nicht, wurde nicht überprüft. Man schoß dann einfach nochmals oder überließ dieses Ziel einem seiner Kameraden. Diese australische Taktik wurde in zeitgenössischen Kriegsberichten genau beschrieben und als wirksam bezeichnet.

Das SMLE zeigte in diesem „Krieg zur Beendigung aller Kriege“ so gute Leistungen, daß es unter anderem auch deswegen von den Briten weiter geführt wurde. Auch nachdem sich das Mutterland selbst zur Einführung des (weitgehend baugleichen, aber einfacher zu fertigenden) Gewehres Nummer 4 (Rifle No. 4 Mark I) entschlossen hatte, weigerten sich einige Mitglieder des Commonwealth, diesen Wechsel ebenfalls zu vollziehen und fertigten das SMLE weiter. Als Großbritannien 1939 wieder in den Krieg zog, war auch hier der Wechsel auf das neue Waffenmuster nicht abgeschlossen, so daß die britischen Soldaten zuerst noch mit dem SMLE in den Krieg zogen und erst im späteren Verlauf des Krieges auf das Nummer 4 umgerüstet wurden.

Das Lee-Enfield gehörte in beiden Ausführungen während des gesamten 2. Weltkrieges zur Bewaffnung britischer Soldaten, und es wurde später sogar noch in Korea geführt, denn selbst in den Koreakrieg zogen die australischen Soldaten noch mit ihren SMLE. Die Waffe selbst blieb in Australien bis 1957 in der Fertigung.

* * *

Dieses von John Enright beschriebene Schnellschießverfahren der ANZAC-Soldaten habe ich selber schon auf dem Schießstand ausprobiert, allerdings mit meiner Enfield No. 4 Mark 2. Außerdem habe ich dabei immer mit dem Mittelfinger abgedrückt, weil ich damit nach dem Schließen am besten zum Abzug hingelange. Natürlich habe ich das nicht so intensiv geübt wie die Aussies bei Gallipoli, aber es ging trotzdem so schnell, daß ein Schützenkamerad dazu meinte: „Da brauchst’ gar kan’ Gradzugrepetierer mehr.“ Zum Üben dieses Verfahrens wie überhaupt für Trockenübungen kann man die hervorragenden Pufferpatronen der Marke A-Zoom Ammo verwenden, die aus Metall bestehen und in Zweierpackungen erhältlich sind (Preise pro 2er-Packung z. B. bei Frankonia, Stand 2011/2012: für sämtliche Büchsenkaliber außer .22 Win. Mag. [€ 12,90] und .22 lfb [€ 8,90] sowie für 12er, 16er und 20er-Flinten € 13,90).

Allerdings ist bei der Anwendung dieses Schnellschießverfahrens darauf zu achten, daß man den Kammerstengel vor Abzugsbetätigung auch wirklich ganz heruntergedrückt hat, denn die Abzüge von Lee-Enfield-Gewehren lassen sich auch betätigen, wenn der Kammergriff gerade soweit heruntergedrückt ist, daß der Verschluß nicht wieder aufspringt, und ich möchte lieber nicht ausprobieren, ab welchem Teil-Schließwinkel der Verschluß im Schuß wieder aufspringt und einem ins Gesicht stößt!

06 A-Zoom rifle snap caps 303 British

Unverwechselbar ist das SMLE durch seine Ganzschäftung mit dem oben durchgehenden Handschutz und der neuen Mündungskappe, an der das Bajonett aufgepflanzt wird. Bei dieser wird der Parierstangenring des Bajonetts nicht auf den Lauf gesteckt, sondern auf den zylindrischen Stahlstummel, der unterhalb der bündig abschließenden Mündung an der Mündungskappe sitzt. Diese neue Art der Bajonettaufpflanzung sollte verhindern, daß die Schußpräzision der Waffe vom aufgepflanzten Bajonett negativ beeinträchtigt wird. Diese Bajonetthalterung erwies sich später jedoch als zu schwach für die Hebelwirkung des überlangen Bajonetts.

SMLE No. 1 Mk II mit Bajonett Pattern 1907.

SMLE No. 1 Mk II mit Bajonett Pattern 1907.

In der zweiten Kriegshälfte hergestellte SMLE-Gewehre haben innen deutlich gröber bearbeitetes Schaftholz, auch die Oberflächenbehandlung des Holzes entspricht nicht der Friedensqualität. Es wurde nun auch nicht mehr ausschließlich Nußbaumholz für die Schäftung verwendet, sondern man wich notgedrungen auch auf andere einheimische Hölzer wie Buche oder Birke aus, die dann durch Beizen farblich dem Nußbaumholz angepaßt wurden. Schaftholz stellte während der Massenproduktionsphase des SMLE ein großes Problem dar, denn solche Hölzer müssen gut abgelagert sein, was aber viel Zeit kostet. Großbritannien hatte eigentlich nie genug Holz für seine Waffenproduktion und mußte immer im Ausland Holz zukaufen.

Das Bestreben, Holz einzusparen, war auch der Grund für die zweiteilige Schäftung der Lee-Gewehre: Die ursprünglichen Lee-Prototypen hatten alle eine stabile einteilige Schäftung. Da aber noch immense Bestände an Kolben für das Martini-Gewehr vorhanden waren und gut abgelagertes Holz teuer war, änderte die Royal Small Arms Factory (RSAF) die Konstruktion so ab, daß das Gewehr einen Schaftsockel erhielt, in den der Kolben eingeschraubt wurde. Die Schäftung war somit geteilt und man konnte dadurch die vorhandenen Kolben für das neue Gewehr aufbrauchen. Dieses Konstruktionsmerkmal, das immer Anlaß zu Kritik gab, wurde trotzdem bis zuletzt beibehalten. Beim frühen Lee-Enfield-Gewehr war zum Beispiel die Neigung des Kolbens, sich langsam loszuarbeiten, unangenehm aufgefallen. Im schlimmsten Fall konnte der Kolben von der Waffe abfallen. Das geschah, weil das Schaftholz oben am Kolbenhals unter extremen Klimabedingungen schrumpfte und sich dann losarbeiten konnte. Der einzelne Soldat konnte sich in diesem Fall nicht selber helfen, denn zum Festziehen des Haltebolzens im Kolben benötigte man einen sehr langen Spezialschraubenzieher, den nur der Waffenwart bei der Kompanie besaß. Dieser Fehler konnte später durch eine Spezialimprägnierung des Holzes am Kolbenhals wenigstens teilweise abgestellt werden. Die Kolbenbefestigung blieb aber bis zuletzt ein Schwachpunkt der Enfield-Waffen.

Einen Vorteil hatte diese Schaftkonstruktion jedoch: Man konnte die Kolbenlänge durch Austausch des Kolbens der Statur des jeweiligen Soldaten anpassen, wofür es Austauschkolben in drei verschiedenen Längen gab. Falls das Gewehr, das man ergattert, einem von der Schaftlänge her nicht paßt, kann man sich informieren, wo man solche Tauschkolben noch bekommt. Das Zeughaus Hege hatte mal alle möglichen Enfield-Teile im Programm; ob das heute noch so ist, weiß ich jedoch nicht. Und der Austausch ist auch nicht einfach, da hierfür erstens ein überlanger Schraubenzieher mit spezieller Klingenform erforderlich ist und zweitens Schrauben, die mehrere Jahrzehnte im Kolbeninneren schlummerten, oft nicht ohne physische Gewaltakte zu lösen sind. Bei der Montage des neuen Kolbens muß man diesen dann spielfrei festbekommen.

Enfield stellte nach dem Ende des Ersten Weltkrieges die Produktion des SMLE ein. Es wurde lediglich noch am Anfang der 20er-Jahre noch der Typ SMLE Mk V in einer Anzahl von 20.000 Stück in der RSAF hergestellt, wonach nur noch Ersatzteile und Schäfte in Enfield gefertigt wurden. Auch British Small Arms (BSA) legte 1919 seine Fertigungsanlagen für diese Waffe still, baute sie aber klugerweise nicht ab. So konnte BSA 1936, als sich der nächste Krieg abzuzeichnen begann, fast verzögerungslos die Fertigung des SMLE, das jetzt nach der Umnumerierungsaktion von 1926 Gewehr No. 1 hieß, wieder aufnehmen. Gewehre aus dieser späten Fertigung tragen normalerweise ein „L“ vor der Waffennummer (ich weiß nicht, ob das für „Late“ stehen soll, aber diese Deutung ist jedenfalls eine gute Merkhilfe). Ab 1935 wurden im Rahmen eines großangelegten Beschaffungsprogramms außerdem viele „neue“ Gewehre aus eingelagerten neuen und gebrauchten Ersatzteilen und ausgeschlachteten ausgemusterten Waffen hergestellt, und zusätzlich wurden zwischen September 1939 und Mai 1940 noch über eine halbe Million No.1-Gewehre werksmäßig überholt. Die sich lange hinziehende Erprobung des Nachfolgers No. 4 Mk 1 und das seit den 1930er-Jahren beginnende Liebäugeln der Militärs mit Selbstladegewehren hatte nämlich zu einer äußerst schleppenden Beschäftigung mit den Repetierern geführt, sodaß man dann dazu gezwungen war, das SMLE wieder zu reaktivieren und den ganzen zweiten Weltkrieg hindurch nehmen der Nachfolgewaffe zu verwenden.

Das SMLE wurde außer in den britischen Werken auch in Kanada (Long Branch), Indien (Ishapore) und Australien (Lithgow) gefertigt. Auskunft über die Herkunft des jeweiligen Gewehrs findet man auf der linken Seite des Schaftsockels. Dort befindet sich unter einer Krone das Monogramm des jeweiligen Herrschers („Royal Cypher“), z. B. „G.R.“ für König Georg. Darunter steht die Produktionsstätte und das Herstellungsjahr, und zum Schluß folgt noch die abgekürzte Modellbezeichnung.

Der letzte britischerseits ausschließlich mit dem SMLE geführte Feldzug war der Krieg in Nordafrika. Das Gewehr wurde im Frühjahr 1947 für veraltet erklärt und ausgemustert, allerdings ab 1954 dann wieder als Reserve eingelagert. Erstaunlich ist, daß das SMLE seinen eigenen Nachfolger, das Gewehr No. 4, im Dienst überlebt hat und noch heute im Einsatz steht – die indische Polizei führt diese Waffe nämlich immer noch!

Technische Daten des No. 1 Mk III*:
Gesamtlänge: 1130 mm
Gewicht (ungeladen): 3,9 kg
Lauflänge: 64 cm
Kaliber: .303 British (metrische Bezeichnung: 7,7 x 56 R)
Magazinkapazität: 10 Patronen

Das SMLE-Bajonett Pattern 1907

Bajonett Pattern 1907 ohne Parierstangenhaken und mit Scheide, zu der für das Tragen am Gürtel auch noch ein Koppelschuh aus Gewebe gehört (siehe vorheriges Bild).

Bajonett Pattern 1907 ohne Parierstangenhaken und mit Scheide, zu der für das Tragen am Gürtel auch noch ein Koppelschuh aus Gewebe gehört (siehe vorheriges Bild).

Maßgebliche Kreise in der Führung der britischen Streitkräfte, denen schon die Einführung des SMLE nicht behagt hatte, waren bestrebt, die Reichweite des Infanteristen beim Bajonettkampf, auf den damals noch großer Wert gelegt wurde, zu erhöhen bzw. wieder auf den alten Wert des langen SMLE zurückzubringen. So entstand dann, inspiriert auch durch das lange japanische Arisaka-Bajonett, das „Sword-bayonet, Pattern 1907, Mark I“.

In seiner ursprünglichen Form hatte das P 1907 eine hakenförmig abgebogene Parierstange, die wie das ganze Seitengewehr stark vom Arisaka-Bajonett inspiriert war. Mit dem Haken an der Parierstange sollte der Soldat beim Bajonettkampf gegen einen ebenfalls mit dem Bajonett angreifenden Gegner dessen Klinge erfassen und ihm durch eine ruckartige Bewegung das Gewehr aus den Händen reißen oder die Bajonettklinge abbrechen. Das funktionierte aber nicht, deshalb entfiel der Parierstangenhaken ab 1913 in der laufenden Produktion. An den bis dahin produzierten P 1907 wurde der Haken meist entfernt, weshalb dieses Bajonett in seiner Ursprungsausführung heute selten und teuer ist.

Das P 1907 wurde ursprünglich auch mit blankpolierter Klinge ausgeliefert, auch Parierstange und Knauf waren blank. Im Ersten Weltkrieg zeigte sich jedoch besonders im Grabenkrieg sehr bald, daß die blanken Klingen vor allem nachts verräterische Lichtreflektionen verursachen konnten, weshalb sie geschwärzt wurden. Da das britische Militär (zumindest die Führung; die Soldaten haben darüber sicherlich anders gedacht) keine schönere Beschäftigung als das Polieren von Metallteilen aller Art kannte, wurde die Schwärzung schon im Juni 1919 wieder rückgängig gemacht. Neue Bajonette wurden wieder blank ausgeliefert, bereits vorhandene mußten mühsam wieder blankgeputzt werden. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs mußte dann alles wieder geschwärzt werden. Deshalb sind Bajonette dieses Typs heute in beiden Ausführungen zu finden (siehe die beiden obigen Bilder). Sehr groß ist auch die Vielfalt der Scheiden für das P 1907.

Beim „Tommy“ war das P 1907 nicht sonderlich beliebt. Es war schwer, durch seine Länge unhandlich und deswegen umständlich aufzupflanzen und abzunehmen. Es behinderte besonders die kleinwüchsigen Soldaten beim Laufen, wenn es am Koppel getragen wurde. Aufgepflanzt verschlechterte es die Treffgenauigkeit des Gewehres, außerdem konnte man die Waffe dann nur recht umständlich in den Anschlag bringen, was schnelle Deut- oder Schnappschüsse verhinderte.
Das P 1907 ist ohne Scheide 555 mm lang und 495 g schwer (mit Scheide: 577 mm, 730 g). Die Klinge ist 433 mm lang und 24 mm breit.

VETTERN AUS AMERIKA: P 14 UND P 17

Enfield P 14 aus Winchester-Fertigung

Enfield P 14 aus Winchester-Fertigung

Das Pattern 1913

Bereits zur Jahrhundertwende war den Briten klar, daß die Randpatrone .303 British in absehbarer Zeit durch eine moderne randlose Patrone ersetzt werden mußte. Die .303 wurde nämlich aufgrund des Randes als für Repetierwaffen nur bedingt und für Selbstlader überhaupt nicht geeignet betrachtet. Außerdem galt sie bereits damals im Vergleich zur deutschen und amerikanischen Munition als zu schwach und daher unterlegen. Deswegen wurden Entwicklungsarbeiten für eine kleinkalibrige randlose Hochgeschwindigkeitspatrone betrieben. Daß Deutschland, die USA und Japan zwischenzeitlich allesamt hochmoderne Mausersysteme (Gewehr 98, Springfield 1903 und Arisaka) und zugleich randlose Munition eingeführt hatten, führte in Großbritannien zusätzlich zu einer gewissen Beunruhigung und förderte die Bereitschaft, über einen Nachfolger des Lee-Gewehrs nachzudenken. Aus diesen Gründen, aber auch durch den sich verstärkenden Widerstand aus Kreisen der privaten Waffenhersteller und der Presse beauftragte das Kriegsministerium schließlich im August 1910 das „Small Arms Committee“ mit der Entwicklung eines Nachfolgemusters für das SMLE zu beauftragen.

Zuvor waren in einer Untersuchung die Vor- und Nachteile des SMLE im Vergleich des Mausersystems untersucht worden, und diese Untersuchung erbrachte mehr Nachteile. Durch eine Neukonstruktion sollten die diversen erkannten Mängel der Lee-Konstruktion nun endgültig beseitigt werden. Da der Lee-Verschluß hinten in der Systemhülse verriegelt, ist er für starke Ladungen nicht so gut geeignet wie die Mauser-Konstruktion, bei der bekanntlich vorn in der Systemhülse verriegelt wird. Auch der geteilte Schaft des Lee-Enfield-Gewehres, der immer Anlaß zur Kritik gegeben hatte, sollte nun durch einen einteiligen und dadurch stabileren Schaft ersetzt werden. Ebenfalls geändert werden sollte die Bajonetthalterung des SMLE, die sich nicht bewährt hatte, weil sie zu schwach war und im ungünstigsten Fall samt Bajonett abbrechen konnte. Das Bajonett sollte nun wieder auf herkömmliche Art direkt am Lauf befestigt werden.

Außerdem hatten die Lee-Enfield-Gewehre keine Leerladesperre, sodaß sich der Verschluß bei leergeschossenem Magazin leer wieder schließen ließ, ohne daß der Schütze gewarnt wurde, was im Gefecht fatale Folgen haben konnte. Auch sollte das Nachfolgemuster eine völlig neu konstruierte Dioptervisierung erhalten.

Schließlich hatte man noch festgestellt, daß der für die Herstellung der britischen Gewehre verwendete Stahl rostanfälliger war als der deutsche Waffenstahl. Für das neue Gewehr sollte daher ein rostträger Stahl verwendet werden. Die mit der Planung des neuen Waffensystems betraute Kommission erarbeitete eine völlig neue Waffe samt dazugehöriger Patrone .276 (7 mm). Dieses Gewehr war stark an das Mausersystem angelehnt und versprach nach anfänglichen Schwierigkeiten recht erfolgreich zu werden. Es hatte wesentlich weniger Einzelteile als das SMLE und war einfacher zu produzieren. Besonders die Patrone erwies sich als sehr leistungsfähig, denn sie hatte gegenüber der .303 eine höhere Mündungsenergie und eine gestrecktere Geschoßflugbahn.

Schließlich entstand ein Mehrlader mit der Bezeichnung Pattern 1913. Das P 13 in seiner endgültigen Ausführung hatte einen Verschluß nach Mauserbauart mit integriertem 5-Schuß-Magazin und Magazin-Leerladesperre. Erstmalig an einem britischen Militärgewehr konnte der Verschluß ohne Werkzeug zum Reinigen zerlegt werden. Das integrierte Magazin hatte zwar weniger Kapazität als das Lee-Enfield-Magazin, dafür war es aber besser gegen Beschädigungen geschützt. Das Lee-Kastenmagazin war durch seine Empfindlichkeit gegen Beschädigung immer ein Schwachpunkt der Lee-Enfield-Gewehre, aber kein besonders schwerwiegender.

Enfield P 14 (ohne Weitschußvisierung), die erste Serienversion des P 13, mit hochgeklapptem Visier; der untere „battle sight“-Diopter scheint hier zu fehlen. Zum Verstellen ist der Drücker rechts am Visierschieber zu betätigen. Auffallend der Schloßhalter nach Mauser-Art links hinten am Systemgehäuse.

Enfield P 14 (ohne Weitschußvisierung), die erste Serienversion des P 13, mit hochgeklapptem Visier; der untere „battle sight“-Diopter scheint hier zu fehlen. Zum Verstellen ist der Drücker rechts am Visierschieber zu betätigen. Auffallend der Schloßhalter nach Mauser-Art links hinten am Systemgehäuse.

Die Visierung war nun ein Dioptervisier (d. h. mit Lochkimme) hinten auf der Schloßhülse über dem Kammerstengel, die durch seitlich hochgezogene Backen geschützt war. Auch das Korn war durch einen sehr soliden Kornschutz geschützt. Diese Visierung war nach Meinung der am Truppenversuch beteiligten Soldaten derjenigen des SMLE weit überlegen. Erstmalig war bei diesem Visier ein Diopter mit recht großer Öffnung (battle sight) für das Flüchtigschießen vorhanden, der bei angeklapptem Visier benutzt werden konnte. Diese Visierung bewährte sich so gut, daß sie danach auch für die Folgetypen No. 4 und No. 5 sowie verschiedene andere Typen verwendet wurde. Zusätzlich wurde die Weitschußvisierung der frühen Lee-Enfields beibehalten.

Enfield P 14; hier ist das Weitschußvisier noch vorhanden, das aus dem Diopterarm ganz hinten links am System und dem schwenkbaren Kornträgerarm links am Vorderschaft besteht. An der Basis des Hauptvisiers ist hier der große Diopterring des „battle sight“ zu erkennen.

Enfield P 14; hier ist das Weitschußvisier noch vorhanden, das aus dem Diopterarm ganz hinten links am System und dem schwenkbaren Kornträgerarm links am Vorderschaft besteht. An der Basis des Hauptvisiers ist hier der große Diopterring des „battle sight“ zu erkennen.

Das P 13 hatte einen im Vergleich zum SMLE recht robusten einteiligen Schaft. Das Bajonett wurde wieder direkt auf den Lauf aufgepflanzt und über einen Bajonetthalter am Oberring fixiert; diese Aufpflanzvorrichtung entsprach ebenfalls dem Mausersystem. Das Bajonett für das neue Gewehr war ein abgeändertes P 1907.

Im Frühjahr 1913 wurden 1251 Prototypen des mittlerweile als „Rifle, Magazine, Enfield .276 Pattern 1913“ oder kurz als P 13 bezeichneten Gewehres in Enfield gefertigt. Die Gewehre dieser Nullserie tragen außer der Seriennummer und dem Beschußstempel keinerlei Stempelzeichen oder Beschriftung. Sie wurden sehr umfangreichen Truppenerprobungen sowohl in Großbritannien wie auch in Übersee unterzogen, so z. B. in Südafrika und wegen des heißen Klimas und des Sandes und Staubs auch in Ägypten. Diese Erprobungen waren erfolgreich, und das P 13 wäre ohne Zweifel der Nachfolger des SMLE geworden. Da aber der Erste Weltkrieg unmittelbar bevorstand, konnte sich Großbritannien eine Umrüstung seiner Streitkräfte mit der neuen Waffe nicht leisten, und darum wurde das Projekt vorerst gestrichen. Heute ist das P 13 extrem selten und eigentlich nur noch in einigen Museen in Großbritannien und natürlich in der Sammlung des Pattern Room zu finden.

Das P 14

Litauische Soldaten üben 1931 mit ihren Pattern 1914.

Litauische Soldaten üben 1931 mit ihren Pattern 1914.

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges verhinderte die Einführung des neuen Waffensystems. Da Großbritannien aber unter akutem Gewehrmangel litt, suchte man nach Auswegen. Das P 13 ließ sich recht einfach für die alte Randpatrone .303 abändern; im neuen Kaliber erhielt es die Bezeichnung „Rifle, Magazine, .303, Pattern 1914, Mark I“, kurz P 14. Allerdings fand sich in Großbritannien kein Produzent dafür, nachdem die ursprünglich dafür vorgesehene Firma Vickers ausgefallen war.

Das Kriegsministerium entschloß sich, im Rahmen einer Ausschreibung in den USA und in Kanada Hersteller für das SMLE zu suchen. Die amerikanischen Firmen lehnten aber durchwegs ab, denn das SMLE galt schon damals aufgrund der Vielzahl von Bauteilen als zu kompliziert und deswegen als ungeeignet für eine rationelle Massenproduktion. Schließlich fand man in den USA aber zwei Firmen, die bereit und in der Lage waren, statt des SMLE das P 14 in den geforderten Stückzahlen zu bauen. Darüber wurden im November 1914 Lieferverträge mit Winchester und Remington abgeschlossen. So begannen beide Firmen ab 1915 mit der Herstellung des P 14 und des dazugehörigen Bajonetts. Im Verlauf der Produktion kam es bei beiden Herstellern immer wieder zu Querelen mit den britischen Inspektoren; die Anzahl der als mangelhaft zurückgewiesenen Waffen muß zeitweilig recht beträchtlich gewesen sein. 1916 stornierte dann die britische Regierung die restlichen Aufträge in den USA, weil man einerseits die dauernden Streitereien wegen der Qualitätsmängel leid war und mittlerweile auch genügend SMLE aus heimischer Produktion zur Verfügung hatte.

Die bei Winchester hergestellten Gewehre tragen alle ein „W“ vor der Waffennummer, sie gelten als die am besten verarbeiteten Waffen aus der nordamerikanischen Produktion. Remington fertigte das P 14 in seinen beiden Werken in Eddystone und Ilion. Eigenartigerweise sind zwischen den einzelnen Remington- und Winchester-Fertigungen keine Teile austauschbar. Die Produktion des P 14 wurde bei Winchester im Dezember 1916 und bei Remington im März 1917 eingestellt. Insgesamt wurden ca. 1.235.000 Gewehre in den USA hergestellt; die ursprünglichen Verträge sahen die Lieferung von weit über 2 Millionen Stück vor.

Das P 14, auch „US-Enfield“ genannt, hat trotz der hohen Produktionszahlen in den britischen Streitkräften immer nur eine untergeordnete Rolle gespielt, es wurde praktisch nie an der Front direkt benutzt. Die Briten zogen das SMLE vor, einmal, weil sie daran ausgebildet und gewöhnt waren, besonders aber wegen des sehr leichtgängigen Verschlusses und der dadurch möglichen sehr hohen Feuergeschwindigkeit sowie der Schmutzunempfindlichkeit. Lediglich als präzise Scharfschützenwaffe war das P 14 einigermaßen beliebt. Nach dem 1. Weltkrieg wurde das ungeliebte P 14 sofort außer Dienst gestellt und eingelagert. Eine relativ geringe Anzahl wurde in den 1930er-Jahren zum Spottpreis von 3,- Pfund pro Stück an Schützenvereine verkauft, wo sie sich wegen ihrer überragenden Präzision großer Beliebtheit erfreuten. Im Zweiten Weltkrieg wurden die P 14 nur noch an die Home Guard ausgegeben, nachdem man sie im Arsenal entfettet, überholt und um die Weitschußvisierung erleichtert hatte. Somit ist es heute recht schwierig, ein P 14 im Originalzustand, d. h. mit Weitschußvisier zu finden.

Technische Daten des P 14:
Gesamtlänge: 117,9 cm
Gewicht (ungeladen): 4,22 kg
Lauflänge: 66 cm
Kaliber: .303 British (7,7 x 56 R)
Magazinkapazität: 5 Patronen

Das P 17

M 1917 / P 17 aus Remington-Fertigung in Eddystone.

M 1917 / P 17 aus Remington-Fertigung in Eddystone.

Das P 14 wurde nach Einstellung der Produktion für Großbritannien von den Amerikanern für die Patrone .30-06 Springfield umkonstruiert, erhielt danach die Bezeichnung „US Rifle M 1917“ und wurde mitsamt dem britischen Bajonett Pattern 1913 bei den US-Streitkräften eingeführt, wo es besonders im pazifischen Raum benutzt wurde. Das M 1917 war bei den GI’s recht beliebt.

Im Zweiten Weltkrieg wurden dann große Mengen dieser Gewehre, die durch die Einführung des Garand M 1 frei geworden waren, an Großbritannien geliefert, wo sie an die Heimatschutztruppe ausgegeben wurden und dort wegen des anderen Kalibers bei den nur mangelhaft ausgebildeten Freizeitsoldaten sehr schnell für ziemliche Verwirrung sorgten. Während ein Ladeversuch mit .303-Munition beim P 17 ohne ernstere Folgen blieb, konnte eine im Patronenlager eines P 14 verklemmte .30-06-Patrone nur noch mit Hilfe eines Waffenwartes wieder entfernt werden. Darum wurden die P 17 bei der Home Guard mit einem aufgemalten roten Streifen um den Schaft herum versehen.

P 17 aus Winchester-Fertigung; Visier umgeklappt und Verschluß geöffnet. Wegen des Mauser-artigen Schloßhalters sitzt hier der Sicherungshebel rechts hinten am System und nicht links wie beim SMLE und bei den No. 4- und No.-5-Varianten. Hier und beim P 14 wurde auch erstmals die Kugel am Kammergriff hohlgebohrt, wie auch später beim No. 4 Mark I und beim No. 5 Mark I, nicht aber beim No. 4 Mark 2.

P 17 aus Winchester-Fertigung; Visier umgeklappt und Verschluß geöffnet. Wegen des Mauser-artigen Schloßhalters sitzt hier der Sicherungshebel rechts hinten am System und nicht links wie beim SMLE und bei den No. 4- und No.-5-Varianten. Hier und beim P 14 wurde auch erstmals die Kugel am Kammergriff hohlgebohrt, wie auch später beim No. 4 Mark I und beim No. 5 Mark I, nicht aber beim No. 4 Mark 2.

Bei der Home Guard wurde das amerikanische Gewehr üblicherweise als P 17 bezeichnet; diese Bezeichnung findet sich auch in der britischen Fachliteratur. Nach Auflösung der Home Guard wurde deren Bewaffnung eingezogen und, soweit es sich um offiziell eingeführte Typen handelte, an die kämpfende Truppe weitergegeben. Die P 14 und P 17 dagegen wurden eingesammelt und entweder in der Nordsee versenkt oder so unsachgemäß eingelagert, daß schon nach relativ kurzer Zeit Tausende davon unbrauchbar geworden waren und auf dem Schrott landeten. Die Briten mochten diesen Waffentyp wohl schlicht und einfach nicht, denn er paßte nicht ins gewohnte System. Deshalb konnte er während seiner ganzen Laufbahn bei den britischen Streitkräften nie beweisen, was in ihm steckte. Sicher ist, daß das P 14 / P17 sowohl von der Herstellungsqualität als auch von der Präzision her dem SMLE überlegen war.

Im Handel sind die P 14 und P 17 eher selten zu finden, obwohl ich einmal bei einem Händler ein P 17 gesehen habe. Beide Modelle gelten unter heutigen Sportschützen als recht präzise und sollen mit Enfield No. 4 Mark 2 aus der Nachkriegsproduktion durchaus mithalten können. Der Druckpunktabzug wird als hervorragend bewertet, während am Dioptervisier bemängelt wird, daß dessen Höhenverstellung von 200 bis 600 Yards nur in 100er-Schritten verstellbar ist, was für die Feinjustierung zu grob ist. Auch finden manche Sportschützen das Loch des Visiers zu grob, was aber fürs Verteidigungsschießen kein Nachteil ist. Von der Munitionsauswahl her ist man mit dem P 17 besser dran, da es im Kaliber .30-06 ein viel breiteres Angebot im Handel gibt als in .303 British.

Technische Daten des P 17: Kaliber .30-06 Springfield (7,62 x 63 mm), ansonsten praktisch wie P 14.

Das Bajonett Pattern 1913

13 Bajonett P1913-1914

Zusammen mit dem Gewehr P 13 sollte ein neues Seitengewehr eingeführt werden, das sich aber bis auf die Parierstange und den Parierstangenring nicht vom P 1907 unterschied. Nachdem dann das Gewehr P 14 eingeführt wurde, konnte das Bajonett unverändert übernommen werden, weshalb auch die Bezeichnung nicht geändert wurde. Zur Unterscheidung vom P 1907 erhielten die Griffschalen des P 1913 zwei parallele Querrillen. Die Abmessungen des P 1913 entsprechen dem P 1907, nur der Parierstangenring hat einen geringeren Durchmesser. Die Bajonette für das amerikanische Gewehr M 1917 / P 17 entsprachen bis auf die Scheide und eine unterschiedliche Beschriftung der Klinge dem P 1913, und die Scheiden konnten ausgetauscht werden. Die amerikanische Firma Victory stellte im Zweiten Weltkrieg Kunststoffscheiden für die Bajonette M 1917 her, die natürlich auch für das P 1907 und das P 1913 passen und auch dafür benutzt wurden.

DAS GEWEHR No. 4

Lee-Enfield No. 4 Mark I

Lee-Enfield No. 4 Mark I

Wie bereits beschrieben, suchten die Briten schon eine Weile nach einem Nachfolger für das SMLE, bei dem die verschiedenen bekannten Mängel dieser Waffe behoben werden sollten. Die ursprüngliche Absicht, neben dem Gewehr auch die Patrone .303 zu ersetzen, mußte aufgegeben werden, da Großbritannien nach dem Ersten Weltkrieg auf immensen Munitionsbeständen saß und zudem noch in einer schweren Wirtschaftskrise steckte. Mit dem P 14 konnten sich die Briten auch nie richtig anfreunden, zumal sie ja mittlerweile mit dem SMLE den Krieg gewonnen hatten und es eigentlich keinen richtigen Anlaß gab, die Lee-Enfield-Konstruktion ganz aufzugeben. Nur die diversen Schwachpunkte sollten beseitigt werden.

Hierzu wurde zwischen 1922 und 1924 ein in mehreren Punkten verbessertes SMLE mit der Zusatzbezeichnung „Mark V“ konstruiert, in einer Anzahl von 20.000 Stück gefertigt und einer ausgiebigen Truppenerprobung unterzogen. Dieses neue Gewehr wurde dann aber doch nicht eingeführt. Nun wurde wieder einmal eine Gewehrentwicklungskommission gegründet und mit der Entwicklung eines neuen Gewehrs beauftragt.

An diese neuzukonstruierende Waffe wurden eine ganze Reihe von Forderungen gestellt, unter anderem sollte sie endlich einen schwereren Lauf haben, der auch über die ebenfalls zu verbessernde Schäftung hinausragen sollte. Die Systemhülse wurde verstärkt und einige die Massenproduktion vereinfachende Änderungen vorgenommen. Die Grundkonstruktion wurde weitgehend unverändert belassen. Vorne sollte der Lauf zwei Verriegelungswarzen für einen leicht aufzusetzenden Schießbecher oder ein Bajonett haben, und auch der Kornschutz sollte auf den Lauf aufgesetzt werden. Im Zuge dessen wurde auch das später so berühmte Spike-Bajonett entwickelt. Man ging davon aus, daß es durch den schweren Lauf der neuen Waffe und das relativ leichte Spike-Bajonett zu keiner Beeinträchtigung der Schußpräzision durch das aufgepflanzte Bajonett kommen würde. Im Verlauf der Erprobung zeigte sich aber, daß die Schußleistung des neuen Gewehrs durch das aufgepflanzte Bajonett sogar stärker beeinträchtigt wurde, als das beim SMLE mit aufgepflanztem langen und entsprechend schweren P 1907 der Fall war. Diesen Mangel mußte man zugunsten einer stabileren Bajonetthalterung akzeptieren. Weiters sollte das System leichter gehalten und das Spannstück am Schloß kürzer gemacht werden. Am Spannstück des SMLE hatten sich im Krieg viele Soldaten beim Bajonettkampf die Hand verletzt. Das Gewehr sollte insgesamt einfacher und schneller zu fertigen sein.

Insgesamt wurden von dieser Waffe, die die Bezeichnung „Rifle No. 4 Mk I, .303“ erhielt (später wurden die römischen Ziffern der Mk-Bezeichnungen in arabische umgewandelt) für Erprobungen ca. 3600 Stück gebaut. Diese Erprobungen wurden Mitte 1935 eingestellt und auch das Gewehr nicht mehr weiterentwickelt, da man bereits seit längerer Zeit Selbstladegewehre entwickelte und hoffte, solch einen Typ in absehbarer Zeit einzuführen. 1939 war dann abzusehen, daß ein neuer Krieg unabwendbar sein würde, darum brauchte Großbritannien dringend neue Gewehre. Da es noch immer keine ausgereifte Selbstladewaffe gab, entschied man sich für das neue No. 4, das von vornherein für eine rationelle Massenproduktion konzipiert worden war, anstelle einer Weiterproduktion des bei der Truppe überaus beliebten, aber veralteten No. 1 alias SMLE.

Das Gewehr No. 4 Mk I

Erst ab 1943 war das No. 4 in wirklich nennenswerter Zahl vorhanden und löste nun allmählich das No. 1 ab. Die 1941/42 gebauten Waffen waren kriegsbedingt von recht mäßiger Qualität, das betraf hauptsächlich die Schäftung. Bei den Soldaten war es anfangs überhaupt nicht beliebt, denn man hielt es für minderwertig und beneidete die Australier, die das No. 1 bis Kriegsende weiterführten. Ebenfalls nicht besonders beliebt war bei den Soldaten das Spike-Bajonett. Den Soldaten mißfiel besonders, daß es sich überhaupt nicht für andere Zwecke verwenden ließ.

Auf Gewehr No. 4 Mk I aufgepflanztes Spike-Bajonett No. 4 Mark II.

Auf Gewehr No. 4 Mk I aufgepflanztes Spike-Bajonett No. 4 Mark II.

In Großbritannien wurde das No. 4 ausschließlich in der Version Mk I gefertigt. Bei dieser Waffe befindet sich rechts am Verschlußgehäuse eine kleine Federtaste, die den Verschlußkopf hinten arretiert. Zum Herausnehmen und Einsetzen des Verschlusses muß diese Taste heruntergedrückt werden, und zwar in der Weise, daß man für das Entnehmen des Verschlusses die Taste mit dem rechten Daumen niederdrückt, bevor der Verschlußkopf die Hülsenbrücke passiert, und diesen Verschlußkopf mit demselben Daumen nach oben schwenkt. Dann kann man den Verschluß nach hinten aus dem System ziehen, wobei hierfür das Visier hochgeklappt sein muß. Zum Wiedereinsetzen schiebt man den Verschluß (ebenfalls bei hochgeklapptem Visier) mit nach oben stehendem Verschlußkopf wieder ins System, bis er an der Hülsenbrücke ansteht, worauf man die Taste mit dem rechten Daumen niederdrückt und den Verschlußkopf mit der linken Hand wieder nach rechts schwenkt. Dann schiebt man den Verschluß – bei immer noch niedergedrückter Federtaste – mit der linken Hand wieder nach vorn. In nordamerikanischer Produktion fiel diese Taste sehr bald der Rationalisierung zum Opfer und wurde durch eine einfache Aussparung in der Verschlußführungsschiene ersetzt. Die so entstandene Variante trägt die Bezeichnung No. 4 Mk I*.

An diesem System eines „Jungle Carbine“ No. 5 Mk I, einer Kurzversion des Gewehrs No. 4, erkennt man ebenfalls die oben beschriebene gerippte Federtaste (unterhalb des Rändelrades vorn am Visier). Der hochzuschwenkende Verschlußkopf ist der kleine Block am Vorderende des Verschlusses. An diesem niedergeklappten Visier ist jetzt schön die „battle sight“-Lochkimme mit der großen Öffnung zu sehen.

An diesem System eines „Jungle Carbine“ No. 5 Mk I, einer Kurzversion des Gewehrs No. 4, erkennt man ebenfalls die oben beschriebene gerippte Federtaste (unterhalb des Rändelrades vorn am Visier). Der hochzuschwenkende Verschlußkopf ist der kleine Block am Vorderende des Verschlusses. An diesem niedergeklappten Visier ist jetzt schön die „battle sight“-Lochkimme mit der großen Öffnung zu sehen.

Im Zweiten Weltkrieg gefertigte No. 4 haben üblicherweise eine Kolbenkappe aus Zinklegierung, es gibt aber viele Waffen, die Messingkolbenkappen haben. Das sind entweder Waffen aus Vorkriegsproduktion oder aber solche, die irgendwann durch Kolbentausch einen Kolben samt Messingkappe von einem SMLE erhalten haben. Zwischen dem No. 4 und dem SMLE sind außer dem Kolben und den Riemenbügeln keinerlei Teile austauschbar, obwohl sich beide Waffen besonders in der Schloßkonstruktion stark ähneln. Ebenfalls nicht austauschbar sind die Magazine, obwohl sie äußerlich auf den ersten Blick gleich aussehen. Am Magazin des No. 4 ist die Führungsschiene auf dem Magazinrücken deutlich kürzer als beim No. 1-Magazin. BSA hat nach Einführung des No. 4 eine größere Anzahl SMLE-Magazine durch Abfräsen oder Abschleifen der überschüssigen Führungsschienenlänge auf das neue Gewehr umgebaut. Dabei ist man aber offenbar recht schludrig vorgegangen: ich habe mir acht solcher Magazine besorgt, von denen maximal 3 ordentlich an der Magazinarretierung meiner No. 4 einrasten; bei den restlichen ist diese Führungsschiene immer noch ein wenig zu lang.

Beim No. 4 Mk I gab es auch ein vereinfachtes Laufmodell mit der Bezeichnung Mark II, der statt der üblichen fünf Züge nur zwei aufweist. Dieser wurde ab 1941 eingeführt und vor allem bei Waffen aus nordamerikanischer Produktion verwendet, aber Anfang 1945 wieder aufgegeben. Bernd Rolff schreibt in seinem Buch „Im Dienste Ihrer Majestät“ zwar, daß dieser Lauf nicht schlechter schieße als der normale fünfzügige, aber ich habe kürzlich mit einem Schützen gesprochen, der einmal so ein Gewehr hatte, das mit den üblichen Stahlmantelgeschossen recht unpräzise schoß. Erst als er (als Wiederlader) es einmal mit leichteren Sierra-Matchking-Geschossen mit Tombakmantel versuchte, kam er auf eine recht zufriedenstellende Präzision.

Technische Daten Rifle No. 4 Mark I:
Gesamtlänge: 112,5 cm
Gewicht (ungeladen) 3,94 kg
Lauflänge: 64,3 cm
Kaliber: .303 British (7,7 x 56 R)
Magazinkapazität: 10 Patronen

Das Letzte seiner Art: No. 4 Mk 2

Dieses Gewehr entstand erst kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Einziger technischer Unterschied zum Vorgänger ist die geänderte Aufhängung des Abzuges. Am No. 4 Mk I und allen anderen Vorgängern ist der Abzug am Abzugsbügel aufgehängt. Dadurch hatte das Lee-Enfield von Anfang an ein etwas merkwürdiges Abzugsverhalten, das immer wieder Anlaß zu Klagen gab. Besonders dann, wenn nicht ausreichend abgelagertes Schaftholz verwendet wurde und dieses Holz nachträglich zu arbeiten anfing, konnte sich die Position des Abzuges gegenüber der Schloßmechanik verändern und es dann Schwierigkeiten beim Schießen geben. Durch die Neukonstruktion, bei der der Abzug jetzt direkt ins Abzugssystem integriert und aufgehängt wurde, konnte man das Abzugsverhalten deutlich verbessern. Das No. 4 Mk 2 war sehr sauber gefertigt und hatte auch wieder eine Schaftkappe aus Messing. Die Metallteile waren jetzt nicht mehr brüniert, sondern mit einem sehr widerstandsfähigen mattschwarzen Lack überzogen; die Waffennummer, Typenbezeichnung, Herstellungsjahr und -monat etc. waren mit Elektroschreiber auf die linke Seite des Verschlußgehäuses eingraviert. Die Seriennummern des Mark 2 fangen normalerweise mit den Buchstaben PF an, späte Exemplare tragen ein A vor der Nummer.

Vorhandene Bestände an Gewehren No. 4 Mk I und No. 4 Mk I* wurden bei Werksüberholungen auf das neue Muster nachgerüstet. Aus dem No. 4 Mk I wurde so das No. 4 Mk 1/2, das No. 4 Mk I* erhielt die neue Bezeichnung No. 4 Mk 1/3, während die alten Bezeichnungen üblicherweise ausgeschliffen oder durchgeschlagen wurden. Die nachgerüsteten Gewehre tragen die Zusatzbezeichnung „FTR“ (Factory Thorough Repair) und die Angabe des Jahres, in dem die Waffe umgerüstet wurde. Es wurden insgesamt ca. 810.000 Waffen des neuen Baumusters gefertigt oder aus älteren umgebaut (Ich glaube mich zu erinnern, daß vom Mark 2 um 500.000 gebaut wurden, von denen man die letzten 360.000 fabrikfrisch in Arsenalen einlagerte).

No. 4 Mark 2 sind äußerlich sehr einfach an der Schraube zu erkennen, die kurz vor dem Schaftsockel durch den Vorderschaft geschraubt ist. Diese Schraube muß vor dem Zerlegen der Waffe losgedreht werden, wozu man einen Spezialschraubenzieher braucht, den man sich aber sehr leicht selbst anfertigen kann. Außerdem wurde dieses Modell grundsätzlich mit dem aufwendigen Klappdioptervisier No. 4 Mark I ausgestattet.

17 Enfield No 4 Mk 2 Detail

Wie auf dem Bild oben zu sehen, sitzt diese Schraube bei der No. 4 Mk 2 in einem abgesetzten Loch im Schaftholz, während sie bei der No. 4 Mk. I und beim „Jungle Carbine“ No. 5 (siehe vorheriges Bild) von einer Metallzunge umgeben ist, die vom Schaftsockel vorsteht. Außerdem ist die Kugel am Ende des Kammerstengels bei den Mk 2 im Gegensatz zu Mk. I und No. 5 nicht hohlgebohrt.

Technische Daten Rifle No. 4 Mark 2:
Gesamtlänge: 112,8 cm
Gewicht (ungeladen): 4,1 kg:
Lauflänge: 64 cm
Kaliber: .303 British (7,7 x 56 R)
Magazinkapazität: 10 Patronen

Wie bei allen Lee-Enfields mit geteiltem Schaft hängt die Gesamtlänge eines Gewehrs von der jeweils verwendeten Kolbenlänge ab; mein Exemplar ist zum Beispiel nur knapp 112 cm lang.

Kaliber .308: Die L8-Serie

18 Lee-Enfield L8 in collection

Nach Einführung der NATO-Patrone .308 Winchester (7,62 x 51 mm) rüstete Großbritannien mit ziemlicher Verzögerung ab 1963 einen Teil seiner No. 4-Gewehre – vorrangig natürlich die neueren Modelle – auf das neue Kaliber um. Die Waffen erhielten die neue Typenbezeichnung L8, wobei das „L“ für Landstreitkräfte steht.

Aus dem Gewehr No. 4 Mk 2 entstand so das neue Gewehr L8 A1, das No. 4 Mk 1/2 wurde zum L8 A2 und das No. 4 Mk 1/3 zum L8 A3. Üblicherweise sind am L8-Gewehr die alten Typenbezeichnungen ausgeschliffen. Analog zum No. 4 Mk 2 wurden auch an den L8-Typen die Metallteile mattschwarz lackiert. Die Gewehre erhielten neue, der anderen Patrone entsprechende Läufe aus Chrom-Molybdän-Stahl mit vier Zügen und Rechtsdrall sowie einer Länge von 643 mm, neue, eckigere Magazine, die wegen der anderen Patronenform hinten kürzer sind und vorne tiefer herunterreichten, einen für die neuen Munition passenden Einsatz für die Ladebrücke und einen für die randlosen Patronenhülsen geänderten Verschlußkopf. Die Visierung konnte unverändert beibehalten werden, da sich gezeigt hatte, daß sie weiterhin stimmte, wenn man die alten Yard-Einteilungen jetzt einfach als Meter ablas. Das abgeänderte Gewehr No. 4 mit der Bezeichnung L8 ist eine äußerst präzise schießende Waffe und daher bei Sportschützen sehr beliebt.

Technische Daten des L 8: bis auf das Kaliber praktisch wie No. 4 Mark I und Mark 2

In den britischen Streitkräften spielte das L8 keine große Rolle mehr, da das belgische FAL-Gewehr eingeführt wurde, das auch Deutschland als G 1 beschaffte und dessen österreichische Version das Steyr-Sturmgewehr 58 war. Die britische Lizenzversion, die ein reiner Halbautomat war und mittels Umstellung auf zöllige Maße „verbessert“ wurde, sodaß außer den Magazinen keine Teile mit anderen FAL austauschbar waren, hieß L1 A1. Das L8 wurde zu einem Zeitpunkt eingeführt, an dem das Empire zusehends zerfiel und folglich auch die britischen Streitkräfte drastisch verkleinert werden mußten. Der Bedarf konnte mit dem neuen L1 gedeckt werden, auch wenn die Umrüstung der britischen Streitkräfte vom No. 4 auf das L1-Selbstladegewehr dauerte fast neun Jahre. Als letzte Einheit gab eine Artillerieeinheit ihre No. 4 im September 1966 ab.

Typisch britisch war die Art, wie sich die britischen Streitkräfte bei der Außerdienststellung des No. 4 vom Lee-Enfield verabschiedet haben: Das Gewehr wurde im Rahmen einer feierlichen Zeremonie in einem kleinen Sarg beerdigt, ein Trompeter blies den „last post“ und es wurde Salut geschossen, das „Grab“ wurde zugeschaufelt, und dann wurden leere Patronenhülsen (natürlich .303) über das „Grab“ gestreut!

Die Dillenbajonette für die Gewehre No. 4

Spike-Bajonette (von links nach rechts): No. 4 Mark I, No. 4 Mark II, No. 4 Mark II* und No. 4 Mark III.

Spike-Bajonette (von links nach rechts): No. 4 Mark I, No. 4 Mark II, No. 4 Mark II* und No. 4 Mark III.

Zusammen mit dem Gewehr No. 4 wurde ein neues Bajonett eingeführt, das die Nachteile des Vorgängermodells P 1907 ausschalten sollte. Die im Zweiten Weltkrieg gefertigten Ausführungen dieses Seitengewehrs hatten einen Stahldorn als Klinge, weshalb es als Spike-Bajonett bezeichnet wurde. Grundüberlegung bei seiner Einführung war, daß das P 1907 zu lang, zu unhandlich und zu bruchanfällig war und aufgepflanzt beim Schießen behinderte. Es sollte nur noch soviel Bajonett wie unbedingt nötig am Gewehr sein, darum entfiel der Griff. Da man mittlerweile eingesehen hatte, daß ein überlanges Seitengewehr beim Bajonettkampf nicht unbedingt von Vorteil war, hatte das neue Bajonett nur noch eine Klingenlänge von 203 mm.

Nach den negativen Erfahrungen mit der Bajonettbefestigung am SMLE wurde am neuen Gewehr das Bajonett wieder direkt auf dem Lauf aufgepflanzt. Das Gewehr No. 4 hat dazu vorn zwei Warzen auf dem Lauf, über die die Dille gesteckt (ca. 45° nach links unten gedreht) und mit einer Achteldrehung nach unten verriegelt wird. Zum Abnehmen drückt man die gefederte Taste hinten an der Dille ein und dreht das Bajonett eine Achteldrehung im Uhrzeigersinn (von hinten gesehen).

Die erste Ausführung ging ab 1941 mit der Bezeichnung Bajonett No. 4 Mark I in Serie. Dieser Typ ist leicht an seiner Vierkantklinge zu erkennen, mit der man in erster Linie Lichtreflexe vermeiden, aber auch Gewicht sparen wollte. Die Herstellung durch Fräsen aus einem einzigen gesenkgeschmiedeten Werkstück war recht teuer. Vom No. 4 Mark I gibt es Fälschungen, weil das Original heute selten ist. Das No. 4 Mark I ist ohne Scheide 255 mm lang und 205 g schwer (mit Scheide: 260 mm, 300 g). Die Klinge ist 203 mm lang und 14 mm breit.

Schon bald danach erschien das No. 4 Mk II, das ebenfalls aus einem einzigen Schmiedeteil gefertigt wurde, aber eine runde Klinge hat und darum billiger herzustellen war (siehe aufgepflanztes Exemplar fünf Bilder weiter oben). Dieser Typ wurde in riesigen Stückzahlen gebaut.

Die Herstellung der Spike-Bajonette ließ sich aber noch weiter vereinfachen, indem man Klinge und Dille getrennt herstellte und dann zusammenschweißte. Das so entstandene Bajonett erhielt die Bezeichnung No. 4 Mk II* und ist das häufigste Spike-Bajonett.

Gegen Ende des Krieges führte die Firma Lucas, Eignern britischer Automobile in späteren Jahren wegen der Unzuverlässigkeit ihrer elektrischen Bauteile als „Queen of Darkness“ bekannt, ein noch weiter vereinfachtes Produktionsverfahren ein, bei dem die Dille nicht aufwendig aus dem Vollen gefräst, sondern aus mehreren Einzelteilen zusammengeschweißt und mit der Klinge verbunden wurde. Dieses Bajonett erhielt die Bezeichnung No. 4 Mk III und ist in der Ausführung recht grob. Man sieht ihm deutlich an, daß es als kriegsbedingte Notmaßnahme entstanden ist. Heute ist es im Verhältnis zu anderen Typen selten.

Zu den Spike-Bajonetten gibt es eine Reihe unterschiedlicher Scheiden. Hauptsächlich wurde die Scheide Mark I benutzt, die aus einem konischen Stahlrohr mit kugelförmigem Abschluß besteht und üblicherweise schwarz lackiert ist. Die weniger häufige Scheide Mark II besteht aus einem zylindrischen Stahlrohr mit geradem unterem Abschluß und ist normalerweise ebenfalls schwarz. Für die Spike-Bajonette wurden auch Kunststoffscheiden hergestellt, hauptsächlich in den USA.

Bajonett No. 9 Mk I

Bajonett No. 9 Mk I

Als Nachfolger für die diversen Spike-Bajonette des Gewehrs No. 4 erschien 1948 das Bajonett No. 9 Mk I. Es hat die gleiche Bowieklinge wie das Bajonett No. 5 für den „Jungle Carbine“ No. 5 Mk I, war aber aus Kostengründen wieder als Dillenbajonett ausgeführt. Die Scheide ist identisch mit jener des No. 5 und wurde später für das Bajonett des Selbstladegewehrs L1 verwendet. Aus diesem Grund sind die im deutschen Handel erhältlichen No.9-Bajonette fast grundsätzlich ohne Scheide, denn die Briten hatten nur das Bajonett selber ausgemustert und zum Verkauf freigegeben, die Scheiden aber behalten. Vom No. 9 wurden ca. 600.000 Stück produziert. Es ist ohne Scheide 255 mm lang und 390 g schwer (mit Scheide: 272 mm, 560 g).

Dschungelkarabiner: Das Gewehr No. 5

21 No 5 Jungle Carbine

 

Im Sommer 1943 wurde der Ruf nach einem Kurzgewehr für den Dschungelkampf in Südostasien laut. Es hatte sich gezeigt, daß SMLE und No. 4 für diese Art der Kriegsführung zu unhandlich waren und daß es ausreichen würde, wenn das geplante neue Gewehr eine Reichweite bzw. Visierschußweite von maximal 400 Metern haben würde. Versuche mit verkürzten Versionen der Dienstwaffe ergaben, daß die Treffgenauigkeit durch die Verkürzung nicht sonderlich beeinflußt wurde, daß aber Schußknall und Mündungsfeuer stärker und unangenehmer wurden. Auch der Rückstoß des Kurzgewehres wurde merklich stärker, ließ sich aber durchaus noch beherrschen. Das neue Gewehr mit der Bezeichnung „Rifle No. 5 Mk I“ (die umgangssprachliche Bezeichnung „Jungle Carbine“ ist nie offiziell benutzt worden) wurde schließlich am 23.5.1945 eingeführt, und es wurden davon in der Royal Ordnance Factory Fazakerley – ROF(F) – und bei BSA insgesamt 250.000 Stück hergestellt, weitaus weniger, als ursprünglich geplant war.

Vom angedachten Ersatz des No. 4 durch das No. 5 wurde nämlich abgesehen, denn es stellte sich schon bald nach seiner Einführung heraus, daß das neue Gewehr doch einige gravierende Mängel hatte, von denen sich einer nicht beseitigen ließ. Während sich der starke Rückschlag durch Anbringen einer Gummischaftkappe abschwächen ließ und das Mündungsfeuer durch den neu eingeführten Feuerdämpfer gemindert werden konnte, bekam man das „wandering zero“, die wandernde Treffpunktlage, nicht in den Griff. Nachdem es auch durch allerlei konstruktive Maßnahmen (unter anderem die Verlängerung des Vorderschaftes bis zum Mündungsfeuerdämpfer) nicht gelungen war, dem Phänomen auf die Spur zu kommen – das Gewehr streute mit zunehmender Erwärmung immer mehr – entschied man schließlich, daß dieser Mangel konstruktionsbedingt und daher nicht zu beseitigen sei. Das No. 4 wurde daraufhin schon im Juli 1947 für veraltet erklärt und aus dem Truppendienst zurückgezogen. Daß es nicht einfach damit getan ist, ein eingeführtes Gewehr zu verkürzen, hätten die Briten eigentlich wissen müssen, denn schon beim Lee-Metford/Enfield-Karabiner waren die gleichen negativen Erscheinungen wie mangelnde Präzision, starker Schußknall und unangenehmer Rückstoß aufgetreten und hatten schließlich zur Ablösung dieser Waffe geführt.

Vom No. 5 gibt es mehrere Varianten, die allerdings keine eigenen Unternummern oder Unterbezeichnungen tragen. Es sind sowohl Exemplare mit normalem Vorderschaftabschluß wie auch solche mit einer kleinen Metallkappe am Vorderschaft produziert worden. Die Metallkappe sollte in den Tropen das Eindringen von Feuchtigkeit in das Schaftholz verhindern. Das Visier des No. 5 ist üblicherweise das aufwendig gefräste Mk-I-Dioptervisier, allerdings auf 800 Yards begrenzt. Es sind aber auch Gewehre mit dem Mk-III-Visier (Blechprägeteil) gebaut worden; dieses Visier ist ebenfalls auf 800 Yards begrenzt. Weiters gibt es Dschungelkarabiner, die nur das einfache Mk-II-Klappdioptervisier tragen. Das Verschlußgehäuse des No. 5 trägt immer die vom No. 4 Mk I her bekannte Verschlußlösetaste. Für das No. 5 wurde ein eigenes Bajonett entwickelt, das allen späteren britischen Bajonetten als Vorbild diente. Die Schußpräzision des Gewehrs mit aufgepflanztem Bajonett war schlechter als beim No. 4, weil das neue Bajonett schwerer als das Spike-Bajonett war.

Der letzte größere Einsatz dieser Waffe erfolgte interessanterweise nicht im südostasiatischen Dschungel, sondern bei den Truppen der britischen Mandatsverwaltung in Palästina.

Technische Daten „Jungle Carbine“ No. 5 Mark I:
Gesamtlänge: 100,3 cm
Gewicht (ungeladen): 3,2 kg
Lauflänge: 47,5 cm
Kaliber: .303 British (7,7 x 56 R)
Magazinkapazität: 10 Patronen

Das Bajonett No. 5 Mark I

22 British No5 Wilkinson Enfield JC Bayonet

Mit der Einführung des Gewehres No. 5 mußte ein neues Bajonett eingeführt werden, denn das Spike-Bajonett paßte wegen des Mündungsfeuerdämpfers nicht auf die neue Waffe, und das P 1907 war wegen seiner Länge für den Dschungelkampf nicht geeignet. Mittlerweile hatte man auch erkannt, daß das Spike-Bajonett nicht nur Vorteile hatte, darum kehrte man bei der Firma Wilkinson, die das neue Bajonett entwickelte, zur klassischen Messerform mit einem richtigen Griff zurück. Als Klingenform wurde eine Bowie-Klinge gewählt, die sich bewährt hat und in der Folge an allen neuen britischen Bajonetten verwendet wurde. Ein weiteres Merkmal des 1943 eingeführten Bajonetts ist der wegen des Feuerdämpfers sehr große Parierstangenring. Die Holzgriffschalen umschließen die Angel vollständig. Zusammen mit dem Bajonett wurde eine neue Scheide eingeführt, die bis heute unverändert im Einsatz ist, denn die Klingenform aller britischen Seitengewehre ist seitdem gleichgeblieben.

Bajonett No. 5 Mark I in Scheide und mit Koppelschuh.

Bajonett No. 5 Mark I in Scheide und mit Koppelschuh.

Das Bajonett No. 5 Mark I ist ohne Scheide 304 mm lang und 295 g schwer (mit Scheide: 324 mm und 470 g). Die Klinge ist 202 mm lang und 24 mm breit.

Wiedergänger aus Down Under: Australian International Arms No. 4 Mk IV

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War das Modell No. 4 Mark 2 wirklich „Das Letzte seiner Art“? Nicht ganz, jedenfalls nicht im Zivilbereich. Die in Brisbane ansässige Firma Australian International Arms produziert eine moderne Reproduktion davon, die sie als AIA No. 4 Mk IV vermarktet. Die Gewehre werden aus ausländischen Zulieferteilen bei AIA in Australien montiert und erhalten dort ihr Finish. Sie sind für das Kaliber .308 Winchester (7,62 x 51 mm NATO) eingerichtet und mit modifizierten, auf 10 Patronen begrenzten Magazinen des amerikanischen Militär-Selbstladegewehrs M 14 ausgestattet. Das No. 4 Mark IV ist für den modernen Schützen gedacht und für die Montage eines Zielfernrohres vorbereitet. Es ist mit einem matten parkerisierten Finish versehen, und die Schäftung besteht aus Teakholz.

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Standardvisier ist die simple L-förmige Klapp-Lochkimme in der Art des Mark II-Visiers (siehe nächsten Abschnitt „Visiere“). Der Lauf ist innen hartverchromt, und der Magazinlöser sitzt vor dem Abzugsbügel statt innerhalb desselben (siehe oben). Ob diese Gewehre auch nach Deutschland, Österreich oder in die Schweiz importiert werden, weiß ich nicht, aber ich habe vor einer Weile bei einem Waffenhändler etliche neuwertig aussehende No. 4 gesehen, die vielleicht solche Neuauflagen waren. Bei Interesse einfach mal einen Händler fragen! Siehe auch http://members.storm.ca/~aiarms/M10-No4mkIV.shtm.

Insgesamt scheint sich das Angebot an diversen Enfields in letzter Zeit wieder etwas zu beleben; je nach Modell und Zustand liegen die Preise normalerweise im Bereich von 300 – 500 Euro. Auf einer Waffenbörse habe ich jedoch ein sehr schönes, neuwertig aussehendes SMLE um 850 Euro gesehen (neben einem ebenfalls recht schönen Persermauser um € 750).

Visiere für die Gewehre No. 4, L8 und No. 5

Anfänglich wurde das No. 4 mit einem sehr aufwendigen und präzise gefrästen Spindeldiopter ausgeliefert. Dieses Visier trägt die Bezeichnung Mark I (siehe Bild unten an einer No. 4 Mk 2). Da es sehr bald zu Lieferengpässen kam, wurde als kriegsbedingte Notfallmaßnahme das sehr einfach herzustellende Mark-II-Visier, ein Klappvisier mit zwei Dioptern für 300 und 600 Yards, auf das No. 4 montiert. Andere Entfernungen mußten mit diesem Visier über das aufgepflanzte Spike-Bajonett angepeilt bzw. ermittelt werden, ein Verfahren, das in der Praxis wohl nie angewendet wurde. Man hielt einfach entsprechend „drüber“ oder „drunter“. Diese Visiere, die besonders an US-gefertigten Waffen zu finden waren, wurden nach dem Krieg sofort wieder durch das Mark-I-Visier ersetzt. Es gibt am No. 4 noch drei weitere Visiervarianten, die sich aber nicht sonderlich voneinander unterscheiden. Es sind das Mark 3, das Mark 4 und das C Mark 3. Alle drei ähneln dem Mark I, sind aber im billigeren Blechprägeverfahren hergestellt und werden nicht durch eine Schraubspindel, sondern durch einen arretierbaren Schieber verstellt.

Das Gewehr No. 5 hatte normalerweise ein dem Mark-I-Visier entsprechendes gefrästes Spindeldioptervisier, das allerdings kürzer und auf 800 Yards begrenzt war; es gab aber auch Exemplare mit dem Blechprägevisier Mark 3 und sogar mit dem einfachen Klappdiopter Mark 2.

Die Gewehre No. 4 Mk 2 und jene der L8-Serie waren grundsätzlich mit dem Mark-I-Visier ausgestattet (siehe Bild unten).

24c Enfield No 4 Mk 2 Spindeldiopter

Am Rahmen des klickweise verstellbaren Mark-I-Visiers können die Strichmarkierungen für die Entfernungen abgelesen werden; das oben dargestellte Visier ist auf knapp unter 200 Yards eingestellt. Durch das kleine Loch in der Visierplatte (links von der Schraubspindel) wird gezielt; auf kurze Entfernungen kann man das Visier nach vorn klappen und zielt dann durch den großen Ring am Fuß des Visiers, der dann senkrecht steht. Nach meiner Erfahrung brauchen die No. 4 Mk 2 auf 100 m mit den gewöhnlichen Vollmantelpatronen von Sellier & Bellot (Geschoßgewicht 11,7 g) eine Visiereinstellung von ca. 300 Yards. Auf diese Entfernung mit den S & B – Vollmantelpatronen eingeschossen, ergaben sich bei meinem Exemplar mit einer Reihe von Jagdpatronen mit Teilmantelgeschoß folgende durchschnittliche Trefferlagen:

Remington Core Lokt 180 grs.: schießt ca. 3 cm tiefer,
Norma Soft Point 150grs. No. 17712: schießt ca. 4 – 5 cm tiefer,
Federal Classic Hi-Shok 180 grs.: schießt ca. 6 cm höher:
Winchester X303B1 Power Point 180grs.: schießt ca. 8 cm höher; beste Streukreise

Auf 200 m brauchte dasselbe Gewehr eine Visiereinstellung von 450 Yards und für 300 m eine solche von 550 Yards. Wildscheiben (Rehbock und Gams) konnten auf 300 m auf einem seitenwindgeschützten Schießstand mit einiger Wahrscheinlichkeit getroffen werden; das Hauptproblem ist hierbei das ausreichend deutliche Sehen des Ziels, denn bei Fokussierung auf das Korn läßt sich die Wilddarstellung auf der Scheibe schon nicht mehr leicht von davor befindlichen hohen Grasbüscheln unterscheiden. Die Dioptervisiere der Enfields nach dem SMLE haben zwei bedeutende Vorteile: Erstens die lange Visierlinie, da hier die Lochkimme sehr weit hinten sitzen kann, und zweitens, daß es bei einer Lochkimme viel weniger ausmacht als bei einer offenen U- oder V-Kimme, daß der Kimmenausschnitt bei Fokussierung auf das Korn unscharf erscheint. Das ist vor allem für nicht mehr ganz junge Augen ein Segen.

Ein dritter Vorteil (außer beim einfachen Klappdiopter Mark II) ist der große Diopterring des „battle sight“, der im Nahkampf bei niedergeklapptem Visier eine schnelle Zielerfassung ermöglicht. Man darf sich nicht davon abschrecken lassen, daß das Korn in dessen 5 mm weitem Loch ziemlich herumzuschwimmen scheint; man kann auch damit noch bis auf 100 m passabel auf Ziele von Manngröße schießen. Bei 72 cm Visierlinienlänge ergäbe selbst ein ganz nach links, rechts, oben oder unten geklemmtes Korn auf 100 m bloß einen Zielfehler von ca. 35 cm vom Haltepunkt.

Der Kornschutz, eine Vorrichtung, die vorn auf den herausstehenden Laufstummel aufgesetzt ist und in den das Korn integriert ist, findet sich in dieser speziellen Form nur an den Gewehren No. 4 und ist Teil der Visierung. Das Korn sitzt seitlich verschiebbar in einer Schwalbenschwanzführung auf dem Kornsockel und wird von vorn durch eine Schraube festgeklemmt, die – erraten! – schon wieder nur mit einem Spezialschraubenzieher gelöst werden kann, den bei den britischen Truppen nur der Waffenwart hatte.

26 Enfield No 4 Mark II 014 muzzle

Statt eines Schlitzes hat diese Schraube nämlich eine vorstehende Rippe an ihrem Kopf, für die man einen stumpfen Schraubenzieher braucht, der an seiner Stirnfläche eine entsprechende Nut aufweist. Man kann sich einen solchen selber herstellen, indem man einen Schraubenzieher von passender Stärke abschneidet und in die Schnittfläche eine Nut feilt. Da hierfür einiges Geschick erforderlich ist und Schraubenzieher aus sehr hartem Werkzeugstahl bestehen, habe ich das vom Büchsenmacher meines Vertrauens erledigen lassen, der dafür – allerdings schon vor etlichen Jahren – 100 Euro verlangt hat. Beim Verstellen des Korns ist zu beachten, daß das sehr unterschiedlich leichtgängig sein kann: bei meinem Gewehr war es auch nach Lösen der Fixierschraube recht schwergängig, während es bei einem anderen Exemplar ziemlich leicht hin- und herflutschte.

SCHIESSEN, SONSTIGE PRAXISTIPS, TECHNISCHE BESONDERHEITEN UND ZUBEHÖR

Sicherungen

Mit der Einführung des SMLE wurde die Sicherung wieder wie beim ersten Lee-Metford links neben das Schloß auf den Schaftsockel gelegt. Sie wirkte jetzt direkt auf den Schlagbolzen. Diese Art der Sicherung wurde dann bis zuletzt unverändert beibehalten, sowohl bei den verschiedenen SMLE-Typen wie auch beim No. 4 und No. 5.

25 Lee Enfield No.4 Mk1 star

In der vorderen Stellung des Sicherungshebels wie beim oben abgebildeten Gewehr No. 4 Mk I* ist die Waffe entsichert. Bei entspanntem Schloß läßt sich der Hebel nicht nach hinten bewegen. Waagrecht nach hinten geschwenkt sperrt der Hebel den Schlagbolzen. Wenn man den Sicherungshebel nach Zurückziehen des Verschlusses in die Position „Gesichert“ schwenkt, läßt sich der Verschluß danach nur noch einen guten Zentimeter nach vorn schieben, und auch das nur schwergängig (wenn der Sicherungshebel nicht ganz waagrecht nach hinten steht, geht es leichter, aber auch dann steht der Verschluß an, sobald der Verschlußkopf aus der Hülsenbrücke draußen ist).

An allen Gewehren ab dem SMLE gibt es noch eine zusätzliche Sicherungseinrichtung: Die Position „half-cocked“ (halbgespannt), bei der das Spannstück (das senkrecht geriffelte Metallstück über dem Kolbenhals) auf die erste Raste zurückgezogen wird. In diesem Zustand ist der Verschluß nicht zu öffnen und außerdem der Abzug blockiert Auch der Sicherungshebel kann dann nur ein kleines Stück aus der Stellung „Entsichert“ nach oben bewegt werden.. Zum Lösen dieser Sicherung muß das Spannstück ganz zurückgezogen werden, wonach das Schloß gespannt ist. Man kann es dann wieder entspannen, indem man das Spannstück festhält und nach Drücken des Abzugs langsam nach vor läßt. Mit einer Patrone im Lauf sollte man das aber auf keinen Fall tun!

Webriemen

Der am häufigsten verwendete britische Gewehrriemen war der 1901 eingeführte Riemen aus Baumwollmaterial. Man kann die Konzeption dieses Riemens als genial einfach, aber dennoch äußerst zweckmäßig bezeichnen. Der Gewehrriemen besteht aus einem Baumwollriemen, an den an beiden Enden Laschen mit einer beidseitig U-förmig abgebogenen Messingstange angenietet sind (siehe Bild unten und oben; auch in weiteren Bildern ist dieser Riemen immer wieder zu sehen). Der Riemen ist an den Außenkanten dicker gearbeitet, sodaß die U-Haken fest draufsitzen und bei Belastung durch Zug noch fester greifen. Dieses Muster blieb nach einer 1904 erfolgten Änderung der Laschenbefestigung in verschiedenen Längen für Gewehre, Maschinenpistolen und leichte Maschinengewehre über mehr als 70 Jahre fast unverändert in Gebrauch.

„Jungle Carbine“ No. 5 Mk I mit Webriemen und angestecktem Ladestreifen. Man beachte die hohl gebohrte Kugel am Kammergriff, die auch beim No. 4 Mk I so ausgeführt war, nicht aber beim No. 4 Mark 2.

„Jungle Carbine“ No. 5 Mk I mit Webriemen und angestecktem Ladestreifen. Man beachte die hohl gebohrte Kugel am Kammergriff, die auch beim No. 4 Mk I so ausgeführt war, nicht aber beim No. 4 Mark 2.

Das von den Briten sehr lange verwendete, äußerst widerstandsfähige Baumwollwebmaterial hat gegenüber dem Leder eine Reihe von Vorzügen. Hauptvorzug ist, daß es im Gegensatz zum Leder nicht weich wird, wenn es naß ist, und vor allem beim anschließenden Trocknen weder hart wird noch schrumpft. Es schimmelt auch nicht so leicht wie Leder. Außerdem ist es recht leicht und vor allem extrem reißfest. Dieser Gurt eignet sich auch für andere Gewehre, wenn einem die Authentizität wurscht ist. Es müssen nur die Laschen mit den U-Haken durch die Riemenbügel passen. Man kann ihn unter anderem bei diversen Sammlerbörsen finden (siehe meinen Eingangskommentar).
Zum Verstellen quetscht man den Riemen einfach im Bereich eines der U-Bügel zusammen und zieht ihn dann hindurch, wie man’s braucht.

Ladestreifen

Es gibt bei den Ladestreifen mehrere Ausführungen; alle sind Blechprägeteile und zur Aufnahme von jeweils 5 Patronen eingerichtet. Frühe Ladestreifen hatten an den Seitenwangen ovale Aussparungen, spätere Typen einfache Rundbohrungen. Zum Laden wird der Ladestreifen in die Aussparung in der Hülsenbrücke des Gewehrs gesteckt (siehe Bild oben), worauf man die Patronen mit dem Daumen vom Ladestreifen ins Magazin drückt und den Ladestreifen wieder entfernt.

Die korrekte Anordnung der Patronen im Ladestreifen ist oft ein Diskussionsthema in waffeninteressierten Kreisen. Beim Beladen der Ladestreifen müsse peinlich genau darauf geachtet werden, daß die Patronenböden korrekt hintereinander sitzen, sonst seien Ladehemmungen die Folge, weil die Patronenränder sich aneinander verhaken. „Offiziell“ soll das so aussehen wie auf dem Bild unten, wobei man zuerst die mittlere Patrone in den Ladestreifen steckt, dann je eine von oben und unten, und zwar so, daß deren Ränder vor dem Rand der mittleren Patrone liegen, und dann die oberste und unterste Patrone, die mit ihren Rändern wieder hinter die Ränder ihrer Nachbarpatronen greifen müssen.

28 Enfield-Ladestreifenfüllung

Mir ist das immer ein wenig unsinnig erschienen, weil damit genau das produziert wird, was vermieden werden soll, nämlich daß eine Patrone, die man aus dem Magazin in den Lauf zuführen will, sich mit ihrem Rand an dem der nächstunteren Patrone verhakt. Auch habe ich die Erfahrung gemacht, daß auf diese Weise in den Ladestreifen gesteckte Patronen deutlich weniger leicht ins Magazin flutschen als bei Mausergewehren oder bei den russischen Mosin-Nagants, wie ich auch in „Büchsen-Licht (3): Militärische Mausergewehre“ (siehe Link am Schluß dieses Beitrags) geschrieben habe (ich hatte deshalb seither bei der Enfield nie mehr Ladestreifen verwendet). Stattdessen ist es mir viel sinnvoller vorgekommen, wenn man das so wie bei den russischen Mosin-Nagants machen würde, die ja ebenfalls mit Randpatronen geladen werden, und zwar so wie auf dem Schema unten:

29 Mosin-Nagant clip FAQ_ht3

Hierzu hält man die jeweils gerade in den Ladestreifen gesteckte Patrone so, daß sie ein wenig nach oben angewinkelt ist, damit der untere Rand der nächsten Patrone vor den oberen Rand der ersten Patrone greift, und so weiter. Das habe ich beim Bearbeiten dieses Artikels jetzt einfach mal ausprobiert; zunächst mit vier Pufferpatronen und dann mit fünf scharfen (da ich das zu Hause gemacht habe, bei letzteren natürlich mit gesicherter Waffe!). Und siehe, die Patronen ließen sich viel leichter ins Magazin drücken, und auch beim Zuführen in den Lauf gab es keine Probleme! Zwar ließ sich der Verschluß bei den scharfen Patronen wegen der aktivierten Sicherung nur ein Stück nach vorn schieben, aber es war klar zu sehen, daß die Patronen schön voneinander freikamen. Und seht mal, was ich beim Googeln nach Bildern zu Enfield-Ladestreifen in „The ARmy Rumor SErvice“ (ARRSE) gefunden habe:

http://www.arrse.co.uk/shooting-hunting-fishing/107492-enfield-chargers.html

Hier meine Übersetzung dieses Forumsbeitrages „Enfield Chargers“ von „stoatman“ (für den Originaltext auf der verlinkten Seite etwas runterscrollen):

Ich spielte letzten Abend mit dem neuen Gewehr herum und übte großteils die Verwendung von Ladestreifen (nachdem es etwa fünf Jahre her ist, daß ich ein Gewehr hatte, das sie verwendete), und ich hatte ständig verklemmte Hülsenränder.

Ich erinnere mich, daß ich die Streifen in meiner Zeit als „Mad Minute“-Profi genau nach offizieller Art lud, d. h. unten-oben-unten-oben-unten, und nur selten ein Problem hatte (das davon verursacht zu sein schien, daß ich die oberste Patrone nicht ein Stück tiefer in das Magazin drückte und scharf losließ). Die Privi-[Partizan]-Hülsen, die ich habe, haben auch nicht die Abfasung an der Hinterkante des Randes, und ich vermute, daß dies das Problem verschärft.

Da ich jedoch mit einem Mosin-Nagant ein bißchen ein Profi bei der „Mad Minute“ war (17 Schuß ist mein Rekord), versuchte ich die Regeln zu brechen und die Patronen gestaffelt in die Enfield-Ladestreifen zu laden, wie ich es mit dem Mosin machte.

Zu meiner enormen Überraschung kamen die Patronen viel glatter und mit weit weniger Reibung aus den Ladestreifen, als wenn sie vorschriftsmäßig geladen waren, und natürlich gab es keine verklemmten Hülsenränder. Natürlich muß man die Ladestreifen richtig herum einsetzen, aber nach einem Abend, an dem ich mit ihnen in dieser Konfiguration herumfummelte, bin ich bekehrt.

Noch besser ist, daß ich entdeckte, daß das Reinstecken eines zweiten Ladestreifens mit gestaffelten Patronen zehnmal leichter und hundertmal zuverlässiger geht! [Anm. d. Ü.: damit wird das Nachladen eines zweiten 5er-Ladestreifens in das bereits mit 5 Patronen teilgefüllte 10er-Magazin gemeint sein.]

Gebt mir den sprichwörtlichen Klaps auf die Hand, weil ich es nicht auf die „korrekte“ Weise mache (und natürlich verstehe ich, daß das asymmetrische Laden der Streifen enorme Probleme verursachen kann, wenn man auf dem Schlachtfeld aus Bandoliers lädt, aber ich schätze, daß ein gelegentlicher Hülsenrandklemmer leichter zu beheben war als ein ganzes Magazin mit verkehrt liegenden Rändern!)…

Nachdem „cloudbuster“ Interesse an dem Punkt mit den nicht abgefasten Privi-Hülsen bekundet und „HE117“ eingewandt hatte, daß die Staffelung von Hülsen „Rand über Rand“ im Ladestreifen in der Aufbewahrung und Handhabung nicht stabil sei, gab es noch diese interessanten Kommentare:

Vasco:

Was die Anordnung der Ränder betrifft, so fülle ich meine als Hommage an meine Jugend immer auf die „offizielle“ Weise, aber selbst damals habe ich bemerkt, daß sie in jeder beliebigen Anordnung sein konnten, wenn man sie aus den Bandoliers nahm.

Und eigentlich ist es egal (zumindest mit Munition nach UK-Spezifikation). Ich habe das vor vielen Jahren zu meiner eigenen Zufriedenheit experimentell bewiesen, und ich habe es seither bei einer Vorführung an einem dieser Schnittmodelle für Ausbildungszwecke bestätigt bekommen – die Ränder sortieren sich selbst ein, während man sie ins Magazin drückt.

Ich vermute jedoch, daß an der Sache mit den nicht abgefasten Privi-Rändern etwas dran sein könnte.

stoatman:

Ich habe auch ein paar Remington-Hülsen, aber nicht genug, um sie als Dummies zu opfern, um zu sehen, ob es an der Fase liegt, aber ich vermute stark, daß es so ist, nachdem die Fase den nächsten Rand schön drüberschlüpfen läßt, während die Patronen ins Magazin gleiten, besonders nachdem sie sich ein wenig um die Querachse drehen.

Bei Verwendung der Ladestreifen „im Zorn“ werde ich sie in einem amerikanischen Springfield/Garand-10-Taschen-Gürtel tragen, damit die Stabilität der gestaffelten Anordnung sichergestellt ist. Ich werde auch ein Ende der Ladestreifen mit Leuchtfarbe markieren, damit ich nach einem Fallenlasse weiß, welches Ende welches ist.

4(T):

[…]

Ich vermute, der Vorteil der Standardform war, daß sie die Patronen in einer symmetrischen und sicheren Weise hält, die für Bandoliers geeignet ist, und daß man dasselbe „Ladegefühl“ hat, egal, mit welcher Seite nach oben der Ladestreifen eingeführt wird, was vielleicht für einen Soldaten nützlich ist, der im Dunkeln herumfummelt.

Tatsächlich macht die Abfolge der Patronen im Ladestreifen überhaupt keinen Unterschied – die Form des Magazins bedeutet, daß die Patronen sich immer in der richtigen Abfolge der Ränder positionieren. Man kann dabei zusehen, wenn man ein Schnittmodell eines Gewehrs oder Magazins lädt. Eines der vielen nicht-offensichtlichen Merkmale, die zeigen, wie schlau doch die ursprünglichen Konstrukteure waren…

devexwarrior:

Als jungem Mann wurde mir die vorschriftsmäßige Vorgangsweise „3 down, 2 up“ beigebracht, aber unser Schießausbilder – der das eine oder andere wußte – sagte uns, wir sollten die gestaffelte Art verwenden, was ich tat und seither getan habe, wann immer ich Randpatronen schoß. Ich habe nie irgendwelche Probleme gehabt, obwohl es etliche Jahre her ist, daß ich Randpatronen geschossen habe.

* * *

Natürlich können die Gewehre auch mit einzelnen Patronen geladen werden, wobei nur darauf zu achten ist, daß man sie nicht ganz hinten anstehen läßt, wenn man sie auf die schon im Magazin befindlichen Patronen legt, sondern zunächst ein paar Millimeter Abstand läßt und sie erst während des Hineindrückens ganz nach hinten schiebt, damit die Patronenränder korrekt gestaffelt sind.

Nachtrag: Inzwischen hatte ich Gelegenheit, die oben angeführten Erkenntnisse auf dem Schießstand zu erproben, und habe dabei 35 Patronen, nach Mosin-Nagant-Art gestaffelt auf meine sieben Ladestreifen gesteckt, verfeuert. Dabei habe ich für die ersten drei Serien immer zwei Ladestreifen nacheinander geladen, sodaß das Magazin jeweils mit zehn Schuß gefüllt war. Der Inhalt des zweiten Ladestreifens ließ sich immer merklich schwerer ins Magazin abstreifen, wobei es sich als besonders wichtig herausgestellt hat, das mit möglichst viel Schwung zu machen, damit auch die letzte Patrone noch zügig unter die Magazinlippen gedrückt wird, und das gelingt nicht immer.

Die erste 10er-Serie ging noch problemlos, aber bei der zweiten war für das Reindrücken der letzten Patrone ein zweiter Anlauf nötig, und diese Patrone hing dann beim versuchten Schließen des Verschlusses fest. Nach Entnahme des Magazins stellte ich fest, daß der Rand der obersten Patrone hinter jenen der darunterliegenden Patrone griff, weshalb ich sie aus dem Magazin nehmen und neu hineinstecken mußte. Danach konnte ich den Magazininhalt problemlos verschießen. Auch bei der dritten Serie klappte das Laden aus dem zweiten Ladestreifen nicht ganz, allerdings konnte ich diesmal die oberste Patrone bei angestecktem Magazin zurechtdrücken. Nachdem ich von dieser Magazinfüllung sieben Patronen verschossen hatte, steckte ich den letzten Ladestreifen an und drückte dessen fünf Patronen auf die noch im Magazin verbliebenen drei drauf, und diesmal gab es keine Probleme.

Als Fazit läßt sich sagen, daß immer nur bei der obersten der per Ladestreifen eingefüllten zehn Patronen Schwierigkeiten zu erwarten sind, weshalb sich Ladestreifen in einer ernsthaften Kampfsituation nur als schnelle Nachladehilfe bei weniger als fünf Patronen im Magazin empfehlen (vor allem, wenn man feststellt, daß man das Magazin leergeschossen hat). Allfällig darüber hinaus noch vorhandener Platz im Magazin sollte mit einzelnen Patronen aufgefüllt werden, für deren Mitführung die in „Büchsen-Licht (3): Militärische Mausergewehre“ (siehe Link weiter unten) vorgestellten Falt-Patronenetuis oder auch Patronengürtel mit Elastikschlaufen vorteilhaft sind. Enfield-Enthusiasten, die sich das Nachladen mittels Ladestreifen zunutze machen wollen, werden um die Anschaffung von mindestens acht A-Zoom-Pufferpatronen nicht herumkommen, um das gefahrlos zu Hause üben zu können (bei aktivierter Sicherung läßt der Verschluß sich ja nicht schließen). Außerdem sollte man dann die Waffe auf dem Schießstand der Übung halber grundsätzlich nur mittels Ladestreifen füllen.

Auf dem Schießstand

Ein Problempunkt heutiger Enfield-Schützen ist die gleichbleibende Schußpräzision des Laufs. Zwar kommen oft super Schußbilder zustande, die auch durch die guten Visierungen gefördert werden, aber mit variabler Konstanz. Immer wieder ärgert man sich über einzelne, unerklärliche Ausreißer oder über zwar gute, aber nicht mehr am alten Fleck befindliche Treffergruppen. Diese von vielen Enfield-Schützen beklagten Ausreißer treten bei allen Modellen auf, wenn auch nicht jedes Exemplar dazu neigt (und bei SMLE’s mehr als bei den No. 4), aber die Waffenzeitschriften VISIER und „caliber“ haben dazu im Laufe diverser Tests einige Erkenntnisse gewonnen:

– Zum einen konnte man in Abhängigkeit von der Mündungsgeschwindigkeit eine steigende Neigung zu Ausreißern beobachten, je höher die V0 war. Dies liegt an den wenig steifen Systemen und Läufen der Enfields, die für gute Präzision einen möglichst gleichmäßigen Gasdruck brauchen. Vor allem das schwächere Systemgehäuse des SMLE ist sehr schwingungsempfindlich und federt bei starkem Gasdruck zurück. Oft liegt deshalb die Treffpunktlage bei einer schwachen Laborierung höher als bei einer starken. Bei den stabileren Systemhülsen und dem um einen Millimeter dickeren Lauf der No.4-Modelle macht sich das nicht so bemerkbar. Im „caliber“-Versuch ergaben sich bei einer V0 von etwa 705 m/s die geringste Ausreißerneigung, während Geschwindigkeiten zwischen 800 und 830 m/s die stärksten Ausreißer produzierte.. Eine noch weiter verringerte V0 brachte keine Verbesserung mehr, nur angeschmauchte Hülsen, ein deutliches Zeichen dafür, daß der Gasdruck zu stark verringert war. Streukreise mit Laborierungen unter 680 m/s gingen wieder auf; offenbar war hier die Untergrenze für die Geschoßstabilisierung erreicht. Offenbar wird das von den heutigen Munitionsherstellern einigermaßen berücksichtigt, für deren .303er-Patronen mit standardmäßigen Geschoßgewichten um 11,7 g Mündungsgeschwindigkeiten im Bereich von 743 – 750 m/s bzw. bei leichteren Geschossen Mündungsenergien im vergleichbaren Bereich zwischen 3200 und 3300 Joule angegeben werden. Wiederlader können sich mit ihren selbst geladenen Patronen an den optimalen Bereich herantasten, während Fabrikpatronenkäufer eben die für ihre Waffe passende Sorte suchen müssen.

– Lee-Enfields setzen den ersten Schuß mit kaltem Lauf meist deutlich außerhalb der nachfolgenden Gruppe. Fürs Sportschießen wird empfohlen, die Waffe vor dem Wertungsschießen mit zwei oder drei Schuß auf Betriebstemperatur zu bringen und danach eisern Schießdisziplin zu wahren und nur so schnell zu feuern, daß der Lauf konstant seine Temperatur hält. Auch auf Hitze reagieren die Waffen mit Streukreisvergrößerung auf bis zu mehr als dem Doppelten. Zwar ist das beim dickeren Lauf der No. 4 weniger ausgeprägt als beim SMLE, aber auch hier bringt Hitze eine deutliche Abnahme der Präzision. Allerdings ist auch von den 98er-Mausern bekannt, daß deren bei Militärmodellen stufenförmig zur Mündung hin verjüngte Läufe auf Erhitzung mit zunehmender Schwingungsempfindlichkeit reagieren und dann ebenfalls immer stärker streuen.

– Auch die Vorderschäfte bzw. die Anschlagsart können einen Einfluß auf Präzision und Ausreißerneigung haben. Es kann einen Unterschied machen, ob man aufgelegt vom Sandsack feuert oder sportlich liegend freihändig mit Schießriemen. Beim SMLE wie auch beim No. 4 erhält der Lauf im Mündungsbereich durch den Schaft einen wohldosierten Druck von unten. Wie VISIER-Tester Hartmut Mrosek herausfand, ist dies für das Feuern vom Sandsack durchaus nicht schädlich – solange man die Waffe immer an der gleichen Stelle auflegt und mit gleichmäßigem Druck hält. Auch muß die Schaftzwinge hinter dem Kornsockel der No. 4 stets gleich stark angeschraubt sein. Wird dies beachtet, stabilisiert der anliegende Schaft die Mündung sogar – Mrosek: „Schließlich wußten die Ingenieure damals auch, was sie taten.“ Da sich dieses Spannungsverhältnis beim Feuern mit Schießriemen aber verändert, wenn der Schaft nach unten gezogen wird, führt dies zu vermehrtem Streuen.

Beim SMLE muß die Mündung konstruktionsbedingt am Schaft anliegen. Ein gefederter Bolzen im vorderen Schaftabschluß sorgt für gleichmäßigen Druck von unten. Außerdem sorgt bei allen Modellen ein kleines, rohrförmiges Distanzstück zwischen Abzugsblech und Systemhülse für den richtigen Andruck des Vorderschafts. Der darf nämlich nur unter dem Patronenlager, im Vorderteil der Systemhülse und im Mündungsbereich Kontakt mit dem Holz haben. Sonst sollten 2,5 mm Freiraum um den Lauf existieren. Gerade bei alten Schäften stimmt dieses Verhältnis oft nicht mehr. Daher sollte man beim Kauf die Hände von Waffen mit lockeren Vorderschäften lassen und beim SMLE die Bolzenfeder auf ihre Kraft überprüfen. Auch beim „Jungle Carbine“ No. 5 drückt der Vorderschaft mit dosierter Kraft von unten. Allerdings besitzt er nicht die gute Balance für das freihändige Schießen wie seine längeren Geschwister.

System des „Jungle Carbine“ von unten. Die geriffelte Taste vor dem Abzug ist der Magazinlöser.

System des „Jungle Carbine“ von unten. Die geriffelte Taste vor dem Abzug ist der Magazinlöser.

Die im obigen Bild vor dem Magazin sichtbare große Schraube muß immer wieder auf festen Sitz überprüft werden; wenn sie locker wird, verschlechtert das die Schußpräzision. Ich vermute, diese Schraube gehört zu dem rohrförmigen Distanzstück zwischen Abzugsblech und Systemhülse, das im vorigen Absatz erwähnt wird. Auch die kleine Querschraube, die den Abzugsbügel hinten mit dem Schaftsockel verbindet, arbeitet sich mit der Zeit gern los. Überhaupt, die Schrauben: Da die Lee-Enfields zöllige Schrauben haben, passen metrische Schraubenzieher schlecht für deren Schlitze. Von der Dicke her passende Schraubenzieherklingen sind schmäler, als der Schlitz lang ist, und für die Schraubenschlitze passend breite Schraubenzieherklingen sind zu dick. Da man aber für die Arbeit an den Gewehren möglichst genau passende Schraubenzieher haben sollte, um die aus relativ weichem Stahl bestehenden Schrauben nicht zu „vernudeln“, besorgt man sich am besten Schraubenzieher mit passend breiten Klingen und schleift diese dann auf einer Wasserschleifmaschine oder notfalls mit Schleifpapier auf die richtige Dicke ab.

Munition

Das Angebot an Patronen im Kaliber .303 British ist schmäler als jenes in gängigeren ehemaligen oder aktuellen Militärkalibern, für die es auch Jagdpatronen gibt, wie 8 x 57 IS, .30-06 Springfield oder .308 Winchester, aber ein Exot ist die .303 doch nicht. Für das normale Schießstandballern verwende ich die Sellier & Bellot mit dem 11,7g-Vollmantelgeschoß in der grünen 50er-Packung. Hier eine Übersicht von .303er-Patronen aus den Katalogen von Frankonia (F) und Jagd & Sport (J&S):

Sellier & Bellot 11,7 g / 180 grs Vollmantel: 743 m/s, 3229 Joule, € 37,80 / 50er-Pk. (F) bzw. € 47,80 (J&S),
Sellier & Bellot 9,7 g / 150 grs Teilmantel: 809 m/s, 3174 Joule, € 27,80 /20er-Pk (J&S)
Federal Premium 9,7 g / 150 grs Power Shok Teilmantel: 820 m/s, 3269 Joule, € 46,10 / 20er-Pk (J&S):
Federal Premium 11,7 g / 180 grs Speer/E Hot-Cor Teilmantel: 750 m/s, 3280 Joule, € 46,10 / 20er-Pk (J&S)

Von der Wirkung her lassen klassische Militärkaliber wie die .303 British kaum Wünsche offen. Ich habe zum Beispiel einmal mit den No. 4 Mark 2 auf Stahlgongs geschossen, die aus ca. 8 – 9 mm dickem Baustahl bestanden und mit ihren angeschweißten Fußplatten frei in der Wiese standen. Dabei gab es selbst mit Teilmantel-Jagdgeschossen Durchschüsse, und das, obwohl ein Teil der Auftreffenergie ins Umwerfen der frei aufgestellten Stahlziele floß! Interessant ist auch die hydrodynamische Sprengwirkung von Teilmantelgeschossen in diversen Kalibern der .30er-Klasse beim Beschuß von wassergefüllten Salatöldosen oder Honigmelonen: Vollmantel-Spitzgeschosse schlagen glatt durch und bewirken sonst nicht viel, aber Teilmantelgeschosse lassen die Ziele spektakulär zerplatzen (die Fetzen fliegen oft mehrere Meter hoch) und zerlegen sich darin so rasch, daß man bei den Blechfetzen der Salatöldosen zwar das Einschußloch findet, aber keinen Ausschuß. Dafür ist die Durchschlagsleistung von Vollmantel-Spitzgeschossen recht hoch. Bei einer Gelegenheit habe ich z. B. einen ca. 25 cm dicken, in Schulterhöhe abgesägten Fichtenstamm mehrmals mit Vollmantelgeschossen in .308 Winchester / 7,62 x 51 mm NATO beschossen, wobei zumindest ein Durchschuß zu sehen war.

Magazine:

Reservemagazine für Lee-Enfield-Gewehre sind meist relativ schwer zu bekommen. Ich hatte zum Glück einmal vier Stück neuwertige Nachfertigungen ergattert (mein Händler hatte da mal einen Importeur zur Hand, der sie – eventuell übers Zeughaus Hege – besorgen konnte), aber bei einem weiteren Versuch erhielt ich, wie weiter oben im Kapitel zur No. 4 Mk I erwähnt, alte SMLE-Magazine, die durch Kürzerschleifen der Führungsschiene hinten am Magazinrücken an das No.4-Gewehr angepaßt worden waren. Das war aber so schludrig gemacht worden, daß nur ein Teil davon richtig im Gewehr einrastete. Außerdem waren die Dinger dermaßen mit einer seltsamen Mischung aus altem Waffenfett, Sand und Sägespänen oder sowas Ähnlichem verkleistert, daß sie kaum sauber zu kriegen waren. Wer also die Möglichkeit hat, an gute Enfield-Magazine zu kommen: Zugreifen!

Magazin- und Patronentaschen

Wie bereits in Büchsen-Licht (3): Militärische Mausergewehre erwähnt (siehe dort wegen der Bilder), gibt es Patronentaschen für die verschiedensten Gewehrtypen des Zweiten Weltkriegs in unterschiedlichen Ausführungen, Doppel- oder Dreiertaschen, aus Leder oder Gewebematerial. In jedes Abteil so einer Tasche kann man – je nach Ausführung – zwei oder drei Ladestreifen mit je 5 Patronen unterbringen, sodaß man bis zu 90 Patronen griffbereit mitführen kann, und da sich die Abmessungen der verschiedenen Patronen einigermaßen ähneln, kann man sie austauschbar verwenden, wenn einem der historische Stilbruch wurscht ist. Ich verwende zum Beispiel Leinentaschen für den Karabiner 98 k als Enfield-Magazintaschen. Für Selbstverteidigungszwecke in schlechten Zeiten sind meines Erachtens Taschen aus Gewebe solchen aus Leder vorzuziehen, weil die Gerbsäure des Leders vor allem bei feuchter Witterung und längerer Aufbewahrung mit dem Messing der Patronen Grünspan bilden kann, mit der Folge von Zuführ- und Ausziehproblemen.

Eine Alternative zu diesen klassischen Taschen (vor allem, wenn man keine Ladestreifen hat) sind moderne Patronenetuis aus Corduragewebe, in deren Elastikschlaufen sieben Patronen gesteckt werden können (siehe auch hierzu das Bild im Mauserbeitrag). Modelle mit Druckknopfverschluß sind aus taktischen Gründen zu bevorzugen, da sie beim Öffnen leiser sind als das laute Ratschen eines Klettverschlusses.

Zu Reinigung, sonstige Pflege sowie Gehörschutz siehe meine vorangegangenen Beiträge Büchsen-Licht (1): Kleinkalibergewehre und Büchsen-Licht (2): Unterhebelrepetiergewehre.

Hier soll nur hervorgehoben werden, daß bei Verwendung alter Surplus-Patronen damit zu rechnen ist, daß sie korrosive Zündsätze enthalten, deren Verbrennungsrückstände nicht waffenöl-löslich sind und mit Mitteln wie Robla Solo entfernt werden müssen. Und selbst wenn auf den Schachteln neuer Patronen wie z. B. der chinesischen Marke Norinco etwas von „non-corrosive primers“ steht, kann man nicht sicher sein, ob da nicht das Pulver korrosive Zusätze enthält oder ob nicht etwa ein leitender Angestellter des chinesischen Munitionswerkes statt der teureren nicht-korrosiven Zündhütchenfüllung billigeres Knallquecksilber eingekauft und die Differenz in die eigene Tasche gesteckt hat. Diese Erfahrung mußte ich machen, als ich aus einer neuwertigen polnischen Nachkriegsfertigung des russischen M44-Karabiners neue Norinco-Patronen in 7,62 x 54 R verschoß und im Vertrauen auf die Angabe „Non-corrosive primers“ die Waffenreinigung eine Zeitlang aufschob. Danach waren im innen hartverchromten Lauf des M 44 feine Rostpünktchen zu sehen, die erst mittels mehrerer Reinigungen zu entfernen waren!

Buchempfehlungen:

Bernd Rolff - Im Dienste Ihrer Majestät

Bernd Rolff, „Im Dienste Ihrer Majestät. Gewehre und Seitengewehre der britischen Streitkräfte und der Commonwealthländer von 1888 bis 1960“, Journal Verlag Schwend GmbH, Schwäbisch Hall, keine ISBN-Angabe; 180 Seiten. Dieses Buch, aus dem vieles in diesem Beitrag hier stammt, dürfte leider nur noch antiquarisch erhältlich sein; eventuell kann der DWJ-Verlag noch aushelfen: http://www.dwj-verlag.de/sitecontent/pdf/vp2007.pdf (Seite 12).

Der 1948 geborene Autor war Zeitsoldat bei der Bundeswehr und wurde aufgrund seiner guten Englischkenntnisse zur NATO versetzt, die ihn für 4 Jahre zu einer Einheit der britischen Armee abkommandierte. In dieser Zeit hatte er ständigen Kontakt mit britischen Waffen, und hier entstand auch der Grundstock zu seiner späteren Sammlung. Eine zentrale Position nehmen in seinem Buch die Lee-Enfield-Gewehre samt ihrer Entwicklungsgeschichte, ihrem Zubehör (z. B. Bajonette) und ihrer Munition ein. Daneben wird auch das halbautomatische Sturmgewehr L1A1 behandelt, das eine britische Lizenzversion des belgischen FN FAL war, von dem es auch eine deutsche (G 1) und eine österreichische (Sturmgewehr 58) Version gab; weiters werden auch die Martini- und Lee-Metford-Gewehre des späten 19. Jahrhunderts vorgestellt.

Infanteriewaffen gestern 1 + 2

Infanteriewaffen gestern (1918 – 1945), 2 Bände, von Reiner Lidschun und Günter Wollert

http://www.amazon.de/Infanteriewaffen-gestern-1918-Illustrierte-Sch%C3%BCtzenwaffen/dp/3894880368

Dieses großformatige zweibändige Werk, das leider nur mehr gebraucht erhältlich ist, gibt dem Leser mit über 1.100 Illustrationen auf insgesamt 618 Seiten eine vollständige Übersicht der wichtigsten Infanteriewaffen aus aller Welt von 1918 bis 1945. Neben technischen Angaben, Patronentabellen und Informationen über die Entwicklung werden Fachwörter und Begriffe in fünf Sprachen erläutert.

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LINKS:

Wissen bewahren von Osimandia
Vorbereitung auf Ragnarök von Fjordman
Den kommenden Crash überleben von Fjordman
Charlton Heston über Waffenbesitz und Political Correctness
Selbstverteidigung ist Menschenrecht von Gerhard Kehr
Suomi KP/-31: Die Mähmaschine von Tikkakoski von P. T. Kekkonen

Die Maschinenpistole MP 40/I im scharfen Schuß von Robert Bruce

Interessante Webseiten:

Steyr Scout Tactical Rifle
Pulverdampf – das österreichische Waffenforum (siehe auch Blogroll)
Interessengemeinschaft liberales Waffenrecht in Österreich (IWÖ)
proTell – Gesellschaft für ein freiheitliches Waffenrecht
Liberales Waffenrecht, ein deutscher Waffen-Blog
The Box O’Truth – ein amerikanischer Waffenblog mit vielen Praxistips (siehe auch Blogroll)
British ARmy Rumour SErvice (ARRSE): http://www.arrse.co.uk/

Waffenzeitschriften:
Deutsches Waffen Journal (DWJ)
VISIER – Das internationale Waffen-Magazin
caliber

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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