Büchsen-Licht (6): Mosin-Nagant-Gewehre

Feuerzauber: Mündungsblitze der starken Infanteriepatrone 7,62 x 54R aus den kurzen Läufen von Mosin-Nagant-Karabinern auf einem nächtlichen Schießstand.

Feuerzauber: Mündungsblitze der starken Infanteriepatrone 7,62 x 54R aus den kurzen Läufen von Mosin-Nagant-Karabinern auf einem nächtlichen Schießstand.

Von Deep Roots

Dieser Beitrag behandelt ein weiteres klassisches Infanteriewaffensystem, nämlich die russischen Gewehre und Karabiner des Systems Mosin-Nagant 1891. Quellen hierfür waren diverse Artikel im Schweizer „Internationalen Waffenmagazin“ und in „VISIER“, die Bücher „Infanteriewaffen gestern“ und „Schützenwaffen heute“ von Günter Wollert, Reiner Lidschun und Wilfried Kopenhagen sowie eigene Praxiserfahrungen und Gespräche mit anderen Schützen.

Das Mosin-Nagant-Waffensystem gehört zu den wenigen Konstruktionen, die Ende des 19. Jahrhunderts entstanden und mit kleinen Änderungen und Verbesserungen beide Weltkriege überlebten. In seiner Konstruktion lassen sich einige Details finden, die bei dem berühmtesten und in der Welt am verbreitetsten System – dem Mauser 98 – besser gelöst waren, z. B. die Art der Sicherung. Die lange Lebensdauer der Waffe zeugt jedoch von der Qualität der Mosin’schen Konstruktion. Im Verlauf etlicher Jahrzehnte und im harten kriegerischen Einsatz entsprach die Waffe den Anforderungen an eine Armee-Standardwaffe und bewies weitgehend ihre Nützlichkeit, Verläßlichkeit und geringe Störanfälligkeit.

Ihre Geschichte reicht zurück in die 80er-Jahre des 19. Jahrhunderts, als die Militärbeschaffungsstellen des russischen Zaren ganz im Trend der damaligen Zeit nach einem kleinkalibrigen Repetiergewehr suchten. Gefunden wurde diese neue Waffe für die Zarenarmee mit dem Mosin-Nagant-Gewehr im Drei-Linien-Kaliber 7,62 mm, dessen erste Variante, heute als Modell 1891 bezeichnet, 1891 eingeführt wurde. Dabei handelt es sich um die Kombination eines vom russischen Offizier Sergej Mosin in der staatlichen Waffenfabrik Tula entwickelten Systems mit dem von den belgischen Waffenkonstrukteuren Emile und Leon Nagant entworfenen Repetiergewehr mit einreihigem Magazin. Vom Mosin-Gewehr wurde die Systemhülse samt Verschluß übernommen und von der Nagant-Waffe das Magazin.

Mosin-Nagant-Waffen, von oben nach unten: ursprüngliches Zar-Nikolaus-Gewehr 1891; vermutlich ähnliche Ausführung ohne Riemenbügel; 2 x Gewehr 1891/30; Karabiner Modell 1938; Karabiner Modell 1944.

Mosin-Nagant-Waffen, von oben nach unten: ursprüngliches Zar-Nikolaus-Gewehr 1891; vermutlich ähnliche Ausführung ohne Riemenbügel; 2 x Gewehr 1891/30; Karabiner Modell 1938; Karabiner Modell 1944.

Die neue Patrone vom Kaliber 7,62 x 54R, die heute noch in Nord- und Osteuropa als Sport- und Jagdpatrone ein hohes Ansehen genießt und in Finnland als 7,62 x 53R bezeichnet wird, wurde zunächst mit einem Rundkopfgeschoß laboriert und 1908 mit einem 9,7 g schweren Spitzgeschoß an die neuen Anforderungen an Infanteriemunition angepaßt. Die 7,62 x 54R rückte somit in die Leistungsklasse der heutigen .308 Winchester (7,62 x 51 NATO).

Die ersten Mosin-Nagant-Gewehre Mod. 1891 unterschieden sich von der später so verbreiteten Version 1891/30 in etlichen Punkten. So hatten die frühen Gewehre eine kantige Systemhülse und Riemenbügelösen. Ferner fehlte der Handschutz, und die Visierung war noch für das damals in Rußland gebräuchliche Längenmaß „Arschin“ eingerichtet (1 Arschin = 0,71 Meter); der Visierverstellungsbereich reichte bis 3200 Arschin. Auch die Bezeichung „Drei-Linien-Gewehr“ bezieht sich auf ein altes Längenmaß: Eine Linie ist nämlich 1/10 Zoll, also 2,54 mm, womit drei Linien das Kaliber von 7,62 mm ergeben.

Das Gewehr 1891 hatte auch noch einen extrem langen Lauf von 802 mm. Bereits kurz nach seinem Erscheinen kam das Dragoner-Modell 1891 heraus, dessen Lauf bereits nur mehr 731 mm lang war. Zum ersten Karabiner dauerte es bis 1910; dieser wurde aber nur in sehr geringer Zahl gefertigt.

DIE WAFFEN

Das Gewehr 1891/30

Gewehr Mosin-Nagant M 1891/30 mit Tüllenbajonett, Patronentasche, Riemen, Ölflasche und vermutlich Reinigungszeug.

Gewehr Mosin-Nagant M 1891/30 mit Tüllenbajonett, Patronentasche, Riemen, Ölflasche und vermutlich Reinigungszeug.

In Anlehnung an das Dragoner-Modell 1891 ging man 1930 an die Überarbeitung des Mosin-Nagant-Infanteriegewehrs. Hierbei spielten in erster Linie Produktionsvereinfachungen sowie die Anpassung des Visiers an das inzwischen in der Sowjetunion eingeführte metrische System eine wichtige Rolle. Anstelle des Rahmen-Treppenvisiers erhielt das neue Gewehr ein metrisch eingeteiltes Kurven- oder Schiebevisier. Die zur Produktionsvereinfachung vorgenommene Änderung auf eine runde Systemhülse wurde erst ab 1937 in die Praxis umgesetzt; alle bis 1936 produzierten Waffen hatten noch die alte kantige Ausführung. Die Riemenbefestigung erfolgt bei diesem Modell in Schaftausfräsungen statt wie früher an Riemenbügeln. Bis zum Erscheinen des Karabiners Modell 1944, der bekannten Kurzversion mit dem Klappbajonett mit vierkantiger, mit Hohlkehlen versehener Stichklinge kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs war das Modell 1891/30 die Standardwaffe der sowjetischen Truppen. Daneben gab es noch den Karabiner Modell 1938, der sich in seiner Grundausstattung an das Gewehr 1891/30 anlehnte, aber ohne Bajonett verwendet wurde.

03a Mosin-Nagant Systemschnitt

Die Konstruktion des Mosin-Nagant-Systems ist recht aufwendig, teilweise sogar umständlich. Die Schloßkonstruktion besteht im Wesentlichen aus drei Teilen: der Kammer mit dem Kammergriff sowie dem als zusätzliche Sicherheitsverriegelungswarze dienenden Ansatz, dem Verschlußkopf mit den beiden Verriegelungswarzen und der Verschlußschiene, die das Ganze zusammenhält und in der als weiteres wesentliches Teil das Spannstück geführt wird. Anders als etwa beim Mausersystem stehen die Verriegelungswarzen beim geöffneten Verschluß senkrecht übereinander und werden zum Verriegeln in die Horizontale gedreht. Während der Verschluß mit dem Verschlußkopf die Drehung beim Schließen mitmacht, behalten die Führungsschiene und das Spannstück ihre Positionen. Gespannt wird das Mosin-Nagant-System beim Öffnen des Verschlusses. Der Auszieher ist rechts neben der obersten Warze als Kralle eingesetzt.

Im Gegensatz zu dieser aufwendigen Konstruktion stehen dann wieder auf einfachste Art ausgeführte Konstruktionsteile, wie zum Beispiel die primitive Abzugsvorrichtung und die praxisfremde, kaum brauchbare Sicherung, bei der man zum Sichern den großen runden Knopf am Kammerende nach kurzem Zurückziehen einfach nach links dreht. Das Sichern und Entsichern erfordert einigen Kraftaufwand und beansprucht in Gefechtssituationen zuviel Zeit. Denkbar einfach ist auch der ohne Druckpunkt auslösende Abzug, der einen relativ hohen Widerstand hat und zum präzisen Schießen einige Übung erfordert.

04 Mosin-Nagant 1891-30 System

Auf der Unterseite des Hülsenkopfes befindet sich ein Rückstoßstollen, in den die vordere Schaftverbindungsschraube eingreift. Das einreihige Magazin nimmt fünf Patronen 7,62 x 54R auf und ist zum Entladen nach unten aufklappbar (zum Lösen des Magazinbodens die federnde Rastnase nach hinten schieben, die in der Öffnung an der Unterseite sichtbar ist). Interessant ist die auf der linken Magazininnenseite sitzende Platte mit einer überstehenden Nase, die die Patronen im Magazin unten hält. Nur bei vollständigem Durchrepetieren wird eine Patrone nach oben für den eigentlichen Ladevorgang freigegeben. Die Hülsenbrücke ist unterbrochen, da der Kammerstengel samt Verriegelungswarze beim Öffnen durch die Brücke geführt wird. Geladen wird das fünfschüssige Magazin mit Ladestreifen. Durch den starken Rand der 7,62 x 54R steht das einreihige Magazin hinten tiefer hinunter als vorn.

Der schlanke Handschutz ist über fast die gesamte Lauflänge ausgeführt und wirkt somit einem Hitzeflimmern in der Visierlinie entgegen. Dahinter befindet sich das von 100 bis 2000 Meter einstellbare Schiebevisier mit sauber gearbeiteter Rechteckkimme, die maßlich zum Balkenkorn paßt. Das Korn bildet mit dem ringförmigen Kornschutz eine Einheit, die auf dem Kornsattel in einem Schwalbenschwanz geführt wird. Beim als Balkenkorn erscheinenden eigentlichen Korn handelt es sich einfach um einen Rundstift.

05 Mosin Nagant 1891-30 von rechts

Der Schaft wird neben den beiden Schaftverbindungsschrauben, von denen die vordere wie üblich von unten, die hintere von oben eingeschraubt ist, von zwei Laufbändern gesichert. Bis auf den blank belassenen Verschlußzylinder sind alle übrigen Metallteile brüniert. Der Lauf ist wie auch bei den Karabinern M 1938 und M 1944 innen hartverchromt.

Positiv fallen gut erhaltene Mosin-Nagant-Gewehre auf dem Schießstand auf. Obwohl zum Teil etwas primitiv und einfach ausgeführt, können sie mit einer hohen Zuverlässigkeit und bei guten Patronen auch mit einer ausgezeichneten Schußleistung aufwarten.

Technische Daten Mosin Nagant Modell 1891/30
Gesamtlänge: 1232 mm
Lauflänge: 729 mm
Gewicht (ungeladen): 3,95 kg
Visierung: Schiebevisier von 100 – 2000 m (Visierlinie: 622 mm)
(Rechteckkimme + Balken- bzw. Stiftkorn)

Das Scharfschützengewehr Mosin-Nagant 1891/30

06 mosin sniper 1943-019-2

Parallel zur Übernahme des Gewehrs Modell 1891/30 wurde auch die Variante eines Scharfschützengewehrs ausgearbeitet, dessen Herstellung 1932 begann. Nachdem in diesem Jahr nur 749 Stück hergestellt wurden, stieg die Produktion von Scharfschützengewehren von Jahr zu Jahr und erreichte 1938 eine Stückzahl von 19.545 Exemplaren. Das Scharfschützengewehr war mit einem Zielfernrohr ausgestattet, ursprünglich vom Typ PT, später vom Typ PE mit 4facher Vergrößerung oder vom Typ PU (3,5fache Vergrößerung). Wegen des Zielfernrohres mußte die Form des Kammerstengels abgeändert werden, denn ohne seine Abwinkelung hätte man bei den Gewehren mit Zielfernrohr den Verschluß nicht öffnen können. Ein weiterer Unterschied zu den normalen Gewehren ist nicht offensichtlich: die Läufe der Scharfschützengewehre und weitere Bestandteile waren besser verarbeitet, es wurden bei der Fertigung geringere Maßtoleranzen gestattet.

Der Karabiner Modell 1938

07 Mosin Nagant M38

Ende der 1930er Jahre wurde auch der Karabiner Modell 1907 modernisiert. Neben weiteren kleinen Veränderungen war er ebenfalls mit einem neuen Korn mit Schutz und einem neuen Schiebevisier mit metrischer Einteilung bis zu 1000 m Entfernung ausgestattet. Am 26. Februar 1939 wurde der Karabiner Modell 1938 unter anderem in die Ausrüstung der Kavallerie, der Artillerie und der Meldetruppen eingeführt. Er wurde ohne Bajonett benutzt.

Bei dieser Waffe wie auch bei ihrem Nachfolge M 1944 sorgt der kurze Lauf vor allem bei Verwendung von Militärmunition für einen kräftigen Knall und ein großes Mündungsfeuer, wie auch das Titelbild dieses Beitrags zeigt. 512 mm Lauflänge sind nämlich nur 70 % der Lauflänge des 1891/30ers, und da ist die auf die längeren Läufe abgestimmte Pulverladung gerade erst einigermaßen verbrannt, wenn das Geschoß die Mündung verläßt.

Technische Daten Mosin-Nagant Modell 1938:
Gesamtlänge: 1020 mm
Lauflänge: 512 mm
Leergewicht: 3,50 kg
Visierung: Schiebevisier von 100 – 1000 m (100m-Einteilung)
(Rechteckkimme + Stiftkorn)
Visierlinie: 416 mm

Der Karabiner Modell 1944

08 Mosin-Nagant M44

Das Gewehr 1891/30 und der Karabiner 1938 kamen im sowjetisch-finnischen Krieg von 1939-1940 sowie im Zweiten Weltkrieg zum Einsatz. Die Kriegserfahrungen zeigten, daß das Gewehr Modell 1891/30 mit seiner Gesamtlänge von 123 cm (um 12 cm länger als der deutsche Karabiner 98k) – mit aufgepflanztem Bajonett sogar 166 cm – zu sperrig für den Kampf in Schützengräben, im Wald, in Gebäuden, bei der Überwindung von Hindernissen war. An den Kampfeinsätzen nahmen gemeinsam mit der Infanterie auch des öfteren spezielle Militäreinheiten teil, die mit dem Karabiner 1938 ohne Bajonett ausgerüstet waren. Die Erfahrungen von der Front führten zur Forderung nach einem Einheitskarabiner mit Bajonett, der als Standardwaffe bei allen Armeeeinheiten eingeführt werden sollte. Nach Versuchen mit acht verschiedenen Bajonettkonstruktionen wurde am 17. Januar 1944 der Karabiner Modell 1944 mit Klappbajonett bei der Infanterie, Artillerie und bei den Pioniertruppen eingeführt. Gleichzeitig wurde die Produktion der Gewehre vom Modell 1891/30 eingestellt.

Die Konstruktion und Länge des Karabiners Modell 1944 waren mit denen des Karabiners Modell 1938 identisch; der Unterschied bestand im permanent an der Waffe befestigten Klappbajonett. Dieses hatte wie das des Gewehrs 1891/30 eine vierkantige Stichklinge mit Hohlkehlen, war aber in Ruhestellung an der rechten Seite des Karabiners angeklappt. Zum Aufpflanzen schwenkt man es nach vorn, zieht es gegen die in seiner Basis eingebaute Feder etwas in die Länge und stülpt den Ring über die Mündung. Nach dem Krieg wurde dieses Modell auch von weiteren Ostblockstaaten übernommen und auch gefertigt (in Ungarn, in Polen als Modell 44 und in China als Modell 53 – bei letzerem ist das bis 1000 m skalierte Visier in 50-m-Schritten eingeteilt), wobei sich die Waffen aus polnischer Fertigung durch besondere Verarbeitungsqualität auszeichnen (es gab davon einmal eine Zeitlang neuwertige Arsenalware im Waffenhandel zu kaufen).

Karabiner M 1944 aus russischer Fertigung haben normalerweise lackierte Schichtholzschäfte, während der mit zwei Laufbändern gehaltene obere Handschutz aus Buchenholz gefertigt ist. Die Karabiner aus polnischer Nachkriegsproduktion haben schön gemachte Buchen-Vollholzschäfte ohne Lackfinish.

Konstruktiv entspricht der Karabiner M 1944 dem Gewehr 1891/30; die Visierung besteht wie bei diesem aus einem mit ringförmigem Kornschutz geschützten Stiftkorn, das seitlich in einem Schwalbenschwanzsockel verschiebbar ist, und einem höhenverstellbaren Kurven- oder Schiebevisier. Dessen Verstellbereich reicht jedoch nur von 100 bis 1000 m und ist in 100m-Schritten unterteilt.

Eine interessante Eigenheit beim M 1944 ist, daß er mit ausgeklapptem Bajonett oft präziser schießt als mit eingeklapptem. Dies kommt daher, daß das Bajonett in eingeklapptem Zustand normalerweise am Schaftholz anliegt und dadurch die Erschütterung bei der Schußauslösung mitbekommt und auf die Mündung überträgt, noch ehe das Geschoß draußen ist. Mit ausgeklapptem Bajonett fällt dieser Einfluß weg, aber das Gewehr schießt dadurch nicht nur präziser, sondern auch ein bißchen woanders hin als vorher, weil das Bajonett das Schwingungsverhalten des Laufs verändert. Diesen Hinweis hat mir einmal ein Standnachbar auf dem Schießstand gegeben, und siehe – nach Ausklappen des Bajonetts lieferte der Karabiner ein deutlich engeres Trefferbild, nur eben im linken Scheibenbereich statt wie vorher in der Mitte, sodaß ich den Kornträger in seiner Schwalbenschwanzführung ein wenig nach links klopfen mußte.

Aus dem kurzen Lauf des Karabiners M 1944 erreicht die Patrone mit 9,7 g schwerem Spitzgeschoß, wie sie für die russische Armee geladen wurde, eine Mündungsgeschwindigkeit von rund 770 m/s, was einer Mündungsenergie von 2876 Joule entspricht.

Technische Daten Mosin-Nagant Modell 1944
Gesamtlänge (mit eingeklapptem Bajonett): 1016 mm
Gesamtlänge (mit ausgeklapptem Bajonett): 1327 mm:
Lauflänge: 518 mm
Gewicht (ungeladen): ca. 4 kg
Visierung: Schiebevisier von 100 – 1000 m (100m-Einteilung)
(Rechteckkimme + Stiftkorn, Visierlinie 416 mm)

„Männer hinter Waffen und Waffen in den Händen von Männern erfüllten ihre Pflicht“: Die finnischen Mosin-Nagants

Finnischer Soldat mit Mosin-Nagant M 1939; rechts dasselbe Gewehr in Nahansicht.

Finnischer Soldat mit Mosin-Nagant M 1939; rechts dasselbe Gewehr in Nahansicht.

Das zuvor unter schwedischer Herrschaft befindliche Finnland gehörte seit 1809 zum russischen Zarenreich, genoß aber einen Sonderstatus als autonomes Großfürstentum. Mit der Oktoberrevolution erklärte sich der finnische Landtag im November 1917 zur unabhängigen Regierung. Kurz danach brach der Bürgerkrieg aus, der im Frühjahr 1919 mit dem Sieg der von einem deutschen Expeditionskorps unterstützten Weißen Garde endete. 1920 erkannte die Sowjetunion Finnlands Unabhängigkeit an.

Nach Erlangung der Unabhängigkeit und nach Ende des Bürgerkriegs blieben die neu aufgestellten finnischen National-Streitkräfte überwiegend mit russischen Waffen ausgestattet. Die Bestände waren jedoch bald aufgebraucht, sodaß der Nachschub ab Mitte der 1920er Jahre aus der einheimischen Produktion gedeckt werden mußte. Bei den neuen Modellen hielten sich die Finnen weitgehend an die russischen Vorbilder, damit sie weiterhin Teile von alten, defekten Waffen oder aus Beutebeständen ausschlachten konnten. Auch die in den finnischen Werken hergestellten Modelle 27, 28, 28/30 und das Kivääri Malli 39 kopierten in Schloß, Magazin und Abzugssystem die Mosin-Nagants.

Finnisches Mosin-Nagant-Gewehr M 27

Finnisches Mosin-Nagant-Gewehr M 27

Finnischer Kavalleriekarabiner M 27

Finnischer Kavalleriekarabiner M 27

Finnisches Mosin-Nagant-Gewehr M 28, noch mit der Stufen- bzw. Rahmenvisierung des ursprünglichen russischen Gewehrs Modell 1891.

Finnisches Mosin-Nagant-Gewehr M 28, noch mit der Stufen- bzw. Rahmenvisierung des ursprünglichen russischen Gewehrs Modell 1891.

Beim Lauf und bei der Visierung gingen die Finnen dagegen eigene Wege. Die ersten beiden Modelle M 27 und M 28 besaßen zwar noch die alte 1891er-Stufenvisierung, doch die folgenden Versionen M 28/30 und M 1939 kamen schon mit einer Rastenkimme, die sich in Millimeter-Schritten in der Höhe verstellen ließ. Auf 100 Meter verschob sich der Treffpunkt pro Rast um knapp zwei Zentimeter. Das mit massiven Backen geschützte Korn ließ sich seitlich feinst justieren. Beispiel: Das Korn soll nach links – linke Schraube lösen, rechte Schraube drehen, und das Korn wandert mit. Nur die U-Kimme ist für das Scheibenschießen recht flach.

Vorderpartie eines finnischen Kivääri Malli 39 mit dem per Schrauben verstellbaren Korn.

Vorderpartie eines finnischen Kivääri Malli 39 mit dem per Schrauben verstellbaren Korn.

Im Ganzen aber ist die finnische Visierung ihrem russischen Urahn haushoch überlegen. Das gilt auch für den erheblich dickeren und schwereren Lauf. Zusammen mit dem massiveren Vorderschaft und dem kräftigen Vorderabschluß addiert sich das Gewicht zum Beispiel des Gewehrs M 39 auf stolze 4370 Gramm. Die Vorderlastigkeit der Finnenwaffen reduziert zum einen den recht kräftigen Rückstoß der Dreilinien-Patrone, und zum anderen liegt die Waffe ruhiger im Anschlag. Beides unterstützt natürlich die Präzision, und die kann sich sehen lassen. Trotz des für russische Systeme typischen schwammigen Vorzugs und des etwas kratzigen Abzugs bewies ein Gewehr M 39 in einem VISIER-Test auf der 100-Meter-Bahn durchaus Matchqualitäten. Spiegel aufsitzend geschossen, landeten die Treffer im Schwarzen der Großkaliber-Gewehrscheibe. Die Fünf-Schuß-Streukreise blieben in der Regel zwischen 38 und 75 Millimeter.

Finnisches M 28/30

Finnisches M 28/30

Drei Versionen auf dem Weg zum M 28/30: M 28, M 28 Schitruppenausführung und M 28/30.

Drei Versionen auf dem Weg zum M 28/30: M 28, M 28 Schitruppenausführung und M 28/30.

Den Höhepunkt der Mosin-Nagant-Evolution bildet sicherlich das finnische Modell 1939, das zusätzlich noch mit einem ergonomischeren Pistolengriffschaft aufwarten kann. Bei diesem Modell verengten seine Konstrukteure auch die Laufmaße, sodaß Wiederlader statt der Geschosse im .311er-Durchmesser auch die gängigeren .308er-Projektile laden können. Die sauber eingestellten Druckpunktabzüge kommen den Gewohnheiten westlicher (Sport-) Schützen eher entgegen als die druckpunktlosen Russengewehre. Allerdings haben die Finnenwaffen auch den Nachteil, daß sie relativ rar sind – nur wenige hunderttausend Stück wurden gebaut (vom M 39 waren es etwa 130.000), sodaß sie schwer erhältlich sind, und das zu steigenden Preisen.

Kivääri Malli 39 von beiden Seiten…

Kivääri Malli 39 von beiden Seiten…

…und hier noch ein Exemplar, Baujahr 1944.

…und hier noch ein Exemplar, Baujahr 1944.

Technische Daten des finnischen Mosin-Nagant M 1939:
Gesamtlänge: 1190 mm
Lauflänge: 685 mm
Visierlinie: 573 mm
Anschlagslänge: 335 mm
Leergewicht: 4,379 kg
Abzuggewicht: 2300 g
Visierung: Schiebevisier (Rastenkimme), 100 – 1000 m
(U-Kimme + Balkenkorn)

Finnische Mosin-Nagant-Bajonette

Die finnischen Mosin-Nagant-Gewehre waren für eine ganz andere Art der Bajonettaufpflanzung eingerichtet als ihre russischen Vorbilder; für sie gab es Messerbajonette, deren Arretierung ähnlich wie bei den Mauserbajonetten über einen Drücker am Knauf funktionierte.

Vier Exemplare des finnischen M27-Bajonetts.

Vier Exemplare des finnischen M27-Bajonetts.

PRAKTISCHES

Reinigen

Zum Reinigen nimmt man die Waffen wie folgt auseinander: Der Kammerstengel wird senkrecht gestellt, das Schloß bei betätigtem Abzug zurückgezogen und entfernt. Für die Laufreinigung ist keine weitere Zerlegung erforderlich.

Um Präzisionsminderung durch Verschmutzung der Züge mit Schmauch und Geschoßabrieb sowie Korrosion durch Verbrennungsrückstände zu vermeiden, sollte die Waffe immer wieder gereinigt werden. Hierfür braucht man einen Büchsenputzstock Kaliber, dessen Schaft im Griff drehbar gelagert sein sollte, damit das Reinigungsmittel (VFG-Filze oder Werg) dem Drall der Züge im Lauf folgen kann. Falls man sich die Fummelei mit dem Seidenwerg noch antun will, braucht man einen Werghalter, der auf das Putzstockende geschraubt wird, oder ansonsten einen VFG-Adapter und VFG-Reinigungsfilze, die es in allen möglichen Kalibern ab .22 gibt (in Plastikdosen zu 80 Stk. oder in kostengünstigeren Beuteln zu 500 Stk.). Diese steckt man auf den VFG-Adapter, taucht sie in Waffenöl (z. B. Break Free) und schiebt sie nach Entfernen des Waffenverschlusses von hinten durch den Lauf, ersetzt sie durch frische Filze und wiederholt die Prozedur. Wichtig ist, daß Waffenläufe nach Möglichkeit vom Patronenlager zur Mündung hin gereinigt werden sollen!

VFG-Reinigungsfilze (hier im Kaliber .22) und VFG-Putzstockadapter

VFG-Reinigungsfilze (hier im Kaliber .22) und VFG-Putzstockadapter

Eine Alternative zur Reinigung mittels Putzstock sind Reinigungsschnüre wie z. B. „Hoppe’s BoreSnake“ oder „QuickClean“. Diese sind waschbar und eignen sich gut für die unkomplizierte Reinigung „im Felde“. Man fädelt das schlanke Gewicht am dünnen Vorderteil der Schnur bei geöffnetem Verschluß durch das Patronenauswurffenster (sofern man nicht ohnehin den Verschluß entfernt hat) und läßt es durch den Lauf bis zur Mündung gleiten, worauf man die Reinigungsschnur durchziehen kann. Inzwischen gibt es hier auch schon ein deutsches Fabrikat: „BoreBlitz“ von Helmut Hofmann aus Mellrichstadt. Der BoreBlitz besteht aus einer Zugschnur und einem synthetischen Textilkörper, in den vier Reinigungselemente eingewoben sind. Zwei Schwämme können verschiedene Reinigungsflüssigkeiten aufnehmen. Und zwei an den Laufinnendurchmesser angepaßte Gummikugeln sorgen dafür, daß die Schnur den Lauf beim Reinigungsvorgang trockenwischt. Zum leichteren Durchziehen liegt ein Handgriff bei. Den BoreBlitz gibt es in vielen Größen vom .22er- bis zum 12er-Kaliber. Preis im Fachhandel: zwischen € 19,95 und € 21,95. Wer noch zwei Euro drauflegt, erhält ein Fläschchen mit 15 ml einer speziellen Reinigungs-, Schmier- und Konservierungsflüssigkeit dazu. Infos: http://www.helmuthofmann.de/.

Die beste Reinigungswirkung erzielt man, wenn man noch auf dem Schießstand eine Vorreinigung des noch warmen, aber nicht mehr heißen Laufs vornimmt. Dieser ist dann bis zur Hauptreinigung zu Hause durch einen Ölfilm geschützt, der bis dahin Rückstände lösen kann. Ab und zu sollte man auch den von den Geschoßmänteln stammenden Tombakabrieb entfernen. Da dieser vom Waffenöl nicht gelöst wird, braucht man hierfür entweder Bronzebürsten für Kaliber 8 mm, die statt des VFG-Adapters auf den Putzstock geschraubt werden, oder man taucht Reinigungsfilze in ein spezielles Laufreinigungsmittel wie z. B. Robla Solo und schiebt sie durch den Lauf, nachdem man diesen mit trockenen Filzen von Öl gesäubert hat. Kupfer und seine Legierungen (z. B. Tombak) geht blau in Lösung und erzeugt eine entsprechende Verfärbung auf den Reinigungsfilzen, Blei löst sich farblos. Nach der Reinigung mit Robla Solo wischt man den Lauf mit ein paar trockenen Filzen wieder sauber und schiebt ein paar geölte Filze durch. Bei der Verwendung von Robla Solo ist zu beachten, daß dieses Mittel sehr aggressiv ist und Kupfer, Kupferlegierungen (Messing, Tombak, Bronze) sowie Brünierungen angreift, blankem Stahl jedoch nicht schadet. Auch von Holzoberflächen sollte man es gleich wegwischen.

Der Verschluß wird im Bedarfsfall wie folgt zerlegt: Ist die Feder nach Zurückziehen und Linksdrehung des Schlößchens entspannt, kann man Verschlußkopf und Gleitschiene nach vorn abziehen. Die jetzt freiliegende Schlagbolzenspitze wird abgestützt und der Kammerstengel kräftig nach unten gedrückt. Danach läßt sich die Schlagbolzenmutter abschrauben und lassen sich anschließend Schlagbolzen und Schlagbolzenfeder aus dem Verschluß herausnehmen.

Laden

Waffen des Systems Mosin-Nagant können entweder mit einzelnen Patronen geladen werden, wobei darauf zu achten ist, daß jede Patrone zunächst ein bißchen weiter vorn auf die darunterliegende gelegt und erst im Hineindrücken ganz nach hinten geschoben wird, damit ihr Patronenrand sicher vor dem der unteren Patrone liegt, oder mittels Ladestreifen. Diese sehen so aus wie auf dem Bild unten mit den finnischen Dreier-Patronentaschen:

20 m27_ammo finnish

Bei der Bestückung der Ladestreifen mit Munition ist darauf zu achten, daß die Patronen gestaffelt darin stecken müssen wie auf der Skizze unten, damit die Patronen sich beim Repetieren nicht mit den Rändern der jeweils nächstunteren Patrone verhaken.

21 Mosin-Nagant clip FAQ_ht3

Zum Laden wird der Ladestreifen wie bei dem Karabiner Modell 1944 auf dem Bild unten in die dafür vorgesehene Ausnehmung der Hülsenbrücke gesteckt, worauf man die Patronen vom Ladestreifen ins Magazin abstreift und den Ladestreifen wieder entfernt.

Karabiner Mosin-Nagant M 1944 mit angestecktem Ladestreifen. Von den Gewehrriemen gibt es sowohl lederne wie auch textile Ausführungen; die Schlaufen für die Befestigung an der Waffe sind jedoch immer aus Leder.

Karabiner Mosin-Nagant M 1944 mit angestecktem Ladestreifen. Von den Gewehrriemen gibt es sowohl lederne wie auch textile Ausführungen; die Schlaufen für die Befestigung an der Waffe sind jedoch immer aus Leder.

Das Abstreifen der Patronen geht bei den Mosin-Nagants ähnlich leicht wie bei den Mausergewehren (im Unterschied zu den Enfields), auch wenn den Mosin-Nagants die Ausnehmung für den Daumen fehlt, die den Vorgang bei den Mausern erleichtert. Zum Üben empfehlen sich Pufferpatronen wie die unten abgebildeten von A-Zoom Ammo, die in Büchsenkalibern immer paarweise erhältlich sind und pro Doppelpack bei Frankonia € 13,90 kosten.

23 A-Zoom rifle snap caps 7,62 x 54 R

Leider sind solche Pufferpatronen in 7,62 x 54R weder bei Frankonia noch bei Kettner in den Katalogen aufgeführt, aber dem obigen Bild nach muß es welche geben. Bei Interesse müßte man eben einen Fachhändler fragen.

Von jemandem, der einmal einen 1891/30er hatte, weiß ich, daß er mit dem Zuführen von Teilmantel-Jagdpatronen mit stumpfen Rundkopfgeschossen Probleme hatte, weil die nicht über die Zuführrampe ins Patronenlager schlüpfen wollten. Mit schlankeren Teilmantelgeschossen gibt es jedoch nach meiner eigenen Erfahrung keine solchen Probleme. Allgemein können russische Mosin-Nagants aus Kriegsfertigung, die auch im Kriegseinsatz strapaziert worden sind, beim Zuführen etwas hakelig sein, weshalb man eine Waffe, für die man sich interessiert, auf leichtgängige Repetierfunktion überprüfen sollte. Am besten funktionieren hier noch die polnischen Nachkriegsfertigungen des 1944er-Karabiners; ob auch die finnischen 1939er hier so gut abschneiden, entzieht sich meiner Kenntnis.

Hier ein paar Beispiele für das Patronenangebot im Kaliber 7,62 x 54R:

Sellier & Bellot 11,7 g Teilmantel: 800 m/s 3744 Joule € 22,80 / 20 Stk. (Frankonia)
Sellier & Bellot 11,3 g Sierra-Match 797 m/s 3593 Joule € 30,00 / 20 Stk. (Frankonia)
Sellier & Bellot 11,7 g Vollmantel: 786 m/s 3614 Joule € 39,60 / 50 Stk. (Frankonia)

Von Lapua gibt es bestimmt auch interessante Patronen in diesem Kaliber, nur sind von diesem Fabrikat in den Katalogen von Frankonia und Jagd & Sport keine aufgelistet. Bei den Preisen ist zu bedenken, daß diese für Einzelpackungen gelten und man bei Abnahme größerer Mengen günstiger kauft. Außerdem geben manche Händler noch günstigere Konditionen; so habe ich z. B. kürzlich .303er-Vollmantelpatronen von S & B um € 32,00 pro 50er-Packung gekauft.

Für das Mitführen der Patronen kann man entweder Patronentaschen wie die unten abgebildete oder auch solche für andere Waffensysteme wie z. B. Lee-Enfield oder Mauser verwenden, in die man je zwei oder drei 5er-Pakete auf Ladestreifen steckt, oder man kauft faltbare Patronenetuis mit sieben Elastikschlaufen, in die man einzelne Patronen stecken kann (siehe den Abschnitt „Zubehör“ im unten verlinkten Artikel „Büchsen-Licht (3): Militärische Mausergewehre“.

Patronen-Doppeltasche Mosin-Nagant

Patronen-Doppeltasche Mosin-Nagant

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Links:
Wissen bewahren von Osimandia
Vorbereitung auf Ragnarök von Fjordman
Den kommenden Crash überleben von Fjordman
Charlton Heston über Waffenbesitz und Political Correctness
Suomi KP/-31: Die Mähmaschine von Tikkakoski von P. T. Kekkonen

Die Maschinenpistole MP 40/I im scharfen Schuß von Robert Bruce

Interessante Webseiten:

Steyr Scout Tactical Rifle
Pulverdampf – das österreichische Waffenforum (siehe auch Blogroll)
Interessengemeinschaft liberales Waffenrecht in Österreich (IWÖ)
proTell – Gesellschaft für ein freiheitliches Waffenrecht
Liberales Waffenrecht, ein deutscher Waffen-Blog
The Box O’Truth – ein amerikanischer Waffenblog mit vielen Praxistips (siehe auch Blogroll)
British ARmy Rumour SErvice (ARRSE): http://www.arrse.co.uk/

Waffenzeitschriften:
Deutsches Waffen Journal (DWJ)
VISIER – Das internationale Waffen-Magazin
caliber

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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