Büchsen-Licht (7): Steyr-Mannlicher „Scout“

01 Steyr Scout hellgrau

Von Deep Roots (unter Verwendung eines IWM-Testberichts von Martin Schober).

In meinen bisherigen Waffenbeiträgen habe ich mich auf die Vorstellung preisgünstigerer Waffen konzentriert (Äxte, günstigere Kipplaufflinten und Jagdbüchsen, militärische Repetiergewehre), ausgehend von der Überlegung, daß Leute, die willens und in der Lage sind, größere Geldbeträge für Waffen auszugeben, meist ohnehin bereits welche besitzen werden. Allerdings ist mir mittlerweile der Gedanke gekommen, daß es auch Leser geben wird, die sich durchaus auch teurere Waffen leisten können und wollen, aber bisher nicht wußten, wie relativ formlos man in Österreich derzeit noch Waffen der Kategorie C (meldepflichtige Waffen, d. h. Repetierbüchsen, Einzelladerbüchsen diverser Systeme sowie Bockbüchsflinten) und Kategorie D (nicht meldepflichtige Waffen, d. h. Kipplaufflinten) erwerben kann.

Derzeit (bis 30. September 2012) ist es noch so, daß Büchsen, die keine Halbautomaten sind (Vollautomaten sind sowieso verboten), von österreichischen Staatsbürgern frei ab 18 Jahren erworben werden können, wobei das Gewehr von Inhabern einer Waffenbesitzkarte oder eines Waffenpasses sofort nach Kaufabschluß mitgenommen werden kann, während man sich andernfalls ausweisen muß, damit der Händler bei der Waffenbehörde anfragen kann, ob gegen den Kunden kein persönliches Waffenverbot besteht. Falls keines besteht, kann die Waffe drei Werktage nach Kaufabschluß abgeholt werden. In beiden Fällen wird nur vom Händler ein Meldeformular ausgefüllt, in dem Art, Type und Seriennummer des Gewehrs sowie Name, Geburtsdatum, Anschrift und Ausweisnummer des Käufers eingetragen werden. Das Original bekommt der Käufer, die Kopie verbleibt beim Händler und ist von diesem sieben Jahre lang aufzubewahren. Bei Weiterveräußerung von Privat an Privat braucht keine Meldung an die Behörde zu erfolgen, sondern der Veräußerer muß dem Erwerber nur angeben, bei welchem Händler das Gewehr zuletzt gemeldet war, damit der Käufer, der die Waffe bei irgendeinem Händler melden muß, das in der Meldung unter „Zuletzt gemeldet bei…“ angeben kann. Ob der Erwerber das auch macht, liegt außerhalb der Verantwortung des Veräußerers.

Das geht aber nur noch bis zum 30. September 2012 so, denn ab 1. Oktober 2012 tritt die Waffengesetznovelle 2010 in Kraft, und dann müssen sämtliche neu im Handel erworbenen Schußwaffen (Kategorien B, C und D) im zentralen elektronischen Waffenregister des Innenministeriums registriert werden, und während die bisher schon in Privatbesitz befindlichen B-Waffen von den jeweiligen Bezirkswaffenbehörden aufgrund ihrer Unterlagen an dieses Register gemeldet werden müssen, ist jeglicher Altbesitz von C-Waffen (vor 1. Oktober 2012 erworben) bis spätestens 30. Juni 2014 ebenfalls bei diesem elektronischen Zentralregister nachzumelden. Nur Altbesitz von D-Waffen (Kipplaufflinten) braucht nicht nachgemeldet zu werden, außer im Falle einer Weiterveräußerung an Dritte nach dem 30. September 2012.

Da aber die Meldungen der ab 1996 erworbenen C-Waffen elektronisch nicht verwertbar sind, wie auch der Ex-Vizekanzler und nunmehrige niederösterreichische Landesjägermeister Josef Pröll in einem Interview mit der IWÖ bestätigte, sieht es nun so aus:

Wenn z. B. Jörg Hinterhuber bereits ein Repetiergewehr besitzt oder jetzt in der nächsten Zeit erwirbt und es noch vor dem 1. Oktober 2012 an einen anderen Privaten weiterveräußert, braucht er der Behörde nichts davon mitzuteilen, und falls die Behörde irgendwann später mal von ihm wissen wollte, was aus dieser Waffe geworden ist, kann Jörg Hinterhuber sich auf diese Veräußerung berufen, und die Behörde muß ihm das glauben und kann nicht feststellen, ob das stimmt (Hinterhuber muß ja nicht einmal mehr wissen, wie dieser Käufer geheißen hat), oder ob er das Gewehr vielleicht doch noch besitzt (oder womöglich illegalerweise an seinen Bekannten Jens Klawuttke aus Magdeburg weiterverkauft hat).

Hier werde ich nun ein etwas teureres Gewehrmodell vorstellen, und zwar aufgrund einer Anregung unseres Lesers Richard, und weil es in seiner Art etwas Besonderes ist, das „Scout“ der Firma Steyr-Mannlicher, das inzwischen in den Kalibern .223 Remington (5,56 x 45 mm NATO), .243 Winchester, 7 mm-08 Remington und .308 Winchester (7,62 x 51 mm NATO) erhältlich ist, wahlweise mit Rückstecher- oder Direktabzug. Anders als im weiter unten wiedergegebenen Testbericht aus dem Schweizer „Internationalen Waffenmagazin“ von 1998, wo ein 2,5fach vergrößerndes Zielfernrohr offenbar zum Lieferumfang gehörte, gilt der heutige Grundpreis nur für das Gewehr ohne Zielfernrohr, nur mit der aufklappbaren Behelfsvisierung.

Steyr Scout von links mit zwei fünfschüssigen Magazinen.

Steyr Scout von links mit zwei fünfschüssigen Magazinen.

Hier die Preisliste laut dem Katalog von Jagd & Sport 2011/12, damit interessierte Leser gleich wissen, ob sie sich das Ding leisten können:
Steyr-Mannlicher Scout ohne Zielfernrohr, inkl. 2 Magazine á 5 Schuß: € 1.929,00,
Aufpreis Camouflage-/Timberdesign-Schaft: € 146,00
Schafteinlagen aus Holzimitat in Vorderschaft und Kolben: € 77,00
HC-Adapter für 10schüssiges Magazin: € 92,00
Extra-Magazin 5schüssig: € 64,00
Extra-Magazin 10schüssig: € 104,00
Schaftverlängerung (1 cm): € 23,00
Weiche Schaftkappe: € 23,00

Zum Kaufpreis inklusive gewünschter Extras muß dann noch das Geld für ein Zielfernrohr plus Montageteile addiert werden. Wer sich bis September nur das nackte Gewehr leisten kann, nicht jedoch die Zieloptik, sollte sich auf jeden Fall jetzt schon das Gewehr sichern, denn das Glas kann man auch später noch nachrüsten.

Steyr „Scout“ mit aufgeklappter Ghostring-Visierung (hier mit nicht serienmäßigem Mündungsfeuerdämpfer).

Steyr „Scout“ mit aufgeklappter Ghostring-Visierung (hier mit nicht serienmäßigem Mündungsfeuerdämpfer).

Auf kürzere Entfernungen kann man auch mit der nackten Kanone und aufgeklappter Ghostring-Visierung (höhen- und seitenverstellbar) schießen, deren Lochkimme einen Innendurchmesser von 4,5 mm hat. Mit dem „battle sight“ meiner Enfield No. 4 Mark 2, dessen Sehloch 5 mm Durchmesser hat (wobei aber das Korn nur 1 mm breit ist gegenüber den 3,2 mm beim „Scout“), habe ich auch auf 100 m einigermaßen passabel schießen können, wenn auch nicht so genau wie mit dem hochgeklappten Präzisionsdiopter mit kleinerem Loch. Da die Visierlinie der Enfield gut doppelt so lang ist wie die des „Scout“, müßte man mit dem Steyr-Gewehr über dessen Lochkimmenvisierung zumindest auf 50 m schießen können.

Hier nun ein Testbericht aus dem Schweizer „Internationalen Waffenmagazin“, Heft 10/1998 (Einleitung von mir gekürzt, ebenso weitere leichte Kürzungen im Text; genauso habe ich die überholten Preisangaben in Schweizer Franken am Schluß kassiert. Ob die ebenfalls vorgestellte Variante „Tactical Rifle“ heute noch erhältlich ist, weiß ich nicht):

STEYR SCOUT & TACTICAL RIFLE
Von Martin Schober

Oben das „Steyr Scout Rifle“ mit 483 mm-Lauf und heller Schäftung, darunter das „Tactical Rifle“ mit 510 mm-Lauf und schwarzer Schäftung. Beide Waffen im Kaliber .308 Winchester.

Oben das „Steyr Scout Rifle“ mit 483 mm-Lauf und heller Schäftung, darunter das „Tactical Rifle“ mit 510 mm-Lauf und schwarzer Schäftung. Beide Waffen im Kaliber .308 Winchester.

Es gibt wohl wenige Leser, die in ihrer Jugendzeit nicht vom „Lederstrumpf“ des amerikanischen Schriftstellers J. F. Cooper fasziniert gewesen wären. Im ersten Kapitel dieses Romans ist die Hauptperson ein „Waldläufer“ bzw. „Kundschafter“, was man im englischen Sprachgebrauch mit „Scout“ übersetzen kann. Neben ihren ausgezeichneten Kenntnissen der Survivaltechnik – um in der unwirtlichen Wildnis überleben zu können – mußten sich diese Scouts absolut auf ihre spärliche Ausrüstung und besonders auf ihre Büchse verlassen können.

Ob sich nun der „Gun-Guru“ Jeff Cooper – ehemaliger Oberst im U.S. Marine Corps und selbsternannter „Papst“ der M1911A1-Pistolenschützen – bei der Namensgebung des „Scout Rifle“, das auf seine Initiative hin bei der Firma Steyr-Mannlicher AG in Österreich entwickelt worden ist, von seinem berühmten schriftstellerischen Namensvetter J. F. Cooper hat inspirieren lassen, ist dem IWM leider nicht bekannt…

Colonel Jeff Cooper entwickelte das Konzept des „Scout Rifle“ Mitte der achtziger Jahre. Zur damaligen Zeit jagte Cooper oft im Süden des afrikanischen Kontinents. Wie überall in der Wildnis darf das Gewicht der Jagdwaffe nicht allzu schwer ausfallen, muß dabei jedoch für ein genügend starkes, waidgerechtes Kaliber eingerichtet sein – damit noch andere überlebenswichtige Utensilien mitgeführt werden können.

Nach seiner Idee mußte das „Scout Rifle“ vor allem als führige, einfach und schnell zu handhabende Waffe für den täglichen Gebrauch konzipiert sein. Es mußte sich schnell repetieren und mit einem neuen Magazin nachladen lassen. Dazu sollte mit einer leicht bedienbaren Sicherung die Waffe sowohl gesichert, als auch ihre Kammer gesperrt werden, um ungewolltes Öffnen des Verschlusses in schwierigem Gelände oder Gebüsch zu vermeiden. Außerdem spielte in Coopers Erwägungen auch die handliche, kurze Bauweise und das leichte Gewicht eine Rolle, wobei jedoch für die Schußpräzision und die ballistische Leistung der Patrone ein genügend langer Lauf zur Verfügung stehen sollte.

IWM-Autor Martin Schober beim Testen des „Steyr Scout Rifle“ im Terrain.

IWM-Autor Martin Schober beim Testen des „Steyr Scout Rifle“ im Terrain.

Schäftung und Finish für rauhe Behandlung geeignet

Die Schäftung und das Finish der Waffe sollten so ausgelegt sein, daß sie rauher Behandlung und schlechten Witterungsverhältnissen (sprich auch mangelnder Waffenpflege) widerstehen konnten. All diese Eigenschaften sollten das einfach zu handhabende, leichte und führige „Scout Rifle“ zu einer Waffe für alle Einsatzzwecke – mit Ausnahme von Spezialbereichen, wie dem konventionellen Wettkampfschießen und der Großwildjagd – machen.

Auf Grund dieser Vorgaben und Parameter kristallisierte sich ein „Scout Rifle“-Konzept mit folgenden Eigenschaften heraus: Gesamtlänge der Waffe weniger als 40 Zoll (rund 1000 mm) ohne Distanzverlängerungselemente hinten am Gewehrkolben, Gewicht ungeladen mit montiertem ZF geringer als 7,5 lbs (ca. 3,4 kg), Kaliber .308 Winchester (7,62 x 51 NATO), da diese wirkungsvolle Patrone fast überall auf der Welt erhältlich ist. In Ländern, wo die .308 Win. verboten ist (Militärpatrone), soll das Gewehr später in den Kalibern 7 mm-08 Remington und .243 Win. erhältlich sein. Mit der Patrone .308 Win. kann je nach Geschoßart und Geschoßgewicht Wild – von der Größe eines Hasen bis hin zum Elch – waidgerecht bejagt werden. Lauflänge 19 Zoll (482,6 mm), Drallänge 12 Zoll (305 mm), zur Gewichtserleichterung und Kühlung soll der Lauf im Durchmesser relativ dünn und dazu längsgeflutet sein.

Zur präzisen, raschen Zielerfassung muß das „Scout Rifle“ mit einem Zielfernrohr mit geringem Vergrößerungsfaktor ausgerüstet sein (kleine Vergrößerung = großes Gesichtsfeld = rasche Zielerfassung). Zusätzlich soll es für den Notfall auch über eine aufklappbare Visierung (Ghost Ring-Kimme und Balkenkorn) verfügen. Zudem sollte die Schäftung des „Scout Rifle“ so konzipiert sein, daß ein Reservemagazin (oder zumindest Reservemunition) für allfällige Notfälle mitgeführt werden kann. Für den präzisen Schuß müssen bei der Schäftung des „Scout Rifle“ die drei nachfolgend aufgeführten Parameter erfüllt sein:

1) Der Schießriemen muß für verschiedene Anschlagarten an unterschiedlichen Stellen der Schäftung befestigt werden können.

2) Eine Zweibeinstütze soll in den Vorderschaft integriert werden (oder wenigstens daran befestigt werden können).

3) Der Gewehrkolben sollte in der Länge der individuellen Körpergröße des Schützen mittels Distanzverlängerungselementen angepaßt werden können.

Den definitiven Partner, mit dem Col. Jeff Cooper sein „Scout Rifle“-Konzept umsetzen konnte, fand er in der österreichischen Firma Steyr Mannlicher AG. Diese setzte setzte das Konzept erfolgreich in die Praxis um. Die Firma Steyr hat weltweit bei Schützen und Jägern einen ausgezeichneten Ruf, sodaß der kommerzielle Erfolg des „Steyr Scout Rifle“-Konzepts praktisch vorprogrammiert ist.

SBS als Merkmal des Steyr Scout Rifle

Das „Steyr Scout Rifle“ ist mit dem Safe Bolt System (SBS) ausgerüstet, welches zum ersten Mal im Jahre 1996 bei den – speziell für den US-Markt entwickelten – Langwaffen vorgestellt wurde. Die Sicherung mit den drei Sicherungspositionen (ein Drehrad, das sich wie eine Schiebesicherung bedienen läßt) befindet sich beim SBS-System griffgünstig auf dem Kolbenhals des Gewehres. Die drei Positionen der Drehsicherung umfassen folgende Stellungen:

1) Roter Punkt sichtbar – Abzug und Verschluß der Waffe entsichert (Waffe kann nur in dieser Stellung abgefeuert werden). Mit dem rechts liegenden Kammergriff kann das „Steyr Scout Rifle“ zum Nachladen durchrepetiert werden.

2) Weißer Punkt sichtbar (Ladestellung) – Abzug gesperrt, die Vierwarzen-Verschlußkammer der Waffe kann mit dem Kammergriff gefahrlos zum Laden oder Entladen bewegt werden.

3) Sicherungsstellung – weißer Punkt und eine kleine, eindrückbare graue Sperrzunge sind vorn am Drehrad der Sicherung sichtbar, bzw. bei Dunkelheit in der Nacht auch gut ertastbar. In dieser Stellung ist sowohl der Abzug als auch der Verschluß gesperrt und gesichert, wobei der Verschluß nicht geöffnet werden kann. Wird der Kammerstengel in einem zusätzlichen Schritt um weitere 20° vollständig gegen die Schäftung gedrückt, rastet die Kammer ganz ein, und der Zündstift wird zusätzlich durch einen Nocken abgehoben und gesichert. Diese Stellung wird als Transportsicherung benutzt, der Kammerstengel liegt dabei ganz an der Waffenschäftung an und kann sich z. B. beim Durchstreifen eines Gebüsches nicht verfangen, und die Verschlußkammer kann sich nicht ungewollt öffnen. Wird die kleine graue Sperrzunge eingedrückt und nach vorn gedreht, sodaß sie aus dem Blickfeld verschwindet und nur der weiße Punkt noch sichtbar ist, springt der Kammergriff durch Federdruck wieder um 20° in seine Ausgangslage zurück (Ladestellung). Zum Ausbau der Kammer (nach dem Entladen der Waffe) wird bei sichtbarem weißem Punkt der Kammergriff ganz nach oben hin um 70° geöffnet, jedoch die Kammer nicht zurückgezogen. Danach muß die Drehsicherung so gedreht werden, daß der weiße Punkt und die graue Sperrzunge zusammen sichtbar sind. Dann kann die Kammer nach hinten aus der Waffe gezogen werden (Einbau in der umgekehrten Reihenfolge). Als zusätzlicher Sicherheits-Indikator steht bei gespanntem Zündstift dieser hinten an der Verschlußkappe der Kammer um einige Millimeter hervor und ist dadurch sicht- bzw. in der Dunkelheit ertastbar. Das Spannen des Zündstiftes erfolgt beim Öffnen der Verschlußkammer.

Die Sicherung des „Tactical Rifle“ (im Vordergrund) und „Scout Rifle“ – ein Drehrad mit eindrückbarer Sperrzunge.

Die Sicherung des „Tactical Rifle“ (im Vordergrund) und „Scout Rifle“ – ein Drehrad mit eindrückbarer Sperrzunge.

Auf den ersten Blick scheint diese Prozedur mit der Dreipositionen-Drehsicherung etwas kompliziert. Die Sicherung ist aber so narrensicher und ergonomisch/logisch aufgebaut, daß man die Waffenmanipulationen (Laden, Nachladen, Entladen sowie die Entnahme der Verschlußkammer) nach wenigen Übungsminuten notfalls auch bei völliger Dunkelheit durchführen kann.

Die hartverchromte, 200 mm lange SBS-Verschlußkammer – mit dem rechts liegenden, an seiner Ober- und Unterseite abgeflachten Kammergriff hat vier vorne liegende Verschlußwarzen mit einem Verschlußöffnungswinkel von 70°. Diese vier Verschlußwarzen verriegeln direkt in eine Verriegelungsbuchse mit vier korrelativen Gegenlagern hinter dem Patronenlager des Laufes, der in diese Verriegelungsbuchse eingeschraubt ist. Dabei dient das aus 6061 Flugzeugaluminium hergestellte Verschlußgehäuse des „Scout Rifle“ nur als Gegenlager und Verschlußführungsteil für die Kammer und den Lauf. Das Aluminiumgehäuse muß dabei keine Verriegelungs-, sondern nur Abstützfunktionen wahrnehmen; die Verriegelungskräfte wirken direkt über die vier Kammerwarzen auf die Verriegelungsbuchse. Die eigentliche Abstützung auf das aus Aluminium hergestellte Verschlußgehäuse erfolgt mittels eines Spreizkegels und einer zylindrischen, längsgeschlitzten Hülse. Diese längsgeschlitzte Hülse wird mit großer Kraft vom Spreizkegel gegen die zylindrische Bohrungswand des Verschlußgehäuses gepreßt und hält damit das System (Lauf und Verriegelungsbuchse) im Innern des Verschlußgehäuses fest.

Die Kammer hat zur Gewichtserleichterung am zylindrischen Teil vier kleine und zwei große ausgefräste Längsnuten. Zudem sind für einen allfälligen Zündhütchendurchschläger zwei Querentlastungsbohrungen angebracht. Auf dem einen – im 75 mm langen Auswurffenster des Verschlußgehäuses gut sichtbaren – Teil der Kammer ist eine Abflachung angebracht, in der das Steyr-Logo prangt und zudem mit Laser die Inschrift „System SBS 96“ eingraviert ist. Rundherum um diese Abflachung an der Kammer ist eine gewichtsmindernde Nut eingefräst, die zusätzlich dazu dient, allfälligen durch das Auswurffenster eingedrungenen Schmutz, Staub oder Eisablagerungen, die sich bei großer Kälte daran festgesetzt haben, beim Öffnen der Verschlußkammer abzuführen. Die 5 mm breite und nur 15 mm lange, kräftig gefederte Hülsenausziehkralle liegt rechts vor den Verschlußwarzen. Gleich gegenüber, zur Hülsenausziehkralle um 180° versetzt, befindet sich der 3 mm dicke, gefederte Hülsenausstoßer im Stoßboden der Kammer. Der Stoßboden ist 4 mm tief in den Kammerkopf eingesenkt, sodaß ein zylindrischer Bund den Hülsenboden und die Ausziehrille der .308 Win.-Patrone vollständig umschließt – eine Maßnahme gegen eventuelle Hülsenbodenreißer. Die abgeschossene Hülse wird durch das 75 mm lange Auswurffenster nach rechts ausgeworfen. Die hartverchromte Kammer gleitet weich, gut in Längsrichtung geführt, im Aluminium-Verschlußgehäuse. Zudem ist der an seiner Oberseite abgeflachte Kammergriff ergonomisch so ausgebildet, daß die Verschlußkammer notfalls auch von einem Linksschützen flüssig repetiert werden kann.

2,5fach vergrößernde Zieloptik der beiden Gewehre

Das mit 380 mm lange, fast über die ganze vordere Schaftlänge reichende Verschlußgehäuse – auf dessen Oberseite eine 400 mm lange Weaver-Schiene, mit den 12 darin integrierten Querrillen für die Befestigungsschrauben der 2,5fach vergrößernden Zieloptik des „Scout Rifle“ eingefräst ist – ist zur Gewichtsverminderung aus einer geschmiedeten 6061 Flugzeug-Aluminium-Knetlegierung hergestellt. Innerhalb des halbrund ausgeformten Innenteils des Verschlußgehäuses sind die hinteren zwei Drittel des 483 mm langen, kalt gehämmerten, mit vier rechtsdrehenden Zügen (Drallänge 12 Zoll / 305 mm) versehenen Laufs freischwingend untergebracht. Der mit acht 165 mm langen, 4 mm breiten und 2 mm tiefen Längsflutungen versehene vordere Laufteil verjüngt sich gegen die Waffenmündung hin. An der Mündung hat der Lauf nur noch einen Durchmesser von 13,5 mm. Die Laufmündung ist zum Schutz vor Beschädigungen ca. 1,5 mm tief und flach angesenkt.

Ergonomisch hervorragend ist die aus grau eingefärbtem Zytel-Kunststoff hergestellte Gewehrschäftung des „Steyr Scout Rifle“ gestaltet. An dieser Schäftung befinden sich gleich mehrere futuristische, für die Praxis sinnvolle Attribute:

1) In den Vorderschaft integrierte, mit Hilfe einer vor dem Magazin gelegenen Drucktaste entriegelbare, aufklappbare, 290 mm lange L-schenkelförmige Zweibeinstütze. Bei aufgeklappter Zweibeinstütze ist das „Steyr Scout Rifle“ mittels eines Drehgelenks an der Vorderseite der Gewehrschäftung in der Längsachse seitlich jeweils um 15° (total 30°) ausdrehbar, damit die Waffe nicht bei der Schußabgabe verkantet auf unebenem Boden steht, was zu Zielfehlern führen könnte.

Niedrig montiertes Zielfernrohr und beiklappbare Zweibeinstütze.

Niedrig montiertes Zielfernrohr und beiklappbare Zweibeinstütze.

2) Auf der Unterseite des Vorderschaftes ist eine integrierte Montageschiene angebracht, an der diverses Zubehör wie Zielerfassungsscheinwerfer, Laser, Handstopp u. ä. angebracht werden können.

3) Im Bereich des Magazinschachts kann ein Adapterstück mittels zweier längerer Verbindungsschrauben montiert werden, damit die als Option erhältlichen 10-Schuß.

-Magazine (High Capacity Kit) verwendet werden können.

4) Auf der Unterseite des Schaftkolbens befindet sich eine Öffnung, in der das 5-Schuß-Reservemagazin (bzw. das als Option erhältliche 10-Schuß-Magazin) untergebracht werden kann. Wird das Standardmagazin verwendet, können im mit einem gefederten Deckel verschlossenen Stauraum Kleinteile wie Reinigungsutensilien versorgt werden. Beim Einsatz des „High Capacity Kit“ wird dieser Stauraum vollständig vom längeren 10-Schuß-Magazin ausgefüllt, wobei der gefederte Deckel automatisch nach oben in seine Endanschlagstellung geschoben wird.

Im Kunststoffschaft kann ein 5-Schuß-Magazin und einige Kleinteile oder ein 10-Schuß-Magazin aufbewahrt werden.

Im Kunststoffschaft kann ein 5-Schuß-Magazin und einige Kleinteile oder ein 10-Schuß-Magazin aufbewahrt werden.

5) Sowohl das 5-Schuß-Standardmagazin wie das 10-Schuß-Magazin können in zwei verschiedenen Positionen in den Magazinschacht der Waffe eingesetzt und arretiert werden. Zum Einsetzen oder Herausnehmen des Magazins müssen die seitlich beidseits des Magazinbodens gelegenen Drücker eingedrückt werden. Diese Drücker haben an ihrer Oberseite eine Lasche mit jeweils zwei Halterastenpaaren. In der Normalposition rastet das Magazin vollständig ein und schließt unten bündig mit dem Schaft ab. Beim Repetieren der Kammer wird dabei jedesmal eine Patrone aus dem Magazin ins Patronenlager zugeführt. In der Sicherheitsposition – wenn das Magazin nur mit dem oberen Halterastenpaar im Magazinschacht einrastet – steht das Magazin ca. 5 mm aus dem Gewehrschaft hervor. In dieser Position wird beim Repetieren keine Patrone aus dem Magazin in den Lauf zugeführt.

6) Am Kolbenende kann mit Hilfe von 11,5 mm langen Distanzelementen die Länge des Gewehrkolbens einfach an die Bedürfnisse (Anschlaglänge) des Schützen angepaßt werden. Ohne Distanzelemente ist der Kolben 322 mm lang. Mit z. B. sieben zusätzlichen Distanzelementen wird der Kolben um 80 mm verlängert (wobei natürlich auch die Gesamtlänge der Waffe zunimmt).

7) An der Außenseite der Gewehrschäftung kann ein Dekorteil-Satz aus Kunststoff (diverse Designs sind erhältlich) montiert werden. Selbstverständlich können auf Anfrage und gegen Aufpreis auch andere Farben (z. B. auch Tarnfarbe) für die Gewehrschäftung des „Steyr Scout Rifle“ bestellt werden.

8) Für die Befestigung des 1 inch (25,4 mm) breiten „Ching Sling“-Schießriemens mit den drei „Quick Detach“-Riemenbügeln von Millett sind an der Gewehrschäftung mehrere Befestigungspunkte angebracht. Mit Hilfe dieses „Ching Sling“-Schießriemens kann der Schütze das „Scout Rifle“ für den sicheren Schuß im stehenden, im knieenden, im sitzenden oder im liegenden Anschlag bedeutend ruhiger halten als ohne diesen Schießriemen.

Zwei Visierungen

Das „Steyr Scout Rifle“ ist für seinen Einsatzzweck als Allround-Waffe mit einem 2,5fach vergrößernden „Leupold M8“-Zielfernrohr ausgerüstet. Diese relativ schwache Vergrößerung des Zielfernrohrs gestattet eine rasche Zielerfassung und bietet zudem ein großes Sehfeld (selbstverständlich können auf Wunsch – gegen Aufpreis – auch andere Zielfernrohre mit stärkerem Vergrößerungsfaktor für das Schießen auf weitere Distanzen auf der integrierten Weaver-Schiene montiert werden). Das 2,5fach vergrößernde „Leupold M8“-ZF hat einen Mittelrohrdurchmesser von 1 inch (25,4 mm) und einen Objektiv- und Okulardurchmesser von 28 mm. Der Augenabstand vom Okular des Zielfernrohrs zum Schützen sollte 10 inch, d. h. ca. 250 mm betragen. Das ZF verfügt über ein Duplex-Absehen, das ungefähr dem europäischen Absehen Nr. 6 entspricht. Eine Raste an der Seiten- bzw. Höhenverstelltrommel entspricht 1 MOA (1 Winkelminute), also ca. 30 mm Treffpunktverlagerung auf 100 m Schußdistanz. Der ganze Verstellbereich der Seiten- und Höhenverstelltrommel beträgt 2,8 m auf 100 m Schußdistanz. Das Sehfeld – also der übersehbare Raum auf der Objektivseite des Zielfernrohrs – beträgt 22 m auf 100 m.

Als zweite Visierung verfügt das „Steyr Scout Rifle“ über eine hinten auf der Verschlußgehäusebrücke plazierte, aufklappbare „Ghost Ring“-Visierung mit vorne auf dem Verschlußgehäuse liegendem, aufklappbarem Balkenkorn (diese „Ghost Ring“-Visierung entspricht im landläufigen Begriff etwa einem Diopter mit einer kleinen Diopterscheibe, welche zur rascheren Zielerfassung mit einer bedeutend größeren Zielloch-Bohrung versehen ist). Die mit einem Sehloch von 4,5 mm Durchmesser ausgerüstete „Ghost Ring“-Visierung ist in der Höhe verstellbar, das 3,2 mm breite, vorne auf dem Verschlußgehäuse in der Weaver-Schiene liegende Balkenkorn kann mittels einer rechts an der Waffe befindlichen Stellschraube seitlich justiert werden. Die Visierlinie der „Ghost Ring“-Visierung und des Balkenkorns beträgt 355 mm.

Unterschiede Scout- & Tactical-Rifle

Die Firma Brügger + Thomet, Oberlandstraße 10 in CH-3700 Spiez – der Generalimporteur für Steyr-Waffen für die Schweiz – ließ für sich auf der Basis des „Steyr Scout Rifle“ das „Tactical Rifle“ entwickeln – für spezielle Bedürfnisse von Polizeibehörden, Jagdorganen und privaten Anwendern. In seinem Grundaufbau entspricht das „Tactical Rifle“ im großen und ganzen dem „Steyr Scout Rifle“. Die wichtigste Änderung wurde am Lauf und in der Farbgebung der Waffe vorgenommen.

Während das „Steyr Scout Rifle“ über einen 19 Zoll / 483 mm langen Lauf verfügt, weist das „Tactical Rifle“ eine Lauflänge von 20 Zoll / 510 mm auf. Schweizer Jagdgesetze verbieten in mehreren Kantonen bei Jagdwaffen Lauflängen von weniger als 500 mm. Der Lauf des „Tactical Rifle“ ist mit 16,5 mm Durchmesser an der Laufmündung auch etwas dicker als der Originallauf und zylindrisch statt konisch. Vorn an der Laufmündung ist zudem ein M14x1mm-Gewinde zur Befestigung eines Schalldämpfers der Firma Brügger + Thomet angebracht. Der Lauf des „Tactical Rifle“ hat ebenfalls vier rechtsdrehende Züge, jedoch wurde die Drallänge von 12 inch (305 mm) auf 10 inch (254 mm) geändert. Der kürzere Drall des „Tactical Rifle“ eignet sich beim Einsatz eines Schalldämpfers besser für die Stabilisierung schwererer Geschosse.

Auch in der Farbgebung des „Tactical Rifle“ hat die Firma Brügger + Thomet Änderungen vornehmen lassen. Die Gewehrschäftung der Waffe wurde total schwarz eingefärbt. Bei der für diesen Test vorliegenden Waffe war die Kammer und die Abzugszunge wie beim „Scout Rifle“ noch glänzend hartverchromt belassen. In der Serienausführung werden die Kammer des „Tactical Rifle“ ebenso wie die Abzugszunge und alle anderen Waffenteile schwarz ausgeführt.

Schußleistung des Scout- & Tactical Rifle

Die Druckpunktabzüge des „Scout“ wie des „Tactical Rifle“ werden werkseitig auf einen Abzugswiderstand zwischen 1,6 und 1,8 kp eingestellt. Bei beiden Waffen löste der Druckpunktabzug ohne zu kriechen und ohne durchzufallen sauber und trocken bei ca. 1,6 kp Abzugswiderstand aus. Dieser praxisgerechte Abzugswiderstand begünstigt natürlich die Schußabgabe, was sich wiederum positiv auf die Trefferergebnisse niederschlägt. Laut Werk darf keine der Stellschrauben am Abzug verstellt werden, ansonsten die Garantieansprüche erlöschen (Produkthaftpflicht).

Beide Waffen wurden für diesen Test ab „Rifle Rest“-Gewehrauflage auf 100 Meter Schußdistanz geschossen, bei Verwendung des 2,5fach vergrößernden „Leupold M8“-Zielfernrohrs. Zudem wurde ebenfalls mit Subsonic-Munition und am „Tactical Rifle“ aufgeschraubtem Schalldämpfer über dieselbe Schußdistanz geschossen (zusätzlich wurden dann noch beide Waffen mit Normalgeschwindigkeits-Munition – nicht aber mit Subsonic-Munition – über die in der Schweiz übliche Ordonnanz-Schußdistanz von 300 m geschossen).

Für diesen Test wurde uns freundlicherweise die sehr präzise schießende Munition .308 SWISS der Firma SM (Schweizerische Munitionsunternehmung, CH-3699 Thun) im Kaliber .308 Win. (7,62 x 51 mm NATO) gratis zur Verfügung gestellt. Die Firma Brügger + Thomet gewährt beim Einsatz ihres Schalldämpfers zusammen mit Subsonic-Munition der Firma SM eine lebenslange Garantie auf ihre Schalldämpfer.

Mit der .308 SWISS-Normalgeschwindigkeitsmunition mit dem 168 grs/10,9 g schweren HPBT-Geschoß* lagen die Fünf-Schuß-Treffergruppen beim „Scout“ wie beim „Tactical Rifle“ unter 27 mm Streukreisdurchmesser auf 100 Meter Schußdistanz.

Zwischen den beiden unterschiedlichen Drallängen („Scout Rifle“ 12 inch / 305 mm, „Tactical Rifle“ 10 inch / 245 mm) konnten auf 100 wie auf 300 Meter Schußdistanz keine signifikanten Unterschiede im Streuverhalten festgestellt werden (auf 300 m Schußdistanz lagen bei beiden Gewehren die Funfschuß-Treffergruppen unter 85 mm Durchmesser). Bei bis zu zwanzig rasch hintereinander abgefeuerten Schüssen verschob sich die Treffpunktlage dank des längsgefluteten Laufes (gute Kühlwirkung, verbessertes Schwingungsverhalten) nur unwesentlich.

Mit aufgeschraubtem Schalldämpfer der Firma Brügger + Thomet und der .308 SWISS Subsonic-Munition von SM mit 200 grs/13,0 g schwerem HPBT-Geschoß schoß das „Tactical Rifle“ ab fester Auflage Fünfschuß-Treffergruppen von 32 mm Durchmesser. Einen Meter seitlich, 45° von der Waffenmündug entfernt gemessen, liegt der Geräuschpegel bei Verwendung des Schalldämpfers bei ca. 75 dB; der Schütze selbst hört nur den Aufschlag des Schlagbolzens und danach das Einschlagen des Geschosses im Kugelfang.

09 Steyr Scout + Tactical Patronenleistungen

Gute Idee

Mit dem von Col. Jeff Cooper entwickelten und von der Firma Steyr praxisgerecht verwirklichten „Scout Rifle“-Konzept ist im Waffenbau wieder einmal erfolgreich Neuland beschritten worden. Das „Steyr Scout Rifle“ wie auch das für Brügger + Thomet daraus geklonte „Tactical Rifle“ setzen neue Maßstäbe in dieser Sparte. Beide Waffen gehören sicherlich zum Beste, was gegenwärtig auf dem Markt erhältlich ist.

Neben der Schußpräzision und den zur Anwendung kommenden hochwertigen Materialien sind alle Teile am „Steyr Scout Rifle“ und am „Tactical Rifle“ auch ergonomisch so konzipiert, daß sie hohen Ansprüchen genügen.

Behelfsmäßige beiklappbare Zweibeinstütze

Wo viel Licht ist, gibt es natürlich auch Schatten. Meiner persönlichen Meinung nach eignet sich die vorn an der Schäftung angebrachte Zweibeinstütze nur bedingt als rudimentäres Hilfsmittel zur Waffenauflage beim Schießen, da sie für das präzise Schießen zu schwach gebaut ist. Für den präzisen Schuß legt man die Waffe (sofern genügend Zeit dafür vorhanden ist) besser mit dem Vorderschaft auf eine andere Auflage. Beim Einklappen der Zweibeinstütze rastet die Arretierung zudem so laut aus, daß man unweigerlich den Eindruck bekommt, sie würde beim Einklappen gleich abbrechen.

*HPBT = Hollow Point Boattail = Hohlspitz-Bootsheckgeschoß.

10 Steyr Scout + Tactical Daten

* * * Ende des IWM-Testberichts von Martin Schober * * *

Trotz Martin Schobers Kritik an der nicht so stabilen integrierten Zweibeinstütze halte ich diese für eine brauchbare Hilfe in Situationen, wo man die Waffe nicht so bequem auf eine solide Unterlage auflegen kann. Zwar gibt es stabilere Lösungen wie z. B. das Harris-Zweibein, das man an der vorderen Riemenbügelöse jedes Gewehrs befestigen kann, aber dessen Beine werden nach vorne weggeklappt und stehen dann unterhalb des Laufs in einigem Abstand von diesem parallel nach vorn. Aus eigener Erfahrung beim Bundesheer weiß ich, wie leicht man im Gestrüpp mit allem Möglichen – Kleidung, Sturmgepäck, Helmtarnnetz und Gewehr – hängenbleiben kann, z. B. wenn man unter die tiefhängenden, schneebeladenen Äste einer Doppelfichte kriecht, um dort Lauerstellung zu beziehen. In so einer Situation weiß man es bestimmt zu schätzen, wenn ein Zweibein glatt anliegend an den Vorderschaft geklappt werden kann (wie es auch beim Sturmgewehr 58 war), statt als zusätzlicher Zweigefänger zu wirken.

Aus dem riesigen Angebot jagdlicher oder zivil erhältlicher militärischer Zielfernrohre, die für Verteidigungszwecke in schlechten Zeiten interessant ist, eine auch nur einigermaßen repräsentative Auswahl zu präsentieren, würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Daher präsentiere ich hier nur ein paar persönliche Überlegungen:

Von der Waffenkategorie des Steyr Scout her sind ZF-Ausführungen mit extremen Vergrößerungen oder solche, die alle möglichen Stückeln spielen, unnötiger Overkill. Man sollte sich auf Vergrößerungen bis maximal 10-fach beschränken, und bei fixer Vergrößerung halte ich 6-fach für die Obergrenze. Ich persönlich bevorzuge ja fixe Vergrößerungen, da variable Vergrößerungen bei Zielfernrohren unter schlechten Bedingungen schon wieder eine Quelle mehr für Defekte oder Undichtigkeiten sein können. Da aber bei Jagdgläsern fast nur mehr variable Ausführungen angeboten werden, wäre ein 1,5 – 6fach vergrößerndes Modell eine gute Wahl, mit der man ein weites Sichtfeld für schnelle Zielerfassung im Nahkampf hat und eine brauchbare Vergrößerung für das Schießen auf Entfernungen bis 300 m. Ein Beispiel dafür wäre das Helia C 1,5-6×42 von Kahles, das bei Jagd & Sport € 1.073,00 kostet. Dieses ist mit dem Absehen 4 erhältlich, das eine für den Normalbürger brauchbare Alternative zu aufwendigeren Entfernungsschätz-Hilfen bietet (siehe Bilder unten).

11a Absehen 4

11b Absehen_S+B_4

 

Beim Absehen 4 entspricht der Abstand zwischen den beiden dicken Querbalken des Fadenkreuzes auf 100 m einer Breite von 70 cm. Das heißt, wenn ein kräftiger gebauter Mann in weiterer Kleidung locker zwischen die beiden Balkenenden paßt, ist er etwa 100 m entfernt. Paßt er locker zwischen ein Balkenende und den Schnittpunkt des Fadenkreuzes, so sind es 200 m. Oder: wenn sein Kopf und Hals zwischen das Ende des unteren Balkens und die dünne Querlinie paßt, so sind es 100 m, während 200 m vorliegen, wenn er von der Gürtellinie bis zum Scheitel in diesen Zwischenraum paßt.

Man kann nun z. B. das Gewehr auf 100 Meter einschießen und auf der 200-Meter-Bahn überprüfen, wie viel man bei dieser ZF-Einstellung auf diese Distanz drüberhalten muß. Das wird die naheliegendste Option für den Schützen sein, der normalerweise nur auf 100 m schießt. Wer häufiger die Möglichkeit hat, auf 200 m zu schießen, kann das Gewehr auch auf 200 m einschießen und dann überprüfen wieviel er auf 100 m drunter- und auf 300 m drüberhalten muß. Diese Möglichkeit hat man im Schießzentrum Wiener Neustadt, wo es eine 100-m- Zugscheibenanlage mit möglichem Scheibenzwischenstop auf 50 m gibt sowie eine 200-/300-m-Bahn mit Wildscheiben und Monitorbeobachtung.

Voraussetzung für diese Verwendung des Absehens 4 zur Entfernungsschätzung ist, daß das Absehen in der ersten Bildebene des Zielfernrohres liegt und bei Vergrößerungsänderungen mitvergrößert bzw. –verkleinert wird, sodaß das Größenverhältnis zwischen Absehen und Ziel bei gleichbleibender Entfernung auch gleich bleibt. Bei den Helia-C-Modellen von Kahles ist dies der Fall. Ein etwas preisgünstigeres und leichteres ZF von Kahles wäre das Helia C 1,1-4×24, das bei Jagd & Sport € 944,00 kostet und ebenfalls mit Absehen 4 erhältlich ist. Weitere Modelle sind das Helia C 2,5-10×50 um € 1.265,00 und das Helia C 3-12×56 um € 1.333,00.

Daß ich gerade die Kahles-Gläser als empfehlenswerte Beispiele erwähne, liegt daran, daß ich selber ein Kahles ZF 95 verwende (6 x 42), von dem ich aber leider nicht in Erfahrung bringen konnte, ob es überhaupt noch verkauft wird. Als ich vor Jahren einmal einen Schützen auf dem Schießstand durch mein Kahles-ZF zielen ließ, hatte dieser nach dem hellen, klaren Bild, das sich ihm da bot, gleich viel weniger Freude mit dem Leupold-Glas auf seiner Varmint-Büchse, das im Vergleich dazu ein merklich weniger brillantes Bild lieferte. In Nordamerika wird die Jagd nämlich anders als in Europa hauptsächlich bei Tag ausgeübt, statt sie auch in die Dämmerung auszudehnen, weshalb amerikanische Gläser häufig keine so klare Bildqualität bieten. Bei hellem Tageslicht bemerkt man den Unterschied nicht so sehr, aber am späteren Nachmittag und vielleicht auch noch etwas bewölktem Wetter kann einem so ein US-Glas im Vergleich zu einem deutschen oder österreichischen schon direkt ein wenig trübe vorkommen.

Andere Alternativen zu einem „normalen“ Zielfernrohr in hinten liegender Montierung wie auf dem Titelbild dieses Artikels wären gering vergrößernde Zielfernrohre mit weitem Augenabstand wie bei den Exemplaren im IWM-Testbericht, die weiter vorn montiert werden, oder Leuchtpunktzieloptiken mit wenig oder gar keiner Vergrößerung, die ebenfalls vorne zu montieren wären.

Ein interessantes Zubehör für Zielfernrohre sind die Klappdeckel für Okulare und Objektive, die es von Butler Creek in verschiedenen Durchmessern gibt, teils sogar mit Klarsichtscheiben (siehe Titelbild dieses Beitrags). Diese schützen die Optik vor Staub, Schmutz und Nässe und können bei Bedarf per Daumendruck hochgeklappt werden. Bei den Okulardeckeln sind diejenigen am besten, die eine rote Hebeltaste aufweisen, mit der man sie genauso mit Daumerndruck nach vorn aufspringen lassen kann wie den Objektivdeckel. Man reißt das Gewehr in den Anschlag, läßt den Objektivdeckel mit dem Daumen der linken Hand aufspringen, während man den Okulardeckel mit dem Daumen der Schießhand betätigt, und kann sofort durch unverschmutzte Linsen zielen…

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Links:

Wissen bewahren von Osimandia
Vorbereitung auf Ragnarök von Fjordman
Den kommenden Crash überleben von Fjordman
Charlton Heston über Waffenbesitz und Political Correctness
Suomi KP/-31: Die Mähmaschine von Tikkakoski von P. T. Kekkonen

Die Maschinenpistole MP 40/I im scharfen Schuß von Robert Bruce

Interessante Webseiten:

Steyr Scout Tactical Rifle
Pulverdampf – das österreichische Waffenforum (siehe auch Blogroll)
Interessengemeinschaft liberales Waffenrecht in Österreich (IWÖ)
proTell – Gesellschaft für ein freiheitliches Waffenrecht
Liberales Waffenrecht, ein deutscher Waffen-Blog
The Box O’Truth – ein amerikanischer Waffenblog mit vielen Praxistips (siehe auch Blogroll)
British ARmy Rumour SErvice (ARRSE): http://www.arrse.co.uk/

Waffenzeitschriften:
Deutsches Waffen Journal (DWJ)
VISIER – Das internationale Waffen-Magazin
caliber

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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