Die Wirksamkeit von Polizei- und Verteidigungsflinten

Von Dipl.-Ing. Manfred Ertl, aus Heft 11-1990 des „Schweizer Waffenmagazins“.

Die meisten ballistischen Veröffentlichungen beziehen sich auf den Büchsen- und Faustfeuerwaffenschuß; sofern der Flintenschuß behandelt wird, steht fast immer der jagdliche Einsatz im Vordergrund und nicht die Verwendung von Schrot, Posten und Flintenlaufgeschossen für Polizei- und Militäraufgaben sowie Verteidigungszwecke.

Die Flintengeschosse unseres Tests von links nach rechts: Mirage Palla Sorengo, Brenneke, Sauvestre, Dolomiti Ball, 9 Buckshot-00-Kugeln.

Die Flintengeschosse unseres Tests von links nach rechts: Mirage Palla Sorengo, Brenneke, Sauvestre, Dolomiti Ball, 9 Buckshot-00-Kugeln.

Im kampfmäßigen Schießen mit Schrotgewehren sind vor allem zwei Typen im Gebrauch, Halbautomaten und Vorderschaftrepetierer. Obwohl auch die halbautomatiche Flinte ihre Vorteile wie z. B. schnellere Schußfolge und geringeren Rückstoß hat, ist dennoch die Vorderschaftrepetierflinte, Pump Gun oder Riot Gun (Riot = engl. Aufruhr) die am weitesten verbreitete Schrotflinte im Polizeieinsatz und in der Selbstverteidigung. Speziell bei der amerikanischen Polizei gehört diese Waffe zur obligatorischen Ausrüstung jedes Streifenwagens.

Für die manuelle Repetierversion spricht neben dem günstigen Preis die robuste, störunanfällige Konstruktion, die fast narrensichere Handhabung und die Möglichkeit, unterschiedliche Munition ohne Rücksicht auf den Gasdruck und den Mündungsimpuls verschießen zu können.

Um die ballistischen Daten dieser Waffen in Bezug auf bestimmte Einsatzbereiche beurteilen zu können, muß man sich einige grundsätzliche Gedanken zum Schrotschuß machen.

Da bei der Schrotladung nicht jedes Einzelgeschoß durch einen Lauf geführt wird, streben die Schrotkörner nach Verlassen der Mündung mehr oder weniger auseinander. Dieses Auseinanderdriften der Schrote wird weniger von der Lauflänge, als von der Mündungsbeschaffenheit beeinflußt. Jagdwaffen haben Mündungsverengungen, die als Chokes oder Würgebohrungen bezeichnet werden, um die Schrotgarbe enger beieinander zu halten, um somit größere Einsatzreichweiten zu erzielen. Solche Waffen zeigen als typisches Schußbild einen engen zentralen Garbenkern mit hoher Deckung.

Größere Flächendeckung durch Zylinderbohrung

Riot Guns haben eine zylindrische Mündung ohne Laufverengung (Zylinderbohrung), was bereits auf kürzere Entfernung zur Abdeckung einer größeren Fläche mit einer Schrotverteilung ohne ausgeprägte Kerngarbe führt.

Als Munition stehen Schrotpatronen unterschiedlicher Korngrößen zur Verfügung. Gebräuchlich ist Schrot von 2 mm (feiner Jagdschrot) bis 9 mm (Rehposten, Buckshot).

Die außenballistischen und endballistischen Leistungen dieser Schrotkörner werden wesentlich von ihrer Querschnittsbelastung bestimmt. Unter Querschnittsbelastung versteht man das Verhältnis aus Geschoßmasse und Geschoßquerschnittsfläche.

Dieser Kennwert läßt Prognosen über die Abbremsung des Geschosses beim Flug durch die Luft und über die Energieabgabe im Zielmedium zu, und damit über den Gefährdungsbereich und die Mannstopp-Wirkung. Dabei läßt sich grob festhalten, daß das Querschnittsverhältnis bei kugelförmigen Körpern mit dem Durchmesser zunimmt, und daß eine Kugel immer ein kleineres Querschnittsverhältnis hat als ein Langgeschoß gleichen Durchmessers.

Solange ein Gegner von der Mehrzahl der Posten getroffen wird, kann man immer von einer hohen Mannstopp-Wirkung ausgehen, muß aber natürlich schwere Verletzungen oder den Tod des Getroffenen einkalkulieren.

00 Buckshot-Kugeln – je nach Kaliber 9 bis 12 Bleikugeln vom Durchmesser 8,6 mm – haben 30 m vor der Mündung noch eine Auftreffenergie von rund 200 Joule pro Kugel. Das ergibt bei 5 Treffern, die wir auf 30 m fast immer auf der Mannscheibe plazieren konnten, eine Gesamtenergie von 1000 J.

Bei Schußweiten über 30 m spielt der Geschwindigkeitsverlust der Posten zwar noch keine so große Rolle, aber die schlechter werdende Deckung und damit geringere Trefferzahl lassen es sinnvoll erscheinen, die sichere wirksame Schußweite für 00 Buckshot bei 30 m anzusiedeln. Wobei allerdings in Extremfällen z. B. gegen getarnte Heckenschützen, mehrere bewaffnete Gegner, bei schlechten Sichtverhältnissen oder gegen ein schnell bewegtes Ziel ein Einsatz auf 50 m sinnvoll sein kann. Hier müssen dann aber immer mehrere Schüsse auf das Ziel abgegeben werden, um eine hinreichende Trefferwahrscheinlichkeit zu erzielen.

Die kinetische Energie eines 8,6-mm-Postens ist dabei auf 50 m noch in der Größenordnung zwischen einem 6,35- und 9-mm-kurz-Geschoß aus einer Pistole unmittelbar vor der Mündung. Feuchter Ton verhält sich zielballistisch zwar nicht wie lebendes Gewebe, veranschaulicht aber recht deutlich, wie kinetische Geschoßenergie als Deformationsarbeit an ein weiches Medium abgegeben wird. Wenn man jetzt noch bedenkt, daß gerade gleichzeitige Mehrfachtreffer enen besonders großen Schockeffekt ergeben, erkennt man unschwer die große Mannstopp-Wirkung dieser Munition.

Der frontale Beschuß einer Autotür mit 00 Buckshot auf ca. 10 m Entfernung zeigte, daß 2 von 9 Posten an den massiven Einbauteilen hängenblieben und nur 7 einen Durchschuß ergaben. Bei größerer Entfernung oder spitzwinkligerem Beschuß, wie es beim Nachschießen auf flüchtende Tatfahrzeuge zu erwarten ist, wird die Wirkung schnell geringer. (Hier bringen Maschinenpistolen und Sturmgewehre bessere Ergebnisse.)

Eine weitere typische Munitionsart für Repetierflinten sind Flintenlaufgeschosse oder Slugs. Die rund 30 g schweren Bleibatzen fliegen mit +/- 400 m/s auf ihr Ziel zu und werden von Jägern bei kurzen Entfernungen zum Flintenschuß auf Schalenwild verwendet.

Die hohe Masse der Flintenlaufgeschosse ergibt ein gutes Beharrungsvermögen gegenüber Hindernissen und eine gute Penetrationsfähigkeit bei Barrikaden und Deckungen. Das Brenneke-Flintenlaufgeschoß schaffte dabei eine Durchschlagsleistung von 105 mm im Preßspanplattenstapel, das Sauvestre-Geschoß sogar 115 mm. Zum Vergleich: eine 9 Para Vollmantel ( S & B) erreicht 120 mm, eine .357 Magnum-Teilmantel (Federal) 65 mm, eine .357 Magnum Metal Piercing (Geco) 135 mm. Ein .38 Special WC (CCI) kam nur 42 mm tief in das Holz. Alle Faustfeuerwaffenpatronen wurden aus 4“-Läufen verschossen, gemessen wurde jeweils bis zur Geschoßspitze.

Der große Querschnitt von 18,5 mm beim Kaliber 12 führt zu einer hohen Energieabgabe im Ziel, was auch an den bis zu 20 cm großen Löchern in beschossenen Tonblöcken zu sehen ist.

Wirkung eines Brenneke-Flintenlaufgeschosses aus 10 m Entfernung auf einen 15 cm dicken Tonblock (in der Höhlung steht eine ganze Patrone dieses Typs).

Wirkung eines Brenneke-Flintenlaufgeschosses aus 10 m Entfernung auf einen 15 cm dicken Tonblock (in der Höhlung steht eine ganze Patrone dieses Typs).

Während Flintenlaufgeschosse früher als äußerst unpräzise galten, erreichen heutige Ausführungen durchaus Streukreise von ca. 10 cm auf 50 m Distanz. Da wir die Streukreise mit frei aufgelegter Waffe über die offene Visierung erreichten, ließen sich diese mit Zielfernrohr und Schießgestell sicher noch verbessern. Auf jeden Fall reicht diese Präzision aus, um im beidhändig freihändig stehenden Anschlag eine Figurenscheibe auf 100 m treffen zu können.

Geringere Gefährdung des Umfelds

Ein kleines Querschnittsverhältnis (geringe Masse bei großem Durchmesser) bedeutet immer einen schnellen Geschwindigkeitsverlust und damit eine geringe Gefährdung der Umwelt bei hoher Energieabgabe im Zielmedium. So liegt die maximale Flugweite einer 9-mm-Schrotkugel deutlich unter der eines 9-Para-Geschosses von ca. 1600 m, obwohl der Postenschrot eine höhere V0 hat als das Pistolengeschoß. 2-mm-Schrot erreicht sogar nur eine maximale Flugweite von 250 m, bis er wirkungslos zu Boden fällt. Hier liegen denn auch die Vorteile der Flinte, denn diese beiden Eigenschaften (geringer Gefährdungsbereich und hohe Energieabgabe) sind klassische Anforderungen an eine Verteidigungswaffe.

Entscheidend für die maximale Einsatzreichweite dieser Waffen-Munitions-Kombinationen ist die Streuung der Schrote und die Auftreffenergie der Einzelgeschosse. Bei Versuchen mit 00 Buckshot im Kaliber 12 der Marke Rottweil zeigten sich folgende Ergebnisse (Durchschnitt aus je drei Schuß):

Ballistikdaten Buckshot

Die großen Posten ergeben auf Grund ihrer geringen Anzahl natürlich keine gleichmäßige Deckung. Die Streukreise schwanken von Schuß zu Schuß teilweise erheblich und zeigen ungleichmäßige Häufungen. Bei einer Schußentfernung von 50 m liegen nur noch durchschnittlich 4 bis 5 der 9 Posten auf einer 1 x 1 m großen Scheibe.

Schrotgröße beeinflußt Deckung

Beim Beschuß von lebensgroßen Mannscheiben zeigte sich, daß bis zu einer Entfernung von 25 m fast immer 6 bis 7 Schrote der 00-Buckshot-Patronen ihr Ziel trafen, manchmal sogar alle 9. In 50 m Entfernung lagen noch durchschnittlich 2 Treffer pro Schuß im Ziel. Versuche mit Patronen verschiedener Hersteller zeigten allesamt ähnliche Ergebnisse, wobei man hierbei immer etwas probieren muß, um für seine Waffe die optimale Munition zu finden. 6,2-mm-Posten erbrachten etwas größere Streukreise. Da sich von den 6,2-mm-Kugeln 27 Stück in der Patrone befinden, ist hier natürlich die Deckung dichter und gleichmäßiger.

Jagdschrot (2 bis 4 mm) bringt erwartungsgemäß eine hohe Deckung, allerdings mit so geringer Energie der Schrote, daß die Eindringtiefe und zielballistische Wirkung auf größere Entfernung gering wird. Allerdings wirkt selbst dieser feine Schrot auf Entfernungen bis zu 5 m verheerend, da die Schrotgarbe auf diese kurzen Distanzen zunächst als geschlossener Bleiklumpen, dann als dichter Schwarm fliegt, und so die Energie auf eine kleine Zielfläche konzentriert wird. Bei Jagdunfällen auf diese Entfernungen zeigten sich teilweise fast faustgroße Einschüsse mit schrapnellartiger Wirkung im Körper. Diese Verletzungen sind meistens tödlich.

Diese Explosivwirkung von feinem Schrot im Nahbereich läßt sich aber auch nutzen, um z. B. Türen aufzuschießen, ohne den Innenraum hinter der Tür in ähnlicher Weise zu gefährden wie bei der Benutzung von Maschinenpistolen und Sturmgewehren. Diese Problematik stellt sich vor allem Polizeieinheiten bei Geiselbefreiungsaktionen und dem massiven Zugriff gegen verschanzte Straftäter. Ansonsten ist Jagdschrot zwar kein ungefährliches Einsatzmittel, aber doch speziell beim Schuß auf die Beine noch eine Eskalationsstufe tiefer als der Einsatz von Buckshot.

Es ist immer schwierig, die maximale Einsatzreichweite einer Waffe zu definieren, da hier subjektiv festgelegt werden muß, welche Anforderungen an die Trefferwahrscheinlichkeit und die verbleibende Wirkung im Ziel gestellt werden.

Wirkung von 00 Buckshot (zwei Einschläge oben links) und Fiocchi Anti-Crime-Gummiposten (rechts) auf einen 9 cm dicken Tonblock.

Wirkung von 00 Buckshot (zwei Einschläge oben links) und Fiocchi Anti-Crime-Gummiposten (rechts) auf einen 9 cm dicken Tonblock.

Spezialpatronen mit Gummi- oder Plastikschroten sind vor allem für die zivile Selbstverteidigung interessant, da sie als erste Patrone im Magazin die Möglichkeit geben, den Verteidigungswillen unter geringer Gefährdung des Angreifers deutlich zu machen. Allerdings sind diese Gummiposten nicht ganz unproblematisch. Auf kurze Entfernungen können sie erhebliche Verletzungen hervorrufen, wie die doch recht beachtlichen Einschläge in Holz oder feuchtem Ton zeigen. Da sie eine größere Streuung als die normalen Bleiposten aufweisen, wird die Trefferwahrscheinlichkeit auf die Figurenscheibe über 10 m schnell kleiner, und es ist mit dem Risiko zu rechnen, daß ein Randschrot trotz tiefem Haltepunkt den Kopf trifft und zu schweren Augenverletzungen führen kann. Die Streukreise, die wir mit den Gummischroten erzielten, waren teilweise doppelt so groß wie die mit vergleichbaren Bleiposten.

Idealer Einsatzbereich bis 30 Meter

Als Resümee läßt sich festhalten, daß die Repetierflinte vor allem auf Entfernungen bis 30 m eine wirkungsvolle Waffe ist, da sie große Mannstopp-Wirkung und hohe Trefferwahrscheinlichkeit miteinander verbindet. Ein schlecht plazierter Schuß, der aus einem Sturmgewehr sein Ziel um 5 cm verfehlt, ist eben 100 % daneben, bei einem Schrotschuß trifft bei diesem Zielfehler immer noch ein Teil der Schrotgarbe.

Das große Angebot an unterschiedlichen Munitionsarten läßt eine breite Palette von Anwendungsmöglichkeiten und abgestuften Reaktionen zu. Gerade diese Option, in einer Notwehrsituation verschieden wirksame und gefährliche Mittel aus einer Waffe zur Hand zu haben, und die verminderte Gefährdung des Umfelds lassen diese Waffe für die Verteidigung von Heim und Hof sowie verschiedenartige Bewachungsaufgaben im Terrain geeignet erscheinen. Man muß sich aber darüber im klaren sein, daß nur extrem gefährliche Angriffe den Einsatz seines derartig leistungsstarken Verteidigungsmittels rechtlich und moralisch zulassen.

Ballistische Daten Flintenpatronen

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