Kampfeinsatz-Tips von Andy McNab aus „Die Männer von Bravo Two Zero“

Die Männer von Bravo Two Zero

Der ehemalige britische SAS-Soldat Andy McNab beschreibt in seinem Buch „Die Männer von Bravo Two Zero“ (Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 3-423-12281-1) seine Erlebnisse als Kommandant eines achtköpfigen SAS-Stoßtruppunternehmens im Irakkrieg von 1991. Das Ziel dieses Unternehmens war die Ortung und Zerstörung eines Überlandkabels nahe einer irakischen Hauptversorgungsroute sowie der mobilen Scud-Raketen Saddam Husseins.

Ich habe mir vor etlichen Jahren aus diesem Buch eine Anzahl von Praxistips für Kampfeinsätze und Überlebenssituationen herausdestilliert und in einer Liste von vierzehn Punkten zusammengeschrieben, die ich hier zunächst wiedergebe, ehe ich anschließend noch eine Darstellung eines Feuergefechts aus diesem Buch zitiere:

1) Einschätzung Sturmgewehr M16:
Besser als Enfield SA-80, leichter und sehr leicht zu reinigen und zu warten.
Gute, praktische Waffe, alles ist schlicht und einfach, keine kleinen Teile, die hervorstehen oder verlorengehen können. Keine Teile, die leicht Rost ansetzen.
Sehr leiser Sicherungshebel, die Sicherung ist sehr einfach und kann mit dem Daumen betätigt werden (im Gegensatz zum SA-80, wo das mit dem Abzugsfinger geschieht, was nach McNabs Einschätzung Wahnsinn ist).

2) Gewehrriemen
McNabs Trupp hatte keine Trageriemen an den M16. Begründung: Ein Riemen ist für die Trageweise über der Schulter, was im Einsatz nicht angebracht ist. Auf Streife wird die Waffe mit beiden Händen gehalten, den Kolben an der Schulter.
Diese Praxis wird durch Peter MacDonalds „SAS im Einsatz“ bestätigt; auf den Fotos sind keine Riemen an den M16 und SA-80. Der australische SAS verwendet ebenfalls keine Riemen, Spetsnaz und Navy-SEALS aber schon.

3) Magazine:
Bei McNabs Einsatz im Irak führte jeder Schütze zehn 30er-Magazine mit, fertig geladen mit je 29 Schuß (= insgesamt 290). Die Magazine sind genauso wichtig wie die Waffe selbst, denn wenn die Federn die Patronen nicht in Position drücken, kann der Verschluß sie nicht richtig in den Lauf einführen. Das Magazin des Armalite M16 faßt normalerweise 30 Patronen, aber es es ist sicherer, sie nur mit 29 zu bestücken, damit die Federn etwas mehr Druck auf die Patronen ausüben und auch weniger leicht erlahmen. Es ist leichter und schneller, ein leeres Magazin gegen ein neues auszutauschen, als eine Ladehemmung zu beheben.

4) Gürtelbestückung:
Munition und Grundstock an Überlebensrationen (Wasser, Essen, Erste-Hilfe-Ausrüstung) am Gürtel, der im Einsatz nur abgelegt wird, wenn es unbedingt sein muß; selbst dann darf er höchstens eine Armlänge entfernt liegen.
Nachts in Körpernähe halten; falls man ihn überhaupt ablegt, schläft man darauf. Das gleiche gilt für die Waffen.

5) Anfertigung von Tarnmaterial:
Jute-Quadrate, ca. 2 x 2 m, mit Maschinenöl eindrecken, in eine Schlammlacke legen und mit einer Bürste bearbeiten, wenden und Prozedur wiederholen.
Ausschütteln, trocknen lassen, fertig.

6) Messerattacken auf Wachtposten:
Die Chance, mit einem glatten Stich ins Herz zu treffen, ist sehr gering und nicht einmal den Versuch wert. Vielleicht hat der Gegner einen dicken Mantel an und trägt noch Tarnzeug darunter. Und wenn man ihm die Halsschlagader durchtrennt, hört man immer noch eine volle Minute das Schreien.
In Wirklichkeit muß man den Kopf zurückreißen wie bei einem Schaf und so weit schneiden, bis die Luftröhre durchtrennt ist und der Kopf fast abfällt. So kann das Opfer nicht mehr atmen oder schreien.

7) Körper-T:
K.O.-Trefferzone; imaginäre Linie von einer Schläfe zur anderen über die Augenbrauen und von dieser Linie abwärts durch die Gesichtsmitte vom Nasensattel bis zum Brustbein. Wenn man irgendwo um dieses „T“ herum mit einer Schußwaffe trifft, fällt der Mann. [Dazu wird wohl ein Gewehr erforderlich sein; bei Faustfeuerwaffen dürfte von einer weniger sicheren oder schnellen Wirkung auszugehen sein.]

8) Bewegung auf Streife:
Kein Gerenne und keine Hast! Körperkonturen, Aufglänzen, Schatten, Silhouetten, Bewegung und Geräusche sind verräterisch. Eine langsame Bewegung ist leise und fällt nicht so leicht ins Auge. Daher bewegt man sich auf Streife immer sehr langsam. Wenn man rennt und hinfällt und sich verletzt, reißt man alle anderen mit rein.
Man muß sich immer wieder fragen: Was wäre wenn? Angriff von vorne, hinten, links, rechts? Wo wäre eine Deckung, wo eine gute Stelle für einen Hinterhalt? Wo war der letzte Nottreffpunkt? Wer ist hinter mir?
Immer Kontakt mit den anderen halten, abgesehen davon alles rundum im Auge behalten und auf alle Geräusche achten.

9) Einstellen auf Umgebung:
Man muß dem Körper Gelegenheit geben, sich auf eine neue Umgebung einzustellen, sich an die Geräusche, Gerüche und Anblicke, die klimatischen Veränderungen und das Terrain zu gewöhnen. Auf Streife bleibt man immer wieder stehen, um zu lauschen und genau hinzusehen. Auch im normalen Leben bewährt sich das.

10) Erhaltung der Nachtsicht:
Selbst geringes Licht kann die Nachtsicht verringern, und der Gewöhnungsprozeß der Augen beginnt von neuem. Wenn man auf eine Lichtquelle schauen muß (auch auf beleuchtete Anzeigen von Geräten o. ä.), schließt man das Auge, mit dem man beim Schießen normalerweise zielt, und schaut mit dem anderen hin. Dann hat man immer noch mehr als 50 % Nachtsicht.

11) Rückkehr zum Lagerplatz:
Immer aus der Abmarschrichtung zurück (wegen der klareren Identifizierung); geräuschlose Erkennungszeichen vereinbaren, auch dafür, ob alles o.k. ist oder ob man in „Feindbegleitung“ zurückkommt.

12) Wärmeverlust:
Am meisten Körperwärme geht durch die Schädeldecke verloren. McNab hat daher immer seine Wollhaube dabei, die auch beim Schlafen über das Gesicht gezogen werden kann. [Auch eine Sturmhaube wäre dafür geeignet!]

13) Unterkühlung:
Der Körper besteht aus einem inneren wärmeren Kern und einer kühleren Außenhülle. Der Kern besteht aus dem Gehirn und lebenswichtigen Organen in Brust und Bauch. Die Hülle ist der Rest (die eigentliche Pufferzone zwischen Kern und Außenwelt) und schützt die Organe vor lebensbedrohlichen Temperaturwechseln.
Die Beibehaltung der richtigen Kerntemperatur ist entscheidend für das Überleben. Selbst in extremer Kälte oder Hitze weicht die Kerntemperatur selten mehr als 2° C von 36,8° C ab. Die Hülle wird einige Grade kühler. Über 42,7° oder unter 28,8° Kerntemperatur stirbt man.

Wenn man zittert, ist das ein Signal dafür, daß man schneller Wärme verliert, als der Körper erzeugt. Wenn die Temperatur im Körperinneren ein paar Grad absinkt, wird es problematisch. Zittern reicht dann nicht mehr, um sich wieder aufzuwärmen. Bei Unterkühlung leitet der körpereigene „Thermostat“ am Hirnstamm Wärme von den Extremitäten ins Körperinnere. Hände umd Füße werden starr. Wenn die Kerntemperatur weiter sinkt, zieht der Körper die Wärme auch vom Kopf ab. Dabei verlangsamt sich der Kreislauf, und das Hirn bekommt nicht mehr genug Sauerstoff und Zucker. Wenn das Hirn langsamer arbeitet, hört der Körper zu zittern auf, und das Verhalten wird irrational. Das ist ein sicheres Indiz, das man selbst aber kaum erkennen kann, weil der Wille, sich selbst zu helfen, bei Unterkühlung mit als erstes schwindet. Man zittert nicht mehr, und man macht sich auch keine Sorgen mehr. Man stirbt, aber es ist einem völlig egal. Der Körper verliert die Fähigkeit, sich selbst wieder aufzuwärmen. Selbst wenn man dann in einen Schlafsack kriechen kann, kühlt man weiter aus. Der Puls wird unregelmäßig, Benommenheit geht in Bewußtlosigkeit über.

Die einzige Rettung ist Wärme von außen – ein Feuer, heiße Getränke, ein anderer Körper. Die wirksamste Methode zur Aufwärmung eines Unterkühlten ist, ihn in einen Schlafsack zu stecken mit jemandem, der noch normale Körpertemperatur hat.

14) Dehydration:
Durst ist ein unzuverlässiges Anzeichen für Dehydration; ein paar Schluck löschen den Durst, gleichen aber den Wassermangel im Körper nicht aus. Vielleicht bemerkt man nicht mal den Durst, weil zu viele andere Dinge passieren (z. B. beim Gefecht im Einsatz).
Wenn man 5 % des Körpergewichts durch Wasserverlust verliert, wird einem übel. Durch Kotzen verliert man weitere Flüssigkeit. Die Bewegungen werden langsamer, das Sprechen wurd undeutlich, und man kann nicht mehr richtig gehen. Dehydration kann im Ernstfall tödlich verlaufen.

* * *

Zu dem Punkt 4 bezüglich der Waffen und der Grundausrüstung am Gürtel, die man im Einsatz immer mindestens in Griffweite halten soll, wenn man sie nicht überhaupt am Körper trägt, gibt es auch eine Entsprechung in dieser Strophe des Havamal:

37) Von seinen Waffen weiche niemand
Einen Schritt im freien Feld:
Niemand weiß unterwegs, wie bald
Er seines Speers bedarf.

Im folgenden Buchausschnitt schildert Andy McNab einen Kampf, der auf die Entdeckung seines Stoßtrupps durch irakische Truppen folgt. Diese Darstellung gibt interessante Einblicke in die Realität eines Feuergefechts mit modernen Waffen und in die Vorgangsweise militärischer Profis in so einer Situation. Die Ausgangssituation: Die acht Männer haben ihr Lager in einem engen Wadi (Trockental) in der Nähe irakischer Stellungen mit S60-Flugabwehrgeschützen aufgeschlagen. In der Nacht, in der sie das Lager bezogen hatten, war in etwa 5 km Entfernung der Abschuß einer weiteren Scud-Rakete zu beobachten gewesen. Dies sind die Ereignisse des folgenden Tages:

 

Den ganzen Tag lang hörten wir Fahrzeuge, die über die MSR [Main Supply Route – Hauptversorgungsroute] holperten. Doch sie waren keine Bedrohung für uns. Am Nachmittag jedoch ertönte eine menschliche Stimme aus kaum 50 m Entfernung. Ein Kind schrie und rief immer wieder, und dann hörten wir das Getrappel von Hufen und Glöckchengeklingel.

Kein Problem. Niemand würde uns hier entdecken, außer, er stünde genau gegenüber auf dem Felsrand. Von keinem anderen Punkt aus konnte man uns sehen. Ich blieb gelassen.

Die Tiere kamen näher. Wir waren auf Alarmstufe eins, hatten die Tragegestelle umgeschnallt und hielten die Waffen bereit. Wir waren ja nicht gerade beim Schlafen oder Sonnenbaden aufgeschreckt worden. Automatisch schob sich mein Daumen auf den Sicherungshebel meiner 203er [des Granatwerfers unter dem Gewehrlauf] zu.

Ein Glöckchen klingelte genau über uns. Ich blickte hoch. Der Kopf einer Ziege tauchte über dem Rand auf. Mein Gesicht verkrampfte sich vor Aufregung. Alle erstarrten zu Stein. Weitere Tiere erschienen am Rand. Und der Hirte?

Der Kopf eines Jungen schob sich in unser Blickfeld. Er verharrte, drehte sich um und rückte weiter vor. Ich sah ein kindliches, braunes Gesicht im Profil. Der Junge schien mit etwas hinter sich beschäftigt zu sein. Er blickte sich immer wieder um, kletterte dabei aber weiter. Dann tauchten sein Hals und seine Schultern vor uns auf, dann der Brustkorb. Er war knapp einen Meter vom Rand entfernt. Immer wieder drehte er den Kopf von einer Seite zur andern, rief nach seinen Ziegen und schlug mit einem langen Stock nach ihnen.

Stumm schrie ich ihn an, nicht herabzuschauen. Wir hatten immer noch eine Chance, solange er in eine andere Richtung blickte.

Bitte, keinen Augenkontakt. Achte nur auf das, was du gerade machst…

Er drehte den Kopf und guckte sich die Gegend an. Meine Lippen formten stumm die Worte: Verpiß dich!

Er sah runter.

Scheiße!

Unsere Blicke trafen sich und verharrten. Noch nie hatte ich bei einem Kind einen solchen Ausdruck von Erstaunen gesehen.

Und nun? Er blieb wie angewurzelt stehen. Mir schossen die verschiedenen Möglichkeiten durch den Kopf. Ihn umlegen? Zu laut. Warum auch? Das wollte ich nicht für den Rest meines Lebens auf dem Gewissen haben. Scheiße, das war so, als wäre ein Iraki mit einem Geheimauftrag in Großbritannien und stünde plötzlich vor meiner Tochter.

Der Junge rannte los. Erst verfolgte ich ihn mit den Augen, dann kletterte ich hoch. Mark und Vince jagten wie besessen los, um ihm den Weg abzuschneiden. Wir wollten ihn ja nur kriegen. Das war unser erstes Ziel. Später konnten wir immer noch entscheiden, was wir mit ihm anfingen. Wir konnten ihn fesseln, ihn mit Schokolade vollstopfen, was auch immer. Aber wir konnten nicht sehr weit laufen, ohne bei den Flugabwehrstellungen zu landen, und der Junge hatte einen ziemlichen Vorsprung. Er war weg, verflucht, und rannte wohl brüllend wie ein Irrer auf die Stellungen zu.

Was würde er wohl tun? Vielleicht erzählte er niemandem etwas, weil er Schwierigkeiten befürchtete. Vielleicht durfte er sich gar nicht hier herumtreiben. Er sagte es seiner Familie oder Freunden vielleicht erst später, wenn er nach Hause kam. Oder er rannte schreiend die ganze Strecke hinüber zu den Geschützen. Ich mußte das Schlimmste annehmen. Na und? Vielleicht glaubten sie ihm nicht. Sie kamen vielleicht selbst, um nachzusehen, oder sie warteten auf Verstärkung. Ich mußte davon ausgehen, daß sie andere Truppen informierten und uns dann verfolgten. Na und? Wenn sie uns entdeckten, gäbe es noch vor Einbruch der Nacht Feindkontakt. Wenn sie uns nicht entdeckten, hatten wir eine Chance, im Schutz der Dunkelheit zu entkommen.

Wir hatten diesen Lagerplatz ausgesucht, weil er uns vor allen Blicken verbarg – abgesehen von der einen Stelle, wo der Junge gestanden hatte. Ganz bestimmt aber hatten wir ihn nicht als Verteidigungsstellung gewählt. Er war von allen Seiten umschlossen, in einer Felsspalte, ohne einen Fluchtweg.

Wir brauchten kein Wort zu wechseln. Jeder wußte, daß die Lage ernst war. Alles geschah sehr schnell. Das bedeutete jedoch nicht, daß wir einfach unsere Ausrüstung schnappten und losrannten, denn das wäre völlig falsch gewesen. Es war besser, sich ein paar Minuten Zeit zu nehmen, um sich anständig vorzubereiten.

Wir stopften uns so viel Schokolade wie möglich in den Mund und tranken reichlich Wasser. Wir wußten schließlich nicht, wann wir wieder etwas zu essen bekamen. Dann prüften wir, ob alle Taschenklappen und die Druckknöpfe an den Kartentaschen geschlossen waren, damit nichts herausfiel, und ob die Magazine korrekt saßen. Prüfen, prüfen, prüfen.

Vince schickte Bob und Stan mit den Minimis [leichten Maschinengewehren im Kaliber 5,56 x 45 mm] hinaus. Sobald zwei weitere Männer fertig waren, tauschten sie und gaben der Wache Gelegenheit, sich ebenfalls bereitzumachen. Alle anderen erledigten automatisch die Aufgaben, die jetzt anstanden.

Vince überprüfte das verstaute Zeugs. Er zog einen Kanister Wasser heraus und half allen anderen, die Flaschen zu füllen. Wenn wir bei einem Feindkontakt die Rucksäcke verlören, wäre ein Großteil der Vorräte weg. Wir nahmen tiefe Züge und tranken soviel wir nur konnten. Die Flaschen füllten wir sofort wieder nach. Auch ohne Feindkontakt saßen wir alle in einer ziemlichen Scheiße.

Dann überprüften wir an den Gürteltaschen, ob alle Klappen zugeknöpft waren, damit wir beim Rennen nichts verloren. Saßen die Mags richtig? Nochmal überprüfen. Sicherung entspannt? Natürlich, aber wir sahen besser noch mal nach. Wir steckten die Rohre der 66er [der Panzerabwehrrohre] ineinander und banden sie zusammen, damit sie einfacher zu tragen waren. Die Verschlußdeckel und Riemen befestigten wir nicht wieder, sondern steckten die Waffen einfach nur unter die Tragriemen, damit sie schneller zur Hand waren.

Wir sorgten dafür, daß die Reservemagazine griffbereit waren, denn wenn man sie am falschen Ende erwischt, verschwendet man wertvolle Sekunden beim Umdrehen. Wenn man sie richtig herum in den Gürtel steckt, kann man sie sofort an Ort und Stelle einklicken. Manche kleben auch ein Stück Band an ihr Magazin, damit man es leichter herausziehen kann. Meine leeren Mags stecke ich immer vorn ins Hemd, um sie später nachzufüllen. Wir konnten die Patronen von den Munitionsgurten der Minimis benutzen.

All das dauerte schon ein paar Minuten, aber es war sinnvoller, anstatt einfach loszurennen. Die anderen wußten ohnehin, daß wir hier waren. Warum also sich beeilen? Die Wachen würden uns schon sagen, wenn jemand kam.

Legs war sofort ans Funkgerät gesprungen. Jetzt legte er richtig los, zog sämtliche Antennen heraus und versuchte die verschiedenen Kombinationen, die er nicht ausprobieren konnte, als wir uns versteckt halten mußten. Nun war alles möglich, weil wir ohnehin entdeckt waren. Wenn die Nachricht durchkam, würden sie ein paar Jets herschicken, und wir konnten per TACBE mit den Piloten sprechen und Feuerunterstützung anfordern. Das wäre schon sehr nett.

Stan kümmerte sich um Legs Wasserflaschen, während dieser über das Funkgerät gebeugt saß. Er öffnete ihm den Gürtel, nahm die Wasserflaschen heraus und ließ ihn trinken, ehe er sie wieder auffüllte und ihm weiteres Essen in den Gürtel steckte. Als Legs das Gefühl bekam, die Zeit würde zu knapp, zerlegte er das Funkgerät und packte es oben auf seinen Rucksack.

„Die Anweisungen stecken in der rechten Kartentasche in meiner Hose“, ließ er die anderen wissen. „Das Funkgerät liegt oben auf den Bergen.“ [= den Bergen-Rucksäcken] Das entsprach exakt der Dienstvorschrift, damit wir seine Geräte schnell schnappen konnten, falls es ihn erwischte. Er hielt sich streng an die Regeln, als er das allen noch mal mitteilte.

Als Legs fertig war, löste er Bob auf Wache ab. Alles wirkte völlig selbstverständlich, so gelassen wie bei einem wohlgeübten Drill, der buchstabengetreu befolgt wird. Bob, der seit unserer Ankunft nur geschlafen hatte, meckerte, daß wir schon so früh weiterziehen mußten.

„Wir brauchen eine Gewerkschaft“, sagte er. „Diese Arbeitszeit ist ein Skandal.“

„Und das Essen ist beschissen“, gab Mark dazu.

Diese Witzchen wirkten wohltuend, denn sie entspannten die Atmosphäre.

Dinger holte seine Zigaretten heraus. „Scheißdreck, wenn die sowieso wissen, daß wir hier sind, kann ich auch eine rauchen. Vielleicht bin ich in ein paar Minuten schon nicht mehr unter den Lebenden.“

Wir waren nun abmarschbereit, falls es nötig sein sollte. Alles hatte insgesamt drei Minuten gedauert. Wir hatten noch etwa anderthalb Stunden Tageslicht. Unsere beste Waffe war unser Versteck gewesen, aber der Junge hatte uns entwaffnet. Kämpfen konnten wir hier nicht. Es war ein solcher Engpaß, daß sie bloß ein paar Sprengladungen brauchten, um uns zu erledigen. Die einzige Möglichkeit war, hinaus ins Freie zu treten und zu kämpfen. Vielleicht konnten wir entkommen. Doch wenn wir hierblieben, saßen wir in der Scheiße. Aber draußen im offenen Gelände saßen wir ebenfalls tief drin, weil es keine Deckung gab. Da gerieten wir vom Regen in die Traufe; in der Traufe hatten wir allerdings immerhin eine geringe Chance.

[…]

Es war Zeit zu gehen. Stan holte die Jungs mit den Minimis herein, damit jeder mitbekam, was ich zu sagen hatte. Wir hockten uns mit angelegtem Tragegestell und den Rucksäcken vor uns nieder. Das war riskant, weil wir alle zusammen waren, aber es war unvermeidbar. Jeder mußte wissen, was nun zu geschehen hatte.

Ich begann mit den offensichtlichen Tatsachen. „Wir hauen hier ab. Wir gehen nach Westen und versuchen die Luftabwehrgeschütze zu meiden. Dann geht es nach Süden zum RV mit dem Hubschrauber. Der Zeitpunkt ist morgen früh um 4 Uhr.“

„Wir sehen uns im Pudding Club“, meinte Chris.

„Scheißdreck“, sagte Dinge mit seiner fürchterlichen Kino-Stimme. „Nach Westen, junger Mann, nach Westen.“

Wir schulterten die Rucksäcke und überprüften noch mal unsere Tragegestelle. Alles andere wurde zurückgelassen, selbst die Claymores [Richtsplitterminen], denn wir hatten keine Zeit, sie zu holen.

Die S60er-Stellungen ließen uns nur einen Fluchtweg: zuerst nach Westen, dann nach Süden und, soweit es ging, den Bodenwellen folgend. Aber abhetzen würden wir uns auch nicht. Wir wollten keine Fehler begehen. Wir hatten jede Menge Zeit bis zum RV mit dem Hubschrauber, wenn wir nur aus diesem Scheiß hier herauskamen und uns im Schutz der Dunkelheit bewegen konnten.

Ich war angespannt, fühlte mich aber ansonsten gut. Wir hatten nach der anstrengenden Planungsphase und dem Fußmarsch, der Ortung der MSR und dem Pech mit dem Funkgerät etwas Besseres verdient. Ich hatte schon geglaubt, wir hätten es geschafft. Um vier Uhr morgen früh würden wir wieder einsatzbereit sein. Denn schließlich waren wir ein acht Mann starker Stoßtrupp, wir hatten Gewehre, Munition, wir hatten 66er. Was konnte man mehr verlangen?

„Komm schon“, sagte Mark. „Wir machen es wie die Irakis.“ Wir zogen unsere Tarntücher vors Gesicht. Die Sonne schien uns direkt in die Augen. Ich führte den Gänsemarsch an. Wir patrouillierten nach Vorschrift, mit genügend Zeit und unter Beobachtung des Geländes.

Das Wadi wurde flacher und ging in eine Ebene über. Wir hielten uns in Richtung Westen und wandten uns dann unter Ausnutzung der Bodenwellen nach links, Richtung Süden.

Ich blickte immer wieder nach Norden, denn ich wollte nicht auf die gleiche Linie mit den Luftabwehrgeschützen geraten. Bei jedem Schritt erwartete ich, eine 57er um den Kopf pfeifen zu hören. Warum kamen die nicht? Hatten sie dem Jungen nicht geglaubt? Warteten sie auf Verstärkung? Oder einfach darauf, daß sie genügend Mumm für ein Gefecht gesammelt hatten?

Wir marschierten weitere fünf Minuten lang in Richtung Westen. Dabei hielten wir ziemlichen Abstand voneinander, um bei einem größeren Zwischenfall Risiken zu vermeiden. Das war korrekt so, aber wenn der Feindkontakt genau vor uns geschah, mußte der Letzte etwa 60 Meter rennen, je nachdem, welche Aktionen dann erforderlich waren.

Beim Abbiegen nach Süden lag links von uns eine Erhebung, die sich bis zur Versorgungsstrecke hinzog. Wir bewegten uns immer noch im toten Winkel zu den Geschützen, die weiter entfernt auf der anderen Seite der MSR lagen. Als wir in Richtung Süden weitergingen, konnten wir unser Glück kaum fassen. Nichts geschah. Doch dann hörten wir aus dem Osten, von links her, das Geräusch von Kettenfahrzeugen.

Ein Adrenalinstoß, der Puls ging schneller. Wir blieben stehen. Nach vorn konnten wir ebensowenig weitergehen wie nach hinten. Wohin sollten wir uns wenden? Wir wußten, daß nun was passierte.

Ich sah, wie alle sich bereitmachten. Sie wußten, was sie zu tun hatten. Die Rucksäcke wurden abgelegt und alle Taschen überprüft. Es hat wenig Sinn, in einen Angriff zu rennen und dann festzustellen, daß man keine Magazine mehr hat, weil sie herausgefallen sind. Sie überprüften die Waffen und führten alle Vorkehrungen wie in Trance aus, weil sie sie wohl Tausende von Malen geübt hatten. Bis zu einem Kontakt waren es vermutlich nur noch wenige Sekunden. Ich sah mich nach einer Bodensenke um.

Der dunkelste Moment ist immer der vor dem eigentlichen Schußwechsel. Man sieht nichts mehr. Man kann nur noch lauschen und denken. Wie viele Fahrzeuge rücken an? Werden sie direkt auf einen zudröhnen? Wenn sie einigermaßen gescheit sind, tun sie genau das. Richten sie dann ihre MGs auf uns wie einen Abspritzschlauch? Wir konnten nirgendwohin. Wir mußten einfach stehenbleiben und kämpfen. Das Kreischen von Panzerwagen und hoch drehenden Motoren ertönte von ringsum. Wir wußten immer noch nicht, von woher sie kamen.
„Scheißdreck, legen wir los, legen wir einfach los!“ schrie Chris.

Mich überwältigte plötzlich dieses Gefühl von Zusammenhalt. Wir saßen alle in der gleichen Scheiße. An Sterben dachte ich nicht, nur daran, daß wir das hier überstehen mußten.

Manche Leute haben einen Hinterhalt allein aufgrund ihrer aggressiven Reaktion überlebt. So könnte es auch hier kommen. Ich zog die Rohre meiner 66er auseinander und sah nach, ob die Flügel sich aufgerichtet hatten. Dann legte ich sie nebem mich. Ich überprüfte, ob mein Magazin straff saß, ob mein 203er eine Granate geladen hatte. Ich wußte es eigentlich genau, aber prüfen mußte ich doch noch mal. Dadurch fühlte ich mich ein bißchen sicherer.

Instinktiv möchte man sich so platt wie möglich hinlegen, aber man muß sich auch umsehen. Ich hockte mich halb aufrecht hin. Die anderen tauchten ebenfalls immer wieder auf in ihrem 10-Meter-Radius, um eine vorteilhaftere Stellung zu suchen und zu sehen, was auf uns zukam. Je eher man etwas sieht, um so besser. Dann verschwindet die schreckliche Angst vor dem Unbekannten. Das kann aber auch von Nachteil sein. Man sieht vielleicht, daß alles viel schlimmer ist, als man gedacht hat. Doch da muß man durch.

Dann hörte ich mich sagen: „Scheiße, Scheiße, Scheiße!“

Überall wurde geschrieen.

„Siehst du schon was?“
„Nein, keinen Fetzen!“
„Verfluchter Mist!“
„Kommt schon, bringen wir es hinter uns!“
„Sind sie schon da?“
„Nein, verflucht!“
„Diese verdammten Irakis!“

Wir konzentrierten uns und lauschten immer wieder, um die Fahrzeuge zu orten.

Wusssch!

Auf meiner Seite zogen alle die Köpfe ein. „Zum Teufel, was war das?“

Statt einer Antwort feuerten Legs und Vince auf der anderen Seite eine weitere 66er ab.

Wusssch!

Selbst wenn die Irakis bisher nicht gewußt hatten, daß wir da waren, jetzt wußten sie es. Aber ohne einen guten Grund hätten die Jungs nicht geschossen. Ich reckte den Hals und sah weit links einen Panzerwagen mit einem 7,62er-MG in einer kleinen Senke, die von uns aus nicht einzusehen war. Er kam direkt auf Vince und Legs zu.

„Los jetzt. Los, los!“ schrie ich, so laut ich konnte.

Nach den ersten Schüssen fühlte ich mich viel besser. Ich wußte nicht, ob ich die anderen anschrie oder mich selbst – vermutlich beides.

„Komm schon! Komm schon!“

Ein zweiter Panzerwagen mit einem Turmgeschütz eröffnete das Feuer in alle Richtungen. Kein schönes Gefühl, vor einem Panzerwagen mit Infanterie zu stehen. Man ist bloß eine Fußstreife, und diese anonymen Dinger mahlen gnadenlos auf einen zu. Daß Infanterie in ihnen steckt, weiß man, weil man sie ja theoretisch in allen Einzelheiten kennt. Man weiß, daß der Fahrer vorn sitzt und der Schütze oben im Turm versucht, durch sein Visier zu sehen. Aber das ist schwer, und er schwitzt da oben, weil er versucht, genau zu zielen. Doch unten sieht man nur, daß das Ding auf einen zukommt, daß es wie ein kaltes Ungeheuer aussieht und zehnmal größer wirkt, weil man merkt, daß es auf einen zielt. Diese Wagen sind völlig unpersönlich. Sie zerstören alles, was ihnen in den Weg kommt. Man steht allein gegen sie und ist klein wie eine Ameise. Man bekommt Angst…

Der Panzerwagen, der mir am nächsten war, feuerte wild in alle Richtungen. Eine Salve nadelte den Boden nur zehn Meter vor mir.

Bei der Armee wird einem beigebracht, wie man reagiert, wenn der Feind das Feuer eröffnet. Man wirft sich zur Seite, damit man schwerer anzuvisieren ist, legt sich hin, kriecht in Schußposition, nimmt den Feind ins Visier und knallt drauflos. Das nennt man „Reaktion auf wirksames Feindfeuer“. Aber das ist natürlich alles Quatsch, wenn man tatsächlich von allen Seiten beschossen wird. Für mich jedenfalls. Sobald die Salven um einen herum einschlagen, liegt man am Boden und versucht, sich ein großes Loch zu graben, um sich darin zu verstecken. Wenn es was bringen würde, holte man sogar seinen Löffel heraus und finge damit an zu graben. Das ist eine ganz natürliche Reaktion. Alle Instinkte zwingen einen, sich hinzulegen und sich so klein wie möglich zu machen, um das Ende abzuwarten. Der Verstand sagt einem, was man eigentlich tun sollte, nämlich aufstehen und sich umsehen, was vor sich geht, damit man anfangen kann zu schießen. Die Gefühle sagen: Scheißegal, bleib hier, vielleicht geht es wieder weg. Doch man weiß, daß das nicht stimmt und daß etwas geschehen muß.

Das Maschinengewehr spuckte weitere Salven aus. Die Kugeln spritzten immer dichter vor mir auf. Ich mußte etwas tun. Ich holte tief Luft und hob den Kopf. Ein Mannschaftswagen war 100 Meter vor mir stehengeblieben. Aus der hinteren Tür drängten völlig verwirrte Infanteristen. Sie mußten genau gewußt haben, daß wir hier waren, denn sie hatten die 66er gehört, und die Kanonen waren noch in Aktion, aber ihr Gewehrfeuer ging in alle Himmelsrichtungen.

Es schien keine Kommunikation zwischen den einzelnen Panzerwagen zu geben. Jeder machte, was er wollte. Die Soldaten sprangen schießend und schreiend von der Ladefläche. Sie waren nicht sicher, wer wir waren. Doch auch so gab es so viel Feuer aus ihrer Richtung, daß wir die Köpfe einzogen. Wenn man getroffen wird, ist es egal, ob jemand gezielt hat oder ob die Kugel einen per Zufall erwischt.

Weiteres Gebrüll, von den anderen und von uns. Nun kam es wahrscheinlich zum Nahkampf. Es hat wenig Sinn, einfach dazuliegen und zu hoffen, daß man nicht gesehen wird oder der Feind sich wieder verzieht, denn das passiert nie. Sie würden vermutlich näher kommen und einen suchen, daher wird man besser aktiv. Um einen Nahkampf zu gewinnen, braucht man maximale Feuerkraft bei gleichzeitig sparsamem Munitionsverbrauch. Es geht nur darum, mehr Schüsse abzufeuern als die anderen und gleich zu Anfang mehr von ihnen umzulegen, so daß sie entweder zurückweichen oder sich eingraben. In der Feuerkraft waren sie uns allerdings hoch überlegen.

Der Panzerwagen stoppte. Ich traute meinen Augen nicht. Sie benutzten das Maschinengewehr als Feuerschutz, statt mit der Infanterie auf uns zuzukommen und uns zu überwältigen. Das war phantastisch.

Jetzt schossen alle auf einmal. Die Minimis wurden mit 3- bis 5-Schuß-Salven gefeuert. Man mußte auf die Munition achten. Zwei 66er wurden auf den Lastwagen abgefeuert und fanden ihr Ziel. Man hörte das ungeheure Dröhnen einer Explosion. Das bedeutete Demoralisierung für den Gegner.

Entscheidungen. Was tun nach dem ersten Kontakt? Bleibt man die ganze Zeit an Ort und Stelle, zieht man sich zurück, stößt man vor? Wir mußten etwas tun, sonst würden wir einfach so weiterballern. Bei uns fallen ein paar, bei denen fallen ein paar, aber das wäre schlimmer für uns, denn wir hatten viel weniger Männer. Vor uns stand vielleicht nur ein Vortrupp; weitere Truppen folgten vielleicht in einigem Abstand. Das konnte niemand wissen. Das einzig Richtige ist daher, vorzurücken, sonst gibt’s ein Gefecht, bei dem einem die Muni ausgeht.

Ich sah zu Chris hinüber. „Rücken wir verflucht noch mal vor. Bist du bereit?“

Er schrie zurück: „Wir schaffen es! Wir schaffen es!“

Alle wußten, was jetzt zu tun war. Wir feuerten uns gegenseitig an. Es ist völlig gegen den Instinkt, auf eine solche Gefahr zuzugehen. Man will seinen verletzlichen Körper einem solchen Risiko nicht aussetzen. Man will einfach nur die Augen schließen und sie viel später erst wieder öffnen, wenn alles wieder ruhig ist.

„Alles okay?“

Ob die anderen weiter unten uns hörten, spielte keine Rolle. Sie wußten, daß jetzt etwas passieren mußte, und sie wußten auch, daß wir aller Wahrscheinlichkeit nach vorrückten und diese Soldaten angriffen, die uns haushoch überlegen waren.

Ohne nachzudenken wechselte ich das Magazin. Ich hatte keine Ahnung, wie viel Schuß übrig waren. Es war immer noch ziemlich schwer. Vielleicht hatte ich aus diesem nur zwei oder drei Schuß abgefeuert. Daher steckte ich es mir für später ins Hemd.

Stan hob den Daumen und erhöhte die Schußrate des Minimi, um den Vorstoß einzuleiten. Ich war in Hockstellung und blickte auf. Dann ho9lte ich tief Luft, stand auf und rannte los.

„Verfluchte Scheiße!“

Uns kam massiertes Deckungsfeuer entgegen. Doch beim Rennen schießt man nicht. Das hält einen bloß auf. Man muß nur vorstürmen, sich hinwerfen und schießen, damit die anderen nachrücken können. Sobald man auf dem Boden liegt, pumpen die Lungen so verrückt, daß der Oberkörper sich auf- und ab bewegt. Man sieht sich nach dem Feind um, hat aber Schweiß vor den Augen. Den wischt man weg, und die Waffe tanzt auf der Schulter. Man will sie in eine gute Schußposition bringen, wie auf dem Schießstand, aber so läuft das nicht. Man versucht, sich zu beruhigen, um zu sehen, was sich abspielt, aber man will alles gleichzeitig tun. Man will nicht mehr so schwer atmen, damit man die Waffe vernünftig in Anschlag bringen kann. Man will den Schweiß abwischen, damit man das Ziel besser sieht, aber man will dazu den Arm nicht bewegen, denn man hat die Waffe schon schußbereit, und schießen will man auch, um die anderen zu decken, die gerade vorstürmen.

Ich sprang hoch und stürmte weitere 15 Meter vor – weitaus mehr, als es die Lehrbücher vorschreiben. Je länger man steht, um so länger bildet man ein gutes Ziel. Doch es ist ziemlich schwer, einen schnell rennenden Mann zu treffen, und wir waren high vom Adrenalin.

Man ist völlig in eine eigene kleine Welt versunken. Chris und ich rannten vor, Stan und Mark gaben uns mit dem Minimi Deckung. Feuer – rennen. Die anderen folgten uns auf die gleiche Weise. Die Irakis müssen gedacht haben, wir seien völlig verrückt, aber sie hatten uns in diese Situation gezwungen, und das hier war der einzige Ausweg.

Wir sahen die Leuchtspurgeschosse auf uns zukommen. Wir hörten das brennende, zischende Geräusch, wenn die Salven an einem vorbeisausten oder im Boden einschlugen und in die Luft spritzten. Es war fürchterlich. Man kann nichts anderes tun als aufspringen, rennen, hinwerfen, aufspringen, rennen, hinwerfen. Dann liegt man keuchend, schwitzend, nach Luft ringend am Boden, schießt, sucht nach neuen Zielen, versucht, sparsam mit der Munition umzugehen.

Als ich vorgesprungen war und zu schießen begonnen hatte, setzten die Minimis aus, und auch sie schoben sich vor. Je eher sie vorn lagen, um so besser, weil sie die bessere Feuerkraft hatten. Je dichter wir an die Irakis herankamen, um so schwächer wurden sie. Das war wohl das Letzte, was sie erwartet hatten. Vermutlich merkten sie nicht, daß es auch das Letzte war, was wir tun wollten.

Man soll beim Schießen eigentlich seine Patronen zählen, aber das ist im Gefecht sehr schwer. Man soll in jedem Augenblick, in dem man schießen muß, genau wissen, wie viele man noch übrig hat, und falls nötig, das Magazin wechseln. Wenn man sich verzählt, hört man bald das „tote“ Klicken. Man betätigt den Abzug, und der Bolzen schnappt vor, aber nichts tut sich. Doch in der Praxis ist das Zählen bis 30 unrealistisch. Man betätigt vielmehr den Abzug, bis die Waffe nicht mehr feuert, drückt dann auf den Knopf, das Magazin fällt heraus. Man wirft sofort ein neues ein und macht weiter. Wenn man das gut geübt hat, wird es zur zweiten Natur. Es geschieht wie von selbst. Das Armalite ist so ausgelegt, daß die beweglichen Teile hinten bleiben, wenn es leer ist. So kann man leicht ein neues Magazin einschieben und den Verschluß vorspringen lassen, der die Patrone in den Lauf bringt. Dann legt man gleich wieder auf alles an, was sich bewegt.

Wir waren nur noch 50 Meter von ihnen entfernt. Der nächststehende Panzerwagen begann feuernd zurückzuweichen. Unsere Feuerrate verlangsamte sich. Wir mußten auf unsere Munition achten.

Der Lastwagen brannte. Ich hatte keine Ahnung, ob einer von uns getroffen war. Wir hätten ohnehin kaum etwas unternehmen können.

Ich konnte kaum glauben, daß der Panzerwagen zurückrollte. Offensichtlich machten ihnen die Panzerabwehrgranaten zu schaffen. Sie wußten, daß der andere getroffen war, aber dieses Zurückweichen war unfaßbar. Einige Infanteristen rannten neben dem Wagen her und sprangen hinten auf. Sie drehten sich beim Laufen immer wieder um und feuerten ein paar Salven, aber es war ein toller Anblick! Ich wollte gern auch meine 66er loswerden, merkte aber, daß ich sie in der Aufregung bei meinem Rucksack vergessen hatte.

Vince und Legs auf der anderen Seite waren immer noch auf den Beinen und rückten ebenfalls vor. Sie schrieen einander zu, um sich anzuheizen. Die anderen gaben uns Feuerschutz.

Mark und Dinger sprangen auf und rannten vor. Sie konzentrierten sich auf den Panzerwagen vor uns, den sie mit ihren 66ern getroffen hatten. Sie hatten ihn lahmgelegt, aber das Geschütz feuerte immer noch. Sie schossen heftig darauf, um das Visier des Kanoniers zu zerstören. Wenn ich in dessen Haut gesteckt hätte, wäre ich aus dem Wagen gesprungen und davongerannt, aber er hatte ja keine Ahnung, wer ihn vielleicht verfolgen würde. Mark und Dinger gelangten zu dem Panzerwagen, dessen Hintertür noch offen stand. Die Soldaten hatten die Luken nicht dichtgemacht. Eine Handgranate wurde hineingeschleudert, die mit ihrem typischen dumpfen Knall explodierte. Die Insassen wurden sofort getötet.

Wir rannten in vier Gruppen zu je zweien weiter vor zu den Mannschaftswagen, und jeder erlebte sein eigenes Drama. Wir liefen abwechselnd und warfen uns hin wie die Weltmeister, feuerten ein paar Kugeln ab, rannten weiter, duckten uns – und das Gleiche noch mal. Wir versuchten, ganz gezielt zu schießen. Man sucht sich einen aus und feuert darauf, bis er fällt. Manchmal braucht man dazu bis zu zehn Schüsse.

Das 203er hat eine Reihe von Visieren, aber man hat nicht immer die Zeit, sie genau einzustellen. Es ging nur noch darum, schnell zu zielen und abzudrücken. Die Waffe ploppt beim Abschuß. Ich sah dem Geschoß auf seinem Flug nach. Man hörte einen lauten Knall und sah Erdklumpen aufspritzen – und dann das Aufschreien. Das hieß, sie waren verwundet und konnten nicht mehr schießen – und es gab Verletzte, um die andere sich kümmern mußten.

Plötzlich waren wir Herr der Lage. Jeder, der noch laufen konnte, rannte fort. Vor uns brannte ein Lastwagen lichterloh. Ein ausgebrannter Panzerwagen qualmte links hinter uns vor sich hin. Über eine weite Fläche verstreut lagen Leichen. Es waren ungefähr 15 Mann gefallen und noch erheblich mehr verwundet. Wir beachteten sie aber nicht und machten weiter. Ich spürte ungeheure Erleichterung, daß dieses Gefecht hinter uns lag, aber hatte immer noch Angst. Es würde weitergehen. Jeder, der sagt, er hätte keine Angst, der lügt oder ist verrückt.

„Das ist wahnsinnig!“ schrie Dinger.

Ich roch Benzin und Rauch und den Geruch von verbranntem Fleisch. Ein Iraki rollte vom Beifahrersitz seines Wagens, das Gesicht schwarz verkohlt. Auf dem Boden wanden sich Verwundete. Ich erkannte an den vielen schrecklichen Beinverletzungen, daß die 203er ihr Ziel erreicht hatten. Wenn die abgehen, fliegen Metallsplitter in alle Richtungen.

Wir wollten uns nur noch aus dem Staub machen. Wir wußten nicht, was mit der nächsten Angriffswelle auf uns zukam. Als wir zu den Bergens zurückrannten, schlugen Kugeln hinter uns ein. Der verbliebene Panzerwagen feuerte aus 800 Metern Entfernung, umringt von Leichen, immer noch, aber ohne große Wirkung. Wir durften keine Zeit verlieren.

* * *

Siehe auch:

Warum Araber Kriege verlieren von Norvell B. DeAtkine
Die Revolverhelden des Wilden Westens: Gespräch mit einem Gunfighter von C. F. Eckhardt

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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