Wie die NASA ihren allerersten Warpantrieb bauen könnte

Das obige vulkanische Kommandoschiff weist ein Warptriebwerk ähnlich einem Alcubierre-Antrieb auf.

Das obige vulkanische Kommandoschiff weist ein Warptriebwerk ähnlich einem Alcubierre-Antrieb auf.

Von George Dvorsky; das Original How NASA might build its very first warp drive erschien am 26. November 2012 auf io9.

Übersetzt von Cernunnos.

Vor ein paar Monaten verblüffte der Physiker Harold White die Flugtechnikwelt, als er verkündete, daß er und sein Team bei der NASA mit der Arbeit an der Entwicklung eines überlichtschnellen Warpantriebs begonnen hätte. Sein vorgeschlagener Entwurf, eine geniale neue Vorstellung von einem Alcubierre-Antrieb, könnte schließlich ein einem Triebwerk resultieren, das ein Raumfahrzeug innerhalb von Wochen zum nächsten Stern transportieren kann – und alles, ohne Einsteins Relativitätsgesetz zu verletzen. Wir kontaktierten White bei der NASA und ersuchten ihn zu erklären, wie dieser Warpantrieb des wirklichen Lebens tatsächlich funktionieren könnte.

Der Alcubierre-Antrieb

Die Idee kam White, während er über eine ziemlich bemerkenswerte Gleichung nachdachte, die vom Physiker Miguel Alcubierre formuliert worden war. In seinem Artikel von 1994 mit dem Titel „The Warp Drive: Hyper-Fast Travel Within General Relativity“ [„Der Warpantrieb: Hyperschnelle Reisen im Rahmen der allgemeinen Relativitätstheorie“] schlug Alcubierre einen Mechanismus vor, durch den die Raumzeit sowohl vor als auch hinter einem Raumfahrzeug verzerrt [engl. „warped“] werden könnte.

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Michio Kaku nannte Alcubierres Vorstellung einen „Reisepaß zum Universum“. Sie nutzt eine Eigenart des kosmologischen Gesetzes, die die Ausdehnung und Zusammenziehung der Raumzeit zuläßt und hyperschnelle Reisen zwischen interstellaren Zielen ermöglichen könnte. Im Wesentlichen würde man den leeren Raum hinter einem Sternenschiff zur schnellen Ausdehnung veranlassen, was das Fahrzeug in Vorwärtsrichtung schiebt – Passagiere würden es trotz des völligen Fehlens von Beschleunigung als Bewegung wahrnehmen.

White spekuliert, daß solch ein Antrieb in „Geschwindigkeiten“ resultieren könnte, die ein Raumfahrzeug in bloßen zwei Wochen nach Alpha Centauri bringen könnten – obwohl das System 4,3 Lichtjahre entfernt ist.

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Bezüglich der Triebwerksmechanik würde ein sphäroides Objekt zwischen zwei Bereichen der Raumzeit (eine, die sich ausdehnt, und eine, die sich zusammenzieht) plaziert. Eine „Warp-Blase“ würde dann erzeugt, die die Raumzeit um das Objekt herumbewegt und es effektiv neu positioniert – wobei das Endergebnis eine überlichtschnelle Reise ist, ohne daß das Sphäroid (oder Raumfahrzeug) sich gegenüber seinem örtlichen Bezugsrahmen bewegen muß.

„Erinnern Sie sich daran, nichts überschreitet örtlich die Lichtgeschwindigkeit, aber der Raum kann sich mit jeder beliebigen Geschwindigkeit ausdehnen oder zusammenziehen“, sagte White zu io9. „Jedoch ist die Raumzeit sehr steif, daher würde die Erzeugung des Ausdehnungs- und Zusammenziehungseffekts in einer brauchbaren Weise, um interstellare Ziele in sinnvollen Zeiträumen zu erreichen, eine Menge Energie erfordern.“

Und tatsächlich deuteten frühe Einschätzungen, die in der darauffolgenden wissenschaftlichen Literatur veröffentlicht wurden, auf erschreckende Energiemengen hin – im Grunde gleich der Masseenergie des Planeten Jupiter (1.9 × 1027 Kilogramm oder 317 Erdmassen). Als Folge wurde die Idee als viel zu unpraktisch beiseite gewischt. Obwohl die Natur einen Warpantrieb zuließ, sah es so aus, als ob wir nie selbst einen bauen können würden.

„Jedoch“, sagte White, „beruhend auf der Analyse, die ich in den letzten 18 Monaten erstellte, könnte es Hoffnung geben.“ Der Schlüssel, sagt White, könnte in der Veränderung der Geometrie des Warpantriebs selbst liegen.

Ein neuer Entwurf

Im Oktober letzten Jahres bereitete White sich auf eine Rede vor, die er zum Start des 100 Year Starship project in Orlando, Florida, halten sollte. Während er seine Übersicht über die Raumverzerrung zusammenstellte, führte er eine Sensibilitätsanalyse für die Feldgleichungen durch, mehr aus Neugier als wegen irgendwas sonst.

„Meine frühen Ergebnisse deuteten darauf hin, daß ich etwas entdeckt hatte, das die ganze Zeit in der Mathematik enthalten war“, erinnerte er sich. „Ich erkannte plötzlich, daß man, wenn man die Dicke des Rings für die negative Vakuumenergie dicker machen würde – wie der Übergang von einer Gürtelform zu einer Doughnut-Form – und die Warp-Blase oszillieren ließe, die nötige Energie sehr verringern kann – was die Idee vielleicht plausibel machen könnte.“ White hatte die Form von Alcubierres Ring, der die sphäroide Form umgab, von etwas, das ein flacher Halo war, auf etwas angepaßt, das dicker und kurviger war.

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Er stellte die Ergebnisse seines Umdenkens zum Alcubierre-Antrieb ein Jahr später bei der 100 Year Starship Konferenz in Atlanta vor, wo er seine neuen Optimierungsansätze hervorhob – ein neuer Entwurf, der die benötigte Menge an exotischer Materie bedeutend verringern könnte. Und tatsächlich, sagt White, könnte der Warp-Antrieb mit der Energie einer Masse betrieben werden, die noch geringer ist als jene der Raumsonde Voyager 1.

Das ist eine bedeutende Änderung der Kalkulation, um das Mindeste zu sagen. Die Massenverringerung von einem jupitergroßen Planeten zu einem Objekt, das bloße 726 kg [1600 pounds] wiegt, hat Whites Gefühl der Plausibilität völlig umgestellt.

Ab ins Labor

Theoretische Plausibilität ist natürlich schön und gut. Was White nun braucht, ist ein Machbarkeitsnachweis in der realen Welt. Daher hat er sich ins Labor begeben und mit der Arbeit an tatsächlichen Experimenten begonnen.

„Wir verwenden ein modifiziertes Michelson-Morley-Interferometer – das ermöglicht uns die Messung mikroskopischer Störungen in der Raumzeit“, sagte er. „In unserem Fall versuchen wir, einen der Schenkel des Interferometers in einer unterschiedlichen Länge erscheinen zu lassen, wenn wir unsere Testgeräte einschalten.“ White und seine Kollegen versuchen den optimierten Alcubierre-Antrieb im Miniaturformat zu simulieren, indem sie Laser verwenden, um die Raumzeit im Verhältnis von 1 zu 10 Millionen zu stören.

Natürlich ist das Interferometer nichts, was die NASA an ein Raumschiff schrauben würde. Vielmehr ist es Teil eines größeren wissenschaftlichen Unterfangens.

„Unser anfängliches Testverfahren ist die Installierung eines Rings großer potentieller Energie – was wir als blauverschoben relativ zum Rahmen des Labors beobachten – durch Verwendung eines Rings aus keramischen Kondensatoren, die auf zigtausende Volt aufgeladen werden“, sagte er uns. „Wir werden die Genauigkeit unserer Testgeräte steigern und die Empfindlichkeit des Warpfeld-Interferometers weiter verbessern – und schließlich Apparate zur direkten Erzeugung negativer Vakuumenergie einsetzen.“

Er weist darauf hin, daß Casimir-Hohlräume, physische Kräfte, die aus einem gequantelten Feld entstehen, einen machbaren Ansatz darstellen könnten.

Und durch diese Experimente, hofft White, kann die NASA vom Theoretischen zum Praktischen übergehen.

Warten auf diesen „Chicago-Meiler“-Moment

Angesichts dessen, wie fantastisch das alles erscheint, fragten wir White, ob er wirklich denkt, daß warp-erzeugende Raumfahrzeuge eines Tages konstruiert werden könnten.

„Mathematisch gesehen sagen die Feldgleichungen voraus, daß dies möglich ist, aber es bleibt zu sehen, ob wir dies jemals in die Praxis überführen könnten.“

Worauf White wartet, ist die Existenz eines Nachweises – was er einen „Chicago-Meiler-Moment“ nennt – ein Verweis auf ein großes praktisches Beispiel.

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„Ende 1942 aktivierte die Menschheit in Chicago den ersten Nuklearreaktor, der ein sattes halbes Watt erzeugte – nicht genug, um eine Glühbirne zu betreiben“, sagte er. „Jedoch aktivierten wir in nur knapp einem Jahr später einen Reaktor mit etwa 4 MW, was genug ist, um eine kleine Stadt mit Strom zu versorgen. Existenznachweis ist wichtig.“

Ungeachtet seines vorsichtigen Ansatzes gab White doch zu, daß ein Warpantrieb in der realen Welt einige faszinierende Möglichkeiten für die Raumfahrt schaffen könnte – und sicherlich unser Gefühl für die Weite des Kosmos umstellen würde.

„Dieses Schlupfloch in der allgemeinen Relativitätstheorie würde es uns ermöglichen, wirklich schnell herumzureisen, sowohl gemessen von Beobachtern auf der Erde als auch von Beobachtern auf dem Schiff – Reisen, die in Wochen oder Monaten gemessen werden im Gegensatz zu Jahrzehnten und Jahrhunderten“, sagte er.

Aber vorerst befindet sich die Verfolgung dieser Idee noch sehr im Wissenschaftsmodus. „Ich bin nicht bereit, viel über die Mathematik und sehr kontrollierte, bescheidene Ansätze im Labor zu diskutieren“, sagte er.

Was auch für uns völlig Sinn ergibt. Aber dank dieser vorbereitenden Bemühungen hat White bereits viel getan, um ein erneuertes Gefühl der Hoffnung und Aufregung über die Möglichkeiten einzuflößen. Überlichtschnelle Reisen warten vielleicht doch noch auf uns.

*   *   *   Ende der Artikelübersetzung   *   *   *

Anhang des Übersetzers (Cernunnos):

Interessante Möglichkeiten für die Verwirklichung des oben beschriebenen Alcubierre-Warpantriebs könnten sich aus dem Woodward-Effekt ergeben, zu dem Deep Roots seinen Raumfahrttechnik-Artikel Der Woodward-Antrieb: Mit „seltsamem Schub“ in die Zukunft? verfaßt hat. Und zwar gibt es da im von Deep Roots aus dem englischen Wikipedia-Beitrag über den Woodward-Effekt übersetzten Abschnitt diesen Absatz:

  • Der zweite, quadratische Term zweiter-quadratischer-term ist das, was Woodward den „Wurmloch-Term“ nennt, weil er immer negativ ist. Obwohl dieser Term um viele Größenordnungen schwächer als der erste Term zu sein scheint, was ihn für gewöhnlich vernachlässigbar macht, könnte der Effekt des zweiten Terms theoretisch unter manchen Umständen riesig werden. Der zweite Term, der Wurmloch-Term, wird in der Tat vom ersten, dem Impulstriebwerk-Term, getrieben, der die Masse um plus oder minus den Ruhemassewert fluktuieren läßt. Wenn die Fluktuationen eine sehr hohe Amplitude erreichen und die Massendichte sehr nahe an null getrieben wird, dann zeigt die Gleichung, daß die Masse sehr schnell sehr große negative Werte erreichen sollte, mit stark nichtlinearem Verhalten. In dieser Hinsicht könnte der Woodward-Effekt exotische Materie erzeugen, obwohl dies mangels irgendeines verfügbaren Experiments, das solch einen Effekt aufzeigen würde, immer noch sehr spekulativ bleibt.

Weiter unten in der Wikipedia-Übersetzung (im Kapitel RAUMFAHRT) gibt es dann diesen Abschnitt:

Warpantriebe und Wurmlöcher

Wie durch die obige Gleichung über vorübergehende Massenfluktuationen gezeigt, könnte theoretisch exotische Materie erzeugt werden. Eine große Menge negativer Energiedichte wäre das Schlüsselelement, das für die Schaffung von Warpantrieben nötig wäre, wie auch für die Erzeugung passierbarer Wurmlöcher. Von daher könnte der Woodward-Effekt, falls er wissenschaftlich bestätigt wird, praktisch machbar und wie von der Hypothese vorhergesagt skalierbar ist, nicht nur für interplanetare Reisen benutzt werden, sondern auch für scheinbar überlichtschnelle interstellare Reisen:

  • Die negative Masse könnte benutzt werden, um die Raumzeit um ein Raumschiff entsprechend einer Alcubierre-Metrik zu verzerren.

  • Genügend exotische Materie könnte auch an einem Punkt des Raumes konzentriert werden, um ein Wurmloch zu erzeugen und es am Zusammenbrechen zu hindern. Woodward und andere erklären auch, daß exotische Materie an der äußeren Mündung des Wurmloches defokussieren könnte (was es zu einem Weißen Loch machen würde) und den Schlund einer solchen gravitativen Singularität flach genug formen, um Ereignishorizont- und Gezeitenbelastungen zu vermeiden, was ein „absurd gutartiges, passierbares Wurmloch“ zur Folge hätte, das zwei Bereiche unterschiedlicher Raumzeit miteinander verbindet, ein Konzept, das in der Science Fiction als „Stargates“ weit verbreitet ist.

*   *   *

Harold White hat also ein Konzept gefunden, wie der Alcubierre-Warpantrieb drastisch optimiert werden könnte, und falls der Woodward-Effekt (das Auftreten vorübergehender Massefluktuationen von Objekten, die beschleunigt werden, während sich ihre Energiedichte ändert) bestätigt wird und damit die für den Effekt von Woodwards „Wurmloch-Term“ nötigen Bedingungen in der Praxis geschaffen werden können, wäre damit auch die Möglichkeit zur Erzeugung der für den Alcubierre-Antrieb nötigen „exotischen Materie“ gegeben.

Siehe auch Das aktualisierte Warpantriebs-Raumschiffkonzept der NASA sieht aus wie zum Leben erweckte Science Fiction und Der Mikro-Warpantrieb

Über Cernunnos

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2 Antworten zu Wie die NASA ihren allerersten Warpantrieb bauen könnte

  1. Deep Roots schreibt:

    Auf orf.at ist gestern dieser interessante Artikel über die mögliche Entdeckung eines Planeten von Proxima Centauri erschienen:

    Erdähnlicher Planet „in unserer Nähe“ entdeckt

    Rund 3.500 Planeten außerhalb unseres Sonnensystems sind bisher entdeckt worden, nun könnten Forscher den bisher spektakulärsten gefunden haben: Er soll erdähnlich sein und sich um Proxima Centauri drehen – den sonnennächsten Stern.

    Forscher der Europäischen Südsternwarte ESO hätten die „zweite Erde“ aufgespürt, berichtet das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ am Freitag. Die ESO wollte den Bericht gegenüber science.ORF.at allerdings nicht bestätigen.

    Das hat der „Spiegel“ jedenfalls herausgefunden: Der Planet bewegt sich offenbar in so günstigem Abstand um Proxima Centauri, dass auf seiner Oberfläche flüssiges Wasser vorkommen könnte. Flüssiges Wasser gilt als wichtige Voraussetzung für die Entstehung von Leben. Nie zuvor seien Wissenschaftler auf eine mögliche zweite Erde gestoßen, die so nahe ist, schrieb das Magazin.

    4,2 Lichtjahre entfernt

    Proxima Centauri, eine rote Zwergsonne im Sternbild Zentaur am südlichen Sternenhimmel, ist mit einer Entfernung von 4,2 Lichtjahren der der Erde am nächsten gelegene Fixstern. Dem Magazin zufolge will die ESO die wissenschaftliche Sensation Ende August bekanntgeben – was die Organisation gegenüber science.ORF.at ebenfalls nicht bestätigen wollte. Bei der Entdeckung des Planeten kam laut „Spiegel“ ein Teleskop zum Einsatz, das die ESO auf dem Berg La Silla in der chilenischen Atacama-Wüste betreibt.

    „Den kleinen Himmelskörper zu finden war ein hartes Stück Arbeit“, zitierte das Magazin einen namentlich nicht genannten Astrophysiker, der dem Bericht zufolge an der Suche beteiligt war. „Wir bewegten uns an der Grenze des messtechnisch Machbaren.“

    Falls diese Entdeckung bestätigt wird (bei diesem meßtechnischen Grenzgang ist es ja verständlich, daß die ESO das nicht übereilt öffentlich bekanntgeben will), gäbe es schon einmal ein interessantes erstes Ziel für interstellare Raumfahrzeuge – ob Raumsonden oder bemannte Schiffe, ob mit Woodward- oder Warpantrieb. Eine künstlerische Visualisierung einer möglichen Szenerie auf einem Planeten von Proxima Centauri mit flüssigem Wasser ist das Bild „Stellar Radiance“ von David Hardy, das in meinem Artikel Der Woodward-Antrieb: Mit „seltsamem Schub” in die Zukunft? recht weit unten unter der Kapitelüberschrift „Interstellare Raumflüge“ enthalten ist.

  2. Deep Roots schreibt:

    Die Entdeckung des Planeten von Proxima Centauri ist nun bestätigt, wie aus diesem Artikel von orf.at hervorgeht:

    Planet um erdnächsten Stern entdeckt

    Vor zwei Wochen noch ein Gerücht, nun ist es amtlich: Astronomen haben den bisher erdnächsten Planeten jenseits unseres Sonnensystems entdeckt. Proxima b ist etwas größer als die Erde und könnte Leben beherbergen – das macht ihn zum idealen Kandidaten für eine Weltraummission.

    Noch seien viele Fragen offen, die bisherigen Fakten seien aber „sehr aufregend“. So formulierte es Forschungsleiter Guillem Anglada-Escude am Mittwoch bei einer Pressekonferenz der Europäischen Südsternwarte (ESO) in München-Garching und bestätigte somit auch vorangegangene Gerüchte.

    „Nur“ 4,2 Lichtjahre entfernt

    Und das sind die Fakten: Proxima b kreist um Proxima Centauri, ein zur Klasse der Roten Zwerge zählender Stern in 4,2 Lichtjahren Entfernung von der Erde. Wie der lateinische Name schon verrät, handelt es sich um das erdnächste Gestirn im Sternbild Zentaur.

    Der Planet umkreist Proxima Centauri laut Forschern mit einer Umlaufzeit von 11,2 Tagen in einem Abstand von sieben Millionen Kilometern. Zum Vergleich: Zwischen Erde und Sonne liegen 150 Millionen Kilometer. Die Masse des neu entdeckten Planeten entspricht dem 1,3-Fachen der Erdmasse. Nach dem üblichen System nannten ihn die Forscher Proxima Centauri b, kurz Proxima b.

    Das Aufregende: Der Planet soll sich in der sogenannten habitablen Zone befinden, in der die Temperaturen die Existenz von flüssigem Wasser erlauben – was wiederum als Voraussetzung für Leben angesehen wird. Das ist möglich, obwohl er seinen Stern relativ nah umkreist. Proxima Centauri ist wie alle Roten Sterne deutlich leichter und dunkler als unsere Sonne. Mit ihr verglichen liegt Proximas Masse bei zwölf Prozent, die Leuchtkraft bei gerade einmal 0,17 Prozent.

    Existenz von Wasser und Atmosphäre „plausibel“

    Wie der Planet entstand und ob es auf ihm tatsächlich Wasser oder eine Atmosphäre gibt, wissen die Forscher nicht. Simulationen zeigten laut dem Astrophysiker Ansgar Reiners von der Universität Göttingen aber, dass deren Existenz „plausibel“ sei.

    Sicher ist, dass der Planet eine Oberflächentemperatur von rund minus 40 Grad Celsius hat – sollte er über eine Atmosphäre verfügen, würde die Temperatur weit „lebensfreundlicher“ über null Grad liegen. Ebenso sicher ist der Forscher, dass es sich um einen erdähnlichen Gesteinsplaneten handelt, also nicht um einen Gasriesen wie etwa Jupiter.

    „Besonders spektakulär ist aber, dass Proxima b so nahe liegt“, sagte Reiners bei der Pressekonferenz. „Obwohl sein Stern nicht so stark leuchtet, gibt das unvergleichliche Beobachtungsmöglichkeiten.“ Schon mit aktuellen Methoden und erst recht mit der nächsten Generation von Teleskopen – etwa mit dem European Extremely Large Telescope – könnte man mehr über unseren Nachbarplaneten erfahren.

    Weltraummission angekündigt

    Noch spektakulärer wäre nur noch ein Besuch bei Proxima b: Genau diesen kündigte der US-Astrophysiker Pete Worden an. Er ist Direktor des privaten Projekts “Breakthrough Starshot“, das mit winzigen Raumschiffen Geschwindigkeiten von bis zu einem Fünftel der Lichtgeschwindigkeit erreichen und nach Leben im Weltall Ausschau halten soll. „Seit heute kennen wir ein Ziel für unser Vorhaben“, so Worden bei der ESO. Schon innerhalb der nächsten Generation könnte seine Prophezeiung „Wir fliegen da hin“ umgesetzt werden. Geschätzte Reisedauer: 20 Jahre.

    Aus heutiger Sicht gibt es in Sachen „Leben oder nicht?“ viele Unwägbarkeiten: Vermutlich rotiert Proxima b so, dass er dem Stern immer dieselbe Seite zuwendet – dort wäre es ewig heiß, auf der anderen Seite ständig kalte Nacht. Ob unter diesen ungünstigen Bedingungen Leben entstehen kann, ist unklar. Zudem bombardiere Proxima Centauri seinen Begleiter mit hochenergetischen Teilchen und Röntgenstrahlung.

    Was die Forscher aber hoffnungsfroh stimmt: Die Auswertung der Daten zeigt weitere Signale, die von einem weiteren Planeten stammen können. Sehr wahrscheinlich handelt es sich um ein System mit mehreren Planeten, ähnlich wie dem unserer Sonne. Die Vermutung liegt nahe, dass es – nicht nur um Proxima Centauri – unzählige Planeten gibt. Bisher wurden mehr als 3.500 dieser extrasolaren Planeten entdeckt.

    Ein blasser roter Punkt

    Einzelne Schritte zur Suche nach Proxima b haben die Forscher ungewöhnlich breit veröffentlicht. 2013 hatte Anglada-Escude erste Hinweise auf den Planeten entdeckt. Er startete daraufhin eine gezielte Suche und nannte sein Projekt „pale red dot“ („blasser roter Punkt“) in Anlehnung an die Bezeichnung „pale blue dot“ für die Erde, betrachtet aus der Ferne im Weltall.

    Mit Hilfe von Teleskopen unter anderem von der ESO in Chile überwachten Forscher nächtelang die Helligkeit des Roten Zwergsterns. In einem Blog hielt der Wissenschaftler die Öffentlichkeit über seine Ergebnisse auf dem Laufenden. Auch in Sozialen Netzwerken tauchte die Kampagne auf.

    Nach und nach gab es mehr Hinweise auf einen Planeten. Er habe die Beobachtungsdaten auf Stimmigkeit überprüft, sagte Anglada-Escude, der inzwischen an der Queen Mary Universität in London forscht, laut Mitteilung. „Die ersten zehn Tage waren dabei bereits vielversprechend, die ersten 20 entsprachen unseren Erwartungen, und nach 30 Tagen war das Ergebnis so sicher, dass wir uns daran machten, den entsprechenden Fachartikel zu entwerfen.“ Daran arbeiteten schließlich 31 Autoren von 15 Instituten aus acht Ländern.

    Im Originalartikel auf orf.at sind auch Bilder und Grafiken sowie drei Links zu themenverwandten Artikeln enthalten. Auf „Centauri Dreams“ gibt es ebenfalls schon einen Artikel zu dieser Entdeckung:

    Proxima Centauri Planet von Paul Gilster.

    Bei 1,3 Erdmassen wäre die Oberflächenschwerkraft auf dieser Welt nur etwa 10 % höher als auf der Erde. Ein beachtenswerter Punkt, der mir bei Proxima b gleich aufgefallen ist: Mit einer Umlaufdauer von 11,2 Tagen kreist der Planet viel schneller um seinen Stern, als dieser rotiert (Rotationsdauer von Proxima Centauri laut englischem Wikipedia: 83,5 Tage, was im Vergleich zu unserer Sonne – ca. 25 Tage im Äquatorbereich, 34,4 Tage an den Polen – sehr langsam ist).

    Das heißt, daß Proxima b einer Gezeitenwechselwirkung mit Proxima Centauri ausgesetzt ist, durch die der Planet Bahnenergie verliert, die in Form von Drehimpuls auf den Stern übertragen wird, wodurch die Umlaufbahn allmählich immer enger wird, bis Proxima b schließlich in seine Sonne stürzt – entweder im Ganzen oder als Trümmerschwarm, falls ihn die Gezeitenkräfte vorher zerreißen, wenn er seine Roche-Grenze erreicht. Demselben Effekt ist auch der Marsmond Phobos ausgesetzt, der in etwas weniger als acht Stunden um den Mars kreist, der seinerseits eine Rotationsdauer von gut 24 ½ Stunden hat. Auch die Bahn von Phobos wird allmählich immer enger, sodaß er (oder seine Trümmer) in ca. 50 Millionen Jahren auf den Mars stürzen wird.

    Diesen Überlegungen zufolge kann Proxima b auch nicht schon immer auf der jetzigen Umlaufbahn um Proxima Centauri gewesen sein, sondern muß in größerer Entfernung entstanden und allmählich nach innen gewandert sein. Für eventuelles Leben dort bedeutet das, daß diese Welt wohl früher zu kalt für Leben auf Kohlenstoff/Wasser-Grundlage gewesen ist, sofern es nicht an hydrothermalen Tiefseeschloten unter kilometerdickem Eis entstanden ist und seither von Chemosynthese gelebt hat – und daß es in kosmischem Zeitmaßstab keine sehr lange Zukunft hat, nachdem die Atmosphäre und damit auch das Wasser bei zunehmender Annäherung an Proxima Centauri von dessen Strahlungsausbrüchen und Sternwinden erodiert werden wird.

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