„Er ist intelligent, aber seine Kraniche sind nicht akkurat“: Japan wählt einen Astronauten aus

Kennedy Space Center, Florida: Nach einer Willkommenszeremonie für die Experiment Logistics Module Pressurized Section des japanischen Experimentmoduls spricht Kumiko Tanabe, die Leiterin der Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der japanischen Weltraumbehörde JAXA, mit dem Astronauten Takao Doi. (Bild nicht aus dem Buch von Mary Roach.)

Kennedy Space Center, Florida: Nach einer Willkommenszeremonie für die Experiment Logistics Module Pressurized Section des japanischen Experimentmoduls spricht Kumiko Tanabe, die Leiterin der Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der japanischen Weltraumbehörde JAXA, mit dem Astronauten Takao Doi. (Bild nicht aus dem Buch von Mary Roach.)

Von Mary Roach; ein Kapitel (am Schluß gekürzt) aus ihrem Buch „Was macht der Astronaut, wenn er mal muss? Eine etwas andere Geschichte der Raumfahrt“; Rowohlt Taschenbuchverlag 2012, ISBN 978 3 499 62790 3 (Originaltitel: „Packing for Mars. The Curious Science of Life in the Void“, 2010). (Bilder nicht aus diesem Buch, sondern von Cernunnos eingefügt.)

 

Am Eingang zieht man seine Schuhe aus, so wie man es beim Betreten eines japanischen Hauses tun würde. Man bekommt ein Paar spezielle Isolationskammer-Badeschlappen, hellblaues PVC bedruckt mit dem Logo der Japan Aerospace Exploration Agency. Der JAXA-Schriftzug ist rasant geneigt, als würde er mit gigantischer Geschwindigkeit in den Weltraum rasen. Die Isolationskammer, ein freistehendes Modul im Gebäude C-5 der Jaxa-Zentrale in Tsukuba Science City, ist tatsächlich eine Art Zuhause, zumindest für eine Woche. So lange werden die zehn Finalisten des JAXA-Auswahlverfahrens hier darum kämpfen, eine von zwei ausgeschriebenen Stellen im japanischen Astronautenkorps zu ergattern. Als ich im letzten Monat hierherkam, gab es noch nicht viel zu sehen – einen Schlafraum mit durch Vorhänge abgetrennten „Schlaf-Boxen“ und daneben den Gemeinschaftsraum mit langem Esstisch und Stühlen. Es geht mehr darum, gesehen zu werden. Fünf Überwachungskameras in Deckennähe erlauben einer Auswahlkommission aus Psychiatern, Psychologen und JAXA-Managern, die Bewerber zu beobachten. Ihr Verhalten und der Eindruck, den sie während ihres Aufenthalts auf die Kommission machen, werden den Ausschlag dafür geben, wer künftig das JAXA-Logo auf einem Raumanzug statt auf seinen Pantoffeln tragen wird.

Man will einen besseren Eindruck davon bekommen, wer diese Männer und Frauen sind und wie gut sie sich für das Leben im Weltraum eignen. Einem intelligenten und hochmotivierten Bewerber fällt es nicht schwer, unerwünschte Charakterzüge in einem Interview* oder einem Fragebogen (mit deren Hilfe die Kandidaten mit offensichtlichen Persönlichkeitsstörungen bereits im Vorfeld aussortiert wurden) zu verheimlichen. Unter wochenlanger Beobachtung ist das kaum möglich. JAXA-Psychologe Natsuhiko Inoue formuliert es so: „Es ist schwer, immer ein guter Mensch zu sein.“ Isolationskammern sind auch eine gute Methode, um Dinge wie Teamwork, Führungsstärke und Konfliktmanagement zu beurteilen – Gruppenfähigkeiten, die in einem Einzelinterview nicht bewertet werden können. (Die NASA arbeitet nicht mit Isolationskammern.)

[* So wie der Astronaut Mike Mullane, der von einem NASA-Psychiater gefragt wurde, was auf seinem Grabstein stehen solle. Mullane antwortete: „Ein liebender Ehemann und hingebungsvoller Vater.“ In Wirklichkeit, so sagte er scherzhaft in Riding Rockets, „hätte ich für einen Flug ins All meine Frau und meine Kinder in die Sklaverei verkauft.“]

Der Beobachtungsraum befindet sich über der Kammer. Es ist Mittwoch, der dritte Tag der siebentägigen Isolation. Eine Reihe von Überwachungsmonitoren steht vor den Beobachtern, die, mit Notizblöcken bewaffnet, an langen Tischen sitzen. Momentan sind drei von ihnen hier, Psychiater und Psychologen von der Universität. Sie starren auf die Bildschirme wie Kunden, die beim Elektronikmarkt den Kauf eines Geräts erwägen. Einer der Fernseher zeigt unerklärlicherweise eine Nachmittags-Talkshow.

Inoue sitzt am Steuerpult vor Kamera-Zooms und Mikrophonreglern. Über seinem Kopf hängt eine zweite Reihe von kleinen TV-Monitoren. Mit seinen 40 Jahren ist er eine weithin bekannte Autorität auf dem Feld der Weltraumpsychologie, doch irgendetwas in seiner Erscheinung und seinem Auftreten weckt in einem das Bedürfnis, rüberzugehen und ihn in die Wange zu kneifen. Wie viele der männlichen Angestellten hier trägt er Badeschlappen und Socken. Als Amerikanerin ist meine Kenntnis der japanischen Schlappen-Etikette begrenzt, doch habe ich den starken Eindruck, dass JAXA sein zweites (wenn nicht sein erstes) Zuhause ist. Für diese Woche wäre das ohnehin verständlich: Seine Schicht beginnt um sechs Uhr morgens und endet kurz nach zehn Uhr abends.

Auf den Monitoren sieht man nun einen der Bewerber, der einen Stapel von 23 mal 28 Zentimeter großen Umschlägen aus einem Pappkarton hebt. Jeder Umschlag trägt den Kennbuchstaben eines Bewerbers – von A bis J – und enthält ein Blatt mit Anweisungen sowie ein quadratisches, in Zellophan gehülltes Päckchen. Es handelt sich, wie Inoue mir erklärt, um Materialien, mit denen Geduld und Genauigkeit der Kandidaten unter Zeitdruck getestet werden sollen. Die Kandidaten reißen die Päckchen auf und ziehen Bündel von farbigen Papierbögen heraus. „Bei dem Test muss man … tut mir leid, ich weiß das englische Wort nicht. Eine Art Basteln mit Papier.“

„Vielleicht Origami?“

„Origami, genau!“ Vorhin habe ich die Behindertentoilette im Flur benutzt. Dort befand sich an der Wand ein Bedienfeld mit einer verwirrenden Zahl von Hebeln, Kippschaltern und Zugketten. Es sah aus wie das Cockpit eines Spaceshuttles. Ich zog an einer der Ketten, um abzuspülen, und löst damit den Notruf aus. Mein Gesichtsausdruck beim Auftauchen der Schwester war der gleiche, den ich jetzt habe. Es ist mein Hä?-Gesicht. Für die nächsten anderthalb Stunden werden die Männer und Frauen, die darum wetteifern, Japans nächste Astronauten zu werden, Papierkraniche falten.

„Eintausend Kraniche.“ Shoichi Tachibana, der medizinische Leiter der JAXA, stellt sich vor. Er hat schweigend hinter uns gestanden. Tachibana hat den Test entwickelt. Es gibt eine japanische Redensart, die besagt, dass ein Mensch, der tausend Kraniche gefaltet hat, Gesundheit und ein langes Leben haben wird. (Ein Geschenk, das offensichtlich übertragbar ist – jedenfalls werden die Kraniche oft auf Fäden gezogen und Patienten ins Krankenhaus mitgebracht.) Später wird Tachibana einen perfekt gefalteten gelben Kranich, kaum größer als ein Grashüpfer, vor mir auf den Tisch stellen. Ein winziger Dinosaurier wird auf der Lehne des Sofas in der Ecke erscheinen. Er ist wie einer dieser unheimlichen Filmschurken, die sich in die Wohnung des Helden schleichen und dort als Visitenkarte ein kleines Origami-Tier hinterlassen, nur um ihn wissen zu lassen, dass sie dort waren. Nun ja, oder eben wie ein Typ, der Origami mag.

Die Bewerber haben bis Sonntag Zeit, ihre Kraniche fertigzustellen. Papierquadrate sind auf dem Tisch ausgebreitet, die lebhaften Farben werden durch die Tristesse des Raums noch stärker hervorgehoben. Die JAXA hat es geschafft, nicht nur die Schuhschachtelarchitektur und die überall auf dem Gelände herumstehenden Raketen der NASA, sondern auch das einzigartig unsympathische Grüngrau zu kopieren, mit dem die NASA so gern ihre Räume streicht. Es ist eine Farbe, die ich noch nirgendwo anders gesehen habe und die sich auf keiner Farbkarte der Welt findet. Und doch ist sie hier.

Das geniale am Tausend-Kraniche-Test ist, dass er eine chronologische Aufzeichnung der Arbeit eines jeden Kandidaten gleich mitliefert. Die Kandidaten fädeln ihre Kraniche auf eine lange Schnur auf. Am Ende der Isolation werden diese Schnüre eingesammelt und analysiert. Es ist eine Art forensisches Origami: Werden die Kandidaten nachlässig, wenn die Deadline näher rückt und der Druck steigt? Wie sehen die ersten zehn Kraniche aus, wie die letzten? „Nachlassende Genauigkeit zeigt Ungeduld unter Stress“, sagt Inoue.

Ich habe gehört, dass bei einer typischen Mission auf der International Space Station (ISS) 90 Prozent der Zeit dafür draufgehen, die Raumstation selbst zusammenzubauen, zu reparieren oder zu warten. Es ist Routinearbeit, das meiste davon wird erledigt, während man einen Druckanzug mit begrenztem Sauerstoffvorrat trägt – eine tickende Uhr. Der Astronaut Lee Morin beschrieb seine Rolle bei der Montage des Mittelsegments der ISS-Struktur, des Rückgrats, an dem verschiedene Labormodule angedockt werden, wie folgt: „Es wird von 30 Schrauben gehalten. Ich habe persönlich 12 davon angezogen.“ (Und er konnte sich nicht verkneifen hinzuzufügen: „Das sind also zwei Jahre Ausbildung für jede Schraube.“) Im Labor für Raumanzugsysteme am Johnson Space Center gibt es einen Handschuhkasten, der die Vakuumbedingungen des Weltraums imitiert und in Paar in den Kasten hineinragende Handschuhe aufbläht. Im Kasten befindet sich einer der schweren Karabinerhaken, die die Sicherungsseile der Astronauten und ihrer Werkzeuge während der Außenbordeinsätze mit der Raumstation verbinden. Das Arbeiten mit diesem Sicherungsseil ist wie de Versuch, mit Topfhandschuhen Karten zu mischen. Schon alleine das Ballen der Faust ermüdet die Hand innerhalb von Minuten. Man sollte nicht dazu neigen, sich leicht frustrieren zu lassen und dann schludrig zu arbeiten.

Eine Stunde vergeht. Einer der Psychiater hat mittlerweile seine Aufmerksamkeit der Talkshow zugewandt. Ein junger Schauspieler erzählt von seiner bevorstehenden Hochzeit und davon, was für eine Art Vater er sein möchte. Die Kandidaten im Modul beugen sich über den Tisch und arbeiten still. Bewerber A, ein Orthopäde und Aikido-Enthusiast, führt mit 14 Kranichen. Die meisten anderen haben sieben oder acht geschafft. Meine Übersetzerin Sayuri faltet ein Blatt, das sie aus ihrem Notizbuch gerissen hat. Sie ist bei Schritt 21, bei dem der Körper des Kranichs aufgeblasen wird. Die Anweisungen zeigen eine kleine Wolke neben einem Pfeil, der auf den Vogel weist. Das ergibt Sinn, wenn man bereits weiß, was zu tun ist. Andernfalls ist es wunderbar surreal: Stecken Sie eine Wolke in einen Vogel.

Es ist schwer, aber nicht ohne Reiz, sich vorzustellen, wie John Glenn oder Alan Shepard sich an der uralten Kunst des Papierfaltens versuchen. Amerikas erste Astronauten wurden nach Mumm und Charisma ausgewählt. Zum Anforderungsprofil aller sieben Mercury-Astronauten gehörte es, dass sie aktive oder ehemalige Testpiloten waren – Männer, deren Arbeitsalltag darin bestand, Höhenrekorde aufzustellen und Schallmauern zu durchbrechen, während sie am Rand der Bewusstlosigkeit versuchten, ihre mit Höchstgeschwindigkeit dahinrasenden Kampfjets am Abstürzen zu hindern. Bis zu Apollo 11 betrat die NASA auf jeder ihrer Missionen auf irgendeinem Gebiet Neuland. Erster Flug ins Weltall, erste Erdumrundung, erster Weltraumspaziergang, erstes Andockmanöver, erste Mondlandung. Richtig haarige Situationen waren dabei an der Tagesordnung.

Mit jeder neuen Mission wurde die Erforschung des Weltraums ein wenig mehr zur Routine. Bis zu einem Punkt, an dem etwas Unglaubliches eintrat: Langeweile. „Etwas Komisches passierte auf dem Weg zum Mond: nicht viel“, schrieb der Astronaut Gene Cernan. „Hätte mir ein paar Kreuzworträtsel mitnehmen sollen.“ Mit dem Ende des Apollo-Programms verschob sich der Schwerpunkt der Missionen vom Erforschen hin zu Experimenten. Astronauten flogen nicht weiter als an den Rand der Erdatmosphäre, um im Erdorbit wissenschaftliche Laboratorien zusammenzubauen – Skylab, Spacelab, Mir, ISS. Sie führten in der Schwerelosigkeit Experimente durch, setzten Kommunikations- und Verteidigungssatelliten ab, installierten neue Toiletten. „Das Leben auf der Mir war in erster Linie banal“, erklärt der Astronaut Norm Thagard im Raumfahrtmagazin Quest. „Das häufigste Problem, das ich hatte, war Langeweile.“ Mike Mullane fasste seine erste Spaceshuttle-Mission mit den Worten „ein paar Kippschalter umlegen, um ein paar Kommunikationssatelliten abzusetzen“ zusammen. Natürlich gibt es immer noch Neues und nie Dagewesenes auf den Missionen, und die NASA listet alles stolz auf, doch es sind keine Dinge mehr, die Schlagzeilen machen. Bei der Shuttle-Mission STS-110 war das beispielsweise „das erste Mal, dass alle Weltraumspaziergänge der Crew von der Luftschleuse des Quest-Moduls aus erfolgten.“ „Die Fähigkeit, Langeweile und niedrige Stimulations-Level zu tolerieren“ gehört nach einem Dokument aus der Spaceshuttle-Ära, das von der NASA-Arbeitsgruppe für psychiatrische und psychologische Auswahl von Astronauten entworfen wurde, zu den Eigenschaften, über die ein Astronaut verfügen sollte.

Heutzutage gibt es für die Berufsbezeichnung Astronaut zwei Unterkategorien. (Drei, wenn man „Payload Specialist“, also „Ladungs-Spezialist“, mitzählt – die Kategorie, in die Lehrer, wichtigtuerische Senatoren* und vergnügungsreisende saudische Prinzen fallen.) Piloten sind diejenigen, die an den Instrumenten sitzen. Missionsspezialisten führen die wissenschaftlichen Experimente durch, erledigen die Reparaturen und bringen die Satelliten in die Umlaufbahn. Zum Astronauten werden nach wie vor die Besten und die Intelligentesten, aber nicht mehr unbedingt die Kühnsten. Sie sind Mediziner, Biologen und Ingenieure. Die Astronauten unserer Tage sind genauso häufig Computer-Nerds wie Helden. (Die JAXA-Astronauten auf der ISS wurden bis dato immer als Missionsspezialisten der NASA klassifiziert. Zur ISS gehört auch das von der JAXA gebaute Labormodul namens Kibo.) Das Anstrengendste am Astronautendasein, so erzählte mir Tachibana, ist, kein Astronaut zu werden – nicht zu wissen, wann (und ob überhaupt) man den Flugbefehl bekommen wird.

[* Zählt man die Astronauten, die ihren Status benutzt haben, um einen Sitz im Senat zu erobern, und die Senatoren, die ihren Einfluss geltend machten, um einen Platz bei einer NASA-Mission zu ergattern, zusammen, dann kommt man praktisch auf ein Senatsquorum im Weltall. (John Glenn schaffte es, beides zu tun, indem er als 77jähriger Senator in den Weltraum zurückkehrte.) Gelegentlich geht die Sache aber auch nach hinten los, wie im Fall des ehemaligen Astronauten und Senators von Neumexiko Harrison Schmitt, dessen Gegner Jeff Bingaman ihm mit dem Slogan „Und was hat er in letzter Zeit auf der Erde für Sie getan?“ den Senatssitz abjagte.]

Als ich das erste Mal mit einem Astronauten sprach, wusste ich nichts von der Unterteilung in Piloten und Missionsspezialisten. Ich stellte mir alle Astronauten so vor, wie wir sie aus den Filmaufnahmen der Apollo-Missionen kennen: gesichtslose Ikonen hinter goldenen Visieren, die in der geringen Schwerkraft des Mondes wie Antilopen umherspringen. Der Astronaut war Lee Morin. Missionsspezialist Morin ist ein großer Mann mit sanfte Stimme. Er dreht beim Gehen einen Fuß leicht nach innen. Am Tag, als wir uns trafen, trug er Chinohosen und braune Schuhe. Sein Hemd hatte ein Muster aus Segelbooten und Hibiskusblüten. Er erzählte mir eine Geschichte darüber, wie er das Gleitmittel für die Notrutsche der Spaceshuttle-Startrampe testen half. „Wir mussten uns bücken, und sie bürsteten unseren Hintern damit ein. Und dann sprangen wir auf die Rutsche. Und das Mittel bestand den Test, also konnte es [die Shuttle-Mission] weitergehen und die Raumstation gebaut werden. Ich war stolz darauf“, sagte er, ohne eine Miene zu verziehen, „dass ich meinen Teil zur Mission beitragen konnte.“

Ich erinnere mich noch daran, wie Morin von mir wegging, an seinen sympathischen Gang und an den Hintern, der im Dienst der Wissenschaft eingerieben worden war. Ich dachte: „O mein Gott, sie sind nur Menschen.“

Das Budget der NASA hing immer auch mit der überlebensgroßen Mythologie zusammen. Das Image, das während der Mercury- und Apollo-Missionen geformt wurde, hält sich weitgehend bis heute. Auf den offiziellen, 20 mal 25 Zentimeter großen Hochglanzfotos der NASA tragen viele Astronauten immer noch Raumanzüge und halten ihre Helme auf dem Schoß, als könnte das Fotostudio am Johnson Space Center jeden Moment aus unerklärlichen Gründen einen plötzlichen Druckabfall erleben. In Wirklichkeit findet vielleicht ein Prozent der Karriere eines Astronauten im Weltraum statt und auch davon nur ein Prozent in einem Raumanzug. Morin war an jenem Tag in seiner Eigenschaft als Mitglied der Cockpit Working Group für die Orion-Weltraumkapsel da. Er half dabei, Sichtlinien und die optimale Positionierung von Computer-Displays festzulegen. Zwischen den Flügen verbringen die Astronauten ihre Zeit in Meetings und Komitees, halten Vorträge in Schulen und Rotarier-Clubs, testen Software und Hardware, arbeiten im Kontrollzentrum, und ansonsten fliegen sie, wie man unter Astronauten sagt, ihren Schreibtisch.

Nicht, dass Mut vollkommen überflüssig geworden wäre. In der erwähnten Liste von Attributen, über die ein Astronaut verfügen sollte, findet sich auch die „Fähigkeit, trotz einer drohenden Katastrophe zu funktionieren.“ Wenn etwas schiefgeht, muss jeder einen klaren Kopf behalten. Einige Auswahlverfahren – etwa das der kanadischen Weltraumbehörde – scheinen größeren Wert auf die Katastrophenfestigkeit der Kandidaten zu legen als andere. Die Highlights der Auswahlverfahren der CSA (Canadian Space Agency) von 2009 wurden in einzelnen Fortsetzungen auf die Webseite gestellt. Es war wie Reality-Fernsehen. Die Kandidaten wurden in ein Trainingszentrum zur Raumschiff-Sicherung gebracht, wo sie lernten, aus brennenden Raumkapseln und stürzenden Hubschraubern zu entkommen. Sie sprangen aus schwindelerregenden Höhen mit den Füßen voran in Swimmingpools, während Maschinen eineinhalb Meter hohe Wellen produzierten. Ein hämmernder Actionfilm-Soundtrack verstärkte den dramatischen Effekt. (Es ist durchaus möglich, dass die Videoaufnahmen mehr damit zu tun hatten, Medienaufmerksamkeit zu generieren, als die Kandidatenauswahl für Kanadas nächsten Astronauten realistisch abzubilden.)

Ich hatte Tachibana gefragt, ob er vorhabe, seine Kandidaten irgendwie zu überraschen, um zu sehen, wie sie auf den Stress einer plötzlichen Notsituation reagieren würden. Er erzählte mir, dass er darüber nachgedacht hatte, die Toilette in der Isolationskammer auszuschalten. Auch das war nicht unbedingt die Antwort, die ich erwartet hatte, aber auf ihre Art genial. Die Aufnahmen davon würden vielleicht nicht so gut mit einem paukenlastigen Soundtrack harmonieren (andererseits: es käme auf den Versuch an), aber es ist zweifellos ein realistischeres Szenario. Eine defekte Toilette ist nicht nur repräsentativer für die Herausforderungen der Raumfahrt, sondern – wie wir in Kapitel 14 sehen werden – auch durchaus ein ernstzunehmender Stressfaktor.

„Gestern, bevor Sie ankamen“, fügte Tachibana hinzu, „haben wir ihnen das Mittagessen eine Stunde später gebracht.“ Die kleinen Dinge können große Aussagekraft haben. Die Bewerber, die nicht wissen, dass verspätete Mahlzeiten oder nicht funktionierende Toiletten Teil des Tests sind, zeigen umso ehrlicher ihren Charakter. Als ich mit der Arbeit an diesem Buch begann, bewarb ich mich für eine simulierte Mars-Mission. Ich überstand die ersten Auswahlrunden, dann wurde mir gesagt, dass im Laufe des Monats jemand von der Europäischen Raumfahrtbehörde ESA bei mir anrufen würde, um mich telefonisch zu interviewen. Der Anruf kam um 4:30 nachts, und ich machte mir nicht die Mühe, meine Verärgerung zu verhehlen. Später wurde mir klar, dass es sich wahrscheinlich um einen Test handelte – und ich nicht bestanden hatte.

Die NASA arbeitet mit ähnlichen Tricks. Sie rufen den Bewerber an und teilen ihm mit, dass er ein paar der ärztlichen Untersuchungen wiederholen muss und dass es am nächsten Tag sein muss. „In Wahrheit sagen sie: ‚Wollen doch mal sehen, ob er alles fallen lässt, um einer von uns zu werden“, erklärt der Astrogeologe Ralph Harvey, der öfter Mitarbeiter in seinem Antarctic Search for Meteorites-Programm hat (ANSMET), die sich auf Astronautenstellen bewerben. [Die Antarktis entspricht dem Weltraum ganz gut; Menschen, die dort zurechtkommen, hält man für psychologisch gut gerüstet für die Isolation und die Enge bei Weltraumflügen.) Harvey bekam kürzlich einen Anruf, der einen solchen Bewerber betraf. „Sie sagten: ‚Wir werden ihm morgen zum ersten Mal eine T-38 zum Fliegen geben. Und wir möchten, dass Sie als Beobachter mitkommen und uns sagen, wie Sie seine Leistung einschätzen.‘ Und ich sagte: ‚Kein Problem.‘ Aber ich wusste, dass das nicht passieren würde. Sie wollten lediglich herausbekommen, wie viel Vertrauen ich in diese Person hatte.“

Ein weiterer Grund dafür, dass man wissen will, wie angehende Astronauten mit Stress umgehen, ist, dass die Möglichkeit, ihn abzubauen, an Bord eines Raumschiffs begrenzt sind. „Shopping zum Beispiel“, sagt Tachibana, „geht nicht.“ Oder trinken. „Oder ein langes Bad nehmen“, fügt Kumiko Tanabe hinzu, die die Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit leitet und daher, wie ich vermute, jede Menge langer Bäder nimmt.

Inzwischen ist das Mittagessen gekommen, und alle zehn Kandidaten stehen auf, um die Behälter auszupacken und den Tisch zu decken. Sie setzen sich wieder, aber niemand greift nach seinen Eßstäbchen. Man kann sehen, dass sie alle taktieren. Beweist der, der den ersten Bissen nimmt, damit seine Führungsqualitäten? Oder ist es ein Zeichen für Ungeduld und Genußsucht? Bewerber A, der Arzt, findet anscheinend die richtige Lösung. „Bon appetit“, sagt er zur Gruppe. Er nimmt wie die anderen seine Stäbchen zur Hand, doch dann wartet er, bis jemand anders den ersten Bissen genommen hat. Schlau. Ich setze mein Geld auf A.

Das andere, was sich seit der Blütezeit der Weltraum-Erforschung geändert hat: Die Crews an Bord von Spaceshuttles und wissenschaftlichen Laboren im Orbit sind zwei- oder dreimal so groß, wie sie es zu den Zeiten von Mercury, Gemini und Apollo waren, und die Missionen dauern nicht Tage, sondern Wochen. Das macht das „richtige Holz“, aus dem die Mercury-Astronauten geschnitzt sein mussten, zum falschen Holz. Astronauten müssen heute Menschen sein, die gut mit anderen zusammenarbeiten. Zur NASA-Liste der Eigenschaften, die für Astronauten empfehlenswert sind, gehört auch die Fähigkeit, anderen mit Feingefühl, Achtung und Empathie zu begegnen. Anpassungsfähigkeit, Flexibilität, Fairness. Sinn für Humor. Die Fähigkeit, stabile und tiefere zwischenmenschliche Beziehungen zu unterhalten. Die heutige Raumfahrtbehörde sucht nicht Mumm und Großspurigkeit. Sie sucht Richard Gere in Das Lächeln der Sterne. Durchsetzungsstärke muss „angemessen“ sein und Risikobereitschaft „gesund“. Wichtig ist heute nicht mehr Draufgängertum, Aggressivität und Männlichkeit. Oder, wie es Patricia Santy, die die erste Psychiaterin im Dienst der NASA war, in ihrem Buch Choosing the Right Stuff ausdrückte: „Narzissmus, Arroganz und zwischenmenschliche Insensibilität.“ „Wer“, so fragt sie, „wollte mit so einem Menschen arbeiten?“

Grob verallgemeinernd lässt sich sagen, dass Japaner gut für das Leben auf einer Raumstation geeignet sind. Sie sind an kleine Räume und eingeschränkte Privatsphäre gewöhnt. Sie sind eine leichtere und kompaktere Fracht als der Durchschnittsamerikaner. Und vielleicht am wichtigsten: Sie sind dazu erzogen worden, höflich zu sein und ihre Emotionen im Zaum zu halten. Meine Übersetzerin Sayuri, die so rücksichtsvoll ist, dass sie den Lippenstift von ihrer Tasse wischt, bevor sie sie in der JAXA-Kantine zurückgibt, berichtet, dass ihre Eltern immer zu ihr sagten: „Mach keine Wellen auf der ruhigen Oberfläche des Sees.“ Ein Astronaut zu sein, stellt sie fest, ist einfach eine Erweiterung des Alltagslebens. „Japaner sind exzellente Astronauten“, stimmt auch Spaceshuttle-Crewmitglied Roger Crouch zu, mit dem ich während meines Aufenthalts in Japan per E-Mail korrespondierte.

Ich trug meine Theorie Tachibana vor. Wir waren zum Plaudern in die Lobby gegangen. Wir saßen auf niedrigen Sofas, die unter den Porträts der JAXA-Astronauten aufgestellt waren. „Was Sie sagen, stimmt“, sagte er, wobei eins seiner Knie auf und ab wippte. (Sein Chef hatte mir bei meinem vorigen Besuch anvertraut, dass Beinwippen während eines Auswahlinterviews als Warnsignal gilt, ebenso wie das Vermeiden von Augenkontakt. Für den Rest des Gesprächs starrten der Chef und ich uns über den Tisch hinweg unverwandt an, keiner wollte zuerst wegsehen.) „Wir Japaner haben eine Tendenz, Emotionen zu unterdrücken und zu kooperieren, wir versuchen zu stark, uns anzupassen. Ich habe Bedenken, dass sich einige unserer Astronauten zu gut verhalten.“ Die eigenen Gefühle zu lange zu stark zu unterdrücken, fordert seinen Preis. Entweder man explodiert, oder man implodiert. „Die meisten Japaner werden eher depressiv, als zu explodieren“, sagt Tachibana. Zum Glück, so fügt er hinzu, trainieren die JAXA-Astronauten mehrere Jahre lang zusammen mit NASA-Astronauten, und während dieser Jahre „wird ihr Charakter etwas aggressiver und dem der Amerikaner ähnlicher.“

Im letzten Isolationskammer-Test wurde ein Kandidat aussortiert, weil er sich zu viel ärgerte; ein anderer, weil er unfähig war, seinem Ärger Ausdruck zu verleihen, und ihn passiv abreagierte. Tachibana und Inoue suchen nach Bewerbern, die es schaffen, eine Balance zu erreichen. NASA-Astronautin Peggy Whitson scheint mir ein gutes Beispiel zu sein. Kürzlich sah ich bei NASA-TV, wie jemand ihr sagte, dass er die Fotoserie nicht finden konnte, die sie oder ein Mitglied ihrer Crew kurz zuvor aufgenommen hatte. Hätte ich meinen Morgen damit verbracht, Fotos zu machen, nur um dann von der Person, für die ich sie gemacht habe, zu hören, dass sie sie verlegt hat, würde ich sagen: „Schau halt noch einmal nach, du Schafskopf.“ Whitson sagte ohne eine Spur von Irritation: „Das ist kein Problem. Wir können sie noch einmal machen.“

Gibt es noch andere Dinge, die man vermeiden sollte, wenn man Astronaut werden will?

Schnarchen, sagt Tachibana. Wenn es laut genug ist, kann es ein K.-o.-Kriterium im Auswahlprozess sein. „Es weckt die anderen auf.“

Laut Yangtse Evening Post schließt der medizinische Check-up für chinesische Astronauten Kandidaten mit Mundgeruch aus. Nicht weil es ein Hinweis auf eine Zahlfleischerkrankung sein könnte, sondern weil, in den Worten des Auswahlbeauftragten Shi Bing Bing, „der schlechte Atem auf engem Raum die Kollegen beeinträchtigen würde.“

Das Mittagessen ist vorbei, und zwei – nein drei, Moment: vier! Der Kandidaten wischen die Tischplatte ab. Es erinnert mich an diese bürstenlosen Waschstraßen, bei denen sich eine kleine Armee von Wisch-Angestellten auf Ihr Auto stürzt, sobald es die Anlage verlässt. Aber niemand muss das Geschirr abwaschen. Die Kandidaten sind angewiesen, das schmutzige Geschirr und Essbesteck in die Plastikwanne mit dem eigenen Namenskürzel zurückzulegen und die Wannen in die „Luftschleuse“ zu stellen. Was die Kandidaten nicht wissen, ist, dass das schmutzige Geschirr anschließend auf einen Servierwagen gestellt und zum Fotografieren weggefahren wird. Diese Fotos landen bei den Psychiatern und Psychologen, zusammen mit den Origami-Vögeln. Ich schaute beim Foto-Shooting für das gestrige Abendessen zu. Die Assistentin des Fotografen öffnet jeden Behälter und hält ein Stück Pappe, auf das der Buchstabe des Kandidaten und das Datum gedruckt ist, an den unteren Bildrand – als wäre das Gedeck wegen eines Verbrechens verhaftet worden und müsse nun für ein Foto für die Verbrecherkartei posieren.

Inoue blieb vage, als ich ihn fragte, was der Zweck der Fotos sei. Um zu sehen, was sie essen, sagte er. Also gut, schauen wir mal: C ließ die Haut von ihrem Hähnchenfleisch liegen, und G verschmähte die Algen aus seiner Misosuppe. E ließ die Hälfte seiner Suppe und das gesamte sauer eingelegte Gemüse übrig. Mein Favorit A aß alles und legte Besteck und Geschirr in exakt der gleichen Konfiguration in den Container zurück, in der es gekommen war.

„Schauen Sie sich G-san an“, sagte der Fotograf missbilligend. („San“ ist die japanische Höflichkeitsform wie unser „Herr“ oder „Frau“.) Er hob das Schälchen mit dem sauer eingelegten Gemüse hoch, das G auf den Teller gestellt hatte. „Er verdeckt seine Haut.“

Ich bin nicht sicher, dass ich verstehe, warum es wichtig ist, dass Astronauten ihre Teller leer essen und ihr schmutziges Geschirr stapeln. Ordnungssinn ist in einem beengten Raum zweifellos wichtig, aber ich glaube, hier geht es um etwas anderes. Wenn ich einem Fremden eine Liste der Aktivitäten vorlegen würde, die ich in den letzten Tagen hier beobachtet habe, und ihn raten ließe, wo ich war, bezweifle ich, dass „Raumfahrtbehörde“ das Erste wäre, was ihm in den Sinn käme. „Grundschule“ vielleicht eher. Außer dem Origami gab es in dieser Woche noch Tests, bei denen LEGO-Roboter gebaut wurden, und Buntstiftzeichnungen zum Thema „Ich und meine Kollegen“ (auch diese für den Schreibtisch der Psychohygieniker bestimmt).

Im Moment ist H auf den Bildschirmen zu sehen; er spricht mit seinen Kollegen und mit den Kameras. Diese Aktivität nennt sich „Self-Merits Presentation“. Ich hatte etwas in der Art eines einseitigen Bewerbungsgesprächs erwartet, ein Auflisten von Charakterstärken und beruflichen Qualifikationen. Aber das hier ist mehr wie eine Talentshow im Ferienlager: Cs Talent bestand darin, Lieder in vier Sprachen zu singen. D machte 40 Liegestütze in 30 Sekunden.

Das Schulambiente wird noch dadurch unterstrichen, dass die Kandidaten Leibchen tragen. Das sind diese Dinger, die Kinder früher im Sportunterricht trugen, damit man sehen konnte, wer in welcher Mannschaft war. Diese hier haben die Buchstaben der Kandidaten aufgedruckt. Die sind für die Beobachter. Das Licht ist schlecht, und die Kamera zoomt nur selten auf das Gesicht, deshalb ist es schwer zu sehen, wer spricht. Vor Einführung der Leibchen beugten sich alle ständig vor und flüsterten ihrem Nachbarn zu: „Wer ist das – E-san?“ – „Ich glaube, es ist J-san.“ – „Nein, J-san ist das dort, mit den Streifen.“

H sagt: „Ich kann Fahrrad fahren, ohne den Lenker festzuhalten.“ Jetzt legt er die Hände zusammen und führt die gebeugten Daumen an seine Lippen. Nach ein paar Versuchen bringt er ein tiefes, trockenes, unmusikalisches Pfeifen hervor. „Ich habe keine Fähigkeiten wie du“, sagt H trübsinnig zu B. B hat gerade von der Badminton-Meisterschaft erzählt, die er mit seiner Mannschaft gewonnen hat, danach hat er die Hosenbeine seiner Shorts hochgezogen, um seine muskulösen Oberschenkel zu zeigen.

H setzt sich hin und F steht auf. F ist einer der drei Piloten in der Gruppe. „Für einen Piloten ist die Kommunikation wichtig.“ Nach diesem soliden Beginn nimmt die Präsentation allerdings einen unerwarteten Verlauf. F erzählt uns, dass er oft mit seinen Freunden einen trinken geht. „Wir gehen an Orte, wo es Damen zur Unterhaltung gibt. Das hilft der Kommunikation und trägt dazu bei, das Eis zwischen den Jungs zu brechen.“ F öffnet seinen Mund weit. Er macht etwas mit seiner Zunge. Die Psychiater beugen sich zu den Bildschirmen vor. Sayuris Augenbrauen heben sich. „Das mache ich für die Damen“, sagt F. Hä? Inoue zoomt heran. Fs Zunge ist doppelt eingerollt, wie zwei Tacos. „Das ist für mich eine exzellente Technik, um das Eis zu brechen.“

Als Nächstes ist mein Favorit A an der Reihe. Er erklärt, dass er eine Aikido-Technik demonstrieren will, und bittet um einen freiwilligen Helfer. D steht auf. Sein Leibchen rutscht halb von der Schulter wie ein BH-Träger. A erzählt, dass zu seinen College-Zeiten die jüngeren Studenten oft so betrunken waren, dass sie sich nicht mehr bewegen konnten. „Also verdrehte ich ihren Arm, um ihnen beim Aufstehen zu helfen.“ Er greift nach Ds Handgelenk. D jault auf und alles lacht.

„Sie sind wie frat boys“, sage ich zu Sayuri. Tachibana sitzt neben Sayuri, die ihm erklärt, was frat boys sind: exzessiv feiernde Verbindungsstudenten amerikanischer Unis.

„Um ihnen die Wahrheit zu sagen“, sagt Tachibana, „ein Astronaut ist durchaus eine Art College-Student.“ Er bekommt Aufgaben. Entscheidungen werden für ihn getroffen. Ins All fliegen ist so, als würde man ein sehr kleines, elitäres Militärinternat besuchen. Statt Feldwebeln und Dekanen gibt es hier das Management der Weltraumbehörde. Es ist harte Arbeit, aber man hält sich besser an die Regeln. Rede nicht über die anderen Astronauten. Fluche nicht.* Beschwere dich nie. Wie beim Militär: Wer Ärger macht, bekommt Druck oder wird weggeschickt.

[* Letzte Woche las ich den Rohentwurf einer Oral History (zu Deutsch etwa: Zeitzeugenbefragung), in der Worte wie „verflixt“ und „zum Teufel“ geschwärzt waren wie die Klarnamen in einem CIA-Dossier. Als Gene Cernan bei Apollo 10 eine kitzlige Situation mit „mehr als ein paar goddams, fucks und shits“ kommentierte, beschwerte sich der Präsident des Miami Bible College bei Präsident Nixon und verlangte eine öffentliche Entschuldigung. Die NASA zwang Cernan, sich zu fügen. In seinen Memoiren hatte er dann das letzte Wort: „Ein Haufen verdammtes Geschwätz!“]

In der gesamten Ära der Raumstationen war der ideale Astronaut ein außerordentlich begabter Erwachsener, der Anweisungen entgegennimmt und Regeln befolgt wie ein außerordentlich wohlerzogenes Kind. Die Japaner produzieren solche Leute wie am Fließband. Sie haben eine Kultur, in der fast niemand bei Rot über die Straße geht oder seinen Müll einfach fallen lässt. Es widerstrebt den Leuten, Autoritäten entgegenzutreten. Meine Sitznachbarin auf dem Flug nach Tokio erzählte mir, dass ihre Mutter ihr verboten hatte, sich Ohrlöcher stechen zu lassen. Erst mit 37 habe sie den Mut aufgebracht, es dennoch zu tun. „Ich lerne gerade erst, ihr zu widersprechen“, vertraute sie mir an. Sie war 47 und ihre Mutter 86.

„Die Erkundung des Mars wird natürlich eine andere Geschichte sein“, sagt Tachibana. „Da braucht man jemanden, der aggressiv und kreativ ist. Denn diese Astronauten werden alles allein machen müssen.“ Bei einer Zeitverzögerung von 20 Minuten für jeden Funkspruch kann man im Notfall nicht auf Ratschläge der Kontrollstation warten. „Man braucht wieder einen tapferen Mann.“

Astronauten auf Deimos (Bild von Ron Miller; ebenfalls nicht aus Mary Roachs Buch)

Astronauten auf Deimos (Bild von Ron Miller; ebenfalls nicht aus Mary Roachs Buch)

Siehe auch:

Neue Forschungen über Individualismus und Kollektivismus von Kevin MacDonald

Warum die Asiaten nicht die Raumfahrt erfanden von Fjordman

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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Eine Antwort zu „Er ist intelligent, aber seine Kraniche sind nicht akkurat“: Japan wählt einen Astronauten aus

  1. Cernunnos schreibt:

    In Mary Roachs Buch „Was macht der Astronaut, wenn er mal muss?“ bin ich jetzt beim Wieder-Lesen auf einen in anderem Zusammenhang interessanten Abschnitt gestoßen, und zwar im Kapitel „Der Three Dolphin Club: Paaren ohne Schwerkraft“ (die darin erwähnte Person namens Ronca ist die Geburtshelferin und Gynäkologin April Ronca, die am Ames-Zentrum der NASA Schwangerschaft und Geburt von Säugetieren in der Schwerelosigkeit erforscht hat):

    Sieht man einmal von den Gefahren der Strahlung ab, würde man eigentlich erwarten, dass eine Schwangerschaft in der Schwerelosigkeit weniger problematisch wäre als auf der Erde. Bedenkt man, dass Schwangere manchmal Bettruhe verordnet bekommen – eine beliebte Analogie zur Schwerelosigkeit, wie wir gesehen haben – und dass Föten in Flüssigkeit schwimmen (eine weitere Schwerelosigkeits-Analogie), sollte die Schwerelosigkeit auf den ersten Blick eigentlich keine Gefahr für die Entwicklung der Babys darstellen. Ronca schickte Ratten für die letzten beiden Wochen ihrer Trächtigkeit ins All. Zwei Tage nach der Landung warfen die Weibchen. (Dass die NASA es nicht im All zur Geburt kommen ließ, war in erster Linie eine Frage der Logistik. Jemand hätte eine Geburtsstation für die Weibchen und eine Art Stillrahmen bauen müssen, damit die Babys nicht von den Zitzen wegschweben.) Abgesehen von ein paar kleineren Problemen mit dem Gleichgewicht waren die Jungen normal.

    Was nicht normal war, war die Geburt selbst – obwohl die Ratten zu diesem Zeitpunkt aus dem Weltraum zurückgekehrt waren. Ratten, die zwei Wochen im All verbracht hatten, hatten weniger und schwächere Wehen. Nach Roncas Meinung ist das ein gefährlicher Unterschied. Wehen spielen eine wichtige Rolle bei der Anpassung des Neugeborenen an das Leben außerhalb der Gebärmutter. Die Wehen einer vaginalen Geburt verursachen beim Fötus eine riesige Ausschüttung von Stresshormonen; es sind die gleichen „Kämpfe oder fliehe“-Hormone, die Erwachsene zu extremen Kraftanstrengungen befähigen. „Dieser Hormonschwall scheint sehr wichtig zu sein, um die physiologischen Systeme zum Laufen zu bringen. Ganz plötzlich muss das Neugeborene allein atmen und herausfinden, wie man an einer Brustwarze saugt. Bei schwächerer Wehentätigkeit ist der Hormonausstoß geringer, und der Fötus hat es schwerer.“ Studien haben gezeigt, dass Kleinkinder, die ganz ohne Wehen mit einem geplanten Kaiserschnitt entbunden wurden – im Vergleich zu den vaginal entbundenen -, ein höheres Risiko von Lungeninsuffizienz und Bluthochdruck haben, größere Schwierigkeiten, Lungenflüssigkeit auszustoßen, und eine verzögerte neuronale Entwicklung. Anders ausgedrückt: Es scheint Teil der Planung der Natur zu sein, ein Baby zu stressen (aus diesem Grund ist Ronca auch keine Verfechterin von Wassergeburten).

    Diese Erkenntnisse haben nicht nur Bedeutung für die gesundheitlichen Auswirkungen der Art der Kindergeburt (mit Kaiserschnitt oder natürliche Entbindung), sondern veranschaulichen allgemeiner betrachtet auch, wie leicht man die verzögerten negativen Auswirkungen von Bestrebungen übersehen kann, sich um bestimmte vordergründig oder kurzfristig unangenehme Dinge im Leben zu drücken.
    Es ist gewissermaßen eine weitere Bestätigung des von Robert Heinlein formulierten TANSTAAFL-Prinzips („There Ain’t No Such Thing As A Free Lunch“ = TANSTAAFL).

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