Der gläserne Wächter

A C Clarke Der gläserne Wächter

Im verlöschenden Nachglühen der Schöpfung kam etwas von den Sternen, schwebte durch unser Sonnensystem und hinterließ ein Zeugnis seiner Reise.

Von Arthur Charles Clarke, aus „Das Beste aus Reader’s Digest“ Oktober 1988 (Original: „The Sentinel“, 1951; aus dieser Kurzgeschichte entstand die Idee zu „2001 – Odyssee im Weltraum“). Die etwas gekürzte deutsche Fassung aus „Reader’s Digest“ wurde von mir (Lichtschwert) durch eigene Übersetzungen nach dem Originaltext (PDF, 6 Seiten) ergänzt. (Der damalige Erkenntnisstand über die Natur der Mondmeere und ihre Entstehung war noch ein anderer, als wir ihn heute haben.)

[Online-Quelle hier auf NORD-LICHT]

Wenn Sie das nächste Mal den Vollmond hoch droben am Südhimmel sehen, betrachten Sie genau die rechte Seite der Scheibe. Stellen Sie sich jetzt ein aufgelegtes Zifferblatt vor, dann können Sie etwa bei zwei Uhr einen dunklen, ovalen Fleck erkennen; jeder mit normaler Sehkraft kann ihn recht leicht finden. Das ist die große Ebene, eine der schönsten auf dem Mond. Sie heißt Mare Crisium – das Krisenmeer. Es hat einen Durchmesser von 420 Kilometern, ist fast vollständig von einer herrlichen Gebirgskette umgeben und war noch vollkommen unerforscht, als wir im Spätsommer 1996 dorthin kamen.

Unsere Expedition war eine große. Wir hatten zwei schwere Frachter, die unsere Vorräte und Ausrüstung von der lunaren Hauptbasis im Mare Serenitatis, achthundert Kilometer entfernt, eingeflogen hatten. Es gab auch drei kleine Raketen, die für den Kurzstreckentransport über Bereiche bestimmt waren, die unsere Oberflächenfahrzeuge nicht überqueren konnten. Zum Glück ist der Großteil des Mare Crisium sehr flach. Es gibt keine der großen Spalten, die anderswo so häufig und so gefährlich sind, und sehr wenige Krater oder Berge irgendwelcher Größe. Soweit wir sagen konnten, würden unsere starken Raupentraktoren keine Schwierigkeit damit haben, uns überall hinzubringen, wo wir hinwollten.

Ich war ein Geologe – oder Selenologe, wenn Sie pedantisch sein wollen -, der die Gruppe leitete, die den südlichen Abschnitt der Ebene untersuchen sollte. Wir hatten ein paar hundert Meilen davon in einer Woche durchquert und waren die Ausläufer der Berge entlang des Ufers von etwas entlanggefahren, das einst das uralte Meer war, vor etwa tausend Millionen Jahren. Als das Leben auf der Erde begann, starb es hier bereits. Die Wasser wichen über die Flanken jener gewaltigen Klippen zurück und zogen sich in das leere Herz des Mondes zurück. Über dem Land, das wir durchquerten, war der gezeitenlose Ozean einst achthundert Meter tief gewesen, und nun war die einzige Spur von Feuchtigkeit der Rauhreif, den man manchmal in Höhlen finden konnte, in die das sengende Sonnenlicht nie vordrang.

Wir hatten unsere Reise früh im langen Morgengrauen des Mondes begonnen; nach Erdzeitrechnung blieb uns noch beinahe eine Woche, bis es wieder Nacht wurde. Etwa sechsmal am Tag verließen wir das Fahrzeug in behelmten Raumanzügen, um nach interessanten Mineralien Ausschau zu halten, oder um Markierungen zur Anleitung zukünftiger Reisender anzubringen. Es war ereignislose Routine. Es ist nichts Riskantes oder auch nur besonders Aufregendes an der Erforschung des Mondes. Wir konnten bequem einen Monat lang in unseren druckgeregelten Traktoren leben, und falls wir auf Schwierigkeiten stießen, konnten wir immer um Hilfe funken und abwarten, bis eines der Raumschiffe zu unserer Rettung kam.

Ich sagte gerade, daß es nichts Aufregendes an der Erforschung des Mondes gibt, aber das ist natürlich nicht wahr. Wir konnten uns an jenen unglaublichen Bergen nicht satt sehen, die viel zerklüfteter und scharfkantiger waren als die sanften Erhebungen auf der Erde. Wenn wir um ein Vorgebirge oder Kap jenes verschwundenen Meeres herumfuhren, wußten wir nie, welche prachtvollen Ausblicke sich uns offenbaren würden. Die gesamte südliche Krümmung des Mare Crisium ist ein riesiges Delta, wo eine Anzahl von Flüssen einst ihren Weg in den Ozean fanden, vielleicht gespeist von den Sturzregen, die die Berge in dem kurzen vulkanischen Zeitalter gepeitscht haben mußten, als der Mond jung war. Jedes dieser uralten Täler war eine Einladung, die uns dazu herausforderte, in die unbekannten Hochländer dahinter zu klettern. Aber wir hatten immer noch über hundertsechzig Kilometer zurückzulegen und konnten nur sehnsüchtig die Höhen betrachten, die andere erklimmen mußten.

Wir orientierten uns an Bord des Traktors weiterhin an der Erdzeit, und exakt um 22 Uhr wurde die letzte Nachricht an die 800 Kilometer entfernte Zentrale gefunkt. Draußen glühten immer noch die Berge im fast senkrecht einfallenden Sonnenlicht, aber für uns war es Nacht, bis wir acht Stunden später wieder erwachten. Dann pflegte einer von uns das Frühstück zuzubereiten, es gab viel Gesumm von elektrischen Rasierapparaten, und jemand schaltete das Kurzwellenradio von der Erde ein. Tatsächlich war es, wenn der Geruch von Bratwürsten die Kabine zu füllen begann, manchmal schwer zu glauben, daß wir nicht zurück auf unserer eigenen Welt waren – alles war so normal und gemütlich, abgesehen vom Gefühl des verringerten Gewichts und der unnatürlichen Langsamkeit, mit der Gegenstände fielen.

Ich war mit dem Frühstück an der Reihe, das in einer als Kombüse dienenden Ecke der Hauptkabine zubereitet wurde. Ich mich nach all den Jahren recht lebhaft an diesen Moment erinnern, denn das Radio hatte gerade eine meiner Lieblingsmelodien gespielt, jene alte walisische Weise „David of the White Rock“. Unser Fahrer war schon im Raumanzug draußen, um unsere Raupenketten zu überprüfen. Mein Assistent Louis Garnett befand sich vorne im Kontrollraum und machte im Logbuch einige verspätete Eintragungen über den Vortag.

Während ich neben der Bratpfanne stand und wie irgendeine terrestrische Hausfrau darauf wartete, daß die Würstchen gar wurden, ließ ich meinen Blick müßig über die Bergwände wandern, die den gesamten südlichen Horizont bedeckten und im Osten und Westen hinter der Krümmung des Mondes außer Sicht verschwanden. Sie schienen nur eineinhalb bis drei Kilometer vom Traktor entfernt zu sein, aber ich wußte, daß die nächsten über dreißig Kilometer entfernt waren. Auf dem Mond gibt es natürlich keinen entfernungsbedingten Verlust an Details – nichts von der fast unwahrnehmbaren Dunstigkeit, die alle weit entfernten Dinge auf der Erde weicher macht und manchmal umgestaltet.

Diese Berge waren dreitausend Meter hoch, und sie erhoben sich steil aus der Ebene, als ob irgendeine Eruption im Untergrund sie vor Zeitaltern durch die geschmolzene Kruste himmelwärts gestoßen hätte. Die Basis selbst der nächsten war durch die stark gekrümmte Oberfläche der Ebene dem Blick verborgen, denn der Mond ist eine sehr kleine Welt, und von meinem Standort war der Horizont nur drei Kilometer entfernt.

Ich hob meinen Blick zu den Gipfeln, die kein Mensch je erklettert hatte, die Gipfel, die vor dem Aufkommen des irdischen Lebens gesehen hatten, wie die zurückweichenden Ozeane mürrisch in ihre Gräber sanken und die Hoffnung und die Morgenverheißung einer Welt mit sich nahmen. Gleißendes Sonnenlicht fiel auf die Felsen, doch über ihnen, an einem Himmel, der schwärzer war als jede irdische Winternacht, leuchteten gleichmäßig die Sterne.

Ich wandte meinen Blick ab, als ich hoch oben auf dem Kamm eines großen Vorgebirges, das etwa fünfzig Kilometer im Westen in das Meer vorstieß, ein metallisches Glitzern bemerkte. Es war ein dimensionsloser Punkt, als hätte eine dieser grausamen Bergspitzen einen Stern aufgespießt, und ich stellte mir vor, daß das Sonnenlicht von einer glatten Felsoberfläche reflektiert würde. Solche Dinge waren nicht ungewöhnlich. Wenn der Mond in seinem zweiten Viertel ist, können Beobachter auf der Erde manchmal die großen Bergketten im Oceanus Procellarum in einem blauweißen Irisieren brennen sehen, wenn das Sonnenlicht auf ihren Hängen blitzt und wieder von Welt zu Welt springt. Aber ich war neugierig, welche Art von Fels dort oben so hell strahlen konnte, und ich kletterte in die Beobachtungskuppel und richtete unser Zehnzentimeterteleskop westwärts auf das Licht.

Was ich sah, spannte mich nur noch mehr auf die Folter. Klar und scharf im Sichtfeld, schienen die Berggipfel kaum einen Kilometer entfernt, aber was immer das Sonnenlicht einfing – es war zu klein, als daß ich es erkennen konnte. Doch es schien eine schwer definierbare Symmetrie zu haben, und der Gipfel, auf dem es ruhte, war merkwürdig abgeflacht. Lange starrte ich auf das glitzernde Rätsel und strengte meine Augen an, bis mir der Geruch nach Verbranntem aus der Kombüse verriet, daß die Frühstückswürstchen die 400.000 Kilometer weite Reise umsonst gemacht hatten.

Den ganzen Morgen über stritten wir auf unserem Weg über das Mare Crisium, während die westlichen Berge sich höher in den Himmel erhoben. Sogar wenn wir in den Raumanzügen zu Untersuchungen draußen waren, ging die Diskussion über Funk weiter. Es sei völlig sicher, so sagten meine Begleiter, daß nie zuvor eine Form intelligenten Lebens auf dem Mond gewesen sei. Die einzigen Lebewesen, die je dort existiert hatten, waren ein paar primitive Pflanzen und ihre etwas weniger degenerierten Vorfahren. Ich wußte das so gut wie jeder andere, aber es gibt Momente, in denen ein Wissenschaftler nicht zögern darf, sich zum Narren zu machen.

„Hört zu“, sagte ich endlich, „ich werde da hinaufgehen, und sei es nur um meines Seelenfriedens willen. Dieser Berg ist weniger als dreitausendsechshundert Meter hoch – das sind nur sechshundert unter Erdschwerkraft -, und ich kann die Tour in zwanzig Stunden im Freien schaffen. Ich habe sowieso immer auf diese Berge hinaufsteigen wollen, und dies verschafft mir einen ausgezeichneten Vorwand.“

„Wenn du dir nicht das Genick brichst“, sagte Garnett, „wirst du nach unserer Rückkehr zum Gespött der ganzen Expedition. Dieser Berg wird von da an wahrscheinlich Wilsons Torheit genannt werden.“

„Ich werde mir nicht das Genick brechen“, sagte ich fest. „Wer war der erste Mann, der den Pico und den Helicon bestieg?“

„Aber warst du damals nicht jünger?“ fragte Louis sanft.

„Das“, sagte ich mit großer Würde, „ist ein so guter Grund wie jeder andere, da hinzugehen.“

An dem Abend gingen wir früh zu Bett, nachdem wir den Traktor bis auf einen knappen Kilometer an das Vorgebirge herangefahren hatten. Am nächsten Morgen begleitete mich Garnett; er war ein guter Kletterer und hatte mich schon zuvor oft auf solche Unternehmungen begleitet. Unser Fahrer war froh, daß er beim Fahrzeug bleiben konnte.

Im ersten Moment schienen die steilen Felswände unbezwingbar, aber für jeden, der nicht unter Höhenangst leidet, ist Klettern kein Problem in einer Welt, in der das Erdgewicht nur noch ein Sechstel beträgt. Die wahre Gefahr beim Bergsteigen auf dem Mond liegt in übermäßigem Selbstvertrauen; ein Sturz aus hundertachtzig Metern auf dem Mond bringt einen genauso gründlich um wie ein Dreißig-Meter-Fall auf der Erde.

Wir rasteten das erste Mal auf einem breiten Vorsprung etwa 1200 Meter oberhalb der Ebene. Das Klettern war nicht sehr schwierig gewesen, aber meine Glieder waren steif von der ungewohnten Anstrengung, und ich war froh über die Rast. Wir konnten den Traktor immer noch als winziges Metallinsekt weit unten am Fuß der Klippe sehen, und wir meldeten unseren Fortschritt dem Fahrer, bevor wir mit dem nächsten Anstieg begannen.

Die Temperatur in unseren Raumanzügen war angenehm kühl, denn die Kühlzellen dämpften die starke Sonnenstrahlung und leiteten unsere Körperwärme nach draußen. Wir sprachen selten miteinander, außer um Kletterhinweise weiterzugeben und unseren besten Aufstiegsplan zu diskutieren. Ich weiß nicht, was Garnett dachte, wahrscheinlich, daß dies der verrückteste Ausflug war, den er je unternommen hatte. Ich stimmte ihm mehr als nur halb zu, aber die Freude am Klettern, das Bewußtsein, daß noch nie jemand diesen Weg gegangen war, und das Hochgefühl über die sich stetig erweiternde Landschaft gaben mir alle Belohnung, die ich brauchte.

Ich denke nicht, daß ich besonders aufgeregt war, als ich vor uns die Felswand sah, die ich erstmals aus fünfzig Kilometern Entfernung durch das Teleskop untersucht hatte. Sie überragte uns um etwa fünfzehn Meter und wurde dann flach, und dort oben, auf dem Plateau, würde das Ding sein, das mich durch die öde Wüste hergelockt hatte. Höchstwahrscheinlich war es nichts weiter als ein Gesteinsbrocken, der vor sehr langer Zeit durch einen herabstürzenden Meteor abgesplittert worden war und nun mit seinen immer noch frischen und hellen Bruchstellen in dieser unberührten, unvergänglichen Stille lag.

Wir fanden keinen Halt an der Wand und mußten mit Greifhaken und Seil arbeiten. Meine müden Arme schienen neue Kraft zu gewinnen, als ich den dreiarmigen metallenen Anker um meinen Kopf schwang und ihn zu den Sternen fliegen ließ. Beim ersten Mal riß er sich los und kam langsam heruntergefallen, als wir am Seil zogen. Beim dritten Versuch griffen die Haken fest, und unser gemeinsames Gewicht konnte ihn nicht verschieben.

Garnett sah mich besorgt an. Ich konnte erkennen, daß er zuerst gehen wollte, aber ich lächelte ihn durch die Scheibe meines Helms an und schüttelte den Kopf. Langsam begann ich den letzten Aufstieg.

Selbst in meinem Raumanzug wog ich hier nur knapp zwanzig Kilogramm, daher zog ich mich Hand über Hand hoch, ohne mir die Mühe zu machen, meine Beine zu benutzen. Am Rand hielt ich inne und winkte meinem Begleiter zu, dann kletterte ich über die Kante, stand aufrecht und starrte nach vorn.

Man muß wissen, daß ich bis zu diesem Augenblick fast völlig sicher war, hier nichts Unbekanntes oder Ungewöhnliches zu finden. Fast, aber nicht ganz – es war dieser nagende Zweifel, der mich hierhergetrieben hatte. Nun, es gab keinen Zweifel mehr, wohl aber neue Ungewißheit.

Ich stand auf einem etwa dreißig Meter breiten Plateau. Es war einst glatt gewesen – zu glatt, um natürlich zu sein -, aber fallende Meteore hatten seine Oberfläche durch unermeßliche Äonen zernarbt und zerkratzt. Es war eingeebnet worden, damit ein glitzernder, pyramidenförmiger Aufbau dort Platz finden konnte. Er war doppelt so hoch wie ein Mensch und in den Felsen eingesenkt wie ein facettenreiches, riesiges Juwel.

Wahrscheinlich füllte in jenen ersten Sekunden gar keine Emotion meinen Kopf. Dann machte mein Herz einen Sprung, und ich fühlte eine seltsame, unaussprechliche Freude. Denn ich liebte den Mond, und nun wußte ich, daß das kriechende Moos des Aristarchos und Eratosthenes nicht das einzige Leben war, das er in seiner Jugend hervorgebracht hatte. Der alte, diskreditierte Traum der ersten Forscher war wahr. Es hatte doch eine lunare Zivilisation gegeben – und ich war der erste, der das entdeckte. Daß ich um vielleicht hundert Millionen Jahre zu spät kam, bekümmerte mich nicht; es genügte, daß ich überhaupt gekommen war.

Mein Geist begann normal zu funktionieren, zu analysieren und Fragen zu stellen. War dieses Gebäude ein Schrein – oder etwas, wofür es in meiner Sprache keinen Namen gab? Wenn es ein Gebäude war, warum war es dann an einem derart unzugänglichen Ort errichtet worden? Ich fragte mich, ob es ein Tempel sein könnte, und ich konnte mir die Adepten irgendeiner fremdartigen Priesterschaft vorstellen, die ihre Götter anriefen, sie zu bewahren, als das Leben des Mondes mit den sterbenden Ozeanen verebbte, und die ihre Götter vergebens anriefen.

Ich ging ein Dutzend Schritte nach vorn, um das Ding genauer zu betrachten, aber ein Gefühl der Vorsicht hielt mich davon ab, zu nahe heranzugehen. Ich wußte ein wenig über Archäologie und versuchte das Kulturniveau der Zivilisation abzuschätzen, die diesen Berg geglättet und die glitzernden Spiegelflächen errichtet haben mußte, die immer noch meine Augen blendeten.

Die Ägypter hätten es getan haben können, dachte ich, wenn ihre Arbeiter die seltsamen Materialien gehabt hätten, die jene weit älteren Architekten verwendet hatten. Wegen der Kleinheit des Dings kam es mir nicht in den Sinn, daß ich das Werk einer Rasse betrachten könnte, die weiter fortgeschritten war als meine eigene. Die Vorstellung, daß der Mond überhaupt Intelligenz besessen hatte, war immer noch zu enorm, um sie zu begreifen, und mein Stolz ließ mich den letzten erniedrigenden Sturz nicht machen.

Und dann bemerkte ich etwas, das mir die Haare zu Berge stehen ließ – etwas so Triviales und Unschuldiges, daß viele es nie überhaupt bemerkt hätten. Ich habe gesagt, daß das Plateau von Meteoren zernarbt war; es war auch etliche Zentimeter hoch mit dem kosmischen Staub bedeckt, der ständig auf die Oberfläche jeder Welt niederrieselt, wo es keine Winde gibt, die ihn aufwirbeln. Aber der Staub und die Meteorkratzer endeten abrupt an einem weiten Kreis, der die kleine Pyramide umschloß, als ob eine unsichtbare Mauer sie vor den Verwüstungen der Zeit und dem langsamen, aber unaufhörlichen Bombardement aus dem Weltraum schützen würde

Jemand rief in meinen Kopfhörern, und ich begriff, daß Garnett mich seit einiger Zeit gerufen hatte. Ich ging unsteten Schrittes zum Rand der Klippe und bedeutete ihm, daß er sich mir anschließen solle; ich traute mir nicht zu, zu sprechen. Dann ging ich zu diesem Kreis im Staub zurück. Ich hob ein abgesplittertes Gesteinsstück auf und warf es sachte in Richtung des strahlenden Mysteriums. Wenn der Stein an dieser unsichtbaren Barriere verschwunden wäre, hätte es mich nicht überrascht, aber er schien eine glatte, halbkugelförmige Oberfläche zu treffen und glitt sachte zu Boden.

Da wußte ich, daß ich nichts betrachtete, das mit irgendetwas in der Geschichte meiner eigenen Rasse zu vergleichen gewesen wäre. Dies war kein Gebäude, sondern eine Maschine, die sich mit Kräften schützte, die die Ewigkeit herausgefordert hatten. Jene Kräfte, was immer sie sein mochten, wirkten immer noch, und vielleicht war ich bereits zu nahe gekommen. Ich dachte an all die Strahlungen, die der Mensch im vergangenen Jahrhundert eingefangen und gezähmt hatte. Nach allem, was ich wußte, konnte ich genauso unwiderruflich zum Tod verurteilt sein, als ob ich in die tödliche, stumme Aura eines unabgeschirmten Atommeilers getreten wäre.

Ich erinnere mich, daß ich mich dann Garnett zugewandt hatte, der sich mir angeschlossen hatte und nun regungslos neben mir stand. Er schien meine Anwesenheit ganz vergessen zu haben, daher wollte ich ihn nicht stören und ging zum Felsrand und versuchte, meine Gedanken zu ordnen. Dort lag unter mir das Mare Crisium – in der Tat das Meer der Krisen -, seltsam und fremdartig für die meisten Menschen, aber tröstlich vertraut für mich. Ich hob meinen Blick zur Sichel der Erde, die in ihrer Wiege aus Sternen lag, und fragte mich, was ihre Wolken bedeckt hatten, als diese unbekannten Erbauer ihr Werk vollendet hatten. War es der dampfende Dschungel des Karbonzeitalters, die öde Uferlinie, über die die ersten Amphibien kriechen mußten, um das Land zu erobern – oder noch früher, die lange Einsamkeit vor dem Aufkommen des Lebens?

Fragen Sie mich nicht, warum ich die Wahrheit nicht früher erriet – die Wahrheit, die nun so offensichtlich erscheint. In der ersten Aufregung meiner Entdeckung ohne Frage angenommen, daß diese kristalline Erscheinung von irgendeiner Rasse gebaut worden war, die zur fernen Vergangenheit des Mondes gehörte, aber plötzlich und mit überwältigender Kraft kam mir die Überzeugung, daß sie auf dem Mond genauso fremd war wie ich.

In zwanzig Jahren hatten wir außer ein paar degenerierter Pflanzen keine Spur von Leben gefunden. Keine lunare Zivilisation hätte nur ein einziges Zeichen ihrer Existenz zurückgelassen, wie auch immer ihr Schicksal ausgegangen sein mochte.

Ich betrachtete wieder die strahlende Pyramide, und umso ferner schien sie mir von allem zu sein, was mit dem Mond zu tun hatte. Und plötzlich spürte ich, wie ich mich vor närrischem, hysterischem Gelächter schüttelte, das durch die Aufregung und Überanstrengung verursacht worden war: denn ich hatte mir vorgestellt, daß die kleine Pyramide zu mir sprach und sagte: „Tut mir leid, ich bin hier auch fremd.“

Wir haben 20 Jahre gebraucht, um diesen unsichtbaren Schild zu knacken und zu der Maschine innerhalb jener kristallinen Wände zu gelangen. Was wir nicht verstehen konnten, das durchbrachen wir schlußendlich mit der unbändigen Gewalt der Atomkraft, und nun habe ich die Bruchstücke des hübschen, glitzernden Dinges gesehen, das ich dort auf dem Berg fand.

Sie sind bedeutungslos. Die Mechanismen – falls es tatsächlich welche sind – der Pyramide gehören zu einer Technologie, die weit jenseits unseres Horizonts liegt; vielleicht ist es eine Technologie paraphysischer Kräfte.

Das Mysterium verfolgt uns jetzt umso mehr, wo all die anderen Planeten erreicht worden sind und wir jetzt wissen, daß nur die Erde jemals die Heimat von intelligentem Leben in unserem Universum gewesen ist. Genauso wenig konnte irgendeine verlorene Zivilisation unserer eigenen Welt jene Maschine gebaut haben, denn die Dicke des Meteoritenstaubs auf dem Plateau hat es uns ermöglicht, ihr Alter zu messen. Sie war dort auf ihren Berg gesetzt worden, ehe den Meeren der Erde Leben entstieg.

Als unsere Welt halb so alt war wie heute, kam etwas von den Sternen und schwebte durch das Sonnensystem, hinterließ ein Zeugnis seiner Reise und machte sich erneut auf den Weg. Bis wir sie zerstörten, erfüllte die Maschine immer noch den Zweck ihrer Erbauer, und was diesen Zweck betrifft, so vermute ich folgendes:

Nahezu hunderttausend Millionen Sterne drehen sich im Kreis der Milchstraße, und vor langer Zeit müssen andere Rassen auf den Welten anderer Sonnen die Höhen erklommen und übertroffen haben, die wir erreicht haben. Stellen Sie sich solche Zivilisationen vor, weit zurück im verlöschenden Nachglühen der Schöpfung, Herren eines Universums, das so jung war, daß nur eine Handvoll Welten Leben trug. Diese Wesen waren einsam, wie wir es uns nicht vorstellen können, es war die Einsamkeit von Göttern, die über die Unendlichkeit hinweg Ausschau hielten und niemanden fanden, mit dem sie ihre Gedanken teilen konnten.

Sie müssen die Sternhaufen abgesucht haben wie wir die Planeten. Überall gab es Welten, aber sie waren leer oder von kriechenden, geistlosen Wesen bevölkert. So war auch unsere eigene Erde; der Rauch der großen Vulkane verdüsterte den Himmel, als jenes erste Schiff der Völker der Morgendämmerung aus der schwarzen Leere jenseits von Pluto heranglitt. Es ließ die äußeren Eiswelten hinter sich, weil seine Besatzung wußte, daß Leben dort keinen Platz haben konnte. Es kam zwischen den inneren Planeten zur Ruhe, die sich am Sonnenfeuer wärmten und darauf warteten, daß ihre Geschichten begannen.

Jene Wanderer müssen auf die Erde geblickt haben, während sie in der schmalen Zone zwischen Feuer und Eis auf einer stabilen Umlaufbahn kreiste, und sie müssen erraten haben, daß die Erde das Lieblingskind der Sonne ist. Hier würde es in ferner Zukunft intelligentes Leben geben; doch vor ihnen lagen noch unzählige Sterne, und vielleicht würden sie nie mehr hierherkommen.

So ließen sie einen Wächter zurück – einen von Millionen im ganzen Universum verstreuten, die über alle Welten wachen sollten, auf denen Leben entstehen konnte. Er war wie ein Leuchtfeuer, das über Äonen geduldig signalisierte, daß es von keinem entdeckt worden war.

Vielleicht verstehen Sie nun, warum die Kristallpyramide auf dem Mond und nicht auf der Erde errichtet wurde. Ihre Erbauer hatten nichts mit Rassen im Sinn, die sich immer noch aus dem Wildentum hochkämpften. Sie würden nur an unserer Zivilisation interessiert sein, wenn wir unsere Überlebenstauglichkeit bewiesen hatten – indem wir den Weltraum durchquerten und so der Erde, unserer Wiege, entkamen. Dies ist die Herausforderung, der sich alle intelligenten Rassen früher oder später stellen müssen. Es ist eine doppelte Herausforderung, denn sie hängt ihrerseits von der Eroberung der Atomenergie ab und von der letzten Wahl zwischen Leben und Tod.

Sobald wir über diese Krise hinaus waren, war es nur eine Frage der Zeit, bis wir die Pyramide fanden und aufbrachen. Nun haben ihre Signale aufgehört, und diejenigen, die darauf geachtet haben, werden ihre Aufmerksamkeit jetzt der Erde zuwenden. Vielleicht möchten sie unserer jungen Zivilisation helfen. Aber ihre Kultur muß sehr, sehr alt sein, und die Alten sind oft wahnsinnig eifersüchtig auf die Jungen.

Ich kann nie mehr zur Milchstraße blicken, ohne mich zu fragen, aus welcher Sternwolke die Boten kommen werden. Wir haben den Alarm ausgelöst können jetzt nur noch warten.

Ich glaube nicht, daß wir lange warten müssen.

*   *   *

Von Arthur Charles Clarke bisher auf Cernunnos‘ Insel veröffentlicht:

Ins Herz des Kometen

Überlegenheit

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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